„Bücher sind durch Druck…

… entwertetes Papier“. Dies ist einer der beiden Sätze, die der Verleger Bertold Spangenberg von der Nymphenburger Verlagshandlung geäußert hat, während ich 1969 bei ihm als wissenschaftlicher Lektor tätig war und die sich mir tief eingeprägt haben.

Die Begegnung mit diesem eindrucksvollen Mann hat mir vieles gegeben. Auch nach meinem „Mondflug-Jahr“ bei ihm im Verlag haben wir noch oft zusammengearbeitet, weil ich bei der Nymphe (wie wir den Verlagsnamen abkürzten, der vom Standort im Münchner Stadtteil Nymphenburg rührte) meine ersten eigenen „richtigen Bücher“ veröffentlicht habe.

Es gab zwar zuvor schon meine beiden Romane → Männer gegen Raum und Zeit und → Sternvogel – aber das waren auf billiges holzhaltiges Papier gedruckte Leihbücher, die eher in die Schmuddelecke des Verlagswesens gehörten als in die seriöse Bücherwelt, die in den Feuilletons der Medien Beachtung fanden und als „richtige Literatur“ eingeordnet wurden.

„Bücher sind durch Druck entwertetes Papier“ besagt genau dies: Solange die „Rohbögen“ noch nicht mit Text welcher Art auch immer bedruckt worden sind, stellen sie ein kostbares Gut dar, das man notfalls an einen anderen Verlag oder eine Druckerei weiter veräußern kann. Erst wenn sie durch den Druck gewissermaßen ihren „Aggregatzustand“ geändert haben, sind sie etwas völlig Neues:
Ein Roman, ein Sachbuch, eine Anthologie mit Gedichten oder Kurzgeschichten, ein Reader mit Artikeln zu einem Thema wie → „Psychoanalyse“. In dieser neuen Form können sie
° ein Riesenerfolg mit Millionenauflage werden
° oder wie Blei in den Buchhandlungen liegenbleiben, bei der nächsten Inventur ausgemustert und als Remittende an den Verlag zurückgeschickt, allenfalls noch als Ramschware billig verhökert (wovon der Autor keinen Cent mehr als Honorar bekommt) – eben als „durch Druck entwertetes Papier“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Papier, egal in welcher Erscheinungsform, bedruckt oder unbedruckt, so rar geworden, dass man ein neues Buch in den Läden nur für einige Kilo Altpapier zusätzlich zum Buchpreis bekam. Mein allererstes selbst erworbenes Buch Auf unbekanntem Stern von → Anton M. Kolnberger wird mich immer an diese Tatsache erinnern.

Für die Nymphe habe ich zusammen mit → Wolfgang Schmidbauer das → Handbuch der Rauschdrogen geschrieben. Die Idee dazu stammte vom Verleger, der von Haus aus eigentlich Chemiker war und in der turbulenten Nachkriegs-Mangelzeit das Glück hatte, eine der kostbaren Lizenzen für die Gründung einer Zeitschrift (Der Ruf) und eines dazugehörigen Verlags zu bekommen – und somit auch die Lizenz zum Erwerb des nötigen Papiers.
Parallel zum Drogen-Handbuch stellte ich meine erste Anthologie zusammen: → DAS MONSTER IM PARK.

Beide Bücher wurden ein großer Erfolg:
° Das Handbuch von 1971 bis 2004 – also über 33 Jahre hinweg – in elf immer wieder neu bearbeiteten und aktualisierten Ausgaben, mit einer Gesamtauflage, die ich im Rückblick nur schätzen kann auf mehr als 150.000 – also das, was man einen Longseller nennt.
° Das Monster erschien ebenfalls in mehreren Auflagen bei der NyV, dann als Taschenbuch bei dtv in vier Auflagen und beim Bertelsmann-Lesering.

Zu den Büchern, die ich als Lektor initiierte und betreute, gehörte die Autobiographie Meine Musik – mein Leben des weltberühmten indischen Musikers Ravi Shankar, der viel bekannter als „Guru der Beatles“ wurde (obwohl seine eigenen Ragas mindestens so wichtiges Kulturgut sind, wenn auch finanziell sicher nicht so erfolgreich). Übersetzt hat das Buch übrigens meine erste Frau Elke – die Discographie habe ich zusammengestellt.
Als SF-Aficionado bin ich auch stolz darauf, den exzellenten Roman Flowers for Algernon von Daniel Keyes (1927-2014) nach Deutschland geholt zu haben. Die Fassung als Kurzgeschichte wurde sowohl mit dem Hugo- als auch dem Nebula-Award ausgezeichnet, die erweiterte Langfassung bekam 1966 ebenfalls den Nebula und wurde verfilmt. Diese Verfilmung mit dem – leider sehr nichtssagenden – Titel Charly kam 1969 auch in die deutschen Kinos.
Letzteres war einer der beiden Gründe, dass Spangenberg den Roman für die NyV ankaufte (wodurch die Originalausgabe bei einer Aufräumaktion im Lektorat in meinen Besitz kam – leider nicht vom Autor signiert).
Der zweite Grund war einer dieser wunderbaren Zufälle: Die Filmmusik schrieb und spielte Ravi Shankar. Davon versprach sich der Verleger einen positiven Effekt sowohl für den Charly-Roman als auch für die parallel erscheinende AutoBio von Ravi Shankar. Dieser Effekt trat wohl auch ein, nicht zuletzt weil die damals sehr florierende Zeitschrift twen einen Bericht über den Film und die beiden Bücher brachte, nachdem ich in der Redaktion das Interesse dafür geweckt hatte.

Flowers for Algernon (Charly) handelt übrigens von der tragischen Geschichte eines schwachsinnigen jungen Mannes namens Charly, der durch ein wissenschaftliches Experiment für kurze Zeit zum hochbegabten Genie wird – und auf dem Höhepunkt seiner Karriere erkennen muss, welches Schicksal ihm blüht: Seine eigenen Experimente mit einer Labormaus namens Algernon legen nahe, dass auch seine eigenen geistigen Hochleistungen wieder auf das Anfangsstadium der Schwachsinnigkeit zurückfallen werden.

Forts. → Der Duft des Jasmin

Quellen
Keyes, Daniel: Flowers for Algernon. (New York 1959/1966 _ Hartcort, Brace and World). München 1970 (Nymphenburger Verlagshandlung).
Nelson, Ralph (Regie): Charly (Flowers for Algernon). USA 1968 – nach dem Roman von Daniel Keyes.
Scheidt, Jürgen vom (Hrsg.): Das Monster im Park. Erzählungen von Wernher von Braun bis Arthur C. Clarke. München 1970 (Nymphenburger Verlagshandlung).
Schmidbauer, Wolfgang und Jürgen vom Scheidt: Handbuch der Rauschdrogen. (München 1971 ( Nymphenburger Verlagshandlung) 11. Ausgabe 2003. Parallele Taschenbuch-Ausgabe Frankfurt am Main Nov 2004 (S. Fischer).
Schmidbauer, Wolfgang (Interview: Fries, Carolin): In: Südd. Zeitung Nr. 143 vom 25. Juni 2021, S. R08 (Lokales).
Shankar, Ravi: Meine Musik, mein Leben. (New York 1968 _ My Music – My Life) München 1969 (Nymphenburger Verlagshandlung ).

aut #1069 _ 2021-06-26/14:22

_STERNVOGEL

Dies ist eine erste Annäherung an mein zweites Buch – ausgelöst von meinem Beitrag zum C. C. Rider. Die darin erwähnte und mit einem kurzen Kapitel gewissermaßen „vorveröffentlichte“ Science-Fiction Sternvogel war der erste Anlauf zu meinem zweiten Roman. Was ich da im November 1958 in die Erika meines Vaters hämmerte, war inspiriert von den graphischen Experimenten des Autors Alfred Bester in seinen Romanen The Demolished Man und Tiger! Tiger!, die im amerikanischen SF-Magazin Galaxy in den 1950er Jahren als Serials erschienen sind.

Abb. 1: So stellte ich mir den Anfang meines Romans Sternvogel vor – inspiriert von Alfred Bester (Archiv JvS)

In der gedruckter Ausgabe hat ein übereifriger Setzer diesen wilden Anfang brav linksbündig geordnet – was ich leider erst bemerkte, als das fertige Leihbuch vor mir lag.

Abb. 2: Im Leihbuch wurde das graphische Experiment leider vom Setzer „geordnet“ und somit verhunzt (Archiv JvS)

Und so sieht das in Alfred Besters Roman The Demolished Man aus, wenn sich Telepathen auf einer Esper-Party unterhalten:

Abb. 3: Wenn sich Telepathen unterhalten, könnte dass so aussehen wie in Alfred Besters The Demolished Man (1955)

Besters Telepathen-Roman machte SF-Geschichte. In der nach meiner Auffassung immer noch besten SF-TV-Serie Babylon 5 würdigt ihn der Drehbuch-Autor J. Michael Straczynski, indem er einen gewissen „Bester“ (ohne Vornamen) zum intriganten Chef der gefürchteten Telepathen-Jäger des PSI-Corps machte.

(Forts. folgt)

Quellen
Bester, Alfred: The Demolished Man (New York 1953). London 1954 (The Science Fiction Book Club).
ders.: Tiger! Tiger! (New York 1956). London 1958 (The Science Fiction Book Club.
Scheidt, Jürgen vom : Sternvogel. Minden 1962 (Bewin). Überarbeitete u. ergänzte Neuausgabe Frankfurt a.M. 2017 (vvs-Verlag Schladt).
Straczynski , J. Michael (fast alle Drehbücher und gelegentlich Regie): Babylon 5. TV-SF-Serie. USA 1993-1998 (110 Episoden).

aut #247 _ 2021-06-13:30

Zeugnis unserer Jugendkultur 1958: C. C. Rider

(WanderPost – Nachtrag 24. Juni 2021: Der komplette Text des C. C. Rider wurde inzwischen digitalisiert und steht demnächst als pdf-Datei zur Verfügung – bei Interesse bitte E-Mail an mich: jvs@hyperwriting.de)

Das Handwerk des Schreibens kann man auf viele Arten lernen. Sieht man mal von den Erfahrungen mit Aufsätzen und anderen Textformen in der Schule ab, beginnt das häufig mit einem Tagebuch. Selten notiert jemand schon als Kind erste Geschichten aus eigenem Antrieb (wie Joanne „Harry Potter Rowling) – was ich übrigens als ein deutliches Merkmal für Hochbegabung deuten würde.
Aber mehr Spaß macht es, wenn man zusammen mit anderen schreibt – nicht in der Schulklasse, weil man muss – sondern weil man das aus eigenem Antrieb möchte. Schülerzeitung sind da inzwischen eine gängige Gelegenheit. Aber bevor ich 1958/59 bei unserer Schülerzeitung Giselaner mitmachte (an der Gisela-Oberrealschule in München), waren das für mich etwas früher bereits drei andere Hobby-Publikationen:
° ANDROmeda (die monatliche Vereinsschrift des Science-Fiction Club Deutschland. SFCD),
° der C. C. Rider (eine Art Party-Zeitung unseres Cool Circle)
° und Munich Round Up (ein Fanzine der Münchner Gruppe des SFCD).

