Hervorgehoben

Kommentare zu meinem Blog sind höchst willkommen, aber…

… leider kann ich nur höchst selten darauf antworten. Zum einen kenne ich mich mit dem Procedere noch nicht richtig aus – zum anderen fehlt mir aktuell die Zeit.
Ich lese Ihre Kommentare – aber haben Sie bitte Verständnis, wenn ich nicht direkt darauf eingehe. Wie bei Ihnen sicher auch, ist meine Arbeitszeit begrenzt:

° Davon wende ich für diesen Blog etwa ein Drittel auf (ein bis drei Stunden täglich).
° Das zweite Drittel ist reserviert für meine Buch-Projekte (→ glü-Roman, → Autobiographie).
° Das dritte Drittel muss ich meinen Seminaren widmen – die zur Zeit coronabedingt zwar nur reduziert ablaufen können – aber vor- und nachbereitet werden müssen (Rechnungen schreiben, E-Mails beantworten, Berichte schreiben) und auch beworben werden müssen (Newsletter – und auch dieser Blog).
° Und das vierte Drittel – naja, das gibt es nur bei jemandem wie Erich Kästner, der den „35. Mai“ erfunden hat.
In meinem hohen Alter geht manches zudem nicht mehr so flott von der Hand – und es gibt ja noch viele andere Verpflichtungen der Familie und Freunden gegenüber.

Bleiben Sie mir dennoch gewogen und lese Sie weiter meine Beiträge. Danke

Quelle
Kästner, Erich: Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee (1931).

150 _ aut #670 _ aktualisiert für: 2021-03-20 <ur: 2021-03-02 2021 / 18:49> – meta

Hervorgehoben

Willkommen in meinem Blog!

(Vorab ein großes Dankeschön an meinen digital begabten Enkel schlockkonock , dessen Blog Leichte Rezepte finden Vorbild für meinen Blog ist. Er hat mir bei dessen Einrichtung und Start mit viel Aufmerksamkeit und Geduld geholfen – die ich als Dreizehnjähriger nie gehabt hätte.
Zu meiner Person finden Sie mehr in Hallo, das bin ich.)

Es ist höchste Zeit, mal meine „Philosophie“ darzulegen, was ich eigentlich mit diesem Blog anstrebe. Der Titel sagt es ja bereits: Es geht um „HyperWriting“. Aber was ist das? Dazu bereite ich gerade einen eigenen Beitrag vor, zu dem dann an dieser Stelle hier verlinkt wird. Dieses Verlinken ist übrigens eine erste Erklärung: Bei → HyperWriting geht es immer auch um Hypertext – also um Texte im Internet, die mit anderen Texten verlinkt werden. HyperWriting hat aber auch noch eine ganz andere Bedeutung: Zusammen mit anderen Menschen schreiben – also „über die Grenzen“ (die griechische Silbe „hyper“ heißt nichts anders) des eigenen Schreibens hinausstreben – wie in den Schreib-Seminaren, die ich seit 1979 durchführe.
Und drittens – aber dazu in dem verlinkten Beitrag dann mehr.
(So viele Links wie in diesem Beitrag werden Sie übrigens nie bei mir finden – wer will schon dauernd von einem Thema zum anderen hüpfen – aber ich will damit eben auch veranschaulichen, was HyperWriting als Hypertext sein kann.)
Ich könnte es könnte es mir leicht machen und sagen: In der KAT-Wolke kann man meine Themen sehen. Aber es sind an die hundert – also eigentlich viel zu viele.

Die KAT-Wolke dieses Blog – mit allen Themen (= Kategorien), die mehr oder weniger intensiv behandelt werden. Das rosa eingekreiste Thema „glü (Romanprojekt) ist genau dies – ein aktuelles Buch-Projekt, an dem ich arbeite und bei dem mich dieser Blog begleitet.

Ein Blog sollte doch möglichst nur ein Thema habe, um das dann alle Beiträge kreisen. Nun, bei mir ist das eben anders. Mit einem monothematischen Blog habe ich bereits Erfahrungen gesammelt: dem Labyrinth-Blog*.

* Der Labyrinth-Blog war ursprünglich Teil einer großen Blog-Wolke – den SciLogs. Aber dort existiert er nur noch als Archiv – ist jedoch über die alten Links wie den folgenden immer noch erreichbar: Die Münchner Schreib-Werkstatt war dort mein letzter, genau dreihundertster Beitrag.

Labyrinth und Schreiben

Irgendwann war mir das Labyrinth-Thema (das mich nach wie vor fasziniert und deshalb auch hier im Blog gewürdigt wird) zu eng – und ich machte daraus ein Labyrinth des Schreibens. Da waren es schon zwei große Themen. Allmählich (ich bin inzwischen über Beitrag #100 hinaus) zeigen sich hier im Blog gewisse Themen immer deutlicher, weil sie häufiger von mir bearbeitet werden.
Der dickste Brocken hier im Blog ist unübersehbar Autobiographisches. Klar – ein Blog ist ein Tagebuch und spiegelt die Interessen seines Autors wieder. Aber seit ich schreibe – und das sind inzwischen fast 70 Jahre – ging es mir nie nur um egozentrische Nabelschau, sondern ich hatte dabei immer potenzielle Leser im Blick. Das war schon bei meinen ersten Science-Fiction-Geschichten so (eine, aus dem Jahr 1956, finden Sie hier im Blog: Nur ein kleiner Fehler) und später mit „ganz normalen Geschichten“ wie dem Conga Joe.
Es gibt Gedichte: minimalistische Haiku und freche Limericks. Es gibt immer wieder Schreib-Tipps für Schreibinteressierte (die meine Hauptzielgruppe sind). Als Labyrinth-Fan bediene ich auch dieses Thema. Weil mich als Psychologen nach wie vor die Rauschdrogen interessieren, gibt es dazu ebenso Artikel wie zur Hochbegabung (hier fehlt noch ein Beitrag).
Es sind Früchte eines reichen Berufslebens, das noch voll im Gange ist, mit Schreib-Seminaren, derzeit nur online. Ich schaue mir älteres und altes Material noch einmal genau an, ob es einer Wiederentdeckung wert ist (Recycling ist das moderne Wort dafür) – und entdecke überraschend frische Geschichten und Themen, die einfach zeitlos sind. Ob die das auch für Sie, liebe Leserin, lieber Leser, sind – das müssen Sie selbst entscheiden. Ich serviere Ihnen das nur auf einem silbernen Tablett – essen müssen Sie selbst und feststellen, ob es Ihnen mundet.

Wichtig sind mir auch all die Begegnungen mit anderen Menschen, zum Beispiel während der vielen Interviews, die ich für den Bayrischen Rundfunk durchgeführt habe, mit Highlights wie dem Gespräch mit Vigdis Finnbogadottir, der Präsidentin von Island (1990) oder dem Nobelpreisträger für Physik, Gerd Binnig (ebenfalls 1990).

Und dann ist dies alles ja auch das große Abenteuer der Aufblätterung eines ganzen eigenen Lebens und wie das alles zusammenhängt, auch als Vorbereitung einer Autobiographie – also hoffentlich interessant für alle, die sich in so ein Abenteuer stürzen wollen. Es lohnt sich! Nichts hält den Geist wacher und verhindert Demenz besser, als sich der eigenen Vergangenheit zu stellen – indem man sie im Aufschreiben wieder betrachtet, lose Fäden einsammelt und miteinander verknüpft, scheinbar Altvertrautes in überraschend neuen Zusammenhängen sieht. Da kommt dann die MultiChronie ins Spiel (s. unten).

Was könnte man im hohen Alter (81 – also richtig „biblisch“) besseres für sich selbst tun – und damit auch anderen, Gleichaltrigen und Jüngeren Anregungen geben?

Ein blaues Paperweight als Symbol für HyperWriting und für diesen Blog (im Hintergrund, nur zu ahnen: die indische Göttin Saraswati, welche die Sitar spielt und auch für die Schreib-Kunst steht, aus feinem Elfenbein geschnitztes Souvenir einer Reise 1975/76 (Archiv JvS)

Vielleicht ist der gemeinsame Nenner der Beiträge in meinem Blog: Sie sind nicht zuletzt für die Teilnehmer meiner Schreib-Seminare geschrieben (oder für Leute, sie sich für solche Literatur-Werkstätten interessieren könnten), mit „Tipps zum Schreiben und Publizieren“, zum Beispiel, wie man ganz konkret einen Blog gestalten könnte – eben so wie diesen hier.

Schreibe ich am Ende für Hochbegabte?

Ganz kühner Gedanke zum Schluss: Vielleicht schreibe ich diesen Blog speziell für Hochbegabte, die auf der Suche nach sich selbst sind – ja vielleicht noch gar nicht wissen, dass sie hochbegabt sind? Ich habe dazu ein ganzes Buch geschrieben, in dem es einen SelbstTest gibt: „Bin ich hochbegabt?“ Den können sie ja mal ausprobieren – wenn er demnächst hier im Blog erscheint.
Eine meiner Thesen in diesem Buch Das Drama der Hochbegabten: Schreiben in all seinen (mindestens 50) Varianten und Bedeutungen ist das Denk- und Kultur-Werkzeug schlechthin für Hochbegabte. Was zu beweisen ist.
Vielleicht ist es umgekehrt sogar so, dass nur jemand, der hochbegabt ist – gerne selbst schreibt und das Schreiben als vielseitiges Werkzeug nützt?

Eine Entdeckung, die ich beim Bloggen machte, ist das, was ich MultiChronie nenne. Mir ist noch nicht ganz klar, was das wirklich ist – aber ich beginne zu ahnen, dass ich da etwas Neues entdeckt habe, nur so durch das Bloggen – das auch Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser – etwas Neues geben könnte – eine neue Sicht auf ihr Leben?
Einen von vielen Texten zu diesem Spezialthema finden sie hier: MultiChronie und die Enge des Bewusstseins.

Wenn ich all dies zusammenfasse: Schreiben hat für mich drei wesentliche Funktionen:
° Texte sollen Informationen vermitteln und zum Nachdenken anregen.
° Sie sollen unterhalten (wie eine gute Kurzgeschichte).
° Und sie sollen eine gewisse Spannung erzeugen, welche die Neugier weckt und zum Weiterlesen anregt.
Vor allem aber sollen die Beiträge den Lesern bei ihrem Selbstverständnis und ihrer Selbstvergewisserung unterstützen.
Urteilen Sie selbst, ob und wo mir das hier im Blog gelingt.

MultiChronalia (hier im Beitrag)

Unter MultiChronalia verstehe ich Elemente aus verschiedenen Zeitschichten, die in einem Text – wie hier – auftauchen und nun, durch diesen Text, zusammenfinden: zu einem MultiChronat. Für einen Außenstehenden – oder für mich selbst beim raschen Tippen der Details – ist das Folgende nur eine lose Aneinanderreihung von Daten. Aber während ich den Text verfasste, ging das alles viel langsamer vor sich, Personen, Schauplätze, Gefühle wurden wieder wach – im Zustand der schreibenden Entschleunigung fügte sich das zu etwas neuem zusammen, das so vorher noch nie beisammen war. Das nenne ich MultiChronie. Probieren Sie es mal aus.
Mein Schreib-Tipp dazu: Erinnern Sie sich an mindestens drei Ereignisse aus verschiedenen Zeitschichten, reihen sie diese aneinander (ähnlich wie beim Schreiben eines Haiku, wo man auch erst für jede der drei Zeilen eine Beobachtung sammelt und dann aneinander montiert). Spüren Sie dem nach, was diese Ereignisse vielleicht miteinander zu tun haben könnten – dass sie Ihnen gerade jetzt eingefallen sind, scheinbar frei assoziiert, aber in der Tiefe vielleicht sehr bedeutungsvoll zusammenhängend.
Nutzanwendung für dieses mein MultiChronat: Ich staune über die Fülle meines Lebens und dass ich die Muse und den Antrieb hatte, diese vielen Ereignisse nicht nur so vorbeitreiben zu lassen, sondern sie schreibend zu Texten verdichtet habe – die nun hier in einem übergeordneten Sinn zusammengewachsen sind und etwas aussagen über HyperWriting und diesen Blog – was wiederum vielleicht Ihnen, der / die Sie das lesen, etwas über sich selbst sagt.
Probieren Sie´s mal aus. Ist ganz leicht. Aber eine Stunde Zeit sollten Sie sich nehmen – zum MultiChronieren.

