Prokrastination

Der Bayerische Rundfunk ist umgezogen, wie ich einem Bericht in der Süddeutschen Zeitung entnehme. Das ruft Erinnerungen wach an die Zeit von 1977 bis 2001, als ich oft in diesem Büroturm in der Arnulfstraße nahe dem Hauptbahnhof ein- und ausging und so manche Stunde im Studio in den Gebäuden gleich daneben meine Texte las. Das war immer eine gute Herausforderung, das hat mir viel Freude gemacht. Aber das war auch immer mit großem Stress verbunden. Denn ich litt lange unter etwas, das man Prokrastination nennt.

Abb.: Wenn man die Zeit dehnen könnte – wie bei einem Raumschiff, das sich der Lichtgeschwindigkeit nähert, sodass es zur Zeitdilatation kommt – oder den Sekundenzeiger anhalten könnte (wie hier im Bild) – dann wäre Prokrastination vielleicht kein Problem.

Wer kennt das nicht – wichtige Jobs nicht gleich erledigen, sondern vor sich herschieben. Lernt man am besten während eines Universitätsstudiums. So ging es jedenfalls mir. Ich habe darunter viele Jahrzehnte wirklich gelitten. Vor allem während meiner Tätigkeit als Journalist hat mich das immer wieder enorm genervt – nicht zuletzt, weil man da meistens mehrere Text-Projekte gleichzeitig in der Pipeline hat.

Was man dabei gerne übersieht: Man bereitet auch den Empfängern am anderen Ende der Line Probleme – den verantwortlichen Redakteuren, die ja auch ihre eigene Pipeline bestücken müssen.

Oft (nein: eigentlich immer) bin ich mit dem Fahrrad zur Süddeutschen Zeitung (damals noch zentral in der Altstadt, im Färbergraben) geradelt, um eine Buchbesprechung oder einen Beitrag für die Seite „SZ Hobby“ noch fristgemäß abzuliefern.
Das Highlight (im negativen Sinn) waren die Fahrten mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof kurz vor Mitternacht, um den Nachtzug nach Hamburg zu erreichen, damit ein Manuskript für die Zeitschrift warum! oder für die Welt noch rechtzeitig am anderen Morgen zur Schlussredaktion gelangte. Anschließend saß ich dann noch im nächsten McDonalds, aß nach Mitternacht sechs Chicken Nuggets und Pommes und trank eine Fanta, las die vom Zeitungsverkäufer gerade angebotene Ausgabe der Süddeutschen vom nächsten Tag – und kam langsam zur Ruhe von dieser Hetze. (Von Entschleunigung wusste ich damals noch nichts.)
Warum dieses eigentlich unwürdige und zudem höchst unprofessionelle Verhalten*?

* – obwohl das wahrscheinlich die meisten Journalisten so machen, vor allem die männlichen – habe ich den Verdacht – ist wohl so eine Art Berufskrankheit.

Die beste Ausrede, die mir einfällt: Irgendwie brauchte ich wohl diesen Kick, diesen Nervenkitzel, diese Mischung aus „Angst und Lust“, die man englisch thrill nennt. Dieses Gefühl: Ich kann das, ich schaffe dass. Denn ich bin einfach gut (wahlweise: der Beste).
Über letzteres kann man streiten. Meine Texte wurden zwar immer gedruckt. Und lesbar waren sie auch. Aber mit weniger – selbst erzeugtem – Zeitdruck wären sie wahrscheinlich noch besser geworden.

