Am Lagerfeuer Geschichten erzählen

Das muss der „Urahne“ jedes Blogs gewesen sein: Wenn sich am Abend die Angehörigen der Sippe im Kreis um ein Feuer versammelten und erzählten, was sie tagsüber so erlebt hatten:
Wie einer der Jäger im letzten Moment einem Säbelzahntiger in den Wipfel eines Baumes entkam.
Wie die Tochter des Ältesten beim Kräutersammeln eine neue Quelle entdeckte und so der Wasservorrat auch für heiße Sommer gesichert war.
Und wie der Schamane beim Essen dieses roten Pilzes plötzlich eines Geist sah, der viel Regen prophezeite.

Um ein Lagerfeuer sitzen und sich Geschichten erzählen (Photo: Tomu00e1u0161 Malu00edk on Pexels.com)

Bei einem Schreib-Seminar machen wir etwas sehr Ähnliches:

Wir sitzen auch im Kreis, besinnen und erinnern uns, schreiben das auf – und lesen es dann vor. Wir erzählen uns Erlebnisse (Autobiographisches), fabulieren erfundene Geschichten (Fiktionales) – oder fassen den Inhalt eines Films in eine Rezension (Sachtext).

In Zeiten der Videokonferenzen müssen wir das ein wenig anders gestalten. Dass wir im Kreis sitzen, müssen wir uns vorstellen. Wir können dieser Imagination nachhelfen, indem wir uns im Chat kurz eintragen mit Namen und Wohnort und Thema (an dem wir arbeiten wollen). Dann zünden wir alle bei uns zuhause eine Kerze an – unser Beitrag zum „Lagerfeuer“. Und dann legen wir los und erzählen unsere Geschichten – erst schriftlich für uns selbst (offline) und dann über Mikro und Lautsprecher, oder mittels Bildschirmteilung zusätzlich auf dem Monitor. Wir können Bilder aus unserem Archiv einblenden und kleine Filmschnipsel.

Nur berühren können wir uns nicht. Aber auch das kann man imaginieren: Indem man die Augen schließt und sich an die letzte Umarmung erinnert. Lertztlich gilt: „It´s all in the mind.“

Weihnachten – zuende gedacht

Wir Erwachsenen in der Familie schenken uns schon lange nichts mehr. Geschenke sind für Kindern – und auch die sollte man nicht mir einer Überfülle traktieren. Ich selbst kann mich noch gut an die Nachkriegszeit erinnern, als es kaum das Notwendigste zum Überleben gab und man sich über ein Buch und ein paar Plätzchen und den alljährlichen Stollen freute und über einen leckeren Gänsebraten…

Obwohl 1:  Fleisch essen ist ja nicht mehr so angesagt. Und wenn ich auf einer Speisekarte das Wort „Lammbraten“ lese, kann ich mir nicht helfen: Ich sehe die Lämmer auf einer Wiese im Wallis hüpfen und mir dreht es den Magen um, das zu Ende zu denken. Bei einer Gans ist das Mitgefühl nicht gans so groß…

Obwohl 2: Ich bin mir bewusst, dass es müßig ist, den jüngeren Generationen was „vom Krieg“ zu erzählen. Ein Besuch bei syrischen Flüchtlingen in einer Notunterkunft könnte dem allerdings leicht auf die Sprünge helfen – oder eine Doku im Fernsehen über das zerbombte Aleppo oder Mogadischu oder Kabul unserer Tage.  Dort sieht nämlich heute genauso aus wie 1945 in München und Würzburg und Berlin und Dresden und Hamburg…

Abb: Wie illustriere ich Weihnachten – ohne dass es kitschig wirkt? Krippe – Geschenkeberg – stralende Kindergesichter – oder dieses Spielzeugauto mit dem Spielzeug-Christbaum? (Photo by Kristina Paukshtite on Pexels.com)

Es ist auch totaler Blödsinn, die aktuelle Corona-Pandemie mit einem Krieg zu vergleichen oder gar mit dem Zweiten Weltkrieg mit seinen 55 (65?) Millionen Todesopfern. Nicht nur deshalb, weil die Zahl der Opfer damit verglichen sehr gering ist und wir ja eine unglaublich fixe und tüchtige Pharmazie haben, die Impfstoffe schon nach kaum einem Jahr zur Verfügung stellt (bei Ebola dauerte es noch 16 Jahre!) – sondern auch, weil nicht komplette Städte durch Bombenterror in Schutt und Asche gelegt werden und die Infrastrukturen der Versorgung gleich mit.

Sei dem wie dem sei: Corona hat uns mit dem neuerlichen Lockdown eine erstaunliche Besinnlichkeit und Entschleunigung (!) aufgezwungen. Und dafür sollte man der Pandemie wirklich danken.
Worin ich gar nicht einstimmen kann, das ist die Heraufbeschwörung eines weltweiten christlichen Weihnachtsgesummses. Zum einen, weil das den übrigen sechs Milliarden Nicht-Christen ziemlich egal sein dürfte oder ihnen nur übel aufstößt. Zum anderen, weil das Christentum zwei Jahrtausende lang unglaubliches Elend über die Welt gebracht hat – nämlich über viele dieser Nichtchristen – und über die jeweiligen „Ketzer“ und „Reformwilligen“, die man in Folterkellern geschunden hat und bei lebendigem Leib verbrannte.
Das „liebe Jesuskind in der Krippe“, das da heuchlerisch an Weihnachten verehrt wird – geschenkt! Man hat es (wenn die Überlieferung zutrifft) am Kreuz elend zu Tode gequält und die Verheißung, der Gekreuzigte sei von den Toten auferstanden und „gen Himmel gefahren, sitzend zur Rechten Gottes“ – das ist nur eine der vielen Lügen, die sich wunderbar in die Reihe der Missbrauchs-Skandale der Gegenwart einreiht – als „geistiger Missbrauch“. Denn was man da Kindern und Jugendlichen (von denen ich auch mal einer war) von kleinauf an Phantastereien und ja – Lügengeschichten – aufgetischt hat,. das geht wirklich auf keine Kuhhaut und ist kein gutes Vorbild für irgendjemanden in der heutigen Zeit.

Wissenschaft rettet uns vor Corona und dergleichen Misshelligkeiten – nicht Gebete und Aberglauben jeder Couleur.

Die christliche Kirche hat Jesus von Anfang an verraten (und damit sinnbildlich „ans Kreuz geschlagen“), indem sie Abweichler als Ketzer verleumdete und verfolgte und tötete – von den unzähligen „Ungläubigen“ in anderen Ländern und Kulturen ganz zu schweigen, die der christliche Kolonialismus („Machet euch die Erde untertan“) auf dem Konto hat, und gar zu schweigen von den Juden (die nicht missionieren!). Von wegen „Liebe deinen Nächsten…“, wie es das christliche Ur-Gebot fordert.

Drei Jahrzehnte dauerte der „Dreißigjährige Krieg“ – ein Religionskrieg unter anderem. Es war natürlich (genau wie vor nicht allzu langer Zeit der Konflikt in Irland zwischen Katholiken und Protestanten) vor allem eine machtpolitische Auseinandersetzung – aber befeuert wurde sie von den Priestern auf beiden Seiten, die noch im Ersten Weltkrieg „die Waffnen segneten“. Oder die vom „Willen Gottes“ faselten und schon zur Zeit der Kreuzzüge die abendländischen Mörderbanden auf die Juden und die Moslems hetzten (obwohl diese „Opfer“ ihrerseits nicht zimperlich waren – Altes Testament und Koran legen davon beredtes Zeugnis ab).

Und dann ist da noch das ungeheure Elend, das nicht nur christliche Männer den Frauen überall auf der Welt bereitet haben – auch das „im Namen Gottes“. Eines „persönlichen Gottes“ – der nichts weiter ist als eine Erfindung menschlicher Kreativität und Phantasie.

Ja, dieses Weihnachten erfüllt mich großem Zorn ob der Heuchelei allüberall. Aber ich freue mich natürlich auch, dass das Christentum (und die anderen Religionen) viel Gutes über die Menschen gebracht und sie gezähmt haben mit Geboten und Verboten. Was wäre mein Schreiben ohne die selbstausbeuterische Tätigkeit der fleißigen Mönche in den Klöstern, die nicht nur Kräuterpharmazie und medizinisches Wissen weitergaben – sondern auch die alten Manuskripte von Hand sorgfältig im Schein von Ölfunzeln abschrieben und abschrieben und abschrieben – bis ein gewisser Gutenberg und seinesgleichen ihnen die Arbeit abnahmen…

Und ja, Weihnachten erfreut mich auch, weil überall viel Hoffnung aufschimmert – trotz Christentum und seinem Aberglauben und dem der anderen Religionen. Denn die Naturwissenschaften und die von ihnen befeuerten Techniken erleichtern unser Leben, das dem „Paradies“ schon sehr ähnlich ist, welches früheren Generationen nur für den Nimmerleinstag verheißenen wurde wie dem Esel die vors Maul gehaltene Karotte.

