Jesco von Puttkamer: "BRUNNENKRESSE UND RAKETEN", Teil 2

Die Saturn-Jahre mit dem Team um Wernher von Braun _ 2



Der lange Weg ins Weltall - von einem Zeitzeugen und Mitmacher beschrieben

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[2008-12-14 ok 7 ur 2007-07-05]


(Autor: Jesco von Puttkamer, Washington D.C.)


Dies ist die Fortsetzung von: BRUNNENKRESSE UND RAKETEN, Teil 1

Außerdem finden Sie hier auf der Website noch
° einen weiteren Beitrag desselben Autors: MENSCHEN IM ALL
° seine Kurz-Biographie: : Puttkamer, Jesco von
° und einen allgemeinen Beitrag von mir überRAUMFAHRT



Inhalt dieses Beitrags
Teil 1: BRUNNENKRESSE . . . Teil 1
1. Amerikas Apollo-Mondlandeprogramm (1961)
2. Kennedys Proklamation (Mai 1961)
3. 3000 Wissenschaftler und Ingenieure für die NASA
I4. m tiefen Süden von Dixieland entsteht Rocket City, USA
5. Operation Paperclip
6. Koreakrieg und Redstone-Rakete
7. Wettbewerb zwischen den militärischen Waffengattungen
8. Die dreistufige Jupiter-C und NASA (1958)
9. Mercury-Projekt als Antwort auf Mondsonde Lunik 1
10. Oberwasser für von Braun und sein Team

Teil 2:
11. Zehn disziplinspezialisierte "Laboratorien"
12. Große Fluggenauigkeit über längste globale Strecken
13. Wernher von Braun war ein Generalist ersten Ranges
14. Technische Kompetenz als Lebensstil
15. Epochaler Start von Saturn SA-1 am 27. Oktober 1961
16. Die (fast) größte Rakete der Welt
17. Der Space Race beginnt
18. Einen Mann auf den Mond - und gesund zurück!
19. Im Rampenlicht des öffentlichen Interesses: die Astronauten
20. Huntsvilles Deutsche haben sich nie abgesondert
21. Von Brauns Team in den USA
22. Sich einleben in Amerika
23. Die Erfüllung von Kennedys Mandat
24. Die Landung auf dem Mond
25. Mementos an einen genialen Direktor




11. Zehn disziplinspezialisierte "Laboratorien


Die Boosterstufe der Saturn V, genannt S-IC (“S-Eins-C”), benützte Kerosin als Brennstoff, der weitaus weniger Tankvolumen erforderte als Flüssigwasserstoff . Als Ergebnis einer Untersuchung eines Antriebsplanungsausschusses der NASA unter Abe Silverstein galt dieser als bevorzugter Brennstoff für die Oberstufen der Saturn-Familie, die die revolutionären kryogenen Treibstoffe Flüssigwasserstoff (LH2) und Flüssigsauerstoff (LOX) wegen ihrer erheblichen größeren Leistung verwenden sollten. Eine von ihnen, die Centaur-Stufe, war ursprünglich als Drittstufe der neuen Saturn vorgesehen, aber wegen Schwierigkeiten bei ihrer Entwicklung kam es nicht dazu. Gebaut wurde sie bei General Dynamics/Convair Astronautics Division in San Diego, und mein guter Freund Krafft A. Ehricke, im Zweiten Weltkrieg Panzerkommandant an der russischen Front bevor er nach Peenemünde beordert wurde, leitete die ausgesprochen schwierige Entwicklung dieser besonders dünnwandigen Raketenstufe, die heute als äußerst zuverlässige hochenergetische Oberstufe der Atlas- und Titan-Raketen Dienst tut.

Die ursprünglichen Entwurfspläne sahen für die S-IC vier Triebwerke vom Typ F-1 vor, einem frühen Entwicklungsprojekt der Air Force. Aber als eine Gewichtszunahme des Apollo-Raumschiffs zunehmend unvermeidbar erschien, schlug Helmut Horn, ein mir nahestehender Kollege in Ernst Geißlers Aeroballistics Division, 1960 den Projektplanern unter Hermann Koelle vor, ein fünftes F-1-Triebwerk ins Zentrum der Heckplatte zu setzen,- womit auch dem Problem der Auspuffzirkulation und Heckerhitzung in der von den vier Aussenbordmotoren geformten Höhlung abgeholfen würde. Und so geschah es.

Bereits in den Tagen der ABMA war von Brauns DOD in zehn disziplinspezialisierte "Laboratorien" organisiert, die ich später im MSFC in verschiedentlich modifizierter Form vorfand.



12. Große Fluggenauigkeit über längste globale Strecken


Zum Beispiel wurde das ursprüngliche Structures & Mechanics Laboratory unter William Mrazek später zu Marshalls Propulsion & Vehicle Engineering Lab. Es war Willys P&VE, das, durch Bob Lindström, mit William Pickerings JPL die Pläne für das Explorer 1-Projekt verwirklichte. Mein neues Heim nach meiner Ankunft in 1962 war das Aeroballistics Laboratory unter dem brillanten Ernst Geißler, einem intellektuellen Wissenschaftler mit einer unschätzbaren Sammlung von Gemälden seines Onkels Erich Heckel, des Expressionisten in der berühmten Gruppe "Der Blaue Reiter". Die Aufgaben seines Labors während der ABMA-Tage und des nachfolgenden Apollo/Saturn-Jahrzehnts (in dem es den Namen Aero-Astrodynamics Lab trug) umfaßten Missionsanalyse und Durchführbarkeitsstudien (Helmut Horn, Horst Thomae), Flugleistungsverhalten und Trajektorien (Rudolf Hölker), Aerodynamik (Werner Dahm, Oskar Holderer, Heinz Struck), Flugauswertung (Fridtjof Speer) und Astrodynamik (Gerhard Reisig, Helmut Krause). Wir arbeiteten Hand in Hand mit dem Astrionics Laboratory, in der Redstone/Explorer-Epoche noch Guidance & Control Lab genannt, unter Walter Häussermann, assistiert von Gerhard Heller. Unter anderem perfektionierte unser Team, aufbauend auf Peenemünder Arbeiten und Erfahrungen, die Komponenten der Stabilisierungsplattform für die Inertialsteuerung, wie etwa die auf Luftlagern schwebenden Gyroskope (Lagekreisel) als stabilisierende Elemente. Geißler und Häussermann waren Experten für Inertialflugführung, die bereits beim Jupiter-C/Explorer und dann bei den Saturn-Geräten in Anwendung kam.