Das Schlimmste, was mir „prokratinativ“ jemals passiert ist (und dafür würde ich mich gerne bei dem zuständigen Redakteur nachträglich nochmals entschuldigen – leider ist er inzwischen verstorben): Das Sende-Manuskript für das Feature „Trauminsel – Inseltraum: Atlantis und das Goldene Zeitalter der Menschheit“. Dass ich die (von mir verfassten) Texte meistens erst im Studio intensiv für die Lesung vorbereitete, war ein geringes Problem, weil ich den Text ja bestens kannte und im Lesen gut geübt und selbstsicher war. Aber manchmal war das Manuskript noch verbesserungswürdig – und das musste dann leider während der Aufnahme im Studio geschehen.
Bei „Atlantis…“ hatte ich besonders viel gemurkst und war beschäftigt mit ständigem Wechsel von Lesen – Korrigieren – erneutem Lesen. Nochmal korrigieren, ergänzen, Redigieren. Es war eine einzige unprofessionelle Schande. Bis dem Redakteur der Geduldsfasen riss und wir im Aufnahmeraum heftig zu streiten begannen – das heißt, er machte mir (nur zu berechtigte) Vorwürfe) und ich entschuldigte mich. Das setzte sich fort in seine Redaktionsräume im anderen Teil des Rundfunkgebäudes (die Sendung war da glücklicherweise schon „im Kasten“).
Auch wenn die Sendung sehr gelungen ist – ich schäme ´mich heute noch für diese „Aufführung“.

Warum ich das alles hier im Blog ausbreite? Nun, dieser Text soll – wie jede gute Geschichte – eine Pointe haben, die ja im Titel bereits angedeutet wird: Irgendwie ist es mir gelungene, diesen Stress abzubauen. Ich habe auch heute noch Termine (aktuell warten einige Texte darauf, geliefert zu werden). Aber ich gestalte dass entspannter. Könnte etwas mit dem Älterwerden zu tun habe (was angeblich auch zu einer gewissen Weisheit und Reife führen soll). Vor allem schiebe ich wirklich nichts mehr vor mir her auf die sprichwörtliche „lange Bank“. Bestes Beispiel: Die Buchführung und Abgabe der Steuererklärung.
Die Buchführung schob ich früher jedes Vierteljahr vor mir her – und machte sie dann unter enormem Stress mit „Fristverlängerung“, damit die vierteljährliche Umsatzsteuererklärung möglich wurde. . Den Termin „31. Mai“ für die jährliche Gesamtsteuererklärung habe ich jedes Mal verpasst – die Steuerberaterin musste immer (!) um Fristverlängerung bis Februar des nächsten Jahres bitten.

Irgendwann habe ich jedoch „die Kurve gekriegt“. Schon seit gut zehn Jahren mache ich die Buchführung immer am Monatsende; inzwischen sogar alle zwei Wochen. Und das Beste: Jetzt mache ich das sogar ausgesprochen gerne, habe so etwas wie eine „Freude am Umgang mit den Zahlen“ entdeckt.

Die Steuererklärung (inzwischen ja digital-elektronisch mit ElStEr) macht mir auch keinen Stress mehr. Spätestens im August war die für 2018 beim Finanzamt (mit einer winzig kleinen Bitte um Fristverlängerung und inzwischen ohne Steuerberater – geht ganz einfach mit der WISO-Software).

Und nun zur Pointe:

Die Steuererklärung für 2019 habe ich fristgemäß Ende Juli 2020 abgeschickt (was jetzt der offizielle Abgabetermin für ElStEr ist).

Bravo! Applaus!

Prokrastination ist keine im Verzeichnis der Weltgesundheitsbehörde eingetragene „psychische Krankheit“. Aber es ist vielleicht die schlimmste von allen – weil sie so viele Nebenwirkungen hat. Ich weiß, wovon ich rede.
Und dass ich seit 1982 die Beendigung eines Romanwerks von inzwischen geplanten fünf bis sieben Bänden vor mir herschiebe und herschiebe und herschiebe – das hat nun wirklich nichts mit Prokrastination zu tun. Das braucht einfach seine Zeit, da musste einfach noch so viel anderes in der Pipeline erledigt werden. Zum Beispiel die Buchführung für Mai 2022. Und die ElStEr für 2021 habe ich sogar schon im Februar 2022 abgeschickt.

