FREUD-BLog*

Die Aktualität Sigmund Freuds und seiner Psychoanalyse





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[2007-11-21 wip / ur 2007-11-01]


(Autor: Jürgen vom Scheidt)




Dieser BLog ist gewissermaßen mein Vorfluter zu neuen Informationen in Sachen Aktualität von Sigmund Freud und der Psychoanalyse. Die Form des BLog - in ihrer Kombination von Persönlichem und Sachlichem - erleichert die Verarbeitung des neuen Materials.

Weitere Infos zur Thematik finden Sie in diesen Beiträgen hier auf der Website:

COMING OUT MIT PSYCHOTHERAPIE (Katalog)




Inhalt dieses Beitrags
21. Nov 2007: Gestern beim Zahnarzt
10. Nov : Freud als Schriftsteller
25. Okt : Zehn bis 15 Millionen Psychotherapien allein in den USA
10. Okt : Er hat die westliche Kultur umgekrempelt
12. Sep : Freud und das (Kreative) Schreiben
5. Aug : Kritik an der Kritik, oder: Praxis ist wichtiger als Theorie
14. Juli : Drei verschiedene Reaktionen auf die Psychoanalyse
11. Juni : Die Psychoanalyse ist kein Heilmittel wie eine Kopfschmerztablette
9. Mai : Zur Bedeutung Freuds für Kultur und Gesellschaft
6. April : Sex and crime sells always
17. März 2007: Was bleibt von Freud?

6. Mai 2006: Sigmund Freuds Tag: 6. Mai
_Bibliographie




21. Nov 2007

Gestern beim Zahnarzt


Da müsse er wohl doch etwas tiefer am Zahnhals bohren, meinte mein Zahnarzt am Vortag, "da spritz ich Ihnen vorsichtshalber was ein". Was er dann dankenswerterweise sogleich tat.
"Ist die Lippe schon taub?" Ich nickte. "Dann fangen wir an -"
Und wie froh ich war,daß "die Lippe schon taub" war!

Was im Mai 2006 im Rahmen der der Freud-Retrospektiven zum 150. Geburtstag nur in der Süddeutschen Zeitung in einer kleinen Randbemerkung erwähnt wurde, das ist eine Würdigung von Freuds Rolle bei der Entdeckung des Kokains für die Lokalanästhesie. Jeder kann die Bedeutung dieser segensreichen Entdeckung selbst nachvollziehen, wenn der Zahnarzt durch eine Spritze mit Ultracain, einem modernen Abkömmling von Novocain, eine eng begrenzte segensreiche Betäubung setzt. Dieses Novocain wiederum war nichts anderes als ein chemischer Abkömmling jenes Cocains, das Freud 1884-1886 nach allen Richtungen hin untersuchte – auch im Selbstexperiment. (Wer das nachlesen will, besorge sich in einer gut sortierten Bibliothek mein Buch Freud und das Kokain von 1973.)

Freud experimentierte in den Jahren 1884 bis 1886 (also mehr als ein Jahrzehnt vor seiner Entwicklung der Psychoanalyse, für die er ja eigentlich bekannt wurde) intensiv mit dem damals gerade für die Medizin und Pharmakologie entdeckten Substrat der Coca-Blätter aus Südamerika.

Er schrieb einige der ersten bahnbrechenden Studien über die Droge - freilich ohne damals zu wissen, was für ein gefährliches Zeug er da im Visier hatte. Dabei fiel ihm auf, daß sich mit dieser Substanz sehr gezielt Nerven betäuben ließen, in deren Umkreis man dann schmerzfrei operieren konnte. Das war ein enormer Fortschritt gerade bei kleineren Eingriffen wie am Auge (die erste Anwendung durch Freud) und später dann an den Zähnen, wo man keine problematische Vollnarkose einsetzen wollte und die Patienten deshalb gehörig Schmerzen ertragen ließ.

Freud war da jedoch bereits mit anderen Projekten beschäftigt (wollte wohl auch mit dem Kokain nichts mehr zu tun haben, dessen Gefahren man inzwischen erkannt hatte, was wiederum Freud heftige Vorwürfe einbrachte). Er verlor die Lokalanästhesie aus dem Sinn - und mußte später zur Kenntnis nehmen, daß sein Kollege Carl Koller diese bahnbrechende Entdeckung weiterentwickelte, sie sozusagen marktreif machte - und den ganzen Ruhm einheimste.

Heute verwendet man kein Kokain mehr zur örtlichen Betäubung, sondern pharmakologisch veränderte Abkömmlinge (Ultracain etc.) - denken Sie trotzdem bei Ihrem nächsten Besuch auf dem Stuhl Ihres Zahnarztes auch mal einen Moment lang an Sigmund Freud und nicht nur an seine Couch!