Unter Experten besteht heute kein Zweifel, daß der Arbeit an der Entwicklung der A-4/V2-Rakete in Peenemünde die Ehre gebührt, die Inertial Guidance entwickelt zu haben, die heute zivile Jumbo Jets mit großer Genauigkeit auch über die längsten globalen Strecken führt. Die Inertialführung und -steuerung der Saturn-Geräte, perfektioniert in der ST-124-Plattform, kann bis zu den Anfängen zurückverfolgt werden: über die ST-90 der Saturn I mit Fritz Müllers Kreisel und die ST-80-Plattform der Redstone bis zum LEV-3-System der A-4, das an die Stelle der ursprünglichen radiostrahlgeführten "Beam Rider"-Lenkmethode der frühen V2 getreten war, an der Häussermann noch mitgearbeitet hatte. Das Inertial-Guidance-System ST-124 der Mondrakete Saturn V, das Herz der Instrumenteneinheit IU (für Instrument Unit) oberhalb der S-IVB-Drittstufe, steuerte die Crews der Apollo-Flüge nicht nur in den Park- und Warteorbit um die Erde, sondern auch drei Stunden danach bis durch die S-IVB-Wiederzündung zum translunaren Einschuß, der mit großer Brennschlußpräzision erfolgen mußte. Die Entwicklung der IU begann als Marshall-Inhouseprojekt, bevor wir es an IBM als Vertragspartner überstellten, und es vereinigte in sich deutsche Kreiseltechnik, amerikanische Elektronik und vom "Rocket Team" für das militärische Fernwaffenamt ABMA entwickelte Missile-Lenksysteme.



13. Wernher von Braun war ein Generalist ersten Ranges


Für die MSFC-interne Fertigung hatten Wernher und sein Stellvertreter Eberhard Rees das Fabrication Laboratory unter Hans Maus, aus dem später das Manufacturing Engineering (ME) Lab unter Werner Kürs wurde, dann unter Mathias "Matt" Siebel. Der Mathematiker Helmut Hölzer führte das Computation Laboratory, Ernst Stuhlinger das Research Projects Office, und Erich "Maxe" Neubert das Systems Analysis & Reliability Lab, später umbenannt in Quality Assurance & Reliability Lab unter Dieter Grau, als Neubert Eberhards Stellvertreter wurde. Karl Heimburg und Bernhard Tessmann leiteten das Test Laboratory. Aus dem Missile Firing Lab, später Launch Operations in Floridas Cape Canaveral unter Kurt Debus (mit Hans Grüne, Karl Sendler, Georg von Tiesenhausen) entstand das Kennedy Space Center, der letzte Stopp der Astronauten vor dem Mond. Gerd deBeek, Peenemündes technischer Illustrator, leitete das Graphic Engineering & Models Study Office, mit dem er schon frühzeitig Lorbeeren für die bunten Aufkleber einheimste, die die Armee gerne auf ihre Missiles klebte: vorzugsweise sexy Pinup-Girls. Später, in 1965, ging einer von deBeeks Mitarbeitern, der bekannte Raumfahrt-Graphiker und -Maler Harry Lange, mit dem Schriftsteller und Historiker Frederick Ordway nach London/England, um im Produktionsteam von Stanley Kubrick in den Metro-Goldwyn-Mayer-Studios in Elstree maßgeblich an der Herstellung des Films "2001 – Eine Weltraumodyssee" mitzuarbeiten.

Nach der Übersiedlung vom Heer zur zivilen NASA in 1960 bestand für Wernher von Braun und sein Team die größte Umstellung in der neuen Emphase auf "out-of-house"-Arbeit, heute "Outsourcing" genannt, im Gegensatz zur Methode der "dreckigen Finger", die nicht nur vom Raketenteam traditionell bevorzugt wurde, sondern auch die Fähigkeiten und Stärken des Teams am vorteilhaftesten hervorbrachte. Nach von Brauns Ansicht mußte ein Manager, um ein effektiver Führer zu sein (also sowohl Planer als auch Macher), seine Finger am Werk “schmutzig” machen. Diese Methode unterstützte das zuerst in Peenemünde angewandte, später auch bei ABMA angetroffene sogenannte "Arsenal"-Konzept. Von Braun setzte selber ständig ein Beispiel: mit Vorliebe war er immer in vorderster Front, um ins Innere des Gesamtgeräts einzutauchen, auf Arbeitsebene mit allen ihren kleinsten technischen Details und Problemen. Er war ein Generalist ersten Ranges, der Spezialistentum zu integrieren verstand: ein Meister der Systemtechnik und des Systemmanagements, wie man es heute nennen würde, und dabei ein Menschenführer mit charismatischer Ausstrahlung. In meinen bis dato (2006) 44 Jahren bei der NASA habe ich niemals jemand anderen angetroffen, der ihm in dieser Hinsicht auch nur nahegekommen wäre.



