LABYRINTH-BLog 2007: Sep und früher*



In verschiedensten Formen ist das gut 5.000 Jahre alte Labyrinth-Motiv aktueller denn je: als sprichwörtlich gewordener "Roter Faden" ebenso wie in seinen zentralen Figuren Theseus, Ikaros und Daidalos sowie in den Nebenfiguren (Phaedra, Medea) oder einfach in den Wörtern labyrinthisch und Irrgarten.

Dieser BLog spürt dem nach.

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[2008-10-19 ok / ur 2007-09-17]


(Autor: Jürgen vom Scheidt)


Viele weitere Details zum Thema finden Sie auf der Verzweigung LABYRINTH , speziell auch in der Aktuelles zum Labyrinth-Thema finden sie in meiner Zeittafel LABYRINTHE .

Mit dem Labyrinth-Motiv verhält es sich übrigens ähnlich wie mit Sigmund Freud und der Psychoanalyse, die auch unabläsig zitiert werden (wenn auch - anders als beim Labyrinth - meist sehr ambivalent). Deshalb haben wir auch dafür eine eigene Verzweigung AKTUALITÄT FREUDS eingerichtet, wo ebenfalls entsprechende Zitate gesammelt werden.


Und hier die einzelnen Einträge - chronologisch sortiert, das Neueste immer obenauf :



28. Sep 2007

Warnung vor "Labyrinth der guten Ratschläge"


Im Mai dieses Jahres forderte die britische Regierung schwangere Frauen auf, total auf Alkohol verzichten. Die Kolumnistin Zoe Williams kritisierte daraufhin im Guardian die steigende Zahl der Lebensmittelverbote für werdende Mütter. Die FAZ, die dies in ihrer Online-Ausgabe referiert, betitelte den Beitrag als "Labyrinth der guten Ratschläge".



26. Sep 2007

Selbst bei den Primzahlen . . .


. . . kann einem das Labyrinth-Motiv begegnen. Ich befasse mich derzeit im Rahmen meines neuen Roman-Projekts mit diesen rätselhaften Ziffern. Dabei entdeckte ich in dem fabelhaften Sachbuch Die Musik der Primzahlen von Marcus du Sautoy zwar keinem direkten Bezug zur THematik (obgleich die ganz spezielle Geometrie der Labyrinth-Struktur durchaus einer mathematischen Betrachtung wert wäre!) - aber ich wurde dennoch fündig. In einem Doppelportrait der Primzahlen-Forscher G. H. Hardy und J.E. Littlewood heißt es auf S. 158 der deutschen Ausgabe:

"Als junger Fellow am Trinity [College in Cambridge bekam [Hardy] manchmal im Senior Combination Room Ärger mit alteingesessenene Mitlgiedern, die ihn für einen Studenten hielten, der seinen Weg im Labyrinth der Korridore verloren hatte."
(S. 158)



25. Sep 2007

Meine Wut auf den EgoTrip von Stoiber mit dem Transrapid . . .


gab mir die Idee ein, mal zu schauen, was Google zutage fördert, wenn ich dort "Transrapid+Labyrinth" eingebe - denn wie ein veritabler Minotauros im Irrgarten der politischen Entscheidungen kam der bayrische Ministerpräsident in diesem Fall schon lange vor.

Wir wollten den Transrapid für die 8-minütige Fahrt über 30 km zur Lóngyáng-lù (Lóngyáng-Straße) in den Außenbezirken von Shanghai benutzen und von dort mit dem Taxi weiterfahren zu unserem heutigen Ziel, dem Hilton. Der Weg zum Transrapidbahnsteig führte auf Rolltreppen durch das Labyrinth ...
(Ciao.de 2007)
Na bitte,das ist doch schon was. Die anderen 908 Treffer sind eher witzlos, weil sie zB verschiedene Kolumnen-Beiträge in Zeitungen zusammenmixen, wo im einen Beitrag der Transrapid vorkommt und im anderen das Labyrinth - in irgendeinem Zusammenhang.

Ach so: Weshalb ich den Transrapid nicht mag?

° Zum einen, weil er zwar mal eine tolle technische Innovation war - heute aber überhaupt nicht mehr in die verkehrspolitische Landschaft paßt.

