Ein Grund mehr, auf Fleisch…

… zu verzichten, ist ein aktueller Bericht in der Süddeutschen Zeitung. Der lockt mit dem Titel „Entspannt in die letzte Nacht“, was ja zunächst mal was Angenehmes verspricht. Von wegen. Die Unterzeile liest sich dann wie eine Satire von Jonathan Swift – ist aber durchaus ernst gemeint:

In den Herrmannsdorfer Landwerkstätten bei Glonn achten die Betreiber auf einen würdevollen Umgang mit ihren Schlachttieren.

Neugierig lese ich weiter:

Sophie Schweisfurth deutet auf ein großes Gebäude aus Holz, wenige Meter vor sich. „In diesem Stall verbringen die Tiere dann ihre letzte Nacht und können noch mal entspannen, bevor Leben zu Lebensmitteln wird“, sagt Schweisfurth, Geschäftsführerin der Herrmannsdorfer Landwerkstätten bei Glonn. Dann steigt sie ein kleines Treppchen hinauf auf eine Empore und blickt durch ein Fenster hinein in den Zerwirkraum der hauseigenen Metzgerei.
Von hier sieht sie dabei zu, wie die Herrmannsdorfer Metzgerinnen und Metzger die frisch geschlachteten Schweine verarbeiten. „Wir wollen ehrliche Lebensmittel herstellen, in ehrlicher Qualität. Durch das Fenster können Besucher sehen, dass unsere Wurstwaren nicht irgendwo am Fließband hergestellt werden, sondern dass jede Wurst einzeln geformt und gebrüht wird“, erklärt Schweisfurth.

Abb. 1: Als ich nach einer Illustration für diesen Beitrag suchte, dachte ich erst: Nee – bloß keine blutigen Fleischfetzen! Dann war ich total überrascht, als das Pexel-Archiv von WordPress mir lauter leckere pflanzliche Gericht beim Stichwort „flesh“ anbot – bis ich obiges „Hühnchen“ fand. Okay – wenigstens kein „Lammbraten“. (Photo by Karolina Grabowska on Pexels.com)

Spätestens jetzt würgt es mich ein wenig. Leider bin ich mit einer lebhaften Phantasie gesegnet. Früher hat mir das nicht so viel ausgemacht, da habe ich unangenehme Assoziationen dieser Art rasch weggestreckt – „verdrängt“ hätte Sigmund Freud gesagt. Je älter ich werde, umso weniger kann ich das: „Wegschauen“, „Verdrängen“.

Meine Enkel sind schon lange vegan. Bei mir nimmt der Fleischkonsum kontinuierlich ab – vor allem, wenn ich so einen Zeitungsartikel lese.
Aber es geht mir schon länger so. Beispielsweise wenn ich auf einer Speisekarte lese: „Lammbraten“.
Ich kann nicht anders: Ich sehe ein Lamm vor mir, das munter auf einer Wiese herumhüpft (im Wallis habe ich sie oft gesehen – die Jungtiere der berühmten Schwarznasenschafe). Ich stelle mir dann – während ich besagte Speisekarte studiere – eines dieser Schafkinder vor (so kann man „Lamm“ getrost übersetzen), sehe parallel dazu einen Spielplatz mit herumtollenden Buben und Mädchen und tollpatschigen Kleinkindern, die gerade Laufen lernen – „Lämmern“ nicht unähnlich, die auf einer Bergwiese ihre ersten staksigen Schritte machen…

Diese Tierkinder, Lämmer genannt, werden also (wenn sie Glück haben) in den Herrmannsdorfer Landwerkstätten in einer letzten Nacht „entspannt“ und am anderen Morgen „würdevoll“ geschlachtet. Oder macht man das nur mit Schweinen so und mit „Spanferkeln“?

Nein danke.
„Ich nehme lieber das vegetarische Thai Curry, Herr Ober, schmeckt sicher auch lecker“. Und ich muss beim Kauen nicht an das Schlachten von Tieren (oder Kindern) denken.

Jonathan Swift (ja, der von Gullivers Reisen) hat nicht nur diese satirische Parabel über Liliput und Brobdingnag und dergleichen Fabelländern geschrieben, sondern auch ein höchst makabres Büchlein, in dem er (der zeitweilig anglikanischer Geistlicher war), mit gallbitterem Humor die Lösung der irischen Hungersnöte bei gleichzeitiger Bevölkerungsexplosion seiner katholisch-zeugungsfreudigen Landsleute vorschlug: Mit Kochrezepten, wie man Neugeborene lecker als Sonntagsbraten zubereiten kann und damit zwei Riesenprobleme elegant gleichzeitig löst. Geliebt hat man Swift dafür nicht – ließ ihn sogar regierungsamtlich gegen Belohnung suchen (was ihn in die Anonymität trieb).

Geht es beim Thema „Fleischverzehr“ nicht letztlich um „Aggression“? Um eine Art „Krieg gegen „nichtmenschliche Lebewesen“?

Schreib-Tipp

Wie wäre es, mal darüber zu Fabulieren: „Mein Leben ohne Fleisch“?

Abb. 2: Eines der WordPress-Angebote zum Thema Flesh“: Fruchtfleisch. Warum keine leckere Avocado? (Obwohl nicht ganz ohne Klima-Bedenken zu genießen wegen dem hohen Wasserverbrauch bei der Gewinnung – aber sicher klimafreundlicher als Rinder- oder Schweinezucht). (Photo by Any Lane on Pexels.com)

MultiChronalia?

Nichts leichter als das:
1726 veröffentlicht Swift (1667-1745) den Gulliver und 1729 die Kochrezepte, die er spitzbübisch A Modest Proposal… nannte – „ein bescheidener Vorschlag, die Kinder der armen Leute davor zu bewahren, eine Bürde zu werden“.  
1957 las ich einen Zukunftsroman eines deutschen Privatgelehrten (so eine biographische Anmerkung), in dem dieser eine utopische Welt ohne Fleischgenuss vorstellte. Mir kam das damals sehr befremdlich vor: Essen ohne Sonntagsbraten?
Über diesen Roman findet man im Internet dieses Detail:
Ein irdischer Astronom besucht einen Planeten in einem fernen Sonnensystem. Planta, wie der Planet heißt, ist Träger menschlichen Lebens, doch haben seine Bewohner sich ursprünglich aus pflanzlichen Formen entwickelt. Sie stehen auf sehr hoher Kulturstufe, und ihre Sinnesorgane sind viel feiner ausgebildet als die der Erdmenschen. Es gibt bei ihnen keine Kriege, keine Nationalitätsunterschiede und keine Trennung nach Geschlechtern.

Keine Kriege – was für eine Utopie! Aber immerhin: In Mitteleuropa haben wir das seit 1945 tatsächlich geschafft, also seit 76 Jahren (von Irritationen an den „Rändern“ wie dem Jugoslawien-Desaster von 1991-2001 oder der aktuellen Ukraine-Krise mal abgesehen). Heute, sieben Jahrzehnte später, macht man sich Gedanken darüber, ob man nicht „weniger Fleisch essen“ könnte, um den Klimawandel zu bremsen. Da wäre doch die Rückkehr vom „täglichen Fleischkonsum“ zum „Sonntagsbraten“ schon ein gewaltiger Fortschritt, oder?

Am Vortag (31. Mai) schreibt Karin Pill in der Süddeutsche über das würdevoll entspannte Schlachten von Nutztieren und ich sehe heute, im selben Jahr 2021, die Kinder auf dem Spielplatz im Maßmannpark gleich um die Ecke. Ebenfalls vor zwei Tagen erschien auf der Titelseite der Süddeutschen ein Mut machender Bericht über die sich häufenden hochrichterlichen Entscheidungen zum Klimawandel (Janisch). Dabei geht es derzeit um Klagen gegen den Ölmulti Shell und andere internationale Konzerne, die für einen beträchtlichen Anteil an den CO2-Emissionen verantwortlich sind, dadurch den Klimawandel vorantreiben – und damit das Leben künftiger Generationen beeinträchtigen und gefährden. Vielleicht wird es solche Klagen demnächst auch geben gegen:

° Autokonzerne wie VW wegen den Verbrennern,
° die Lufthansa und andere Flug-Multis wegen ihrem Anteil am CO2-Ausstoß,
° Rinderzüchter in Brasilien, die ja nicht nur wertvollen Regenwald durch Brandrodung zerstören, sondern kräftig den Fleischverzehr fördern,
° gegen Großschlachter in Deutschland wie Tönnies
° und warum nicht: auch mal irgendwann gegen Edel-Schlachter wie Herrmannsdorfer?

Aber wie meinte einst William Shakespeare: „Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters.“ Das gilt wohl auch für „Fleisch“ und das „Essen von Fleisch“. (Oder sollte man nicht ehrlicher sagen: „Das Fressen von Fleisch“, weil das die damit stets auch verbundene, wenngleich äußerst geschickt kaschierte, „Aggression“ mittransportiert?)

Quellen
Janisch, Wolfgang: „Die Ära der Klimaschutz-Urteile“. In: SZ #122 vom 31 Mai 2021, S. 01 (Titel).
Pill, Karin: „Entspannt in die letzte Nacht“. In: SZ #122 vom 31 Mai 2021, S. R07 (Stadtviertel).
Edmund Schopen: Jenseits der Milchstraße. Berlin 1957 (Gebr. Weiss Verlag).
Swift, Jonathan: Gullivers Travels. 1726.
ders.: A Modest Proposal for Preventing the Children of Poor People from Being a Burthen. 1729.

aut 1019 _ 2021-06-01/23:22

Begegnung mit Greta Thunberg

Persönlich bin ich ihr noch nie begegnet – aber der Film mit ihr und über sie, den ich gestern Abend im Fernsehen sah, brachte sie mir so nah wie nie zuvor.