14. Technische Kompetenz als Lebensstil


Was ich in jenen Jahren unter Wernhers Leitung lernen konnte, habe ich nie wieder vergessen, noch hat es mich jemals im Stich gelassen. In Marshall war technische Kompetenz mehr als ein Schlagwort: es war ein Lebensstil! Von Braun bestand darauf. Sein Geschick, ein Team aufzustellen, zu führen und zu inspirieren war legendär. Wie kein anderer verstand er es, sich mit einer Spitzenmannschaft zu umgeben, sich dabei stets voll bewußt, daß man zur Schaffung eines echten Teamgeistes alle Leute am Prozeß beteiligen und mit einbeziehen muß, wie ein Fußballtrainer. Er war ein Meister darin, jedem das Gefühl seiner eigenen Wichtigkeit zu vermitteln (so daß man sich“als der zweitwichtigste Mann der Gruppe” vorkam, wie es Konrad Dannenberg einmal ausdrückte), und deshalb setzte jedermann alles daran, sein Bestes zu leisten. Zu seinen Erfolgs-“Geheimnissen” gehörte maximale Befugnis-Delegierung als ein “Muß”; er wußte, daß ein anmassend oder willkürlich geleitetes Team – was er niemals tat – zur Mittelmäßigkeit verdammt ist. Als ebenso wichtige Voraussetzung bestand er auf einen freien und ständigen Zweiwegefluß von Kommunikation, das heißt, von oben nach unten und unten nach oben. Wenn auf der Arbeitsebene entstandene gute Ideen nicht den Weg zur obersten Führung fanden, mußte die Leistung der Gruppe erlahmen und sehr rasch für das Massenphänomen des gefährlichen "group think" empfänglich werden. Als drittes Stützbein der Errichtung eines vollwertigen Teams verlangte er Exzellenz, und das setzte stets große Beachtung des Details und die berühmte “hands-on”-Methode voraus. Technische Kompetenz war das sprichwörtliche Attribut des Rocket Team; wir arbeiteten hart daran und waren sehr stolz darauf. Im Umgang und Gerangel mit der “Konkurrenz” in Houston oder mit der Managementspitze in Washington wagte sich Wernher oft weit auf dem sprichwörtlichen Ast hinaus, doch liessen wir ihn niemals “baumeln”, liessen ihn niemals im Stich und versagten ihm nie die Rückendeckung einer starken Heimatmannschaft.



15. Epochaler Start von Saturn SA-1 am 27. Oktober 1961


Für das Marshall-Team war der eingangs erwähnte epochale Start von Saturn SA-1 am 27. Oktober 1961 das erste Großereignis in einer sich über die nächsten Jahre entwickelnden ungebrochenen Folge unvergeßlich aufregender Höhepunkte. Bis zum Moment dieses Starts vermochte niemand mit Gewißheit zu sagen, ob ein achtmotoriges Monstrum mit gebündelten Tanks wie die Saturn wirklich funktionierte und nicht durch seine komplexe Schwingungsdynamik auseinandergerissen würde. Aber die 50 m hohe und 410 t schwere SA-1 donnerte makellos 137 km hoch in den Himmel, bevor sie 344 km weit entfernt in den Atlantik fiel und damit die Richtigkeit des von Braunschen Bündelungsprinzips von Triebwerken und Tanks unter Beweis stellte.

Die Saturn I flog zehn Missionen, vier davon in der Block-I-Version mit nur der ersten Stufe (S-I) “live”, und sechsmal als Block II mit einer funktionellen Zweitstufe, der S-IV, angetrieben von sechs LH2/LOX -Motoren Typ RL-10 von Pratt & Whitney. Unter den neun ebenfalls ausnahmslos erfolgreichen Missionen der Nachfolgeversion, der stärkeren Saturn IB mit der S-IVB, waren der erste bemannte Apollo-Flug (Apollo 7), drei bemannte Skylab-Einsätze (SL-2, SL-3, SL-4) und die U.S.-Hälfte des Gemeinschaftsunternehmens ASTP (Apollo Soyuz Test Project) mit der Sowjetunion 1975. Das dritte und erheblich größere Saturngerät schließlich war die speziell für die Mondlandemission gebaute und unsere jahrzehntelangen Bemühungen krönende 110 m hohe Saturn V, deren 13 Einsätze ebenfalls alle erfolgreich verliefen.



16. Die (fast) größte Rakete der Welt


Die ersten beiden S-IC-Boosterstufen der Saturn V wurden hausintern von Werner Kürs’ ME Lab gebaut, alle anderen von Boeing Co. in Marshalls Michoud Assembly Facility (MAF) in New Orleans, Louisiana. Ihre Triebwerkserprobungs- und -abnahmeläufe fanden in unserer Mississippi Test Facility (MTF) statt, heute NASAs Stennis Space Center. Nie werde ich den ersten Probelauf der S-IC in Karl Heimburgs gewaltigem Prüfstand in Huntsville vergessen: Er fand am 16. April 1965 statt, und die fünf F-1-Triebwerke erzeugten 6,5 Sekunden lang unter gewaltigem Getöse einen Schub von 3400 Tonnen. Vier Monate später, am 5. August, bestand die S-IC mit fliegenden Fahnen ihren ersten zweieinhalb Minuten langen Volldauer-Probelauf, und in meinem Bürozimmer im “von Braun Hilton” (das wir aus Sicherheitsgründen vorher geräumt hatten) klirrten die Fenster.

Die Huntsville Times nannte die Saturn V die “größte Rakete der Welt”, wußte freilich damals noch nichts von der gigantischen N-1 (Nositel 1), die in Rußland unter der Leitung des genialen Chefkonstrukteurs Sergei Pawlowitsch Koroljow am Entstehen war. In großer Hast, unter extremem Druck aus Moskau, begann er im Februar 1967 in Kasachstan mit der Montage des Monstrums, und bereits zwei Jahre später, am 21. Februar 1969, startete die erste N-1, 105 m hoch und 2700 Tonnen schwer, von ihrer Startplattform in Tjuratam, dem heutigen Baikonur, unter Donnergetöse ihrer dreissig Triebwerke in der Boosterstufe. Zehn bis zwanzig Sekunden später versagte das komplexe Antriebssystem und der Riese zerschellte etwa 50 km von der Rampe entfernt am Boden. Fünfzehn Monate zuvor hatte seine Konkurrentin, unsere Saturn V, ihren Jungfernflug völlig lupenrein absolviert. Drei weitere N-1-Giganten versuchten den Aufstieg zum Orbit, der letzte am 23. November 1972 (lange nach Ende des Apollo-Programms), doch mißlangen alle drei. Damit war das Schicksal des sowjetischen bemannten Mondlandevorhabens besiegelt.

