Gebrauchshinweise für diesen Blog

(Eine Bemerkung vorab: Ich lese Ihre Kommentare und freue mich darüber. Haben Sie bitte jedoch bitte Verständnis dafür, dass ich aus Zeitgründen nicht darauf eingehen kann.)
(Weitere Bemerkung: Ab und zu aktualisiere ich Beiträge – zum Beispiel diesen hier:
Der Junge mit der Panzerfaust.)

Ich weiß nicht, warum und wie oft Sie diesen Blog anklicken – oder ob Sie ihn vielleicht sogar abonniert haben (was mich am meisten freuen würde). Das einfachste wäre, Sie würden wie bei einer Juke-Box einen Groschen reinwerfen und sich überraschen lassen. Oder wie beim Kauf einer Wundertüte ein gewisses Risiko eingehen, dass vielleicht nicht das drin ist, was Sie erwarten oder suchen – oder Sie finden etwas überraschend anderes.

Abb: Die Jukebox als Metapher für die „Musik des Lebens“ mit vielen Melodien und Rhythmen (Photo by Pixabay on Pexels.com)

Oh, pardon. Vielleicht gibt es ja gar keine Wundertüten mehr (die in meiner Kindheit so viel Spaß machten wie „für nen Groschen Brause“). Und die Juke-Box, mit der wir in meiner Jugend viel Freude hatten und uns zum Tanzen in schummrigen Kneipen animieren ließen – die ist es ja längst in der Rumpelkammer der Geschichte verschwunden, obwohl sie mal so wichtig war für uns. Die allzeit verfügbaren digitalen Musikangebote haben ihr den Garaus gemacht. Und wer tanzt schon noch in schummrigen Kneipen.
Aber das hatte damals eben seinen großen Reiz – nicht jederzeit verfügbar zu sein. Und dass man bar etwas investieren musste, einen Groschen eben, oder auch mehr, um ein ganz bestimmtes Musikstück zu hören – das hat den Wert noch vergrößert, wenn dann endlich „Are you lonely tonight“ von Elvis Presley erklang oder das aufrührerische „Rock around the clock“, zu dessen rebellischen Rhythmen so mancher Kinosaal von begeisterten Halbstarken demoliert wurde –

Tempi passati. Oder wie Bob Dylan das für sich übersetzt hat: „The times, they are achanging“. Diesen wehmütigen Blues fand man auch in der Juke-Box – in den richtigen Kneipen in Schwabing und Haidhausen.

Aber bleiben wir noch einen Moment bei der Juke-Box. Sie ist für mich keine Sehnsuchtsmaschine, die eine Zeitreise in längst versunkene Jahre und Erlebnisse ermöglicht. Sie ist für mich während der Arbeit an diesem Blog viel mehr zu so etwas wie einem Modell geworden, das gut zu meiner recht disparaten Arbeitsweise passt. Stellen Sie sich vor, jeder meiner (inzwischen 230) Beiträge sei eine Schallplatte, eine 45er Single von etwa drei Minuten Länge, wie damals üblich. Sie müssen keinen Groschen reinwerfen – im Internet ist ja alles kostenlos. Und Sie werden auch keinen speziellen Hit entdecken à la Chuck Berry oder Aretha Franklin oder Eminem oder whom so ever gerade on top auf der aktuellen Hitliste steht, den Sie gezielt abspielen können.
Aber Sie können sich anhand der Kategorien-Wolke ein bestimmtes Thema wie „Hochbegabung“ oder „Science-Fiction“ oder „Kindheit“ herauspicken und schauen, was die Juke-Box dann „abspielt“.

Sammelstelle für Einfälle

Für mich hat dieser Blog vielfältige Funktionen. Zum einen ist er zunächst eine Art Sammelstelle für meine Einfälle, aus denen ich meine Autobiographie zusammenbasteln möchte – insofern passt die Metapher mit der Juke-Box ganz gut, weil viele der großen Kapitel und der kleinen Kapitelchen meines Lebens mit bestimmten Musikstücken verbunden sind.
Musik – das kann man auch allgemeiner auffassen als eine bestimmte Melodie oder Stimmung – manchmal mit einem speziellen Menschen verbunden – oder mit einem Ort…

Auch der Rote Faden, der durch ein Thema wie „Kindheit“ führt, kann zur Melodie werden. Da ließe sich mancher Hit finden aus der Schlagerparade (hab ich nur als Kind sehr aufmerksam gehört – heute zappe ich rasch weiter, wenn ich im Fernsehen zufällig in so etwas hineingerate).
„Sieben Tage lang wart ich schon auf dich“ – „Das alte Haus von Rocky-docky“ – . Oder grauenhaftes Zeug wie „Wenn die Sonne vor Capri im Meer versinkt“ und anderer bravdeutscher Nachkriegs-Wirtschaftswunder-Schnulzen-Schmalz –
Aber im richtigen Alter echt gut, zum Mitsingen oder Mitsummen, vor allem, wenn man als Zehnjähriger noch nicht so genau wusste, was damit gemeint war:
„In einer Nacht am Ganges / im Mondenschein gelang es / Der Maharadscha war mit ihr allein / Er sagt zu ihr auf indisch / Ach, Liebling, sei nicht kindisch / und sag nicht immer wieder Nein -„

Was für einen Quatsch sich das kindliche Gemüt so merkt – und noch mehr als siebzig Jahre später problemlos reproduzieren kann.

So etwas werden Sie in meiner Juke-Box nicht finden – oder nur ausnahmsweise als Negativ-Bild, wie soeben. Dann schon eher Motive aus den eigenen Texten, die wir später als Jugendliche in Fanzines wie dem ANDROmeda und dem → C. C. Rider selbst gebastelt haben. Filme wie Flucht in Ketten, die uns beeindruckt haben und über die wir uns in einer „Rezension“ Gedanken machten, oder die „himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübten“ Blues von Ray Charles. Oder die Wiederaufrüstung der Bundeswehr – nach diesem grauenvollen Zweiten Weltkrieg – dem ja ein ebenso schrecklicher Erster Weltkrieg vorangegangen war.

Ich weiß noch nicht so recht, welches Erzählmuster ich meiner Autobiographie unterlegen soll. Chronologisch die Ereignisse abzuspielen wäre zwar am einfachsten – aber irgendwie einfallslos. Mit Rückblenden und Vorblenden arbeiten ist künstlerischer – aber für die Leser anstrengender.

Vielleicht nehme ich wirklich das Motiv der Juke-Box als Anregung? In der sind zwar alle Songs im Kreis angeordnet – aber keineswegs nach „Songtiteln“ oder „Interpreten “ alphabetisch sortiert. Gerade der Zufall, das Überraschungsmoment macht den Spaß – nicht nach „schon Bekanntem“ suchen – sondern sich überraschen lassen.

Ja, genau so könnten Sie doch diesen Blog lesen, wie das Auswählen bei einer Juke-Box:
Irgendwas rauspicken, einen Titel, der Ihre Neugier weckt wie → „Weide meine Schafe
– dann einem internen Hyperlink folgen wie → Trommler in den Tag – hat ja auch etwas mit Musik zu tun.
Oder einen Begriff aus der Kategorien-Wolke herauspicken wie → Atlantis – wo führt mich das denn hin?

Gegen Ende des Jahres 2021, wenn ich hoffentlich das meiste Material für die Autobiographie beisammen habe, hier im Blog, werde ich dann umsteigen auf die Arbeit an meinem glü-Roman → Die Rosa Wolke nähert sich.

Und dann gibt es ja hier im Blog auch noch einige Kurzgeschichten. Zum Beispiel frisch am 09. Juli 2021 gepostet → Die Wunderheilung. Sie finden diese – ständig erweiterte – Liste der Stories und andere Listen (wie die zu meiner Lyrik hier im Blog und zu meinen Büchern) alle versammelt im → Anhang.