Und ebenfalls ja: Es gibt noch immer diese Idioten, die den Klimawandel leugnen – und wir sind für ihn verantwortlich – wir alle. Wir müssen etwas dagegen tun. Greta Thunberg hat nicht die Bibel in die Hand genommen, wie dieser dämonische Zundlfrieder im Weißen Haus, sondern sich selbst hin gestellt und gesagt: „Ich fürchte mich – das Haus brennt und ihr löscht nicht, sondern gießt Benzin ins Feuer“ – oder so ähnlich hat sie sich ausgedrückt. Das ist „wahre christliche Nächstenliebe“ (nennt sich nur zum Glück nicht so) – nicht wie das von weihnachtlichen Kirchenkanzeln herab (!) beschworene abergläubische Gerede, das sinnlos weiterverbreitet wird und mich schon als Kind angeödet und gelangweilt und rebellisch gemacht hat.

Naturwissenschaften und Technik retten uns in der Corona-Pandemie. Auch eine Folge wissenschaftlichen Denkens und Aufklärung: In Mitteleuropa herrscht seit 75 Jahren Frieden – unvorstellbar für frühere Generationen, von denen JEDE ihren Krieg hatte. Dass es andernorts kleinere Kriege und Gemetzel gibt, das werden künftige Generationen auch noch lösen. Da bin ich sehr hoffnungsvoll. Weil es das Vorbild „75 Jahren Frieden in Europa“ gibt. So wie es seit Ende 1989 das Vorbild „Wiedervereinigung ohne Blutvergießen“ gibt.

Dass überall die nationalistischen Scharfmachern wieder mit ihren Säbel rasseln –  das gehört zum Rollback nach jeder positiven Entwicklung. Da lecken dann die Ewiggestrigen ihre Wunden, die Nazis kriechen wieder aus den Kellern, in denen sie sich versteckt hielten – Es ist ein ständiges hin und her. Aber 1941 stellte, mitten im Zweiten Weltkrieg, der englische Historiker Gordon Childe am Ende seiner Stufen der Kultur erleichtert fest:

„Der Fortschritt ist wirklich, wenn auch nicht immer stetig. Die aufwärts gerichtete Kurve löst sich in eine Reihe von Gipfeln und Tälern auf. Aber in den Gebieten, welche die Archäologie wie auch die geschriebene Geschichte überblicken können, sinkt kein Tal jemals bis auf das niedrigste Niveau des vorhergehenden ab, überragt jeder Gipfel den vorhergehenden.

Es gibt kein „Entweder – oder“ („Deine Rede sei Ja Ja…“). Das ist unmenschlich. Menschlich ist nur das „Sowohl … als auch“. Die Entscheidungen eine Weile in der Schwebe halten. Das ist gelebte Demokratie. Das wäre für mich gelebtes Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus, Shintoismus, Animismus – ohne die Feindbilder von „Ungläubigen“.
Insofern hat das „Kind in der Krippe“ doch auch etwas Tröstliches. Den aus ihm kann alles Mögliche werden. Es muss ja nicht unbedingt zum Gekreuzigten werden, der „sein Leben für uns gegeben hat“. Hat er nicht. Er wurde brutal getötet, Und das war´s. Und wir sind für unser Leben selbst verantwortlich – und in Grenzen auch für das unserer Mitmenschen. Diese Einstellung wird gerne als „Selbsterlösung“ diffamiert. Aber es ist die einzig mögliche Variante.

Ende meiner Weihnachts-Predigt.

Bibliographie
Childe, Gordon: Stufen der Kultur. (1941) Stuttgart 1952 (Kohlhammer), S. 348.

aut #990 _ 2020-12-27/16:04

Monopteros nah – Galaxien fern

Mit dem Fahrrad bin ich jetzt in einer Viertelstunde im Englischen Garten. Als wir noch in der Seestraße wohnten, waren es zu Fuß drei Minuten und da war der Nördliche Teil des Parks unser Auslauf. Heute, nachdem Umzug 2011, wurde, weil leichter erreichbar, der Südliche Teil hinter dem Haus der Kunst allmählich das Ziel. Hat einen großen Nachteil: Man ist fast mitten in der Stadt (was man am Straßenlärm merkt) und man ist eigentlich immer unter Horden anderer Menschen. Im Nordteil ist man fast allein und der Park hat mehr Naturcharakter.
Im Südteil spürt man überall die Künstlichkeit der Anlage – aber trotzdem ist es schön hier. Da ist zum einen das kleine Stauwehr hinter dem HdK – und da ist der Monopteros. Man hat sogar den Hügel künstlich angelegt, durch den er zum großartigen Aussichtsturm mit Rundblick in das Zentrum Münchens mit Hofgarten, Residenz, Theatinerkirche und Frauenkirche und Universität wird.

Abb. 1: Der Monopteros im Englischen Garten – am späten Nachmittag des 26. Dez 2020 (Foto: J vom Sch)

Aber eigentlich möchte ich von etwas ganz anderem berichten – einem großartigen Film, den ich mir immer wieder anschaue und der genau hier am Monopteros, auf der großen Wiese davor, beginnt: Zehn hoch – von und mit Prof. Harald Lesch.
Der Physiker und Naturphilosoph steht mitten im Grünen, vor dieseser passenden griechisch-antiken Kulisse, und erzählt von den heutigen Kenntnissen über die Natur. Sein Kunstgriff ist dabei, den Menschen (von ihm selbst verkörpert) als Ausgangspunkt und Maß zu nehmen – etwa ein bis zwei Meter, also „zehn hoch 0“ misst der Kubus, von dem aus wir die Welt erfahren und gestalten – das „menschliche Urmaß“ gewissermaßen.
Dann geht es in zunächst kleinen, dann immer gewaltigeren Sprüngen hinauf in den Himmel, dann den Weltenraum. „Zehn hoch eins“, das sind gerade mal zehn Meter. Aber dann sind es hundert, tausend … dann Kilometer … dann Lichtjahre … und schließlich, in zig Milliarden Lichtjahren Entfernung („zehn hoch 26“) sind wir am Rand des beobachtbaren Universum – im Nichts, im absoluten Vakuum, wo Raum und Zeit aufhören. Theoretisch jedenfalls – denn dort war noch nie ein Mensch und dort wird auch nie einer sein.
Die Reise geht zurück, führt wieder zu Harald Lesch vor dem Monopteros – zoomt auf seine Hand. Und nun beginnt eine ebenso verblüffende Reise nach innen, wieder in Zehnerschritten: „zehn hoch minus 1“ – bis „zehn hoch minus 35“, wo wir wieder im Nichts landen, wo nur ab und zu eine Quantenfluktuation im totalen Vakuum aufschimmert und wieder vergeht – niemand weiß woher sie kommt und wohin sie geht.

Abb. 2: Die DVD „10 hoch“ (Komplett Media)

Diese Doku ist inzwischen zehn Jahre alt. Heute würde man das weit opulenter mit CGI in der Art ausgestalten und anreichern, die Science-Fiction-Filme wie Valerian und Guardians of the Galaxy und Passenger zu so atemberaubenden Hinguckern macht und wo man eine gewisse Ahnung davon bekommt, was das Universum nicht nur an grauenvoller Leere präsentiert – sondern auch an unglaublicher Schönheit, wie jeder Blick in einen klaren nächtlichen Sternhimmel offenbart.
Aber diese Doku führt einem das Wesentliche vor Augen und das macht sie gut. –
Kleiner Wermutstropfen in dieses Lob: Was leider verschwiegen wird, ist das Vorbild dieses Films: Powers of Ten von Charles und Ray Eames aus dem Jahr 1977 (von IBM gesponsert) dauerte nur 9 ½ Minuten – aber es war bereits alles drin an Ideen und optischer Umsetzung, was in dem Film mit Lesch 85 Minuten dauert: Die Sprünge mit Zehner-Potenzen nach draußen ins Äußere Universum des Makrokosmos und zurück auf die Hand und von dort hinein in den Mikrokosmos. Nur platziert Eames die Geschichte in einen Park in Chicago – und Lesch nimmt den Englischen Garten in München als Kulisse. Doch der Film von Eames wird ebenso wenig erwähnt wie das großartige Sachbuch, das Philip und Phylis Morris aus Eames Filmchen gemacht haben: Zehn hoch: Dimensionen zwischen Quarks und Galaxien.