Gut Ding will eben Weile haben – so sagt man doch. Das gilt auch für den Abbau von Prokrastination.

Fortsetzung folgt: → Ist Prokrastination heilbar?

Quellen
<NN: Der Rundfunk zieht um>. In: Südd. Zeitung vom ?? Dez 2020.
Glotzmann, Thorsten: „Produktive Prokrastination. In: Südd. Zeitung vom 22. Jan 2016 (Feuilleton), S. 14.
Scheidt, Jürgen vom: Trauminsel – Inseltraum: Atlantis und das Goldene Zeitalter der Menschheit. München Okt 1992. Manuskript für den Bayrischen Rundfunk – Nachtstudio).

aut #1317 _ Aktualisiert: 2022-06-14/11:44 / 2022-06-13/14:56 (2022-04-16)

Persönliche Digitalisierung 5.0

Die Corona-Pandemie, eigentlich ein rein „analoges“ Geschehen, hat der Digitalisierung unserer modernen Welt einen ungeheuren Schub verliehen – fast könnte man sagen: Dieser verschlafenen Gesellschaft einen kräftigen Tritt in den Arsch verpasst.

Wenn ich so meine eigene Digitalisierung anschaue, dann war und ist das eine sehr komplexe und sehr lange Geschichte. Man mag sich wundern, wenn ich den Ursprung schon so früh ansetze: im Jahr 1953. Aber bei mir waren es utopische Geschichten (heute sagt man: Science-Fiction), die bei mir das Interesse an Robotern und Rechenmaschinen weckten und in Gang brachten, was man heute als Digitalisierung bezeichnet. Schon als Dreizehnjähriger habe ich in der Heftserie Jim Parkers Abenteuer im Weltenraum eine Erzählung über einen Roboter gelesen (heute würde man sagen: über eine KI).
1957 beschrieb ich in meinem ersten Roman Männer gegen Raum und Zeit ein Labyrinth-Computerspiel, mit dem sich einige Raumfahrer die Langeweile vertreiben, bald darauf im zweiten Opus Sternvogel ein im Hintergrund intrigierendes Rechengehirn und 1975 in meinem dritten Roman Der geworfene Stein einen riesigen Komplex von Rechenmaschinen unter dem Englischen Garten – den Kyberneten von München.

Abb.: Das sieht doch richtig geheimnisvoll aus – dieses Innenleben eines Computers (Photo by Martin Lopez on Pexels.com)

Das eigentliche Schlüsselerlebnis waren die ersten leibhaftigen Computer, die ich 1964 bei der IBM in Sindelfingen während meines zweiten psychologischen Praktikums dort bestaunen durfte (was neben der guten Bezahlung und dem am Schluss nicht so guten Zeugnis der eigentliche Anlass gewesen waren, mich für dieses Praktikum zu bewerben). Dass ich bei dieser Gelegenheit auch kennenlernte, dass man damals schon diese „schöne neue Welt“ für die Produktion von sexistischem Schweinkram* missbrauchte – was soll´s.

Diese vier Wochen bei IBM generierten außerdem eine Novelle, bei der ich diese Firma ins Jahr 2000 und auf den Mond „fortschrieb“: „Psarak abukò“.
Meinen ersten eigenen Personal Computer (von inzwischen 13) bekam ich 1983 – als „Leihgabe für Journalisten“ von IBM (wobei mir die alten Kontakte von 1964 geholfen haben – über den Abteilungsleiter Herbrich – der mir, man staune, 1979 die Leitung eines Seminars mit Meistern der IBM-Fertigung verschafft hatte. Es geht nichts über „Vitamin B“ = Beziehungen.)
Und heute, im Jahr 2022? Online-Schreib-Seminare dank Corona-Pandemie via Internet, Hörgeräte mit Bluetooth-Verbindung zu Computer, Fernseher und Smarthone – Digitalisierung allüberall.