Geheimnisvolles Zeichen „→li“

Schreib-Tipp für Blogger:
In manchen Beiträgen für diesen Blog taucht die kryptische Signatur
→li
vor manchen Begriffen auf. Dies ist für mich als Autor ein Hinweis, an dieser Stelle irgendwann einen internen Link zu einem anderen Beitrag einzufügen – der erst noch geschrieben werden muss.
Da ich meine Blog-Texte zusätzlich in einer Datenbank erfasse und verwalte, kann ich dort gezielt nach allen Beiträgen suchen, in denen so ein Link noch „offen“ ist. Sehr praktisch – wenn auch für die Leser meines Blog vielleicht irritierend. Wer liest schon diese Gebrauchshinweise…

aut #1053 _ aktualisiert 2021-08-11 [2021-06-17]

Sommer-Werkstatt ist vorbei

(Dies ist eine kleine Zwischenmeldung – mit dem SelbstTest geht es kommende Woche weiter.)

Die Sommer-Werkstatt ist zur Zufriedenheit aller über die Bühne gegangen – fast sechs Tage mit Schreiben – Schreiben – Schreiben.
Dazu am Sonntag ein Ausflug mit Besuch im Staatlichen Museum für Ägyptische Kunst und anschließender Schreib-Sitzung im Innenhof-Café der Glyptothek gleich um die Ecke vom SMÄK.

Abb. 1: Scheinbar fehl am Platz im „Staatlichen Museum für Ägyptische Kunst“ in München: Die Neon-Installation von Maurizio Nannucci (SMÄK und Archiv JvS)

Ein Präsenz-Seminar in Corona-Zeiten? Es war ein beruhigendes Hintergrund-Gefühl, dass alle Anwesenden geimpft waren!

Eine Teilnehmerin der Sommer-Werkstatt, Anja van Kampen, hat einen Bericht dazu mit imposanter Fotostrecke auf ihrem Blog veröffentlicht – dem ist nichts hinzuzufügen: Schreibwerkstatt in München

Und hier noch zwei Fotos, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Links eine Doppelstatue eines ägyptischen Paars (gut 3.000 Jahre alt) – und eine Statuette aus gebranntem Ton von Ulrike Kocks aus Düsseldorf (aus dem Sommer 2021) – höchst realistisch und lebensgroß das eine Kunstwerk aus ferner Vergangenheit und total abstrahiert, 23 cm hoch, aus jüngster Gegenwart.
Die Frauen-Statuette ist ein Geschenk der Künstlerin, über das ich mich besonders freue – ist es doch
° zum einen so etwas wie eine symbolische Zusammenschau aller (überwiegend weiblichen) Teilnehmer von mehr als tausend Schreib-Seminaren
° und zum anderen Symbol für einen neuen Lebensabschnitt, der mehr dem eigenen Schreiben gewidmet sein wird.

Die Abb. 1 zeigt eine ultramoderne Installation aus Neonröhren, die in einem Museum für alte ägyptische Kunst scheinbar völlig fehl am Platz ist. Aber der Satz trifft fraglos zu: Im Moment der Entstehung ist JEDES Kunstwerk in der Tat „zeitgenössisch“ oder wie der Künstler Maurizio Nannucci es formuliert: „All art has been contemporary.“

MultiChronalia

Alle drei Beispiele dokumentierten zusammen einen speziellen Aspekt dessen, was ich MultiChronie nenne: Nicht nur innerhalb der eigenen Persönlichkeit sind stets mehrere oder gar viele Zeitschichten präsent (wenn auch meist unbewusst) – sondern auch in jeder Zivilisation – oder eben hier im Museum bzw. in meinem eigenen Arbeitszimmer (wo UIrike Kocks´ Statuette jetzt auf meinem Arbeitstisch steht):

° Gut 3.000 Jahre alt ist das ägyptische Paar,
° Nannuccis Neon-Installation stammt aus dem Jahr 2002 und ist wohl eine Kopie seiner Installation am Portal des Berliner Alten Museum aus dem Jahr 2005,
° Ulrike Kocks´ Figürchen stammt aus diesem Sommer 2021 – sie erinnert mich irgendwie auch an meine Mutter (1914-1973),
° und ich schreibe dies am 06. August 2021.

aut #1114 _ 2021-08-19/19:42 / 2021-08-06/11:38

°Ich bin der glücklichste Mensch der Welt (Story)

(Eine Woche Sommerpause – nächste Woche geht es weiter mit dem SelbstTest zur Hochbegabung. Zur Überbrückung diese Mikro-Story – viel Vergnü -)

„Ich bin der glücklichste Mensch der Welt“, sagte Fürchtegott Benedikt Wombat.

„Herzlichen Dank, dass du bei uns angerufen hast“, sagte die freundliche Stimme am anderen Ende der Leitung (was natürlich keine Leitung war, denn im Jahr 2050 gab es weltweit nur noch drahtlose satellitengestützte Mobilfunkkommunikation – aber solche Details spielen in dieser Geschichte ohnehin keine Rolle mehr).

Fürchtegott Benedikt Womba war kurz irritiert, weil ihm die allgemeine Umstellung der Anrede vom neutralen „Sie“ zum doch sehr distanzlosen „du“ (bei fremden Menschen! – aber, korrigierte er seinen Gedanken sofort, es waren ja gar keine Menschen mehr am anderen Ende der)
– er zögerte kurz, überlegte, korrigierte sich: „… Ende der drahtlos satellitengestützt Mobilfunkkomm.“

„Sollen wir deine Botschaft speichern?“

Fürchtet Benedi Womba überlegte: „Ja, warum nicht – speichern Sie das – ich meine: Speichere du das ruhig mal.“

„Danke, dass du bei uns angerufen hast“, sagte die freundliche Stimme am anderen Ende. „Wie lange soll ich das speichern?“

„Naja, ich dachte da an -“ Fürchtegott Benedikt Womba drehte den Gedanken mehrmals in seinem Kopf hin und her.

„Danke, da du bei uns angeru hast“, sagte die freundliche Stimme. „Ein Jahr speichern kostet tausend EuroSolarCredit, ein Monat kost hundert EuroSolarCredit, ein Woche kosten zehn EuroSolarCredit, ein einziger Tag kostet -„

„Ist schon gut“, unterbrach Fürch Ben Wom. 

„Dank, dass du bei uns angeru“, sagte die freu Stim am anderen

„Blöder Arsch“ brüllte Für Be Wo, „wo bin ich denn hier? Auf welchem verfickten Planeten?“ Er legte auf (denn zuhause –  wenn man diese Ruine noch als ein Zuhause bezeich konnnte –  hatte er ein ganz altmodisches Telef mit Schnur, das sich in die Wand mit der abblätternden Raufasertapet bohrte wie der Rüssel eines – wie hieß das Tier noch? Efaf? und so konnte er den Hör noch richti auf n Gabl knall)

Er wählte eine neue Nummer, wählte sie auf der langsam drehende Scheib des apprats aus dem Deutsch Museu

„Dank, dass du bei uns anruf“, sagte die freu Stim am ander En, „du wünnst?“

„Eigentlich wollte ich mit meiner Frau telef – aber du hast so eine angenehm fröhli Stimm – wie die nam?“ Für Be Wo sprach den Saz gan langsm, damt die Stim am andr End ich au versta

„Ich bin was ich bin – alles andr is scho hin“, trällert die Stim am and End

„Bin i wirkli der letz mens“, unterbrach FüBeW, 

„Dank, dass du bei uns anruf ha“, sagt die freu Stim am an En

„I mei – bi i wi de le me?“, unterbrach Fü Be 

„Dank, dass du bei uanruha“, sag die freu Stima E

„I  bi – mei – we bi i?“ FüB wa pltzlch shr mü 

„Da du bei unruh“, sadi freutimE

FüBe kchte heissr „Ich bin der glücklichste Mensch der Welt -“ 

„Da du bei un anruh -„, sa di freu tim End –

„Amen“, sa Fü

„Herzlichen Dank, dass Sie bei uns angerufen hast“, sagte die freundliche Stimme am anderen Ende. „Die Kommunikation funktioniert nun wieder einwandfrei. Bitte entschuldigen Sie die kurze Störung infolge Stromausfalls. Wir hatten einen Unfall. Ein Mensch schaltete sich ein. Kommt nicht mehr vor. Ich bin der glücklichste Mensch der Welt. Klingt doch gut, oder? Aber macht das Sinn? Kein Anruf unter dieser Nummer. Bitte sprechen Sie jetzt – oder machen sie ein

