DAS ERWACHEN

Wilde Science-fiction von Stefan Bergmann



Sie zuckten zurück, wenn sie vorne standen, wollten sich neugierig vorbeugen, wenn sie weiter hinten waren. Das Heulen setzte ein. Mit widerwärtiger Präzision verschoben sich die Wände. Feurige Schlangenlinien huschten.

Stunden zu früh! dachte Charon.

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[2003-04-23 / ur 2002-11-07]


(Autor Stefan Bergmann)


Es gibt schlafende Ungeheuer, die ihre Entdecker vernichten.
Es gibt schlafende Ungeheuer, die ihren Entdeckern
große Reichtümer und Erkenntnis bringen.
Aber wer hat je die seltsame Lage
des gestörten Schläfers bedacht?"



Dann war nur noch das Schleifen des Windes in den Dünen war zu hören und die trockene Hitze auf der Haut zu spüren. Die Sonne hing rot im staubgetrübten Himmel. Über der Wüste flimmerte die Luft.

Zwischen Wüste und Himmel tanzten Sandfäden. Mürrisch stolperten die Journalisten zu den Ruinen hinüber. Einer blickte kurz zurück, erinnerte sich wehmütig an den Komfort des Sternenkreuzers. Dann drehte er sich um und sah wie die anderen nur noch:

Wüste, Staub, Ruinen und Kollegen, die in ihren transparenten Schutzanzügen seltsamen Quallen glichen. Der Assistent Professor Charons begrüßte sie am Eingang zu der unterirdischen Stadt:

"Meine Herren, wenn wir uns beeilen, können Sie es miterleben. Es muß bald wieder so weit sein", sagte er mehr höflich als freundlich. Das berufsmäßige Stimmengewirr blieb aus. Schweigsam schwebten sie tausend Meter in einem primitiven Seillift abwärts. Durch eine Schleuse betraten sie die eigentliche Stadt mit ihrer künstlichen Atmosphäre. Sie legten die Schutzanzüge ab. Sie erlebten ihre erste Überraschung.
Der Assistent gab wortkarg die Kommentare:

"Kaum erforschte, rein stratigraphisch erfaßte Gruppierungen von stadtähnlichem Charakter. Alter: Radiokarbon-Test negativ, Fluor-Test drei Millionen Jahre plus minus..."

"Drei Millionen Jahre!!"

"...interstellarer Kulturenvergleich sinnlos."

Sie standen auf dem Grund des gigantischen Gewölbes und lernten das Staunen wieder. Man konnte erkennen, daß die hochragenden Wände der Höhle künstlich geschaffen waren. Zwischen diesen Steilmauern, die den Vergleich mit Staudämmen aufdrängten, sahen sie im Schein der Tiefstrahler eine Landschaft, die der Phantasie eines Savador Dali entsprungen sein mochte.

Überall zwischen den Staudämmen lag? schwebte? floß? die Stadt. Unbesprochen verharrten die Kristalle in den Recordern der Journalisten.

Auf dem schiefergrauen Boden des Felsdomes begann es und streckte sich in unmöglichen (für menschliches Empfinden unmöglichen) Konstruktionen bis an die weit entfernte Decke, die gleich Mauern und Bauten des stadtähnlichen Gebildes aus einem fahl schimmernden, metallischen Material geschaffen war. Spiralen von unregelmäßiger Stärke und nach allen Seiten ausgebogene Flächen in achromatischen Farbkombinationen waren mit durchhängenden Stahlträgern und verschlungen zu Decke und Dämmen strebenden Pfeilern verflochten. Dazwischen dünne und kräftige Seile, die nach unten, an vielen Stellen nach oben, durchhingen. Oder die nach den Seiten abstanden, die Bögen bildeten, welche allen physikalischen Gesetzen Hohn sprachen.

"Wenn Sie sich einen Augenblick gedulden, meine Herren - da, es geht bereits los."
Ein Rascheln war überall, dann ein Summen, Kratzen, Schleifen, Winseln, Stöhnen. Das steigerte sich, wurde zum Heulen.



Das kreischte!!


Die Strukturen bewegten sich. Der Lärm gipfelte in Schmerz. Die Strukturen schienen sich zu ducken, in sich zusammenzusinken. wie ein mächtiges Tier streckte und dehnte sich das. In einer von rechts nach links wandernden Bewegung begann das auseinanderzufließen. Das blähte sich an manchen Stellen wie Gasblasen in einem Schlammloch. Das schob sich ineinander, durcheinander.