* Mit sichtlichem Stolz zeigten mir die Angestellten in der Buchhaltung, dass man mit den passend programmierten Lochkartenstapeln die Rechenzeit der Mainframe-Computer zu später Nachtstunde auch dafür einsetzen konnte, die Umriss-Zeichnung einer nackten Frau zu generieren (auf etwa zwei Meter Endlosdruckerpapier) und dazu eine wirklich widerliche Kurzgeschichte über eine geile Frau, die es mit einem Schäferhund treibt (ungefähr fünf Seiten Endlosdruckerpapier) – und das bei Kosten einer Computerstunde von damals an die tausend D-Mark. Diese Lochharten wurden sicher nicht von den männlichen Angestellten perforiert – sondern von den weiblichen, vermute ich mal.
Aber „Sex (and Crime)“ sind keine Erfindung des Internets, sondern so alt wie die Menschheit.

Quellen
Scheidt, Jürgen vom: Psarak abukò“. In: Pioneer Nr. 19. Wien 1064. Nachgedruckt in → Alpers 1982.
ders.: Männer gegen Raum und Zeit (Leihbuchausgabe). Wuppertal-Barmen 1958 (Wieba).
ders.: Sternvogel. Minden 1962 (Bewin).
ders,: Der geworfene Stein. Percha bei München 1975 (R.S.Schulz).
Alpers. Hans Jürgen (Hrsg.): Science Fiction Almanach 1983. Rastatt 1982 (Arthur Moewig Verlag).

aut #925 _ 2022-05-09/19:31 (2021-05-07)

Irrsinnig komisch

Ich stehe an der Kreuzung Schleißheimer-/Ecke Heßstraße vor der roten Ampel und warte auf mein Grün, das in geschätzten zehn Sekunden kommen wird. Mir gegenüber nähert sich eine ältere Frau auf dem Fahrrad der Kreuzung, bekreuzigt sich und fährt – noch immer bei Rot! – über die Ampel.
Ich breche in Gelächter aus und blicke ihr dabei in die Augen, als sie näherkommt. Ahnt sie, was da gerade in mir vorgeht – angesichts der Absurdität ihres Verhaltens? An ihrem Gesichtsausdruck kann ich das nicht ablesen. Aber danke, liebe Frau: Selten so gelacht!

Abb.: Obwohl die Ampel rot zeigt, volles Risiko, sich bekreuzigen und husch – über die Kreuzung – wird schon gutgehen, oder? (Archiv JvS)

MultiChronalia

(Mehr zur MultiChronie und den MultiChronalia finden sie hier.)

Jetzt, wo ich das niederschreibe – weil es einfach zu köstlich war und dem heutigen Tag so richtig einen absurd-komischen Kick verleiht – mache ich mir bewusst, wie komplex dieses doch eigentlich so belanglose Geschehen tatsächlich ist. Da hilft multiChronales Denken:

° Heute im Jahr 2022 n.Chr.*
° fährt eine vielleicht 1960 (?) geborene unbekannte Frau
° auf einem Fahrrad, das vielleicht aus dem Jahr 2010 stammt (genaues konnte ich nicht erkennen – war aber keinesfalls superneu oder gar ein E-Bike)
° über eine Kreuzungsampel, deren grundsätzliche Technologie der Verkehrsregelung aus den 1920er Jahren** stammt.
° Sie bekreuzigt sich, womit sie einem alten Aberglauben folgt, (wahrscheinlich ohne auch nur eine Sekunde über die Bedeutung dieser reflexartigen Geste aus dem Mittelalter ? nachgedacht zu haben),
° welcher Aberglaube auf dem religiösen Glauben an einen mythischen Religionsstifter namens Jesus und dessen Kreuzigung zurückgeht – wohl in der Hoffnung, dass dieser Heilsbringer mögliches Unheil durch das Bekreuzigen verhindert. („Ich weiß, dass mein Erlöser“ lebt, habe ich im Religionsunterricht wohl schon so um 1948 in der Volksschule und / oder im Kindergottesdienst auswendig lernen müssen – das vergisst man nie wieder.)