Abb. 3: Das Buch „Zehn hoch“ von Philip und Phylis Morrison (Spektrum Verlag)

Bibliographie
Eames, Charles und Ray: Powers of Ten. USA 1977.
Morrison, Philip und Phylis: Zehn hoch: Dimensionen zwischen Quarks und Galaxien. (USA 1982).
Heidelberg 1984 (Spektrum der Wissenschaft).
Windorfer, Gerhard und Lenz, Herbert (und Harald Lesch als Sprecher und Moderator): 10 hoch 26 bis
minus 5: Universum und Quanten. München 2010 (Komplett Media).

aut #1148 _ 2020-12-26/18:24

Aus meiner Schreib-Werkstatt

In meiner Textdatenbank sind derzeit 5412 eigene Texte registriert – der älteste aus dem Jahr 1953, der jüngste vom 23. November 2020. Das hört sich nach mächtig viel an. Aber wenn man wie ich gerne und ständig schreibt und das über 67 Jahre verteilt, relativiert sich diese Zahl. Wobei ich richtig intensiv erst in den späten 50er Jahren zu schreiben begonnen habe und dann vor allem ab den 80er Jahren, als ich mit meiner Frau Ruth die Münchner Schreib-Werkstatt gründete und immer mehr Seminare dieser Art durchzuführen begann, wobei wir immer auch eigene Texte verfassten.

Nimmt man 1960 als Startjahr, dann ergibt das (60 x 365 =) 21.900 Tage. Teilt man die durch 5.412, dann ist das rund alle vier Tage ein Text. Gar nicht mal so viel, nicht wahr? Allerdings habe ich Tausende von Träumen, die ich notiert und genauer angeschaut habe und unzählige Tagebucheintragungen nicht extra gezählt. Das ist so meine tägliche „geistige Morgengymnastik“, die ich vor dem Yoga mache und dem anschließenden Frühstück. Ist mir so wichtig und selbstverständlich wie das Atmen.

Abb: Auch eine Art „Schreib-Werkstatt“: Auf dem Fahrrad Richtung Oberrealschule Selb dachte ich mir meine ersten Texte aus (Karikatur: Alfred Hertrich Dez 1983 – Archiv JvS)

Julia Cameron nennt in ihrem Buch Der Weg des Künstlers ihre morgendlichen Schreib-Fingerübungen „Morgenseiten“. Ein passender Begriff. Ich bezeichne meine Produkte jedoch lieber als MorgenNotizen. Diese sind nicht so frei flottierend und unbestimmt, weil ich eigentlich immer ein größeres Schreibprojekt in der Mache habe und es sich dementsprechend meistens um Teile meines „Projektbegleitenden Logbuchs“ handelt. Ziel ist fast immer eine Veröffentlichung – und sei es hier im Blog.
Heute war das eine Geschichte aus dem Jahr 1985, die mir beim Aufräumen am Jahresende zufällig in die Finger geriet: „Herzstillstand mit Semele“. Ich las sie, las mich fest, begann zu korrigieren und zu redigieren – und jetzt ist sie fertig und kann hinaus in die Welt – hier im Blog als eine von vielen Erzählungen, die noch kommen werden. Diese ist im Mini-Format, also wirklich eine Kurz-Geschichte, und sie finden Sie hier gleich nebenan hier im Blog: Herzstillstand mit Semele.

Grundsätzlich kann man drei Schreib-Varianten unterscheiden, je nach Zielrichtung von hobbymäßiger Selbsterforschung bis hin zur hochprofessionellen regelmäßigen Produktion:
° Autobiographisches (Tagebücher, Briefe, Blogs),
° Sachliches (vom kleinen Lexikoneintrag und Essay bis zum dicken Fachwälzer)
° und Erzählendes (wozu ich auch Lyrik zähle).

Blogs, wie dieser hier, schweben irgendwie über alledem, weil sie ja vom Tagebuch herkommen (wie der Name schon sagt: WebLog – also Tagebuch im Internet). Sie sind aber meistens sachthemenzentriert (mein Blog befasst sich vor allem mit dem Schreiben und Veröffentlichen), geben jedoch speziell die Erfahrungen und Meinungen des Bloggers wider. Und nachdem hier alle Freiheiten herrschen, ist vielen Bloggern auch Belletristisches nicht fremd.

Ich schätze sie alle drei und nehme sie so, wie sie aus dem Untergrund meiner Innenwelt hochblubbern – ähnlich wie die Quantenfluktuationen aus dem Urgrund des Universums.

Was für ein Wort: „Quantenfluktuationen“ – sechs Silben – fast schon wie die Mittelzeile eines Haiku. Die Wissenschaft hat so ihre ganz eigene Poesie – das hat mir auch bei der Science-Fiction immer schon gefallen. Machen wir doch gleich ein Haiku draus:

Ich sitze und schau
Wie Quan ten fluk tua tio nen
In mir hochblubbern

Zugegeben – kein tolles Haiku. Aber es heißt ja in Haiku-Fachkreisen, und damit tröste ich mich gerne: „Von hundert Haiku gelingt eines.“
Manches gelingt gleich das erste – manchmal eines irgendwo in der Mitte von einer ganzen Reihe – und manchmal erst das hundertste. Oder gar keines. Take your choice – James Joyce.

Quelle
Cameron, Julia: Der Weg des Künstlers. (USA 1992). München 2000 (Knaur TB).

aut #1005 _ 2020-12-25/20:44

°Herzstillstand mit Semele (Story)

(In diesem Blog präsentiere ich immer wieder auch Geschichten, die ich irgendwann geschrieben und nie veröffentlicht habe. Meistens sind sie in einer meiner Schreib-Werkstätten entstanden, wo ich alle Aufgaben und Übungen immer mitmache, schon um im „kreativen Fluss“ dabei zu sein. Dies ist so eine Geschichte. Sie ist für einen Blog ein wenig lang geraten – aber in meinem Blog darf das ruhig gelegentlich vorkommen.
Manches darin ist autobiographisch – aber dann hat sich meine Phantasie selbständig gemacht. Und so soll es ja sein, auch hier beim HERZSTILLSTAND. –)

Thomas Lauffner hielt inne. Die Finger, die eben noch über die Tastatur seines Computers gehuscht waren, verharrten wie eingefroren. Dieser Schmerz in der linken Seite – Seitenstechen? Das Herz? Leise pfeifend entwich die Luft aus seinem Mund, die seine Lungen reflexartig zurückgehalten hatten. Er wagte kaum, sich zu bewegen. Langsam zog er die Finger von der Tastatur zurück, ließ die Hände an den Seiten herabsinken. Ausatmen – einatmen – ausatmen – einatmen – ausatmen – wie er es im Yogaunterricht gelernt hatte. Das half.

Ein Erinnerungsbild taucht vor den Augen auf, die sich erleichtert geschlossen hatten. Am Vortag hatte er sich mit Freunden im Biergarten am Chinesischen Turm getroffen. Doch kaum hatten sie ihre frisch gefüllten Bierkrüge und die großen Laugenbrezen vor sich auf dem mitgebrachten Tischtuch abgestellt, als es aus den grauen Wolkengebirgen hoch über ihnen doch zu tröpfeln begann. Langsam erst, dann immer heftiger. Die Freunde waren gleich losgestürmt, hatten Bier und Brezen und Tischtuch lachend zurückgelassen, „Tschüs“ rufend, um erst Schutz unter dem altersgrauen hölzernen Turm zu suchen, dann auch ohne Schirm rüber zur Bushaltestelle, ohne weiteren Abschied –

Er war sitzen geblieben, irgendwie ermattet vom Tag. Schaute dem Personal zu, das die leeren Krüge einsammelte. Sah die Musiker von der oberen Etage des Turms herabsteigen, die Instrumente fest an sich gepresst. Irgendwann saß er nur noch allein da, schaute und hörte dem Regen zu, fühlte die damit gekommene Kühle in sich hineinkriechen –
Irgendwann war er aufgesprungen und, den Regen missachtend, rüber zur Bushaltestellte gerannt. Dort saß er eine Weile schnatternd vor Kälte, bis er Bus kam.
Warum fällt mir das ausgerechnet jetzt ein? Lauffner drehte die Sanduhr um und zog widerstrebend das Buchungsjournal zu sich. Prüfend ging er die Eintragungen durch.
Semele – seltsames Wort. Plötzlich war es in seinem Kopf.
Thomas Lauffner hielt inne. Seine Rechte blieb mit der Spitze des Kugelschreibers in der Zeile stehen, in der es hieß:
„31. Oktober. Ausgang: 91.14. MWST 7 %. Buch.“