10. Nov 2007

Freud als Schriftsteller


Wer wissen möchte, welche Rolle "Freud als Schriftsteller" spielt, der möge Walter Muschgs Aufsatz gleichen Titels studieren (1975 auch als Taschenbuch in der Reihe "Kindler: Geist und Psyche" erschienen). Der bekannte Schweizer Literaturwissenschaftler ist darin des Lobes voll für Freuds klare und anschauliche Sprache in seinen vielen Büchern und Artikeln:

"Freud ist heute im deutschen Sprachgebiet vielleicht das größte Beispiel eines organisch erwachsenen literarischen Triumphes, einer unbeirrbar durch Jahrzehnte vorbereiteten Wirkung."


Dies ist ein Lob aus den 1930-er Jahren - aber dem kann man auch heute noch bei der Lektüre Freudscher Arbeiten zustimmmen, die ja nach wie vor in großen Auflagen gedruckt werden. Dieses Lob unterläßt der Sozialwissenschaftler Ulrich Sonnemann seltsamerweise in seinem Lexikonbeitrag 1982 (s.u.) ; dafür lobt er Freud für ganz andere Qualitäten:

"F[reud] ist in die Geistesgeschichte und in die Geschichte der Literatur in einem Maße verwoben, vom dem sich unzureichende Vorstellungen macht, wer für eine Abwägung dieses Verhältnisses nur die unmittelbaren Einflüsse des Seelenforschers F. in Betracht zieht, etwa seine Bedeutung für den späten Thomas Mannm, für Arnold Zweig, Somerset Maugham, T.S. Eliot, in noch größerer Drastik in den Jahrzehnten nach dem ersten Weltkrieg für mindere Schriftsteller [. . .] Immer deutlicher wird vielmehr, daß wesentliche Momente aus dem zeitgenössischen Menschenbild und Bewußtsein überhaupt nur von der präzedenzlosen Desillusionierung des Menschen über sich selbst her erfaßt werden können, die er, mit welcher Schlüssigkeit auch immer, vollzog; daß also die Ideengeschichte des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahhrhunderts in diesem pessimistischen Arzt einen ihrer entscheidenden Pioniere und Umwälzer hat. . ."
(Sonnemann, Ulrich 1982)

Nun könnte man kritisch einwenden, dieses doppelteLob sei gewissermaßen der "Schnee von gestern", Freud sei ja nun doch schon ein wenig veraltet. . .

Da kann ich nur sagen: Von wegen veraltet. Soeben ist ein Buch des amerikanischen Wissenschaftsjournalisten Richard Panek mit dem Titel Das unsichtbare Jahrhundert erschienen, das Freud und Einstein alsdie großen geistigen Revolutionäre feiert. Was gut zu der Karikatur auf der Titelseite von time Magazine zum Jahrtausendwechsel paßt: Einstein bei Freud auf der Couch.



25. Okt 2007

10. Zehn bis 15 Millionen Psychotherapien allein in den USA


Schon vor mehr als einem Jahrzehn war zu lesen, daß man allein für die USA die Anzahl der bis dahin absolvierten psychotherapeutischen Behandlungen ("talking cures"), gleich welcher Art der existierenden mehr als 200 Methoden auf "10 bis 15 Millionen" schätzte (Time Magazin vom 29. Nov 1993). Inzwischen dürfte es noch einige mehr sein. Ich habe keine Ahnung, wie diese Schätzung zustande kam (ist wohl auch kaum statistisch „sauber“ machbar) – aber sie ist überschlagsmäßig plausibel, nachdem es weltweit schon gut 100.000 psychotherapeutisch arbeitende Fachkräfte geben dürfte. So etwas verändert die Welt bzw. die Menschheit – wenn auch nur unmerklich.



10. Okt 2007

Er hat die westliche Kultur umgekrempelt


Aber Freud ist auch noch in - vielerlei - anderer Hinsicht äußerst aktuell - hat seine Psychoanalyse und die damit von ihm entwickelte Tiefenpsychologie doch unsere ganze westliche Kultur ziemlich nachhaltig umgekrempelt.
Das kann man bei der Lektüre der Tageszeitung leicht feststellen: Es vergeht, wie oben schon erwähnt, fast kein Tag, ohne daß Freud irgendwo erwähnt, zitiert oder auch kritisiert wird.

Wer kann das schon von sich behaupten - Charles Darwin, Karl Marx und Albert Einstein mal ausgenommen.