Und hier die Zusammschau des obigen Textes:
Gleich zu Beginn bedanke ich mich bei meinem Enkel schlockonock und gerate dadurch in den November 2020, als er mir half, diesen Blog einzurichten. Mit Hypertext befasste ich mich erstmals, als ich 1982 meinen ersten Computer als „Schreibmaschine“ bekam, die Freuden des Datenbankens entdeckte und bald darauf eine amerikanische Software namens Hyperwriter, mit der man in ersten Ansätzen das machen konnte, was man heute Blogging nennt – aber nicht im Internet (das wurde erst ein Jahrzehnt später wichtig für mich), sondern erst mal nur für sich selbst in der Virtualität des eigenen PC.
Weiterer Zeitsprung zurück: 1979 führte ich mit meiner TZI-Lehrerin und zugleich Gestalttherapeutin Elisabeth von Godin mein erstes Schreib-Seminar durch – wahrscheinlich das erste im deutschsprachigen Raum.
Die KAT-Wolke ist vom aktuellen Tag – 04. März 2021. Den Labyrinth-Blog schrieb ich von 2007 bis 2016. Meine ersten Texte aus eigenem Antrieb schrieb ich 1952 – als „Drehbücher“ (mit zwei Seiten) für zwei Comix, zu denen mein Freund Alfred Hertrich die Bilder zeichnete. 1956 erschien meine erste Kurzgeschichte „Nur ein kleiner Fehler“, den „Conga Joe“ schrieb ich 1991 (erstmals in gedruckter Form 2005 in meiner Anthologie Blues für Fagott...)
Mein erstes Haiku schrieb ich 1959, bald darauf auch Limericks. 1990 war meine Islandreise (drei Tage!) zum Interview mit der Präsidentin, im selben Jahr das Gespräch mit Gerd Binnig.
2004 erschien, nach sechs Jahren Schwangerschaft, mein Buch das Drama der Hochbegabten. MultiChronie fiel mir als neuer Terminus im Mai 2007 ein, seitdem sammle ich Belege dafür.

Saraswati mit der Sitar, der Flöte spielende Krishna und der in sich gekehrte Buddha – meine drei Schutzheiligen beim Schreiben – im Hintergrund wieder das blaue Paperweight (Archiv: JvS)

aut #799 _ 2021-03-04 / 19:43

Filme rund ums Schreiben

Zunächst eine rein rhetorische Frage: Wie viele Filme gibt es eigentlich? Google verweist dazu auf die schlaue Website www.gutefrage.net und laut dieser nennt die IMDB (=größte Filmdatenbank der Welt, welche Filme ab 1895 listet) 2.7 Millionen Filme. Da sind natürlich die paar Lichtspiele, die sich mit Schreiben befassen und im Folgenden behandelt werden, vergleichsweise lächerlich wenige. Allerdings sollte man eines nicht vergessen:

Zu Filmen sind Drehbücher nötig (sonst gibt es kein Geld für die Produktion). Und Drehbücher müssen geschrieben werden. Das läuft nicht immer glatt: Auch Drehbuchautoren haben (gelegentlich? häufig?) Schreib-Blockaden. Und ab und zu widmet sich einer dieser hochspezialisierten Autoren genau diesem Thema: „Writer´s Block“ (wie das im Englischen bzw. Amerikanischen heißt). Woody Allen, der gerne den Spaßvogel gibt, hat dies sogar in einem seiner Filme schon mit dem Namen der Hauptfigur transportiert: „Harry Block“ heißt dieser arme Kerl, der sich mit einer massiven Blockade plagt, und zwar in dem herrlich schrägen und saukomischen Film Deconstructing Harry (dt. Harry außer sich).

Sie werden jedenfalls staunen, welche bedeutenden Regisseure und Schauspieler sich diesem Thema gewidmet haben – und insbesondere Drehbuchautoren!

Als ich mit dem Beitrag einigermaßen fertig war und davon beim Abendessen mit Freunden erzählte, kam prompt noch ein Vorschlag, den ich glatt übersehen hatte, obwohl wir den Film einige Monate zuvor im Kino angeschaut hatten: The Wife (Die Frau des Nobelpreisträgers).

Ich stelle die Filme in mehreren thematischen Zusammenhängen vor, die ich als „Kategorie“ bezeichne. Details wie Titel, Erscheinungsjahr, Drehbuchautor, Regisseur, Hauptdarsteller sowie die Zuordnung zu einer Kategorie (zum Beispiel: „Autoren-Schicksal“) habe ich zusammengestellt in einer Tabelle am Schluss von Teil 3 (erscheint Mitte Februar). Diese Tabelle ist alphabetisch nach Filmtiteln geordnet, beginnend mit Adaption. Über den Titel können sie sich Details zum Inhalt und zu weiteren wichtigen Informationen leicht über die Wikipedia holen – dort einfach den Titel in der Suchfunktion eingeben.

Beginnen wir mit passenden Zufällen

Während ich an diesem Artikel für den Newsletter arbeitete, begann genau am ersten Abend im Fernsehen erneut die Serie um den britischen Kriminalkommissar Inspector Barnaby. Gezeigt wurde ausgerechnet jene Episode, welche nach der Pilotepisode „Tod in Badger´s Drift“ die Serie von insgesamt 21 Staffeln eröffnet: Written in Blood (dt. Titel „Blutige Anfänger“). Dazu heißt es in der Wikipedia:
„Für das regelmäßige Schriftsteller-Treffen in Badger’s Drift wird ein aktueller Erfolgsautor eingeladen, gegen den Willen des Vorsitzenden, der ihn hasst. Am selben Abend wird der Vorsitzende ermordet. Wie sich herausstellt, hasste er den Autor deshalb, weil seine eigene Lebensgeschichte ungefragt zur Vorlage des Bestsellers wurde – der Autor war vorher als Psychiater tätig und hat die Geschichten seiner Patienten gnadenlos ausgeschlachtet.“
Es gibt also Tote, wie im Krimi üblich – und natürlich entlarvt Jim Parker, pardon: Inspector Barnaby den Missetäter (Jim Parker heißt der Komponist der Filmmusik).

Ebenfalls zufällig lief am selben Abend gleich nach Barnaby passenderweise der französische Spielfilm Balzac – ein Leben in Leidenschaft. Und einige Tage später fiel beim Recherchieren aus einer Monographie über den berühmten James Joyce die Einlasskarte heraus, die ich vor vielen Jahren (am 18. September 2000) für eine Vorführung des Films Nora – Die leidenschaftliche Liebe von James Joyce gelöst hatte. (Ohne „Leidenschaft“ wäre so ein Film wahrscheinlich weniger interessant für ein breiteres Publikum.)

Wunderwelt des Schreibens

Nicht nur Romane, Drehbücher und Sachbücher müssen geschrieben werden, sondern auch Computer-Programme und Musiknoten. Ersteres wird zum Beispiel behandelt in The Social Network, worin es um Marc Zukerberg und die Entstehung der Social media-Plattform „Facebook“ geht. Für letzteres, das Komponieren, findet man eine schöne Episode in dem wunderbar komplexen Film Cloud Atlas – was zugleich der Titel dieser Partitur ist.

Schon näher am üblichen Verständnis von Schreiben sind die Tagebücher. Hierzu fällt mir spontan Das Tagebuch der Anne Frank ein. Autobiografische Aufzeichnungen spielen auch in anderen Filmen eine zentrale Rolle – obwohl man es gerade dort oft nicht erwarten würde:

In der Romanvorlage zu Legend of Tarzan, der Neuverfilmung der Abenteuer dieses Dschungelhelfden, benützt der Autor Edgar Rice Burroughs ein aufgefundenes Tagebuch des von Gorillas getöteten Vaters, um die Vorgeschichte des im Film erwachsenen Lord Greystoke alias Tarzan zu erzählen: Wie dieser Vater in den afrikanischen Urwald kam. Denselben ebenso einfachen wie ergiebigen Trick verwendet Burroughs ein weiteres Mal in einem Weltraum-Abenteuer, das ebenfalls verfilmt wurde: A Princess from Mars (dt. Die Prinzessin vom Mars). Im März 2012 brachte Disney die Verfilmung mit dem als John Carter – Zwischen zwei Welten in die Kinos.

Und weil wir schon bei der Trivialliteratur und ihren Verfilmungen sind:

Der durch die Ermordung seiner Eltern und seiner Dorfnachbarn traumatisierte Knabe Conan wird in die Sklaverei verschleppt. Er muss viele Jahre in einer Tretmühle schuften, sprengt deren Ketten, wird zum erfolgreichen Kämpfer in der Arena – und wird später sogar Herrscher von Cimmeria. Letzteres verlangt von Conan der Barbar, dass er Lesen und – man staune – Schreiben lernt. Dies war nach Arnold Schwarzeneggers Karriere als Bodybuilder mit den höchsten Ehren eines „Mr. Universum“ sein erster großer Erfolg in einem völlig anderen Medium: als Schauspieler. Dass er dann auch noch in einer erstaunlichen dritten Karriere Gouverneur von Kalifornien wurde, liest sich wie eine Verfilmung seines Lebens als Conan der Barbar: Als Gouverneur eines der größten und wichtigsten Wirtschaftsräume der Erde, Kalifornien, wurde er in der Tat so etwas wie ein König, der, im übertragenen Sinne, „das Lesen und Schreiben“ erfolgreich gemeistert hat.

Auch im riesigen Epos von John Ronald Reuel Tolkien um die Hobbits und den dämonischen Sauron, den Herr der Ringe, spielt ein Tagebuch eine zentrale Rolle. Es hält die beiden action-geladenen Film-Trilogien wie ein Relikt aus einer anderen, geistigen Welt zusammen, verbindet sie zu einem kohärenten Ganzen:
Der Hobbit Bilbo Beutlin wünscht sich gleich zu Beginn von Herr der Ringe, Teil 1, „ein stilles Plätzchen, wo ich mein Buch fertigschreiben kann.“ Man sieht zwar nicht, wie er das verfasst, aber irgendwann verkündet er, was wohl der Traum jedes Autors ist: „Mir ist ein hübscher Schluss für mein Buch eingefallen: Und dann lebte er vergnügt bis ans Ende seiner Tage.“
Den Wunsch nach „einem stillen Plätzchen“ (welcher Autor hätte ihn nicht?) erfüllt er sich in seinem 111. Lebensjahr. Er notiert seine Erlebnisse (die in der Film-Trilogie Der Hobbit dargestellt werden) in einem Tagebuch, das er zu Beginn der folgenden Trilogie Der Herr der Ringe beendet. Er übergibt das Werk seinem Neffen Frodo zusammen mit dem geheimnisvollen Ring. (Dieser Ring macht in Notfällen unsichtbar – aber um den Preis der Stärkung des Einflusses des Erzgegners Sauron). Frodo macht sich mit seinem Freund Samweis und zwei weiteren Hobbit-Gefährten auf, den Ring zu vernichten.
Am Schluss von Teil 3 („Die zwei Türme“) übergibt Frodo das Buch von Bilbo, das er selbst um seine eigenen Abenteuer ergänzt hat, an den Gefährten Samweis. „Du bist fertig“, sagt dieser beeindruckt. Frodo erwidert:
„Die letzten Seiten sind für dich.“
Dann folgt er dem uralten Frodo und dem Zauberer Gandalf auf das letzte Schiff der Elben, das sie in eine andere Welt übersetzt.

E-Mails, Lottozahlen und eine Liste, die tausend Leben rettet

Noch weit einfacher als ein Tagebuch ist die Struktur anderer Texte beschaffen. Doch auch sie mussten geschrieben werden:

Die anrührende Liebesgeschichte zwischen einer Buchhändlerin und einem Groß-Buchhändler (die von der Verwandtschaft ihrer Berufe nichts ahnen) spielt sich mit Hilfe von E-Mails ab, welche die beiden austauschen. Es kommt natürlich zur Katastrophe, weil der „Große“ die „Kleine“ rücksichtslos plattmacht. Aber keine Bange: Am Ende geht alles gut aus in E-Mail für dich mit Meg Ryan und Tom Hanks in den Hauptrollen.

Ganz anders, wenngleich nicht minder rücksichtslos, geht George Clooney in der Rolle des Job-Killers Ryan Bingham mit den Empfängern seiner Botschaften um: brutalen Kündigungsschreiben, welche die ganze Geschichte am Laufen halten. Bis es den Killer, welche Freude für die Zuschauer, in Up in the Air am Ende selbst erwischt.

Lottozahlen sind genau dies: Zahlen. Aber auch sie müssen geschrieben werden. Und wenn jemand die „richtigen“ Ziffern erwischt, kann er sogar eine Million gewinnen. Aber was, wenn der Glückliche vor Freude einen Herzschlag erleidet, das total verarmte Dorf um ihn herum dies spitzkriegt und nun alles Erdenkliche versucht, den Gewinn zu realisieren? So verläuft die Handlung in der köstlichen britisch-irischen Komödie Lang lebe Ned Devine. Behaupte noch einmal jemand, dass Schreiben eine „brotlose Kunst“ ist!