Abb. 1: Die Single „C. C. Rider“ von Chuck Willis ist leider nicht mehr in meinem Archiv – aber ungefähr zur selben Zeit war „School Day“ von Chuck Berry ebenfalls top in den Charts – und passt vom Thema „Schule“ bestens zu der Welt, in der wir uns damals bewegten, als unsere Party-Fanzine erschien (Archiv JvS).

Man kann solche frühen literarischen Geh-Versuche gar nicht hoch genug bewerten, weil sie vielerlei bewirken:

  • Man motiviert man sich gegenseitig („Wann hast du deine Buchbesprechung fertig – schaffst du das noch bis Samstag ins nächste Heft?“).
  • Man regt man sich gegenseitig an, spielt sich Themen-Bälle zu, nennt sich interessante Lektüren oder Musik-Beispiele; und
  • Nicht zuletzt lernt man auf diese Weise, so ganz nebenbei, fremde wie eigene Texte auch kritisch zu betrachten – und vor allem Kritik auszuhalten, ohne gleich beleidigt zu sein.
  • Doch last but not least hat man beim gemeinsamen Schreiben vor allem immer schon ein Publikum dabei – da schreibt man anders als wenn man nur zuhause etwas ins Tagebuch notiert. (Und wenn man anhand von amerikanischen Songs und SF in der Originalsprache auch noch aktuelles English lernt, ist das ja auch kein Schaden.)

Diese frühen Erfahrungen gemeinsamen Schreibens sind ganz sicher auch die Wurzeln meiner späteren Schreib-Seminare gewesen. Dass so etwas (literarisches Schreiben, journalistisches Schreiben, Schreib-Seminare leiten) ein bzw. zwei Jahrzehnte später meine Brotberufe werden würden, hätte ich mir damals in den späten 1950er Jahren allerdings nicht vorstellen können – da stand mehr so etwas wie Testpilot, Weltraumpilot, Robotpsychologe auf dem Wunschzettel mit den Berufsträumen.

Abb. 2: C.C.Rider Nr. 6 von Okt/Nov 1958 – leider die letzte Ausgabe (Zeichnung: Wolfgang Baum / Archiv JvS)

Bei alledem kommt einer kleine Postille eine ganz besondere Bedeutung zu, die ich zusammen mit meinem Freund Wolfgang Baum mit Texten füllte (wobei andere Mitglieder unseres damaligen Party-Clubs Cool Circle gelegentlich auch etwas beitrugen – wenn man sie nur genügend triezte): der C. C. Rider. Der Name rührt von einem Blues-Song von Chuck Willis her, der damals im amerikanischen Soldatensender AFN gespielt wurde und in der Race-Abteilung des Billboard ziemlich hoch kletterte.

Diskriminierung der Schwarzen in den USA ist nichts Neues

Race-Abteilung? Ja, das gab es damals. Das war eine spezielle Chart für Songs der schwarzen Bevölkerung der USA, die man fein säuberlich aus der offiziellen weißen Schlager-Chart des Musik-Fachmagazins Billboard auslagerte und umgangssprachlich R´n´B (für Rhythm´n´Blues) nannte oder – schön diskriminierend – Race Music.
Bei uns in Deutschland war das die Negermusik, mit der unsere Eltern alles benannten, was nach Jazz klang, was also laut und sehr rhythmisch war und vor allem „amerikanisch“ – aber eben nicht so nett wie die eingängigen Schmalz-Songs eines Bing Crosby oder Pat Boone oder Frank Sinatra.

Die Diskriminierung der Schwarzen war damals, in den 1950ern, noch viel heftiger als heutzutage, es gab ständig Lynchmorde und Übergriffe der (weißen) Polizisten gegen Schwarze waren an der Tagesordnung – kein Wunder bei einer inoffiziellen Apartheits-Politik, die vor allem in den Südstaaten sehr offiziell Weiße und Schwarze von einander separierte.
(Der bekannte R´n´B- und Rock´n´Roll-Sänger Chuck Berry hat das in seiner Autobiographie nicht nur inhaltlich, sondern auch literarisch sehr eindrucksvoll geschildert.)

Eine Reise zurück in die 1950er

In dem Film Zurück in die Zukunft werden wir mittels Zeitreise genau in diese Jahre zurückgeführt – die damals sehr „neue“ wilde Musik inbegriffen. Ein anderer Film – Blackboard Jungle – stürzte das Publikum mit Bill Haleys „Rock around the clock“ in der ersten Minute gleich mitten hinein in diese jugendrebellische neue Epoche. Und dann dieser lässig-widerspenstige junge Held James Dean in Denn sie wissen nicht was sie tun, der oben auf der Leinwand fraglos einer von uns war und das tat, was wir nur phantasierten: Gegen die „Alten“ so richtig aufbegehren. (Und dessen tragischer Unfalltod ihn zusätzlich in den Legenden-Himmel erhob.)
Auch dies ist jetzt wie eine Zeitreise – sich an diese Epoche zu erinnern. Die Musik, die manche von uns Jugendlichen gerne hörten, transportierte viel Aufmüpfiges, womit wir uns den Eltern gegenüber erstmals in der Geschichte der Menschheit eine eigene „Jugendkultur“ schufen – ohne zu wissen, was das war und später von Soziologen so benannt werden würde: Mit Crew Cut, Blue Jeans und Bluesuede Shoes (aber bitte mit richtig laut klappernden „Hufeisen“ an den Absätzen) – mit eigenen Filmen (James Dean war einer unserer Rebellen) – mit eigenem Tanzstil (Boogie Woogie, Jitterbug – nicht das langweilige Walzer-Zeug und der Cha-cha-cha aus der Tanzstunde).

Für manche von uns spielte da auch die Science-Fiction-Literatur eine „abgrenzende“ Rolle – wie alle unsere Hobbies und Gewohnheiten und Vorlieben, die vor allem eine Funktion hatten: Sie war „unser eigenes“ – schon deshalb, weil die Erwachsenen nichts davon verstanden und es im Idealfall sogar heftig bekämpften: bei den Mädchen die Petticoats und bei uns Buben die „Röhrenhosen“. Das alles half, eine eigene soziokulturelle Position zu finden – und dabei nicht zuletzt allmählich auch zu entdecken, wie belastet die Vergangenheit unserer Eltern aussah, die in der Nazi-Diktatur aufgewachsenen waren und diese meistens tatkräftig gefördert hatten.

All das spiegelt sich in den gerade mal sieben Ausgabe des C. C. Rider sehr deutlich wider. Als ich ihn nach vielen Jahren mal wieder durchblätterte, wurde mir bewusst, wie wichtig es war, das damals aktiv mitzugestalten – lange bevor dann ein Jahrzehnt später die 68er sich in Bewegung setzten, lauthals gegen den Vietnam-Krieg demonstrierten, sich in den Universitäten gegen den „Muff von tausend Jahren unter den Talaren“ (mit noch verdammt viel „brauner Vergangenheit“) zu wehren begannen.

Dabei haben wir eigentlich nichts anderes gemacht, als uns gerne tanzend am Wochenende bei den Parties zu dieser tollen „anderen“ Musik zu bewegen, zu flirten, zu schmusen, uns zu verlieben (und enttäuscht zu werden) – und was man halt mit 18 so alles macht und denkt und träumt.

Jetzt ist eines der drei „überlebenden“ Originale dieser damals mühsam mit der Schreibmaschine vervielfältigten Zeitschrift beim „Archiv der Jugendkulturen“ gesichert, die Inhalte sind digitalisiert und vielleicht kann sogar das Deutsche Jugend Institut (DJI) etwas damit anfangen – ist es doch ein sehr direkter offener Blick, den wir Jugendlichen damals auf die uns umgebende Welt der Erwachsenen schriftlich dokumentiert haben. Wir haben ja nicht nur im Saturday Night Fever getanzt und am „Blue Monday“ mit Fats Domino unsere Enttäuschung über ein missglücktes Liebesabenteuer bejammert – wir sind auch zusammen in Kino-Vorstellungen wie Flucht in Ketten gegangen, haben die amerikanischen Jugendlichen der High School im Perlacher Forst getroffen (wo sich das gut abgeschirmte „Ghetto“ der US-Besatzungsmacht befand) zum Basketballspielen und zum gemeinsamen Besuch eines Fußball-Spiels im Stadion der 1860er an der Tegernseer Landstraße. Wir sind auch in Ausstellungen gegangen und haben uns dabei unsere (oft sehr kritischen) Gedanken über die Welt gemacht, in die wir da hineingewachsen sind.

Im C. C. Rider haben wir eigene Gedichte veröffentlicht und ich schrieb darin sogar den Anfang meines späteren zweiten Romans Sternvogel.

In der oben erwähnten Club-Zeitung ANDROmeda des SFCD konnte ich nicht nur meine allererste Kurzgeschichte publizieren, sondern erfahren, was es bedeutet, von Älteren gefördert zu werden (s. hierzu auch meine Begegnung mit Lothar Heinecke hier im Blog).
Und Munich Round Up (kurz MRU) wurde dann so etwas wie eine „erwachsenere“ Variante des C. C. Rider – wenngleich sehr unter dem Einfluss der aufmüpfigen, kulturkritischen und sehr amerikanisch-popkulturellen Jugendzeitschrift Mad.
In MRU schrieb ich mit fünf anderen SF-Freunden die wilde Space Opera -li- Das Unlöschbare Feuer und die Anfänge meines bereits dritten Romans -li- Der geworfene Stein.