°Weil er ein ideales Angriffsziel für terroristische Anschläge sein wird (wie übrigens auch der riesige neue Airbus) - und kaum davor schützen!

° Weil er den Steuerzahler - also Sie und mich - weit über zwei Milliarden €uro kosten wird, die anderswo fehlen.

° Weil die (Geschäfts-)Leute, die sich die teure Fahrt vom Münchner Hauptbahnhof zum Munich Airport leisten könnten (weil steuerlich als Spesen absetzbar), sicher nicht so blöd sein werden, erst mit dem eigenen Wagen oder dem Taxi (oder der S-Bahn!) zum Hauptbahnhof zu fahren und von dort dann "in zehn Minuten" zum Flughafen - die fahren gleich zum Flughafen! Und die Massen-Cargo-Touristen, die für 29 €uro nach London jetten - die werden kaum 28 €uro oder so für das Transrapid-Ticket ausgeben. Und der Pendler auf seiner Fahrt zur Arbeit braucht den Transrapid wie ein Loch im Kopf.

Was für ein Labyrinrth an verkehrsplanerischem Unsinn, Herr Stoiber!



24. Sep 2007_3

Im Haus des Schriftstellers Ernst Augustin


Dieses Haus verwendet Augustin in seinem Roman Raumlicht. Es befindet sich im Münchner Stadtteil Neuhausen und enhält "unter anderem ein Spiegelkabinett, einen Dunkelraum sowie ein Labyrinth aus Korridoren und Türen." (Steinaecker 2007)



24. Sep 2007_2

Ariane = Ariadne


Kämen Sie auf die Idee, beim Start einer Ariane-Rakete der europäischen Raumfahrt-Agentur ESA an die Labyrinth-Sage zu denken?

Diese Ariane ist niemand anderer als die französische Variante der antiken Ariadne, Tochter des Königs Minos, Halbschwester des Minotauros und Geliebte des Theseus, der ohne ihren sprichwörtlich gewordenen Roten Faden-niemals aus dem Labyrinth herausgefunden hätte.

Der Bezug zur Raumfahrt ist aber schon deshalb stimmig, weil Ariadne der Sage entsprechend nach ihrem Tod als Sternbild in den Himmels versetzt wurde: als Diadem oder Krone

Ich mußte an diese Rakete (genauer: diese ganze Serie von Weltraumfahrzeugen) mit dem Namen der Prinzessin denken, als ich vor einigen Tagen den ersten Teil einer Sendung über drohende Kometeneinschläge auf der Erde sah - worin man einen dieser gefährlichen Boliden mit Hilfe einer atombombenbestückten Ariade-Rakete sprengen wollte (allerdings vergeblich).

Ach ja: eine neue Oper, Ariadne und Blaubart (von Paul Dukas) wurde Mitte September in Paris aufgeführt. Es handelt sich um eine weitere von schon mehr als 40 (vierzig!) Opern-Variationen dieses Themas - nun als Kombination des antiken (Teil-)Mythos mit dem Blaubart-Märchen. Manche Interpreten sehen in diesem Stück Ariadne als "weiblichen Prometheus, der sich gegen die göttliche Macht auflehnt und den Menschen Befreiung bringen will" . (Schreiber 2007)



24. Sep 2007

Labyrinth als Metapher für Hochbegabung und Schreiben


Bei der Arbeit an meinem Buch Das Drama der Hochbegabten habe ich entdeckt, daß es da vielfältige Bezüge zur Labyrinth-Thematik gibt:
° sowohl was die einzelnen Figuren (Daidalos, Minos, Theseus etc.) angeht, die für mich exemplarisch bestimmte Typen von Hochbegabung und ihrer Realisierung darstellen
° als auch was den Suchvorgang während des Kreativen Prozesses angeht, der charakteristisch für das Denken vieler (aller?) Hochbegabten ist.

Ähnlich sieht es für mich mit dem Schreiben aus, wo man sich ja vor dem Einstieg in ein neues Text-Projekt, gleich ob kürzere Geschichte oder umfangreiches Buch-Manuskript, erst einmal wie ein einem Irrgarten von Informationen wähnt - ehe man allmählich den Kerndes Ganzes entdeckt, der das Schreiben zum immer neuenGang durch ein Labyrinth klassischer kretischer Struktur werden läßt; bis der Text fertig ist.