12. Sep 2007

Freud und das (Kreative) Schreiben


Außer der Gesellschaft hat Freud, so nebenbei, die gesamte westliche Kultur in heute kaum mehr nachvollziehbarer Weise beeinflußt – auch wenn große Schriftsteller wie James Joyce und Robert Musil solche Einflüsse weit von sich gewiesen haben. Freud begann ja schon um 1900 den Zeitgeist nachhaltig zu beeinflussen und dann zu verändern; dem konnten weder Joyce noch Musil sich entziehen (die Wirkung war halt eine unbewußte!).

Nicht nur die surrealistischen Dichter (André Breton allen voran) und Maler (Max Ernst und Salvador Dali setzte die Welt der Psychoanalyse in eindrucksvolle traumhafte Bilder um) haben Freud viel zu verdanken, insbesondere durch seine Beschäftigung mit den Träumen und damit ihrer Aufwertung.

Ohne seine Technik der Freien Assoziation schließlich (die Freud einer Anregung des von ihm sehr geschätzten Ludwig Börne verdankte) wären die modernen Autoren arm dran.

Abgesehen davon war er selbst ein brillanter Schriftsteller und Sprachschöpfer. Wer weiß schon, daß Begriffe wie Trauerarbeit, Verdrängung, Überich, Identifikation mit dem Aggressor, Fehlhandlung, psychischer Abwehrmechanismus und Dutzende anderer, die heute fast jeder gelegentlich im Munde führt - von Freud in die deutsche Sprache eingeführt wurden?



5. August 2007

Kritik an der Kritik, oder: Praxis ist wichtiger als Theorie


Daß manche von Freuds Erklärungen und Hypothesen das Jahrhundert nicht überdauert haben - mich stört das nicht. Würde man die zerstörten Theorien der Naturwissenschaftler genauso analysieren oder diskutieren, käme vermutlich ein noch weit schlechteres Verhältnis von Brauchbarem zu Unbrauchbarem heraus. Wissenschaft entwickelt sich nämlich in der kontinuierlichen Überprüfung von Arbeitshypothesen und deren Verwerfung, sobald sie ihren Dienst zur Erklärung der Welt nicht mehr optimal erfüllen.

Deshalb ist wenig verständlich, daß Wissenschaftstheoretiker wie Karl Popper die Psychoanalyse als unwissenschaftlich geradezu verdammt haben. Dies dürfte bei Popper und anderen Kritikern allerdings ein Reflex auf das letztlich sinnlose Bemühen der Psychoanalytiker (und inzwischen der Psychologen überhaupt) sein, sich als Ausübende einer (Natur-)Wissenschaft zu vermarkten. Dies nicht zuletzt, um bei den Medizinern einen guten Platz am Futtertrog zu ergattern - und dort muß man sich heute gewissermaßen als "naturwissenschaftlich korrekt" zertifizieren lassen.

Was für ein Unsinn: Die Psychoanalyse ist eine Kunst und ein Handwerk mit naturwissenschaftlichem Hintergrund - ebenso wichtig ist jedoch ihre geisteswissenschaftliche Komponente. Eine kleine Pikanterie am Rande diesbezüglich: Der bekannte Börsenspekulant, Milliardär und Philanthrop George Soros ist ein großer Verehrer von Karl Popper und dessen Eintreten für die open society einer humanen Demokratie. Aber was Freud und die Psychoanalyse betrifft, so hätte Soros bei seinem Mentor Popper leicht den Gegenbeweis zumindest bezüglich ihrer Wirksamkeit antreten können. Ihm ihm persönlich haben nämlich einige Gespräche mit einem Psychoanalytiker geholfen, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, als er nach großen beruflichen und privaten Problemen am Abstürzen war. (Nachzulesen in Soros über Soros, S. 61)



14. Juli 2007

Drei verschiedene Reaktionen auf die Psychoanalyse


Es gibt im Grunde genommen drei verschiedene Reaktionen auf die Psychoanalyse und damit auf Freuds Person und sein Wirken:

1. Man macht eine gute Erfahrung mit so einer Behandlung und sieht Freud und sein Werk entsprechend dankbar in einem positiven Licht.

2. Man macht eine schlechte Erfahrung damit und sieht Freud und sein Werk ab da vermutlich eher negativ (alles andere wäre zu viel an Selbstverleugnung).

3. Man hat keinerlei persönliche Erfahrung mit der Methode.

Fall 1 ist mein eigener. Ich verdanke zwei Psychoanalysen mehr als mein Leben: nämlich meine psychische Gesundheit und die Freilegung meiner durch endlos langen Schulbesuch und ebenso endloses Studium* blockierten Kreativität.
(* Schule und Universität dauerten zusammen 13 + 6 = 19 Jahre meines Lebens - was für ein Irrsinn!)
Entsprechend dankbar bin ich dem Erfinder dieser großartigen Methode und seinen hilfreichen Schülern. Das hat mir nicht die Augen und den Verstand verschlossen gegenüber Schwächen der Psychoanalyse - vor allem daß die Analytiker manchmal zu geduldig nur "zuhören". Aber das ist andrerseits auch ihre Größe: mit unendlicher Geduld und schwebender Aufmerksamkeit Zuhören zu können. Für mich war das enorm hilfreich.