Nahezu das Gegenteil ist Schindlers Liste, mit welcher der engagierte und klevere Fabrikant Schindler an die tausend von der Ermordung bedrohten Juden das Leben gerettet hat. Eine unglaubliche, aber wahre Geschichte – großartig verfilmt von Steven Spielberg.

Wiederum anders sieht das Schriftliche aus in einem Genre, wo man es am allerwenigsten vermuten würde: in dem Western Der Teufelshauptmann. John Wayne erteilt als Captain Nathan Brittle seinen Soldaten zweimal einen Befehl, der sehr fatale Folgen haben könnte. Um seine Untergebenen im Falle eines Kriegsgerichtsverfahrens zu schützen und selbst die Verantwortung zu übernehmen, fasst er beide Befehle schriftlich. Kleine Ursache – im Ernstfall große Wirkung, könnte man sagen, auf jeden Fall eine kraftvolle Bestätigung, dass es äußerst wichtig sein kann, Gedachtes oder Gesagtes (wie einen militärischen Befehl) in schriftliche Form zu gießen. Adolf Hitler wusste, warum er nie einen Befehl zur Ermordung der Juden unterschrieben oder gar selbst verfasst hat!

Um dieses Kapitelchen abzuschließen, noch eine letzte, aber die älteste Variante des Schreibens: die großartigen Höhlenmalereien unserer Vorfahren vor Zehntausenden von Jahren. Was viel später als Buchstaben erst einer Bilderschrift, dann eines immer abstrakter werdenden Alphabets zu unserer modernen Schrift wurde – damals nahm es seinen Anfang. Werner Herzog hat in Die Höhle der vergessenen Träume mit seiner filmischen Expedition in die Lascaux-Höhle dem ein äußerst eindrucksvolles optischen Denkmal gesetzt. (Wenn er nur die grauenvolle Musik, die alles ersäuft, weggelassen oder dezenter gestaltet hätte!)

In einem wenig bekannten Film spielt das Schreiben in vielerlei Form eine ebenfalls sehr hilfreiche Rolle: In Lorenzos Öl kann ein Vater seinem todkranken Kind nur zur lebensrettenden Wirkung besagten „Öls“ verhelfen, weil er gegen alle Widerstände von Ärzten und Wissenschaftlern unaufhörlich und unbeirrbar buchstäblich „anschreibt“. Reden allein wäre da nur „in den Wind gesprochen“, wie man das treffend nennt.

Journalismus im Kino

Was uns zu jener Form des professionellen Schreiben bringt, ohne das eine moderne Demokratie undenkbar wäre: Den Journalismus. Das zeigt sehr anschaulich eine Reihe von Filmen wie
°  All the President´s Men (Die Unbestechlichen), worin es um die Aufdeckung das Watergate-Skandals der Nixon-Ära durch mutige Journalisten der Washington Post geht oder
°  Der gefährlichste Mann in Amerika – um den als Landesverräter gebrandmarkten Daniel Ellsberg und die Pentagon-Papiere, in denen die Hintergründe des Vietnam-Kriegs enthüllt wurden.
Was in unseren Tagen Julian Asange mit der Veröffentlichung der Wikileaks über die Kriegsverbrechen der amerikanischen Besatzungsarmee im Irak bewirkte und mit der Aufdeckung durch Snowden der Bespitzelung der ganzen Welt inklusive der USA selbst durch die NSA – hier hat es seine Vorbilder. Das ließe sich noch ergänzen und aktualisieren durch den Skandal um die Panama Papers (inzwischen von Steven Soderbergh verfilmt als Die Geldwäscherei) und andere politische Skandale.

Um einen Enthüllungs-Journalismus ganz anderer Art geht es in Kir Royal – einer Mini-Serie im deutschen Fernsehen, in der Helmut Dietl das Leben der Münchner Schickeria gnadenlos bloßstellt durch den Skandalreporter „Baby Schimmerlos“ (großartig gespielt von Franz Xaver Kroetz).

Die nächsten Folgen 2-6 finden sie auf meiner Seminar-Website unter:
Filme rund ums Schreiben 2: Autorenschicksale
Filme rund ums Schreiben 3: Schreibblockaden
Filme rund ums Schreiben 4: Menschheit ohne Schreiben
Filme rund ums Schreiben 5: Überraschungseier
Filme rund ums Schreiben 6: (Das Beste kommt zum Schluss – Work in Progress)

Nachlese hier im Blog:
Die WonderBoys
Bin ich schön?

Filmographie dieses Teils
(alphabetisch nach Filmtiteln)

Jonze, Spike (Regie): Adaption. USA 2003.
Dayan, Josée (Regie): Balzac – Ein Leben voller Leidenschaft. Frankreich Italien Deutschland 1999.
Milius, John (Regie): Conan der Barbar. USA 1981 (Dino de Laurentiis).
Stevens, George (Regie): Das Tagebuch der Anne Frank. USA 1959.
Goldsmith, Rick und Ehrlich, Judith (Regie): Der gefährlichste Mann in Amerika – Daniel Ellsberg und die Pentagon-Papiere. USA 2009.
Jackson, Peter (Regie): Der Herr der Ringe I: Die Gefährten. Neuseeland USA 2002 (MGM).
Jackson, Peter (Regie): Der Hobbit I: Eine unerwartete Reise. Neuseeland USA 2013 (MGM).
Ford, John (Regie): Der Teufelshauptmann (She wore a yellow ribbon). USA 1949.
Soderbergh, Steven (Regie): Die Geldwäscherei (The Landromat). USA 2019.
Herzog, Werner (Regie): Die Höhle der vergessenen Träume (Lascaux). Deutschland 2010.
Pakula, Alan J. (Regie): Die Unbestechlichen (All the President’s Men). USA 1976.
Ephron, Nora (Regie): E-Mail für dich. USA 1999 (Warner Bros.).
Allen, Woody (Regie): Harry außer sich (Deconstructing Harry). USA 1997.
Silberston, Jeremy (Regie): Inspektor Barnaby: Blutige Anfänger (Written in Blood). Great Britain 1998.
Stanton, Andrew (Regie): John Carter – Zwischen zwei Welten. USA 2012 (nach Burroughs, E. R.: Princess of Mars. New York 1912).
Dietl, Helmut (Regie): Kir Royal. Deutschland 1985.
Jones, Kirk (Regie und Drehbuch): Lang lebe Ned Devine (Waking Ned). England Irland 1998 (Tomboy Films).
Yates, David (Regie): Legend of Tarzan. USA 2016 (MGM).
Miller, George (Regie): Lorenzos Öl. USA 1992 (Universal).
Murphy, Pat (Regie): Nora – Die leidenschaftliche Liebe von James Joyce. Deutschland, Italien, Irland 2000.
Fincher, David (Regie): The Social Network (Marc Zukerberg und Facebook). USA 2010.
Reitman, Jason (Regie): Up in the Air. USA Kanada 2009.

171 _ 839 _ 2021-04-13/16:53 <2020-05-05 / 2020-01-10>

°Die WonderBoys (Film)

Dem ziemlich verzweifelten Bestseller-Autor Grady Tripp (Nomen est Omen) will sein neues Roman-Projekt nicht gelingen. Während er von den Resten seines Ruhmes zehrt, unterrichtet er – mehr der Not gehorchend als der Tugend – an einer Universität einige Studenten in Creative Writing und tröstet sich mit Kiffen (wie andere Schriftsteller mit Alkoholsaufen).
Viel lieber würde er seinen neuen Roman vollenden. Davon hat er zwar schon 2.611 Seiten getippt (also keine Blockade im üblichen Sinne) – aber mit der Struktur hapert es gewaltig. Wie ihm die bei ihm wohnende Studentin Hannah mit einem seiner eigenen Statements klarmacht: „Sie müssen sich entscheiden“ – zum Beispiel, was er besser weglassen würde. Eher widerwillig und neiderfüllt beobachtet er den lügenden, aber sehr begabten Studenten James Leer, der offenbar genau das hat, was ihm abhanden gekommen scheint: Den Biss und die Power zum Gestalten eines richtigen Manuskripts. Und der dies, ebenfalls ein echter Wunderknabe, auch gleich verkaufen kann.

Großartige Schauspieler in einer köstlichen Komödie – die auch viel Unsinn transportiert: oben Michael Douglas, unten von links: Frances McDormand, Tobey „Spiderman“ Maguire und Katie Holmes (hier nicht zu sehen: Robert Downey Jr. als Buchlektor Terry Crabtree).


Katie Holmes spielt diese Studentin, die bei Tripp logiert und ihn anhimmelt (was auch schon eines seltsame Sache für sich ist).
Gegen Ende spannt Tripp in einem neuen Anlauf die Seite 2612 ein. Doch danach folgt in einer Nebenhandlung eine turbulente Autofahrt und sein Lektor Crabtree verschusselt die Sache: Ein starker Wind verbläst alle Seiten des Manuskripts aus der offenen Wagentür ins Hafenbecken von Pittsburgh.
In der Schlusseinstellung hat der Professor offenbar alle Probleme gelöst, die vorher dem Film seine spannende Dramaturgie verpasst haben: Er hat mit dem Kiffen aufgehört, lebt mit seiner vorherigen Geliebten (der Direktorin der Universität) nach gegenseitigen Liebesgeständnissen zusammen. Sie steigt gerade aus dem Auto mit dem gemeinsamen Kind, dessen Ankunft vorher alle Konflikte aufgeheizt hatte („Ich bin schwanger-“ – was ihn ziemlich hilflos reagieren lässt). Zufrieden und verliebt schaut sie zu ihm hoch.
Friede – Freude – Eierkuchen – ein Happy-end à la Hollywood, wie es kitschiger und realitätsferner nicht geht.
So köstlich und unterhaltsam dieser Film ist: Das würde alles nie funktionieren:
° Man kann nicht einfach nach vielen Jahren mit dem Kiffen über Nacht aufhören – wenn nicht die darunter liegende Störung bearbeitet wird.
° Und man kann nicht einfach eine massive Schreib-Blockade auflösen – die in diesem speziellen Fall nur scheinbar aus dem Gegenteil besteht: einem unaufhörlich weiterwuchernden Manuskript. Dass die Studentin Hannah sehr unmissverständlich zu Tripp sagt: „Sie müssen sich entscheiden“ – das ist bullshit: Jung und in ihn verliebt würde sie in der Realität niemals mit dieser klaren Stimme so etwas zu ihm sagen.
Romanschreiben ist tatsächlich unter anderem die Kunst des Weglassens – auf den Punkt gebracht in dem markigen Rezept: „Kill your Darling!“ (was in seiner Radikalität auch wieder der pure Schwachsinn ist – aber einen wahren Kern enthält).
Wie Tripp mit seinen Studenten arbeitet, ist übrigens auch nicht die hilfreichste Art, Creative Writing zu vermitteln. Ich würde jedenfalls niemals den Text eines Studenten selbst vorlesen – und ihn dann der Meute zum Fraß – also zur offenen Kritik – hinwerfen. So funktioniert das nicht – auch wenn es filmisch was hergibt, weil es Konflikte offenlegt und schürt. Aber dieser Professor hat keine Ahnung, wie man ein Schreib-Seminar leiten sollte.
Dennoch: Ich liebe diesen Film, der von seinen großartigen Schauspieler*innen lebt und von vielen witzigen Szenen und Dialogen. Kintopp eben.

Und es ist eine wahre Freude, diesen prächtigen Beispielen von Hochbegabten zuzuschauen, wie sie ihre Talente realisieren – oder sie eben verschusseln. wie das Tripp zunächst macht.

Und auf jeden Fall handelt es sich um ein prächtiges Exemplar von Filme rund ums Schreiben, von denen es erstaunlich viele gibt.

MultiChronalia

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Kiffen keineswegs nur so lustig ist, wie das in dieser Komödie zelebriert wird. Es ist zwar – zum Beispiel wenn man unter ADHS leidet – , ein scheinbar gutes Medikament zur Selbstheilung. Was am Anfang tatsächlich „das Bewusstsein erweitert“, nimmt einem allmählich jeden Ehrgeiz und lässt einen zusehend in Depressionen versinken. Da wieder rauszukommen, ist ein Jahre dauernder anstrengender Kampf, der einen wirklich guten Therapeuten als Begleiter braucht.
Ich kenne das von beiden Seiten:
° als Student habe ich in den 1960er Jahren mehr gekifft als mir gut tat – und es war mir später nur ein schwacher Trost, dass Sigmund Freud mit Kokain ähnliche Kämpfe ausfechten musste. Wie ihm das gelungen ist und wie er daraus die Psychoanalyse kreïerte, habe ich in meinem Buch — Freud und das Kokain untersucht
° Später habe ich meine eigenen Erfahrungen von 1970 bis 1976 gut in der Drogenberatung umsetzen können und in mehreren Büchern – so im Handbuch der Rauschdrogen.

Zur Anregung der Kreativität ist dass Kiffen höchst ungeeignet: Da sprudeln zwar die GeistQuantenFluktuationen nur so aus dem Unbewussten ins Bewusstsein – aber sie dann in der Realität praktisch umzusetzen erschöpft sich meistens nur im Reden und scheitert schlimmstenfalls im depressiven Nichtstun. Den Zahn, dass Drogen dem kreativen Prozess gut tun könnten, haben mir zwei Vorbilder in jungen Jahren sehr nachdrücklich gezogen: der österreichische Physiker und Schriftsteller — Herbert W. Franke und der indische Musiker — Ravi Shankar – die ich in eigenen Begegnungs-Texten würdigen werde.

Was die Schreibblockaden angeht, mit denen sich Tripp plagt, so kenne ich die ebenfalls aus eigener Anschauung. Und mein aktuelles Roman-Projekt glü kann es mit des Professors 2612 Seiten locker aufnehmen. Aber der Blog ist mir jetzt eine Weile wichtiger. Und im Gegensatz zu den meisten meiner früheren Buch-Projekten habe ich keinen Vertrag, der mir eine Deadline aufzwingt. Hat Vorteile – aber auch Nachteile, wie man sich denken kann. Und irgendwie macht es auch Spaß, einmal länger an einem Projekt zu arbeiten – in diesem Fall seit 1982.

Dass ich in meinen Schreib-Seminare (seit 1979) anders arbeite, habe ich oben schon angemerkt. Ich fände es nur sehr hilfreich, wenn die Corona-Aliens sich allmählich wieder zurückziehen würden (oder möglichst bald möglichst viele Menschen geimpft sind) und die Durchführung von Schreib-Seminaren wieder so locker durchgeführt werden kann, wie im Film. Aber leider ist das kein Science-Fiction-Roman oder -Film, dem man ein einsprechendes Happy-end ankleben könnte.

Die BinnenVersalie des Titels (WonderBoys) ist übrigens echt und nicht von mir hineingeschmuggelt.

Quellen
Hanson, Curtis (Regie): Die WonderBoys. USA 2000.

170 _ aut #202 _ 2021-04-13/10:10 Die

Mutter mit Kind 1942 – und was man auf dem Foto nicht sieht

Das folgende Bild zeigt meine Mutter (damals 28 Jahre alt) mit mir als zweijährigem Erstgeborenen.

Mutter Marie vom Scheidt, geb. Hertel, mit Sohn Jürgen im Sommer 1942 in Reahu (Archiv JvS)

Was man auf dieser Idylle der trauten Zweisamkeit nicht sieht, ist das, was gleichzeitig andernorts im „Tausendjährigen Reich“ und in den Nachbarländern geschieht – und was zwar nicht direkt mich, aber sicher sehr intensiv meine Mutter beschäftigt haben muss:

° Der Mann meiner Mutter, Helmut vom Scheidt (damals 35 Jahre alt) befindet sich irgendwo in Europa im Massensterben und Massenmorden des Zweiten Weltkriegs.

° Die Mutter meiner Mutter, Oma Betty Hertel, war kurz zuvor elend an Krebs gestorben.

° Der Vater meiner Mutter, Opa Karl Hertel senior (1879-1975), ist irgendwo in Russland oder in der Ukraine im Massensterben und Massenmorden des Zweiten Weltkriegs. Obwohl schon im Ersten Weltkrieg mitten im Gemetzel von Verdun dabei, meldete er sich als 60jähriger Major der Reserve erneut zum Kriegseinsatz. Wie mir seine andere Tochter, meine Tante Lis, später einmal erzählte, machte er dies nicht aus Vaterlandstreue oder gar „dem Führer zuliebe“ (den er nicht ausstehen konnte), sondern weil er das elende Sterben seiner Frau Betty zuhause in Rehau nicht ertrug.

° Der Bruder meiner Mutter, Onkel Karl Hertel junior (damals 31 Jahre alt) ist irgendwo in Russland im Massensterben und Massenmorden des Zweiten Weltkriegs.

° Das erstgeborene Kind Heinzele von Karl Hertel junior und seiner Frau Annemarie war ein halbes Jahr zuvor kurz nach Neujahr durch ein tragisches Missgeschick gestorben. Man gab ihm in der Sylvesternacht, weil er das wollte, vom Bohnenkaffee der Erwachsenen – was sein Körper nicht vertrug. (So ist es mir jedenfalls später erzählt worden. )
Der frühe Tod meines etwas jüngeren Cousins und ersten Freundes hatte jedoch seltsamerweise auch etwas Gutes: Wegen seiner Beerdigung bekam der Vater Heimaturlaub – was ihm höchstwahrscheinlich das Leben rettete, denn als er zu seinem Regiment nach Russland zurückkam, war dieses von einem Gegenangriff der Russen fast vollständig vernichtet worden. (So hat er es mir viele Jahre später einmal selbst erzählt.)

Auf diesem Foto aus dem Sommer 1942 sieht man, dass meine Mutter schwarze Trauerkleidung trägt – wegen des Todes ihrer Mutter. (Archiv JvS)

Das Grundstück in Rehau war groß und sehr verschachtelt. Direkt hinter dem Haus (im Hintergrund rechterhand zu ahnen) gab es einen kleinen Innenhof mit einem großen Beet für Gemüse (und mit der Odelgrube, die zweimal im Jahr von der „Angermännin“, einer verwitweten Bäuerin aus der Nachbarschaft, geleert wurde – was tagelang bestialisch stank.)
Es folgte ein Hof mit Grushaufen (feiner Steinsplitt für den Bau) und Sandhaufen und Kalkgrube mit gelöschtem Kalk und dem Materiallager des Baugeschäfts plus Garage für Zementmischer und andere Baugeräte. Gleich daneben (im Bild links zu denken) war der eigentliche Bauhof mit Bretterstapeln und Betonröhren für Kanalisation.
Was man auf dem Bild sieht, ist der Durchgang vom ersten Hof in den Gartenbereich. Man sieht von hinten die Rückwand eines Materialschuppens und daneben ist das Materiallager zu ahnen.
Rechts neben meiner Mutter muss man sich den „kleinen Garten“ denken, mit Rhabarber- und Johannisbeer-Büschen und anderen Obststräuchern und den Tabakpflanzen für meinen Großvater, der passionierter Zigarrenraucher war und sich seinen Tabak wegen der Mangelwirtschaft selbst zog. Und da stand auch der große Sauerkirschbaum, von dem in jenem Sommer 1942 die Haushaltshilfe Else bei der Kirschenernte beinahe zu Tode gestürzt wäre.
Links neben mir muss man sich den Hühnerstall denken, von dem unsere täglichen Frühstückseier stammten (und gelegentlich auch ein gebratenes Huhn).
Dort, wohin ich meine kleine zum Baugeschäft des Großvaters passende Schubkarre schiebe, kommt dann gleich rechts ein mit Glas abgedecktes Salatbeet und schließlich der große Garten, mit Apfel- und Pflaumenbäumen und einer großen Pappel.
alles zusammen das Paradies meiner Kindheit, das ich mit den Kindern der Nachbarschaft in immer neuen Gruppierungen teilte.

Doch auch hinter dieser Idylle aus Rehau auf diesem zweiten Foto ist Tragisches verborgen. Meine Mutter trägt schwarze Trauerkleidung, weil ihre Mutter gestorben war. Und im Kinderwagen dahinter liegt vermutlich der etwas jüngeren Cousin Heinzele, der bald danach ebenfalls sterben wird.

169 _ aut #849 _ 2021-04-12/16:55


Buch der Welt

Als ich am Vortag (10. April 2021) den Beitrag Staubfraß hier im Blog eintrug, konnte ich noch nicht ahnen, dass ich in dieser Geschichte aus dem Jahr 1963 wie ein seltsames Osterei den Schlüssel zu der Frage meines Bruders Stefan „versteckt“ hatte, der am vergangenen Sonntag (04. April) bei unserem monatlichen Familien-Meeting im Internet wissen wollte:

„Was ist den eigentlich der rote Faden deines Blog“?

Meine spontane Antwort vor einer Woche war: „Diesen roten Faden gibt es eigentlich nicht. Ich fülle in diesen Blog alles hinein, was mir so spontan einfällt oder was mich seit längerem beschäftigt, manchmal von einer Zeitungsmeldung ausgelöst oder einem Gespräch oder was auch immer – eine richtige Wundertüte.“

Ehrlich gesagt war mir bei dieser Antwort nicht ganz wohl – empfehle ich doch den Teilnehmern meiner Schreib-Seminare, einem Text-Projekt immer einen gut sichtbaren „Roten Faden“ zu verpassen – schon damit man sich selbst in dem Text zurechtfindet – und dem entsprechend dann auch die potenziellen Leser (falls man diesen Text veröffentlichen möchte).

Und nun arbeite ich an einem Blog, der da seit April vergangenen Jahres munter vor sich hin sprudelt – ohne so eine Hilfe? Was könnte denn diese inzwischen 160 Beiträge irgendwie innerlich zusammenhalten?

In meiner gestrigen Geschichte „Staubfraß“ steht ganz deutlich die Antwort:

Spät am Abend, nach ihrer Rückkehr auf die kleinere Insel, versuchte Poul, eine Geschichte über den Körper zu schreiben. Er hatte auch schon eine ungefähre Vorstellung davon, wo man sie in das große Buch der Welt einfügen könnte. Er schrieb die ganze Nacht hindurch, während Phil sich mit Albträumen auf seinem Lager wälzte. …

Ich hatte diesen gestrigen Beitrag kaum überarbeitet und veröffentlicht, als es mir plötzlich wie die sprichwörtlichen „Schuppen von den Augen fiel“ und ich sah, was der rote Faden meines Blogs ist – ohne dass ich das bewusst so geplant habe. Es ist jenes „Buch des Lebens“, das ich in meinem Text vor 48 Jahren für diese seltsamen amerikanischen Lehrer-Hippies „Poul und Phil“ als gewaltiges gemeinsames Lebens-Projekt phantasiert habe – und das ich eigentlich schon damals gerne selbst geschrieben hätte.

Nun, im Jahr 2021, verfasse ich in der Tat anhand meines Blogs Hyperwriting dieses Buch der Welt – meiner eigenen Welt:

Sie schrieben nämlich an einem Buch der Welt, wie sie es nannten, schrieben seit einem Jahr ununterbrochen, immer nur nachts, beim leise zischenden Schein einer Petroleumfunzel. Märchen und Novellen, Gedichte, selbsterfundene Mythen, Kurzgeschichten, Romanfragmente und Sinnsprüche, alles für ein Buch der Welt, eine Fortsetzung der Apokalypse des Johannes…

Die romantische Petroleumfunzel – ich rieche sie heute noch. Die gab es damals tatsächlich – denn die beiden schrieben wirklich des Nachts, wie sie mir bei unserem kurzen Kennenlerngespräch sagten. Aber es wird sicher nicht (wie die beiden es tatsächlich geplant hatten) die Fortsetzung der Apokalypse des Johannes sein, sondern etwas viel Handfesteres: Real Life.

Es geht ja in der Tat nicht nur um mein Leben – sondern um dieses, um mal ein großes Wort zu verwenden – Universum meines Lebens, das ja nicht nur aus tatsächlich Erlebtem, sondern auch aus in Büchern erlesenem Wissen, im Kino oder Fernsehen geschauten Szenen, aus Erdachtem, in eigenen Texten phantasiertem oder verfremdeten Material besteht. Und das ist in der Tat ein ganzes Universum. Mein Buch der Welt ist der Versuch, die wichtigsten Konturen davon nachzuzeichnen: Vor allem die Begegnungen mit Menschen und Orten und Ideen.

168 _ aut #842 _ 2021-04-11/18:03

°Staubfraß (Story)

Staub fraß ich uns soff Sternenlicht
(Arno Holz)

(Ibiza – November 1963)

Er wurde geboren in der Mitte eines Krieges. Die Unrast der Zerstörung überzog den Planeten. Er lag auf dem Rücken und schrie, um die kleinen Lungen zu stärken, um Lust von seiner Mutter zu gewinnen und Unlust abzuwenden. 

Das Erbgut spielte eine große Rolle. 

Die ersten Atompilze wuchsen in den Himmel Neumexikos und Japans. Er tobte mit ersten Freunden über den hoch ummauerten Schulhof. Er bekam erste Ohrfeigen, als der Hausmeister ihn beim Wegschütten von Kinderspeisung ertappte, die der weißbemützte Koch mit der kieksenden Kastratenstimme versalzen hatte. 

Wie er bemerkte, begann auch die Umgebung ein große Rolle zuspielen. 

Später jagten künstliche Monde einander auf weltumspannenden Bahnen. 

Bratfischduft war die Erinnerung an die Konfirmation, dazu die vorbeiwirbelnden Sitze eines Kettenkarussells mit kreischenden Mädchen und brüllenden Burschen, im Hintergrund die Pfeifen und Tschinellen der Jahrmarktsorgel. Seine erste Freundin küsste er im Herbstnebel vor einer Bahnschranke. Seine Abiturnoten wurden wohlwollend aufgenommen, an einem föhnigen Maitag begann er ein Studium. 

Er bemerkte ein gewisses Talent, konnte es jedoch nicht entwickeln. 

(Warum hatte er das von diesem Talent eigentlich in sein Tagebuch geschrieben? Es war ihm unbemerkt aufs Papier gerutscht, aber da es ihm, auch ohne dass er den Sinn verstand, sinnvoll vorkam, ließ er es stehen.) 

Eines Tages steuerten Raumsonden die benachbarten Planeten an, erst Venus und Mars, dann Merkur und Jupiter, den mystisch beringten Saturn und endlich die Sonne selbst. 

Es war fast schon Winter. Er setzte sich in den fahrplanmäßigen Bus und reiste nach Spanien. Eine Peseta kostete in Barcelona die Fahrt mit der Metro. In einem Restaurant am Hafen aß er paniert ausgebackene Tintenfischringe, Calamares á la Romana. Anlässlich einer Weltausstellung war die Seilbahn gebaut worden, von der man das Gewimmel des Hafens wie ein lebendiges Mosaik tief unten verfließen sah. Drei Minuten nach dem Verlassen der Gondel hielten ihm Zigeunerinnen mit düster verhangenen zahnlückigen Gesichtern ihre bettelnde Kleinkinder entgegen. Er gab die Münzen, die er zufällig bei sich hatte.

Das stimmte ihn kurze Zeit nachdenklich. 

Riesenhafte Rechenautomaten übersetzen russische Chemiebücher ins Englische. Aber bei anderen Sachgebieten türmten sich bald so unüberbrückbare Schwierigkeiten auf, dass man die Forschungsobjekte zur Computer-Übersetzung wieder einschlafen ließ.

Eine Viermotorige der staatlichen Fluggesellschaft Iberia brachte ihn nach Ibiza. Beim Anflug war die Insel ein sauber aufgeteiltes Brettspiel mit weißen Klötzchenhäusern und Windmühlen, die sich noch an Don Quichote erinnerten. In den Bodegas saßen müde die Flamenco-Tänzer und die Gitarristen. Doch die Saison war längst vorbei. 

Der Kellner im ,Alhambra‘ glich Charlie Chaplin und brachte allmorgendlich Café con leche und leckeres Gebäck aus Blätterteig, mit Puderzucker bestreut und von den Fliegen träge begehrt, und wohl auch dem Kellner schien es zu schmecken, denn seine Schnurrbarthaare waren manchmal weiß bestäubt.
Joe brachte eine Liebesgeschichte zum traurigen, einzig möglichen Abschluss. Zwischen langen Spaziergängen saß er allein am Strand, las Stapledon und Joyce und naturwissenschaftliche Sachbücher über Weltraumfahrt und die Herkunft des Menschen. Wenn er nachts allein auf der Festungsmauer kauerte, hoch über dem kaum erleuchteten Spielzeug, konnte er die Denker des Altertums verstehen. Der Himmel war hier wirklich eine Kuppel aus Kristall. Auf dem fernen Kontinent Amerika wurde der Präsident erschossen, und in den Cafés weinten anderntags die deutschen Touristen mehr als die amerikanischen Hippies. Ein Kurzwellensender trug den Klang der arabischen oud und von Tontrommeln übers Mittelmeer.  Trauriger konnte nichts sein.

Er streichelte ihre Haare, ohne Hoffnung.  Als sie ihn wortlos stehenließ und ging, stolperte er über ein seltsames Objekt, ein vom Meer ausgewaschene Stück Sandstein, etwa zehn Zentimeter lang und fünf Zentimeter breit wie hoch. Es sah aus wie ein winziger Altar, auf dem man der blutrünstigen Gottheit Menschenopfer darbrachte.

Psychoanalytiker auf der ganzen Welt drangen mit Lysergsäure in die entferntesten Seelenschichten ihrer Patienten vor. 

Er setzte nach Formentera über, einer winzigen Insel, noch zwei Stunden tiefer im Mittelalter. Ein Schwarzamerikaner, Maler und Schriftsteller, wie es hieß, schickte ihn hilfsbereit ins nächste Dorf – da sei einer, der solche Haschischpfeifen schnitze, nur den kleinen Tonkopf müsse er sich aus Marokko besorgen, oder drüben im Hafen vielleicht . Eine Stunde lief er durch eine Nacht ohne Straßenlampen. Hin. Und nachdem er bekommen hatte, was gesucht, wieder zurück. Manche Wolkenmasse schob sich vor die Sterne, die er mit weit in den Nacken gebeugtem Kopf anstarrte, während unten zwei Beine ihren Weg wussten. Fünf Meteore verglühten in dieser Nacht. Einer von ihnen hätte ein Nachrichtensatellit sein können, lang und hell grub sich seine Spur in die Kristallkuppel und versprühte Grün und Blau und Orange.

Er trat einige Schritte von der Straße herunter auf ein Feld, stolperte auf eine der vielen langen Felsplatten, die da herumlagen wie die Grabsteine eines gigantischen muslimischen Friedhofs. Noch immer starrte er in die Milchstraße, ins unglaubliche Feuer des Sirius. Die Luft war warm. Er verlor sich ins Gewimmel der vieltausend Sonnen , erkannte Orion mit seinen Nebelwüsten, das rote Auge der Beteigeuze, Deneb im Schwan, das W der Kassiopeia. Dann spürte er das Rauschen der Luft auf seinem Gesicht, spürte, wie er schneller und schneller aufstieg, wie das Brausen gewaltiger wurde, spürte, wie der Druck in seinen Ohren zunahm, wie sich sein Herzschlag beschleunigte. 

Unter ihm sendeten Leuchttürme chiffrierte Botschaften aufs Meer. Sein Name hämmerte rhythmisch von innen gegen sein Schädeldach. Er roch den Rauch von Kaminfeuern, den der Aufwind mit sich trug. Das stoßartige Heulen eines Hundes war da. Ihn fröstelte. 

Überall war auch die von fahler Brandung umgischtete Insel, der er sich wieder näherte. 

Er zeigte den Sternen den Rücken und schrie… 

Am anderen Morgen gingen zwei ungewaschene und unrasierte Männer die gleiche Straße. Sie wollte zum Hafen, wollten nach Ibiza übersetzen, um dort ihre Passbilder erneuern zu lassen. Sie fanden den Körper. Dem einen wäre fast übel geworden. Aber sie hatten im Krieg Entsetzlicheres gesehen. 

Sie nahmen seine Brieftasche. Dort fanden sie einen Namen: Joseph Schlesinger. Ein beiger Leinenausweis mit vielen Stempeln, an den Rändern schon ausfasernd: Student der Soziologie, Ludwig-Maximilians-Universität. Ein geknicktes Farbfoto mit dem Bild eines etwas verquält lächelnden Mädchens: Schade – Deine C., in kindlich-unsicheren Zügen hinten draufgeschrieben. 

Zwei Briefmarken mit dem Kopf des greisen Bundespräsidenten, eine Fahrkarte München-Barcelona und zurück, mehrere Geldscheine in spanischer und deutscher Währung. 

Den Hundert-Peseten-Schein nahmen die beiden mit. Dann gingen sie weiter, jeder eingesponnen in das Netz seiner Gedanken. 

Sie schrieben nämlich an einem Buch der Welt, wie sie es nannten, schrieben seit einem Jahr ununterbrochen, immer nur nachts, beim leise zischenden Schein einer Petroleumfunzel. Märchen und Novellen, Gedichte, selbsterfundene Mythen, Kurzgeschichten, Romanfragmente und Sinnsprüche, alles für ein Buch der Welt, eine Fortsetzung der Apokalypse des Johannes. Beide beschäftigten sich bald auch mit dem leblosen Körper auf jener Felsplatte, jeder auf seine Weise. 

Als der Dampfer ungeduldig tutete, beschleunigten sie ihre Schritte. „Vielleicht ist er aus einem Flugzeug gefallen“, meinte Phil mit dem eisgrauen Vollbart. 

„Kann schon sein“, brummte Poul mit dem künstlichen Auge „Oder Rauschgift?“ 

„Der arme Teufel -“ 

„Wer weiß – es gibt Schlimmeres -“ 

Dann waren vor ihnen die ersten Hütten und die Mole, neben der sich das Schiff sachte auf der Dünung wiegte. 

Spät am Abend, nach ihrer Rückkehr auf die kleinere Insel, versuchte Poul, eine Geschichte über den Körper zu schreiben. Er hatte auch schon eine ungefähre Vorstellung davon, wo man sie in das große Buch der Welt einfügen könnte. Er schrieb die ganze Nacht hindurch, während Phil sich mit Albträumen auf seinem Lager wälzte. Dann rasierte er sich, auch die Haare auf seinem Kopf. Während auf dem Kocher das Wasser für den Kaffee zu sprudeln begann. Etwas Brot vom Vortag und Butter und Kirschmarmelade hatten sie ja noch.

Staub fraß ich und soff Sternenlicht – wer hatte das einst gesungen?

Dieses vom Meer ausgewaschene rätselhafte Objekt fand Joe 1963 am Strand von Ibiza (Archiv JvS)

167 _ aut #591 _ 2021-04-10/22:33

°Bin ich schön? (Film)

(Dieser Beitrag setzt im ersten Teil eine Reihe fort, die ich in sechs Folgen in meinem Newsletter IKAros im Jahr 2020 veröffentlicht habe: Filme rund ums Schreiben (F.r.u.S. 7). Man findet sie im Archiv des NL.)

Wenn man Filme als Schreibender anschaut, entdeckt man überraschend viele Streifen, in denen das Schreiben eine zentrale oder zumindest wichtige Rolle spielt. Gestern (09. April 2021) habe ich zufällig den sehr berührenden Episodenfilm Bin ich schön? von Doris Dörrie angeschaut. Auch beim fünften Mal Anschauen überzeugt diese komplexe Geschichte wieder.
Verschiedene Schicksalslinien kreuzen sich in München und in Spanien. Das Schreiben spielt dabei zweimal eine winzige, aber essentielle Rolle in den sich immer wieder kreuzenden Schicksalslinien der 16 Figuren:

° Linda zeigt (betrügerisch) im Auto dem Düngemittelvertreter Werner ein Kärtchen, mit dem sie sich als Taubstumme bezeichnet.

° Für Vera endet die spanische Urlaubsliebe mit Felipe am Flughafen, wo sie sich von ihm absetzen lässt, um zur Hochzeit ihrer Schwester Franziska zu fliegen. Dort erscheint sie mit einer alten Frau im Rollstuhl, die sie kurz vorher von deren Verwandten ausgesetzt auf der Straße findet – und in deren Mantel sie einen Zettel finden, dass ihre Tochter sie aussetzt, weil sie ihr eigenes Leben wieder führen will – und dass sie sich freut, wenn sie gestreichelt wird – was auch – dank Veras Streicheln, ein Lächeln auf ihr Gesicht zaubert.
Würden diese beiden scheinbar so unbedeutenden Schriftstücke fehlen – wäre es ein anderer Film.

Im Film Bin ich schön? von Doris Dörrie kreuzen sich die Schicksalslinien – und zwei kleine Schriftstücke spielen eine wesentliche Rolle (Constantin Film)

MultiChronalia
Das war so nicht geplant. Aber nun, nach diesem Film, öffnen sich die Pforten der Erinnerung. Die Musik von Ahmed Abdul Malik, mittels Bluetooth vom CD-Player direkt in meine Hörgeräte gespielt, lässt die Erinnerungen fließen, sie berühren sich, gewinnen Konturen – ergänzen und erweitern das, was im Film „künstlich“ und künstlerisch überzeugend gestaltet eine ganz eigene Welt erzählt (1998 erstmals im Kino gesehen).

Spanien hat in meinem eigenen Leben zweimal eine wichtige Rolle gespielt, beide Male zentriert um eine Frau: Als ich 1963 meiner Liebe Karin nachreiste und mich auf Ibiza in einem der traurigsten (und frierendsten) Herbstmonate meines Lebens fand. Auf der Nachbarinsel Formentera eine hübsche kleine Hanfpfeife von einem schwarzen Künstler erwarb, in derselben finsteren Nacht wie betrunken (nur ein wenig bekifft) zur Fonda Pepe am Hafen zurückwanderte. In den Sternhimmel staunend, der hier zwischen Europa und Afrika so unglaublich klar und intensiv ist wie jene Kristallkuppel, an welche die Altvorderen glaubten – und mir stolpernd zwischen den dunklen Felsen beinahe alle Knochen brach.
In einem kleinen Café erlebte ich einige Tage später die Ermordung John F. Kennedys im fernen Dallas mit. Im Hafen von Ibiza Stadt aß ich nicht nur, fast jeden Tag, köstliche Hot Dogs mit noch köstlicherem Relish und versank in meiner Traurigkeit – sondern hörte auch zum ersten Mal die unglaublich intensive Longplay Jazz Sahara von Ahmed Abdul Malik – noch heute einer meiner Jazz-Favoriten. So traurig diese Tage auch an der Oberfläche waren – sie haben einen meiner besten Text generiert, der all dies auf drei Seiten in so etwas wie einem Mini-Roman zusammenpresst – mehr Gedicht als Geschichte. Ich habe diesen Text → „Staubfraß“ dann 1975 in meinen Roman → Der geworfene Stein integriert – und nun hier im Blog recycelt.

Die Oud war 1962 im Jazz ein neuer Klang – der wie von Afrika herüber nach Ibiza wehte. 1965 habe ich diese Platte Karin geschenkt, in Amsterdam. Lange habe ich danach gesucht – und sie endlich im November 1997 wieder entdeckt – nun als CD (Riverside Records)

Als Karin mich fast ein Jahrzehnt später (da lebte sie in London) 1971 überraschend zu ihrer Hochzeit nach Ibiza (!) einlud, hätte ich beinahe zugesagt. Wenn meine erste Frau Elke nicht – zu Recht – rasend eifersüchtig reagiert hätte. Dabei war ich seit 1968 in Elke längst ebenso verliebt – und sehr gut in diese Beziehung hineingewachsen, aus der zwei Kinder entstanden. Was hätte da schon mit einer „alten Flamme“ (wie man so altmodisch sagt) passieren können…

Die zweite Erfahrung mit Spanien war wieder ein Jahrzehnt später: 1977. Es war, nach Trennung und Scheidung von Elke und viel einsamer Traurigkeit*, die erste gemeinsame Reise mit meiner zweiten Frau Ruth. Wir flogen nach Barcelona, mieteten uns einen R4 und bummelten durch die Gegend, bis wir in dem winzigen Ort Arnes (bei Orta) eine Terrassenwohnung im Haus des Züricher TZI-Lehrers und Psychotherapeuten Louis Lambelet bezogen. Es wurde ein wunderschöner verliebter Urlaub – bei dem unter anderem mein vierter Roman → Rückkehr zur Erde entstand.

* Das war meine Seite der Geschichte. Dass Elke, nun Ex-Frau, und unsere beiden gemeinsamen Kinder das auf ihre Weise völlig anders erlebt haben – mit nicht weniger Traurigkeit und Verzweiflung – ist mir ebenfalls sehr bewusst. Auch deshalb schreibe ich das auf – um es nicht zu vergessen. Aber man darf das nicht „gegenrechnen“ – man muss die Erfahrungen für sich bestehen lassen.

Elke ist nun schon seit zehn Jahren tot, Ruth seit fünf Jahren – ob Karin noch lebt, weiß ich nicht. Ich weiß nur – und spüre es sehr deutlich – dass man sich mehr als einmal verlieben kann. Und dass mit dem zeitlichen Abstand jede dieser Erfahrung ihren ganz eigenen Charakter annimmt und an wertvoller Intensität gewinnt.

1963 war eines der Schlüsseljahre meines Lebens. So traurig es endete – für meine Kreativität war es ungemein bereichernd. Was ich allerdings erst viel später begriffen habe.

Was so ein Film, zufällig im Fernsehen „erwischt“, alles auslösen kann – wenn man es anschließend in Worte zu fassen versucht.

Quellen
Dörrie, Doris (Regie): Bin ich schön? Deutschland 1998 (Constantin).
Malik, Ahmed Abdul : Jazz Sahara. Longplay New York 1958. CD Berkeley 1993 (Riverside Records).
Scheidt, Jürgen vom: „Staubfraß“. Ibiza Nov 1963.
ders.: Der geworfene Stein. Percha bei München 1975 (R.S. Schulz).
ders.: Rückkehr zur Erde. Pfaffenhofen (Ludwig).


166 _ aut #840 _ 2021-04-10 / 21:44 Uhr



Der Junge mit der Panzerfaust

Ein Krieg ist mit Sieg und Kapitulation noch lange nicht beendet. In Deutschland wird fast jeden Tag irgendwo ein Blindgänger ausgebuddelt und muss dann unter oft gewaltigen Schutzmaßnahmen gesichert und vernichtet werden. Solche Bomben, schätzen Experten, wird man noch hundert Jahre nach Kriegsende finden – und noch manche wird bei unvorsichtigen Bauarbeiten explodieren*.

Außer diesen direkten materiellen Schäden gibt es die seelischen Spätfolgen bei den Flüchtlingskindern, bei den Vertriebenen, bei Kriegskindern und Kriegsenkeln. Manches ist harmloser – manches ist „gerade noch mal gut gegangen“ – wie die folgende aktuelle Meldung zeigt:

Obige kleine Meldung hat mich sofort an eine wahre Geschichte aus der Kindheit erinnert – nicht aus meiner eigenen, sondern aus der eines Freundes aus der Rehauer Zeit. Bei Kriegsende im Mai 1945 warfen viele desertierende oder flüchtende Soldaten ihre Waffen weg. In der Gegend um Rehau lag etliches davon noch lange später in den Wäldern und Wiesen herum – denn der Ort lag sehr nahe bei der damals sehr fließenden Grenze zur bald darauf „sowjetisch besetzten Ostzone“ und zur Tschechoslowakei – im „Dreiländereck“.

Dietmar Sammet (links oben im Eck) – der Junge mit der Panzerfaust – rechts unten im Eck ich – auf einem Klassen-Foto aus dem Jahr 1950 (Archiv JvS)

Mein späterer Klassenkamerad (ab der ersten Klasse Volksschule Herbst 1946) Dietmar Sammet erzählte mir Jahrzehnte später folgende Geschichte:
Beim Umherstreunen in der Geierloh auf der nördlichen Anhöhe des Talkessels, in dem Rehau liegt, fand er als damals kaum sechsjähriger Knirps eine Panzerfaust. Er erinnerte sich, dass man solches Zeug bei der Polizei abgeben sollte und marschierte brav damit zur Dienststelle der Gendarmerie in der Ortsmitte. Dort war man begreiflicherweise entsetzt über diesen Fund und brachte sich erst einmal in Deckung – was in so einem Dienstraum nicht leicht ist. Das Entsetzen war berechtigt, denn anders als in der obigen Zeitungsmeldung befand sich die panzersprengende Granate noch immer im Abschussrohr und die ganze Angelegenheit war wirklich hochgefährlich.

Bei anderen Funden ging das nicht so glimpflich aus. In der selben Zeit nach Kriegsende entdeckten Kinder im Perlenbach im Süden von Rehau eine Granate und spielten damit – was einer mit dem Leben bezahlte und ein anderer mit schweren Verletzungen, wie sich Dietmar Sammet erinnert. (Vergl. auch → Waffenfetischismus von uns Buben.)

* So geschehen in München-Schwabing, wo man ein riesiges Areal im Herzen des Viertels evakuieren musste – um dann bei der künstlich herbeigeführten Sprengung dieser us-amerikanisch 250-Kilo-Fliegerbombe alle Fensterscheiben in der direkten Umgebung zu zerstören. Das ganze Areal war noch Monate danach sowohl direkt beschädigt als auch – die Anwohner – traumatisiert.
Wir wohnten damals nicht weit davon entfernt in der → Seestraße – aber im nicht mehr direkt gefährdeten Bereich, aus dem evakuiert wurde. Unser nachträglicher Schrecken war allerdings groß, als sich anderntags nach der einigermaßen glimpflich (!) verlaufenen Sprengung herausstellte, dass ein gewaltiges Trumm Metall (von der Bombe?) über unser Wohnhaus hinweg in die nördliche Wand des Hauptgebäudes der Münchner Rückversicherung eingeschlagen war – gut 30 cm groß und mehr als einen halben Kilometer vom Ort der Explosion entfernt, die innerhalb eines Häusergevierts gezielt gezündet worden war. Das Teil hätte genauso gut bei uns in der Küche landen können, wo wir gerade beim Abendessen saßen, oder im Arbeitszimmer gleich daneben.
Claudia Wessel, Redakteurin der Süddeutschen, hat diese Explosion vom Abend des 27. August 2012 in einem packenden Thriller detailgenau verarbeitet, den sie Die Bombe nannte. Als Widmung schrieb sie mir in das Buch: „Bei dir fing das alles an im Schreibkurs anno 1995.“ (Das war die Große Schreib-Werkstatt, die zufällig genau in jenem erwähnten Arbeitsraum stattfand – wo 17 Jahre später zum Glück kein Trumm von der Explosion landete – die diesen Roman auslöste. )

Quellen
DPA: „Panzerfaust im Keller entdeckt“. In: Südd. Zeitung vom 03. April 2021.
Wessel Claudia: Die Bombe. Tübingen 2015 (Gehrke).

164 _ aut #838 _ 2021-04-10/14:30

Blogging: Wozu habe ich heute Lust?

Da sind nach dem Aufwachen schon etliche Themen durch meinen Kopf und auf kleine grüne Zettel gepurzelt (der jeweils vorangestellte Pfeil “ → “ soll signalisieren, dass da später, wenn der Beitrag im Blog erschienen ist, ein Link eingefügt werden soll):

°   → Der Junge mit der Panzerfaust – eine Geschichte, die meinem Freund Dietmar 1947 passiert ist. Ich will ihn erst fragen, ob es ihm recht ist, wenn ich darüber im Blog schreibe. Auslöser war eine kleine Meldung in der Zeitung: „Panzerfaust im Keller entdeckt“. Von da taucht von selbst eine Art Fortsetzung- und Vertiefungsthema auf: Spätfolgen des Kriegs. Und das Thema → Waffenfetischismus bei uns Kindern.

° Oder soll ich erst über meine Erfahrungen mit dem Impfen berichten? Den zweiten Pieks bekam ich vor zwei Wochen – das war es eigentlich schon – das   → Impfen ist kein Abenteuer, sondern Bürgerpflicht.

°Oder doch erst über das → Minotauros-Projekt berichten, was mir beim Aufräumen in die Hände fiel? Es war unser größtes berufliches Abenteuer – das erst sehr erfolgreich verlief – und dann leider scheiterte. Fast so wie das Abenteuer mit der → Sieben-Zimmer-Luxus-Wohnung am Englischen Garten.

→ Lust zum Schreiben habe ich eigentlich immer – vielleicht sollte ich darüber berichten?

Lust und Frust und Chronistenpflicht

Außer solchen Lust-Themen gibt es auch Frust-Themen wie das Minotauros-Projekt. Ich schiebe sie eine Weile vor mir her – bis ich dann doch drangehe. Oder sie wieder in den Themen-Speicher verlagere. Bis ich vielleicht Lust dazu verspüre, das anzupacken – dann geht es meistens recht flott.

Und dann ist da noch (na klar) ein Drittes: das sind die Themen, über die ich endlich bloggen sollte – quasi eine Chronistenpflicht. Wie meine persönlichen (sehr positiven = guten) Erfahrungen mit dem Impfen.
Ich sollte auch längst den Text fertigstellen, der mir an Ostern aufgrund eines Artikels in der Süddeutschen wie von selbst in die Feder – pardon: In die Tastatur hüpfte: Eine Abrechnung mit dem Christentum und speziell mit der katholischen Kirche, die ich   → Osterglocken betitelt habe. (Nur zur Klarstellung – ich bin nicht katholisch – ich war mal evangelisch-lutherischen Glaubens.) Diesen Beitrag sollte ich nicht erst an Weihnachten nachliefern. Eigentlich ein sehr politisches Thema – was der Bericht über die Impfung ja auf jeden Fall ist – heutzutage.
Oder noch viel dringender: Der Bericht über unser Sylvester-Webinar: → Folge dem roten Faden.

Gewissermaßen „auf Halde“ liegen nicht weniger als 31 Entwürfe zu Beiträgen, die schon recht weit gediehen sind (wie besagter Bericht über das Sylvester-Seminar – der allerding aus mindestens für Teil-Beiträgen besteht).
In meiner Datenbank für den Blog warten mindestens zusätzliche 600 Ideen auf Realisierung. Und dann gibt es noch gut 300 kleine grüne Blätter im Postkartenformat, auf denen ich seit November weitere Ideen notiert habe.