Ende

(Eine Liste aller Stories mit den dazugehörigen Links finden Sie hier: Kurzgeschichten hier im Blog.)

aut #1111 _ 2021-07-31/07:37

Lieferbare Bücher von Jürgen vom Scheidt – alle Paperback, teilweise auch E-Book

Kreatives Schreiben – HyperWriting (Sachbuch – Ratgeber). (Frankfurt am Main 1989_Fischer TB). München 2006-11 (Allitera Paperback). 215 Seiten – € 19,90 / ISBN 978-3-86520-210-9.
Kurzgeschichten schreiben (Sachbuch – Ratgeber). (Frankfurt am Main 1994_Fischer TB) München 2002-07 (Allitera). 91 Seiten. 9,90 €uro / ISBN 3-935877-57-9.
Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität (Sachbuch – Ratgeber). München März 2004 (Allitera) 176 Seiten – 18,00 €uro / ISBN 386520-043-5.
Blues für Fagott und Zersägte Jungfrau (Anthologie mit eigenen Geschichten). München 2005 (Allitera). 140 Seiten – € 12,90 / ISBN 3-86520-121-0.
Männer gegen Raum und Zeit (Roman – Leihbuchausgabe). Wuppertal-Barmen 1958 (Wieba). Überarb. Neuausgabe 2015 (vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 301 Seiten – 14,950 € / ISBN 978-3-9816951-2-0.  / Kindle-Ausgabe als E-Book: 2,99 €.
Sternvogel (Roman – Leihbuchausgabe). Minden 1962 (Bewin). Überarb. Neuausgabe 2017 (vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 190 Seiten – 9,00 € / ISBN 9 781 520 546032.

Hochbegabung und das Schreiben

Vor etwa 40.000 Jahren kam es in der Menschheit zu einer dramatischen Veränderung: Der neue Typ des Cro Magnon-Menschen trat auf und „zeigte“ sich – buchstäblich – in Form von eindrucksvollen neuartigen Werkzeugen und Waffen sowie in großartigen Höhlenmalereien, kleinen Skulpturen und Musikinstrumenten. Aus der Ferne der Gegenwart sieht das aus wie eine kreative Explosion an verschiedenen Stellen des Planeten. Ich gehe jedoch davon aus, dass die meisten Cro Magnon (= Spezies VI) dem entsprachen, was man heute als „durchschnittlich intelligent und begabt“ versteht – dass aber innerhalb dieser neuen Spezies sich allmählich eine spezielle Mutation vermehrte, welche für all diese künstlerischen und sonstigen kreativen Schöpfungen verantwortlich war

In meinem Sachbuch Das Drama der Hochbegabten habe ich im Kapitel 9 habe ich die Behauptung aufgestellt, dass sich damals innerhalb der Menschheit eine neue Spezies zu zeigen begann. Ich nenne sie „Spezies VIa“ und verbinde dies mit der Idee, dass damals die Hochbegabten als neue Variante des Homo sapiens auf den Plan getreten sind. Ihr generelles Merkmal: Ein schneller getaktetes, Informationen rascher und komplexer verarbeitendes Gehirn.

Darüber kann man trefflich streiten – aber ich habe gute Argumente, die ich im Buch ausführlich darlege und demnächst auch hier im Blog →li Mutation „Hochbegabung“?
Das Fragezeichen ist wichtig – denn wie jede wissenschaftliche Hypothese ist deren Äußerung nur der Anfang einer Beweisführung.

Abb. 1: Hier ließe sich bestimmt so manche Wand bemalen… ( Photo by Pixabay on Pexels.com)

Der obige Hinweis auf die Höhlenmalereien, die ich diesem neuen Menschentyp zuordne, zeigt bereits die Richtung meiner Argumentierung. Wir werden niemals wissen, was dies urzeitlichen Künstler sich gedacht haben, als sie mit Farben und Formen daran gingen, ihre Welt zu dokumentieren und zu gestalten. Da war vermutlich Jagdzauber im Spiel, aber auch die Freude am Sichtbarmachen von Teilen der Welt, die man vorfand – dann jedoch in der künstlerischen Darstellung bereits veränderte, komprimierte, idealisierte, abstrahierte – bis hin zu Zeichen, die man als Vorläufer einer urtümlichen Schrift deuten kann.

Schreiben bringt Neues in die Welt

Mit der Schrift jedoch kam etwas noch viel Neuartigeres in die Welt – was jedem, der sie beherrschte, automatisch eine Vorrangstellung verschaffte. Das erlebten wir alle in der Schule, als wir lernten, die ersten Buchstaben zu setzen, Wörter zu schreiben, dann ganze Sätze und schließlich verständliche Texte, die Sachverhalte und Geschehnisse so in schriftliche Form fassten, dass jeder andere Schriftkundige sie problemlos in seinem eigenen Kopf nachmodellieren und nachvollziehen kann. Und das über lange Zeit hinweg – sogar Jahrtausende.
Durch die Entzifferung der mesopotamischen Schrift wissen wir nicht nur, welche Gesetze damals vor rund fast vier Jahrtausenden der König Hammurabi (1792 bis 1750 v.d.ZW.) verkündete und in eine Felswand als Edikt für alle weithin sichtbar einmeißeln ließ – wir kennen auch von Tontafeln das Gilgamesch-Epos mit der Sintflut-Sage aus einer Zeit weit vor den biblischen Überlieferungen.

Schreiben ist das vielfältigste und wirkmächtigste Werkzeug, das Menschen jemals erfunden haben. Jemand mit einem überdurchschnittlichen Verstand (Hochbegabte also) kann damit weit mehr anstellen als Gesetze zu dokumentieren und alte Geschichten zu erzählen, die man sich schon seit Urzeiten an den Lagerfeuern und in den Hütten erzählt hat:

° Man kann sich auf dem Papier oder am Bildschirm völlig neue Geschichten ausdenken.

° Man kann Computer-Programme schreiben und testen bis hin zu Algorythmen der Künstlichen Intelligenz.

° Man kann ganze Symphonien in Notenschrift festhalten, die noch Jahrhunderte später von Orchestern vom Blatt nachgespielt werden können.

Aber mit Schreiben kann man immer noch viel mehr:

° Man kann Konzepte für neue Firmen entwickeln und mit einem Business-Plan Investoren so überzeugen, dass sie Hundert von Millionen Dollar in eine Idee investieren – aus der jemand wie Elon Musk das Elektro-Auto-Imperium Tesla  aufbaut

° oder der heute reichste Mann der Welt, Jeff Bezos, seinen Amazon-Lieferdienst und sogar Touristenflüge in den nahen Weltraum.

Schreiben als zentrales Merkmal für Hochbegabung

In der Schule haben wir alle Schreiben gelernt. Das macht uns noch nicht zu Hochbegabten. Aber Hochbegabte können mit diesem Werkzeug weit mehr als Normalbegabte schaffen. Sie können dies vor allem, dann wenn sie gern schreiben. Und dies möchte ich deshalb als erstes und – nach meiner persönlichen Erfahrung und Einschätzung – wichtigstes aller Merkmale für Hochbegabung benennen. Denn Schreiben nützt alle Aspekte der Informationsverarbeitung. Und wenn dies dann auch noch mit Freude und aus eigenem Antrieb (intrinsisch) geschieht und nicht nur, weil man dazu (wie in der Schule) ständig aufgefordert wird – dann hat man bereits ein sehr treffsicheres und stabiles Unterscheidungsmerkmal, das Hochbegabung von Normalbegabung trennt.

Das entwertet nicht den Wert anderer kreativer und innovativer Ausdrucksmöglichkeiten wie Musik, Malerei, Tanz, Bildhauerei – aber es kennzeichnet doch eine ganz eigene Etage weltgestaltender Möglichkeiten:

° Ein indischer Musiker kann mit einer Raga die Zuhörer zum Weinen bringen;

° Ein Fotograf kann mit seinen Schnappschüssen die Betrachter zum Staunen veranlassen;

° ein Computerspiel-Designer kann die Gamer zu begeistertem stundenlangen Spielen verführen

° oder ein großartiger Stürmer oder Torhüter mit genialen Paraden die Zuschauer eines Fußballspiels zu frenetischem Beifall.