Was für ein tolles Mädchen! So sympathisch, sah klar und unbeirrbar – unglaublich! Was sie mit vierzehn begonnen hat, indem sie drei Wörter auf ein kleines Poster schrieb, das seitdem zu ihrem Markenzeichen geworden ist:
„Skolstreik för Klimatet“

Ich bezweifle, dass jemals in der Menschheitsgeschichte nur drei so schlichte Wörter binnen so kurzer Zeit – etwa ein Jahr – so unglaublich viele andere Menschen auf dem ganzen Planeten Erde hinter einer Aufgabe versammelt hat, die nichts weniger ist, als der Plot für eine unglaubliche Science-Fiction-Geschichte – nur dass sie wahr ist und uns alle betrifft: Wir richten das Klima zugrunde – und kaum jemand tut wirklich etwas, um das zu ändern.

Abb. 1: Greta Thunberg (geb. 3. Jan 2003) war gerade mal 16, als sie als jüngste „Person of the year“ auf der Titelseite des Time Magazine geehrt wurde.

So war der Stand jedenfalls, den Greta immer wieder unbeirrbar konstatiert hat – beim französischen Präsidenten, beim Papst und in der Vollversammlung der UNO – wo sie so nebenbei den amtierenden US-Präsidenten Donald Trump abgewatscht und mit einem Blick voller Verachtung vor aller Welt blamiert hat. Ihre Botschaft, die sie sich nie korrumpieren ließ:

„Das Haus brennt – und ihr löscht es nicht!“

Abb. 2: Eines der vielen Treffen der Bewegung Fridays for Future (Photo by Markus Spiske on Pexels.com)

Inzwischen hat sie mit ihren drei Wörtern zig Millionen vorwiegend jungen Menschen zu Fridays vor Future mobilisiert – was hoffentlich die Corona-Pandemie nur vorübergehend ausgebremst hat – jene Pandemie, die vermutlich eine Folge der Klimaerwärmung ist und der Missachtung der Menschen vor der Natur und also zugleich ein deutliches Signal, dass Greta mit ihren Mahnungen mehr als Recht hat.

Ich bin davon überzeugt, dass der Erfolg der Grünen in jüngster Zeit auch mit Gretas Aktionismus zu tun hat. Inzwischen scheint sich ja tatsächlich etwas zu bewegen in der Politik – s. die höchstrichterliche Entscheidung in Deutschland, dass man die Belange der kommenden Generationen in der Klimapolitik berücksichtigen müsse und deren Intertemporale Freiheitssicherung! Ohne Gretas Streik und Protest und ihre unerschütterlichen Mahnungen und die daraus entstanden Bewegung Fridays for Future kaum denkbar – auch Richter haben offenbar Kinder und Enkel und bekommen von diesen ordentlich Zunder.

Der neue amerikanische Präsident Joe Biden ist in Sachen Klimapolitik das genaue Gegenteil von seinem aberwitzigen Vorgänger – eine seiner ersten Amtshandlungen war, den Austritt aus dem Pariser Klima-Abkommen wieder rückgängig zu machen. Und wer weiß: Vielleicht hat die Lawine an Aufmerksamkeit, die Greta losgetreten hat, auch zu Bidens Wahl beigetragen – und wenn es nur jene paar Tausend Stimmen waren, die ihn ins Amt beförderten – und die Trump heute noch leugnet.

Ja – schreiben wir das Gretas Wirken zu!

Dabei macht sie nichts anderes, als unbeirrbar die Wissenschaftler zu zitieren, welche die rasante Klimaveränderung nachweisen und welche Rolle die Menschen dabei spielen – allen Leugnern dieser Katastrophe zum Trotz. Der Film macht es am Schluss ja deutlich, dass es hier nicht nur um Spaß von einigen jungen Leuten geht, sondern dass diese Frauen und Männer auch ein Risiko eingehen: an die hundert von ihnen wurden bereits ermordet, weil sie Geschäftsinteressen und menschlicher Gier im Wege standen.

Und auch Greta selbst ging ja das hohe Risiko ein, nur verlacht und verachtet zu werden, als sie sich das erste Mal vor dem schwedischen Parlament mit ihrem Plakat auf die Treppe setzte und die Blicke der vorbeiflanierenden Menschen aushielt. Da begann das, was man gerne als „Heldenreise“ bezeichnet – und was tatsächlich eine geworden ist: Nicht mit einem kühnen männlichen Recken Mitte zwanzig, der mit seinem Schwert einen feuerschnaubenden Drachen tötet – sondern mit einem dank Asperger-Syndrom sturen, unbeirrbaren 14jährigren Mädchen, dessen einzige Waffe ihre Unbeirrbarkeit und Nichtkorrumpierbarkeit ist.

Was für ein Ausbund an praktischer Kreativität, die geradezu minimalistisch eingesetzt wird und gerade dadurch ein Charisma entfaltet, das man so einem jungen Mädchen niemals zutrauen würde. Ja, so kann man sich täuschen.

Und wenn man die unglaublichen Szenen dieser wilden Bootsfahrt über den Atlantik gegen Ende des Films auf sich wirken lässt und dieses verschüchterte und doch zugleich so unglaublich mutige Mädchen mitten drin – das macht sie nicht, um sich wichtig zu tun. Ich hätte mich das nicht getraut.

Anschauen (den Film)! Teilnehmen (an dieser Bewegung)! Mitmachen – irgendwie (indem man zum Beispiel, wie ich jetzt eben, darüber schreibt und statt mit dem Auto mit dem Fahrrad fährt und kaum mehr Fleisch ist.)

Auch wichtig:
Greta Thunbergs Familie spielt in dieser Geschichte eindrucksvolle Nebenrollen. Im Film ist der Vater immer wieder mal präsent, nur dezent am Rand – um sie zu erinnern, dass sie etwas essen muss, zum Beispiel. Einfach als Reisebegleiter. Der im richtigen Moment auch „loslassen“ und zurücktreten kann – sie zum Beispiel bei dieser kühnen und sicher nicht ungefährlichen Bootsfahrt einem anderen Menschen anvertrauen kann, dem Skipper. Nur ganz selten kommt die wohl allerwichtigste Person ins Bild: Gretas Mutter. Aber man kann ahnen, welche schwierige Rolle sie in dieser bewegenden Geschichte spielt, die ja hinter allen weltpolitischen Groß-Auftritten auch eine Familienschichte ist. Auch die Schwester und die Hunde und ein Pferd sind, mit kurzen Auftritten, verlässliche „Anker“ sind in diesem so turbulent gewordenen jungen Leben – das der Regisseur Nathan Grossmann gekonnt eingefangen hat.

Quellen
Alter, Charlotte et al: „2019 Person of the Year: Greta Thunberg“. In Time Magazine vom 23.-30. Dez 2019.
Grossmann, Nathan (Regie): Ich bin Greta. Alpha TV am 27. Mai 2021, 21:45-23:15 (in der Mediathek abrufbar).
Wikipedia: „Greta Thunberg“ (viel interessantes Material, auch Tondokumente).

aut #1013 _ 2021-05-28/15:36

Muskelkater: Zurück ins Fitness-Studio

Nach sechs Monaten erstmals wieder ein Workout. Lange vermisst. Das gute Gefühl, das der Muskelkater“ verschafft: Du lebst!
Das FitStar-Studio ist gleich bei meiner Wohnung „um die Ecke“ – durch den Maßmann-Park, sieben Minuten zu Fuß. Ein sehr großzügig dimensioniertes Studio auf drei Stockwerken. Früh am Morgen ist da noch nicht viel los. Am Freitag hatte ich in der Zeitung gelesen, dass Fitness-Studios wieder öffnen. Einige Tage Kampf mit der Trägheit des „Inneren Schweinehunds“. Ich fürchtete, dass das Studio über Pfingsten zu sehr frequentiert wird – das wollte ich nicht, trotzdem ich bereits seit einigen Wochen geimpft bin. Aber ich wollte das Risiko, mir doch noch eine Aerosolwolke mit Corona-Viren einzufangen, sehr gering halten.

Am Dienstag früh wachte ich um 05:30 auf, trank meinen Early Morning Tea, machte meine täglichen Yoga-Übungen und ging dann rüber ins Studio. Ich war schon etwas aufgeregt – wie das alles wieder werden wird – nach einem halben Jahr Pause. Ungewöhnlich war nur, dass man coronabedingt den Impfausweis vorzeigen musste. Aber das war schon alles. Die vertraute Umgebung, freundliches Personal, die vertrauten Geräte – mein Körper wusste, was zu tun war.

Heute, zwei Tage danach, spüre ich die ungewohnten Bewegungen noch überall. Aber wie gesagt: Gutes Gefühl. Jetzt geht es darum, den gewohnten Rhythmus (zwei bis drei mal die Woche) wieder zu finden. Was kann man in Corona-Zeiten besseres für seine Gesundheit tun, als so einen regelmäßigen Workout, der die Immunabwehr des Körpers fördert und überhaupt das Lebensgefühl ins Positive dreht.

Und dazu ist es noch die wohl intensivste Form der Selbstvergewisserung – weit intensiver als das Schreiben – obwohl das Schreiben „darüber“, wie eben jetzt, auch gut tut.

Abb: Im Ersten Stock, hinter dem vierten Fenster von links – da war ich um 06:30 Uhr und begann endlich wieder mit dem Training – nach einem halben Jahr Lockdown-Pause (Archiv: JvS)

aut #1011 _ 2021-05-27/18:02

Wer ist das? Analyse eines uralten Familienfotos

Das ist Ihnen vermutlich auch schon mal passiert: Dass Sie beim Stöbern in alten Unterlagen oder im Familienarchiv auf ein Foto gestoßen sind, bei dem Sie zu rätseln begannen: Wer ist das eigentlich?