Jedenfalls haben wir, die daran Beteiligten, sowohl im C. C. Rider wie in MRU wie besessen von einem geheimnisvollen Virus geschrieben, geschrieben, geschrieben und auf diese Weise unsere Schreibtalente entwickelt.

Was will man mehr von Jugendsünden!

Abb. 3: Wer dieser geheimnisvolle „jay jay jay“ wohl war? Versuch in konkreter Poesie in Ausgabe Nr. 6 des C. C. Rider (Archiv JvS)

Nachgedanke

Von der Intention und den Inhalten her war dieser C. C. Rider eigentlich so etwas wie ein Vorläufer dessen, was man heute als Blog bezeichnet – nur eben nicht digital im Internet mit Auflage unbegrenzt, sondern analog als mehrfach handgetipptes „Manuskript mit Durchschlägen“ mit Auflage maximal 30.

Auf YouTube findet man einige Filme, die den Zeitgeist jener Tage sehr lebendig rüberbringen über die Stichworte „American Forces Network“ und „Mal Sondock“ (ein sehr bekannter Diskjockey von AFN Munich, den wir vom cool circle mal „life“ im Studio besucht haben und mit dem wir danach viele Jahre befreundet waren).

Quellen
Berry, Chuck: Chuck Berry: Die Autobiographie. (1987). München 1995 (Piper – Schott TB)
Brooks, Richard (Regie): Die Saat der Gewalt (Blackboard Jungle). USA 1955.
Ray, Nicholas (Regie): Denn sie wissen nicht, was sie tun. USA 1955.
Zemeckis, Robert (Regie): Zurück in die Zukunft I (Back to the Future I). USA 1985 (Universal).

Filme auf YouTube:
NN: The Story Of American Forces Network (AFN) – The Big Picture
NN: Mal Sondock – Die Radiolegende im Interview

aut #935 _ 2021-06-24/12:15 [ur: 2021-05-06/09:37

Erholsamer Tag am Starnberger See

Müsste ich mir einen Platz im Universum ausdenken, der für mich so etwas wie das mystische „Paradies“ verkörpert, dann wäre das am Starnberger See – vor allem das Westufer zwischen Possenhofen und Tutzing – mit der Roseninsel als Highlight.
Das Wetter muss natürlich mitspielen – und das war gestern optimal, mit rund 30 Grad und einer Wassertemperatur von gefühlten 20°. Also nichts wie reinspringen und das kühlende Nass genießen.

Es war für dieses Jahr mein erster Ausflug zum See. Wenn alles zusammenpasst, ist das wie ein Tag Urlaub. Ist aber immer auch „Arbeitsurlaub“, denn nirgends kann ich meine Gedanken besser streifen lassen und doch fokussieren wie hier am See.

Was nervt, sind die Masken, die man sowohl in der S-Bahn zwischen Hauptbahnhof München und Starnberg tragen muss und dann wieder auf dem Schiff von Starnberg nach Possenhofen. Aber da dies alle Menschen betrifft, betrifft es eben auch mich. Man gewöhnt sich ja an vieles. Bei den ersten Masken-„Bällen“ im Frühjahr 2020 war das noch anders – da kamen alte Schrecken wieder hoch, die ich hier im Blog notiert habe: → Atemnot.

Ich bin sehr gespannt, wie sich das liest, wenn ich in vielleicht zehn Jahren wieder an dieser Stelle im Blog lande – so rein zufällig oder auch gezielt. Es könnte ja sein, dass uns – trotz Impfungen – die Marken bleiben, weil das Corona-Virus ständig weitermutiert.

Wie jedes Jahr zu Beginn der Wandersaison mache ich mir Sorgen, ob meine → Knie das auch diesmal durchstehen bzw. „durchgehen“ (wie ich es passenderweise nennen sollte). An so etwas habe ich vor 2008 noch nicht gedacht, als ich meine letzten Tagestouren im Hochgebirge des Schweizer Wallis gelaufen bin. Danach ist der Radius, in dem sich solche Touren bewegten, doch deutlich geschrumpft. Voriges Jahr (2020) lief ich noch von Possenhofen nach Tutzing. Das könnte dieses Jahr auch noch gehen. Aber gestern bin ich bescheiden geblieben und habe das erst mal getestet – mit einem kleinen Ausflug vom Dampfersteg in Possenhofen Richtung Süden – immer den wunderbaren Blick über den See auf die Werdenfelser Alpen im Ferndunst. Zur Roseninsel. Und wieder zurück. Mit den Wanderstöcken geht das recht gut.

Und vor allem: Rein ins Wasser. Es gibt da auf dieser Strecke einige ideale Plätze:

Abb. 1: Hier stört einen niemand… (Archiv JvS)

Und das ist der Blick nach Osten, zum anderen Ufer mit Berg und Leoni: Die Windräder erinnern daran, dass wir uns – bei aller Idylle – mitten in der tiefgreifendsten Transformation der Menschheitsgeschichte befinden, mit Klimawandel, Energiewende, Globalisierung und Digitalisierung – und eben auch einer Corona-Pandemie, die das alles paradoxerweise gleichzeitig enorm beschleunigt und auch wieder enorm abbremst. So eine kleine Wanderung bringt das bestens zusammen.

Abb. 2: Das Ostufer des Starnberger Sees bei Kempfenhausen: Beschauliche Segleridylle und Hightech-Windrotoren (Archiv JvS)

Und das hier lässt einen doch an den Amazonas denken – nicht an den Lieferdienst, der uns die Corona-Zeit erleichtert – sondern an den Flussgiganten in Südamerika:

Abb. 3: Könnte auch irgendwo am Amazonas sein – in Brasilien. Ist aber am Westufer des Starnberger Sees. (Archiv: JvS)

MultiChronalia
Zunächst zum Namen: Früher hieß das Gewässer „Würmsee“ (nach dem kleinen Fluss, der ihn im Norden Richtung Gauting -München verlässt) und danach wurde auch die „Würm-Eiszeit“ benannt. Vielleicht gefiel den Einheimischen die Nähe zum „Gewürm“ irgendwann nicht mehr? Jedenfalls wurde der zweitgrößte (nach dem Chiemsee) bayerische Gewässer 1962 offiziell in „Starnberger See“ umbenannt.
Was die verschiedenen Zeitschichten angeht, wäre natürlich interessant zu erfahren, wann denn dieser See entstanden ist und wie. Er ist ein Überbleibsel der Eiszeit, vor allem besagter Würm-Eiszeit. Wenn ich mich recht erinnere erzählt der Kapitän auf dem Schiff gleich zu Begin einer Fahrt jeweils, dass der See „vor 20.000 Jahren“ entstanden ist. Die Wikipedia gibt präzisere und zugleich sehr vague Auskunft: „Die Würm-Kaltzeit kann auf den Zeitraum von etwa 115.000 bis 10.000 Jahre vor heute datiert werden.“
Sei´s drum – der Hinweis auf die Eiszeit ist hilfreich, um zu erklären, warum man beim Baden auch jetzt im Sommer noch bibbert, wenn man reinspringt ins „kühle Nass“. –

Gibt es eine bessere Form der Entschleunigung als so eine Wanderung? Für mich ist der Starnberger See nicht nur deshalb so wichtig geworden, weil er von München aus so leicht erreichbar ist – mit der S-Bahn etwa eine halbe Stunde. Als wir 1956 von Rehau noch München zogen, war das alles noch viel mühsamer, als nur die Züge Richtung Garmisch über Starnberg fuhren, so alle zwei Stunden. Die S-Bahn hat Starnberg zum Vorort von München gemacht – hat beiden Städten nicht geschadet.

Wir hatten das Glück, schon 1957 in der Rambeck-Werft zwischen Starnberg und Percha ein kleines Wochenendhaus mit Liegeplatz und bald auch einem Segelboot zu erstehen (was nicht nur der Traum meines Vaters war, der das Segeln sehr genoss, am liebsten allein). Dieses Häuschen mit kleinem Garten und zwei Birken, zwischen denen man über dem Geräteschuppen eine Hängematte spannen konnte… Parties an vielen Wochenenden…

Hier habe ich viele Kapitel meiner ersten Bücher geschrieben: 1957 die Männer gegen Raum und Zeit, 1959 den Sternvogel. Und 1960 startete ich hier im Häuschen etwas ganz Verrücktes: Das erste Kapitel des Romans Das Unlöschbare Feuer. Die ersten Ideen kamen mir nach einem Jazz-Konzert mit Lionel Hampton zu mitternächtlicher Stunde auf dem Stachus in München, an einem Freitag. Am anderen Tag fuhr die Familie raus nach Starnberg. Die Reiseschreibmaschine hatte mein Vater immer dabei, für seine Spesenabrechnungen. Aber woher Schreibpapier nehmen – wenn in Starnberg die Geschäfte samstags am Mittag dichtmachen?
Die Lösung war ganz einfach (und hätte in der Frühphase der Corona-Pandemie so manchen unfreiwilligen Lacher ausgelöst): Eine Rolle Klopapier lässt sich problemlos in den Schlitten der Erika einspannen. Wenn man das geschickt macht, lässt sich tatsächlich der Anfang eines Romans auf diese Weise tippen. Aber nachdem das erste Kapitel auf diese merkwürdige Weise dokumentiert war, verlor ich die Lust, an der Geschichte weiterzuarbeiten. Bis mir irgendwann die wirklich bizarre Idee kam, diesen Anfang an jemanden zu schicken, von dem ich annehmen durfte, dass er die Aufforderung zum „Weiterspinnen“ nur zu gerne als Herausforderung annehmen würde: Jesco von Puttkamer, damals noch Student in Aachen, später Mitarbeiter bei Wernher von Braun, mit dessen Saturn-Rakete die amerikanischen Astronauten 1969 auf den Mond flogen. Jesco war nie in Starnberg – aber er spann den Erzählfaden weiter, schickte seine Fortsetzung mit meiner Klorolle weiter an jemand anderen aus dem Science-Fiction-Club – wahrscheinlich Walter Ernsting, der das nächste Kapitel ersann (und damals vielleicht die erste Idee für die später so erfolgreiche Heftserie Perry Rhodan dabei gebar? eine Serie, zu der Das unlöschbare Feuer fast so etwas wie die schon vorher geschriebene Parodie war). Nun waren es schon drei Kapitel, die noch mehrere Male zu jemand anderen wanderten – bis das Konvolut zu mir zurückkam, samt (inzwischen abgetippter und eingearbeiteter) Klorolle. Ich redigierte das Manuskript – und 1962 ist es tatsächlich als Buch erschienen: Das unlöschbare Feuer. Geboren im Konzertsaal des Deutschen Museums in München und vollendet am Starnberger See – wo sonst? –

Als meine Mutter 1973 tödlich verunglückte, ging die Starnberger Idylle irgendwie zu Ende – so als sei sie die Seele dieses Wochenend-Traums gewesen. 1975 verkaufte mein Vater das Häuschen und das Boot und zog mit seiner neuen Lebensgefährten eine Weile an den Chiemsee, mit neuem, größerem Boot. Aber für mich war das ein abgeschlossener Teil des Lebens, den ich genügend genossen habe und nicht besitzen muss. Es genügt, wenn ich irgendwo raus ans Ufer fahre und dort wandere – das „paradiesische Lebensgefühl“ ist sofort abrufbar.
Mein dritter Roman, Der geworfene Stein, ist – was für ein Zufall – 1975 im Verlag R.S. Schulz in Percha am Starnberger See erscheinen. Einige seiner Kapitel spielen an diesem See – etwa 100 Jahre in der Zukunft. Wenn Sie das lesen, werden Sie sich wundern, wie es 2050 dann dort ausschaut. Science-Fiction macht´s möglich. Es geht um Rauschdrogen und Kybernetik. An den Klimawandel, in den wir jetzt mit Karacho hineinfahren, oder an Corona habe ich damals, 1963, allerdings nicht gedacht, als ich die ersten Kapitel dieses Romans schrieb.