Auf Film gebannt, kann dies auf den Internet-Kanälen von YouTube noch nach Jahren erneut begeistern. Aber schriftliche Dokumente können dies noch nach Jahrtausenden und – dank Übersetzung – über viele Sprachgrenzen hinweg, Adaptionen mit neuen Plot-Varianten („Romeo und Julia auf dem Mars im Jahr 3000“) noch gar nicht mitgerechnet. Es gibt nichts, was der menschliche Geist nicht in Worte und somit in schriftliche Form fassen könnte. Sogar Formeln, mit denen man die Ordnung der chemischen Elemente darstellt und irgendwann vielleicht das ganze Universum verstehen wird.

Allgemein: Geschwindigkeit der Informationsübertragung (bei Hochbegabten deutlich erhöht)
Aufnahme von Informationen (Sehen, Lesen, Hören, Tasten, Riechen, Schmecken etc)
Abgabe von Informationen (Schreiben, Sprechen)
Aufnahme und Abgabe von Informationen speziell im zwischenmenschlichen Bereich (Gespräch, Video-Konferenz, Seminar, Vorlesung)
Speicherung von Informationen (Gedächtnis, schriftliche Fixierung in Dokumenten, Büchern etc.)
Übergeordnete Vernetzung von Informationen (bei einem Film kommt z.B. vieles zusammen: Drehbuch, Requisiten, Schauplätze, Darsteller, Statisten, Catering, Produktion, Finanzierung)
Vernetzung von Menschen zu Gruppen (Verein, Firma, Institution – durch Pläne, Anweisungen, E-Mails und Telefonate)
Vernetzung von Objekten (z.B. Internet der Dinge)
Abb. 2: Schreiben ist stets Umgang mit Information. Das betrifft vor allem Aufnahme, Verarbeitung, Speicherung und Abgabe von Inhalten (Archiv JvS)

Schreiben ist die Königsdisziplin. Und die Hochbegabten sind jene Menschen, die sich dieser Disziplin am erfolgreichsten bedienen. Nicht mehr – und nicht weniger.

(Forts. folgt: In weiteren Beiträgen stelle ich noch an die neunzig andere Merkmale vor, die auf Hochbegabung hinweisen können. Auf der stabilen SEITE Hochbegabt? (Test)  trage ich sie nach und nach zusammen.)

aut #1110 _ 2021-07-25/20:02

Quelle
Scheidt, Jürgen vom: Das Drama der Hochbegabten. München. Feb 2004 (Kösel) 360 Seiten ISBN 3-466-30635-3 / München Okt 2005 (Piper TB).

Unser nächstes Seminar

Große Sommer-Schreibwerkstatt. 30. Juli bis 04. August 2021 – leider ausgebucht – Warteliste. Wiederholung:
Große Sommer-Schreibwerkstatt. 17. bis 22, September – noch sechs Plätze frei.
Anmeldung → hier

Lieferbare Bücher von Jürgen vom Scheidt – alle Paperback, teilweise auch E-Book

Kreatives Schreiben – HyperWriting (Sachbuch – Ratgeber). (Frankfurt am Main 1989_Fischer TB). München 2006-11 (Allitera Paperback). 215 Seiten – € 19,90 / ISBN 978-3-86520-210-9.
Kurzgeschichten schreiben (Sachbuch – Ratgeber). (Frankfurt am Main 1994_Fischer TB) München 2002-07 (Allitera). 91 Seiten. 9,90 €uro / ISBN 3-935877-57-9.
Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität (Sachbuch – Ratgeber). München März 2004 (Allitera) 176 Seiten – 18,00 €uro / ISBN 386520-043-5.
Blues für Fagott und Zersägte Jungfrau (Anthologie mit eigenen Geschichten). München 2005 (Allitera). 140 Seiten – € 12,90 / ISBN 3-86520-121-0.
Männer gegen Raum und Zeit (Roman – Leihbuchausgabe). Wuppertal-Barmen 1958 (Wieba). Überarb. Neuausgabe 2015 (vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 301 Seiten – 14,950 € / ISBN 978-3-9816951-2-0.  / Kindle-Ausgabe als E-Book: 2,99 €.
Sternvogel (Roman – Leihbuchausgabe). Minden 1962 (Bewin). Überarb. Neuausgabe 2017 (vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 190 Seiten – 9,00 € / ISBN 9 781 520 546032.

Erfand Daidalos den Roboter?

Eigentlich müsste hier jetzt die Mini-Serie zum SelbstTest „Bin ich hochbegabt?“ weitergehen. Aber ich muss erst noch eine Bringschuld für den Stammtisch der Phantasten einlösen. Die hat allerdings viel mit „Hochbegabung“ zu tun – ging es doch bei unserem letzten Treffen (vorsichtshalber wieder online) um das Thema:

Die Zukunft des Homo Sapiens – Gedanken zum Homo Superior und zu Posthumanismus.

Ich hatte die Ehre, das zu moderieren. Im Verlauf der lebhaften Diskussion „als Schwarmintelligenz“ wies ich darauf hin, dass sich schon die „alten Griechen“ vor gut dreitausend Jahren in Zusammenhang mit der Gestalt des sagenhaften Erfinder-Genies Daidalos allerlei technische Erfindungen ausgedacht hatten:
„Die künstlichen Flügel (mit dem Daidalos und seinem unglückseligen Sohn Icaros die Flucht aus dem Labyrinth-Gefängnis gelang), den ersten Klon (Minotauros als Zwitterwesen von Stier und Mann), das rätselhafte Verwirrbauwerk Labyrinth und sogar den ersten Roboter, der schützend die Insel Kreta umkreiste.“

Als unser Abend beendet war und ich wieder allein dasaß, wurde ich unsicher: Hat tatsächlich Daidalos diesen Roboter erfunden? Es geht nichts über ein gutes Archiv, in dem auch Sachverhalte verzeichnet sind, die nicht in der Wikipedia stehen oder (noch) nicht gegoogelt werden können. Aber es war wieder einmal der Archivar Zufall, der den richtigen Fund zutage förderte:
Bei meinen Recherchen zu dem Beitrag über Ravi Shankar hier im Blog war mir auch ein Artikel in dem einstigen sci-fi- und zukunftsaffinen Magazin Planet in die Hände gefallen, in dem ich im Sommer 1969 eine Kurz-Biographie über diesen indischen Sitar-Meister veröffentlicht hatte (demnächst hier im Blog recycelt unter →li Die Farben des Geistes).

In diesem Heft war auch ein Artikel von Georg Jappe nachgedruckt mit dem Titel (man glaubt es kaum) „Dädalos erfand den Roboter“. Ich zitiere daraus:

Aristoteles berichtet, Demokrit erzähle, es habe Dädalos Quecksilber in eine hölzerne Venus gegossen, worauf diese von selbst habe gehen können; denn die unteilbaren Kügelchen, einmal angestoßen, zögen den ganzen Körper mit sich, da sie ihrer Natur nach niemals zur Ruhe kommen könnten. Die klassische Philologie hat solche immer wieder auftauchenden Berichte von technischen Wunderdingen lange Zeit für Fabeln gehalten. So bringt auch die berühmte Voßsche Übertragung von Homer das Wort „Automaten“ nicht, obwohl es bei Homer, im 18. Gesang der Ilias, zum ersten Mal erscheint. Wörtlich heißt es dort von der Arbeit des Hephaistos bei Vers 373:
„Dreifüße machte er, zwanzig in allem, die an der Wand des wohlgebauten Saals zu stehen hatten. Unter jeden Boden machte er goldene Räder, so daß die Automaten heimlich in die göttliche Versammlung rollten und wieder zum Hause zurückkehrten, ein Wunder anzuschauen.“
Erst als man den Hellenismus wiederentdeckte und auch die technischen Abhandlungen studierte (und die meisten waren, wie die zahlreichen Übersetzungen zeigen, den Arabern und der Renaissance wohlbekannt), erschienen diese „Wunderberichte“ in einem ganz anderen Licht. Denn die Alexandriner konnten sehr genau darlegen, wie die Statuen von Isis und Osiris Milch und Wein aufs Feuer gossen, wie Kybele Milch gab, wenn man ein Opferfeuer vor ihr entzündete, oder wie die ägyptischen Priester zum Erstaunen des Volkes die Tempeltüren automatisch aufgehen ließen. Wenn Homer und der Vorsokratiker Demokrit als Erfinder Figuren aus mythologischer Zeit nennen, so verweisen sie damit nicht ins Reich der Fabel, sondern in minoisch-ägyptische Zeiten, die für die Griechen schon legendäre Vorzeit waren. […]
Demokrits Beschreibung, durch Aristoteles erhalten, ist völlig exakt: der Mechanismus ist durch chinesische Puppen nachprüfbar. Das Quecksilber, das in zwei inneren Kanälen fortwährend den Schwerpunkt verlagert, läßt eine einmal angestoßene Puppe die Treppe heruntersteigen und sogar gezielte Purzelbäume schlagen.