Im Gegensatz zu vielen anderen Buchungen musste er bei dieser nicht lange herumrätseln, was sie bedeutete. Der Gesamtpreis betrug 98.- Mark und der Titel des Buches konnte nur Labyrinthe heißen. Ein teurer Bildband, den Lauffner am Infostand des Seminars erstanden hatte, das der Autor in der Evangelischen Akademie in Tutzing zum gleichen Thema anbot hatte. Im Schlosspark hatten die 120 Teilnehmer mit Steinen die kreisähnliche Anlage eines kretischen Labyrinths angelegt und sich in kleinen Gruppen redend und schreibend und malend und tanzend mit dem faszinierenden Thema beschäftig. Am interessantesten war es gewesen, gemeinsam ein Labyrinth auf der großen Weise der Akademie auszulegen, direkt am Starnberger See. Er erinnerte sich noch an die Kälte des Wassers, als er am Ufer seine Steine auswählte. Ende Oktober war der Starnberger See schon sehr abgekühlt. Sieben Mal war er gelaufen, jedesmal bepackt mit dicken Seekieseln. Sein Gesicht hatte geglüht vor Begeisterung, während sie unter der Anleitung des Autors die Struktur auslegten.
Nicht lange danach der Schock, in der Zeitung beim Frühstück den Nachruf zu lesen: Überraschend für alle sei Hermann Kern, erst 42 Jahre alt, verstorben…

Semele – wieder dieses Wort! Was bedeutete es? Aber er hatte jetzt keine Zeit, Geheimnissen nachzuspüren. Er musste die Buchführung nochmals genauestens überprüfen. Dann die Unterlagen zum Computer-Service, der eine bildsaubere Aufstellung seiner Einnahmen und Ausgaben liefern würde. Er notierte für die Frau, die ihm die Buchführung machte, dass sie in Zukunft die Titel der Bücher notieren solle.
Er hatte keine Lust, sich wieder stundenlang mit einem Steuerprüfer auseinanderzusetzen, der bezweifelte, dass er wirklich jedes Jahr für zwei- bis dreitausend Mark Bücher kaufen müsse.
„Kann man die denn nicht in der Bibliothek ausleihen?“
„Warten Sie mal in der Stadtbibliothek auf ein Buch!“ hätte er am liebsten losgebrüllt. Aber er war freundlich geblieben, hatte nur ironisch gesagt, dass er diese Bücher ja in vielen Fällen mehr als einmal benütze und als Journalist und Buchautor gerne seine Berufskollegen unterstütze – von denen erwarte er ähnliche Freundschaftsbezeugungen.

Ausgaben 124,80 DM. 14 % MWST. Tutzing.“ Das war die Abrechnung der Tagesspesen für diese Tagung. Wie oft hatte er Frau Lemmer schon gesagt, dass der Vermerk „F“ für Fortbildung wichtig war, sobald es um Spesen ging!
Ein Marienkäfer landete sanft auf seinem Handrücken und der Stift verharrte erneut. Ausgaben 9.00 DM. 14 % MWST. Fahrtkosten Tutzing.“ Das war die Hin- und Rückfahrt mit der S-Bahn gewesen.

„Thomas -“ Das war die Stimme seiner Frau. Er schaute stirnrunzelnd vom Journal auf. „Kannst du mal eben nach Joschi schauen?“ sagte sie, „ich muss beim Kaufmann um die Ecke noch den Spargel und den Schinken holen – Hast du heute Morgen übrigens die Mayonnaise mitgebracht?“
„Liegt bereits im Eisschrank.“ (Seltsam, dass er noch immer „Eisschrank“ statt Kühlschrank sagte, ein Relikt aus der Kindheit.)
Joschi drängte sich neben Stefanie ins Arbeitszimmer. „Leg mir die Schlümpfe auf, Papa“, rief er.
Lauffner spürte, wie Ärger in ihm hochkroch. „Du weißt genau, dass ich bis heute Abend diesen Mist für die Steuer durchgesehen haben muss, weil der morgen früh im Computer-Zentrum sein muss -“ Das wollte er sagen. Aber behielt es für sich. „Fünf Minuten, Thomas, sei kein Frosch, leg ihm die Platte auf und du hast deine Ruhe.“
„Ruhe? D die Platte läuft gerade mal drei Minuten, dann muss ich sie umdrehen und drei Minuten später wieder -„
„Dann leg ihm die Zauberflöte drauf. Die mag er auch gern. Und die dauert mehr als eine halbe Stunde.“
Sie wandte sich direkt an den Dreijährigen: „Du magst doch die Zauberflöte auch?“
Schlümpfe„, kam es bestimmt zurück.
„Also, leg ihm die Schlümpfe auf. Und dann die Zauberflöte. Dann hast du wirklich deine Ruhe. Und dann bin ich sowieso wieder zurück.“
Lauffner schüttelte den Marienkäfer von der Hand. Er ging zum Plattenspieler und legte die Kinderplatte auf.
„Tanz mit mir“, sagte Joschi.
„Mag nicht, muss meine Hausaufgaben noch machen.“
„Hausaufgaben? Warum?“
„Das verstehst du nicht: Steuern, Buchführung. Finanzamt.“
„Warum?“
„Warum Finanzamt? Das habe ich mich auch schon oft gefragt. Aber ein Wirtschaftsjournalist sollte sowas besser nicht laut fragen.“
„Warum, Papa?“
„Nerv mich nicht, Joschi!“
„Ist Finanzamt lustig?“
„Oh ja, sehr lustig. Komm, tanzen wir.“ Er fasste den Kleinen, und als sie sich zu der launigen Musik durchs Zimmer drehten, um den Großvatersessel, um das Holztischchen, um die anderen Sessel, da war ihm auf einmal ganz wohl. Tanzen. Das war´s. Wir sollten wieder einmal tanzen gehen – „das Tanzbein schwingen“, so lockte sie ihn immer wieder. Aber irgendwie war ihm die Lust dazu vergangen. Das lag vielleicht daran, dass sein rechtes Knie nach dem letzten Schwof tagelang rumort hatte.

Die Platte war zu Ende. Er setzte den Dreijährigen ab und drehte die Schlümpfe um.
„Werf mich hoch, Papa, ganz hoch.“ Das war ein Spiel, das sie beide gerne spielten. Und viel zu wenig, wie Thomas wieder einmal bewusst wurde. Sie hatten das vor einem Jahr entdeckt, im Urlaub auf der Insel Giglio, auf dem Sand der kleinen Badebucht. Den Kinderkörper fassen, sich in die Augen schauen, Luft anhalten – und ihn hochwerfen, so hoch es ging. Gute drei Meter. Bei den ersten Malen war er natürlich zurückhaltender gewesen, hatte Joschi kaum über seinen eigenen Kopf geworfen. Aber dann war mit dem Spaß am Spiel der Mut gewachsen und das gegenseitige Vertrauen.
„Höher, Papa“ hatte Joschi gerufen, „noch höher. Und noch mal.“
Er warf ihn hoch. Es gab ein kleines, ganz sanftes Geräusch. Das war alles. Merkwürdig war nur, dass Joschi oben an der Decke blieb, die er mit Kopf und Körper eben berührt hatte, als er so hoch wie nie zuvor in der Altbauwohnung geflogen war. Kurz vor der Berührung hatte Joschi noch seinen wilden Freudenschrei ausgestoßen, wie er es in der letzten Zeit gerne machte, und dabei mit seinen Armen und Beinen gewackelt, als wollte er wegfliegen. Dann Stille.
Thomas Lauffner bemerkte, dass sein Kinn kraftlos herunterhing und sein Mund weit klaffte vor Staunen. Das war, als das Staunen noch alle anderen Empfindungen überlagerte. Dann kroch allmählich etwas anderes in ihm hoch. „Joschi“, sagte er heiser. „Joschi, komm bitte wieder runter.“
Aber der Kleine blieb oben. „Papa, du bist so weit weg“, sagte Joschi schüchtern.
„Komm bitte runter, Joschi.“ Thomas stand mit wartend ausgebreiteten Armen und Händen, um den Körper aufzufangen, sobald er zurückfallen würde. Aber er fiel nicht. Und dann war da wieder dieses eigenartige Wort in seinem Kopf, das ihn schon beim Arbeiten gestört hatte. Semele. Den ganzen Morgen. Er sollte im Lexikon nachschauen, wer oder was das war, damit wieder Ruhe eintrat. Was konnte Semele schon sein?
Aber es war unmöglich, jetzt zum Bücherschrank zu gehen. Was auch immer veranlasste, dass Joschi, entgegen der Schwerkraft, oben an der Decke hängen blieb – diese Kraft konnte jeden Moment wieder nachlassen. Und dann müsste er auf seinem Posten sein, um Joschi aufzufangen. Er hatte ihn schließlich dorthin befördert.
Warum kam Stefanie nicht zurück? Sie war doch schon viel länger weg als fünf Minuten. Es war anstrengend, abwartend so zu stehen und mit gesammelter Aufmerksamkeit immer nur nach oben zu schauen.