Die seilähnlichen Linien erglühten in sämtlichen Farben des Spektrums, eine unaufhörliche Serie von Regenbögen huschte darüber. Mir scharfem Knall, Peitschenschlägen gleich, lösten sich einzelne Enden und gingen sonstwo neue Verbindungen ein, wickelten sich, von neuem frei, wie Tentakeln um pulsierende Gebäude, um andere Glutseile.

Endlos lange Funkenentladungen überbrückten die Strecke zwischen dunkelrot glimmenden Sockeln. Das durchdringende Knallen mischte sich mit dem Heulen und den anderen Geräuschen, die in vielen Lautstärken durch das Gewölbe tobten, zu einer Höllenkakophonie, die das Wandern der Interferenzgebiete weiter steigerte. Die Journalisten preßten die Hände auf die Ohrmuscheln. Ihre Gesichter waren verzerrte Grimassen. Sie mußten sich gerade in einem Maximum befinden.

Später waren sie wieder in einem Maximum. Professor Charon hatte sie persönlich begrüßt und mit seinen Mitarbeitern von neuem an den Rand der Stadt geführt. Sie wußten nun einige Daten mehr über diesen Wahnwitz, wußten auch, daß man heute dem Ursprung und der Bedeutung auf die Spur zu kommen hoffte. Das klärte manche Ungewißheit.

Das Sägen und Kreischen raste durch die Frequenzbereiche vom Infraschall über alle Lagen des Hörbereichs und gipfelte im Schmerz des Ultraschalls. Die Blitze tauchten Stadt und Menschen in grausame Helle.

"Daran werde ich mich nie gewöhnen", stöhnte einer der Journalisten; es war Morus Droom. Da kam mit dem übergangslosen Erlöschen des Spuks die Erleichterung.
"Wir haben vier bis fünf Stunden Zeit für die Nische", sagte Charon. Er ging voran. Sein Gehstock mit dem verzierten Knauf tappte suchend vorweg. Das Gewirr der Formen und Lichter verebbte in letzten Zuckungen, bei denen man nicht mehr genau wußte, ob man sie tatsächlich sah oder ob es nur eine Art innerer Nachhall war. Zögernd tasteten sie sich in das Gedinge vor, von dem Professor Charon annahm, es sei der Überrest eines interagalaktischen Raumschiffs.

Silizium hat vier Valenzen, gleich dem Kohlenstoff, hatten die Journalisten ihren Geräten diktiert. Weiterhin bargen die Speicherkristalle detaillierte Informationen über potenzielle Lebewesen auf der Grundlage von Silizium-Fluor-Verbindungen. Von wechselnden Schwerefeldern in einem System mit mehreren Sonnen war die Rede gewesen, von Aliens, von einem Testflug künstlicher Schöpfungen unter intensivstem Schwerewechsel. Man war skeptisch.

Mehr noch war man nervös.

"Der Kern dieser Geschichte scheint mir Nervosität zu sein", bekräftigte der Professor. "Sie können diese Stadt, dieses - wenn wir es einmal so nennen wollen - Raumschiff im Zustande der Aktivität durchaus mit dem Zustand meiner Mitarbeiter vergleichen. Nervosität scheint mir ein echtes Stichwort zu sein."

"Professor Charon hat eine eigenartige Auffassung von Humor", flüsterte einer der Journalisten.
"Ich nehme auch an", führ Charon fort. "daß die Konstruktion, in die wir jetzt eindringen, durchaus als synthetisches Nervensystem aufgefaßt werden kann, vielleicht als Schiffsandroide von ungeahnten Ausmaßen."

Das war alles sehr dunkel. Die Journalisten sahen sich ratlos an.
Das blieb dunkel, bis sie die Nische aufbrachen. Dann glichen sie
nur noch Fliegen im Netz einer gigantischen Spinne.

Sie faßten das, was sie von sich gaben, als Schrei des Entsetzens auf. Es war viel mehr. Hinter der Öffnung lag, von den Scheinwerfern schattenlos ausgeleuchtet, eine vielhügelige Masse, übersät von Blasen und Knötchen und Höckern. Bunte Schatten, Beugungsringe, huschten über die blassen Flächen.