Nachdem das Schreiben (speziell in Form des von mir entwickelten HYPERWRITING) ein zentrales Denk- und kreativitäts-Werkzeug für viele, wenn nicht die meisten Hochbegabten ist, werden diese beide Themen-Komplexe - Schreiben und 'Hochbegabung - durch das Labyrinth-Motiv auf geradezu ideale weise miteinander verknüpft.



23. Sep 2007_2

Hitlers Größenwahn, die Zweite (Labyrinth)


Es ist so etwas wie ein Jagdfieber, wenn ich ein neues Buch lese: Wird auch in diesem das Labyrinth in irgendeiner Form auftauchen?

Bingo! es taucht auf, in Ralph Giordanos Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte :

" . .. . nun endlich ist das Zentrum des gigantomanischen Labyrinths in der Nähe, ist der innere Rand, der Vorhof der modernen Stein-Stahl-Beton-und-Glas-Höhle eines modernen Minotaurus erreicht, breiten sich die Pläne für den Palast des Führers aus - so genannt, obwohl damit Hitlers Wohnung gemeint ist. Aber wer mag ein Gebäude von einer Million Quadratmetern schon so nennen?" (S. 100)

Manches Buch, das ich ob seiner miesen Qualität lieber weggeworfen hätte, habe ich dennoch bis zum Ende durchgelesen - weil ich geradezu versessen darauf war, auf einen Labyrinth-Hinweis zu stoßen! Und ich bin eigentlich fast immer fündig geworden. Es ist einfach die Metapher schlechthin, das Symbol, um einen Zustand von Verworrenheit, Undurchsichtkeit, beängstigender Fülle auszudrücken - und dies wiederum ist die Chiffre schlechthin zur Kennzeichnung unserer Geschichtsepoche. Das beginnt schon lange vor Hitler und seinen irrsinnigen Plänen für Krieg und Nachkriegszeit.

(Giordanos Buch, um dies gleich festzustellen, ist von exzellenter Qualität, sehr gut recherchiert und aufbereitet. Leider bekommt manes nur noch antiquarisch - aber es ist lieferbar.)



22. Sep 2007

Historischer Kern der Labyrinthiade: Kreta vs. Athen


Ich vermute, daß der wahre (= historische) Kern der Labyrinthiade der einstige Kampf Kretas und Athens um die Vorherrschaft im Mittelmeer war. Kreta war die alte Macht, mit dem Stierkult als religiösem Fundament. Athen war die aufstrebende neue Macht, mit Menschen viel ähnlicheren Göttern wie Zeus und Apoll.

Wir wissen, daß Athen die Inselmacht der minoischen Kultur besiegte (die dennoch die Wurzel der abendländischen Zivilisation bleibt). Und daß deshalb, wie Sieger es so machen, die unterlegene Kultur dämonisiert wurde. Das könnte der Kern der ganzen Labyrinth-Heldenreise des Theseus und seines Kampfes mit dem stierhäuptigen Ungeheuer Minotauros (und dem König Minos) sein.

Aber das ist nur die eine, gewissermaßen die historische Schicht des großen Sagenkomplexes. Es gibt noch andere:

° die psychologische (die Figuren der Labyrinthiade als Innere Gestalten in jedem Menschen - der Minotauros besipielsweise als Schatten)

° die symbolische (warum gibt es zwei Strukturen: das klare kretische L. mit seinem einen Gang - und die verwirrende Vielfalt des Irrgartens, der ja auch als Synonym verwendet wird für Labyrinth)

° und sogar eine mathematische (die geheimnisvolle Kontruktion des Labyrinths mit seinen sieben Bogengängen WIE MAN EIN LABYRINTH KONSTRUIERT - wer hat sich das vor fünf Jahrtausenden ausgedacht - und warum?