Noch kaum hatte ich mich in meinem neuen Job eingelebt, als US-Präsident John F. Kennedy uns am 11. September 1962 besuchen kam, vor der Weiterreise nach Houston. Inmitten einer großen Schar von Angestellten stimmte ich am Straßenrand begeistert in den Applaus in, als JFK und Dr. von Braun in einer offenen Limousine vorbeifuhren, auf dem Weg zur riesigen ME-Montagehalle zu einem Briefing durch den Marshall-Direktor. Ebenfalls anwesend waren der Wissenschaftsberater des Präsidenten, Jerome Wiesner, Vizepräsident Lyndon B. Johnson, NASA-Administrator James Webb, und MSFC-Laboratoriumsdirektoren. Ein Jahr später, am 16. November 1963, "briefte" Wernher von Braun JFK ein weiteres Mal während einer Visite in Cape Canaveral. Der Präsident flog mit dem Hubschrauber über Merritt Island und inspizierte das 352 Quadratkilometer große Gebiet, auf dem die NASA gerade eine Milliarde Dollar in Bodenanlagen verbaute, um Astronauten zum Mond zu starten. Sein Besuch unterstrich den Willen Amerika's, auf dem Mond zu landen, und diese unerschütterliche Entschlossenheit wurde sechs Tage einem tragischen Test unterzogen, als Kennedy am 22. November in Dallas/Texas einem Attentat zum Opfer fiel.



17. Der Space Race beginnt


Die Dekade der 60er stand im Zeichen des “Space Race” und der sich daran entzündeten Begeisterung in den USA. Sie war die Verkörperung all dessen, was das junge Raumfahrtzeitalter in seinem Überschwang zu offerieren vermochte: von Entdeckungen auf fernen Planeten zu bemannten Flügen ins All und Landungen auf einer anderen Welt. Es waren die besten Jahre meines Lebens. Zum Frühstück servierten Huntsvilles Zeitungen eine unablässige Folge von Schlagzeilen geradewegs aus Science-fiction. Zum Beispiel posaunten sie in der Spanne von nur einem Jahr, 1965, hinaus:

 SATURN V NIMMT ERSTE SCHRITTE AUF DEM WEG ZUM MOND (als unser erster S-IC-Testbooster zum Prüfstand gerollt wurde);

 RUSSE MACHT WELTRAUMAUSFLUG (als Alexei Leonow aus seiner Woskhod-2-Kapsel ausstieg und bis auf fünf Meter davon wegschwebte);

 RUSSLANDS SOND 2, MARINER 4 NOCH IMMER IM RENNEN ZUM MARS;

 RANGER SCHMETTERT AUF DEN MOND, MIT LAUFENDEN KAMERAS – LIVE FOTOS IM FERNSEHEN GEZEIGT (über NASAs erfolgreiche Mond-Aufklärungsmission mit Ranger 9);

 MONSTERRAKETENHANGAR WÄCHST AM CAPE LANGSAM IN DIE HÖHE;

 DRAMATISCHE FILME ZEIGEN ASTRONAUTS WELTRAUMAUSFLUG (über Edward Whites ersten US-Raumausstieg von Gemini 4);

 RUSSLANDS LUNA 6 VERFEHLT DEN MOND (als die Sonde während eines Kurskorrekturmanövers versagte. Einen Monat später machte Sond 3 die ersten Aufnahmen von der Rückseite des Mondes, und die erste Photographie gab die Nachrichtenagentur Tass am 6. August 1965 frei);

 DONNERNDER SATURN-TEST ERSCHÜTTERT HALB ALABAMA (als die akustischen Erschütterungen des 2,5-Minuten-Tests beim “unglücklichen” 13. Probelauf der S-IC-Stufe durch atmosphärische Reflekionsbedingungen in bis zu 200 km weit entfernten Dörfern und Städten wahrzunehmen war);

 TOLLKÜHNE GEMINI-BESATZUNGEN ERFOLGREICH BEIM NERVENKITZELNDEN RENDEZVOUS (beim Doppelflug von Gemini 6 und Gemini 7).



18. Einen Mann auf den Mond - und gesund zurück!


Die Verschmelzung von Huntsvilles MSFC, Houstons Manned Spacecraft Center (MSC, heute Johnson Space Center, JSC) und Cape Canaverals Kennedy Space Center (KSC), die drei wichtigsten Außeninstitute der NASA für das Mondlandeprogramm, zu einem eng integrierten Team war die hervorragende Leistung von George Mueller, dem Chef für Manned Space Flight im NASA Headquarters in Washington, und seines Apollo-Programmdirektors, Luftwaffen-Generalmajor Sam Phillips. Ihre alles umfassende Rolle und ausschlaggebenden Beiträge zum überragenden Gesamterfolg des Apollo-Programms können nicht hoch genug bewertet werden. Ohne die “All Up”-Testphilosophie, die George Mueller 1963 einführte und uns entgegen unserer anfänglichen Skepsis aufdrängte, hätte die erste bemannte Mondlandung durch Apollo 11 niemals so frühzeitig wie in 1969 stattfinden können, noch innerhalb des von John F. Kennedys vorgegebenen Zeitrahmens. Muellers Fernschreiben mit der Direktive der All-Up-Erprobung traf am 1. November 1963 bei uns ein, und noch heute ist mir der bei uns ausgelöste “All-up-Schock” gegenwärtig. “All up” bedeutete ganz einfach, daß wir gleich den ersten Erprobungsflug der gewaltigen 110 m hohen Saturn V mit allen drei Stufen "live" durchführen mußten. Um den “Payoff” dieses ersten Flugs zu maximieren, sollte darüber hinaus als Nutzlast ein funktionelles Apollo-Raumschiff, bestehend aus Command & Service Module (CSM), mitgeführt werden und nach seinem getrennten Flug im All die Hochgeschwindigkeitsrückkehr vom Mond mit atmosphärischem Eintritt so realistisch wie möglich simulieren, zur Erprobung des Hitzeschutzes.