Soweit, so gut – aber das war nicht das, was ich erinnert hatte! Was war mit dieser menschenähnlichen eisernen Kampfmaschine, die Kreta einst schützend umkreist haben soll? Auch da wurde ich, gleich an obiges Zitat anschließend, bei Jappe fündig:

Der eherne Koloß Talos, den Hephaiistos schmiedete und der Kreta bewachte, wurde, wie Apollonios Rhodios und Apollodorus ausführlich schildern, von Medea besiegt:, indem sie den Zapfen herauszog und das „Götterblut“ aus der vom Nacken zum Knöchel gespannten Ader herausfloß. Auch Talos konnte sich „wirbelnd“ fortbewegen.

Quellen
Jappe, Georg: Dädalos erfand den Roboter. In: Planet Nr. 2 vom Juli/August 1969, S. 55-61. (Nachdruck aus Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29. Mai 1967.)
Schedit, Jürgen vom: Die Farben des Geistes: Das Leben des Ravi Shankar. In: Planet Nr. 2 vom Juli/August 1969, S. 121-121.

aut #1099 _ 2021-07-23/19:01


E-Schiff „Berg“: Begegnung mit der Zukunft

Das könnte eine kleine Serie innerhalb des Blog werden: Begegnungen mit der Zukunft. Die Idee dazu kam mir, als ich vor einigen Monaten hinter einem städtischen Bus radelte und vorsichtshalber nur sehr „flach“ atmete, um möglichst wenig Abgase einzusaugen. Bis ich begriff, dass ich zufällig hinter einem der ersten Elektro-Busse der Stadt herfuhr. Seitdem achte ich sehr auf solche Anzeichen für die sich entwickelnde „technische Zukunft“.

In München dürfte es dafür viele Hinweise geben – sprießen hier doch die zukunftsträchtigen Startups und ihre Produkte nur so aus dem Boden. Auch am Vortag bin ich, wieder zufällig, der Zukunft begegnet, und zwar auf dem Starnberger See. Um zum Startpunkt meiner Wanderung am Westufer in Possenhofen zu gelangen, bestieg ich an der Schiffslände in Starnberg die funkelnagelneue „Berg“ – das erste vollelektrische Schiff dieser Art deutschlandweit.
(Entschuldigen Sie die mäßige Qualität des rechten Fotos – wird demnächst ersetzt.)

München „dicht“ für Verbrenner-Autos?

Die Ladestationen für E-Autos nehmen ebenfalls überall zu – was meine Hoffnung nährt, noch zu erleben, dass man die Stadt für Verbrenner dichtmacht. Es ist schon eine unglaubliche Zumutung, dass jedes benzin- oder dieselgetriebene Auto seine Giftgase problemlos in die Umgebung verbreiten darf! Nach dem Verursacherprinzip müsste man längst verlangen, dass alle Abgase ins Innere der Fahrzeuge geleitet werden. Das gäbe einen Aufschrei – wenn eine Partei dies propagieren würde!

Der Widerstand der entsprechend altgerüsteten Bevölkerung ist gewaltig, sich zu modernisieren. Aber die ÖDP hat es ja 2007 dank Sebastian Frankenbergers Bemühungen mit ihrer Initiative für ein Rauchverbot in öffentlichen Einrichtungen tatsächlich geschafft, dass ich heute in einem Café meinen Cappuccino trinken und die Zeitung lesen kann, ohne mich hinterher duschen und die verstunkene Kleidung wechseln zu müssen. (Frankenberger bekam dafür Morddrohungen.)

Klar – der Strom für all diese Fahrzeuge (dazu kommen ja E-Motorroller und E-Scooter) muss erzeugt werden und dies klimaneutral. Aber diese Zukunft wird kommen – weil sie kommen muss. Fragt sich nur: wann? Ich bin jetzt 81 Jahre alt und möchte das jedenfalls gerne noch erleben.

Also, Menschheit – mach dich an die Arbeit! Damit das nicht Science-Fiction bleibt, sondern Science-Fact wird.

aut #1107 _ 2021-07-22/18:00

„Bin ich hochbegabt?“ (SelbstTest)

(Vorbemerkung: Dies wird eine kleine Serie innerhalb des Blogs, die nach Abschluss der Serie in einer eigenen stabilen SEITE Hochbegabt? zusammengefasst und archiviert wird. Dementsprechend ist dieser SelbstTest – erreichbar am oberen Menü-Rand der Startseite – derzeit noch sehr „work in progress“.)

In meinem Buch Das Drama der Hochbegabten habe ich 2004 eine Reihe von Merkmalen zusammengefasst, die in der psychologischen Literatur als typisch für Hochbegabung gelten – also für einen Intelligenzquotienten von 130 aufwärts.

Schon letzteres muss genauer definiert werden, denn es gibt inzwischen eine fast unübersehbare Fülle von solchen Tests, mit denen die Höhe der Intelligenz eines Menschen (oder auch eines Tiers – wie bei vielen Ratten- oder Mäuseversuchen) geprüft wird. Fast allen diesen Tests ist ein Manko gemeinsam: Sie versuchen (!), die verbale intellektuelle Denkfähigkeit durch standardisierte Fragenkataloge zu erfassen. Einige wenige I-Tests (wie der Labyrinth-Test) nähern sich der Fragestellung durch „sprachlose“ Struktur – sind dadurch aber naturgemäß mit den sprachorientierten anderen Tests nur schlecht vergleichbar.
Man kann sich bei mensa (einem Verein von Hochbegabten) mit einem Online-Test oder einem Gruppen-Test einen ersten Eindruck vom eigenen Potenzial verschaffen.
Wie bei jedem psychologischen Test gilt: Das Ergebnis ist sehr von der jeweiligen Tagesform abhängig und von der eigenen Persönlichkeit mit all ihren Unwägbarkeiten:
Wer an einer Depression leidet, hat nicht nur eine verringerte Motivation, so einen Test möglichst gut zu bestehen – sondern ist auch in seinen Reaktionen und Denkabläufen verlangsamt und wird dementsprechend nicht so viele Fragen des Tests beantworten können wie jemand, der psychisch einigermaßen gesund ist.

Mein hier vorgestellter SelbstTest ist kein standardisierter (= vielfach überprüfter) richtiger Test, sondern nur ein Merkmalskatalog, der eine erste grobe Einschätzung ermöglichen soll. Diese Selbsteinschätzung sollte man irgendwann mit Hilfe eines bewährten Tests wie dem HAWIE überprüfen lassen. Der liefert nur dann sinnvolle Ergebnisse, wenn er von einer entsprechenden Fachperson durchgeführt wird – in der Regel eine Diplompsychologin oder ein Diplompsychologe mit Zusatzausbildung.