Quellen
Scheidt, Jürgen vom: Männer gegen Raum und Zeit (Leihbuchausgabe). Wuppertal-Barmen 1958 (Wieba).
ders.: Sternvogel. Minden 1962 (Bewin).
ders.: Der geworfene Stein. Percha 1975 (R.S. Schulz).
Upton, Munro (Sammelpseudonym: Walter Ernsting, Waldemar Kumming, Jesco von Puttkamer, Walter „Fux“ Reinecke, W.W. Shols und J. vom Scheidt): Das unlöschbare Feuer. Minden 1962 (Bewin).

aut #1054 _ 2021-06-18/12.21

Trommler in den Tag

(WanderPost – mit einigen Ergänzungen und Änderungen.)
Das fing schon früh an – die Lust am Bearbeiten eines Schlagzeugs – oder eben einer kleinen Trommel, wie man sie einem Kind gibt. Ein richtiges Schlagzeug hatte ich auch einmal – als Student – angeregt durch einen Studienkollegen und Freund in der Münchner Jazzer-Szene: Dieter Henneberg von der legendären Riverboat Seven. Aber wie bei der Gitarre fehlt mir der richtige Antrieb zum fleißigen Üben – und nur so ein wenig Herumdilletieren macht keinen richtigen Spaß. Rasch verkaufte ich die „Schießbude“ (wie die Jazzer das gerne nennen) weiter.

Abb. 1: Kein Blechtrommler à la Oskar Matzerath – aber der Blogger, der schon als Dreijähriger gerne mit der Hitlerjugend marschiert wäre (Archiv JvS – Rehau 1943)


Hinter der Hitlerjugend hermarschieren – das wär´s gewesen

Ich muss so drei Jahre alt gewesen sein (also ungefähr so alt wie oben auf dem Foto), als an unserem Haus vorbei die Hitlerjugend marschierte, ein Spielmannszug vorneweg mit lautem Tschingdarassa-bum-bum. Ich nichts wie runter auf die Straße und hinterher – bis vor zum Lichtspieltheater (wo man mich aber nicht hineinließ – schade – ich wäre so gerne mit den Pimpfen ins Kino gegangen).
Damals muss irgendwie der Trommel-Impuls in mich reingefahren sein. Oder war es doch schon das ADHS, das mich zum Zappelphilipp machte und für den das Trommeln mit den Fingern eine große Erleichterung = Triebabfuhr war und immer noch ist (mein Vater hat auch alle Welt mit seiner „nervösen Trommelei“ genervt, wie meine Mutter das abschätzig bezeichnete – später meine Frau Ruth bei mir).

Auch das Tippen auf der Schreibmaschine muss aus dieser „Trommel-Ecke“ rühren – heute auf der Tastatur meines Computers, die gar nicht hart und laut genug sein kann – Triebabfuhr für Zappelphilipps ADHS. Vielleicht bin ich deshalb zum „Schreiber“ geworden – als Nachfahre der Hitlerjugend auf dem Weg ins Rehauer Kino?

Indische Tabla-Brillianz

Später lernte ich einen indischen Tablaspieler kennen, der in München studierte: Shankar Chatterjee; der schenkte mir zwei seiner Handtrommeln (Tablas genannt). Mit seinem Kollegen Sunil Banerjee (ein virtuoser Sitarspieler und vom Brotberuf Ingenieur) trat er oft in München bei Konzerten der deutsch-indischen Gesellschaft auf (wo ich eine Zeitlang Mitglied war). Zweimal gaben die beiden ein Hauskonzert bei uns in der großen Altbauwohnung in der Seestraße (1982-2011). Das eine war zur Einweihung der Wohnung – das andere zu einem speziellen Anlass – wahrscheinlich 1990 zu meinem 50. Geburtstag.
Bei meiner Indienreise 1975/76 schloss ich mich einer großen Gruppe in München lebender Inder an (was damals einen Preisnachlass für die Flugtickets ermöglichte), zu denen auch Shankar und Sunil gehörten. Auf diese Weise ereignete sich wieder einer dieser sagenhaften Zufälle meines Lebens:

Während ich (mit zwei anderen Münchnern) erst einmal Delhi erkundete, flogen die Inder weiter in ihre Heimatorte und ich verlor sie aus den Augen. Später nützte ich dann ein 14-Tage-Ticket für eine Rundreise mit dem Flugzeug. Eine Station war Kalkutta. Indien ist ja nun wirklich kein kleines überschaubares Land, wo man sich immer wieder über den Weg läuft, wie in manchen griechischen oder Schweizer (oder auch deutschen) Tourismus-Zentren. Aber in Kalkutta aus dem eben besuchten Indischen Nationalmuseum zu treten – und genau dort Shankar Chatterjee zu treffen, der gerade vorbeiläuft, um Besorgungen zu machen – das ist schon unglaublich!
Auf diese Weise bekam ich, von ihm eingeladen, die wunderbaren Gelegenheit, ihn zuhause in einem Vorort kennenzulernen – so richtig unter Einheimischen und er in einer völlig andern Rolle als Sohn einer großen Familie.

Abb. 2: Shankar Lal (Chatterjee) mit Tablas und Sunil Kumar (Banerjee) an der Sitar (München 09. Ok 1982 – Archiv JvS)

Doch zurück zum eigenen Trommeln. Congas – das wäre es gewesen! Ich kaufte mir auch einmal ein gebrauchtes Paar. Immer wieder habe ich darauf geübt. Aber als ich endlich richtig Unterricht nehmen wollte (beim legendären Erich Ferstl), klappte es nie mit dem Termin. Und das eine Mal, als ich mich im Olympia-Park zu einem Conga-Kurs der Volkshochschule anmeldete – wurde das wieder nichts, weil der Depp von Lehrer sich so verspätete (ohne sich zu entschuldigen), dass ich seiner Künstlerallüren überdrüssig frustriert von dannen zog.

Aber irgendwie muss das viele Fingertrommeln und das Hören unzähliger Jazz-Platten und indischer Ragas mit ihren furiosen Tabla-Soli und das viele Tanzen von Boogie-Woogie und Jitterbug – und vielleicht eine gewisse musikalische Begabung – doch etwas in mir geschaffen habe, was mich als Conga-Solisten glänzen ließ. Das ergab sich einfach so während des Abschlussabends bei einer Generalversammlung des „Workshop Instituts of Living Learning (WILL)“, bei dem ich die Ausbildung zum Leiter von Gruppen mit „Themenzentrierter Interaktion“ (TZI)“ machte – die methodische Basis meiner Schreib-Seminare. Die Band, die den bunten Abend musikalisch belebte, machte gerade Pause. Einige Tänzer, darunter auch ich und Ruth, standen etwas gelangweilt auf der Tanzfläche herum, als es mich buchstäblich in den Finger zu jucken begann; Da standen diese Congas – also nichts wie ran. Keine Ahnung, was mir den Mut verschaffte (wahrscheinlich war es der Wein), mich an die großen Trommeln zu stellen und herumtastend darauf zu klopfen, plötzlich einen Rhythmus spürend, der nicht vom Kopf kam, sondern vom Körper, und wie von einer magischen Kraft geführt war ich ihm Flow und trommelte doch so gekonnt, dass die Tänzer sich dem anvertrauten und sich für zwei, drei Soli meiner „Musik“ anvertrauten. So etwas was ist wir nie zuvor gelungen und nie wieder danach.

(Ich muss das „nie“ ein wenig relativieren – es stimmt nur für die Trommelei mit den Congas. Aber etwas ähnliches habe ich ein andermal mit einem anderen Instrument erlebt, ebenfalls bei einer WILL-Veranstaltung. Es war dunkel im Saal – Thema „Nächtlicher Dschungel“ – sehr beliebt bei WILL – als mich wieder so eine geradezu magische Kraft zum Klavier bugsierte, wo ich dann zweihändig (!) Boogie-Woogie spielte – und zwar so gut, dass man sich am anderen Morgen anerkennend darüber äußerte – ohne zu wissen, dass ich das war – im Dunkeln. Boogie-Woogie – das ist vor allem Rhythmus, mit der linken, der Bass-Hand. Ich hatte als Kind drei Jahre Klavierunterricht – bis ich den genervt abbrach, weil der Lehrer, der Kantor Peter (was man sich alles merkt!) ein so unfreundlicher und pädagogisch völlig unterbelichteter Mensch war. Außerdem hatte ich ja unzählige Jazz- und Blues- und Boogie-Platten gehört, im Münchner Jazzkeller an der Türkenstraße mir unzählige Nächte bei phantastischer Live-Musik (die Four Duke! Mal Sondock am Saxophon!) um die Ohren geschlagen und in entsprechenden Konzerte im Deutschen Museum mitgefiebert (sensationell am Schlagzeug Elvin Jones mit dem John Coltrane Quartett – oder Lionel Hampton*, der regelrecht in Ekstase auf seine Trommeln sprang, wenn er nicht gerade am Vibraphon brillierte und sang: „Hey! ba-ba-re-bop“!“


* Nach einem Hampton-Konzert 1961 war ich so angetörnt und von Endorphinen durchpulst, dass ich mich am Stachus, wo ich auf die mitternächtlichen Trambahn meiner „Linie 8“ zur Barer-/Theresienstraße wartete, plötzlich irgendwohin setzte und eine Geschichte zu notieren begann. Sie wurde später das erste Kapitel des Ketten-Romans Das unlöschbare Feuer, den ich reihum mit einigen Freunden aus der SF-Szene schrieb, abschloss und sogar als Leihbuch veröffentlichte – Danke, Lionel!