Was den 2. Fall angeht, denke ich da an den größten Kritiker der Psychoanalyse im deutschsprachigen Raum, der mit unendlichem Fleiß in einer Metanalyse zusammengetragen hat, was es an der Psychoanalyse zu kritteln gibt. Wenn man freilich aus zuverlässiger Quelle erfährt, daß Klaus Grawe als Ausbildungskandidat für den Beruf des Psychoanalytikers abgelehnt wurde (weshalb auch immer), kommt man schon ins Grübeln.

Ein anderer Mann, den ich persönlich kannte, hat sich immerhin fair verhalten und seine negativen Erfahrungen (in seiner Funktion in einem einflußreichen Massenmedium) nicht mißbraucht. Das rechne ich ihm hoch an; denn wie wir in einem Gespräch einmal zufällig feststellten, waren wir beide bei dem selben Analytiker in Behandlung gewesen - ich mit einer sehr guten Erfahrung und Wirkung - er mit einer schlechten, die dazu führte, daß er die Behandlung bald wieder abbrach.

Nochmals anders liegt der Fall bei den Leuten, die keinerlei praktische Erfahrung mit einer Psychoanalyse gemacht haben - wie dies - nach seinen eigenen Worten - bei einem der vehementesten Bekämpfer der Psychoanalyse der Fall war: Dieter E. Zimmer. Er hat in etlichen Beiträgen in der Zeit und in einem Buch mit dem vielsagenden und höchst diskriminierenden Titel Tiefenschwindel keine Mühen gescheut, diese Methode zu entlarven. Von deren Realität kann er keine Ahnung gehabt haben - es sei denn aus zweiter Hand von Patienten mit schlechten Erfahrungen - oder aus der Sekundärliteratur. Und dort findet man bekanntlich imemr das, was man sucht.

Kann man denn, um ein Beispiel aus einem völlig anderen Bereich heranzuziehen, die Aufführung einer Symphonie von Gustav Mahler im Münchner Herkulessaal anhand eines anderen Ohrenzeugen oder eines Buches, das jemand darüber geschrieben hat, in einem eigenen Text beurteilen und in Grund und Boden verdammen? Niemand käme auf so eine absurde Idee. Dieter E. Zimmer schon.

Mehr ist dazu, denke ich, nicht zu sagen.



11. Juni 2007

Die Psychoanalyse ist kein Heilmittel wie eine Kopfschmerztablette


Die Patienten Freuds durften nicht erwarten, daß der Große Meister ihnen mit seiner Behandlung wie irgendein anderer Arzt direkt half. Von seiner „Hand“ war da allenfalls bei der Begrüßung etwas zu spüren – ansonsten verlagerte er alles ins Gespräch und in die Person des Patienten (den man heute lieber Klient nennt): Der sollte sein Schicksal mehr und mehr selbst in die Hand nehmen.

Der Analytiker ist geduldiger Begleiter auf diesem schwierigen, steinigen Weg des „Umbaus der Persönlichkeit“. Ein Beispiel: Wenn jemand spät im Leben erkennt, daß er/sie eigentlich „zum Romanschriftsteller geboren“ ist – aber auf einem Bauernhof mit einem zwölf- und mehrstündigen Arbeitstag oder in der Familie eines trunksüchtigen Hilfsarbeiters aufwuchs (wo man wenig Interesse für geistige Dinge aufbrachte) – dann ist es nicht einfach, dieses Talent doch noch zu entwickeln. Ist aber alles schon vorgekommen. Ein überzeugendes Beispiel:

Frank McCourt schrieb Die Asche meiner Mutter mit 65, nachdem er von seinem Lehrerberuf pensioniert worden war. Er stammte aus einer entsetzlich armen irischen Familie, die von einem Alkoholikervater tyrannisiert wurde.

Bevor Freud seine bahnbrechenden Entdeckungen über das Unbewußte und seine Auswirkungen auf die Persönlichkeit machte, war das Leben jedes Menschen fremdbestimmtes Schicksal – von Gott oder von den Göttern vorgegeben und gesteuert. Freud entdeckte die Relativität dieses Glaubens und ließ ihn zerbröseln. Das hat ihm allerdings in kirchlichen und anderen weltanschaulich festgelegten Kreisen nicht gerade Freunde gemacht: Macht - auch und gerade gesitige Macht - gibt man nicht gerne ab.