° Wobei ja im Gegensatz zur Biographie des islamischen Propheten Mohammed die Geburt und das Wirken von Jesus um das Jahr Null unserer Zeitrechnung keineswegs historisch gesichert sind, sondern nur eine Überlieferung ist– anfangs mündlich, erst sehr spät verschriftlicht***. Aber ist das auch „wahr“ – im Sinne von „tatsächlich geschehen“?

Es geht um Deutungshoheit

Noch eine Anmerkung zur bei uns im (christlich geprägten) Westen üblichen Datierungsweise: Dieses „v.Chr.“ oder „n.Chr.“ legt ja nicht nur fest, dass es einmal eine Persönlichkeit „Christus“ historisch tatsächlich gegeben hat (gewissermaßen als Realitäts- und Zeitanker) – sondern erhebt viel mehr auch und vor allem den Anspruch, dass die christliche Welt die Deutungshoheit über die gesamte Welt hat. So lange das Christentum die Religion der Kolonialmächte war (hier immerhin in den drei Varianten „oströmisch-orthodox“, ab dem Mittelalter „weströmisch-katholisch“ und etwa ab 1517 auch zunehmend „evangelisch-lutherisch“), war diese Datierungsweise einigermaßen berechtigt. Aber die Juden (die nie kolonisiert haben, jedoch enormen geistigen Einfluss auf die Weltgeschichte übten und noch immer üben: Karl Marx, Sigmund Freud, Albert Einstein seien hier stellvertretend genannt) verwenden eine völlig andere Zeitrechnung: basierend auf der Annahme, dass Gott die Welt im Jahr 3761 (v.Chr.) geschaffen hat, befinden wir uns somit aktuell im Jahr 5782.

Dem Islam (auch lange eine sehr erfolgreiche Kolonialmacht) zufolge sind wir im Jahr 1443.

Googeln Sie mal, welche Datierung die kommende Supermacht China verwendet, die schon etwa 4.000 Jahre auf dem „Buckel“ hat!

Sehr differenzierte Auskunft (z.B. zu Thailands, Koreas und Äthiopiens Zeitrechnung) gibt diese Website: Aktuelle Datumsangaben (UTC) in verschiedenen Kalendern.

Aber machen wir uns nichts vor: Spätestens seit das Internet existiert (gegründet 1968 als Arpa-Net, als Internet im heutigen Sinn als World Wide Web ab 1990) hat sich der (amerikanisch dominierte und englischsprachige) Westen kräftig durchgesetzt. Wir haben also aktuell das Internet-Jahr 32.

Und für mich ist es jetzt gleich „halb eins“, also Mittagszeit im Wonnemonat Mai und somit der richtige Moment, diesen Beitrag zu speichern, (Sicherheitskopie nicht vergessen!), den Computer abzustellen, zu entschleunigen und ein Nickerchen zu machen. Tschüs!

