„… und hatten die Pest an Bord“

Das sang man schon in den 30er Jahren:
„Wir lagen vor Madagaskar
Und hatten die Pest an Bord…“

Ich dachte immer, das wäre von Bert Brecht und sei Teil der Drei-Groschen-Oper. So kann man sich täuschen. Die Wikipedia meint: „Es wird dem Komponisten und Texter Just Scheu zugeschrieben; als Entstehungsjahr gilt 1934.“ Also auch nicht ganz sicher verortet.
Jedenfalls ist das ein Lied, das mir aus der Jugend vertraut ist – und das nun wieder hochgeblubbert ist aus Gedächtnis-Tiefen – warum wohl?

Ein anderes historisch-literarisches Beispiel: Dieser Tage* wird aus aktuellem Anlass gerne an den Roman Die Pest von Albert Camus (aus dem Jahr 1952) erinnert. Camus hatte bei besagter Pest-Epidemie in der algerischen Hafenstadt Oran keine eigenen Erlebnisse mit so einer bedrohlichen Epidemie im Sinn, verwendete wohl die medizinischen Aspekte der Krankheit eher als Metapher für die politische und gesellschaftliche Krankheit des Zweiten Weltkriegs. Aber das „Logbuch der Pest in Oran“ in Form der Aufzeichnungen des Arztes Rieux ist der rote Faden, der sich durch den Roman zieht. Er ist die Figur, in welche der Autor Camus hineinschlüpft.

* Ich schrieb das am 13. April 2020 in mein CAN-Tagebuch – in dem dann allerdings nicht viel mehr notiert wurde. Corona überflutete den Alltag auch in den Medien viel zu sehr, als das ich noch große Lust gehabt hätte, dazu meine eigenen Gedanken und Erfahrungen zu speichern. Ist aber eigentlich Unsinn: Jeder Mensch erlebt so etwas auf seine ganze eigene, nur in seinem privaten Kosmos registrierte und gespeicherte Weise. Wenn das gut aufbereitet wird – kann ein gutes Buch daraus werden. Oder das Kapitel eines Buches – oder vielleicht auch nur ein Absatz irgendwo da drin (was mir eher vorschwebt).

Der Klassiker aus dem Jahr 1952 (Düsseldorf 1960 – Rauch-Verlag)

Nur nebenbei: Sie haben wenig davon, wenn Sie Camus´ Roman lesen, um etwas Hilfreiches für Ihren Umgang mit dem Corona-Virus zu erfahren. Da taugt die tägliche Lektüre der Süddeutschen Zeitung als Lebenshilfe weit mehr.)

Weit eindrucksvoller ist in seiner karg-archaischen Wucht Ingmar Bergmanns Film Das siebente Siegel, obwohl sich das auf Ereignisse der Kreuzritterzeit bezieht, also Jahrhunderte zurück. Aber die Pest (oder andere Pandemien wie die Spanische Grippe) sind immer wieder sehr präsent, wenn es eine aktuelle Variante dieser Heimsuchungen gibt – so wie in unserer Gegenwart 2020/21 das Covid-19-Virus mit alle sein lieben Verwandten, die nun überall des Terrain „Menschheit“ erobern wollen.

Immer wieder gegenwärtig: Die Vergangenheit

Auch ein gutes Beispiel für das, was ich PolyChronie nenne: die gleichzeitige Präsenz von verschiedenen Zeitschichten wie der Gegenwart und den 1950er Jahren und dem Mittelalter mit seinen Kreuzzügen. Und der Krieg ist auch immer wieder präsent, das nur nebenbei: die Kreuzritter war ebenso in kriegerischer Mission unterwegs wie die französische Armee in der aufbegehrenden Kolonie Algerien. Fragt sich, was die größere „Pest“ ist – die virengemachte oder die menschengemachte. Manifestationen von kollektiver Aggression waren das allemal.

Der zeitlose Film zur aktellen „Pest“ – (Ingmar Bergman 1957)

Quellen
Camus, Albert: Die Pest. (1952). Düsseldorf 1960 (Karl Rauch Verlag).
Bergman, Ingmar (Regie): Schweden 1957. Blu-ray.

068 _ aut #916 _ 2021-01-21/13:18

3 Kommentare zu „„… und hatten die Pest an Bord“

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