Am 9. November 1967, dem 60. Geburtstag des Saturn V-Chefingenieurs Arthur Rudolph, bestätigte unsere gigantische Mondrakete die Richtigkeit von George Muellers Entscheidung: Sie absolvierte ihren Jungfernflug makellos. Selbst der Wiederstart der Drittstufe, zum ersten Mal vollautomatisch und im schwerefreien Raum, verlief nach drei Stunden Freiflug ohne Schluckauf, und die unbemannte Apollo-4-Kommandokapsel wurde danach mit Mondrückkehr-Geschwindigkeit in die Lufthülle zurückgerammt. Man stelle sich vor: das Saturn/Apollo-System, das mit seinen Startanlagen aus neun Millionen Einzelteilen bestand, war in weniger als sechs Jahren zusammengebastelt worden, und funktionierte gleich beim ersten Mal perfekt!

Doch werde ich auch niemals die böse Überraschung vergessen, die wir im darauffolgenden Jahr mit Apollo 6 erlebten, als unser Big Bird am 4. April zum zweiten Mal flog und dabei in seiner gesamte Zellenstruktur während der Antriebsphasen aller drei Stufen schwere Längsschwingungen entwickelte. Diese Oszillationen, unter denen sich die Rakete abwechselnd zusammenzog und streckte wie ein ”Pogo”-Hüpfstecken, wurden erzeugt durch unerwartete Schwingungsresonanz der strukturellen Eigenfrequenzen des Geräts mit Druckschwankungen in den Treibstoffleitungen zwischen den Tanks und den Triebwerken im Heck. Als Folge fielen zwei der fünf J-2-Motoren in der zweiten Stufe (S-II) vorzeitig aus. Später, als Apollo 6 die Erdumlaufbahn erreicht hatte, versagte auch die Wiederzündung des einzelnen J-2-Triebwerks in der dritten Stufe (S-IVB) und damit der zu erprobende translunare Einschuß.



19. Im Rampenlicht des öffentlichen Interesses: die Astronauten


Doch selten um einen Ausweg verlegen, benützten wir stattdessen das Triebwerk des Service Propulsion Systems (SPS) des Apollo-Raumschiffs, das damit auf 22.209 km Höhe geboostet wurde. Marshall war mit seinem 120 m hohen Dynamic Test Tower der einzige Ort, wo die gesamte Saturn/Apollo-Kombination vertikal montiert und wie im Flug frei "aufgehängt" werden konnte ("free-free" Modus), reibungsfrei auf einem Flüssigbad aus Quecksilber gelagert. Sie konnte dann durch Beschallen mit akustischer Energie aus starken Lautsprechern "geschüttelt" werden, zur Ermittlung ihres elastischen Verhalten und ihrer strukturellen Dämpfungseigenschaften. Die einzigartige Anlage spielte eine zentrale Rolle bei der Lösung des Pogo-Problems: durch Entwicklung gasgefüllter und als Dämpfer-"Töpfe" wirkender Höhlungen in den Treibstoffleitungen. Dieser Erfolg ermöglichte es der Besatzung von Apollo 8, bereits acht Monate später zu starten, zu ihrem berühmten Flug über Weihnachten 1968, schon auf dem dritten Saturn V-Gerät.

Was die Pressemedien und die Reaktion der breiten Öffentlichkeit in all jenen Jahren betraf, so standen im Rampenlicht des öffentlichen Interesses natürlich die Astronauten. Das heißt, MSC/Houston erntete den Löwenanteil von Verehrung und Lobpreisung, wogegen man die Arbeit von uns Raketen-Ingenieuren und -Managern weitgehend als selbstverständlich ansah. Daher wurde der Rolle Huntsville's bei den bemannten Missionen weitaus weniger Aufmerksamkeit durch das Publikum entgegengebracht als der Rolle von "Houston Mission Control" mit den Mercury-, Gemini- und Apollo-Programmen und ihren Besatzungen mit ihren Corvette Stingrays. Aber für uns stand fest, daß der wirkliche Schlüssel zum All unsere großen Trägerraketen waren, deren technischen Perfektion und Zuverlässigkeit jene wagemutigen Männer ihr Leben anvertrauten. Bereits für das Redstone-Missile, auch "Old Reliable" genannt, hatte die U.S. Army auf "über 90%" Zuverlässigkeit bestanden, und ein grundlegendes System zu deren Erfassung und Sicherung war bereits im Februar 1952 von Kurt Debus, dem Chef des Startbetriebs, vorgeschlagen worden.

Für das Städtchen Huntsville bedeuteten die Deutschen aber nicht nur Raketen, sondern auch Kultur. Eine Tageszeitung im benachbarten Chattanooga in Tennesee meldete Anfang der fünfziger Jahre per Schlagzeile: DEUTSCHE BRINGEN WISSEN UND PUMPERNICKEL NACH HUNTSVILLE! Freilich: ohne die tolerante, sprichwörtlich gastfreundliche Einstellung der Southerners den wunderlichen deutschen Einwanderern mit der hohen Kreditwürdigkeit gegenüber wäre das, was geschah, kaum möglich gewesen: Deutsche gründeten eine Kammermusik-Gruppe, aus der bald Huntsvilles beachtliches Stadtorchester hervorging; sein Konzertmeister war für viele Jahre der MSFC-Fabrikationsdirektor Werner Kürs, und sein erstes Konzert eröffnete es im Dezember 1955 mit dem Concerto Grosso von Corelli. Das damals wichtigste Einkaufszentrum und die Parkway, Huntsvilles Stadtautobahn, verdanken ihre Existenz der 1951 erfolgten Planung des ehemaligen Peenemünder Architekten Hannes Lührsen.