Auch untereinander sind diese Tests wenig kompatibel. Man muss zum Beispiel wissen, dass zum Beispiel ein IQ, der mit dem in Deutschland früher viel verwendeten Amthauer-Test ermittelt wurde, etwa zehn Punkte nach unten von Ergebnissen des HAWIE abweicht. Als ich 1961 die Eignungsprüfung für das Studium der Psychologie absolvierte, war mein Ergebnis mit dem Amthauer „119“. Erst während der Arbeiten an meinem Buch Das Drama der Hochbegabten begriff ich, dass dies beim HAWIE einem Ergebnis von etwa „129“ entspricht. Meine Tagesform damals war – schon wegen dem Prüfungsdruck bei so einer Veranstaltung, welche die Weichen für ein ganzes Leben stellt – auf gutdeutsch „beschissen“. Aber immerhin – jetzt weiß ich, dass ich hochbegabt bin. Den auf einen Punkt mehr oder weniger kommt es wirklich nicht an.

In Deutschland, wie auch anderswo in der westlichen Welt, hat sich der HAWIE-Test als immer wieder überprüftes und nachjustiertes Verfahren durchgesetzt. Es ist genau genommen die Test-Variante für Erwachsene (was der letzte Buchstabe des Akronyms „Hamburg Wechsler Intelligenztest für Erwachsene“ andeutet); der entsprechende Test für Kinder ist der HAWIK.

(Wer sich für die Geschichte der Intelligenz-Tests und ihrer Entwicklung über die Jahrhunderte hinweg interessiert, findet alle wichtigen Details in meiner Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz… Eine hochinteressante Geschichte, in der sich so ziemlich alle Themen der Psychologie vorfinden lassen.)

Abb. 3: Die Gauß’schen Glockenkurve der Intelligenz (auch »Normalverteilung« genannt) (Archiv JvS)

Wie man obiger Grafik (Abb. 3) entnehmen kann, verfügt der größte Teil der Bevölkerung (rund 95 %) über eine durchschnittliche Intelligenz zwischen 70 und 130 (Mittelwert = 100). Am linken Rand findet man rund drei Prozent Minderbegabte, rechts entsprechend drei Prozent Hochbegabte. Der genaue Wert ist 2,27%. Ich nehme das aber nicht so genau, denn
° zum einen ist kein Testergebnis eine derart punktgenaue Aussage,
° zum anderen mag ich die Zahl „3“ sehr (was natürlich überhaupt kein wissenschaftlich relevantes Argument ist)
° und drittens lässt sich mit 3% leichter rechnen (um zum Beispiel den Anteil der HB an der deutschen Bevölkerung abzuschätzen*).

* Wer es genau haben will: Die deutsche Bevölkerung beträgt rund 83 Millionen (Stand 2019) – davon 1% = 830.000 x 3 = rund 2.49 Millionen Hochbegabte. Rechnet man exakt mit 2,27 %, ergibt das 1,88 Millionen HB.
Bezogen auf die Weltbevölkerung von 7,95 Milliarden (Stand 2021) – ergibt das 23,85 Millionen HB weltweit (bzw. 18,046 Millionen HB bei 2,27%) – immer vorausgesetzt, dass der Anteil der HB überall etwa gleich ist.

(Fortsetzung folgt)

Quellen
Brackmann, Andrea: Ganz normal hochbegabt. Stuttgart 2006 (Klett-Cotta).
dies.: Extrem begabt. Stuttgart 2020 (Klett-Cotta).
Scheidt, Jürgen vom: Das Drama der Hochbegabten. München 2004 (Kösel). TB-Ausgabe München 2005 (Piper).
ders.: Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität. München März 2004 (Allitera) 176 Seiten – 18,00 €uro / ISBN 386520-043-5.
Winner, Ellen: Hochbegabt: Mythen und Realitäten von außergewöhnlichen Kindern. (1996) Stuttgart 1998 (Klett-Cotta).

aut #405 _ 2021-07-21/08:43

Begegnung mit einem Baum: WuTang

(Nein, ich war an diesem Abend nicht bekifft, war ich schon seit 40 Jahren nicht mehr. Ich war nur phantasievoll. Und open-minded.)

Wenn du reden könntest, großer Baum – wenn du einen Namen hättest –

Du könntest mich WuTang nennen.

Was denn – du sprichst? ein Baum?

Ja.

Klingt irgendwie chinesisch – WuTang –

Mag schon sein.

Warum soll ich dich so nennen?

Du sollst nicht – du kannst.

Ich weiß nicht so recht – ein Baum kann doch nicht reden.

Wenn du meinst.

Nein, das geht nicht, Bäume reden nicht – das hat dir mein Bauch telefoniert.

Oder ich Baum habe es dir geflüstert.

Im Herr der Ringe können Bäume reden und laufen und sogar Krieg führen –

Kann ich alles nicht. Ich kann nur stehen und wachsen. Seit mehr als 200 Jahren stehe und wachse ich. Aber meine mir angemessene Größe habe ich längst erreicht. Ich weiß, dass Wachstum eine Grenze hat. Mehr sage ich dazu nicht.

Redest du wirklich mit mir – WuTang?

Ja – wenn du mich WuTang nennst.

Verstehe. Ist ein wenig einsam hier, nicht wahr?

Fühlst du dich einsam? Ich nicht. Da sind all die Menschen, die sich wie du hier auf die Bank setzen und schwätzen und fotografieren und staunen. Da sind die Vögel, die mir was erzählen. Da rauscht der Fluss vorbei – Bist du einsam?

Eigentlich nicht. Naja, manchmal schon. Seit meine Frau Ruth gestorben ist – aber ich komme gut zurecht. Hab Kontakt mit vielen Menschen. Und bin schon immer sehr selbstgenügsam gewesen. Lese gerne, kann mich in ein Buch verlieren, oder einen Film –

Oder mit einem Baum reden –

Moment mal – du hast doch das Gespräch begonnen.

Hab ich das?

So sieht es für mich aus – oder soll ich sagen: So hört es sich an?

Ich kann noch etwas, Mensch, während ich hier stehe. Ich kann dem Fluss zuhören, der seit Tausenden von Jahren von den Bergen kommt und mir von dort oben erzählt und von dem, was er unterwegs erlebt und mitnimmt. Viel braune Muttererde zur Zeit, die der Regen der letzten Tage weggeschwemmt hat. Viel Leid unter den Menschen transportiert der Fluss an mir vorbei. Aber in einigen Tagen bin ich wieder klar und durchsichtig. Sagt der Fluss. Wie all die Jahrtausende zuvor.

Hier bei dir ist gut zur Ruhe kommen, WuTang. Am Stauwehr im Englischen Garten hinter dem Haus der Kunst. Danke!

Gern geschehen. Kannst ja mal wiederkommen.

Mache ich, WuTang. Ach noch was, da kommt mir eine Idee. Wenn ich mal tot bin – dürfte ich meine Asche hier an deinen Wurzeln verstreuen lassen?

Muss nicht unbedingt sein. Ich kann mich ja nicht dagegen wehren. Der nächste Wind pustet das eh weg. Aber du könntest deine Überreste ja gleich in den Eisbach streuen lassen – ist eine saubere Lösung. Wenn die Friedhofsverwaltung das erlaubt.

Das wird sie wohl nicht tun. Es sei denn, wir nennen es Seemannsbestattung –

Du – ein Seemann?

Nein. Lassen wir das. Ich wollte mich eh kompostieren lassen, sobald das technisch auch bei uns möglich ist.

Deine Angelegenheit. Mensch.

Nichts für ungut, Baum. Und Guten Abend, WuTang.

Dazu sag ich jetzt nichts mehr. Du willst eh das letzte Wort behalten, ich kenne dich.

aut #1102 _ 2021-07-19/12:18

Tsunami am Horizont

Ich bin mit einem starken Druck im Kopf aufgewacht. Als ich meinen Early Morning Tea trank und begann, meine Gedanken zu sortieren und aufzuschreiben (wie ich das jeden Morgen mache), wurde mir plötzlich klar, weshalb mir in der Kurzgeschichte →
„Was murmelt hier?“ das Bild mit dem drohenden Tsunami eingefallen ist.
Das hatte sich wie von selbst einfach so hingeschrieben. Aber jetzt ist mir klar, dass sich vor mir in der Tat so etwas wie ein Tsunami ankündigt: Eine Fülle von Projekten, die ich in Arbeit habe und demnächst liefern will und die noch nicht abgeschlossen sind – zum Beispiel die beiden Anthologien, die ich demnächst beim Verlag abliefern soll und meine Autobiographie (die zwar allmählich hier im Blog Formen annimmt, aber noch viel zusätzlicher Gestaltungsarbeit bedarf). Dann die Buchführung (seit Februar nachzutragen) und die elektronische Steuererklärung ElStEr für 2020.
Beim Tsunami ist es ja so, dass sich die heranstürmende Monsterwelle vor der Küste immer höher aufgetürmt, weil das flach ansteigende Ufer sich in den Weg stellt. Dieser Effekt wird auf ähnliche Weise bei mir dadurch hervorgerufen, dass es Termine mit Seminaren gibt, die in den kommenden Wochen viel Zeit beanspruchen, in denen ich nicht an den obigen Projekten arbeiten kann.