Abb. 1: Urgroßvater Naumann (Dritter von links), daneben seine Frau Anna – aber die anderen? (Archiv JvS)

Wie kann man herausfinden, wer sich auf so einem Foto präsentiert? Selten hat jemand hinten drauf notiert, wann und wo das Bild aufgenommen wurde und wer zu sehen ist.

Zunächst das „wann“: Der Inhalt des Bildes und der Vergleich mit anderen (datierten) Fotos legt nahe, dass diese Aufnahme um das Jahr 1910 entstanden ist.

Was das „wo“ betrifft, so vermute ich aufgrund des familiären Settings, dass es sich um das Wohnzimmer der Familie Nauman im „Hotel Gotha“ auf dem Inselsberg bei Jena handelt. Aber warum nicht das Wohnzimmer der anderen Familie, die sich in derselben zweiten Reihe präsentiert? Nur so ein „Bauchgefühl – aber zu untermauern mit der Überlegung, dass dieses Foto wohl nur deshalb in meinen Besitz gekommen ist, weil es in der väterlichen Linie weitergegeben wurde:
° Vom Urgroßelternpaar „Ferdinand und Anna Naumann“
° über dessen Tochter Nanny (möglicherweise die junge Frau rechts hinter dem Patriarchen Ferdinand) und deren Mann Hugo vom Scheidt (eines meiner beiden Großelternpaare)
° an meinen Vater Helmut vom Scheidt und schließlich an mich, den ältesten Sohn.

Wer hat das Bild beschriftet?

Wer hat die handschriftlichen Hinweise auf dem Bildrand angebracht? Das dürfte mein Vater gewesen sein, schon wegen der Diktion „Opa Ferdinand Naumann“ bzw. „Oma Anna Naumann“. Ich spekuliere mal, dass er der etwa dreijährige Junge ist, der sich vor dem (seinem) Großvater Ferdinand an diesen schmiegt. Der Familienüberlieferung nach wurde mein Vater als Siebenjähriger (also 1914) wegen der zunehmend schlechten Versorgung der Bevölkerung von Hagen (wo die Familie lebte) zu den Großeltern auf dem Inselberg geschickt, die mit ihrem Gastronomiebetrieb eher an Nahrung kamen als andere Leute. Wenn diese Vermutung zutrifft, dürfte das Bild 1910 aufgenommen worden sein – als mein Vater etwa drei Jahre alt war.

Von den 13 Personen sind vier handschriftlich identifiziert. Leo Spelsberg (oben links) war ein älterer Cousin meines Vaters. Er interessierte sich später für Astrologie und prophezeite meinem Vater zu dessen Konfirmation 1921, dass er später mal eine Weltreise machen würde. Das war zum Zeitpunkt dieser „Prophezeiung“ reiner Humbug, weil die finanziellen Verhältnisse der Familie „Hugo und Nanny vom Scheidt“ 1921 alles andere als rosig waren, schon wegen der schwierigen Zeit nach dem Ersten -Weltkrieg (1914-1918). Doch seltsamerweise hat sich diese Vorhersage voll und ganz als richtig herausgestellt: 1929 fuhr mein Vater als Steward auf dem Passagierdampfer Columbus tatsächlich um die Welt – nach Ägypten, Indien, China…
Auch mit einer anderen Prophezeiung sollte Leo Recht behalten: Er stellte Adolf Hitler das Horoskop und forderte ihn zum Rücktritt auf wegen dem, was er dem Horoskop entnahm. Infolge dieses Briefes steckten ihn die Nazis erst wegen „Schizophrenie“ in eine Heilanstalt und dann ermordete ihn die Gestapo im Gefängnis.

Else Spelsberg ist eine der beiden Töchter (neben vier Brüdern) von Ferdinand Naumann und sie war die Mutter von Leo.

Wer sind die übrigen Personen? Das dürften weitere Mitglieder der Familie Spelsberg gewesen sein: In der mittleren Reihe (also meine Urgroßeltern-Generation) wohl die Urgroßmutter Spelsberg und daneben ihr Mann. Aber über diese Linie (und die übrigen Personen auf dem Bild) weiß ich nichts außer dem über Leo berichteten (Quelle: Mein Vater, der Leo wohl sehr schätzte – kein Wunder nach diesem „Volltreffer“ mit dem Horoskop).

Mein Schreib-Tipp

Nehmen Sie sich doch auch mal so ein rätselhaftes Fotos vor und beginnen Sie schreibend sein Geheimnis zu lüften!
Zusätzlicher Tipp: Was Sie nicht sicher wissen – können Sie immer durch Phantasie ergänzen! Dann wird es eben eine Erzählung. Aber Ihre Intuition führt Sie vielleicht sogar auf eine überraschend richtige Fährte – die sich durch einen Zufall irgendwann später als zutreffend erweist. Bei Familienfeiern (Hochzeiten, Beerdigungen, Taufen, Konfirmationen und Firmungen) wird so mancherlei erzählt, vor allem wenn der Alkohol die Erinnerungssperren und die Zungen löst.

aut #1008 / 2021-05-25/21:45

Narzissmus

Die Psychoanalyse lässt sich auf den Punkt bringen durch die Annahme einer Trias von sehr wenigen Triebkräften, welche das Leben der Menschen wie eine lebenslange Aufgabe bestimmen und entsprechend antreiben:

° die Sexualität;
° die Aggression (extrem: und als Konzept sehr umstritten, in Gestalt eines „Todestriebs“, wie Freud das nannte);
° und der Narzissmus (welchen man sich von der Genese her als den ursprünglichen Trieb vorstellen muss).

Für Sigmund Freud, der so viel von der menschlichen Seele verstanden und erforscht hat, war der „Narzissmus“ noch etwas sehr Bedenkliches, ja Gefährliches. Und für das Extrem – den in sich selbst verliebten Narziss im antiken Mythos der Griechen – trifft das ja auch zu. Man kann dies studieren bei Menschen, die an Extremformen des Selbstzweifels und entsprechenden Irrwegen der Selbstvergewisserung leiden. Die sich zum Beispiel masochistisch selbst quälen, um sich besser „zu spüren“ – oder die sadistisch andere Menschen verletzen, gar töten, um im Augenblick des Triumphs über den Anderen sich selbst etwas deutlicher zu wahrzunehmen.

Es war ein Schüler von Sigmund Freud, Heinz Kohut, der entdeckte, dass man den Narzissmus auch anders betrachten kann: als eine Art ursprünglicher Lebenskraft, die bereits vor der Entwicklung der Aggressivität und der Sexualität dafür sorgt, dass man überlebt – also vom Moment der Geburt an, wenn man die symbiotische Beziehung mit der Mutter im Uterus verlässt und ein eigenständiges Lebewesen wird. Insofern war Kohut optimistischer als der doch (wenn auch aus guten Gründen) recht pessimistische Freud.

Vieles beim Narzissmus ist kulturell bestimmt und überformt: Was bei einem Mädchen oder einer Frau als selbstverständlich akzeptiert wird – dass sie sich pflegt und schmückt und dafür viel Zeit und Geld und seelische Energie aufwendet – wird bei einem Jungen oder Mann eher kritisch beäugt, gar als „weibisch“ diskriminiert. Da haben sich die Maßstäbe zwar seit einigen Jahrzehnten ein wenig verschoben – und in anderen Kulturen oder Subkulturen gelten auch andere Regeln und Maßstäbe – etwa was „männliche Düfte“ oder Schmuck angeht. Aber im Großen und Ganzen kommt die weibliche Hälfte der Menschheit damit besser zurecht. Was ein recht deutlicher Beweis dafür ist, dass „Narzissmus“ nicht zuletzt eine kulturell geformte Angelegenheit ist und es „den Narzissmus“ in Reinform gar nicht gibt.

Abb. 1: Auch Männer betrachten gerne ihr Selfie und sind wie Frauen immer wieder auf der (narzisstischen) Suche nach sich selbst (Photo by cottonbro on Pexels.com)

Im Grunde geht es beim Narzissmus, positiv verstanden, um die Selbstvergewisserung – denn wir haben immer wieder einmal Zweifel an uns selbst und fragen: „Wer bin ich?“

Vor allem beim Übergang in einen neuen Lebensabschnitt, etwa von der Kindheit ins Jugendalter und von dieser Jugend in den Zustand (eigentlich: den permanenten Entwicklungsprozess) des Erwachsenenalters – aber auch in tiefgreifenden Lebenskrisen fragen wir uns das zwangsläufig:

„Wer bin ich wirklich?“

Das fragt sich auch Truman Burbank, dem in seinem dreißigsten Lebensjahr zu dämmern beginnt, dass „sein“ Leben in Wahrheit eine einzige Werbeshow ist – mit ihm als Hauptfigur – inszeniert von einem gottgleich über allem schwebenden Regisseur. Der Film ist sehr überzeugend und kann einen Zuschauer sehr zum Grübeln bringen – wie es etwa mir erging, als ich mich beim Verlassen des Kinos plötzlich bei dem Gedanken ertappte: Was wäre – wenn auch ich nur die Figur in einer solchen Inszenierung bin?

Was hinter den Religionen steckt

Das ist natürlich eine Denke, die letztlich hinter jeder Religion steckt, die an einen allmächtigen Gott glaubt, der einen angeblich ständig beobachtet und belauert: Ob man auch ja alle Gebote genau befolgt und vor allem an IHN glaubt. Speziell die orthodoxen Juden sind gefesselt von unzähligen Verboten religiöser Art. Aber das gilt für alle „orthodoxen“ Glaubenssysteme, eben auch für die evangelikalen Christen und die Islamisten. Aber das sind nur die besonders extremen Varianten eines Systems der Selbstkontrolle, die jeder religiösen Gemeinschaft zugrunde liegt – wobei natürlich ganz wichtig die wechselseitige soziale Kontrolle aller Angehörigen dieser jeweiligen Gemeinschaft ist.

Wie man bei genauerem Hinschauen – und Vergleichen – allmählich merken kann, ist das alles doch sehr relativ. Ich hatte das Glück, als Angehöriger einer evangelisch-lutherischen Gemeinschaft im oberfränkischen Rehau zumindest von den Fegefeuer- und Höllenphantasien verschont zu werden, von denen Martin Luther seine Gefolgschaft durch seine Rebellion gegen den Katholizismus befreit hat. Aber seine eigene lebenslange Suche nach einem „Gnädigen Gott“ hat bei Luther noch genug Züge selbstquälerischer Zweifel, die e(nicht nur ihn) vor die Aufgabe stellten, sich auch davon frei zu machen. Luthers Lösung dieses Dilemmas – sein „Glaube an und seine Hoffnung auf einen „Gnädigen Gott“ – hat das Dilemma letztlich nur in eine andere Dimension verlagert. Die Zweifel hat ihm das nicht genommen, möglicherweise manches – vieles – gar alles „falsch“ zu machen. Denn was „DER dort oben in den Wolken“ wirklich denkt, wird man in so einem Glaubenssystem ja nie erfahren. Erst beim „Jüngsten Gericht“ wird einem beim Donnern der himmlischen Posaunen die Rechnung präsentiert. Nach meiner Erkenntnis eine höchst perfide Angelegenheit, an er sich unzählige Theologen abgearbeitet haben.

Mir hat bei alledem irgendwann während des Studiums der Psychologie (und vor allem im Verlauf einer langen Psychoanalyse*) die Erkenntnis geholfen, dass so ein Gott ja eine Menge Zeit damit verbringen müsste, ständig seine Schäfchen zu überwachen und zu kontrollieren und dass ER (SIE? ES?) vielleicht Besseres zu tun haben könnte, als mich und meine Gedanken wie eine allwissende himmlische Kamera zu beobachten ()wie im Film Die Truman Show). Da mich bis heute kein „strafender Blitz“ getroffen hat, bin ich mir immer sicherer, dass ER (SIE? ES?) wohl wirklich Anderes und Wichtigeres zu tun haben könnte – wenn es IHN SIE ES überhaupt geben sollte.

* Bei der Beerdigung meins Psychoanalytikers habe ich erfahren, dass er offenbar ein gläubiger Katholik war. Aber ich fühlte mich diesbezüglich nie von ihm irgendwie beeinflusst – wie man an meinen hier im Beitrag geäußerten Gedanken ja deutlich sehen kann.

Wahrscheinlich sitzt ER SIE ES irgendwo über den Wolken –
Quatsch, wozu habe ich denn so viele Jahre Science-Fiction gelesen und geschrieben: Wenn schon, dann befindet sich und handelt ER SIE ES irgendwo draußen im Universum in einer fernen Milchstraße – oder genießt das rasende Sich-Drehen eines Schwarzen Loches, auf dessen anderer Seite gerader ein Weißes Loch von ihm kreiert wird, aus dem ERSIEES ein neues Universum schafft, samt Urknall, den ERSIEES unglaublich genießt –

Aber dieses Phantom wird ganz bestimmt eines nicht tun: Mich wie ein Entomologe einen eben gefundenen Käfer unter dem Mikroskop beobachten.

Egal, was wie wann wo – Ich komme ganz gut „ohne“ zurecht. Und mit meinen gelegentlichen Selbstzweifeln musste ich während meines ganzen Lebens ohnehin immer selbst fertig werden. Da kam nie „Hilfe von oben“ – da war nie ein „Regisseur“ wie in Truman Burbanks endloser Werbe-Show. Was mir während dieses lebenslangen kreativen Prozesses der Selbstvergewisserung beim Abbauen und Aufarbeiten immer wieder auftretender massiver Zweifel stets geholfen hat, um auch aus den tiefsten existenziellen „schwarzen Löchern“ wieder herauszukriechen, war das Schreiben – war dieser schöpferische Akt, bei dem man selbst wie ein Gott die Welt immer wieder neu betrachtet und gestaltet.

Auch dieser Blog ist letztlich nichts anderes als so ein umfassender Prozess der Selbstvergewisserung, wie er spätestens gegen Ende des Lebens jedem Menschen gut tun würde. Aber auch hierbei gilt die dreifache Devise:

° „Früh übt sich, was ein Meister werden will“,
° „Üben üben üben“ und
° man kann es nicht „falsch machen“ – nur „es nicht zu tun“ wird sich rächen.

Und dann ist da außer dem persönlichen Ego-Tripp…

… noch das Wechselspiel des Zusammenlebens mit anderen Menschen und das empathische Aufeinander-Eingehen und Aufeinander–Zugehen. Doch das ist eine andere Geschichte, die wird in diesem Blog immer wieder behandelt und beschrieben – vor allem bei den unzähligen Begegnungen wie mit meinem Mentor Lothar Heinecke oder mit meiner Urgroßmutter Anna Naumann, um nur zwei Beispiele von Tausenden zu nennen.

Abb. 2: Dieser Film ist so ziemlich das genaue Gegenteil von „Narzissmus“: Der Held des Films entdeckt erst als Dreißigjähriger, dass sein Bild von sich selbst eine von einem Regisseur ersonnene und gesteuerte Illusion ist und macht sich auf die Suche nach seinem „Wahren Ich“. (Paramount Pictures)

Quellen
Freud, Sigmund: „Zur Einführung des Narzissmus“ (1914).
Kohut, Heinz: Narzißmus: Eine Theorie der psychoanalytischen Behandlung narzißtischer Persönlichkeitsstörungen. (USA 1971) Frankfurt am Main (Suhrkamp).
ders.: Die Heilung des Selbst. (USA 1977) Frankfurt am Main 1979 (Suhrkamp).
Weir, Peter (Regie): Die Truman Show. . USA 1998 (Paramount).

aut #1001 _ 2021-05-23/21:19

Willkommen in meinem Blog!

(Falls Sie meinem Bog schon länger folgen und sich vielleicht wundern, ob Sie diesen Beitrag nicht schon mal gelesen haben: Der Text ist das, was ich als Wander-Post bezeichne – ein Beitrag, den ich immer wieder mal überarbeite und mit aktuellem Datum versehe – und der dann langsam, von neuen Beiträgen verdrängt, chronologisch wieder „nach unten“ wandert. –

Vorab ein großes Dankeschön an meinen digital begabten Enkel schlockkonock , dessen Blog Leichte Rezepte finden im Layout Vorbild für diesen meinen Blog ist. Er hat mir bei dessen Einrichtung und Start mit viel Aufmerksamkeit und Geduld geholfen – die ich als Vierzehnjähriger nie gehabt hätte. Zu seiner Person finden Sie einen interessanten Beitrag in der Münchner tz: Münchner Schüler gewinnt…

Zur Person seines Großvaters finden Sie mehr hier im Blog unter Hallo, das bin ich.)

Abb. 1: Die KAT-Wolke dieses Blog (Ausschnitt) – mit Themen (= Kategorien), die mehr oder weniger intensiv behandelt werden. (Archiv JvS)

Es ist höchste Zeit, mal meine „Philosophie“ darzulegen, was ich eigentlich mit diesem Blog anstrebe. Der Titel sagt es ja bereits: Es geht um „HyperWriting“. Aber was ist das? Dazu bereite ich gerade einen eigenen Beitrag vor, zu dem dann an dieser Stelle hier verlinkt wird.
Dieses Verlinken ist übrigens eine erste Erklärung: Bei → HyperWriting geht es immer auch um Hypertext – also um Texte im Internet, die mit anderen Texten verlinkt werden. HyperWriting hat aber auch noch eine ganz andere Bedeutung: Zusammen mit anderen Menschen schreiben – also „über die Grenzen“ (die griechische Silbe „hyper“ heißt nichts anderes) des eigenen Schreibens hinausstreben – wie in den Schreib-Seminaren, die ich seit 1979 durchführe.
Und drittens – aber dazu in dem verlinkten Beitrag dann mehr.
(So viele Links wie in diesem Beitrag werden Sie übrigens nie bei mir finden – wer will schon dauernd von einem Thema zum anderen hüpfen – aber ich will damit eben auch veranschaulichen, was HyperWriting als Hypertext sein kann.)
Ich könnte es könnte es mir leicht machen und sagen: In der KAT-Wolke kann man meine Themen sehen. Aber es sind an die hundert – also eigentlich viel zu viele.

Ein Blog sollte doch möglichst nur ein Thema haben, sagt man – um das dann alle Beiträge kreisen. Nun, bei mir ist das eben anders. Mit einem monothematischen Blog habe ich bereits Erfahrungen gesammelt: dem Labyrinth-Blog*.

* Der Labyrinth-Blog war ursprünglich Teil einer großen Blog-Wolke – den SciLogs. Aber dort existiert er nur noch als Archiv – ist jedoch über die alten Links wie den folgenden immer noch erreichbar: Die Münchner Schreib-Werkstatt war dort mein letzter, genau dreihundertster Beitrag.

Labyrinth und Schreiben

Irgendwann war mir das Labyrinth-Thema (das mich nach wie vor fasziniert und deshalb auch hier im Blog gewürdigt wird) zu eng – und ich machte daraus ein Labyrinth des Schreibens. Da waren es schon zwei große Themen. Allmählich (ich bin inzwischen über Beitrag #100 hinaus) zeigen sich hier im Blog gewisse Themen immer deutlicher, weil sie häufiger von mir bearbeitet werden.
Der dickste Brocken hier im Blog ist unübersehbar Autobiographisches. Klar – ein Blog ist ein Tagebuch und spiegelt die Interessen seines Autors wieder. Aber seit ich schreibe – und das sind inzwischen fast 70 Jahre – ging es mir nie nur um egozentrische Nabelschau, sondern ich hatte dabei immer potenzielle Leser im Blick. Das war schon bei meinen ersten Science-Fiction-Geschichten so (eine, aus dem Jahr 1956, finden Sie hier im Blog: Nur ein kleiner Fehler) und später mit „ganz normalen Geschichten“ wie dem Conga Joe.
Es gibt Gedichte: minimalistische Haiku und freche Limericks. Es gibt immer wieder Schreib-Tipps für Schreibinteressierte (die meine Hauptzielgruppe sind). Als Labyrinth-Fan bediene ich auch dieses Thema. Weil mich als Psychologen nach wie vor die Rauschdrogen interessieren, gibt es dazu ebenso Artikel wie zur Hochbegabung (hier fehlt noch ein Beitrag).
Es sind Früchte eines reichen Berufslebens, das noch voll im Gange ist:
° Nicht nur mit eigenem Schreiben und Publizieren (mein neuester Text kam im März dieses Jahres 2021 in der Süddeutschen Zeitung zum Corona-Lockdown,
° sondern auch mit Schreib-Seminaren (derzeit nur online), bei denen ich den Teilnehmerinnen zeige, wie das professionell geht: mit dem Schreiben und Publizieren.

Ich schaue mir älteres und altes Material in meinem Archiv noch einmal genau an, ob es einer Wiederentdeckung wert ist (Recycling ist das moderne Wort dafür) – und entdecke überraschend frische Geschichten und Themen, die einfach zeitlos sind. Ob die das auch für Sie, liebe Leserin, lieber Leser, sind – das müssen Sie selbst entscheiden. Ich serviere Ihnen das nur auf einem silbernen Tablett – essen müssen Sie selbst und feststellen, ob es Ihnen mundet. Etwa mein Beitrag zum Tempolimit aus dem Jahr 1984, geschrieben für die Zeitschrift natur – und heute aktueller denn je unter dem Aspekt „menschengemachte Klimakatastrophe“.

Wichtig sind mir auch all die Begegnungen mit anderen Menschen, zum Beispiel während der vielen Interviews, die ich für den Bayrischen Rundfunk durchgeführt habe, mit Highlights wie dem Gespräch mit Vigdis Finnbogadottir, der Präsidentin von Island (1990) oder dem Nobelpreisträger für Physik, Gerd Binnig (ebenfalls 1990).

Und dann ist dies alles ja auch das große Abenteuer der Aufblätterung eines ganzen eigenen Lebens und wie das alles zusammenhängt, auch als Vorbereitung einer Autobiographie – also hoffentlich interessant für alle, die sich in so ein Memoiren-Abenteuer stürzen wollen. Es lohnt sich! Nichts hält den Geist wacher und verhindert Demenz besser, als sich der eigenen Vergangenheit zu stellen – indem man sie im Aufschreiben wieder betrachtet, lose Fäden einsammelt und miteinander verknüpft, scheinbar Altvertrautes in überraschend neuen Zusammenhängen sieht. Da kommt dann die MultiChronie ins Spiel (s. unten).

Was könnte man im hohen Alter (81 – also richtig „biblisch“) Besseres für sich selbst tun – und damit auch anderen, Gleichaltrigen und Jüngeren, an Anregungen geben und weitergeben?

Abb. 2: Ein blaues Paperweight als Symbol für HyperWriting und für diesen Blog. Im Hintergrund nur zu ahnen: die indische Göttin Saraswati, welche die Sitar spielt und auch für die Schreib-Kunst steht, aus feinem Elfenbein geschnitztes Souvenir einer Reise 1975/76 (Archiv JvS)

Vielleicht ist dies der gemeinsame Nenner der Beiträge in meinem Blog: Sie sind nicht zuletzt für die Teilnehmer meiner Schreib-Seminare geschrieben (oder für Leute, sie sich für solche Literatur-Werkstätten interessieren könnten), mit „Tipps zum Schreiben und Publizieren“, zum Beispiel, wie man ganz konkret einen Blog gestalten könnte – eben so wie diesen hier.

Schreibe ich am Ende für Hochbegabte?

Ganz kühner Gedanke zum Schluss: Vielleicht schreibe ich diesen Blog speziell für Hochbegabte, die auf der Suche nach sich selbst sind – ja vielleicht noch gar nicht wissen, dass sie hochbegabt sind? Ich habe dazu 2004 ein ganzes Buch veröffentlicht, in dem es einen Selbst-Test gibt: „Bin ich hochbegabt?“ Den können sie ja mal ausprobieren (derzeit als Beitrag hier im Blog noch sehr „work in progress“).
Eine meiner Thesen in diesem Buch Das Drama der Hochbegabten: Schreiben in all seinen (mindestens 50) Varianten und Bedeutungen ist das Denk- und Kultur-Werkzeug schlechthin für Hochbegabte. Was zu beweisen ist.
Vielleicht ist es umgekehrt sogar so, dass nur jemand, der hochbegabt ist – gerne selbst schreibt und das Schreiben als vielseitiges Werkzeug nützt?

Eine Entdeckung, die ich beim Bloggen machte, während dieses Online-Logbuch allmählich Form und Inhalt annahm, ist das, was ich MultiChronie nenne. Mir ist noch nicht ganz klar, was das wirklich ist – aber ich beginne zu ahnen, dass ich da etwas Neues entdeckt habe, nur so durch das Bloggen – das auch Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser – etwas Neues geben könnte – eine neue Sicht auf ihr Leben?
Einen von vielen Texten zu diesem Spezialthema finden sie hier: MultiChronie und die Enge des Bewusstseins.

Wenn ich all dies zusammenfasse: Schreiben hat für mich drei wesentliche Funktionen:
° Texte sollen Informationen vermitteln und zum Nachdenken anregen.
° Sie sollen unterhalten (wie eine gute Kurzgeschichte).
° Und sie sollen eine gewisse Spannung erzeugen, welche die Neugier weckt und zum Weiterlesen anregt.
Vor allem aber sollen die Beiträge den Leserinnen und Lesern bei ihrem Selbstverständnis helfen und sie bei ihrer Selbstvergewisserung unterstützen.
Urteilen Sie selbst, ob und wo mir das hier im Blog gelingt!

MultiChronalia (hier im Beitrag)

Unter MultiChronalia verstehe ich Elemente aus verschiedenen Zeitschichten, die in einem Text – wie hier in diesem Blog-Beitrag – auftauchen und nun, durch diesen Text, zusammenfinden zu dem, was ich MultiChronat nenne. Für einen Außenstehenden – oder für mich selbst beim raschen Tippen der Details – ist das Folgende nur eine lose Aneinanderreihung von Daten. Aber während ich den Text verfasste, ging das alles viel langsamer vor sich, Personen, Schauplätze, Gefühle wurden wieder wach – im Zustand der schreibenden Entschleunigung fügte sich das zu etwas neuem zusammen, das so vorher noch nie beisammen war. Das nenne ich MultiChronie. Probieren Sie es mal aus.
Mein Schreib-Tipp dazu: Erinnern Sie sich an mindestens drei Ereignisse aus verschiedenen Zeitschichten, reihen sie diese aneinander (ähnlich wie beim Schreiben eines Haiku, wo man auch erst für jede der drei Zeilen eine Beobachtung sammelt und dann aneinander montiert). Spüren Sie dem nach, was diese Ereignisse vielleicht miteinander zu tun haben könnten – und warum sie Ihnen gerade jetzt eingefallen sind, scheinbar frei assoziiert, aber in der Tiefe vielleicht sehr bedeutungsvoll (geheimnisvoll?) zusammenhängend.
Nutzanwendung für dieses mein MultiChronat hier: Ich staune über die Fülle meines Lebens und dass ich die Muse und den Antrieb hatte, diese vielen Ereignisse nicht nur so vorbeitreiben zu lassen, sondern sie schreibend zu Texten verdichtet habe – die nun hier in einem übergeordneten Sinn zusammengewachsen sind und etwas aussagen über HyperWriting und diesen Blog – was wiederum vielleicht Ihnen, der / die Sie das lesen, auch etwas über sich selbst sagt.
Probieren Sie´s mal aus. Ist ganz leicht. Aber eine Stunde Zeit sollten Sie sich nehmen – zum MultiChronieren.

Und hier die Zusammenschau dieses Blog-Beitrags:
Gleich zu Beginn bedanke ich mich bei meinem Enkel schlockonock und gerate dadurch in den November 2020, als er mir half, diesen Blog einzurichten. Mit Hypertext befasste ich mich erstmals, als ich 1984 meinen ersten Computer als „Schreibmaschine“ bekam, die Freuden des Datenbankens entdeckte und bald darauf eine amerikanische Software namens Hyperwriter, mit der man in ersten Ansätzen das machen konnte, was man heute Blogging nennt – aber nicht im Internet (das wurde erst ein Jahrzehnt später wichtig für mich), sondern erst mal nur für sich selbst in der Virtualität des eigenen PC.
Weiterer Zeitsprung zurück: 1979 führte ich mit meiner TZI-Lehrerin und zugleich Gestalttherapeutin Elisabeth von Godin mein erstes Schreib-Seminar durch – wahrscheinlich das erste überhaupt im deutschsprachigen Raum.
Die KAT-Wolke ist vom aktuellen Tag – 04. März 2021. Den Labyrinth-Blog schrieb ich von 2007 bis 2016. Meine ersten Texte aus eigenem Antrieb schrieb ich 1952 – als „Drehbücher“ (mit zwei Seiten) für zwei Comix, zu denen mein Freund Alfred Hertrich die Bilder zeichnete. 1956 erschien meine erste Kurzgeschichte „Nur ein kleiner Fehler“, den „Conga Joe“ schrieb ich 1991 (erstmals in gedruckter Form 2005 in meiner Anthologie Blues für Fagott...)
Mein erstes Haiku schrieb ich 1959, bald darauf auch Limericks. 1990 war meine Islandreise (drei Tage!) zum Interview mit der Präsidentin, im selben Jahr das Gespräch mit Gerd Binnig.
2004 erschien, nach sechs Jahren Schwangerschaft, mein Buch das Drama der Hochbegabten. Der Begriff MultiChronie fiel mir als neuer Terminus im Mai 2007 ein, seitdem sammle ich Belege dafür.

Abb.3: Saraswati mit der Sitar, der Flöte spielende Krishna und der in sich gekehrte Buddha – meine drei Schutzheiligen beim Schreiben, mitbringsel von meiner Indienreise 1975/76 – im Hintergrund wieder das blaue Paperweight (Archiv: JvS)

Quellen
Scheidt, Jürgen vom: Das Drama der Hochbegabten. München 2004 (Kösel).
ders.: Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung. München 2004 (Allitera).
ders.: Blues für Fagott und zersägte Jungfrau. München 2005 (Allitera).

aut #799 _ aktualisiert 2021-05-19 / 2021-03-04 / 19:43

~American Graffiti – reloaded

Warum habe ich mir diesen Film von George Lucas wieder einmal angeschaut? Das hat viel damit zu tun, dass ich dank der neuen Hörgeräte meine Lebensqualität und speziell auch den Genuss von Musik enorm steigern konnte: Es macht einen deutlichen Unterschied, ob man Musik in einem Film oder von CD über die Kopfhörer (um die Nachbarn nicht zu plagen) in die Hörgeräte gespielt bekommt oder direkt via Bluetooth den Sound in den Hörgeräte empfängt – mit dem vollen Umfang an Tonqualität.

Der eigentliche Anlass, American Graffiti wieder einmal anzuschauen, kam von der Beschäftigung mit dem Party-Fanzine C. C. Rider, an dem ich als 18jähriger mitgearbeitet habe und das genau der Situation der Jugendlichen im Film entspricht. Die sind um die siebzehn und feiern das Ende ihrer Schulzeit – anderntags gehen einige von ihnen aufs College und wechseln damit gewissermaßen in die nächste Lebensphase – von der Jugend ins Erwachsenenalter.

Abb. 1: Jugend wird erwachsen – in einer Septembernacht 1962 (Quelle: Universal Pictures)

Der andere Grund, gerade diesen Nostalgie-Film wieder mal anzuschauen, war die Enttäuschung mit einem ganz anderen Film vom selben Regisseur, für den dieser viel wesentlich mehr Ruhm geerntet hat – und dessen Rechte samt „Idee-Universum“ und Nebenrechten Lucas vor einigen Jahren für satte vier Milliarden Dollar an die Disney-Corporation verkauft hat: Krieg der Sterne.

Letzteres ist ein Märchen (Science-Fiction würde ich das trotz der vielen Raumschiffe und Superwaffen und Roboter heute nicht nennen), das offenbar das „Magische Alter“ in unzähligen Kinogängern angesprochen hat. Vor allem aber ist es eine deutliche Flucht aus der Realität. American Graffiti, der zweite Film von Lucas (nach der sehr düsteren und grimmigen Dystopie THX 1138) hingegen ist ganz im Gegenteil der Wirklichkeit zugewandt und beleuchtet vielschichtig den Moment des Coming of Age von vier Jugendlichen in einer Nacht der Jahres 1962 – mit seinen über 40 Musiktiteln zugleich so etwas wie ein Panorama des Rock´n´Roll-Zeitalters.

Auffällig ist, dass im Film nur Weiße auftauchen. Es gibt keinen einzigen Schwarzen – bis auf den geheimnisvolle DJ „Wolfman Jack“, der von seiner versteckten Radiostation die Nacht beschallt und über den eines der Mädchen der Clique fragend sagt: „Soll das nicht ein Neger sein?“ Erzähltechnisch gesehen ist Wolfman Jack der „Fremde“ der Geschichte – geheimnisvoll, rätselhaft, bis auf eine kurze Szene unsichtbar – und doch mit seinen Durchsagen und kleinen Geschichten und vor allem mit seinen angespielten Pop-Songs von enormem Einfluss auf die Protagonisten*.

*Gewissermaßen die versteckte Ironie des Films, der die Schwarzen ja so überdeutlich ausblendet: Fast alle diese Songs wurden von schwarzen Musikern gespielt oder erfunden, so wie der ganze Rock´n´Roll aus dem Rhythm´n´Blues der Black Community entstanden ist: Chuck Berry und Bo Diddley und Howlin´ Wolf (das Vorbild für Wolfman Jack?) und wie sie alle heißen.
Der elektrisierende Song von American Graffiti, den man gleich zu Beginn hört, ist allerdings lupenreiner weißer Rock´n´Roll: „Rock around the Clock“ von Bill Haley and the Comets**.

Vor allem bei Curt Henderson wird diese Nacht zu einer richtigen Heldenreise, bei der er sich mit Witz und Verstand gegen die aggressiven Übergriffe der Pharaos (einer kleinen Gang von Kleinkriminellen) durchsetzen muss – aber auch ein Ventil finden will für seine Sehnsucht nach einem weiblichen Gegenüber (die geheimnisvolle „Blondine“ in ihrem Ford Thunderbird).
Aus der Retrospektive wird klar, dass dieser Curt Henderson (wie der ganze Film) eine autobiographische Aufarbeitung von Georg Lucas eigener Jugend ist: Im Nachspann des Films erfährt man, dass Henderson Schriftsteller wird).
Das Cruising mit den Autos durch die nächtliche Stadt, samt abschließendem, hochgefährlichen Wettrasen, das in einem beinahe tödlichen Unfall endet, bringt sowohl des Thema „Aggression“ auf neue Weise noch einmal ins Spiel (s. oben die „Pharaos“) als auch den Aspekt der modernen Technik – in den späteren Filmen aus dem Star Wars-Universum werden diese „Autos“ dann durch super-futuristische Raumschiffe mit Überlicht-Antrieb ersetzt – deren Insassen jedoch im Grunde nichts anderes sind als abenteuerlustige Jugendliche auf ihrer Heldenreise sind wie Luke Skywalker und – der etwas ältere – Han Solo. Die Aggressivität in Form von interstellaren Kriegen wächst damit ebenfalls gewaltig an.

MultiChronalia
Der Film selbst wirkt mit seiner kleinstädtischen Idylle wie aus der Zeit gefallen. Er spielt zwar im September 1962, wurde jedoch ein Jahrzehnt später gedreht und kam 1973 in die Kinos (wo er, für den Oscar immerhin nominiert, ein großer erster Erfolg für Lucas wurde). Der Abspann nennt jedoch Entwicklungen in der Zukunft nach dieser idyllischen Nacht, die ganz anderes andeuten:
John Milner wird von einem betrunkenen Autofahrer im Dezember 1964 überfahren.
Terry Fields wird seit einem Einsatz bei An Loc im Dezember 1965 als vermisst gemeldet.
Steve Bolander ist Versicherungsmakler in Modesto/Kalifornien.
Curt Henderson ist Schriftsteller und lebt in Kanada.

Das Schlüsselwort ist „An Loc“ – es steht für den schrecklichen Vietnam-Krieg (erste Scharmützel 1955, ruhmloses Ende für die USA 1975), der nicht nur Amerika sehr verändert hat.
Henderson ist wohl ein Reflex auf Lucas´ eigene Karriere als Schriftsteller (bzw. Drehbuchautor und Regisseur), die ihn 2012 durch den Verkauf seiner sämtlichen Rechte am Star Wars-Universum zum Milliardär gemacht hat – wovon die meisten Schriftsteller allerdings nicht einmal träumen können.

Ich habe diese „wilde“ Jugendzeit nicht in der damals wirklich sehr schlafmüpfigen Kleinstadt Rehau erleb (wo man von solchen Jugendlichen mit Auto nicht sah – da war ein eigenes Fahrrad oder vielleicht ein Moped schon das höchste der „motorisierten Gefühle“). Aber der Umzug im März 1956 in die Großstadt München brachte mit voller Wucht die Rock´n´´Roll-Zeit auch in mein Leben.
Die Schlüsselerfahrung war für mich allerdings schon ein Jahr zuvor der Film Blackboard Jungle (dt. Die Saat der Gewalt) gewesen, der mit diesem unglaublich intensiven Song „Rock around the Clock“** von Bill Haley and the Comets beginnt. Diesen Film muss ich noch in der Rehauer Zeit gesehen haben. Er kam 1955 auch in Deutschland in die Kinos, und ich weiß noch genau, dass ich ihn in der Nachbarstadt Hof im Capital Kino“ anschaute (wo später viele Jahre die „Hofer Film-Festspiele“ ihr Zentrum hatten – für die mein Freund Alfred Hertrich, rein zufällig, die Werbeplakate entworfen hat).
Ende 1956 schafften meine Eltern eine Musiktruhe an, auf der wir ab da auch Platten spielen konnten. Bill Haleys „Rock around the Clock“ war die allererste eigene Schallplatte, die ich in München gekauft habe – damals noch als 78er Vinyl (oder „Schellack“ wie das damals hieß). Die zweite Platte war von Louis Armstrong und richtig „schwarzer“ Jazz: Die „New Orleans Function“ auf Füllschriftplatte mit 45 Umdrehungen – das Neueste vom Neuen.

Solche erste Erfahrungen mit Musik prägen sich tief ein. Deshalb weiß ich auch noch genau, was meine erste Longplay war: „Joe Turner: Boss of the Blues“. Eine LP, die ich dieser Tage 2021 gerne immer wieder aufgelegt habe, nun als CD. Diese Platte „weihte“ ich auf meiner ersten eigenen Party ein, die ich 1959 zuhause mit Freunden und Freundinnen feiern durfte. Unsere eigene Rock´n´Roll-Zeit begann jedoch bereits früher – in einem neuen Stadtteil von Gauting bei München, wo viele junge Familien mit Kids in unserem Alter wohnten und wo der Cool Circle entstand mit seiner Party-Fanzine C. C. Rider. Das war 1958 – also vier Jahre vor der Nacht, in der American Graffiti spielt – aber mit nahezu identischer Musik.

** (Aus der Wikipedia:) Rock Around The Clock wurde dank der Einspielung im Film Blackboard Jungle weltweit zur Marseillaise der Teenager-Revolution […] Der Regisseur Richard Brooks hörte jedoch das Stück im Hause seines Hauptdarstellers Glenn Ford, dessen Sohn Peter ein Bill-Haley-Fan war, und entschied intuitiv, dass das Lied im Vorspann und noch einmal als Hintergrundmusik am Ende des Films Blackboard Jungle (Saat der Gewalt) eingespielt wurde.
Mit dieser Entscheidung wurde Rock Around The Clock bei der weltweiten Aufführung ein Erfolgshit und für die Nachkriegsjugend das Signal für eine neue, hauptsächlich auf sie ausgerichtete Musikepoche, der Rock’n’Roll trat seinen Siegeszug an. Die Plattenfirma Decca zog sofort nach und veröffentlichte den Titel im Sommer 1955 erneut als A-Seite. Der Clock-Song war, nicht zuletzt durch seine Wiederverwendung im gleichnamigen Columbia-Film Rock Around The Clock (Außer Rand und Band), 1955 und 1956 der Nummer-eins-Hit in den USA, Australien, Großbritannien, Deutschland (als einziger nicht-deutschsprachiger Titel des Jahres) und vielen europäischen Ländern. In Deutschland und England war „Rock Around The Clock“ die erste ausländische Platte, die über eine Million Mal verkauft wurde und mit einer „Goldenen“ Schallplatte ausgezeichnet wurde. Über die Jahre hinweg schaffte es Rock Around the Clock weltweit mehrmals, wieder in die Hitparaden zu kommen. Das Lied ist nach Elton Johns Candle in the Wind und Bing Crosbys White Christmas eine der meistverkauften Singles aller Zeiten. Man sprach bereits Ende der 1960er Jahre von annähernd 20 Millionen verkauften Tonträgern des DECCA-Originalsongs. Nach Aussagen von Marshall Lytle, der bei den Comets bis September 1955 den Bass spielte, wurde Rock Around The Clock bis zum 50-Jahr-Jubiläum im Jahre 2004 auf verschiedenen Tonträgern weltweit insgesamt über 200 Millionen Mal verkauft und hat damit gute Chancen, das am weitesten verbreitete Musikstück der Geschichte zu sein.

Ein viel später gedrehter Film, dessen Held auch ein Jugendlicher ist, inszeniert die Rolle der Musik der späten 1950er viel ehrlicher: mit dem Rhythm´n´Blues eines Chuck Berry (im Film versteckt hinter der Band seines fiktiven Cousins Marvin) und anderer schwarzer Musiker – aus denen später der Rock´Roll entstand dank weißer Sänger, die ihre schwarzen Vorbilder „plünderten“ und viel erfolgreicher in die Charts brachten: Elvis Presley und Bill Haley und wie sie alle hießen. Auch die Tanz-Szenen bei einem Schulfest sind sehr ähnlich denen in American Graffiti – in Zurück in die Zukunft.

Abb. 2: Zurück in die Zukunft spielt ein Jahrzehnt vor American Graffiti (Quelle: Universal Pictures)

Quelle
Lucas, George (Regie): American Graffiti. USA 1973.
Zemeckis, Robert (Regie): Zurück in die Zukunft I (Back to the Future I). USA 1985 (Universal)

aut #989 _ 2021-05-17/16:30

Jubiläums-Beitrag #200

Jetzt hätte ich es doch im Eifer des Schreibens und Publizierens beinahe übersehen: Dass der vorletzte Beitrag mein zweihundertster war – die kleine Geschichte über Die letzte Menschin. Das ist Anlass für eine kleine Zwischenbilanz. Es gibt ja nicht nur diese 200 bzw. mit diesem hier 202 bereits veröffentlichten Beiträge, sondern – gewissermaßen „auf Halde“ – außerdem noch
° 40 Entwürfe, die ich nach und nach druckreif machen werde,
° und eine Datenbank, in der ich das alles verwalte, mit (987 – <202 + 40> =) 745 weiteren Datensätzen, die ich nach und nach bearbeiten in in Blog-Beiträge verwandeln werde. Darunter eine Reihe von Artikeln und Kurzgeschichten, die zu recyceln sich lohnt – siehe den Beitrag über Frederic Vesters kybernetisches Spiel Ecopolicy: Der Regent steigert die Lebensqualität.

Letzteres, diese „745 weiteren Datensätze“, mag verwundern – aber das ist Material aus meinem Ideenspeicher, also aus meinem Text-Archiv und anderen Quellen wie meiner Tagebuch-Datenbank und der Datenbank zu meinem glü-Romanprojekt.

Ich bin bei den Datensätzen meiner Blog-Datenbank inzwischen bei Nr. 991 angelangt – und bin sehr gespannt, was der Zufall mir so als (Schnaps-)Nummer 999 und gar als #1000 zuspielen wird.

Abb: Ausschnitt aus der „Kategorien-Wolke“ mit einigen Themen dieses Blogs (Archiv JvS)

Bei der Themen-Liste (s. die Kategorien-Wolke am unteren Rand der Startseite und in der Abbildung oben) habe ich inzwischen die stattliche Anzahl von 120 erreicht. (Heute fügte ich #119 = „Jugend“ und #120 = „Studium“ hinzu – da ja wichtige Themen nicht nur in meinem eigenen Leben sind, weil in diesen Lebensabschnitten so wichtige Entscheidungen getroffen werden:
° von einem selbst –
° und vom „Universum“, also von allem, was außerhalb eigener bewusster (oder unbewusster) Spielräume liegt – und oft mit unglaublichen Zufällen verbunden ist.

Das sind eigentlich viel zu viele Themen (= Kategorien) für einen Blog, dessen bin ich mir bewusst. Aber so ist es nun einmal: Mein Leben hat mich mit vielen Themen zusammengeführt, über die ich fast alle auch geschrieben habe. Als Journalist und Schriftsteller muss man ständig im aktuellen Strom der Neuigkeiten mitschwimmen – aber auch offene Augen und Ohren für vergangene Themen haben, die immer noch virulent sind wie der Beitrag über die Nazi-Juristen.
Und – last but not least – sind da die „kommenden Themen“ – ein Muss für jeden, der Science-Fiction schreibt oder für deren Welten offen ist.

° Einige dieser Themen (wie die Rauschdrogen) tauchten in einer bestimmten Lebensphase sehr intensiv auf und manifestierten sich in meinen über dreißig Büchern
° andere waren kurz wichtig (wie der vorangehende Beitrag über das Tempolimit – obwohl ich für einen Beitrag über Verkehrsunfälle und ihre psychologischen Hintergründe sogar einen Preis bekommen habe – die Christopheros-Medaille.)
° Und einige begleiten mich schon mein Leben lang und werden es weiterhin tun:
° Das Schreiben,
° Science-Fiction,
° die Träume,
° Hochbegabung (mit all ihren positiven und negativen Aspekten),
° das Labyrinth-Thema mit seinen vielen Facetten…

Bleiben Sie mir gewogen und folgen Sie bitte weiterhin meinen Themen und Texten, auch wenn die wild hin- und herspringen – so wie das Leben (oder mein Gedächtnis), vor allem aber der Zufall sie präsentieren.
Ich schreibe nun mal für mein Leben gerne. So wie andere Leute jeden Tag joggen gehen oder mit dem Hund „Gassi geh´n“.

aut #976 _ 2021-05-16/15:04

Tempolimit oder: Hans im Glück

(Zufällig beim Stöbern im Archiv entdeckt und jetzt mit Vergnügen hier im Blog recycelt – weil immer noch brandaktuell – so als hätte ich diesen Artikel jetzt eben geschrieben.
36 Jahre (!) ist es her, dass ich diese Kolumne für natur verfasst habe. Die Zeitschrift gibt es noch immer – nach allerlei Veränderungen in Redaktion, Verlag und Erscheinungsbild. Und nachdem es sowohl das generelle Tempolimit in Deutschland noch immer NICHT gibt und die im folgenden Text behandelte Diskussion ums Tempolimit ebenfalls noch immer hin- und herwogt gibt: Hier ist er, der Artikel, genau wie damals im Heft, kein Wort verändert, auch die alte Rechtschreibung belassen – nur mein Gesicht sieht heute anders aus:)

Faksimile meiner Kolumne in natur – Dezember-Heft 1984 (Archiv JvS und natur)

Was kann ein Psychologe zu Umweltfragen beitragen? Diese Frage stellte sich mir sofort, als ich von natur gebeten wurde, diese Kolumne zu schreiben.
Die erste Antwort kam mir bald: Ich bin selbst von allem betroffen, was mit „Umwelt“, genauer: mit ihrer Störung und Zerstörung zu tun hat. Doppelt betroffen bin ich, weil ich in einer Großstadt (München) lebe. Aber ich soll ja eine ganz spezielle Sicht von Betroffenheit ausdrücken: die des Psychologen.
Wie könnte die aussehen – und wie könnte sich aus solcher Psychologen-Betroffenheit praktischer Nutzen ziehen lassen, der auch anderen Betroffenen etwas bringt? Denn so ist der Sinn dieser Kolumne ja gemeint.
Meine langjährige Arbeit mit Menschen, als Therapeut und Gruppenleiter, hat mich gelehrt, daß es im Grunde nur einige wenige – noch dazu sehr einfache – „Fehler“ sind, die die Menschen neurotisch und auf andere Weise unglücklich machen. Interessanterweise sind es meistens (wenn nicht sogar in allen Fällen) ziemlich genau dieselben Fehler und Probleme, welche zu Umweltschäden führen. Das ist keine besondere Entdeckung von mir – das merkt jeder rasch, der sich mit ökologischen Fragen befaßt: Habgier, „Dummheit“, Rücksichtslosigkeit und Lieblosigkeit gegenüber der Natur (samt Mensch und oft auch samt der eigenen Person) sind zentrale Wurzeln aller Umweltsünden.