Aus meinen Conga-Erlebnissen ist die Kurzgeschichte → „Conga Joe“ entstanden , die ich gerne bei Lesungen vorgetragen habe, vor allem wenn die passende Musik dabei war, wie am 02. Mai 2005 in Weiden bei „Jazz und Poesie“ (mit Alfred Hertrichs Trio).

Abb. 3: Jazz und Poesie in Weiden am 02. Mai 2005 – v.l.n.r. ? Bauer (Posaune), Wilfried Lichtenberg (Bass), Alfred Hertrich (Gitarre) und JvS (Mikro) CAMERA

Die Geschichte geht weiter

Ob es Papas Wunsch war – oder ob Gregor selbst gerne die Tabla schlug: Hier sitzt er jedenfalls 1972, gerade mal ein Jahr alt und erst seit kurzem zum Sitzen fähig, in der Wohnung in der Gerstäckerstraße (München, Grenzkolonie Trudering) und vergnügt sich. Heute spielt er lieber Cello und Klavier – aber einer seiner Söhne hat endlich den Dreh und die Begeisterung und vor allem das Durchhaltevermögen gefunden und lernt richtig Schlagzeug – und so landen demnächst auch meine Congas bei ihm – nach einer Zwischenstation bei meinem Bruder Stefan.
Eine Geschichte über drei Generationen also – und wenn ich die „nervöse Trommelei“ meines Vaters als Ur-Ereignis dazunehme, sogar über vier Generationen.

Abb. 4: Gregor, gerade mal ein Jahr alt – und gibt schon den Ton an und den Rhythmus vor (Archiv JvS – 1972).

Nachtragen möchte ich, dass unter den Musik-Dokus auf DVD-und Blu-ray in meiner Sammlung ganz wichtig ein echter „Klassiker“ ist: Rhythm is it von und mit dem britischen Dirigenten Sir Simon Rattle. Wie der Le Sacre de Printemps von Strawinsky mit einer großen Gruppe bunt durcheinander gewürfelter Jugendlicher als Tanztruppe in Szene setzt – phänomenal!
Das muss keinen Vergleich scheuen mit Jazz (Charly „Bird“ Parker), indischer Musik (Ravi Shankar, mit exzellentem Tabla-Spieler als Begleiter) und Pop-Highlights wie Tina Turner in Amsterdam.

Quellen
Eastwood, Clint (Regie): Bird. USA 1988 (Monarchy Enterprises).
Grass, Günter: Die Blechtrommel. Neuwied 1959 (Luchterhand).
Grube, Thomas und Sánchez, Enrique (Regie): Rhythm is it. Deutschland 2003.
Hampton, Lionel: „Hey! Ba-ba-re-bop“. Auf LP HAMP’S BOOGIE WOOGIE (1942-1949).
Kidel, Mark (Regie): Ravi Shankar in Portrait. Great Britain 2002 (BBC / Opus Arte).
Mallet, David (Regie): Tina Turner in Amsterdam.
Scheidt, Jürgen vom: „Conga Joe“. In: JvS: Blues für Fagott und zersägte Jungfrau. München 2005 (Allitera).
Upton, Munro R. (Sammelpseudonym von Jesco von Puttkamer, Jürgen vom Scheidt und fünf anderen SF-Fans): Das unlöschbare Feuer. Balve 1962 (Bewin Verlag).


Abb. 5: Kettenroman von JvS, Jesco von Puttkamer etc – ausgelöst von einem Konzert mit Lionel Hampton (1962 – Bewin-Verlag)

064 _ aut #311 _ 2021-06-17/16:58 [WanderPost → 2021-01-19 / 16:51)

Kybernetische Rückkopplung: Zimmerheizung, Blogging, Demokratie

(WanderPost und Work in progress – vergl. auch diese beiden Beiträge
Die Blindheit der Autokraten
Der Regent steigert die Lebensqualität
(Frederic Vesters Umwelt-Spiel Ökolopoly bzw. Ecopolicy)

Abb: Die einzelnen Elemente eines kybernetischen Systems sind mit einander verbunden und reagieren auf einander (Archiv JvS)

Kybernetische Kreisläufe regulieren sich selbst (über die Sensoren) und reagieren ausgleichend auf Störungen. Auf diese Weise bleibt ein Dynamisches Fließgleichgewicht erhalten.

Wichtig ist der möglichst freie Fluss von Informationen, der die Realität nicht verfälscht, sondern wahrheitsgemäß registriert.

Menschen neigen allerdings dazu, in solche Kreisläufe einzugreifen: Wenn die Familie im Wohnzimmer sitzt und sich alle wohlfühlen bis auf die eine Person, der es „zu kalt“ ist oder „zu warm“ und dann diese Person die Heizung hoch- oder runterfährt, beginnen sich alle anderen unwohl zu fühlen. Solche Kompromisse müssen immer neu ausgehandelt und gefunden werden. (Vielleicht genügt es ja, der frierenden Einzelperson eine warme Decke zu geben?)

1. Beim modernen Heizsystem einer Wohnung mit Thermostat ist diese selbstregulierende Rückkopplung vergleichsweise einfach, weil es nur aus einigen wenigen physikalischen Elementen besteht.

Der Blogger, der auf Kommentare reagiert und nicht nur stur seine „Agenda“ abarbeitet, wird mit seiner Interaktivität (nur ein anderes Wort für „kybernetische Rückkopplung“) auf Dauer vielleicht mehr Besucher auf seine Seite locken als ein Blogger, der ein bestimmtes Thema „durchboxt“.
(Sorry: Bei meinem eigenen Blog geht es aktuell noch recht „autoritär“ zu, weil ich erst einmal einen Grundstock an Beiträgen schreiben muss und den Kopf für „Interaktion“ noch nicht frei habe.)

Auch ein Schreib-Seminar ist im Idealfall ein psychosoziales System mit kybernetischer Rückkopplung – wenn alle von einander lernen. Dafür sorgt zumindest bei uns in der → Münchner Schreib-Werkstatt die Methode der → ThemenZentrierten Interaktion (TZI). Der Leiter (Dozent) ist immer auch Teilnehmer – die Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind durch ihr Engagement (Vorlesen, Feedback geben, eigene Ideen einbringen) immer auch ein wenig am Ablauf und damit an der Leitung beteiligt.
Man muss dies nur mit einem traditionellen Seminar an einer Universität vergleichen, das in der Regel dozenten-zentriert ist. Der Dozent gibt vor, wie das Thema behandelt wird – die Studierenden reagieren darauf mehr oder minder konform. (Es gibt inzwischen auch Ausnahmen.)

Am kompliziertesten ist das bei einer ganzen Nation mit Millionen oder gar Milliarden (China! Indien!) Individuen. Ein politisches System funktioniert nur in einer Demokratie einigermaßen gut, wenngleich „langsam“. Erst wenn Mächtige zu ihrem Vorteil eingreifen und die „Einstellungen“ verändern, gerät allmählich alles durcheinander.
Dies ist genau das, was in autoritär oder diktatorisch geführten Systemen passiert. Eine Schein-Demokratie wie die Volksrepublik China (eigentlich eine von einem Mann diktatorisch geführte Partei-Diktatur) kann äußerst rasch und effizient auf Krisen reagieren – wie man beim Ausbruch der Corona-Pandemie beeindruckt studieren konnte. Aber auf wessen Kosten war diese Schnelligkeit möglich – die ja mit drakonischen Polizei- und Militäraktionen durchgezogen wurde?

Die demokratischen westlichen Nationen haben gut ein Jahr länger gebraucht, um die Krise einigermaßen in den Griff zu bekommen. Viele Bürger sind mit den Lösungen oder Lösungsversuchen nicht zufrieden und äußern ihren Unmut oder verweigern ihre Teilnahme an den Maßnahmen. Ein gutes demokratisches System hält das aus – sogar wenn es von Impfgegnern und Corona-Leugner als „Diktatur“ beschimpft wird.
Die beiden Impfstoffe wurden innerhalb weniger Monate (!) nicht nur entwickelt, sondern auch getestet – und wo gelang dies?

Die Impfstoffe wurden in den demokratischen Ländern Deutschland und England und USA (Trumps autoritärem Führungsstil zum Trotz) entwickelt, wo sich Kreativität viel freier entfalten kann als in einer Diktatur. Ausnahme: der russische Impfstoff Sputnik (was ein Plus für Russland ist – trotz Putins immer diktatorischer werdender Herrschaft).

aut #944 _ 2021-06-17/16:12 [wandert: → 2021-05-09/11:36

„Weide meine Schafe“

Als (einstiger) Lutheraner sollte ich mich aus diesem katholischen Gedöns eigentlich heraushalten. Aber bei diesem aktuellen Riesen-Serien-Skandal, der nicht mehr aufhören will, bin ich auch als Psychologe gefragt.
Wie viele Jahre zieht sich das schon hin – diese mehr als zögerliche „Aufklärung“ des massenhaften Missbrauchs-Skandals in der katholischen Kirche überall auf der Welt?

Die anderen Glaubensgemeinschaften haben diesbezüglich allesamt Dreck am Stecken. Die Lutheraner arbeiten ihren Anteil seit einiger Zeit ebenfalls auf – ein wenig jedenfalls – ebenfalls sehr zögerlich – mit großer beschützender Hand über die Täter – wie ihre katholischen Glaubensbrüder –

Bei einer orthodoxen jüdischen Gemeinde in den USA gab es auch mal einen solchen Skandal – einen, der bekannt und untersucht wurde. Desgleichen bei einer buddhistischen Gemeinde.
Bei den Moslems, den Hindus, den japanischen Shinto-Gläubigen wird man sicher ebenso fündig werden wie bei evangelikalen Christen. Oder bei Stämmen in Afrika, die einer animistischen Naturreligion anhängen.