Er hatte schon vor einer halben Stunde mal aufs Klo gehen wollen. Warum hatte er es bloß nicht getan? Jetzt wurde der Druck in seiner Blase immer drängender, je mehr die Zeit verging.
Wie spät war es denn eigentlich? Sein suchender Blick fand keine Uhr an seinem Handgelenk. Durch die Tür zum Arbeitszimmer, die halb offenstand, konnte er die Sanduhr auf seinem Schreibtisch sehen.
Sie lief, wenn sie umgedreht wurde, exakt 55 Minuten. Er benützte sie gerne bei Arbeiten, die er verabscheute. War der Sand durchgelaufen, gönnte er sich guten Gewissens eine kleine Pause. Begann ihn die Arbeit wider Erwarten doch noch zu fesseln, übersah er die Sanduhr, und das war recht so.
Jetzt pendelte sein Blick dauernd zwischen Joschi oben an der Zimmerdecke mit den Stuckverzierungen und dem gläsernen Doppelkörper auf dem Schreibtisch, dessen Sand anzeigte, dass ungefähr eine halbe Stunde vergangen war. Seit wann? Er hatte die Uhr umgedreht, als Stefanie und Joschi gerade ins Zimmer kamen. Dann das Tanzen, vielleicht fünf Minuten Hochwerfen.
„Papa“. Die Stimme war noch immer ganz vergnügt. Es sah aus der Distanz von etwa fünf Metern so aus, als sei die Standuhr stehengeblieben. Aber so genau konnte er das nicht erkennen. Die Anstrengung des genau Hinsehens machte ihm wieder die starken Spannungen in seinen Augen bewusst. Er suchte, natürlich nur mit Blicken, nach der Brille, die er abgelegt hatte, ehe er Joschi zum Tanzen hochhob. Lag sie dort auf dem Spanischen Schränkchen?
Die großen Buben hatten das Schränkchen bei einer Rauferei umgeworfen und sämtliche Gläser zerschlagen, die darin aufbewahrt wurden. Der materielle Schaden, etwa 600.- Mark, wäre noch zu verschmerzen gewesen (ein paar Urlaubstage weniger, mehr kaum). Aber die Erbstücke aus der Vitrine des Urgroßvaters, die über die Mutter auf ihn gekommen waren –

„Papa, ich will wieder runter!“
Verwirrt wurde Lauffner sich bewusst, dass seine Gedanken abgedriftet waren und er – für wie lange? – völlig vergessen hatte, dass Joschi oben an der Zimmerdecke schwebte. Wie war sein Gesichtsausdruck? Ohne Brille konnte er es nicht genau erkennen. An der Stimme war nichts Ungewöhnliches festzustellen.
„Komm doch einfach wieder, lass dich fallen -„
Thomas versuchte seiner Stimme einen scherzenden Unterton zu geben, versuchte unbekümmert zu erscheinen. Aber es gelang ihm nicht recht.
„Eigentlich dürftest du gar nicht dort oben sein, von Rechts wegen – ich meine wegen dem Gesetz der Schwerkraft. Du wiegst doch bestimmt mehr als zwanzig Kilo – wie schwer bist du eigentlich, Joschi?“
„Was?“
„Die Mama hat dich doch neulich gewogen. Was hat sie gesagt, wie schwer du bist?“
„Weiß ich doch nicht. Ich will runter, Papa.“
Was würden andere Kinder darum geben, mal oben an der Zimmerdecke zu schweben! Aber vielleicht dauerte der ungewöhnliche Zustand schon zu lange? Wie lange eigentlich? Wenn er bloß die Uhr sehen könnte. Irgendeine Uhr. Wo nur Stefanie blieb. Fünf Minuten hatte sie gesagt! Mindestens eine halbe Stunde musste sie jetzt schon aus dem Haus sein, mindestens –
„Papa, hol mich wieder runter!“ Das klang schon reichlich kläglich.
„Ich weiß nicht, wie ich das machen soll, Joschi. Vielleicht kann ich die Sessel aufeinander stapeln, das sollte doch reichen.“
Er versuchte, den nächsten der beigen Polstersessel zu fassen. Obwohl er nur mit Schaumstoff gefüllt war, ließ er sich nicht vom Platz rücken; er haftete wie festgeschraubt am Teppichboden.
War das Kohäsion? Er hatte doch in der Schule mal was gelernt, weshalb manche Körper fest aneinander klebten, wenn ihre Oberflächen entsprechend beschaffen waren – „Papa! Die Mama soll kommen und mich runterholen.“
„Gleich kommt sie zurück. Sie ist nur rasch zum Einkaufen gegangen.“ Das hatte sie jedenfalls gesagt. Aber warum kommt sie nicht?
„Ich gehe nur ein paar Schritte weg, um die Sessel näher zu holen, Joschi. Dann stelle ich sie aufeinander und hole dich runter.“ Er schaute sich suchend im Zimmer um, welches der Möbel am nächsten und geeignetsten war.
„Nicht weggehen, Papa!“
„Keine Angst, ich gehe nicht weg, nur zwei Schritte -„
„Nicht weggehen!“ Das Kind zeigte jetzt erste Zeichen von Panik.

Ich muss mit ihm reden, ihm eine Geschichte erzählen, dachte Thomas. Aber was für eine Geschichte! Mir fällt doch jetzt keine Geschichte ein, die ich locker erzählen kann, ich müsste die Klappleiter holen, draußen in der Besenkammer, gleich beim Staubsauger. Wieviele Schritte sind es bis dorthin? Zur Tür des Wohnzimmers vielleicht fünf Meter. Als wir die riesige Altbauwohnung bekamen, haben wir uns über ihre Dimensionen nur gefreut. Aber was macht man in einer solchen Situation, wenn schon der Weg über den Flur gute zehn Meter lang ist.
Wieviele Sekunden dauert das, dort zur Tür zu rennen, sie aufreißen, über den Flur rennen, die Kammertür aufreißen, die Leiter packen, zurück über den Flur, was mit der Leiter natürlich nicht so schnell geht – das dauert ja nicht Sekunden, sondern Minuten – in einem Neubau gäbe es das Problem nicht – aber da hätten wir auch keine Leiter nötig und die Zimmerdecke wäre nicht drei Meter vierzig hoch, sondern allenfalls zwei Meter zwanzig, oder so.

„Papa – hol‘ mich runter -„
„Jetzt wein‘ nicht.“ Warum eigentlich nicht? Vielleicht hilft’s ihm, wenn er weint. Ist doch kein Indianerjunge, der tapfer sein und Tränen zurückhalten muss. Wie wäre das denn, wenn ich drei Jahre und fünf Monate alt wäre und dort oben an der Decke schwebte? Verdammt, der Nacken begann zu schmerzen. Aber sobald er den Kopf senkte und die Augen abwandte, begann Joschi angstvoll zu rufen. „Jetzt weiß ich eine Geschichte“, sagte Lauffner.
„Eine Geschichte?“ Joschi klang für den Augenblick etwas hoffnungsvoller.
„Ja. Ich erzähle dir die Geschichte von Semele.“ Wer, um Himmels Willen, war Semele? Aber für eine erdachte Geschichte war das doch gleich. Er würde diese Gestalt und was sie tat einfach erfinden, so wie er am Abend zuvor die Geschichte vom Feuerdrachen und den beiden Wasserdrachen erfunden hatte, die Joschi so gut gefiel.
„Erinnerst du dich noch an die Wasserdrachen von gestern, Joschi?“
„Ja, Papa. Die Lausbuben-Drachen.“

 SemeleSelene – die beiden Mädchen, die sich auf dem Spielplatz küssten, wobei unklar blieb, ob das eine nicht doch ein Junge war –
Sein Nacken schmerzte unerträglich; lange würde er das nicht mehr aushalten. Die Tür ging auf, Stefanie kam herein, unter beiden Armen braune Einkaufstüten.
„So, da bin ich wieder, ihr beiden – habt ihr schön gespielt?“
In diesem Augenblick zog jemand einen großen schwarzen Vorhang zu. Eine feurige Zunge leckte von seinem Nacken und von dort weiter in sein Herz. Er hörte noch seinen Namen rufen –