Freud und Einstein: Man könnte, gewissermaßen im Kreuzverbund, sagen:

° Freud entdeckte die Relativität der psychischen Strukturen und Kausalitäten in der Tiefenpsychologie

° Einstein entdeckte gewissermaßen das Unbewußte der Materie und schuf eine Art Tiefenphysik.

Zusammen haben die beiden übrigens ein sehr eindrucksvolles kleines Büchlein geschrieben, das Pflichtlektüre für jeden einigermaßen gebildeten Menschen sein sollte: Warum Krieg?

Was die Aktualität des Freudschen Denkens angeht, speziell was er über die Rolle von Sexualität, Aggression und Narzißmus herausfand, so muß man nur, wie schon erwähnt, die Ttielseite der Bild-Zeitung vom Tage lesen, um Freuds Beobachtungen und Ideen sehr drastisch bestätigt zu bekommen.



9. Mai 2007

9. Zur Bedeutung Freuds für Kultur und Gesellschaft


Ohne Freuds Psychoanalyse gäbe es auch kaum das, was man heute als „Psychologisierung der Gesellschaft“ bezeichnen könnte: jene heilsame Ergänzung einer von „harten“ Männern dominierten und von ihnen allerdings zusehends zerstörten Welt durch sensiblere Männer (und natürlich auch durch viele sensible Frauen), die gelernt haben, zuzuhören. Fraglos hat Freud dies auch (nicht nur, wie manche Autoren meinen) von seinen weiblichen Patienten gelernt, ohne welche die Psychoanalyse vielleicht nie entstanden wäre.

Aber er hat es eben erkannt und umgesetzt: daß in jeder (!) Krankheit außer dem somatischen (= körperlichen) Anteil auch ein psychischer Anteil steckt. So etwas wie Psychotherapie gäbe es ohne Freud nicht.

Selbst die Verhaltenstherapie, die zu Zeiten ihres Erfinders Burrhus Frederic Skinner am weitesten davon entfernt war (und so etwas wie das Unbewußte und seine Wirkungen auf die menschliche Persönlichkeit weit und heftig von sich wies), ist schon allein deshalb, weil sie sich als Psychotherapie versteht, in der Dankesschuld bei Freud.

Wenn heute einem Lokomotivführer oder U-Bahnfahrer ein Lebensmüder auf die Gleise springt, wird ihm – zumindest in München – sofort ein Psychologe zur Bearbeitung seines Schocks angeboten. Und keine größere Katastrophe – wie das ICE-Unglück von Eschede, die Terroranschläge auf die Twin Towers vom 11. Sep 2001 oder der Tsunsami von Weihnachten 2004 – ist heute mehr denkbar ohne den Einsatz ganzer Teams von Trauma-Therapeuten. Daß heute (wie bei mir um die Ecke) Münchner Polizisten nicht nur ein Seelsorgerischer Dienst zur Verfügung steht, sondern auch ein Polizeipsychologischer Dienst - das ist letztlich auch Freuds Pionierarbeit zu verdanken, genauer: dem, was er schon um 1900 über die Wirkungen von seelischer Traumatisierung herausgefunden hat .

Was wäre Hollywoods Filmwelt und die moderne Romanliteratur ohne Freud und die buchstäblich gewordene "Couch"? Sogar für Hunde hat man - wenn auch nur als wiziges Wortspiel, die "Couch für alle Felle" ersonnen.Und sogar die Superhelden der Comic-Verfilmungen werden auf dieses Möbel geschickt: In der TV-Serie Superman – die Abenteuer von Lois and Clark landet erst er, Supermann/Clark Kent bei einer Psychotherapeutin ("Das rote Kryptonit") und dann sie, seine Reporterkollegin Lois Lane ("Auch Superhelden brauchen Hilfe"). Ähnlich ergeht es in Batman forever jenem anderen Superhelden.

Woody Allen war nicht nur in seinen Filmen "auf Psychoanalyse" abonniert, sondern hat ihr wohl überhaupt seine persönliche Schaffenskraft zu verdanken, die zuvor neurotisch blockiert war.

Die Beispiel aus Hollywoods Traumfabrik ließen sich beliebig erweitern. Sie sind ein getreuer Spiegel der - nicht nur amerikanischen - Realität, in der so mache kreative Leistung ohne Freud kaum erbracht worden wäre. Und so manchem Stadtneurotiker wie dem nicht geheilten, sondern "religiös bekehrten" Alkoholiker George W. Bush, wünscht man von Herzen, sich endlich mal "auf die Couch zu legen"...