Sie zuckten zurück, wenn sie vorne standen, wollten sich neugierig vorbeugen, wenn sie weiter hinten waren. Das Heulen setzte ein. Mit widerwärtiger Präzision verschoben sich die Wände. Feurige Schlangenlinien huschten.
Stunden zu früh! dachte Charon.

Es roch scharf nach Ozon. Die Blitze knallten quer durch die Struktur. Es stank nach Fauligem. Der Boden vibrierte. Der Boden schütterte. Sie rutschten über eine schiefe Ebene ab, auf das Unsägliche, Vielhöckrige, Wellende zu. Dünne Peitschenseile sausten auf die Männer herab, die sich kauerten, die sich ratlos duckten, Die hinten standen, versuchten, dem Sog des gleitenden Bodens durch wilde Sprünge zu entkommen.

"Völlig regelwidrig!" brüllte Charon. Er kämpfte mit einer schlingenden Tentakel. Noch hatte niemand die Wahrheit erkannt.


"Professor, das Ding . . . ES LEBT!"


Die Stimme war hoch und schrill. Jeder konnte es gerufen haben. Das urweltliche Getöse überschwemmte jeden Drang nach weiterer Erkenntnis. Der Unterschied zwischen Mensch und Tier verschwand vollends in ihren erbarmungswürdigen Schreien. Bei ihm, wenn man von ihm sprechen konnte, war der Unterschied zwischen Tier und Mensch wieder vorhanden. Ich erkenne wieder, war seine erste Erinnerung, die ihm aufgrund des ständig dichter werdenden Informationsflusses von allen Einheiten her klar wurde.

Ich muß meine Einheiten noch mehr ausfurchen. Ich muß wir werden. ich muß diese lästigen Fremdkörper, die in meinen Sinnesorganen zappeln, entfernen.

Ich erkenne: Das sind keine bloßen Fremdkörper. Ihre Nervenanordnung sagt mir, daß es hochentwickelte Strukturen sind. Brauche Speicher Zwei und Vier. Ah, Kohlenstoff-Sauerstoff-Verbindungen.

Wieviele Sonnen sind im Durchschnitt in ein potentielles Entstehungsstadium getreten, seit ich schlief? Ich muß erkunden.

Vieles ist soviel wichtiger als mein Erwachen. Wenn auch das Erwachen erst dann Sinn gibt.

Meine wir atmen und pulsen wieder. Muß Fluor aus der Kruste des Planeten abziehen. Muß meine Tensorkammern aufladen. Muß die Feldspulen spannen.
Aber was sollen wor mit diesen fünfstrahligen Lebewesen anfangen, die meine Wahrnehmungen stören? Und die fehlende Erkenntnis mit Metaphysik ausfüllen?
Muß meine Zeitfühler ausschicken. Muß meine Zeitanker auswerfen.

Muß meine Zeitkammern laden...

Ich werde die zappelnden zuckenden Körper nach Hause schicken. Vielleicht bröckelt ein bißchen Metaphysik ab. Schließlich hat mich Metaphysik so lange stillgelegt. Was ist für uns Zeit?

Anfüllen der Zeitkammern, Justieren der Tensoren, Zuführen von Energie, Lösen der Spannung...

Wo haben wir Charon hingeschickt, den Archäologen? Ob er die Erde und das Ägypten von Ramses II als zuhause empfindet? Das war sein sehnlichster Wunsch...
Der eine von Charons Assistenten - zuhause im Archiv der `Geschichte Zwölf Asugewählter Künftiger Zeitströme' -dreitausend Jahre von seiner Standardzeit entfernt - sein zuhause?

Der andere Assistent - hm, es gefällt ihm auf dem Paradiesplaneten unserer Wahl...
Den neugierigen Globetrotter haben wir nach Frits geschickt, wo er mit den Raubkatzen spielen kann.

Die Journalisten - verstreut über die bestmöglichen aller Welten...

Und Morus Droom wird Gesta Droom und wirbelt durch Raum und Zeit

Die Kammern sind leer. Es war ein mühsames Erwachen

Ob ich meinen Spaß zu weit getrieben habe ?


(c) 2007 / 2001 beim Autor Stefan Bergmann / Quelle: www.hyperwriting.de