21. Sep 2007

Film "Macbeth" von Orson Welles


In der Südd. Zeitung werden einige DVDs vorgestellt, darunter Macbeth in der Regie von Orson Welles. Hierzu vermerkt der Rezensent: "Das Labyrinthische, das Höhlenhafte seiner Filme verdankt sich schlicht den ständigen Budgetschwierigkeiten . . ." (SZ vom 17. Sep 2007)



17. Sep 2007

Oper "Medea" von Pascal Dusapin


Ähnlich wie Ariadne (s.u.) hat Medea immer wieder Künstler inspiriert; so im September 2007 Pascal Dusapin zu der Oper mit ihrem Namen als Titel - nach Heiner Müllers Textvorlage Medeamaterial.
(Mehr zur Figur der Medea in der LABYRINTHIADE)



16. Sep 2007

Sobald man die Antennen für das Thema geeichet hat . . .


. . .begegnet einem das Labyrinth-Thema unaufhörlich. Sei es in den neuen Opern von Pascal Dusapins (Medea) und Hans Werner Henze (Phaedra); sei es in der Tageszeitung oder im Fernsehen, auf CD-Covers oder Werbeplakaten - und manchmal kaum erkennbar in der Äußerung eines Politikers (oder Wissenschaftlers), er habe den Roten Faden in irgendeiner Angelegenheit gefunden.


15. Sep 2007

Ferienlektüren


Bei meiner Ferienlektüre (dem üblichen Sammelsurium sachlicher und unterhaltsamer Literatur) fiel mir mal wieder auf, daß fast in jedem Buch in irgendeiner Form Bezug auf das Thema Labyrinth genommen wird. Aktuelle Beispiele aus diesen drei Wochen:

° Theseus ist der Held der LABYRINTHIADE. Theseus ist auch der Name einer Zitat-Datenbank und Suchmaschine im Internet, die zur Zeit im Auftrag der Regierung der Bundesrepublik aufgebaut wird und einen großen Nachteil der deutsch(sprachig)en Forschung ausgleichen soll: daß bisher Zitationen zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen (in Form von Kurzfassungen - abstracts) nahezu auschließlich in englischsprachigen Datenbanken erfaßt werden.
(Fundstelle: S. 70 in Sprache: ´Sanftes´ Machtinstrument in der globalen Konkurrenz von Franz Stark. Paderborn Jan 2007, Asgard. Ein hochinteressantes Büchlein, dessen gerade mal 76 Seiten enormen sprachpolitischen Sprengstoff bergen - Besprechung hier: "Sprache . . .".)

° In einer Krabbelkiste im Vorraum der lokalen Filiale der Raiffeisenbank fand ich eine gut erhaltene Ausgabe von Johann Peter Hebels Kalendergeschichten (entstanden um 1811). Auf S. 48 wird ein Anwesen in England beschrieben, das eigentlich nur ein maze sein kann, ein typisches englisches (Garten-)Labyrinth:
"Der König und viele andere große Herren und Frauen waren an einem schönen Sommertag in einem großen königlichen Garten versammelt, dessen lange und gewundene Gänge sich in der Ferne in einem Wald verloren . . ." (S. 48: "Böser Markt").

Weitere Labyrinth-Bezüge fand ich auch in den anderen Ferienlektüren, fast allesamt Krimis:

° Barrier Reef von Manuela Martini (S. 167: "Labyrinth")

° Die Angst reist mit von Eric Ambler (S. 109 wird das Thesaion erwähnt, ein antiker Tempel in Athen, der dem legendären König Theseus zugeschrieben wird)

° Eine Tote gibt Auskunft von Janwillem van de Wetering (S. 95 ist von einem "Regierungs-Labyrinth" die Rede, S. 127 heißt es, "unsere Insel ist ein Irrgarten" und S. 174 verzeichnet ein "fahlgrünes Labyrinth" in einer Landschaft)



6. Sep 2007

Oper "Phaedra" von Hans Werner Henze


In Berlin inszeniert Peter Musssbach die Uraufführung der neuen Oper Phaedra eines der bekanntesten deutschen Komponisten. Warum wohl wählt ein heutiger Künstler so einen uralten Stoff? Weil er eben immer noch modern ist:

Phaedra ist eine der Töchter des Königs Midas, Schwester der Ariadne und des Minotauros. Lange nachdem Theseus Ariadne schmählich auf der Insel Kos hat sitzenlassen, ehelicht er Phaedra. Diese fängt irgendwann eine unglückselige Affaire mit Theseus´ Stiefsohn Hippolytos an (dessen Mutter die Amazonenkönigin Hippolyte war). Und dieses Familiendrama ist zeitlos.