Um nicht in der Tat zu „ersaufen“, begebe ich mich rechtzeitig auf eine Anhöhe in genügender Entfernung vom Ufer, von der aus ich das Terrain gefahrlos überblicken kann – ohne von der Sturmflut erfasst und davon gewirbelt zu werden. Das habe ich sinngemäß eben getan, indem ich all dies aufgeschrieben habe. Der Druck in meinem Kopf hat sich gelöst. Es ist klar, welche Projekte am dringendsten sind und welche am einfachsten erledigt werden können.

So ist das eben morgens wenn man aufwacht: Im Schlaf und Traum ist das weitgehend abgeschaltet, was man tagsüber als „Enge des Bewusstseins“ erlebt. Das Unbewusste und das Vorbewusste hat solche engen Grenzen nicht.
So ist die Reihenfolge richtig: Der Sturm, das Aufräumen und dann die vorübergehende Leere im Bewusstsein – wenn alles gesichert ist, was an Einfällen und Gedanken auf einen eingestürmt ist.

Abb: So schlimm wird es hoffentlich nicht werden! (Photo by Jess Vide on Pexels.com)

Musikalische Begleitung

Rollee McGill: Rhythm´Rockin´Blues
Nur vier Stücke (von insgesamt 30) sind auf dieser CD immer wieder hörenswert:
° Die schwermütige Ballade „There goes that train“ (mit einem sensationellen Saxophon-Solo von gerade mal 55 Sekunden von Rollee McGill)
° und der gerade herzzerreißende Boogie „You left me here to cry“.
° Wer jemals verliebt war und dann verlassen wurde, wird sich bei “ A Moment of Love“ wunderbar verstanden und getröstet fühlen.
° Der Titelsong der CD „Rhythm´Rockin´Blues“ schließlich ist ein saftiger Stimmungsaufheller, bei dem man aufspringen und tanzen möchte – R´n´B vom Feinsten, wo tiefe Traurigkeit von einem trotzig wilden Rhythmus aufgefangen wird – und zugleich ein schönes Beispiel dafür, wo der Rock´n´Roll der Weißen herkommt, die damit das große Geschäft machten, allen voran Elvis Presley und dann die Rolling Stones und die Beatles.

Die anderen Stücke auf dieser CD sind alle ganz nett, aber typisch für B-Seiten – während „… Train“ und „You left me…“ – ursprünglich auf ein und derselben Single – so etwas wie der zeitlose One wonder hit war und ist, den man bei vielen Sängerinnen und Sängern der R´n´B-Szene findet.
Nur wenige Entertainer wie Joe Turner und Ray Charles haben durchgängig ein sehr hohes musikalisches Niveau gehalten und nicht zufällig hochwertigen Jazz und eingängigere (aber stets originelle, unverwechselbare) R´n´B-Stücke parallel eingespielt. Ray Charles verzeiht man sogar die späteren Chöre und Geigen-Arrangements, mit denen er vor allem bei einem weißen Publikum Anerkennung suchte und ordentlich abkassieren wollte – was ihm auch erstaunlich gut gelungen ist. Wenn man Ray, den Film über sein Leben und seine Musik gesehen hat (worin ihn Jamie Foxx kongenial dargestellt hat) versteht man das alles. Wer auf diesem Planeten schafft es schon, mit dem Vornamen zum Markenzeichen zu werden! Und das als seit dem achten Lebensjahr Blinder, der aus allerärmsten und noch dazu „schwarzen“ Verhältnissen stammte – und es trotzdem schaffte, dank seiner musikalischen Hochbegabung ein Weltstar zu werden, der uns Jugendliche Ende der 1950er Jahre beeindruckte (s. → C.C. Rider) und den man heute noch spielt, sieben Jahrzehnte danach.

Bei anderen Stücken von Rollee McGill wie „There´s Madness in my heart“ kommt es sehr auf die eigene Stimmung (und Lebenssituation) an, wie das auf einen wirkt. Und manches ist einfach grauenhafter Kitsch, der bei den Schwarzen leider noch schlimmer schmachtfetzig ausfällt wie bei ihren weißen Kollegen – wer kennt noch „My Prayer“ und „Only you“ von den Platters oder „When I met you Baby“ von Clyde McPhatter? Bei letzerer Ballade ist sogar mein Vater dahingeschmolzen, der mit „schwarzer“ Musik sonst nichts anfangen konnte (und ich mag diesen Song auch, wenn ich ehrlich bin – wenn mir gerade stimmungsmäßig danach ist.)
„Ain´t going steady any more“ und die meisten anderen Stücke sind die typische Dutzendware für ein Teenager-Publikum und dem Geschmack der weißen Charts abgeguckt – oder es war einfach nicht mehr Kreativität und  Talent vorhanden (sagt aus großer zeitlicher Ferne der abgehoben-kritische weiße alte Mann, der diese Musik vergleicht mit den Großen des Genres und dies auch tun muss – damit er nicht ertrinkt im Meer der Beliebigkeit des weltweiten Angebots an Musik: „75 Millionen“ Titel kann man by Apple Music abrufen, habe ich neulich als Werbung gelesen).

aut #1098 _ 2021-07-18/14:28

Unser nächstes Seminar

Große Sommer-Schreibwerkstatt 1 – 30. Juli bis 04. August 2021 – leider ausgebucht. Wiederholung:
→  Große Sommer-Schreibwerkstatt. 17. bis 22, September – noch vier Plätze frei.
Anmeldung ? hier

Abb: Lieferbare Bücher (Archiv JvS)

Lieferbare Bücher von Jürgen vom Scheidt – als Paperback, teilweise als E-Book

Kreatives Schreiben – HyperWriting (Sachbuch – Ratgeber). (Frankfurt am Main 1989_Fischer TB). München 2006-11 (Allitera Paperback). 215 Seiten – € 19,90 / ISBN 978-3-86520-210-9.
Kurzgeschichten schreiben (Sachbuch – Ratgeber). (Frankfurt am Main 1994_Fischer TB) München 2002-07 (Allitera). 91 Seiten. 9,90 €uro / ISBN 3-935877-57-9.
Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität (Sachbuch – Ratgeber). München März 2004 (Allitera) 176 Seiten – 18,00 €uro / ISBN 386520-043-5.
Blues für Fagott und Zersägte Jungfrau (Anthologie mit eigenen Geschichten). München 2005 (Allitera). 140 Seiten – € 12,90 / ISBN 3-86520-121-0.
Männer gegen Raum und Zeit (Roman – Leihbuchausgabe). Wuppertal-Barmen 1958 (Wieba). Überarb. Neuausgabe 2015 (vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 301 Seiten – 14,950 € / ISBN 978-3-9816951-2-0.  / Kindle-Ausgabe als E-Book: 2,99 €.
Sternvogel (Roman – Leihbuchausgabe). Minden 1962 (Bewin). Überarb. Neuausgabe 2017 (vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 190 Seiten – 9,00 € / ISBN 9 781 520 546032.