20. Huntsvilles Deutsche haben sich nie abgesondert


Deutsche förderten die Entwicklung der Stadtbibliothek und die Schaffung des städtischen Kunstvereins. Hodding Carter, ein bekannter Journalist, berichtete in der Illustrierten Collier's scherzhaft: "Als die Deutschen in die Stadt kamen, holten sie sich zuerst ihre Bibliotheksausweise, noch ehe sie ihre Wasseruhren anschließen ließen." Von Braun, Ernst Stuhlinger und ein paar nahe Mitarbeiter gründeten das heute mit einem Planetarium von der Von Braun Astronomical Society betriebenen Observatoriums auf dem Monte Sano, auf einem Stück Land, des langfristig vom Staat Alabama ausgeliehen wurde, für einen Dollar im Jahr. Von Braun veranlaßte die Gründung des Forschungsinstituts der Universität von Alabama (UAH) unter dem in Fachkreisen heute legendären Aerodynamiker Dr. Rudolph Hermann, der 1936 den ersten Überschall-Windkanal (Mach 5) in Peenemünde betrieb. Seine Arbeiten in Überschall- und Hyperschall-Aerodynamik für das A-4/V2-Geschoß waren von grundlegender Bedeutung für unsere aerodynamische Perfektionierung der Saturn-Raketen unter Ernst Geißler, Werner Dahm, und Heinz Struck (und sie hatten es einst auch mir ermöglicht, meine Ingenieur-Diplomarbeit an der RWTH Aachen über Hyperschall-Wiedereintritt zu schreiben). Auf von Brauns Initiative und mit seiner Hilfe entstand das öffentliche Raumfahrtmuseum Alabama Space and Rocket Center (ASRC, Heute USSRC) mit dem sich heute weltweit größter Beliebtheit und Nachahmung erfreuenden Space Camp (erster Spatenstich, durch Dr. von Braun: 5.8.1968).

Huntsvilles Deutsche haben sich nie abgesondert. Weder gab es ein "Little Germany", noch organisiertes Deutschtum im Stil der quasi-bayrischen Trachten-, Schuhplattler- und Brauchtumsverbände von Baltimore, Philadelphia oder New York, doch hatte sich im Laufe der Jahre eine vorwiegend deutsche Wohngegend auf dem Monte Sano herausgebildet. Hier, auf diesem 550 m hohen eichenbestandenen Hügel, zu dessen Füßen sich die Huntsviller Ebene zum Tennessee hin erstreckte, wohnte es sich einsamer, zeitweise buchstäblich in oder gar über den Wolken, weitab von Schule und Einkaufszentrum und im Winter kälter,- alles Begleitumstände, die dem Durchschnittsamerikaner nicht behagten, uns Germans in Anbetracht der dort sehr niedrigen Grundstückpreise und der prachtvollen Abendsicht auf den strahlenden Lichterteppich im Tal jedoch nichts ausmachten. Ursula und ich hatten dort unser Heim, um die Ecke von Ruth von Saurma, Fritjof und Margret Speer, Konrad Dannenberg, Ernst Stuhlinger, Ernst Geißler, und anderen. Wernher und Maria von Braun wohnten an der Big Cove Road (Nr. 1516) am Fuß des Berges, wohin sie 1962 von ihrem vorherigen kleinen Heim auf der McClung Street umgezogen waren, mit Sohn Peter, den Töchtern Iris und Margrit, die zur Blossomwood Elementary School gingen, und natürlich mit Wernhers berühmtem weissen Mercedes 220.

Deutsche gehörten im Ort zum Straßenbild. Übergangslos, wenn auch ihres schweren Akzents und der oft putzigen Wortwahl wegen unverkennbar, hatten sie sich in die lokale Gemeinschaft eingefügt, ohne von ihr verschluckt zu werden. Beim wöchentlichen Großeinkauf im Supermarkt konnte man immer deutsche Worte hören oder an bestimmten Tagen in Nathan Marlins Delikatessen oder im Grocery Store "Piggly Wiggly" sächselnde, schwäbelnde oder rheinländernde Hausfrauen zusammenstehen sehen. Für die Deutschen importierten Delikatessenhändler Pumpernickel, Löwenbräu, Allgäuer Käse, Bauernbrot, Salami und Weine aus Franken, vom Rhein und von der Mosel. Andere bevorzugte Treffpunkte für ein Schwätzchen waren Britlings Cafeteria, das Bavarian Restaurant und, in liebevoller Erinnerung an Fort Bliss, die auch heute noch existierende "Cantina" El Palacio of Mexican Food mit dem himmelragenden schrägen Sombrero und ihren außerordentlich schmackhaften Tex/Mex-Gerichten. In der Zeitschriftenhandlung Andan's gab's deutsche Illustrierte, Romanhefte, den Spiegel auf Luftpostpapier und die FAZ. Zwei lokale Radiostationen brachten wöchentlich Heidi Medenicas “German Hour” ("Deutsche Stunde"), und nicht selten gastierten deutsche Künstler wie Anneliese Rothenberger oder Stars von Radio Luxemburg vor deutschstämmigen Zuschauern in ausverkauftem Saal.

An den Wochenenden war Huntsville der ideale Ort für "Outdoor"-Aktivitäten. Wir hielten altmodische Barbecues ab, liessen uns den Catfish (Katzenwels) aus dem Tennessee River mit krapfenartigen Hushpuppies schmecken, fuhren zum Guntersviller See hinaus zum Wasserskilaufen von Oskar Holderers Uferhütte im Honeycomb Valley, steuerten Segelflugzeuge, machten Ausritte vom Mountain Lake Resort im Hinterland von Madison County auf dienstbeflissenen Cowboypferden oder schlugen Bälle auf Huntsvilles öffentlichem Tennisplatz.



21. Von Brauns Team in den USA


Wer waren diese Menschen um Wernher von Braun, die ich 1962 in Huntsville vorfand?

Bei Kriegsende hatten sie ihrem zerstörten Heimatland den Rücken gekehrt, um mit ihren Familien in der Fremde unter anderen Gesetzen und Freiheiten zu leben und einer damals noch allgemein als phantastisch, ja als völlig verrückt angesehenen Vision nachzujagen. Man könnte fast sagen, sie sind Wernher von Braun gefolgt wie dem Rattenfänger von Hameln, um den USA den Weg ins All zu bahnen, so wie andere Emigranten hundert Jahre früher als Pioniere neue Wege zur Erschließung des Grenzlands des “Wilden Westen” gehauen haben. Jetzt waren sie hier, die "alten Peenemünder": hemdsärmelige Ingenieure von altem Schrot und Korn aus den Anfangsjahren der Raketenforschung, aber auch grauhaarige Gelehrte, die einst das Machtwort der Nazi-Diktatur von ihren Dozentenstellen und Lehrstühlen, zum Teil auch von der Rußlandfront weg nach Peenemünde gebracht hatte. Die gemeinsame Vision hatte die unterschiedlichsten Charaktere zusammengeführt: den sanftmütigen Intellektuellen, den ehemaligen Versuchsingenieur aus Flugzeugforschung und Reichsluftfahrtministerium, den energiegeladenen Tatmenschen, und den bastelfreudigen Mechaniker, fleissig und pedantisch-ordentlich in seiner Hinwendung auf kleinstes Detail.