1. Sep 2007

TodesLabyrinth der Schützengräben


"Viele Millionen Soldaten kämpften im Ersten Weltkrieg in einem Labyrinth aus Schützengräben." Entsprechend war der Titel sehr treffend, den ein Special des Spiegel TV erhielt: "Das Todeslabyrinth".
Daß damit nicht die klassische Struktur eines kretischen Labyrinths gemeint war, ist klar: hier geht es um den Irrgarten in seiner schrecklichsten, bedrohlichsten Form: der des Krieges.



31. Aug 2007

Warum mich das Labyrinth-Thema so fasziniert?


Nicht zuletzt deshalb, weil es eine so passende Metapher für ein "selbstgebautes Gefängnis" ist. In meiner langjährigen psychologischen Praxis - und natürlich auch im eigenen Leben - begegnete ich immer wieder Situationen, in denen jemand sich unübersehbar in eine Falle manövrierte, aus der es nur schwer ein Entkommen gab.

Genau dies ist der Sachverhalt, der dargestellt wird in einem Teil der Labyrinth-Sage: Der geniale Erfinder DAIDALOS konstruiert für die ausgeflippte Gemahlin des Königs Minos (seinem eigentlichen Auftraggeber und Herrn) eine künstliche Kuh, in der sie sich verbirgt und vom prächtigsten Stier aus des Königs Herde begatten läßt. Aus dieser Mesalliance entsteht der schreckliche Minotauros.

Der König ist über beides, die Beihilfe zum bizarren Seitensprung der Königin wie dem daraus entstehenden Wechselbalg, verständlicherweise wenig erfreut. Zur Strafe muß Daidalos ein sicherer Gefängnis für das Ungeheuer erbauen - in das der wütende König in praktischerweise gleich selbst mit verbannt.

Allerdings wäre Daidalos nicht Daidalos,wenn es ihm (und seinem Sohn Ikaros) nicht gelänge, zu entfliehen: Mit Hilfe künstlicher Flügel.

Was diese künstlichen Flügel im übertragenene Sinn sein könnten, ist eine der spannendsten Aufgaben, welche die psychologische Praxis stellt.



26. Aug 2007

Vandalismus läßt sich nicht vermeiden


Jedes Jahr bin ich zu Besuch im Wallis und gehe einige Male durch das Labyrinth. Ich freue mich, daß jemand ab und zu das üppig wuchernde Gras zwischen den Begrenzungslinien der sieben Bogengänge mäht. Ich entdecke dabei kleine Zeichen von anderen Besuchern: neue Steine, eine abgebrannte Kerze (da hat wohl jemand meditiert).

Auch Spuren von Vandalismus sind gelegentlich zu erkennen - eine zerschlagene Schnapsflasche, Traktorspuren (weil ein übereifriger Einheimischer das Nachbarfeld schnell erreichen wollte). Damit war zurechnen, bei so einem öffentlichen Angerbot. Aber das hält sich zum Glück in Grenzen. Ich möchte nicht wissen, wie ein solches Labyrinth im Englischen Garten in München schon nach wenigen Tagen aussehen würde!



23. Aug 2007

"Die Wüste ist das größte Labyrinth" . . .


. . . formulierte Borges irgendwo. Ich zitiere das aus einer Rezension in der Südd. Zeitung über den Film Fata Morgana von Simon Groß (Göttler 2007).