                            *

Als er die Augen wieder aufschlug, war alles um ihn her weiß. Nur das Gesicht des Menschen, der sich gerade zu ihm beugte, war zart rosa, nein hellbraun, darunter ein kräftiger orangefarbener Fleck, eine Bluse, wie er erkannte, die oberen Knöpfe offen, so dass er die Ansätze der Brüste deutlich erkennen konnte, auch sie leicht gebräunt. Eine andere Farbe schob sich in sein Gesichtsfeld, ein helles Lila, verbunden mit einem Geruch, der ihm vertraut war.
„Flieder“, sagte er. Dann erkannte er das Gesicht hinter den Blütendolden und den ovalen, spitz zulaufenden Blättern. Das Gesicht schwebte jetzt, wie losgelöst, über dem Fliederbuschen.
„Stefanie“, sagte er. Ihm wurde bewusst, wie müde er war. „Was ist das für ein Zimmer? Wo bin ich hier?“
„In der Klinik.“
„Was ist passiert?“
„Erinnerst du dich nicht mehr? Du hast mit Joschi gespielt. Als ich vom Einkaufen zurückkam, fingst du ihn gerade wieder auf. Du hattest ihn hochgeworfen, erinnerst du dich nicht mehr?“
„Ja, das stimmt. Ich habe ihn hochgeworfen. Aber es dauerte so lange. Und dann dieser schwarze Vorhang. Die Lichter. Da waren auch Lichter. Und ein Name -„
Semele? War es das? Du bist mit Joschi umgestürzt, lagst wie ohnmächtig da. Semele, hast du gesagt, ganz laut und deutlich, obwohl das gar nicht möglich ist. Die Ärzte sagen, es wäre ein Herzinfarkt – und nicht der erste. Da gibt es bereits Narben an deinem Herzen – Aber ich sollte nicht so viel reden.“
„Doch, erzähl weiter. Wie lange warst du weg?“
„Meinst du jetzt eben?“
„Nein, bevor du mich gefunden hast -„
„Vielleicht zehn Minuten, war nur rasch um die Ecke beim Einkaufen -„
„Nicht länger?“ Er sah Joschi oben an der Decke schweben, während Minute um Minute verging, quälend langsam –
„Habe ich das alles geträumt?“
„Was?“
Er zögerte. „Da war etwas Eigenartiges, vielleicht kann ich es dir später erzählen. Und Joschi – wie geht es ihm?“
„Was soll mit ihm sein? Er fragt ständig nach dir. Du sollst ihn hochwerfen, danach verlangt er immer wieder.“
„Und er hat keine Angst?“
„Wovor sollte er Angst haben, Thomas?“
„Vor dem Hochwerfen!“
„Ich denke nicht. Vielleicht fragst du ihn morgen selber, ich bringe ihn mit. „Sie öffnete ihre Handtasche und zog ein Blatt Papier heraus.
„Hier, falls es dich interessiert. Ich hab mal nachgeschaut, was das heißt – Semele – das Wort.“
„Ach ja, Semele. Das Wort ist mir an dem Tag immer wieder durch den Kopf gegangen -„
„Erst dachte ich, du meinst Semmeln -„
„Semmeln?“
„Wäre möglich gewesen. Du hattest nämlich vergessen, die Semmeln für’s Frühstück am Sonntag mitzubringen, die wir aufbacken wollten, erinnerst du dich? Du bist zur Post gegangen, zum Schließfach, und wolltest auf dem Rückweg beim Bäcker vorbeigehen -„
Er schaute sie verständnislos an. „Ich muss es wohl vergessen haben. Aber auf dem Zettel, was steht da?“
„Ich habe im Lexikon nachgeschaut, was Semele heißt -„
„Ist das nicht eine Mondgöttin in der griechischen Mythologie gewesen?“ unterbrach er sie, „als Jugendlicher haben mich diese Geschichten sehr fasziniert.“
„Nein, nicht die Mondgöttin, die heißt Selene. Semele ist eine der Frauen, die Zeus in einer seiner vielen Verwandlungen geschwängert hat -„
„Geschwängert?“
„Semele hat er als goldenen Funkenregen betört -„
„Eine etwas eigenartige Form, eine Frau zu beglücken, findest du nicht auch?“
„Ach, ganz wie man’s nimmt – eigentlich beschreibt es den Vorgang doch ganz gut, findest du nicht?“
Sie schauten sich eine Weile nur stumm an. Aber in ihren Blicken ging viel Gefühl hin und her, während jeder für sich seinen Gedanken und Erinnerungen nachhing. „Wir haben lange nicht mehr miteinander geschlafen“, sagte er endlich, und er spürte ein eigenartiges Würgen im Hals, kein schlechtes Gefühl, wie er merkte. Stefanie wischte sich einige Tränen aus dem Gesicht.
„Das war knapp, Thomas. Haarscharf am Tod vorbei – Herzstillstand.“
Er nahm ihre Hand und führte sie an seine Brust. „Es schlägt wieder, spürst du’s? Ganz ruhig und regelmäßig.“ Sie ließ die Hand eine Weile dort ruhen, wo er sie hingelegt hatte. Dann fasste sie mit beiden Händen sein Gesicht und streichelte es, ganz langsam. „Werde bald gesund, „Semele wartet.“
Ein Lächeln war plötzlich auf seinem Gesicht. Er merkte, dass es sich von tief innen herstahl. „Die Glut ist noch da, aus der Funken sprühen“, sagte er. Dann zog er ihr Gesicht zu sich und sie küssten sich.

ENDE

© Jürgen vom Scheidt – geschrieben 15. Mai 1985
aut #927 _ 2020-12-25

Homo futurus

Auch so einer der „roten Fäden“ meines Lebens. Der „Mensch der Zukunft“ hat mich erst als Gestalt der Science-Fiction interessiert. Dann war da das Schlüsselerlebnis einer Ausstellung mit Plastiken am Münchner Marienplatz, in den Räumen des Stuttgarter Bücherbundes, bei dem ich Ende der 50er Jahre Mitglied war. Eine der Plastiken von Ludwig Weber-Foma sprang mir sofort ins Auge: ein hoch aufgeschossener Mann, dem ich sofort des Etikett „Homo futurus“ gab (der Künstler selbst nannte sie schlicht „Junger Mann“). Erst einige Jahre später, während des Psychologiestudiums, begriff ich, dass ich mich da gewissermaßen „selbst“ anschaute – war ich doch mit meinen 1,84 Metern so ein schlaksiger „junger Mann“.

Ludwig Weber-Foma: „Junger Mann“ (1960).

Woher ich das alles noch so genau weiß? Ich arbeitete damals an einem Club-Magazin namens C.C.Rider mit, das wir (vor allem mein Freund Wolfie Baum und ich) für einen Party-Club schrieben, den wir Cool Circle nannten. Da war fast jedes Wochenende in Gauting und Umgebung eine Party, oder in Starnberg oder München – und wenn man diese hektographierte Monatsschrift las und Mitglied im Cool Circle war, wusste man Bescheid, wo die Cats und die Chicks sich das nächste Mal trafen, um bei wilden Boogie-Rhythmen das Tanzbein zu schwingen oder bei schmachtenden schwarzen Balladen eng umschlungen zu knutschen.
Es gab aber nicht nur Party-Tratsch im C.C.Rider, sondern auch Film-Kritiken (wir regten uns damals schon über Rassismus in den USA auf, wobei der Film Flucht in Ketten aktueller Anlass war). Es gab Besprechungen neuer Schallplatten (Jazz und Rhythm´n´Blues). Wir diskutierten über die Wiederbewaffnung und über Kriegsdienstverweigerung, trafen uns mit Kids von der amerikanischen High School am Perlacher Forst beim Fußball im 60er Stadion und im amerikanischen Soldatenkino, besuchten den Soldaten-Sender des AFN in der Kaulbachstraße (wo man als Schüler problemlos reinspazieren und mit dem Plattenleger alias Disk Jockey Mal Sondock während seiner höchst angesagten Sendung „Bouncing in Bavaria“ quatschen konnte*. Und besuchten eben auch solche Ausstellungen wie die von Weber-Foma.
* So bin ich wohl später zu meier Arbeit für den Bayrischen Rundfunk animiert worden – was mir eben erst beim Tippen dieser Zeilen bewusst wird.