MultiChronalia

Muss ich da noch eigens MultiChronalia definieren – wo ich doch in diesem Beitrag auf der Meta-Ebene
° von heute, 10. April 2021 (mit wunderschönem „Nach-Osterwetter“ ohne Schnee – sondern angenehm frühlingshaft, wie schon Anfang Februar)
° eine Woche zurück nach → Ostern hüpfe,
° dann zum → Sylvester-Seminar
° – und schließlich, ganz weit zurück ins Jahr 1947 zu dem → Jungen mit der Panzerfaust?

Egal. Das muss alles – nein: das will alles geschrieben werden. Ich bin nur der Schreib-Knecht, der wie im Mittelalter der Mönch in seiner Zelle das verschriftet, was sich mein Schreiber-Selbst so ausdenkt.

Wie hieß noch mal dieser Slogan nach der Ölkrise der 1970er Jahre?

„Pack den Tiger in den Tank“ – nein, das war die Benzinwerbung (als das Benzin plötzlich sehr knapp war und man an den sagenhaften „autofreien Sonntagen“ auf der Autobahn Fahrrad fahren und Spazierengehen konnte!) Was ich meine ist jener andere Mutmacher:

„Packen wir´s an.“

163 _ aut #837 _ 2021-04-10 / 10:56

Kriegserlebnisse eines Fünfjährigen – redivivus 2003

(Was ich im vorangehenden Beitrag → Kriegerlebnisse eines Fünfjährigen 1 notiert habe – das ist für mich Krieg. Diesen Text hatte ich 1974 geschrieben. Ich erinnerte mich wieder an ihn, als ich 2003 während der Arbeit an meinem Buch Das Drama der Hochbegabten eine massive Schreibblockade hatte. Dabei entstand der folgende ergänzende Text.)

Wenn heute am 17. März 2003 (da ich diese Zeilen wieder lese und mich entschließe, sie vielleicht in mein Buch über die Hochbegabten aufzunehmen) für den amerikanischen Präsidenten George W. Bush die „Stunde der Wahrheit“ gekommen ist, weil er den Krieg gegen den Irak verkündet – dann weiß ich, was er damit anrichten wird. Ob er es hingegen weiß, wage ich zu bezweifeln. In mir steigt jedenfalls ein ungeheurer Zorn auf gegen diese „Stunde der Wahrheit“, die auf nichts als Lügen gebaut ist. Und der Zorn ist um ein Vielfaches größer, weil er durch die unzähligen guten Erfahrungen konterkariert wird, die der Einmarsch der Amerikaner im Mai 1945 für mich brachte.

Ich will diese Erinnerungen in das Buch aufnehmen, weil sie für mich vieles deutlich machen, was mit Hochbegabung zusammenhängt.

(Ergänzung 08. April 2021: Ich habe diesen Text dann doch nicht ins Buch aufgenommen – ich wusste einfach nicht, wo das passen könnte. Aber er half, die Schreibblockade zu lösen.)

Mir erklären diese Erinnerungen ein gutes Stück die Blockade (besser: Bremse) welche ich monatelang erlebte, als ich am Buch arbeitete. Da saß in der Tiefe etwas, das von den Kriegsvorbereitungen draußen genährt und geschürt wurde und mich (mein Inneres Kind) ungeheuer beschäftigte und ängstigte: Jetzt geht das wieder los, war die Botschaft, die verdaut werden wollte. Und ich kann wieder nichts tun!

Von Nicht-Psychologen wird das Konzept des Inneren Kindes manchmal belächelt. Aber für mich ist es eine Realität: Das Kind, das ich damals war, lebt noch immer in mir – genau wie der 13-jährige Jugendliche, der einen schlimmen Unfall hatte, und viele andere Gestalten, die ich einmal gewesen bin und die auch unendlich viel Gutes und Schönes erlebt haben – aber eben auch das – was so schrecklich war.

Das Unbewusste kennt keinen Zeitbegriff, hat Sigmund Freud einmal hellsichtig festgestellt. Es bedarf nur eines starken Eindrucks von außen (das Bush´sche Säbelgerassel) – und schon lebt das Geschöpf wieder auf, das ich damals war.

Diese übergroße Erinnerungsfähigkeit und Sensibiltät ist in anderen Fällen ein Segen – ohne sie könnte ich weder als Psychologe mich entsprechend in andere Menschen einfühlen noch als Schriftsteller mich erinnern und Erlebtes wiederbeleben und gestalten. Aber sie ist auch ein Fluch, wenn man einen Ablieferungstermin für ein Buch-Manuskript hat – und der kreative Motor ins stottern kommt, weil 50 Prozent oder mehr seiner Antriebskraft anderweitig beschäftigt sind: nämlich die schrecklichen Erinnerungen „an damals“ drunten zu halten.

Erst als ich meinem Inneren Kind, dem Fünfjährigen des Kriegsjahres 1945 (das eigentlich für die ganze Zeit meines Lebensanfangs steht, mit Nazi-Diktatur, Krieg und Nachkriegswirren), hoch und heilig versprach, ich würde seinen ungeheuren Zorn und seine abgrundlose Trauer und seine schrecklichen Ängste mit in das Buch aufnehmen – da ließ es mich in Ruhe weiterarbeiten.

Ich glaube nicht, dass nur (hochbegabte) Psychologen und Schriftsteller von solchen Erinnerungen gepeinigt und blockiert werden, sondern dass es Millionen Menschen so geht, die diese Zeit selbst erlebt und – meistens unbewusst und unverarbeitet – an ihre Kinder und Enkel weitergegeben haben*.

* Die Frau meines früheren Schuhmachers fällt mir ein, der einmal im Gespräch die Bemerkung herausrutschte, sie wache jede Nacht schreiend auf, weil sie im Krieg verschüttet worden war und erst nach einigen Tagen ausgegraben wurde, weil ein General in der Nachbarschaft darauf bestand, dass weiter gegraben wurde. Ihr schreiendes Aufwachen geschah noch ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende!

Hochbegabung bringt erhöhte Sensibilität und Erinnerungskraft und Vorstellungsvermögen mit sich, und man muss schon verdammt gestört und emotional abgebrüht sein, wenn man all das dann noch „drunten“ halten kann im Orkus des Vergessens.

Ich kann es nicht.

Es ist meinem Inneren Kind wichtig, dass diese Botschaft weitergegeben wird, dass sie nicht untergeht im triumphierenden Kriegsgeschrei der Sieger. Das ist das einzige, was ich tun kann gegen diesen Wahnsinn.

Diese Botschaft ist aber zugleich die Warnung vor einer bestimmten Gruppe Hochbegabter, welche als Regierende und ihnen zuarbeitende Experten leicht der Arroganz und Hybris verfallen und Taten (und Untaten) anordnen, für die sie selbst kaum geradestehen müssen – aber unzählige Normalbegabte auf beiden Seiten der Kriegsfront: Kanonenfutter und Kollateralschäden

Die Arroganz der Mächtigen

Es will mir nicht in den Sinn, was da passiert dass:
° eine angeblich so vorbildliche Demokratie wie die USA ihre Machtelite so schlecht kontrolliert,
° so tapfere Menschen, als welche die Amerikaner sich gerne geben, eine solche Höllenangst vor einem irakischen Diktator haben und jahrelang in Panik geraten wegen der Terroranschläge vom 11. September (deren Opferzahl im anschließenden Rachefeldzug gegen Osama bin Laden bei der afghanischen Zivilbevölkerung weit übertroffen wurde);
° so tüchtige Geschäftsleute sich die Wirtschaft von einer Clique fundamentalistischer Christen so nachhaltig ruinieren lassen,
° so viele intelligente Menschen sich so von einem profilneurotischen Präsidenten** manipulieren lassen, dem jeder Psychologe aus tausend Kilometern Entfernung ansieht, dass er nur seinem Vater beweisen will, dass er der größere Kriegsherr ist,
° und dass seine eigene Partei ihn überhaupt als Präsidenschaftskandidaten aufgestellt hat, obwohl er sein Alkoholproblem nicht mit einer ordentlichen Psychotherapie in den Griff bekam (oder meinetwegen auch mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker), sondern durch ein Erweckungserlebnis (das offensichtlich einen manichäischen Fanatiker produziert hat und gerade nicht einen besseren Christen).

Ob George W. Bush ein Hochbegabter ist, lässt sich schlecht aus der Ferne diagnostizieren. Er muss ja bestimmte Qualitäten haben, die für Hochbegabte kennzeichnend sind (insbesondere die Vernetzung von Menschen) – sonst wäre er nicht in dieses höchste Amt gelangt, das er auf der Erde derzeit gibt. Weder hätte man ihn gewählt – noch hätte er diesen Job angestrebt. Es wird sich zeigen, ob er auch lernfähig genug ist, die Ungebildetheit und die anti-intellektuelle Attitüde, mit der er gerne seinen schlichteren Wählern gegenüber kokettiert, irgendwann auszugleichen – und sei es durch bessere Berater.

So viel Hoffnung (und Größenwahn) möchte ich mir schon gestatten.

** Da hatten wir allerdings noch nicht einen gewissen (gewissenlosen) Donald Trump erlebt!

Quelle
Scheidt, Jürgen vom: Das Drama der Hochbegabten. München 2004 (Kösel).

162 _ aut #836 _ 2021-0-08 / 18:43

Kriegserlebnisse eines Fünfjährigen

(Dieser Text trug in der Anthologie, wo er ursprünglich veröffentlicht wurde, den Titel: „Kriegserinnerungen eines Fünfjährigen“. Erst später wurde mir klar, dass ein Fünfjähriger noch keine „Kriegserinnerungen“ haben kann und passte den Titel an.
Bewusst nicht angepasst habe ich die Rechtschreibung dieses Textes aus dem Jahr 1974 – es ist ein Zeitdokument.)

Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, war ich fünf Jahre und drei Monate alt. Lange waren diese ersten Lebensjahre zwischen Februar 1940 und Mai 1945 irgendwo in den Speichern meines Gedächtnisses begraben, bis mich im November 1974 ein Traum daran erinnerte.

Dieser Traum löste in mir die Frage aus: Wie habe ich eigentlich den Krieg erlebt.

Einziges Foto als Fünfjähriger: 1945 im großen Garten in Rehau – warum schau ich da so bekümmert? (Archiv JvS)

Im Februar 1940 kam ich in Leipzig zur Welt. Mein Vater, der damals als Soldat irgendwo in Holland an der Front war, erhielt ein paar Tage Heimaturlaub und durfte seinen Erstgeborenen sehen. Davon habe ich keine bewussten Erinnerungen, genauso wenig, wie ich mich an Vaters Heimaturlaub 1942 in Rehau und 1943 auf dem Jägerhof bei Jena erinnere. Von dieser ersten Begegnung existiert jedoch ein Foto, auf dem ich mich offenbar sehr freue, dass er bei mir ist. Dies wurde gewissermaßen zu einer künstlichen Foto-Erinnerung.

1942: Heimaturlaub vom Krieg: Vater Helmut vom Scheidt (35) mit Sohn Jürgen (02) (Archiv JvS)

Seltsamerweise erinnere ich mich aus dem Jahr 1943 noch sehr präzise an eine österliche Fahrt mit einer Pferdekutsche mit dem Großvater Hugo (dem Vater meines Vaters), der auf diesem Gutshof Verwalter war. Auch an Spiele mit einer großen Eisenbahn, auf deren Lokomotive man richtig sitzen konnte, erinnere ich mich und an eine weiße Porzellanhenne, in deren ausgepolstertem Bauch die Frühstückseier warmgehalten wurden – beides Erlebnisse aus der selben Zeit auf diesem Gutshof. Und ich erinnere mich an die Elke Fuchs, Nachbarskind in Leipzig.

Kutschfahrt Ostern 1943 zwischen Jena und Jägerhof mit (v. links) Großvater Hugo vom Scheidt, JvS 03 und Mutter Marie vom Scheidt (Archiv JvS)

Meine Mutter verließ Leipzig wegen der Bombengefahr Ende wohl schon 1941 und zog mit mir nach Rehau zu ihrer Familie. Sie fuhr in diesen Jahren immer wieder mal nach Leipzig zurück, wo die Wohnung gemietet blieb – in der Hoffnung, dass wir sie nach Kriegsende wieder beziehen könnten. Dieses Wegfahren der Mutter hat in mir sehr schmerzliche Erinnerungen hinterlassen – und sehr schöne. Schmerzlich war der Abschied auf dem Bahnhof: sie davonfahren zu sehen. Schön waren jene zwei, drei Fahrten, bei denen sie mich mitnahm und ich dann auf dem kleinen Klapptisch neben dem Fenster sitzen und aus dem dahinrasenden Zug schauen durfte. Manche Träume, in denen ich von Zügen bedroht werden oder aber in Zügen sehr interessante, aufregende Dinge erlebe, sind wohl (auch) wieder wachwerdende Erinnerungen an jene „Leipzig-Fahrten“ der Mutter, alleine oder mit ihr.

Es gibt da ein Ereignis, das mit Fliegeralarm, fallenden Bomben, geängstigten Menschen, Luftschutzkelleratmosphäre zu tun hat, denn immer wieder träume ich Szenen, in denen ich ganz klein bin und mich erschreckt verkrieche. Mir ist dabei nie etwas passiert – aber irgendetwas hat sich in die Seele des Zwei-, Dreijährigen eingeprägt und bestimmte Ängste hinterlassen, die ein übergroßes Bedürfnis nach Geborgenheit und Nähe der Mutter auslösten.

Im Herbst 1943 fuhr meine Mutter mit mir nach Oberstdorf, damit ich im gesunden Bergklima meinen Keuchhusten auskurieren konnte. Wir machten dabei Station in München bei einer Tante. In deren Haus hatte eine Brandbombe eingeschlagen und den Dachstuhl aufgerissen. Es hat mich sehr beeindruckt, dass man durch die Öffnung des schwarzgebrannten Dachbodens den Sternenhimmel sehen konnte. Dauernd wollte ich „Sternele sehen“.

Der dritte vorne von links: Mein Großvater Major Karl Hertel – deutlich der Chef – vermutlich 1941 in der Ukraine. (Archiv JvS)

Eines Tages, irgendwann 1944 (?) kam der Großvater (Vater meiner Mutter) von der Ostfront zurück. Er brachte mir die schwierigen Wörter „Dnjepr“ und „Dnjepropetrowsk“ bei und den Namen der Stadt „Konstantinopel“. An das mühsame Lernen dieser beiden russischen Namen erinnere ich mich noch genau. Damals wußte ich nicht, daß sie mit dem Krieg zu tun hatten. Das wichtigste war, daß mit Opa endlich ein Mann ins Haus kam, in dem sonst nur Frauen lebten; die Oma (Mutter meiner Mutter), meine Mutter, meine Tante Lis, die Haushaltshilfe Else, eine angeheiratete Tante mit einer Tochter. Ich wurde wohl sehr verwöhnt. Trotzdem brachte der eher strenge Einfluß des Großvaters in diesen Frauenhaushalt ein wohltuendes männliches Element.

In jenem schlimmen Winter 1943/44 (oder war es 1945?), als selbst im damals noch ländlichen Rehau das Essen knapp wurde, erfüllte mir meine Mutter meinen größten Wunsch: Schweinebraten mit Klößen. Später erzählte sie mir, wie schwierig es war, den Braten zu beschaffen; sie musste fünf Kilometer zu Fuß durch tiefen Schnee und Eiseskälte zu einem Bauernhof in Kühschwitz stapfen (und wieder zurück), musste lange die Bäuerin anbetteln, bis sie endlich das begehrte Stück Fleisch im Tausch gegen Geschirr, Stoff oder Ähnliches einhandelte. Ich erinnere mich allerdings nur daran, dass der Geburtstagsbraten köstlich schmeckte.

Im Sommer 1944 bekam es meine Mutter mit der Angst zu tun. Das Ende des Krieges war absehbar, aber niemand wusste, ob nicht auch das abgelegene, strategisch unbedeutende Rehau beschossen oder gar bombardiert werden könnte. Deshalb zog sie mit meiner Tante, meiner Schwester und mir in eine kleine Hütte in einem Wiesengrund zwischen großen Wäldern außerhalb der Ortschaft. Wir pflückten Kresse in den Wassergräben nebenan, tollten auf Wiesen herum …

… bis jener feindliche Tiefflieger aufkreuzte, als wir gerade am Waldrand spazieren gingen. Meine Mutter rief „hinlegen“, es gab einen Höllenlärm, als die Maschine ganz niedrig über uns dahinraste …

In den folgenden Nächten kamen immer mehr kriegsmüde, flüchtende Landser an der Hütte vorbei, warfen ihre Waffen weg und stießen Flüche aus, wenn sie sich von uns ertappt glaubten. Es war nicht abzusehen, ob nicht demnächst mal einer darunter sein könnte, der zwei Frauen und zwei Kindern gegenüber weniger friedfertig sein würde, ja dass irgendwann auch der Feind selbst, Russen (von denen schreckliche Dinge gemunkelt wurden) oder Amerikaner, aufkreuzen könnten. So verließen wir dieses sommerliche Paradies wieder und kehrten ins nahe Rehau zurück.

Die Lage wurde immer ernster. Schließlich sollte (im April 1945?) sogar die Brücke über den Höllbach, die wenige Meter neben unserem Haus floss, gesprengt werden. Die SS befahl allen Leuten aus der näheren Umgebung, die Luftschutzkeller aufzusuchen und Stöpsel in die Ohren zu stecken. Zum Glück kam es nicht dazu. Gesprengt wurde statt dessen die Eisenbahnbrücke bei Eulenhammer außerhalb der eigentlichen Ortschaft; die Detonation hörten wir freilich deutlich, und damit rückte der Krieg mit seiner Zerstörung auch ganz nahe zu uns.

Am eindrücklichsten stellten sich für mich die Schrecken des Krieges in folgenden Ereignissen dar:

Eines Nachmittags tauchte ein desertierender Soldat bei uns in der Küche auf. Mein Tante hatte ihn wohl mitgebracht. Er bekam ein rotkariertes (ziviles) Hemd und Tante Lis kochte ihm einen Kaffee. Als sie das Wasser auf das Kaffeepulver gießen wollte, riss der Holzgriff ab und das kochend heiße Wasser verbrühte meinen rechten Oberschenkel. So etwas vergisst man nie wieder.

Schwerverwundete auf dem Abstellgleis

In irgendeiner Nacht war ein Transport mit Schwerverwundeten auf dem Bahnhof eingetroffen. Der Zug stand auf einem Abstellgleis. Die Frauen des Ortes trugen Essen, Kleidung und was sonst noch verfügbar war, hin. Meine Mutter und meine Tante schleppten einen Kupferkessel mit Glühwein zu den Waggons und nahmen, aus irgendeinem mir heute noch unerfindlichen Grund, mich mit. Wir gingen durch den schmalen Gang eines Waggons und ich staunte all diese verstümmelten Männer an: Menschen, deren Arme oder Beine fehlten, oder deren Köpfe so dick einbandagiert waren, dass manchmal nur noch die Augen zu sehen waren. Einer hatte überhaupt keine Gliedmaßen mehr. Ich habe keine sehr klare Erinnerung mehr daran, weiß nur noch, dass alles ganz einfach grausig war.

(Warum mich meine Mutter dorthin mitgenommen hat, wird eines der größten Rätsel meines Lebens bleiben. Aber seitdem weiß ich, was „Krieg“ wirklich bedeutet!)

In einer der Nächte kurz um das Kriegsende, wachten wir alle durch ein merkwürdiges Geräusch auf. Wir schauten aus dem Fenster und sahen im Dämmerlicht des grauenden Morgens einen endlosen Zug von Menschen durch die Bahnhofstraße wanken. Das Geräusch kam von den schlurfenden Schritten, mit denen sie sich kraftlos dahinschleppten. Dabei sangen sie ganz leise, um sich wachzuhalten. Es waren Hunderte von kleinen Buben, teils in Uniform, Zwölfjährige, Dreizehnjährige, Vierzehnjährige …
Man hatte sie aus Kinderheimen in Breslau, das tausend Kilometer von uns entfernt war, evakuiert, und nun sollten sie zu ihren Familien in die Heimat zurück. Sie waren den größten Teil des langen Weges zu Fuß marschiert. Die Menschen kamen aus ihren Häusern und brachten ihnen Essen und etwas zum Anziehen, eine warme Jacke, ein Paar Schuhe, was immer man entbehren konnte. Schon eine Stunde später zogen sie weiter und waren bald – wie ein Spuk – am anderen Ende des Städtchens verschwunden. Nur der eine oder andere blieb zurück, weil er einfach nicht mehr konnte.

Dann kam jener Tag im Mai 1945: Wir hockten unten im Keller, draußen ratterten amerikanische Panzer vorbei, Wortfetzen, Kommandos in einer fremden Sprache ertönten, wir hörten die schweren Schritte der Soldaten. Ein bewaffneter Amerikaner betrat den Keller und sagte etwas, was wir nicht verstanden. Mein Großvater, der ein wenig Englisch konnte, antwortete ihm. Der Krieg war aus. Was dann folgte, waren Nachkriegserlebnisse. Selbst die Ausquartierung war, wenigstens für die Kinder, ein Spaß. Während amerikanische Offiziere in unseren Wohnungen hausten, trieben wir uns in fremden Häusern herum, lernten neue Erwachsene und vor allem Kinder kennen und erlebte eine völlig andere Umgebung.

Hakenkreuzfahnen zu Betttüchern

Schon in der Nacht der Kapitulation muss es gewesen sein, dass die Frauen des Hauses die großen Hakenkreuzfahnen zerlegten (die man sonst bei jeder Gelegenheit liebedienernd aus den Fenstern gehängt hatte), das Hakenkreuz herausschnitten und Bettwäsche daraus schneiderten.

Ergänzen will ich auch noch, dass mein Großvater, der nicht nur ein passionierter Offizier war sondern auch Jäger, seine Jagdgewehre nicht bei der Besatzungsmacht ablieferte, wie befohlen – sondern sie in einem Sandhaufen im Bauhof vergrub. Was damit geschah, weiß ich nicht. Nur dass es lebensgefährlich war, so etwas zu tun, wurde mir später klar. Es wurden andere wegen geringfügigerer Vergehen erschossen – beispielsweise ein Rehauer Feuerwehrmann, der in Uniform zum Einsatz ausrückte – nicht bedenkend, dass das Tragen von Uniformen jeder Art von den Amerikanern streng verboten war – und der Unterschied „Soldat“ oder „Feuerwehrmann“ war nicht gleich ersichtlich.)

Deutlich mitbekommen damals habe ich auch, dass wir nicht nur die Wohnung verlassen und im Haus gegenüber, bei Rothemunds Notquartier bezogen – sondern dass sich dann in unseren Betten die Pollacken lümmelten!

(Erst später begriff ich, dass dies dieselben polnischen Zwangsarbeiter waren, die in den Baracken auf dem Bahnhofsgelände hausten und die mich so dauerten, als ich einmal bei ihren Vorbeimarsch zur Arbeit irgendwo in Rehau entdeckte, dass manche keine Schuhe hatten, sondern nur irgendwelche Lappen um die Füße geschlungen – und das in eisiger Winterkälte.)

Irgendwann im Juli 1945 kam ein fremder Mann aus der amerikanischen Gefangenschaft und sagte, er wäre mein Vater. Es war schon dunkel (und wegen der von den Amerikanern verhängten nächtlichen Ausgangssperre lebensgefährlich), als im Hinterhof ein Pfiff ertönte. Meine Mutter wusste sofort, wer das war. (Später habe ich diesen Pfiff manchmal richtig gehasst – weil ich wie ein dressierter Hund darauf reagieren und beim Vater erscheinen musste.)

Großvater – warum hast du das getan?

Etwas muss ich noch nachtragen, weil es mich immer schon geplagt und das Bild meines geliebten Großvaters Hertel eingetrübt hat. Kurz nach Kriegsende spülten die turbulenten Ereignisse der Flucht und Vertreibung und des Zusammenbruchs des Großdeutschen Reiches einen vierzehnjährigen Jungen zu uns ins Haus. Er hieß Weiß, mit Vornamen vielleicht Gerhard. Er wurde in die Familie aufgenommen. Aber eines Tages ertappte mein Großvater ihn dabei, dass er von den Vorräten im Dachboden ein Stück Wurst genommen (und gegessen) hatte. Dieser Vertrauensbruch (gestohlen!) wurde streng geahndet: Mein Großvater verstieß diesen Buben, verjagte ihn schimpfend aus der Familie. Ich weiß nicht, was mit ihm geschehen ist; aber ich erlebte dies damals schon als sehr grausam – und heute umso mehr, in der Rückerinnerung. Ein Vierzehnjähriger – so alt wie ich einmal war – und wie einer meiner Enkel jetzt gerade geworden ist.

Und wir litten damals keineswegs Not. Noch heute grüble ich darüber nach, welcher Teufel meinen Großvater damals geritten hat. (Und viel schlimmer: Was er, aus ähnlichem Anlass, vielleicht in der Ukraine als Besatzungskommandeur getan hat.)

Rehau Winter 1945: Die Tankstelle am Stauwehr des Perlenbachs (beim Zusammenfluss mit dem Höllbach zur Schweßnitz). Endlich war ein Vater da. Aber nur so happy wie auf dem Foto war die Beziehung leider nie. (Archiv JvS)

Weiterführung dieses Beitrags in → Kriegserlebnisse eines Fünfjährigen – redividus 2003 und in → Mutter mit Kind 1942 – was man nicht sieht.

164 _ aut #628 _ 2021-04-08 / 18:16