6. April 2007

Sex and crime sells always


"Sex sell´s" eben sehr gut - dafür kommt zum Freud-Jubiläum eine nackte Sexbombe und eine vom Meister phallisch ausgestreckte Zigarre gerade recht. (Daß die Zigarre für Freud gerade nicht Sexualsymbol war, sondern ein wichtiges orales Ersatzstück und daß das Rauchen für ihn eine zentrale narzißtische Funktion hatte, kann Wolfgang Schmidbauer im eingangs erwähnten Buch gut belegen - Im 15. Kap über "Freuds Nikotinsucht")

Dabei war ihm in späteren Jahre, nicht zuletzt unter dem Eindruck der Schrecken des Ersten Weltkriegs, die Aggression nicht minder wichtig: Er sprach sogar vom Todestrieb. Denkt man an die rund 30.000 Atombomben, die heute in den Arsenalen der Weltmächte und der Staaten, die gerne zu diesem exklusiven Club gehören wollen (Nordkorea, Iran, Pakistan) auf ihren Einsatz warten - dann kann man Freud mit seiner Theorie vom Todestrieb der Menschen nur als hellsichtig bezeichnen.

Und der dritte von ihm postulierte Trieb, der Narzißmus? Auch zu ihm findet man die Belege haufenweise in jeder Ausgabe der Bild-Zeitung. Dazu wäre nur anzumerken, daß diesbezüglich die interessantesten Abspaltungen von der Psychoanalytischen Bewegung zu vermerken sind:

° Carl Gustav Jung erschloß mit seiner Archetypentheorie den Bereich der Religion, mit dem Freud überhaupt nichts anfangen konnte);
° Michael Balint (der die positiven Seiten des Narzißmus für die Entstehung der Persönlichkeit als einer der ersten betonte und die Beziehung des Kindes zur Mutter als Grundlage dafür);
° Heinz Kohut (der aus der Beschäftigung mit dem Narzißmus als Kern der Persönlichkeit ebenfalls eine eigene Richtung der Psychoanalyse entwickelte: die Selbstpsychologie und die Repräsentanten des Größenselbst auch auf religiöse Phänomene übertrug; die orthodoxen Freudianer mögen ihn deshalb gar nicht - ebenso wie sie C.G.Jung nicht mögen).

Sex and crime- das sind jedenfalls die beiden wesentlichen Hingucker in den Medien. Und wer hätte uns dazu mehr Verständnis und Hintergrundwissen vermittelt als Sigmund - nomen est omen - Freud?



17. März 2007

Was bleibt von Freud?


Wirklich rundum zufriedenstellend hat die Süddeutsche Zeitung dieser Tage Freuds Leistungen gewürdigt.

Die Zeitschrift Literaturen setzte Freud aufs Titelblatt und widmete ihm eine Reihe interessanter Artikel, die zum Beispiel die wirklich aufsehenerregende Annäherung von Neurobiologie und Psychoanalyse, die zur Zeit stattfindet, erstaunlich detailliert (für eine Literatur-Zeitschrift) vorstellen. Aber warum dieser dämliche MindCatcher auf der Titelseite: "Aus der Traum..." und dazu Freuds Portrait als alter Mann?

Gerade Freuds Bedeutung für das Verständnis der Träume ist bahnbrechend und heutigentags noch immer nicht bekannt genug. Ich arbeite mit seiner Methode - in etwas abgewandelter Form - seit gut vier Jahrzehnten - etwas Besseres gibt es nicht (wenn man einmal von der Gestalttherapie absieht, die Träume nicht verbal oder schriftlich auslotet, sondern wie auf einer Bühne im Hier-und Jetzt inszeniert). Es ist Freuds aufmerksamer Zugang zum Traum und sein Verständnis als Quelle für tagesrelevante und lebensgeschichtliche Zusammenhänge, welche Träume uns zugänglicher macht - und nicht so sehr die oft recht krude (sexual-)symbolische Ableitung. Letztere ist jedoch aus seiner Zeit heraus mehr als verständlich - in der man aus Prüderie sogar die Beine von Klavieren züchtig verhüllte.

Apropos: Warum wird auf all diesen Publikationen immer nur der alte Mann Freud abgebildet? Er hätte dazu sicher eine Freie Assoziation gehabt: "Die wollen mich am liebsten zum alten Eisen werfen - daß meine Ideen nach wie vor so jung sind wie ich selbst einmal war - das wollen sie nicht wahrhaben."

Ja, so ähnlich könnte er vermutlich denken, wenn er noch lebte.

Es paßt auch daß man sich in diesen Würdigungen gerne nur auf jene eine Triebkraft kapriziert, die er paradoxerweise (aber entwicklungsgeschichtlich wie freudbiographisch mehr als logisch) als relativ junger Mann zu erforschen begann: die Sexualität. Der Spiegel hat es mediengeil auf den Punkt gebracht, als er seine Freud-Titelgeschichte vom 29. April 2006 mit einer jungen nackten Frau in anmachender Pose auf einer Zigarre präsentierte, die der passende Schriftzug "150 Jahre" zierte. Dazu der Titel "Der SEX und das ICH".

Der Spiegel hat in den 80-er und 90-er Jahren kräftig zum Freud bashing beigetragen, zur - angeblichen - Demontierung des Meisters und seiner Schöpfung der Psychoanalyse, die damals gerade groß in Mode war ("Is Freud dead" und ähnlich titelte damals nicht nur das Time Magazine). Höchste Zeit. daß man nun in der Unterzeile der Titelgeschichte von der "Wiederentdeckung Sigmund Freuds" Kunde tut. Wiederentdecken müssen ihn nur die, welche ihn noch nie wirklich entdeckt haben - oder seine bahnbrechenden Funde nicht akzeptieren können, aus welchen Gründen auch immer.

Wie kritisch auch immer die verschiedenen Medien Freud gewürdigt haben: Zur Jahrtausendwende, als es darum ging, Bilanz des 20. Jahrhunderts zu ziehen, kam niemand an diesem unglaublich kreativen Mann vorbei. Auf allen Titelseiten wurden Köpfe aller möglichen bedeutenden Männer (und auch der einen oder anderen Frau) als Stellvertreter dieser stürmischen Epoche montiert - Albert Einstein und Sigmund Freud war immer dabei. Time Magazine brachte beider genialer Leistungen mit einer sehr tiefsinnigen Karikatur als Titelbild (29. März 1999) auf den Punkt:

Ein sehr betrübt blickender Einstein liegt bei Freud auf der Couch und assoziiert frei - vermutlich darüber, wie es ihm mit seiner Entfesselung der Atomenergie für Bomben und Reaktoren so gehen mag. (Freud war dem selben Magazin ein Titelbild als Man of the year bereits 1924 wert - Einstein wurde diese Ehre erst 1946 zuteil, mit dem Atompilz von Hiroshima im Hintergrund.)



6. Mai 2006

2. Sigmund Freuds Tag: 6. Mai


Vor 150 Jahren wurde Sigmund Freud geboren, am 6. Mai 1856. Ein Anlaß, sich wieder einmal Gedanken über diesen bedeutenden Psychologen und Arzt zu machen. Daß er von vielen bedeutenden Schrifttstellern wie Thomas Mann auch als schreibender Kollege geachtet wurde, sei ebenfalls angemerkt.

Es ist mit Freuds Aktualität ähnlich wie mit der AKTUALITÄT DES LABYRINTH-MOTIVS : Man muß nur die Tageszeitung oder ein Nachrichtenmagazin aufschlagen oder in einem Roman schmökern - und die Chance ist recht gut, daß einem der Name Sigmund Freud, das Stichwort Psychoanalyse oder einer der vielen von ihm geprägten Begriffe wie Verdrängung oder Unbewußtes [oft falsch geschrieben als Unterbewußtsein] begegnet. Freud ist heute aktueller denn je - und das in vielerlei Hinsicht.

Die Verlage haben sich zum Jubiläumsjahr 2006 noch mehr als bei Mozart mächtig ins Zeug gelegt und Dutzende von Büchern "in Freud und um Freud und um Freud herum" auf den Markt gebracht. Allein im zentralen Schaufenster meiner Haus-Buchhandlung Lehmkuhl habe ich 45 Neuerscheinungen gezählt!
Eine will ich herauspicken und empfehlen: Der Mensch Sigmund Freud von meinem Freund und Kollegen Wolfgang Schmidbauer. Er hat einen originellen Zugang gefunden, den der Untertitel heraushebt: "Ein seelisch verwundeter Arzt?" Und es sind ihm eine Reihe aufschlußreicher Beobachtungen und Beschreibungen gelungen, die das ganze Freud-Thema auf eine höhere - oder tiefere ? - Ebene verlagern. Ein Beispiel, das mir besonders gelungen erscheint:

"Unsere Sehnsucht nach Wissen ist in vielen Fällen unerfüllbar, aber auch in diesen ist, wie es die Denker aller Zeiten betont haben, eine Bewegung möglich: etwas weniger Dunkelheit, etwas mehr Licht, bescheidene Ziele neben dem großen Ideal der Erleuchtung, an dessen Realität uns aber eben unser Bemühen um Wahrheit auch zweifeln läßt. Jede einzelne Deutung [in der psychoanalytischen Arbeit - J v Sch] strebt danach, diesem Ziel ein Stück näher zu kommen. Ob ihr das gelingt, ist die zentrale wissenschaftliche Frage, unter der die primär künstlerisch entworfene Deutung geprüft werden muß.
Die psychoanalytische Wahrheit hat mit der wissenschaftlichen die Grundhaltung der Skepsis gemeinsam; das bedeutet auch, daß die Psychoanalyse als Wissenschaft künstlerisch ist, als Kunst aber wissenschaftlich, denn ihr Wahrheitsbegriff ist skeptisch, der Wirklichkeit verpflichtet, immer auf Falsifizierungen gefaßt..." (S. 100)