Über diese Vernissage habe ich im C.C.Rider damals geschrieben:
„Lang und schlank ist dieser junge Mann . Die Verkörperung einer Zeit, die sich anschickt, über ihren eigenen Schatten zu springen; die sich zu den Sternen emporstreckt und die in einer immer tiefgreifenderen technischen Verirrung den Boden unter den Füßen zu verlieren droht.
Aber der junge Mann trägt den Kopf gerade und erhoben, Stolz, beinahe schon Arroganz drückt diese Haltung aus. Und das Wissen (oder vielleicht besser das Hoffen?) um den Fortbestand, um ein weiteres, unaufhörliches Vorwärtsstürmen der menschlichen Rasse.“

Den Begriff „Rasse“ würde ich heute nicht mehr verwenden, der hat ausgedient. Aber ansonsten – Hätte es die Bewegung Fridays for Future (die von ähnlichen Hoffnungen und Befürchtungen bewegt wird) damals schon gegeben – wir wären dabei gewesen. Aber getanzt wie „der Lump am Stecken“ haben wir eben auch. Und uns gleichzeitig davor gefürchtet, dass die selben Raketen, mit denen unsere Science-Fiction-Phantasien zum Mond und zum Mars flogen – eben auch Atombomben überall hintragen und uns den „nuklearen Winter“ bescheren könnten.
Das war eine Weile weg, nachdem Gorbatschow und Reagan den West-Ost-Konflikt und das Wettrüsten entschärft hatte. Aber in Zeiten von Putin und Trump ist das alles inzwischen leider wieder Thema und bedrohlicher denn je. Wenn man die Corona-Pandemie mal außer Acht lässt.
Noch etwas habe ich übrigens im C.C.Rider jener Tage begonnen und abgedruckt: Meinen zweiten Roman Sternvogel. Was für eine tolle Zeit, um schreiben zu lernen (und nicht nur für die Schüler-Zeitung Giselaner oder das SF-Fanzine Munich Round Up, wo ich ebenfalls schrieb – irgendwo muss man das ja lernen. Und die Schule – naja. Da ging man eben auch hin, saß seine Zeit ab und sehnte sich nach so etwas Modernem wie Videokonferenzen und zeitgemäßem Unterricht –

War da nicht was?
Stimmt genau: Im Roman Männer gegen Raum und Zeit deutete ich 1957 gegen Schluss eine kleine Liebesszene an, ganz brav „digital“ (wie man heute sagen würde):

Rani rief Sardos an, dass sie erst am nächsten Tag kommen würden.
„Das glaub‘ ich“, lachte der Tolimane auf dem kleinen Bildschirm. „Wegen meines Gleiters macht euch keine Sorgen. Ich nehme in der Zwischenzeit den von Sika. Übriges – Sika lässt Kido herzliche Grüße ausrichten!“
Ehe Kido noch einen Dank stottern konnte, war der Schirm des Visiphons erloschen.


Gut, den Begriff Visiphon habe ich damals noch nicht verwendet – aber gemeint habe ich ihn und damit nichts anderes als eine Bildschirmkonferenz. Klingelt da was?
Homo futurus lässt grüßen – aus der Vergangenheit vor sechs Jahrzehnten. Seit Ostern dieses Jahres 2020 waren Schreib-Seminare dank Corona fast nur noch als Bildschirm-Konferenzen möglich. Was für ein Glück, dass wir technisch mit Internet, Computern und Smartphones schon einigermaßen dafür ausgerüstet waren!

Alfred Hertrich 1999 : Homo futurus – Logo für die Website homo-futurus.com (Archiv JvS)

„Homo futurus“ nannte ich im Oktober /November 1980 meine sechsteilige Feature-Reihe im Bayrischen Rundfunk, mit der These: Der Mensch der Zukunft lebt heute schon. Aber er muss noch manche Krise meistern, für welche die heute schon absehbaren Risiken der Großtechnik (Atomenergie, Computer, Genmanipulation) paradigmatisch sind.
(Daraus wurde Ende 1987 das Taschenbuch Im Zeichen einer neuen Zeit.)
„Auf dem Weg zum Homo futurus“ nannte ich fünf Jahre später (Oktober 1990) meinen Beitrag in einer Serie der Zeitschrift Psychologie heute über das ominöse Datum „Freitag, der 13. Oktober 2025 und das Jahr 2050.
Nochmals zwei Jahre später war ich dann richtig in der Zukunft angelangt – mit meiner ersten eigenen Website, die ich nannte: homo-futurus.com. Am 27. März 1998 ging die Site online.

PS: Herzlichen Dank an Wolfie Baum, der mir die komplette Ausgabe des C.C.Rider zum 75. Geburtstag kopiert und geschenkt hat.

Quellen
Baum, Wolfgang & Jürgen vom Scheidt und andere: C.C.Rider. Club-Zeitschrift des Cool Circle. Gauting 1958 (Selbstverlag).
Scheidt, Jürgen vom: Im Zeichen einer neuen Zeit. Freiburg i.Br. 1987 (Herder-Bücherei).

025 _ aut # _ 2020-12-23/20:51


„Darf ich Ihnen Herrn Blatter vorstellen?“

Vor allem durch meine Arbeit für den Bayrischen Rundfunk bin ich vielen sehr prominenten Menschen begegnet, die ich interviewen durfte, darunter 1990 die Präsidentin von Island, Vigdis Finnbogadottir.
Auch in meiner Zeit als Drogenberater (1970 bis 1976) bin ich einigen sehr prominenten Personen „hautnah“ in Beratungsgesprächen gegenüber gesessen, die allerdings bis auf eine Ausnahme wegen ihrer kiffenden Kinder zu mir kamen und Rat suchten. Aber da dies unter das „Berufsgeheimnis“ fällt, werde ich schweigen bis ans Grab – obwohl es mich in den Fingern juckt, damit anzugeben.

Ein Prominenter, dem ich die Hand schütteln durfte, ist mir schon oft auf den Sport-Seiten der SZ begegnet: Der frühere Fifa-Skandalpräsident. Leibhaftig gegenübergestanden bin ich ihm folgendermaßen:
Ich bin viele Jahre im Urlaub und bald auch während meiner Seminare „Wandern und Schreiben“ im schweizerischen Oberwalis gewesen, der Heimat der väterlichen Vorfahren „Zenhäusern“ meiner Frau Ruth. Dabei hab ich mich alle paar Tage auch im Thermalbad Brigerbad in der heißen Grotte und in den Schwimmbecken gesuhlt und sehr genossen, wie die körperlichen Strapazen einer Wandrung auf den Höhenwegen ringsum sich allmählich lösten. Einmal sah ich den Gründer und Besitzer, Hans Kalbermatten, im Gespräch mit jemand anderem am Rand eines Beckens sehen. Voller Begeisterung über diese Anlage trat ich auf ihn zu und machte ihm ein großes Kompliment über das Thermalbad. Er freute sich natürlich und deutete dann auf den Gast neben sich: „Darf ich Ihnen den Herrn Blatter vorstellen?“
Es war deutlich, dass die beiden Herren sich gut kannten. Aber wer war „Herr Blatter?“ Kalbermatten registrierte natürlich meine Unkenntnis und erläuterte: „Das ist der Präsident der Fifa.“
Da fiel bei mir der Groschen und ich nickte und sagte: „Natürlich ist mir der Herr Blatter ein Begriff aus den Medien.“ Obwohl ich mit Fußball seit meiner Jugend nichts mehr am Hut habe und Judo oder Boxen zwischen zwei Kämpfern mich mehr elektrisiert als die Rasentreterei von 22 Fußballern, wusste ich aus Lektüre der einheimischen Tageszeitung, des Walliser Boten bereits, dass Blatter aus Visp stammte, dem Bahnknotenpunkt im Oberwallis, und dass er der Fifa-Boss war. In welche riesigen Skandale er verwickelt war, das wurde bald darauf publik. Jedesmal, wenn ich seinen Namen in der Zeitung lese (und seine Skandale rumoren dort immer noch gewaltig herum) fällt mir sofort die Szene im Brigerbad ein. Jüngstes Beispiel:
„Neuer Ärger für Sepp Blatter. Streitwert 500 Millionen Franken. Fifa zeigt früheren Präsidenten an.“

So kann Prominenz also auch aussehen und andauern. Aber weit mehr vermisse ich das Brigerbad und das ganze Oberwallis, meine dritte Heimat nach Rehau und München und speziell das Bergdorf Bürchen. Von dieser Hochgebirgslandschaft zeigt das Titelbild meines Blog einen schönen Ausschnitt, mein Lieblingsfoto aus dieser Zeit: Die alte Suon zwischen Bürchen und der Brandalp, Luftlinie, keine zehn Kilometer vom Brigerbad entfernt und ebenfalls vom hier so wichtigen Element des Wassers bestimmt. Und deshalb hier nochmals in voller Größe verewigt:

Alte Suon zwischen CH-Bürchen und der Brandalp – gesehen in Richtung Westen, linkerhand des Rhonetals. (Foto: J v Sch 2005).

Quelle
SID, DPA: Neuer Ärger für Sepp Blatter. Südd. Zeitung vom 23. Dez 2020, S. 24.

024 _ aut #852 _ 2020-12-23/19:45

Atlantis allüberall

Das erste Mal bin ich diesem Mythos 1948 oder 1949 begegnet, als ich mit großen Augen und vor Abenteuerlust glühenden Wangen die Heftserie Sun Koh – der Erbe von Atlantis las. Damals hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich Jahrzehnte später für den Bayrischen Rundfunk ein „Feature mit Musik“ zu diesem sagenhaften „versunkenen Kontinent“ schreiben würde – der mit großer Wahrscheinlichkeit niemals existiert hat, sondern der blühenden Phantasie des griechischen Philosophen Platon entsprungen ist.