* Ja ich schreibe das jetzt wieder so wie bei uns allgemein üblich – das „nach der Zeitenwende“ („n.d.Zw“) oder ähnlich ist genauso der Gewohnheit geschuldet, letztlich ebenso gewöhnungsbedürftig und verweist ja indirekt auch nur darauf, dass ein gewisser „Jesus Christus“ als religiöser Erlöser diese „Zeitenwende“ herbeigeführt hat.
**  In Deutschland ging die erste Lichtzeichenanlage mit dem Verkehrsturm am Potsdamer Platz in Berlin am 15. Dezember 1924 in Betrieb. […]
Schon 1869, also vor 153 Jahren, wurde in London die erste Verkehrsampel aufgestellt. Rote und grüne Gaslichter zeigten den Fußgängern und Kutschern, ob sie die Kreuzung überqueren dürfen. Da die Ampel nach kurzer Zeit explodierte, wurde sie wieder abgeschafft. (Google)
*** Fast alles historische Wissen über [Jesus] stammt von seinen Anhängern, die ihre Erinnerungen an ihn nach seinem Tod weitererzählten, sammelten und aufschrieben. (Wikipedia: „Jesus von Nazaret“)
Trotz des nur kurzen öffentlichen Wirkens Jesu gibt es also von ihm zeitlich nähere biographische Darstellungen als von den meisten antiken Persönlichkeiten, z. B. wurde die früheste noch erhaltene Biographie über Augustus ein Jahrhundert nach dessen Tod von Sueton geschrieben, über Mohammed zwei Jahrhunderte nach dessen Tod von Ibn Hischām. (Wikipedia: „Evangelien“)

aut #1325 _ 2022-05-11/14:11 (2022-05-09/12:28)

Mütter-Tag

Das war heute Morgen ein etwas verschlungener Gedankengang: Irgendwie kam ich auf das Thema „Haustiere“ (wahrscheinlich weil ich vorgestern meinen Sohn Jonas besucht habe, bei dem zwei Katzen herumschleichen). Ich überlegte, wie das bei mir, bei uns früher war. Kam dann auf „Pflanzen“. Machte mir bewusst, dass es meiner Wohnung heute weder Tiere noch Pflanzen gibt. Meine „Bezugs-Geschöpfe“ sind meine Texte, könnte man sagen. Sie sind für mich genauso „lebendig“ wie eine Katze oder eine Rose. Und sie benötigen genauso viel, wenn nicht sogar mehr Aufmerksamkeit und Pflege – damit sie nicht eingehen.
Das war früher anders: [Text folgt: → Haustiere? Pflanzen? Texte!]
Dann erinnerte ich mich, dass ich nach dem Tod meiner Frau Ruth im Februar 2016 anfangs zu ihrem Gedenken immer eine Rose auf den Esstisch platzierte. Die stand in einer Vase, die ich von meiner Mutter geerbt habe. 
Das muss die gedankliche Erinnerungs-Brücke gewesen sein, die mir bewusst machte, das heute Muttertag ist. Und dass es diesem Blog gut anstehen würde, dies zu dokumentieren. Das will ich nicht mit viel Text tun, sondern mit den Bildern der „Mütter“, die für mein Leben wichtig waren, allen voran meine Mutter:

Meine beiden Ehefrauen:

Meine beiden Großmütter:

Von den vier Urgroßmüttern ist mir nur dieses eine Bild von Anna Naumann bekannt:

Abb.7: Urgroßmutter Anna Duhm, verh. mit Ferdinand Naumann (1844 -.1929)

Hier noch einmal allen neun Frauen mit ihren Lebensdaten. Tragisch auffällig ist dabei das Jahr 1929 – das sowohl Todesjahr meiner Großmutter Nanny vom Scheidt wie ihrer Mutter Anna Naumann war: Bei der Beerdigung der eigenen Mutter erkrankte Nanny so heftig, dass sie kurz darauf selbst starb.
° Meine eigene Mutter Marie Hertel vom Scheidt (1914-1973).
° Meine erste Frau Elke Kamper (1945-2010) und Mutter meiner beiden ersten Kinder.
° Meine zweite Frau Ruth Zenhäusern (1946-2016) und Mutter meines dritten Kindes.
° Die Mutter meiner Mutter, meine „Oma“ Babetta „Betty“ Hertel (geb. Kropf), die ich während meines ersten Lebensjahrs in derselben Wohnung sterbend erlebte – die andere Oma Nanny vom Scheidt habe ich nie kennengelernt, sie starb lange vor meiner Geburt.
° Und dann gibt es da noch Bilder und schemenhaftes „Hörensagen“ von den vier Urgroßmüttern, deren eine, