Abenteuerfahrt eines Krimiautors

Oder: Die Heldenreise des Romanschriftstellers



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[2015-07-05 / 2001]



Der folgende Bericht ist die überarbeitete Fassung des Festvortrags zum 50. Seminar der Schweizerischen Gesellschaft für Katathymes Bilderleben in CH-Thun, am 3. Nov. 2001. Das im Text erwähnte Kürzel "KiP" bedeutet: Katatym-imaginative Psychotherapie - eine Weiterentwicklung des Katatymen Bilderlebens nach Hanscarl Leuner)


„Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,
Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.
Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten?
Fühl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?
Ihr drängt euch zu! Nun gut, so mögt ihr walten,
Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt;
Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert
Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert.“
(Goethe, Faust I)


„Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten“


oder

Die Abenteuerfahrt eines Krimi-Autors


(Autor: Hansruedi Gehring - s. auch HANSRUEDI GEHRING)



1. Von der Vision zum Text


In seiner Zueignung zum Faust richtet sich Goethe nicht an den Leser oder Zuschauer, wie man bei der Einleitung zu einem Drama vermuten könnte, sondern an die Geschöpfe seiner Phantasie. Das spricht uns KiP-Therapeuten an. Vielleicht möchten wir ihn sogar ermuntern, seine Schwankenden Gestalten etwas genauer zu beschreiben.

Mit einer Vision im Kopf habe ich bekanntlich noch keinen Text auf dem Blatt, das gilt für einen wissenschaftlichen Artikel oder ein Sachbuch so gut wie für einen Roman. Es genügt auch nicht, die schwankenden Gestalten mit den Mitteln der Sprache bloss festzuhalten; sie wollen in Konflikte verwickelt, und diese wiederum gelöst werden. Der Leser wird geködert und wie ein Fisch an die Angel genommen. Unser Text soll ihn packen, fesseln, und wenn nicht gerade umhauen so wenigstens „us de Schueh haue“, wie es auf Schweizerdeutsch heisst.

Eine Verlegerin aus Kiel, die sich für meinen Krimi „Rätselhafter Tod in Zähringen“ interessierte, schrieb in ihrer Antwort, ich solle die Darstellung der gerichtlichen Sektion noch ausbauen. Dies, obwohl die Leichenschau ein ganzes Kapitel füllt und es meiner Kommissarin fast übel wird dabei, der Lektorin offenbar nicht. Sie schätze eben schreibende Ärztinnen und Ärzte, gestand sie mir, weil diese aus dem Leben berichten würden. Ihre Gestalten wären aus Fleisch und Blut!



2. Schreibende Ärzte als Vorbilder


Mit ihrem Stichwort traf die Frau etwas für mich Entscheidendes, waren doch Schreibende Ärzte meine ersten Vorbilder. Auch diese haben mit Imaginationen zu tun und fördern oder behindern bekanntlich das Ausformen der eigenen Identität. Was die schreibenden Psychologen und Psychologinnen betrifft, kamen sie erst später zum Zug, als sich die ersten Blockaden einstellten. Hätte ich schon als Achtzehnjähriger von einer Behandlung mit KiP profitieren können, wäre beim Ich-Ideal vielleicht das Bild des jungen Gottfried Benn aufgetaucht, wie er tagsüber am Mikroskop arbeitet, während er nachts, wie man weiss, faszinierende Gedichte verfasste und sich von seiner Dichterkollegin Else Lasker-Schüler bewundern und betören liess.

Ich hatte als Gymnasiast zwar einige Gedichte geschrieben und solche aus dem Französischen und Italienischen übersetzt. Aber wer einen der grössten Lyriker des 20. Jahrhunderts zum Ich-Ideal wählt, hat seine nächste Schreibblockade vorprogrammiert.

Nun kam das Medizinstudium mit seinen propädeutischen Examen. Naturwissenschaft war gefragt, nicht Literatur. In der Freizeit reichte es ab und zu noch zur Lektüre eines süffigen Unterhaltungsromans. Dabei geriet mir Die Zitadelle von A. J. Cronin in die Hände, einem Autor, für den die Literaten nur ein mittleidsvolles Lächeln übrig hatten. Ich jedoch war auf einen Schreibenden Arzt gestossen, der nicht als grosser Dichter gelten mochte, dafür das Leben der Bergwerksarbeiter in Südwales packend und realistisch beschrieb, weil er es als ärztlicher Mineninspektor aus nächster Nähe kennen gelernt hatte. Seine Kritik an den karrierebesessenen Ärzten und dem bürokratischen Gesundheitswesen hört sich heute noch erstaunlich aktuell an. Cronins Lebensentwurf als Autor hatte mich überzeugt: Zuerst als Arzt das Leben kennen lernen und dann darüber schreiben.

Meine ersten Zeitungsartikel waren Reiseberichte und Essais, bis heute verfasse ich gelegentlich Feuilletons für die Schweizerische Ärztezeitung. Erst mit der Zeit wagte ich, mich in kürzeren und längeren Geschichten mehr auf meine Phantasie einzulassen.



3. Eine Geschichte, an die wir glauben


Was unterscheidet eine literarische Fiktion von einem Tatsachenbericht?
Die beste Antwort auf diese theoretische oder, besser gesagt, handwerkliche Frage, hat in meinen Augen die Literaturwissenschafterin Käte Hamburger in ihrem Hauptwerk Die Logik der Dichtung gegeben. Wie werden aus schwankenden Gestalten, die erst in der Phantasie des Autors existieren, Romangestalten, handelnde Personen in einem Drama und nicht zu vergessen: im modernen Film?

Fiktion kommt von lat. fingere, das die Bedeutung des Bildens, Erdichtens bis zu lügenhaftem Fabeln hat. Man spricht von einer Als-Struktur, so wie Theodor Fontane die literarische Fiktion einmal definiert hat :

“Ein Roman soll uns eine Geschichte erzählen, an die wir glauben.“

Er soll uns „eine Welt der Fiktion auf Augenblicke als eine Welt der Wirklichkeit erscheinen lassen.“

Mit „Es war einmal...“ beginnen nicht nur die Märchen. Die bevorzugte Zeitform, um eine Geschichte zu erzählen, stellt das Präteritum oder Imperfekt dar, französisch passé simple. Soll damit ausgedrückt werden, dass die geschilderte Handlung vergangen ist, oder will der Autor das Geschehen nicht eher vergegenwärtigen, als ob es sich vor unsern Augen abspielen würde? Steht er denn nicht unmittelbar vor uns, der eben aus dem Knast entlassene Franz Biberkopf aus Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz?

„Er stand vor dem Tor des Tegeler Gefängnisses und war frei. Gestern hatte er noch hinten auf den Äckern Kartoffeln geharkt mit den andern, in Sträflingskleidung, jetzt ging er im gelben Sommermantel, sie harkten hinten, er war frei. Er liess Elektrische auf Elektrische vorbeifahren, drückte den Rücken an die rote Mauer und ging nicht. Der Aufseher am Tor spazierte einige Male an ihm vorbei, zeigte ihm seine Bahn, er ging nicht. Der schreckliche Augenblick war gekommen (schrecklich, Franze, warum schrecklich?), die vier Jahre waren um. Die schwarzen eisernen Torflügel, die er seit einem Jahre mit wachsendem Widerwillen betrachtet hatte (Widerwillen, warum Widerwillen), waren hinter ihm geschlossen. Man setzte ihn wieder aus. Drin sassen die andern, tischlerten, lackierten, sortierten, klebten, hatten noch zwei Jahre, fünf Jahre. Er stand an der Haltestelle. Die Strafe beginnt.“




4. Peter Bamm und Alfred Döblin


Die Wahl der Erzählperspektive: ein weiteres Instrument des Autors. Wer spricht wann und wo?

„Leuchtend weisse Wolkenschiffe, scharf konturiert und zu barocken Formen geballt, ziehen vom Morgen bis zum Abend über unseren Häuptern dahin. Sie ziehen über den Sommerhimmel der Ukraine, diesen ungeheuren Himmel, den Nikolaj Gogol in den Toten Seelen so wunderbar beschrieben hat. Sie ziehen dahin, eine himmlische Armada des Friedens, über eine Erde, auf der Krieg geführt wird. Die Schatten der Wolken fallen als ein unregelmässiges Muster von hellen und dunklen Flecken auf eine hügelige, von kleinen Wäldchen durchsetzte Landschaft.“

So beginnt Die unsichtbare Flagge von Peter Bamm, wie Döblin ein weiterer Schreibender Arzt. Er hatte im Russlandfeldzug als Chirurg gewirkt, den Krieg wie ein Wunder überlebt und danach einen Augenzeugenbericht geschrieben. Mich faszinierte sein Stil, eine Mischung aus realistischer Beschreibung und essayistischer Betrachtung. In seinem Text ist es der Autor, der spricht. Anders bei Döblin:

„Er schüttelte sich, schluckte. Er trat sich auf den Fuss.“ Soviel könnte allenfalls noch ein objektiver Betrachter feststellen. Doch weiter heisst es:
„Dann nahm er einen Anlauf und sass in der Elektrischen. Mitten unter den Leuten. Los. Das war zuerst, als wenn man beim Zahnarzt sitzt, der eine Wurzel mit der Zange gepackt hat und zieht, der Schmerz wächst, der Kopf will platzen... In ihm schrie es entsetzt: Achtung, Achtung es geht los.“

Diese Passage fügt sich nun nicht mehr in den Bericht eines Beobachters ein, sondern weist den Text eindeutig als einen fiktionalen aus, denn das geschilderte Erleben entzieht sich dem äusseren Betrachter. Die Person, welche hier spricht, ist nicht mehr der Autor, hier redet die Romanfigur selbst, der eben aus dem Gefängnis entlassene Franz Biberkopf.



5. Wie die Schlange in meinen Krimi kam


Den Vorsatz, eine Kriminalstory zu schreiben, fasste ich zu der Zeit, als ich für meinen ersten Roman RÄTSELHAFTER TOD IN ZÄHRINGEN keinen Verlag fand.

Im Mittelpunkt jener Geschichte hatte eine Gruppe von Insektenforschern in Afrika gestanden. Als Teilnehmer der Münchner Schreibwerkstatt von Jürgen vom Scheidt suchte ich in einem Tagtraum nochmals den Regenwald der Elfenbeinküste auf. Ein gelbschnäbliger Nashornvogel führte mich zu den mannshohen Termitenbauten, in denen sich Hunderttausende dieser Insekten zu einem Staat zusammengeschlossen hatten. Meine Termiten! Doch der Vogel forderte mich auf, weiter zu gehen. Durch einen Palmenwald führte er mich zu zwei Giftschlangen, die mich mehr faszinierten als schreckten. Nach diesem Tagtraum wusste ich, dass das Opfer in meinem Krimi, natürlich ein Psychoanalytiker, an einem Schlangenbiss sterben würde.



6. Der Krimi im Krimi


Diese Story reizte mich vorallem deshalb, weil sie mir Gelegenheit gab, zwei parallele Geschichten zu erzählen und miteinander zu verknüpfen: Da gibt es einmal den rätselhaften Tod des Psychoanalytikers Josef Weingart, den die Kommissarin Marlis Merz mit ihren Mitarbeitern aufklären soll. Während ihrer Ermittlungen kommen ihr Zweifel an der Todesursache ihres eigenen Vaters. War er wirklich an einem Herzinfarkt gestorben, wie man ihr als Mädchen erzählte? Ihre Suche wird zu einem Abstieg in Vergessenes und Verdrängtes der eigenen Vergangenheit. So begibt sie sich auf eine Abenteuerfahrt, wie Campbell sie 1978 für die meisten Mythen beschrieb und in einem Diagramm (s. unten) zusammenfasste:

„Der Mythenheld, der von der Hütte oder dem Schloss seines Alltags sich aufmacht, wird zur Schwelle der Abenteuerfahrt gelockt oder getragen, oder er begibt sich freiwillig dorthin. Dort trifft er auf ein Schattenwesen, das den Übergang bewacht. Der Held kann diese Macht besiegen oder beschwichtigen und lebendig ins Königreich der Finsternis eingehen (Bruderkampf, Kampf mit dem Drachen; Opfer, Zauber) oder vom Gegner erschlagen werden und als Toter hinabsteigen (Zerstückelung, Kreuzigung). Dann, jenseits der Schwelle, durchmisst der Held eine Welt fremdartiger und doch seltsam vertrauter Kräfte, von denen einige ihn gefährlich bedrohen (Prüfungen), andere ihm magische Hilfe leisten (Helfer).

Wenn er am Nadir des mythischen Zirkels angekommen ist, hat er ein höchstes Gottesgericht zu bestehen und erhält seine Belohnung. Der Triumph kann sich darstellen als sexuelle Vereinigung mit der göttlichen Weltmutter (heilige Hochzeit), seine Anerkennung durch den Schöpfervater (Versöhnung mit dem Vater), Vergöttlichung des Helden selbst (Apotheose) oder aber, wenn die Mächte ihm feindlich geblieben sind, den Raub des Segens, den zu holen er gekommen war (Brautraub, Feuerraub); seinem Wesen nach ist er eine Ausweitung des Bewusstseins und damit des Seins (Erleuchtung, Verwandlung, Freiheit). Die Schlussarbeit ist die Rückkehr. Wenn die Mächte den Helden gesegnet haben, macht er sich nun unter ihrem Schutz auf (Sendung); wenn nicht, flieht er und wird verfolgt (Flucht in Verwandlungen, Flucht mit Hindernissen).

An der Schwelle müssen die transzendenten Kräfte zurückbleiben; der Held steigt aus dem Reich des Schreckens wieder empor (Rückkehr, Auferstehung). Der Segen, den er bringt, wird der Welt zum Heil (Elixier).“





Leben in der vertrauten Tagwelt (Oberwelt)

Ruf der Wildnis (Call to Adventure)

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Schwelle I - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Überquerung der Schwelle

Auseinandersetzung mit dem Ersten Schwellenhüter (Kampf an der Schwelle)

Betreten der Nachtwelt / Unterwelt

Bruderkampf

Prüfungen (Nachtmeerfahrt / Wunderfahrt)

Zerstückelung, Entführung: Kampf mit dem Drachen

Der Mentor und andere Helfer stehen bei / der Widersacher und seine Helfer greifen an

"Im Bauch des Walfischs"

Heilige Hochzeit / Versöhnung mit dem Vater etc. / Rettung / Auferstehung
Rückkehr

Verlassen der Nachtwelt / Unterwelt

Auseinandersetzung mit dem Zweiten Schwellenhüter (Magische Flucht)

Erneute Überquerung der Schwelle und Rückkehr in die Oberwelt

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Schwelle II - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Wieder in der vertrauten Tagwelt

(Weitere Details zum Konzept der "Abenteuerreise des Helden" finden Sie unter HELDENREISE.)






Die Kommissarin Marlis Merz ist keine mythische Figur; darum fallen bei ihr die Prüfungen etwas weniger dramatisch aus, aber sie bestimmen die Dramaturgie des Krimis. So steht ihr zum Beispiel während der Begegnung mit der Giftschlange (Drachen) als Helfer ein Wachtmeister bei, welcher als ehemaliger Tierpfleger über Erfahrungen mit Reptilien verfügt. Aber im Grossen und Ganzen wird ihr nichts geschenkt. Sie muss die einzelnen Steinchen der Ermittlung selbst zusammentragen, bis sie sich zu einem stimmigen Mosaik fügen. Dabei erfährt sie nicht nur Widerstand von aussen, sondern auch aus den eigenen Reihen. Für uns Psychotherapeuten bedeutet der Gang in die Unterwelt vorallem die Auseinandersetzung mit frühen Beziehungsmustern. Darauf lässt sich Marlis ein gutes Stück ein und wird durch die Ausweitung ihres Bewusstseins belohnt. Sie nimmt Kontakt auf mit ihrem inneren Kind und bekommt dafür einen hilfreichen Tip von einer Jugendlichen.



7. Der Krimi des Autors beim Schreiben des Krimis


Dass nicht nur der Held eine Abenteuerfahrt zu bestehen hat, sondern auch seine Autorin beim Schreiben der Geschichte, darauf wies unter anderem der amerikanische Drehbuchautor und Regisseur Keith Cunningham hin (Publikation in Vorbereitung). Ich bekam dieses Faktum erst gegen Ende der Niederschrift, dafür in Form einer massiven Blockade zu spüren.

Obwohl der Plot dieser Detektivstory längst feststand und die Kommissarin den Täter oder die Täterin bloss noch verhaften musste, kam ich nicht mehr vom Fleck. Ich verlor die Motivation, an diesem Text zu schreiben, schob andere Projekte vor und begann, unterstützt durch einen halbwegs interessierten Verleger, erneut an meinem Termitenroman zu arbeiten. Inzwischen war der Frühling eingezogen, die Jahreszeit, in der merkwürdigerweise mein Krimi handelt, denn nach der Statistik finden die meisten literarischen Morde im Monat November statt. Ich stellte mir vor, wie nun in dem Seitental des Puschlavs, wo sich mein Finale abspielen sollte, der Schnee zu schmelzen begann und die ersten Pelzanemonen blühten.

„Was macht eine Kommissarin, die in ihrem Fall nicht weiterkommt?“, fragte ich mich. „Sie geht nochmals an den Tatort!“

Gesagt, getan. Ich stieg mit meiner Partnerin ins Val da Camp hinauf, eines der schönsten Alpentäler, in deren Seen sich im Herbst die bunten Lärchen spiegeln. Jetzt waren sie noch zugefroren. Erst beim Abstieg fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Der persönliche Fall meiner Kommissarin war nämlich der, dass ihr Vater am Steuer seines Autos nicht an einem Herzinfarkt gestorben war, wie ihre Mutter behauptete, er hatte sich umgebracht, indem er die Abgase über einen Staubsaugerschlauch (die Schlange lässt grüssen!) ins Wageninnere leitete.

Das Motiv für seinen Selbstmord als Lehrer und Familienvater war eine bisher verheimlichte Liebe zu einem ehemaligen Schüler, die seine Feinde auszuschlachten drohten. Ich hatte diese Geschichte mehr oder weniger problemlos niedergeschrieben, ohne mir Gedanken zu machen, woher ich sie hatte. Auf unserer Wanderung durchs Val da Camp gingen wir unter der Felswand durch, über die sich im Krimi der Täter/ die Täterin stürzen wollte, um sich der Verantwortung zu entziehen.

Da kam mir plötzlich der Selbstmord meines Grossvaters in den Sinn, der aus dem selben Grund wie Marlis‘ Vater den Tod gesucht hatte. Die Tatsache seines Suizids war uns Kindern zwar mitgeteilt worden, aber über das Motiv einer heimlichen homosexuellen Beziehung und deren Verrat durch einen Freund, wurde nur gemunkelt. Bis ich als Medizinstudent, mithilfe einer in der Gerichtsmedizin beschäftigten Kollegin, sein Dossier aus dem Archiv holte und in seinem Abschiedsbrief die Bestätigung dafür fand. Diese Details hatte ich emotionslos in den Krimi übernommen. Die damit verbundene Scham und Schuld über den Verrat eines Familiengeheimnisses zeigte sich dafür in Form einer hartnäckigen Schreibblockade.

„Diese Geschichte hast Du mir in all den Jahren noch nie erzählt!“, bemerkte Suzanne, als wir in Poschiavo ankamen. Den Krimi zu Ende zu schreiben, war dann nur noch eine Sache von Tagen. Gleichzeitig wusste ich, warum ich dieses Unterfangen überhaupt eingegangen war: um auf meiner Abenteuerfahrt nochmals meinem mehr bewunderten als geliebten Grossvater zu begegnen, bei dem es mir jedesmal kalt über den Rücken lief, wenn er mit uns in seinem tragenden Bass die Weihnachtslieder sang.


Bibliographie

Bamm, Peter:: Die Unsichtbare Flagge. München 1952 (Droemer)
Campbell Joseph: Der Heros in tausend Gestalten. Frankfurt am Main 1978 (Suhrkamp Taschenbuch Verlag)
Cronin, A.J.: Die Zitadelle. Hamburg 1951 (Rowohlt)
Döblin, Alfred: Berlin Alexanderplatz. (1929) Olten 1961 (Walter)
Gehring H.R.: "Die Phantasie ist ein Platz, in den es hineinregnet". In: Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie, 1996, Nr. 2, S.77-81.
Gehring, Hansruedi: "Kränkung und Schreibblockade und deren Auflösung durch KiP". In: Bahrke, U. und W. Rosendahl (Hrsg.): Psychotraumatologie und KiP. Lengerich 2001 (Papbst)
ders.:Rätselhafter Tod in Zähringen. Zürich/Wolfhalden AR 2001(orte-krimi)
Hamburger, Käthe: Die Logik der Dichtung. (1969) München 1987 (dtv/Klett-Cotta)
Scheidt, Jürgen vom : Kreatives Schreiben. Frankfurt 1989/ 1993 (Fischer)


(c) 2002 [2001] beim Autor Hansruedi Gehring / Quelle: www.iak-talente.de