Abb. 1: Abschließender Sammelband zur Heftserie Sun Koh (Replik des Originalcovers von 1935)

Doch halt, ich muss mich korrigieren: Ich habe schon lange vorher mal Atlantis und seinen schrecklichen Untergang „besungen“, und zwar in dem SF-Roman Männer gegeg Raum und Zeit, den ich 1957 schrieb und im Jahr darauf veröffentlichte – mein erstes Buch. Dort ist eine Schlüsselszene das Untergangs-Szenario, das viele Jahre zuvor mein Freund Alfred Hertrich gestaltet hat als neues Cover für ein Sachbuch in meiner Bibliothek aus dem Jahr 1940 (deutsch 1946): Atlantis von Alexander Braghine.

Abb. 2: Buchumschlag von Alfred Hertrich (1954) – nach einem Gemälde von Willy Bischoff in seinem Buch Wir und das Weltall

Und was lese ich heute in der Süddeutschen Zeitung vom Tage?
Es soll ein neuer, heller Stern am Himmel der Automobilhersteller sein. Kein Wunder, dass die neue Holding Stellantis heißen soll, abgeleitet vom lateinischen Wort „Stella“ für Stern. Der französische Konzern Peugeot, zu dem inzwischen auch Opel gehört, und Fiat-Chrysler haben schon im Herbst 2019 den Plan zur Mega-Milliardenfusion verkündet. Jetzt hat die EU-Kommission zugestimmt, eine der wichtigsten Hürden ist damit genommen. Ende März kommenden Jahres soll dann der viertgrößte Autohersteller der Welt entstehen, nur Volkswagen; Toyota und Renault-Nissan sind dann noch größer.

Was nicht in der Zeitung genannt wird: Der zweite Teil des neuen Konzernnamens Stellantis dürfte klar von Atlantis abgeleitet sein. Der uralte Mythos, den Platon Mitte des 4. Jahrhunderts v.d.ZW. phantasierte, ist offenbar superaktuell. Dieser Aktualität und einer möglichen psychologischen Be-Deutung des Mythos bin ich in meiner Funk-Sendung nicht nur im Text, sondern mit vielen Musik-Zitaten nachgegangen.

Auch → Atlantis und die Labyrinthiade

Quellen
Bischoff, Willy: Wir und das Weltall. Berlin 1952 (Novitas).
Braghine, Alexander: Atlantis. (1940) Stuttgart 1946 (Union Deutsche Verlagsanstalt).
Myler, Lok (alias Freder van Holk – d.i. Alfred Müller-Murnau): Sun Koh, der Erbe von Atlantis. Leipzig 1933-1935 (diverse Nachdrucke ab 1949 als Heftserie, Taschenbuchserie und in Paperback-Sammelbänden).
Scheidt, Jürgen vom: Männer gegen Raum und Zeit (Leihbuchausgabe). Wuppertal-Barmen 1958 (Wieba), Kap. 7.
ders.: „Trauminsel – Inseltraum: Atlantis und das Goldene Zeitalter der Menschheit“. Bayr. Rundfunk (17.Juli 1991: Sondersendung für NACHTSTUDIO – 85 Minuten).

023 _ aut #848 _ 2020-12-23/19:08

Perry Rhodan und das Corona-Monster

Okay, die Ähnlichkeit zwischen den Alien-Monstern auf diesen Titelbildern (s. unten) ist nicht super – aber doch verblüffend. Ich habe das linke Cover aus der SF-Serie Perry Rhodan 1973 schon einmal verwendet – als eine der Illustrationen meines Sachbuchs Innenwelt-Verschmutzung. Dort diente mir das Bild zur Veranschaulichung von Aggression in den Medien. Als in diesem Jahr überall die Darstellungen des Virus Covid-19 auftauchten, musste ich immer wieder mal an jenes gruslige Alien-Monster der Perry-Rhodan-Serie denken. Vom Verlag wurde mir inzwischen noch ein zweites Cover geschickt – das ein ähnliches Motiv zeigt.

Wenn ich mal die Männer auf dem Cover als Maß nehme, dann ist das Kugelmonster aus dem fernen Weltenraum gut drei Meter im Durchmesser, plus die Tentakeln. Wie winzig ist dagegen das Corona-Monster aus dem vergleichsweise nahen China: ganze 0,12 Mikrometer – also ein Zehnmillionstel Meter. Doch „Alien Corona sinensis“ ist mindestens so gefährlich wie der – die – das Weltraum-Alien! Alles eine Sache der Perspektive.

Es gibt da übrigens, was Viren angeht, noch einen hübschen Zufall aus meiner Lebensgeschichte: Mein Lektor beim Droemer-Verlag, der 1973 mein Buch Innenwelt-Verschmutzung (s. oben) betreute, war Fritz Bolle. Der war ein Berliner Urgestein, das es nach München verschlagen hatte. Wie ich Anfang dieses Jahres 2020, als das Viren-Thema mit Corona aktuell wurde, entdeckte, war Bolle viele Jahre davor der Autor eines kleinen Büchleins mit dem schönen Titel Lebende Kristalle – das ich als Zwölfjähriger gelesen habe – und mir via Amazon gleich wieder antiquarisch besorgte:

Fritz Bolle: Lebende Kristalle. 1952. Lux-Lesebogen Nr. 119 (Archiv JvS)

Die Welt ist schon ein sehr kleines Dorf – manchmal.

Quellen
Bolle, Fritz: Lebende Kristalle. Murnau 1952 (Lux-Lesebogen Nr. 119).
NN: Perry Rhodan Heft 44, „Der Mensch und das Monster“. München ca. 1973 (Moewig) – Cover: Johnny Bruck.
NN: Perry Rhodan Heft 136, „Bestien der Unterwelt“. München ca. 1972 (Moewig) – Cover: Johnny Bruck.

022 _ aut #384 _ 2020-12-23 / 16:23

Grabstein zu Lebzeiten

Wenn man achtzig Jahre alt ist und mitten in einer bedrohlichen Pandemie steckt – kommt man öfter ins Grübeln über das Ende der eigenen Existenz. Schon als Kind hat mich das beschäftigt (s. die ersten Beiträge in diesem Blog), was kein Wunder war wegen des Zweiten Weltkriegs, in dem ich auf die Welt kam.

Ich möchte kein Erdgrab haben und keinen Grabstein (wie der Titel dieses Posts andeuteten könnte), sondern eingeäschert werden und einige Jahre in einer Urne aufbewahrt. Diesen Blog verstehe ich als Erinnerungsort – ähnlich den Tagebüchern, die mein Urgroßvater Ferdinand Naumann (ab 1886) über meinen Vater Helmut vom Scheidt an mich vererbt hat. Wenn meine Kinder und Enkel diesen Blog im Internet weiter erhalten, wird er zu so etwas wie mein „Grabstein zu Lebzeiten“ – denn noch lebe ich ja und schreibe diese Gedanken und Erinnerungen auf.

Aktuell arbeite ich an drei Buch-Projekten:
° Einem Roman, der im München von heute spielt, aber pure Science-Fiction ist, mit Außerirdischen, Besuchen auf fremden Welten und was sonst noch zur SF dazugehört, die mich seit meinem achten Lebensjahr fasziniert (eigentlich schon früher, weil uns an Weihnachten irgendwann – 1946? – aus dem wunderbaren Märchen-Bilder-Kinderbuch Peterchens Mondfahrt vorgelesen wurde). Arbeitstitel: glü .
° Einem kleinen Sachbuch als Ergänzung meines Titels Kreatives Schreiben – Hyperwriting.
° Meiner Autobiographie.

Alle drei Projekte werden sich aus diesem Blog speisen, der gewissermaßen der „(kreative) Fluss“ ist, in dem ich die Materialien sammle, aus denen ich dann das „Gold wasche“, das in den drei Projekten hoffentlich sichtbar wird.

Mein Lieblingsmärchen ist übrigens Der Gevatter Tod, das nur nebenbei – gleich gefolgt vom Märchen von einem der auszog, das Gruseln zu lernen.

„Grabstein zu Lebzeiten“ also – das passt.

(Inzwischen denkt man auch andernorts über neue Formen des Abschiednehmens und Trauerns nach. In der Südd. Zeitung lese ich:
„Corona verändert unseren Umgang mit Tod und Trauer. Man kann auch online Abschied nehmen“.)

Quelle
Moorstedt, Michael: „Digitales Lebewohl“. In: Südd. Zeitung vom 04. Jan 2021, S. 09.

021 _ aut #292 _ 2020-12-22/16:15