Ein sehr lesenswertes und gut lesbares Sachbuch! Ich habe viel Neues darin entdeckt und gelernt, obwohl meine eigene Freud-Bibliothek recht gut bestückt ist und ich mich viele Jahre mit Freuds Person befaßt habe. In einem Punkt nur, denke ich, täuscht sich Wolfgang Schmidbauer: Wenn er eine Stelle in einem Brief Freuds an seine Verlobte Marthe Bernays zu wörtlich nimmt (".. weiß ich längst, daß ich kein Genie bin...") und daraus die These ableitet, Freud hätte den Genie-Begriff abgelehnt. Ich bin mir nach ausführlichen Freud-Lektüren ziemlich sicher , daß dieser Mann zumindest genau wußte, was seine Entdeckungen für die Menschheit bedeuteten - daß er ihre Überzeugungen in den Grundfesten erschütterte und ihr die dritte gigantische Kränkung des Selbstwertgefühls (nach Kepler und Darwin) zufügte - auch wenn er dies erst gut ein Jahrzehnt nach diesem Brief bewirkte. Und er wußte im Innersten wohl sehr gut, daß ihn dies zum Genie machte - jenem extrem seltenen Spezialfall von Hoch- (oder Höchst-?)begabung, der nur ein paar Mal in jedem Jahrhundert auftritt und die Welt total verändert.



Bibliographie

Einstein, Albert und Sigmund Freud (plus einem Beitrag von Isaac Asimov): Warum Krieg? (1933) Zürich 1984 (Diogenes TB)
Müller, Burkhard: "Was hätte Freud dazu gesagt?" (Bericht vom Weltkongreß der Psychoanalyse in Berlin im Juli 2007). In: Südd. Zeitung vom 30. Juli 2007
Muschg, Walter: Freud als Schriftsteller. München 1975 (Kindler: Geist und Psyche - TB). Ursprünglich als Aufsatz "Freud als Schriftsteller", in: Die Psychoanalytische Bewegung (1930); in überarbeiteter Fassung in: Muschg, Walter: Die Zerstörung der deutschen Literatur, Bern 1958 (Francke)
Panek, Richard: Das unsichtbare Jahrhundert. (New York 2004_Viking). Berlin 2007 (Berliner Taschenbuch Verlag TB
Scheidt, Jürgen vom: Freud und das Kokain. München 1973 (Kindler)
ders.: Der unbekannte Freud. München 1976 (Kindler)
ders.: Geheimnis der Träume. (1985, 1992) Landsberg am Lech 1999 (mvg TB) - darin speziell die Kapitel 9 - 12, die Freuds Bedeutung für die Traumforschung würdigen
ders.: Psychoanalyse. Selbstdarstellung einer Wissenschaft. München 1975 (Nymphenburger)
Schmidbauer, Wolfgang: Der Mensch Sigmund Freud. Ein seelisch verwundeter Arzt? Stuttgart 2005 (Kreuz-Verlag)
Sonnemann, Ulrich: "Freud, Sigmund". In: Kunisch und Wiesner (Hrsg.): Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. München 1982 (Nymphenburger Verl.handl.)
Soros, George: Soros über Soros. Frankfurt am Main 1996(Eichborn)
Zimmer, Dieter E.: Tiefenschwindel. (1986) Reinbek 1990 (Rowohlt)

Literaturen (Zweimonats-Zeitschrift): "Aus der Traum" (Titelgeschichte über Freud) - Nr. 05/06 von 2006
Der Spiegel (Wochen-Magazin): "Der SEX und das ICH" (Titelgeschichte über Freud) - Heft 18 vom 29. April 2006
Stern (Wochen-Magazin): "Von Träumen und Trieben" (Titelgeschichte über Freud) - Heft 15 vom 6. April 2006
Time (Wochen-Magazin): The Centuriy´s Greatet Minds" (Titelgeschichte) zum Milleniumswechsel - Heft vom 29. März 1999


© 2007/2001 für diesen Text: Jürgen vom Scheidt / Quelle : www.hyperwriting.de






Bibliographie

Scheidt, Jürgen vom: Freud und das Kokain. München 1973 (Kindler _ Reihe Geist und Psyche)


© 2007 für diesen Text: Jürgen vom Scheidt / Quelle: www.hyperwriting.de