Namen wie Arthur Rudolph, Helmut Horn, Karl Heimburg, Emil Hellebrand, Konrad Dannenberg, Erich Neubert, Eberhard Rees, Kurt Debus, Ernst Stuhlinger, Walter Häussermann, Ernst Geißler, Oswald Lange, Fritz Müller und Hermann Weidner, um nur einige zu nennen, waren weit über die Grenzen von Huntsville hinaus in der Aerospace-Welt zum Begriff geworden. Sie hatten sich eine Aufgabe gestellt, ein Ziel gesetzt und eine Stufenleiter zum Kosmos gebaut, und sie verfolgten ihren Weg mit der Unbeirrbarkeit von Fanatikern und der ruhigen, selbstsicheren Gelassenheit von Menschen, die von der Richtigkeit ihrer Vision und Ziele absolut überzeugt sind. Jahrzehnte lang, seit Mitte der 30er Jahre, hatten sie mit Wernher von Braun daran gearbeitet, und die Zeit hatte sie zu einem Team von legendärer Einmaligkeit zusammengeschmiedet.

Neben ihnen das frische Blut der Nachwuchskräfte: junge Ingenieure und Physiker der "zweiten Generation", die wie ich Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre hinzugekommen waren: Werner Dahm, Heinz Struck, Fritjof Speer, Georg von Tiesenhausen, Helmut Krause, Hermann Koelle, Harry Ruppe, Horst Thomae, Hans Wünscher, Matt Siebel, und andere. Vielen von ihnen half bei den ersten Schritten die umwerfend tüchtige Frau Burose vom MSFC. In Huntsville fanden wir eine annehmbare soziale Infrastruktur vor, die sich gegen Ende der 50er Jahre allmählich entwickelt hatte, auch wenn die damalige Rassentrennung zu dieser Zeit noch die südstaatliche Szene dominierte und erst Mitte der 60er unter dem Druck der Bundesregierung zu verschwinden begann. Ich erinnere mich noch an meine Verblüffung, als ich 1962 meinen ersten staatlich betriebenen ABC (Alabama Beverage Control) Schnapsladen betrat, um eine Flasche Bourbon zu kaufen (wobei ein nicht unbeträchtlicher bundesstaatlicher Steuerbatzen dank Gouverneur George Wallace dem Alabama-Schulwesen zugute kam): wie absurd es doch war, daß der Store zwei getrennte, mit "Whites" und "Coloreds" überschriebene, also rassentrennende Eingangstüren hatte, im Inneren jedoch lediglich eine lange Verkaufstheke ohne jedwede Trennwände.



22. Sich einleben in Amerika


Das Einleben in den Alltag folgte einer typisch amerikanischen Schablone: Zunächst die Anschaffung des lebensnotwendigen "Straßenkreuzers", neu oder gebraucht, wobei Kredit freilich kein Problem war: dank des guten Leumunds der Deutschen (und ihrer gesicherten Arbeitsstelle) genügte nämlich der Akzent als Sicherheit für das Bankdarlehen; mein erstes dergestalt für $4000 erworbenes Auto, ein funkelnagelneuer Chevrolet Impala Modell 1962, habe ich mir erst im Frühjahr 2006 von Oldie-Liebhabern abkaufen lassen. Man benötigte natürlich einen Alabama-Führerschein,- keine leichte Sache: er erforderte eine Testfahrt mit einem finster dreinblickenden State Trooper mit grauem Stoppelschnitt unter dem “Smokey-the-Bear”-Hut, der dafür berüchtigt war, daß er alle "Furriners" (Ausländer, wozu auch Nordstaatler gerechnet wurden) bei der ersten Fahrt durchfallen ließ, so daß man sich später ein zweites Mal hinbequemen mußte. Bei Ladies machte er freilich bisweilen eine Ausnahme, legte ihnen jedoch dafür gern die Hand aufs Knie.

Dann die Wohnungssuche: das Lesen von Zeitungsannoncen, die Empfehlungen durch Bekannte, das Stadtplan-Studieren, das Herumfahren von Ortsteil zu Ortsteil, von "Subdivision" (Wohnviertel) zu "Subdivision", die unschlüßige Begutachtung der Drei-Zimmer-Wohnung, das Erschrecken vor den "hohen", aus heutiger Sicht freilich traumhaft niedrigen Preisen, usw. Unser erstes Domizil war ein ebenerdiges Apartment, 4105C Broyles Avenue, an der Patton Road bei Tor 10 des Redstone Arsenal. Bald danach kam die Hauptkomponente des traditionellen "American Dream": das Eigenhaus, vorwiegend im einstöckigen, doch weiträumigen Bungalow-Stil gehalten.

Die Umstellung fiel dem Europäer nicht leicht, aber die Jugend und die Begeisterung, ja auch die Ungebundenheit der Kriegsgeneration machten uns den Anfang leichter und beschleunigten das Einleben. Außerdem überstieg die Herausforderung unseres Kennedy-Auftrags der Mondlandung einfach alles, was sich ein Ingenieur jemals hätte wünschen können. Für uns alle waren Huntsville und das Apollo-Jahrzehnt jener Sechziger Jahre ein märchenhaftes Schlaraffenland der Technik und Wissenschaft, ein niemals wiederkehrendes idyllisches Utopia.