2. Juli 2007

Roter Faden und Irrgarten


Zwei aktuelle Beispiele aus einem Artikel des Spiegel (Schultz 2007 - Hervorhebungen: JvS) :

° "Die Befunde weisen klar in eine Richtung: Die Geburt der Kunst vollzog sich [vor 35.000 Jahren] offenbar aus dem Geist der Magie. [. . .] Die ´alten Meister` des Paläolithikums sind zwar bald 1300 Generationen von uns Heutigen entfernt. Aber es gibt einen roten Faden, der eine Verbindung zu ihnen herstellt: Es sind die ´Wilden´ und Naturvölker, erforscht von der Ethnologie. " (S. 139)

° "Vieles an den Phantasiegestalten der Urzeit ist gleichwohl schwer zu verstehen. Die frühe Kunst gemahnt an einen farbenfrohen Irrgarten." (S. 145)




27. Juni 2007

Ikaros - in Döblins "Hamlet .. . "


Seit 1962 besitze ich, sogar in der Erstausgabe, den Roman Hamlet, oder: Die lange Nacht nimmt ein Ende von Alfred Döblin, der bei seinem Erscheinen geradezu enthusiastisch gelobt wurde. Immer wieder nahm ich einen Anlauf, ihn zu lesen. Diesen Sommer klappte es dann endlich. Aber nach dem furiosen Einstieg wurde meine Gesicht immer länger. "So ein langweiliger Mist" fluchte ich immer wieder enttäuscht, "so ein pathetischer Schwulst und Kitsch". In meiner Rezension habe ich das festgehalten: Alfred Döblin: "Hamlet, oder: Die lange Nacht nimmt ein Ende"

Warum ich das Buch hier im Labyrinth-BLog erwähne? Weil nur die Hoffnung, ich könnte auch hier auf einen Labyrinth-Hinweis stoßen, mein Interesse durch das ganze Buch wachhielt! So ist das eben, wenn man von einem bestimmten Thema angefressen ist. Und tatsächlich: aus S. 221 taucht der Ikarus auf:

"Er war beschämt und traurig, Ikarus aus den Wolken gestürzt."

Diese Metapher würde sehr gut zur Hauptfigur passen: Der im Krieg bei einem Kamikazeangriff auf einen Truppentransporter schwer verletzte (beinamputierte) Gordon Allison wird von einer Mutter Alice aus dem Krankenhaus nachhause geholt.
Aber im Rahmen des Romans wird als Ikarus eine ganz andere Figur bezeichnet: der Schauspieler und Theaterregisseur Johnson, der in einer "Geschichte in der Geschichte" eine Aufführung des Shakespeare-Dramas König Lear am Hofe des realen Königs verwirklichen sonn und dabei scheitert.



27. Juni 2007

Medusa im Höhlenlabyrinth


Diesen Roman habe ich - mit großem Zögern - nur deshalb gekauft, weil es in der Werbung hieß: "Eine todbringende Steinskulptur mitten in der Sahara. Eine Forschergruppe, verschollen in einem Höhlenlabyrinth . . ."

Mein Zögern rührte daher, daß ich mit einer Enttäuschung rechnete - enttäuschung durch einen der üblichen klischee-gestrickten und -gesprickten Thriller, wo schon die Erwähnung eines Labyrinths sich immer gut macht, weil das die Neugier des potenziellen Lesers garantiert erregt. Nun, im vorliegenden Fall wurde ich höchst angenehm enttäuscht: Durch einen sehr gute Roman mit SF-Anklängen und einem sehr befriedigendem Schluß.

"Tief im Herzen der Sahara, inmitten jahrtausendealter Felsmalereien, macht die erfahrene Archäologin Hannah Peters eine seltsame Entdeckung: Eine Medusen-Skulptur, verziert mit Landkarten und Symbolen, kündet von einem Kultgegenstand von sagenhafter Schönheit und dunkler Kraft. Und das Volk, das ihn schuf, scheint sich selbst ausgelöscht zu haben.Als ein Team der National Geographic Society mit ihr auf Schatzsuche gehen soll, beschleicht Hannah starker Widerwille. Ein Alptraum beginnt: Was das steinerne Auge der Medusa vermag, ist mit menschlichen Sinnen nicht zu greifen. Es ist nicht bestimmt für die Lebenden . . ."

Das liest sich sehr spannend und ist wirklich sehr gut erzählt. Labyrinth-Bezüge gibt es drei:
° S. 104 (". . .Krüge aus dem Palast des Königs Minos")
° S. 187 ("Selbst die Pyramiden mit ihren ausgefeilten Labyrinthen waren mit dieser Alage nicht zu vergleichen.")
° und im Rückentext des Taschenbuchs (das bereits erwähnte "Höhlenlabyrinth").

Man sieht schon an der Formulierung, daß hier wieder einmal der Charakter des Verwirrenden einer komplexen Situation oder baulichen Anlage zur Verwendung des Stichworts "Labyrinth" führt. Das erste Zitat bezieht sich immerhin auf den König Minos und somit auf die konkrete minoische Kultur, der das eigentliche "klassische kretische" Labyrinth-Motiv mit seinen sieben Gängen zugeschrieben wird.



5. Mai 2007

Stadt-Labyrinth Damaskus


"Drei Tage lang die Stadt erkunden, dann Gedichte über Damaskus schreiben, [ . . . ] fahren vom Hotel zu dem "kleinen, alten Palast", zunächst durch die Neustadt mit den orientalisch angehauchten Art-Deco-Gebäuden und hässlichen schwarzgrauen Wohnsilos, dann an der alten Stadtmauer entlang. Bashar fährt um die Altstadt herum, überquert dreimal den Barada-Fluss, kämpft sich auf Schnellstraßen voran, um sich schließlich zu verirren und doch am Bab el Tuma, dem Tor des Heiligen Thomas, anzukommen. Von dort geht es im quirligen christlichen Viertel zu Fuß weiter, durch ein Labyrinth verwinkelter Gassen." (Sartorius 2007)



3. Mai 2007

Staats-Labyrinth Türkei


"Wird ein Kind in der Türkei geboren, dann steht in der Geburtsurkunde in der Rubrik Religion: Islam. Keiner fragt, ob für die Eltern Mohammed ein Prophet und der Koran eine Offenbarung ist. Oder ob sie an einen anderen Gott glauben oder vielleicht an gar keinen. So kommt es, dass 99 Prozent der Türken offiziell Muslime sind. Ihr Staat will es so. Es ist derselbe Staat, der Studentinnen verbietet, an Universitäten Kopftücher zu tragen, und der schon in seinen Schulen lehrt, der Islam sei eine rückwärtsgewandte Religion. Die türkische Republik ist ein einziger Widerspruch.
Dies macht es der Türkei schwer, und auch den Europäern, die sich ein Urteil über das Land bilden wollen. Dabei finden sie sich nicht selten in einem Irrgarten wieder, in dem die Aufschriften der verstreuten Wegweiser auch nicht weiterhelfen [. . .]
In einer anderen Ecke des türkischen Labyrinths steht eine Regierung, die es den Orientierung Suchenden schon deshalb schwermacht, weil sie kein einfaches Etikett trägt: Ist Premier Tayyip Erdogan nun ein Islamist oder ein geläuterter Islamist, ein Islamisch-Konservativer oder vielleicht doch ein Demokrat, der nicht gefährlicher ist als ein CDU-Politiker, der sonntags in der Kirche kniet?"
(Schlötzer 2007)

Beide Male ist natürlich, wie auch in den anderen Beispielen, nicht das klassische (kretische) Labyrinth gemeint, in dem man sich nicht verlaufen kann - sondern der Irrgarten, in dem man sich so leicht verrennt - was ja der so aktuellen Metapher erst ihren tieferen Sinn verleiht.




Unten bei den Literaturangaben sind einige weitere Belege für die Aktualität des Labyrinth-Motivs kommentarlos zusammengestellt.