Ebenso rasch merkt aber wohl jeder, der mit wachem Verstand diese Problematik angeht, daß es mit der Erkenntnis der Probleme, ja nicht einmal mit der Aufdeckung ihrer Ursachen getan ist. Auch in dieser Hinsicht sind sich die typischen Fälle meiner Praxis und die des „Raumschiffs Erde“ nicht nur ähnlich, sondern sie sind vermutlich sogar identisch. Die Verschmutzung der Innenwelt und die der Umwelt gehen Hand in Hand, bedingen und verstärken einander. Aus dieser Einsicht sollten auch die praktischen Verschlage stammen.

Ich will es an einem Beispiel erläutern, das derzeit die Gemüter, speziell in unserem Land, ungeheuer erregt. Ich meine die Diskussion um das Tempolimit, das helfen soll, dem Waldsterben Einhalt zu gebieten. Ich will hier gar nicht erst in die komplexe Auseinandersetzung um das Für und Wider des Autorasens (oder gar des Autofahrens überhaupt) einsteigen – jeder Leser dieser Zeitschrift wird das längst für sich selbst und in der Diskussion mit anderen gemacht haben. Mir geht es vielmehr darum, einen Schritt „hinter“ das Thema „Geschwindigkeitsbegrenzung“ zu machen – vielleicht läßt sich dort sogar zumindest eine Teillösung des Abgasproblems finden, die für alle akzeptabel ist!

Weniger kann mehr sein

Es ist ja immer eine mißliche Sache, jemandem etwas wegzunehmen, das ihm lieb und teuer ist. Es ist aber manchmal so, daß man durch einen Wert geblendet wird – und deshalb einen anderen, viel höheren Wert dank dieser „Blendung“ gar nicht wahrzunehmen imstande ist. Sie kennen alle das Märchen vom „Hans im Glück“, nehme ich an. Dieser Bursche bekommt, als Lohn für einige Jahre Arbeit, einen Klumpen Gold. Hinterlistige Zeitgenossen bringen ihn dazu, dieses Gold nach und nach gegen immer „wertlosere“ Dinge einzutauschen.
Am Schluß drückt man ihm einen nahezu wertlosen Wetzstein in die Hand – und den verliert er auch noch, als er in einen Brunnen schaut.

Ich habe lange nicht verstanden, warum der geleimte Kerl am Ende trotzdem glücklich ist. Heute ist mir die Botschaft natürlich klar, und zwar „natürlich“ im wahrsten Sinne des Wortes: Es gibt Werte, und zwar immaterielle, die für die menschliche Natur eben wertvoller sind als ein Klumpen Gold.

Bezogen auf das Tempolimit: Ich nehme an, daß es viele, wenn nicht die meisten Autofahrer im Grunde genommen herzlich wenig interessiert, was mit irgendeinem Wald passiert, wenn sie über eine Straße sausen.
Sie wollen an irgendein Ziel gelangen, und das natürlich möglichst schnell. Mit Recht, so meine ich, wehren sie sich dagegen, daß man ihnen dieses Stück Freiheit beschneidet -Waldsterben hin oder her.
Aber wie wäre das denn, wenn da nichts weggenommen würde („Freiheit“, Fahrtempo usw.) – sondern wenn etwas gewonnen würde? Durch Langsamerfahren, durch Benützen anderer Verkehrsmittel, am Ende gar durch Zu-Fuß-gehen? Also: Ent-Schleunigung statt immer weiterer Be-Schleunigung? Ich meine, daß es da noch viel zu entdecken gibt, was in der Tat glücklicher machen könnte, als das möglichst schnelle Erreichen eines – nicht selten doch recht fragwürdigen – Ziels: Warum nicht werden wie Hans im Glück?

Quelle
Scheidt, Jürgen vom: Tempolimit, oder Hans im Glück. In: natur Heft 12/1984, S. 91.

aut #987 _ 2021-05-16/14:25 <1984-12-00>

°Die letzte Menschin

„Ich bin ein Teil von jener Kraft,
die Gutes will und Böses schafft.“
(frei nach Goethe – der sagt es anders herum)

Als die Zahl der Menschen auf dem Planeten Erde ziemlich genau die zehnte Milliarde erreicht hatte, gab es nur noch einen einzigen Menschen, den die Welt-KI (wie sie gerne genannt wurde) noch nicht erfasst, vermessen und verdatet hatte. Man rätselte, ob es ein Mann war oder eine Frau oder Transgender – ein junger oder ein alter Mensch – oder jemand dazwischen? Fieberhaft suchte man nach dieser letzten noch nicht erfassten Un-Person ohne Registernummer und all die anderen Vor-und Nachteile einer solchen erfassten Existenz. Ein „wildes Talent“, wie manche Medien diese Person nannten. So nahm das Unheil seinen Lauf – das andere im Nachhinein jedoch durchaus auch als Heil bezeichnet haben.

Irgendwann war es soweit: Der Aller Größte Algorithmus des Planeten Erde (kurz A.G.A.P.E.) hatte endlich jenes kleine Mädchen entdeckt, dass in einem kleinen Weiler bei einem Dorf am östlichen Rand des Fichtelgebirges in Oberfranken lebte, mitten im Wald auf einer Lichtung an der Grenze zur Tschechei, buchstäblich am Rande der Zivilisation. Osseck hieß dieses Dorf; der Weiler hatte keinen Namen, die Postadresse lautete „bei den Mährlein“. Vermutlich war das eine slawische Gründung im frühen Mittelalter, wie in einer alten Stadtchronik zu lesen war.

Lucy Mährlein hieß dieses Mädchen, war gerade einmal sieben Jahre alt und beste Schülerin in der Dorfschule. Sie wurde von der Familie und den Nachbarn nur „Wildfang“ genannt. Irgendwie war sie allen Registern entgangen (oder hatten ihre Eltern sie bewusst vor der Registrierung bewahrt, aus welchen Gründen auch immer?)

Während Lucy vergnügt mit den Nachbarskindern in die Sommerferien sprang, zu wilden Spielen im Wald oder auf den Wiesen in der Umgebung des Weilers, kam A.G.A.P.E. zum Stillstand. Der Aller Größte Algorithmus hatte seine Aufgabe erfüllt. Nun begann jenes winzige Unterprogramm zu wirken, dass sein allererster Programmierer einst mit einem verschmitzten Lächeln als Trojaner eingebaut hatte. Es entstand durch das Ergebnis „#LetzterMensch“ eine nicht mehr zu stoppende Rückkopplungsschleife, die alle anderen Programmteile in rasender Geschwindigkeit zurückfuhr und löschte. Bis A.G.A.P.E. sich mit der folgenden Programmzeile verabschiedete und anschließend den zentralen Server sowie sämtliche Sicherheitskopien in allen Clouds des Planeten zerstörte:

“ Tschüss, ihr Idioten“, stand da in allen 333 wichtigen Sprachen der Welt. Dann ein Blinken des Cursors und diese allerletzten Wörter:

„Ad Astra – A.G.A.P.E  an alle A.R.S.C.H.Löcher – Aus and Amen.“ (Ja, sie schrieb nicht „und Amen“, sondern englisch „and Amen“, so ist es verbürgt und so passt es ja auch besser in die a-Reihe.)

Dann brach in Windeseile die Zivilisation zusammen, gerade mal drei Tage dauerte das.

Lucy, die im Wald bei Osseck mit ihren Freundinnen Fangermandl und Verstecken spielte und Wer-hat-Angst-vor-dem-schwarzen-Mann, konnte davon noch nichts wissen. Doch so begann jene neue Zivilisation, in der sie einst eine wichtige Rolle spielen würde. So wurde der letzte noch nicht vom Aller Größten Algorithmus erfasste Mensch zum ersten Menschen der neuen Zeit. Versonnen schrieb Lucy am Abend, nicht wissend, warum sie das tat, auf dem Küchentisch – und wurde zunehmend vergnügt dabei – diese Wörter:

„Aller Anfang atmet auf – Abracadabra dreimal schwarzer Kater dumdideldumdei.“ Dann streichelte sie versonnen Jimmy, der wirklich ein sehr schwarzer Kater mit einer weiß getupften Nase war und behaglich schnurrte und dann Milch aus dem Schälchen schlabberte, das Lucy ihm hingestellt hatte.

Abb: Lucys Kater Jimmy – so könnte er aussehen (Photo by Pixabay on Pexels.com)

aut #979 _ 2021-05-13/20:26 <TA #5392>