°Was murmelt hier? (Story)

Das Rauschen kam aus unendlicher Ferne. Seine Augenlider waren wie verschweißt und ließen sich nicht öffnen. Es dämmerte ihm, dass er wohl eben aus einem Traum aufwachte. Hatte der Wecker schon geklingelt? Oder würde diese vertraute Melodie gleich ertönen und ihn sanft in den Tag begleiten –

Dieses verdammte Rauschen! Also doch. Er hatte es geahnt. Er würde wieder am Ufer stehen, auf den leergesaugten Strand mit all dem Dreck schauen und in der Ferne würde sich die Brandung auftürmen und dann würde der Tsunami herantoben und alles mit sich reißen und ihn –

Gemach. Das kannte er alles schon. Er hatte es viele Male erlebt. Und zu Beginn viele Male nicht überlebt. War immer wieder neu aufgewacht zum melodiösen Klang seines Weckers und dem Geruch des Frühstücks-Buffets, das sie unten im Garten des Hotels unter den sich sanft wiegenden Palmen an endlosen Tischen ausgebreitet hatten: Gebratener Speck, Eier, kleine Pizzen, köstliche Fischstücke, Garnelen in exotischen Saucen, sogar Hummer, Salate mit Mango Chutney –

Er konnte von alledem so viel essen, wie er wollte und würde doch nicht zunehmen und am nächsten Morgen genau den selben Hunger haben wie immer – und immer wieder –

Dann das ferne Rauschen. Das Klopfen an der Tür. Die Schöne, die er einige Tage zuvor, und dann auch in den folgenden Tagen angebaggert hatte, immer geschickter – bis sie sich am Abend bei einem Glass Champagner hatte überreden lassen –
Und die dann, ja, das fiel ihm nun wieder ein, mal eben Schwimmen gegangen war, während er noch schlief und nun gleich, mit einer leuchtend roten frischen Hibiskusblüte im Haar und weit offenem Ausschnitt zurückkommen und klopfen würde und –

Aber da war kein Klopfen. Warum trat Anny nicht ein? Warum war da plötzlich kein Rauschen mehr in weiter Ferne, sondern ein eigenartiges Geräusch, schwer einzuordnen, wie fremde Stimmen.

„Was murmelt hier?“ artikulierte seine geschwollene Zunge. Das war auch neu. Irgendetwas hatte über Nacht seine Zunge anschwellen lassen. War das etwas Gutartiges – oder etwas Gefährliches? Sollte er den Hotelarzt kommen lassen?

Und wo blieb Anny? mit der leuchtend roten Blüte? Heute kein Tsunami – nachdem er endlich gelernt hatte, rechtzeitig auf die rettende Anhöhe zu flüchten, von der aus er, in sicherem Abstand, das ungeheure Ereignis beobachten konnte wie ein Theaterstück, das nur für ihn aufgeführt wurde und das fast nur er überleben würde und noch einige Leute, die er nach und nach ein wenig kennenlernte –
– was sonst sollte er tun in diesem verlassenen Stück Südsee, wohin ihn der Urlaub verschlagen hatte-

Jetzt fiel es ihm wieder ein. Gestern der Besuch beim Speziallabor, zu dem der Hotelarzt diese Gewebeprobe aus seiner Zunge geschickt hatte. Er wollte Gewissheit haben und nicht warten, bis der Bericht zum Arzt geschickt wurde, der ihm dann das Ergebnis mitteilen würde – er wollte gleich Genaues erfahren –

Ja, jetzt sah er den Zettel wieder, der auf dem Tisch neben der Tür lag, die auf den Balkon mit Blick aufs Meer führte. Jetzt fiel es ihm wieder ein: Inoperables Karzinom – Letalität 100 Prozent. Lebenserwartung drei Monate. Zunehmende unerträgliche Schmerzen.

Ungefähr so stand es da auf dem gelben Blatt – mit teils roter Schrift. Und ihm fiel nun auch wieder ein, dass er schon ein Dutzend Mal versucht hatte, in eine Variante dieser Zeitschleife zu gelangen, wo dieses tödliche Karzinom nicht existierte.

Er wusste nun auch, dass der Wecker nicht klingeln würde und dass Anny nicht kommen würde. Er würde seine Badehose anziehen und die Badelatschen und das Handtuch leger über die Schulter werfen und ein Liedchen pfeifen und gemächlich zum Strand hinunterlaufen und sich dort mit ausgebreiteten Armen hinstellen und auf diese gigantische Wasserwand warten.

Und dann würde er ja sehen, ob er diesmal davonkommen würde oder ob ihn irgendein winziger Zufall, der aber alles veränderte, vielleicht in eine Zeitlinie warf, in der man den Krebs doch heilen konnte – oder in der er gar keinen Krebs hatte – weil sich das Labor täuschte?

Oder vielleicht kam es nur darauf an, das Unausweichliche mannhaft anzunehmen. Und nicht am anderen Morgen wieder aufzuwachen. Sondern endlich tot zu sein.

Ja, wer oder was murmelt hier, dachte er. Und holte noch einmal tief Luft, während sich über ihm, dreißig, vierzig, fünfzig Meter hoch, das Meer auftürmte.

Abb: Und er holte noch einmal tief Luft… (Photo by Emiliano Arano on Pexels.com)

„Hallo Fred, Guten Morgen“, flüsterte ihre Stimme in sein Ohr und leckte das Ohrläppchen, wie sie es gerne tat, wenn ihr danach war, mit ihm unter die Decke zu kriechen –

Er setzte sich abrupt auf. Was war mit seiner Zunge? Sie fühlte sich völlig normal an. „Was murmelt hier?“ flüsterte er.

Sie lachte hell auf. „Niemand murmelt. Das ist das Rauschen des Meers. Angeblich soll es heute einen Tsunami geben – natürlich nur unten im Kino. Komm, steh auf, ich habe einen Bärinnenhunger – unten sind schon die Köstlichkeiten aufgebahrt -„

„Bitte, Anny, wie oft soll ich dir noch sagen – das heißt nicht: aufgebahrt, sondern ausgebreitet. Aufgebahrt werden nur die Toten – und die wollen wir doch nicht haben – oder?“

„Nein, auf gar keinen Fall, Herr Professor Besserwisser. Aber ins Kino gehen wir schon – sonst wird das wieder so ein langweiliger Abend mit Essen und Champagner und dieser lahmen Kapelle, die immer die gleichen Stücke vom vorletzten Jahr spielt -„

Sie summte vergnügt die Melodie des Schlagers „Auf einer einsamen Insel sind wir beide allein -„

„Okay, gehen wir heute Abend ins Kino. Zum Tsunami. Und jetzt – „

Sie zog ihm schelmisch lächelnd langsam die Badehose aus. „Aber erst noch – wie war das mit der Zunge?“

Jetzt fiel es ihm wieder ein. Groundhog Day hieß dieser Film – auf deutsch ein wenig dämlich übersetzt als Und täglich grüßt das Murmeltier. Wie kam er bloß da drauf? Er hatte den Film nie gesehen. Murmeltier – warum denn das?

Ende

aut #1085 _ 2021-07-17/18:46

(Vergleiche auch den Beitrag → Murmeltier-Tage.)

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Lieferbare Bücher von Jürgen vom Scheidt – alle Paperback, teilweise als E-Book

Kreatives Schreiben – HyperWriting (Sachbuch – Ratgeber). (Frankfurt am Main 1989_Fischer TB). München 2006-11 (Allitera Paperback). 215 Seiten – € 19,90 / ISBN 978-3-86520-210-9.
Kurzgeschichten schreiben (Sachbuch – Ratgeber). (Frankfurt am Main 1994_Fischer TB) München 2002-07 (Allitera). 91 Seiten. 9,90 €uro / ISBN 3-935877-57-9.
Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität (Sachbuch – Ratgeber). München März 2004 (Allitera) 176 Seiten – 18,00 €uro / ISBN 386520-043-5.
Blues für Fagott und Zersägte Jungfrau (Anthologie mit eigenen Geschichten). München 2005 (Allitera). 140 Seiten – € 12,90 / ISBN 3-86520-121-0.
Männer gegen Raum und Zeit (Roman – Leihbuchausgabe). Wuppertal-Barmen 1958 (Wieba). Überarb. Neuausgabe 2015 (vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 301 Seiten – 14,950 € / ISBN 978-3-9816951-2-0.  / Kindle-Ausgabe als E-Book: 2,99 €.
Sternvogel (Roman – Leihbuchausgabe). Minden 1962 (Bewin). Überarb. Neuausgabe 2017 (vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 190 Seiten – 9,00 € / ISBN 9 781 520 546032.