Abb: Die Idylle trügt: Irgendwann werden die Schafe geschoren und die Lämmer geschlachtet. (Photo by Adam Tumidajewicz on Pexels.com)

Das hat alles nicht so sehr mit der damit verbundenen Religion zu tun – sondern mit den Menschen, die in solchen Gemeinschaften in Führungspositionen und damit an Macht gelangen – Macht, die sie gelegentlich missbrauchen. Die Opfer sind jeweils die Schwächeren, die Untergeben – die Gläubigen. In den Führungspositionen sind fast überall ältere Männer – die Schwächeren, die ihnen anvertraut sind (und deren Vertrauen sie in den Missbrauchsfällen schändlich ins Gegenteil verkehren) sind männliche und weibliche Kinder und Jugendliche, seltener auch Erwachsene junge Männer und Frauen.
Das ist, wie gesagt, nicht an Religion gebunden. Auch in der einst so renommierten Odenwaldschule wurde von den Pädagogen Missbrauch geduldet und aktiv betrieben.
Wenn eine Glaubensgemeinschaft wie die katholische – das nur nebenbei – Homosexualität verdammt, aber ihre Priester wegen des Zölibat-Gebots geradezu in homosexuelle Beziehungen treibt und das mit der Verkleidung in weibliche Priestergewänder noch fördert (oder Homosexuelle wegen dieser Verachtung der Weiblichkeit geradezu anzieht) – dann beweist das eine ungeheure Verlogenheit.

Das ist die Wirklichkeit. Selten hat man Gelegenheit, die dahinterstehenden psychosozialen Strukturen, die solchen Missbrauch geradezu zwangsläufig fördern und herausfordern wie unter einem Vergrößerungsglas zu beobachten. Wenn der Münchner Kardinal Reinhard Marx – nach seeeehr laaaanger Bedenkzeit – seinen Rücktritt anbietet und der Papst, sein oberster Chef ihm diesen verweigert – dann ist der Schlüsselsatz entlarvend:

„Weide meine Schafe.“

Ja, die alten Männer sind die mächtigen Hirten – mit ihren Hütehunden (den Kardinälen und Bischöfen und einfacheren Geistlichen) – und die einfachen Gemeindemitglieder, auch „Gläubige“ genannt – sind die Schafe und die sind diesen Hirten und Hunden qua Machtverteilung in solchen Sozialsystemen schutzlos ausgeliefert.

Da wird mit einem „Gott“ und seinem „Willen“ argumentiert (den jedoch nur die Mächtigen kennen – das glauben oder behaupten sie zumindest). Da wird speziell bei den Katholiken ein Zölibat verteidigt, obwohl alle Welt weiß, dass der im Urchristentum nicht vorhanden war, sondern aus sehr durchsichtigen weltlichen Überlegungen im Mittelalter eingeführt wurde. Da werden die Frauen mit fadenscheinigsten Begründungen aus allem herausgehalten, was irgendwie nach „Macht“ und Mitbestimmung aussieht – die logischerweise den Männern in den Herrscherpositionen weggenommen werden müssten –

Als Lutheraner könnte mir das alles egal sein. Aber leider hat auch Luthers Abwertung der päpstlichen Arroganz und ihrer Machtansprüche und seine Aufwertung der Frauen nicht wirkliche Freiheit gebracht und Missbrauch verhindert – es geht auch bei den Lutheranern letztlich um männliche Macht, da ist die eine oder andere Bischöfin immer noch wenig mehr als eine Alibi-Figur. Und gegen die Juden habe die Christen aller Couleur immer schon heftig ausgeteilt – der Antisemitismus hat dort seine urchristlichen Wurzeln. Auch dies letztlich die Folge eines angemaßten Machtanspruchs.

Leider sind die Juden, die sich für das „auserwählte Volk“ Gottes halten, diesbezüglich keinen Deut besser – auch wenn sie wenigstens nicht missionieren und wie die Christen (früher) und die Moslems (heute noch) Andersgläubige mit Feuer und Schwert zum „Wahren Glauben“ bekehren wollen (und den Abfall vom „wahren Glauben“ in manchen islamischen Ländern immer noch mit dem Tod bedrohen).
Die Frauen werden zumindest in orthodoxen jüdischen Gemeinden noch immer separiert und das Stoßgebet mancher jüdischer Männer, mit dem sie ihrem Gott danken, dass sie keine Frau sind – ist einfach eine Frechheit.

„Weide meine Schafe“ – dieser Satz des amtierenden Papstes bringt all dies auf den Punkt: „Ich hier oben in der einsamen Höhe meiner Macht und euer aller allwissender Hirte, der seine Anweisungen von Gott persönlich erhält und unfehlbar ist – ich sage euch Schafen, wo´s langgeht. Amen and over.“

Ich würde gerne mal wissen, was dieser „Gott“ – wenn es ihn denn geben sollte – von alledem hält. Es würde mich, der ich nicht an Hölle und Fegefeuer glaube (sondern dies für Erfindungen machtbesessener Geistlicher halte) geradezu satanisch freuen, wenn es eine ganz spezielle Hölle für missbrauchende Geistliche gäbe – und eine andere Abteilung gleich daneben, die jeden, der meint „den Willen Gottes“ zu kennen und diesen aus Gründen der Machtanmaßung missbraucht, auf ganz speziellen Bratrosten quält.

Als Psychologe kann ich und will ich dem nichts mehr hinzufügen. Ist auch überflüssig. Das richtet sich selbst in seiner Arroganz und in seiner Aggression gegen die Schwächeren. (So wie mich natürlich auch meine Höllenfeuer-Phantasie als jemanden richtet, der seine Aggressionen noch nicht ganz bewältigt hat. Aber das halte ich aus – ich „phantasiere“ das ja nur – und verbrenne keine Hexen oder Ketzer auf Scheiterhaufen oder ermorde Andersgläubige – weil sie einen anderen Glauben haben.)

Quelle
Franziskus (Papst) an Kardinal Reinhard Marx: „Weide meine Schafe“. In: Südd. Zeitung Nr. 131 vom 11. Juni 2021, S. R 01 (Lokales: München).

aut #1045 _ 2021-06-14/18:10

Erste Wörter: „-eil -itle!“

(Aus aktuellem Anlass: Die Wahl ein Sachsen-Anhalt mit doch recht beunruhigenden Erfolgen der AfD, die immer weiter nach rechts rückt. Was mich motiviert, diesen Beitrag zu recyceln und zum → WanderPost zum machen.)
Versteht man das heute auf Anhieb – dieses „-eil -itle“? Im Dritten Reich hätte jeder sofort gespannt, dass dies nicht „Heil Kräuter“ heißen soll, sondern „Heil Hitler“. Warum ist mir das heute so wichtig, dass ich diesem unseligen Massenmord-Anstifter so viel Platz in meinem Blog einräume?
Ganz einfach: Er wurde mir – gerade über diesen obligatorischen Gruß – gewissermaßen von Geburt an akustisch eingepflanzt. Später sah ich ihn in jeder Wohnung in der Küche oder im Wohnzimmer an der Wand hängen, diesen „A H“, den man mit „H H*“ grüßte – gar nicht gezwungenermaßen in den meisten Fällen, sondern mit echter Begeisterung. Bei den meisten jedenfalls. In Rehau genau wie anderswo in deutschen Landen. (Nicht bei denen allerdings, die darunter gelitten haben und mit diesem Nazi-Gebrüll ermordet wurden.)

* Dass heute noch jemand wie dieser rechtsextreme Vegan-Koch und Querdenker Attila Hildmann die Initialen „AH“ verwendet – bloßer Zufall? Die beliebte, aber in Deutschland nicht mehr gut angesehene Autokennziffer „HH“ für „Hansestadt Hamburg“ wird von Neonazis jedenfalls gerne als eine Art Verehrung für ihren braunen Meister A H zu „Heil Hitler“ umfunktioniert.)

Abb. 1: Welcher Arm denn nun – der rechte oder der linke? Und dann ein strammes „-eil -itle!“ (Archiv JvS – Rehau 1941)

Meine Mutter hat mir einmal lange nach dem Ende des Dritten Reichs und nicht ohne Stolz erzählt, einer meiner ersten Sätze (der allererste Satz?), den ich sprach, sie die Erwiederung des Grußes gewesen, den ich im Kinderwagen von entgegenkommenden Bürgern immer wieder zu hören bekam, den ich aber logischerweise noch nicht verstand und nur automatisch nachplappernd wie ein Papagei so erwiderte: „-eil -itle“.

Heilsamer Exorzismus?

Vielleicht funktioniert dieses „hier im Blog Aufschreiben und Veröffentlichen“ wie ein heilsamer Exorzismus? Um diese uralte nazibraune Scheiße jetzt endlich mal wirklich loszuwerden, gegen die ich schon seit meiner Jugend ankämpfe?!

Oder haben all diese Leute vielleicht in Wahrheit gedacht, dass jener ominöse „A H“ krank sei und ein „Heil Hitler“ ihm wie ein Stoßgebet helfen könnte, „heil“ zu werden? Geholfen hat das jedenfalls endlose zwölf bzw. „tausend“ Jahre nichts. Und wenn ich alle paar Abende im Fernsehen eines dieser „Dokumente“ aus der Nazi-Zeit sehe (rasch weiterzappend, weil mich dieses manische Gegeifere abstößt), dann denke ich: Muss man diesem Monster und seinen Mörderbanden denn wirklich so viel Platz einräumen – seinen geschichtsblinden Nachbetern zur Freude?
Aufklärung, Aufarbeitung, entlarvendes Erinnern – schön und gut. Die Massenmedien haben diese Auftrag. Aber die Länge und Wichtigkeit, die da den schlimmsten Erscheinungen deutscher „Zivilisation“ eingeräumt wird – ist sie nicht nur ein ständiges Freudenfest für „seine“ Verehrer am rechten Rand?