Literatur

Klassisches kretisches Labyrinth:
Candolini, Gernot: Das geheimnisvolle Labyrinth. Augsburg 1999 [Pattloch - schöner Bildband]
Ceram, C.W.: Götter Gräber und Gelehrte - Roman der Archäologie. (1949). . Hamburg März 1951, 78. - 106. Tsd. (Rowohlt)
Colli, Giorgio: Die Geburt der Philosophie". (1975) Frankfurt 1990 (Athenäum TB)
Dusapin, Pascal: Medea. September 2007 (Oper nach Heiner Müllers Textvorlage "Medeamaterial")
Henze, Hans Werner: Phaedra. September 2007 (Oper)
Jakolski, Helmut: Das Labyrinth - Symbol für Angst, Wiedergeburt und Befreiung. Stuttgart 1994 (Kreuz)
Kern, Hermann: Labyrinthe. München 1982 (Prestel)
Kerr, Philip: Der zweite Engel. (1998) Reinbek 2000 (Rowohlt TB - spannender Science-Fiction-Thriller, der auf dem Mond in einem als kretisches Labyrinth gebauten Sicherheits-Gebäude spielt)
Morgenroth, Hannelore: Den roten Faden finden. München 1995 (Kösel)
Ransmayr, Christoph: "Das Labyrinth". In: Thalmayr, Andreas: (d.i. Hans Magnus Enzensberger): Das Wasserzeichen der Poesie, oder: Die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen. Nördlingen 1985 (Greno: Die Andere Bibliothek)
Siebenmorgen, Harald (Hrsg.) Im Labyrinth des Minos: Kreta, die erste europäische Hochkultur. München 2000 (Biering und Brinkmann)
Stark, Franz: Sprache - "Sanftes" Machtinstrument in der globalen Konkurrenz. Paderborn 2007-01 (Asgard)

Irrgarten:
(anonym): Star Wars: Boba Fett, Bd. 3: Das Labyrinth (2004) Stuttgart 2005 (Dino: Lucas Books)
Ambler, Eric: Die Angst reist mit. (1940) Zürich 1975 (Diogenes)
Augustin Ernst: Raumlicht - Der Fall Evelyne B. Frankfurt am Main 1976 (Suhrkamp)
Döblin, Alfred: Hamlet, oder: Die lange Nacht nimmt ein Ende. Berlin 1956 (Rütten & Loening)
Durrell, Lawrence: Das dunkle Labyrinth. (1947) Reinbek 1994 (Rowohlt -Roman, der auf Kreta spielt)
Feltrinelli, Carlo: Senior Service - Das Leben meines Vaters. München 2001 (Hanser), zit.n. Südd. Zeitung vom 27. Nov 2001: "Die Feste des Verlegers"
Göttler, Fritz: "Bitterer Sieg". In: Südd. Zeitung vom 23. Aug 2007
Hebel, Johann Peter: Kalendergeschichten. (1811 ca.). Dortmund 1984 (Harenberg Kommunikation)
Hocke, Gustav René: Die Welt als Labyrinth (Manierismus I). Hamburg 1957 (RoEnz)
Martini, Manuela: Barrier Reef. Bergisch-Gladbach 2003 (Bastei Lübe TB)
Rühe, Axel: "Zeugen vergilbter Vergangenheit". In: Südd. Zeitung vom 12. Dez 2001
Sartorius, Joachim: "Das kalte Licht". In: Südd. Zeitung vom 5. Mai 2007 (Wochenend-Beilage)
Sautoy, Marcus du: Die Musik der Primzahlen. (London 2003). München 2004 (C.H.Beck)
Schlötzer, Christiane: "Türkisches Labyrinth". In: Südd. Zeitung vom 3. Mai 2007 (S. 4: Meinungsseite: Leitartikel)
Schmitt, Christopher: "Zeitgemäße Physiognomien: Der Kopfgeldjäger". Südd. Zeitung vom 2001-11-22
Schreiber, Wolfgang: "Der weibliche Prometheus". In: Südd. Zeitung vom 24. Sep 2007, S. 13
Schulz, Matthias: "Am Anfang war die Kunst". In: Der Spiegel Nr. 27 vom 2. Juli 2007 (Titel-Geschichte)
Sinopoli, Guiseppe: Parsifal in Venedig. (Mailand 1993) München 2001 (Claassen)
Stanfill, Francesca: Das Labyrinth von Wakefield Hall. (1993) München 1996 (Piper)
Steinaecker, Thomas von: "Der Mann der vielen heimlichen Leidenschaften". In: Südd. Zeitung vom 24. Sep 2007
Thiemeyer, Thomas: Medusa. München 2005 (Knaur TB). 384 S - € 7,95
Wetering, Janwillem van de: Eine Tote gibt Auskunft. (Utrecht 1975_A.W. Bruna). Reinbek 1978-02 (Rowohlt Thriller TB)
Winterbottom, Michael (Regie): 24 Hour Party People


© 2007 für diesen Text: Jürgen vom Scheidt / Quelle: www.hyperwriting.de