23. Die Erfüllung von Kennedys Mandat


Die Erfüllung von JFKs Mandat erforderte von uns acht Jahre harter, doch begeisternder Arbeit voll technologischer Durchbrüche, manche von epochaler Bedeutung, aber auch voll gescheiterter Erwartungen und Hoffnungen, voll strahlender Erfolge und bitterer Niederlagen, Enttäuschungen und Verlusten. Am schlimmsten davon war Kennedys Ermordung am 22. November 1963, doch war Apollo ins Rollen gekommen wie eine Dampfwalze, und nichts konnte das monumantale Unternehmen mehr aufhalten. Wieder und wieder hatten wir mit Schwierigkeiten zu kämpfen, und überwanden sie. Im September 1965 zerplatzte eine S-II-Stufe der Saturn V beim Test im kalifornischen Seal Beach; eine zweite explodierte acht Monate später, im Mai 1966, im Prüfstand in Mississippi. Im Januar 1967 zerriß es eine vollbeladene S-IV-B-Raketenstufe beim Countdown im Teststand mit der Gewalt von mehr als einer Tonne TNT (Trinitrotoluol), und am 27. Januar 1967 erlitten wir den schwärzesten Tag des Apollo-Programms, als Virgil Grissom, Edward White und Roger Chaffee bei einer Brandkatastrophe in der Apollo-1-Kommandokapsel in Cape Kennedy umkamen, an der Spitze einer Saturn-IB. Trotzdem trug nicht einmal zwei Jahre nach dem Unglück, im Oktober 1968, eine Saturn IB das Raumschiff Apollo 7 mit Walter Schirra, Donn Eisele und Walter Cunningham in der umgebauten Kommandokapsel in den Erdorbit.

Zwei Monate danach, am 21. Dezember '68, schickte bereits die dritte Saturn V – so groß war das Vertrauen in unser Werk – das Raumschiff Apollo 8 mit der Crew Frank Borman, James Lovell und William Anders auf den unvergeßlichen Weihnachtsflug zur zehnfachen Umkreisung des Mondes und sicheren Rückkehr zur Erde. Und nur sieben Monate später, in der Nacht des 20. Juli 1969, landete der “Adler” von Apollo 11 im "Meer der Stille", als Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins Kennedys Auftrag erfüllten, innerhalb des vorgegebenen Zeitraums ("…vor dem Ende dieses Jahrzehnts…") und zum zuvor von NASA-Admninistrator James Webb geschätzten Kostensatz ($24 Milliarden, damaliger Wert). Auch wenn ich es nicht zu beweisen vermag, kann es durchaus sein, daß unser Gewinnen des Wettlaufs im All möglicherweise einen aus dem Kalten Krieg entstehenden heissen Krieg verhindern half. Denn Apollos friedliche Antwort auf die militärische Herausforderung der Sowjets stellte mit unseren Saturn-Großraketen vor der ganzen Welt das globale strategische "Raketengleichgewicht" wieder her.



24. Die Landung auf dem Mond


Eine Woche später, am 26. Juli 1969, feierten wir die erste Mondlandung mit einer heute legendären ausgelassenen "Allnight"-Party auf Marshalls Picknickplatz. Irgendwie hatte Wernher das Wunder fertiggebracht, einen Vorrat gut gefüllter Bierfässer zur waldigen Campsite nahe dem ME Lab auf dem Redstone Arsenal anliefern zu lassen, die normalerweise für alkoholhaltige Getränke strikt "off-limits" war. Unter dem hellen Vollmond, nun nicht länger unbetreten durch Menschenfuß, tanzten wir zu den Dixieland-Rhythmen der "Southern Comforts", und ein überglücklicher Wernher setzte einen “Boater” (Strohhut) auf und schlug fröhlich ein Banjo.

Für Huntsville näherte sich eine Epoche ihrem Ende. Am 25. Februar 1970 übertrug Wernher von Braun den Marshall-Direktorposten an seinen langjährigen schwäbischen Stellvertreter Eberhard Rees und verließ Ort und Team für immer, um eine höhere Planungsposition im NASA-Hauptquartier in Washington anzunehmen. Im MSFC führten wir nach dem Start von Apollo 17, der letzten Mondlandemission auf der 12. Saturn am 7. Dezember 1972, Wernhers Vermächtnis weiter: das waren Amerikas erste Raumstation “Skylab”, der letzte Flug einer Saturn IB im USA/UdSSR-Gemeinschaftsunternehmen ASTP, erste Schritte in der Entwicklung des Space Shuttle, die Präsident Richard Nixon am 5. Januar 1972 genehmigte, sowie Entwurfsstudien grösserer orbitaler Weltraumhabitate, die eines Tages zur heutigen International Raumstation ISS evolvieren würden.

Zwei Jahre nach seinem Umzug nach Washington schied Wernher von Braun aus der NASA aus (10. Juni 1972) und ging zur Industrie: in die Flugzeugfirma Fairchild Industries in Germantown, Maryland. Am 16. Juni 1977 verschied er in Alexandria, Virginia, an Komplikationen nach einer Darmkrebsoperation. Zur letzten Ruhe gelegt ist er in einem bescheidenen Grab unter den Eichen des Ivy Hill Cemetery in Alexandria.



25. Mementos an einen genialen Direktor


Das war das endgültige Ende des berühmten Rocket Teams. Doch heute, 30 Jahre später, wimmelt es in Huntsville nur so von Mementos an seinen genialen Direktor, wie etwa der riesige Stadthallen-Komplex des Von Braun Civic Center (VBCC), bei dessen erstem Spatenstich am 24. Februar 1970 Wernher noch zugegen war. Dem heutigen Besucher verkündet das vor dem VBCC errichtete Denkmal:

„This plaque was placed here by citizens of Huntsville and Madison County, Alabama, in honor of Dr. Wernher von Braun, who directed research and development operations for the Army at Redstone Arsenal from 1950 to 1960, and served as Director of George C. Marshall Space Flight Center from 1960 to 1970. It was unveiled on February 24, 1970, on the occasion of his transfer to Washington, DC, as Deputy Associate Administrator of the National Aeronautics and Space Administration. Dr. von Braun, whose vision and knowledge made possible the landing of the first man on the moon by the United States, contributed significantly to the life of this community. He will forever be respected and admired by his local fellow citizens."


Bibliographie


© 2007/2006 für diesen Text: Prof. Dr. Jesco von Puttkamer, Washington D.C./ Quelle: www.hyperwriting.de