Drückeberger-Gässchen ohne „H H“

Mein Großvater mütterlicherseits war zwar ein Militarist, der sich zweimal für die „deutsche Sache“ in einem Weltkrieg „geschlagen“ hat (und deshalb habe ich in diesem Blog noch manches Hühnchen mit ihm zu rupfen) – aber wenn der Major und Architekt (in dieser Reihenfolge, bitte) Karl Hertel sen. in München geschäftlich zu tun hatte und dazu in die Altstadt musste
° und dabei am Odeonsplatz eigentlich die SS-Ehrenwache vor der Feldherrnhalle zum Gedenken an den Hitlerputsch von 1927 mit nach oben gestoßenen rechten Arm und einem zackigen „Heil Hitler“ hätte grüßen müssen,
° machte er lieber, wie so mancher nazi-kritischer Münchner den Umweg durch die Viscardi-Gasse hinter der Feldherrnhalle, welche die Einheimischen deshalb „Drückeberger-Gässchen“ nannten.

Denn er verabscheute diesen „Anstreicher“ aus Braunau. Was ihn seltamerweise nicht hinderte, meine Nazi-Vater (in jenen braunen Tagen) als Schwiegersohn zu schätzen – und als Major und Regiments-Kommandeur der Deutschen Wehrmacht in der besetzten Ukraine zu tun, was sein oberster Kriegsherr ihm dort zu tun befahl (wovon ich zum Glück keinerlei Ahnung habe – aber mir so manches denken kann und muss).

„-eil -itle“ – oder „Heilt Hitler“?

Er war nicht zu heilen, dieser Fürst der Finsternis – ach was: „Fürst“. Er war ein kleinkarierter Gernegroß mit einer Riesenklappe, mit der er leider allzu viele Menschen besoffen im gemeinsamen Größenwahn machte, dadurch echte „Großmacht“ bekam und sie schändlich missbrauchte. In Wahrheit war er –

Forget it!

Schade um jede Minute, die ich an ihn verschwende, der Sehnsucht manches Kabarettisten zum Trotz. Liebe heile ich mein Inneres Kind von all diesen Antisemiten, indem ich ihnen die Worte eines jüdischen Arztes und Psychologen entgegenhalte, der empfahl: „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“.
„Negermusik“ wie der Jazz und der Rhythm´n´Blues, sind ein gutes Antidot. Und die Science-Fiction, die das Andere, das Fremde (Aliens) feiert – die den Horizont erweitert und nicht einengt wie die rückwärtsgewandte Deutschtümelei der Ewiggestrigen am rechten Rand der Gesellschaft, die keine Ahnung davon haben, wie es damals „wirklich“ war..

Es geht vor allem um das Durcharbeiten. Um das Aufarbeiten. Und dann um das Loslassen. Irgendwann.

Quelle
Freud, Sigmund: „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“ (1914). In: Ges. Werke Bd. X.

064 _ aut #096 _ 2021-06-13/19:04 [wandert: 2021-01-19/17:57]

Zeittafeln erschließen Wissensgebiete

2004 habe ich als Ergänzung zu meinem Sachbuch Das Drama der Hochbegabten eine separate → Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität verfasst, weil sich herausstellte, dass die Zeittafel im Anhang des Drama… viel zu umfangreich wurde und den Rahmen eines solches Überblicks total gesprengt hätte.
Es zeigte sich dann, dass eine solche Zeittafel nicht nur ein höchst effektives Werkzeug ist, um die Entwicklung eines Themas („Hochbegabung“) aufzuzeigen – sondern zugleich eine wunderbar einfache Methode ist, sich ein ganzes Lehrfach anhand seiner Entwicklungsgeschichte zu erarbeiten, zum Beispiel bei einem Studium.

Abb: Auszug aus meiner Datenbank zu diesem Blog: Zeittafel mit einigen Roh-Daten als Beispiel


Schreib-Tipp (speziell für Studenten):
Das Beste ist, sich eine Word-Datei anzulegen, in der man alle wichtigen Details (Ereignisse) erfasst. Ich nenne diese Details „Zeitanker“. Noch wesentlich effektiver wird das, wenn man eine Datenbank verwendet. Das ist aber auch entsprechend zeitaufwändiger. Für ein Studium über mehrere Jahre hinweg lohnt sich das allemal. Wesentlich ist dabei, die Eintragungen selbst vorzunehmen – weil das den Lerneffekt erhöht.

Wenn ich beispielsweise Chemie studiere, ist es nicht nur interessant, zu begreifen, dass die Anfänge der Chemie in primitiven Zufalls-Experimenten mit Feuer, Metallen, Glas und dergleichen oder in einer viele Jahrhunderte lang höchst ernsthaft betriebenen Alchiemie wurzeln, sondern auch interessante Schicksale und Lebensläufe von Menschen beinhalten, die sich speziellen Aspekten der Chemie gewidmet haben: der Gaslehre, den Giften, den Rauschdrogen, der Zerlegung (Analyse) und Synthese solcher Verbindungen, der Entwicklung eines „Perdiodensystems der Elemente“ (Mendelejew), der Querverbindungen zur Physik (Atomlehre) und zur Biologie (Stoffwechsel) –
Zu sehen, wie historisch das eine zum anderen führte, lässt Zusammenhänge viel besser verstehen und vor allem merken (also im Lerngedächtnis für Prüfungen zuverlässig verankern) als nur logische Strukturen und mathematische Gleichungen zu büffeln, wie sie in Lehrbüchern zelebriert werden.
Aus diesem Grund sind auch Sachbücher viel interessanter – weil sie Geschichten erzählen. Eine Zeittafel erzählt gewissermaßen die „ganz große Geschichte“ eines Themas. Das wurde mir erstmals bewusst, als ich mich 1965 auf die Diplomhauptprüfung in Psychologie vorbereitete (entspricht heute dem Master) und dabei auf die Geschichte der Psychologie von Hehlmann stieß. Das war wie eine Offenbarung: Zu sehen, wie ein Gedanke und ein Thema aus dem anderen hervorgeht, weitere Ideen initiiert und befruchtet, wie bekannte Namen Querverbindungen herstellen, wie „Schulen“ ganze Epochen einer Wissenschaft bestimmen, sie stimulieren – aber irgendwann auch hemmen, vor allem in den Geisteswissenschaften (zu denen ja die Psychologie zu einem Gutteil zählt).

Bei der Arbeit im Drama der Hochbegabten entdeckte ich, dass es erstaunlich wenige Zeittafeln gibt, mit denen man sich beispielsweise ein Studium organisieren kann. Umso mehr Freude macht es mir, das Thema „Hochbegabung“ auf diese Weise selbst zu erforschen und chronologisch zu erschließen (wobei sich „Intelligenz“ und Kreativität“ als naheliegende Neben-Fächer aufdrängten).

Zum ersten Mal habe ich eine ausführliche Zeittafel in dem mit Wolfgang Schmidbauer publizierten Handbuch der Rauschdrogen eingefügt – welches diesen am Schluss 800 Seiten dicken Wälzer zusätzlich zur alphabetischen Folge der Drogen und vernetzenden Übersichts-Artikeln auch chronologisch erschloss.
Das Große Buch der Träume bekam dann ebenfalls eine entsprechende Zeittafel (die bei den kürzeren Neuausgaben mit dem Titel Geheimnis der Träume leider wegfallen musste).
Auf ähnliche Weise ging ich bei meiner Buch Kreatives Schreiben – Hyperwriting vor – das ja auch eine „Zeittafel zur Geschichte des Schreibens“ enthält.
Dass man sogar einen Roman auf diese Weise höchst effektiv organisieren und strukturieren kann, entdeckte ich dann bei der Arbeit an meinem glü-Roman. (Zeittafel und Making-Of dazu werde ich parallel publizieren, sobald der Roman fertig und vor allem erschienen ist.)

MultiChronalia
Im Grunde ist so eine Zeittafel auch das perfekte Hilfsmittel für die Erarbeitung der MultiChronie – sei es innerhalb des eigenen Lebens – sei es in einem Forschungsgebiet. Auf diesen Beitrag hier und das Thema „Zeittafeln“ angewendet:
Ich weiß nicht mehr, wann ich das erste Mal einer Zeittafel begegnet bin- das könnte gut in dem fünfbändigen Werk Weltall und Menschheit gewesen sein, das ich Anfang der 1950er Jahre in der Bibliothek meines Großvaters entdeckt habe und fasziniert zu studieren begann. Gut möglich – und sehr wahrscheinlich – dass ich so etwas in einem meiner Schulbücher entdeckt habe. Auf jeden Fall weiß ich, dass mich so ab zwölf das Lehrfach Geschichte zu fesseln begann (das ja im Grunde die „Chronologie der Menschheit“ darstellt). Jede Menge Zeittafeln (zur Geschichte Mesopotamiens und der Maja etc.) finden sich im Anhang von Cerams Götter Gräber und Gelehrte, das ich um 1952 zu lesen begann und das heute noch einen Ehrenplatz in meiner Bibliothek hat.
Keine Zeittafel findet sich in Bürgels Aus fernen Welten, das ich etwa zur selben Zeit zu lesen begann. Das ganze Buch ist zwar so etwas wie ein geschichtlicher Abriss der Astronomie – aber eine eigene Zeittafel, in der die wesentlichen Details noch ein mal komprimiert zusammengefasst werden, hätte dem Buch sicher nicht geschadet.
Heute würde ich sogar so weit gehen zu sagen, dass ein Sachbuch oder Lehrbuch ohne Zeittafel einen gravierenden Mangel aufweist, und ich würde dies in einer Rezension kritisch vermerken.
Meine erste eigene Zeittafel fertigte ich dann, wie oben schon vermerkt, 1971 für das Handbuch der Rauschdrogen an.

2004 habe ich parallel zum Sachbuch Das Drama der Hochbegabten die Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz… entwickelt. Letzteres ist aber weit mehr als die bloße Chronologie – denn ich habe mir darin, gewissermaßen auf einer Meta-Ebene, Gedanken über die mögliche Rolle von Zeittafeln für das Lernen in der Schule und im Studium etc. gemacht, wie das bei einem Stammbaum und in der Ahnenforschung aussieht und anderes mehr. Heute würde ich so weit gehen zu sagen, dass „zeittafeln“ sogar als als eigenes Verb eingeführt werden sollte, um die Tätigkeiten zu bezeichnen, die mit dem Anlegen einer Zeittafel und ihren vielfältigen Funktionen verbunden sind. Vielleicht findet das ja irgendwann sogar seinen Weg in den Duden und in die Wikipedia – so wie es mit der → Entschleunigung war.

2012 habe ich, als die ersten Einfälle zu tröpfeln begannen, eine eigene Datenbank für das Material zu meinem glü-Roman-Projekt angelegt. Darin sind zwei Zeittafeln integriert, die eigentlich nichts mit einander zu tun haben (obwohl es Überschneidungen gibt):
° die Entstehungsgeschichte des Projekts und seine Entwicklung (im Grunde das „Making of“ so eines Vorhabens)
° und die Chronologie der Geschehnisse, die ich erzähle.

Aktuell (2021) bin ich ja sehr mit diesem Blog beschäftigt. Der ist ja eine chronologische Abfolge von Beiträgen. Aber da meine Einfälle und somit die Texte in der Zeit ziemlich willkürlich hin- und herspringen, den Freien Assoziationen, Erinnerungen und Anregungen von außen (wie etwa in Zeitungsartikeln) folgend – ist das ja im Ergebnis alles andere als eine echte Zeittafel. In der Autobiographie, die demnächst (2022?) aus diesem Blog resultieren soll, wird es natürlich im Anhang eine Zeittafel. Die ergibt sich ganz leicht anhand der Datenbank, in der ich diesen Blog verwalte, denn dort ist jeder Eintrag nach mehreren Kriterien verbucht:
° Mit dem aktuellen Datum des Eintrags.
° Mit dem historischen Datum – also dem realen Datum des Ereignisses (das ja selten identisch ist mit dem Datum des Eintrags im Blog).
°Alphabetisch (nach Schlagworten) – ähnlich wie bei der Kategorien-Wolke, die diesen Blog vernetzt, aber in der Datenbank sehr viel gezielter zu durchsuchen – zum Beispiel nach allen Beiträgen, die von „Musik“ handeln“.
° Zusätzlich kann ich in der Datenbank noch nach Personen und Schauplätzen und anderen Details suchen – die in ihrer Fülle die Kategorien-Wolke des Blogs total überfrachten würden.

Quellen
Bürgel, Bruno H.: Aus fernen Welten. Berlin 1952 (Deutscher Verlag_Ullstein).
Ceram, C.W.: Götter Gräber und Gelehrte – Roman der Archäologie. (1949) . Hamburg 1951 (Rowohlt).
Hehlmann, Wilhelm: Geschichte der Psychologie. Stuttgart 1965/4. Aufl. (Kröner).
Scheidt, Jürgen vom: Das Große Buch der Träume. München 1985 (Heyne TB).
ders.: Kreatives Schreiben – HyperWriting. (Frankfurt am Main 1989_Fischer TB). München 2006-11 (Allitera Paperback). 215 Seiten – € 19,90 / ISBN 978-3-86520-210-9.
ders.: Das Drama der Hochbegabten. München. Feb 2004 (Kösel) ISBN 3-466-30635-3/ 360 Seiten.
ders.: Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität. München März 2004 (Allitera) 176 Seiten – 18,00 €uro / ISBN 386520-043-5.
Schmidbauer, Wolfgang und Jürgen vom Scheidt: Handbuch der Rauschdrogen. (München 1971 _ Nymphenburger). 11. Aufl. München 2004.

aut #1034 _ 2021-06-11 / 12:26

Religiöse Witze über Smokey und wie sich Nonnen und Mönche…

… vermehren. Als Student hörte ich mal einen Witz, den ich leider nicht mehr so genau zusammenkriege – der aber ungefähr so ging:

Gott Vater, Gott Sohn und Smokey (oder „Holy Smoke“ vulgo „Heiliger Geist“) und Maria sitzen beisammen und es entspinnt sich ein Gespräch wie bei einem höchst irdischen Familien-Drama. Ich weiß nur noch, dass der eskalierende Streit zum Inhalt die (irgendwie doch auch peinliche) „unbefleckte Empfängnis“ der Jungfrau* Maria zum Thema hat, aus der Jesus entstanden ist – quasi ein Geschöpf des Heiligen Geistes. Ich glaube, es war im himmlischen Spiel auch noch der Apostel Petrus dabei (im Volksglauben der Türsteher an der Himmelspforte – s. die bajuwarisch-volksfromme Gaudi vom Brandner Kaspar). Die Pointe war jedenfalls, dass der Heilige Geist (alias Smokey – der Witz wurde mir passenderweise von einem befreundeten amerikanischen Juden erzählt) sich bei Gottvater über den Petrus beschwert: „- he tells this dirty Story about Mary and me!“

Wenn man bedenkt, dass Jesus ja Jude war – ist das auch so etwas wie ein vertrackter „jüdischer Witz“.

* Vermutlich handelte es sich bei dieser wundersamen „unbefleckten Empfängnis“ wohl eher um einen Übersetzungsfehler – der aus einer „jungen Frau“ eine Jungfrau machte. Oder war das gar kein „Fehler“, sondern eine bewusste Anpassung an die zunehmend „keuschere“ resp. sexualfeindlichere Gedankenwelt der christlichen Priester? Was dabei herauskam, sieht man heute in den unzähligen Missbrauchs-Skandalen.

Abb: Könnte der Heilige Geist alias Smokey vielleicht in dieser Gestalt die Jungfrau Maria besucht haben? Kann man´s wissen? (Photo by Olha Ruskykh on Pexels.com)

Religiöse Witze und Karikaturen muss man aushalten können

Ich möchte mal behaupten, dass religiöse Witze (und auch Karikaturen) als spezielle Variante von Kreativität ein Zeichen für das Erwachsenwerden einer Kultur sind, die sich allmählich ihrer Ursprünge bewusst wird. Ich hoffe, dass ich mit dem obigen Witz über „Smokey“ keine religiösen Gefühle verletzte. Bei den Juden habe ich immer bewundert, dass sie so herzhaft über sich und gerade auch über ihre Religion mit ihren manchmal recht absurden Varianten lachen können. Es ist sicher kein Zufall, dass ihre Religion zu den ältesten auf unserem Planeten zählt.

Auch die Christen können über sich lachen, wie ich bei einem Seminar im Kloster Marienberg 1992 erleben durfte. Der Gastgeber, Abt Bruno, lud uns an einem Abend zu einem Glas Wein ein (aus denen bald mehrere Gläser wurden). Es dauerte nicht lange, bis der Abt – teils recht deftige – klerikale Witze zum Besten gab. Etwa diesen, der als Frage formuliert war:
„Wie vermehren sich Nonnen und Mönchen?“ – „Durch Zellteilung.“

Ein jüdischer Witz gefällig?

Angeblich sollten ja nur Juden Witze über sich erzählen dürfen. Aber diesen hat mir mein jüdischer Freund Mal Sondock erzählt, als ich während meines Studiums für ihn gejobbt habe, und ich gebe ihn gerne weiter (und muss in der Erinnerung immer noch lachen und sehe Mal mit einem verschmitzten Gesicht vor mir):
Kommt ein junger jüdischer Mann zum Vater der Frau, die er heiraten möchte (ebenfalls Juden) und erzählt, als er nach seinen wirtschaftlichen Verhältnissen gefragt wird, unter anderem stolz, dass er sich eben einen neuen Ferrari gekauft habe. Der künftige Brautvater nickt anerkennend, fordert aber, dass der künftige Schwiegersohn sich für dieses tolle Auto vorsichtshalber einen Broche beim Rabbi holen solle, einen Segen. Gleich anderntags geht der junge Mann zum zuständigen Rabbi und bittet ihn um einen „Broche für den Ferrari“. Der Rabbi, einer der traditionellen Art, nickt anerkennend, weil der junge Mann auf einem Broche besteht, fragt aber etwas irritiert: „Aber sag mir – was ist ein Ferrari?“
Als ihm der junge Mann begeistert die tollen technischen Eigenschaften seines Gefährts schildert, mit dem er mehr als 200 Stundenkilometer… Da wehrt der Rabbi entsetzt ab: „Auf so ein Teufelszeug geb ich dir keinen Broche!“
Enttäuscht und ratlos zieht der junge Mann von dannen. Da kommt ihm eine Idee. Er weiß, dass es in der Nachbargemeinde einen sehr modernen jungen Rabbi gibt. Vielleicht könnte der ja –
Gedacht, getan. Der junge Rabbi hört auch aufmerksam und zunehmend begeistert zu, wie der junge Mann seinen Ferrari und seinen Wunsch nach einem Broche schildert. „Ist ja ein tolles Auto, dieser Ferrari“, sagt der aufgeklärte Rabbi, „aber sag mir: Was ist ein Broche?“

Was Witze oder gar Karikaturen angeht, sind die Moslems viel empfindlicher – was vielleicht damit zu tun, dass ihre Religion vergleichsweise jung ist und noch nicht so abgeklärt und gelassen.

Wenn hingegen eine Religion wie die alte griechische zu „abgesunkenem Kulturgut“ wird, verwandeln sich ihre einst furchterregenden Götter (wie der Blitze schleudernde Zeus) fast zu Witzfiguren, die durch eine Komödie geistern. Oder sie werden, wie im Falle der einst nicht minder mächtigen germanischen Götter und Helden, zu Superhelden und -schurken Hollywoods in Blockbuster-Filmen wie Thor und Loki. Ein Göttervater wie Odin wird da mit seiner schwarzen Augenklappe zwar treffend charakterisiert – aber dass er einst mit der Opferung seines Auges vom Riesen Ymir die Weisheit der Runenschrift und überhaupt das Schreiben für die Menschen gewann, also der Kulturbringer ist, das erfährt man nicht.

Tempi passati – wie auch die römischen Götter erfahren mussten. Doch Karikaturen über den Propheten Mohammed – das haben die moslemischen Eiferer gar nicht gern – da kommen sie mit Feuer und Schwert.
Solche Religionskritik muss man halt auch aushalten können. Ist sie doch – und nun kommen wir wieder zum Heiligen Geist in meinem Beitrag über das Pfingstwunder – eine Variante menschlicher Kreativität, welche die Welt immer wieder neu erkundet, interpretiert und umgestaltet.

In meiner Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität habe ich die Entwicklung dieser so eminent menschlichen Eigenschaft und Fähigkeit durch die Jahrtausende nachgezeichnet – ganz ohne Witz, aber mit sehr praktischen Anwendungen.

Quellen

Scheidt, Jürgen vom: Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität. München 2004 (Allitera). – Ergänzung meines Buches über → Hochbegabung.
ders.: Das Drama der Hochbegabten. München 2004 (Kösel).
Wilhelm, Kurt (Regie): Der Brandner Kaspar und das ewig´ Leben. München 2004 (Bayr. Rundfunk).

aut #1032 _ 2021-06-10/20:49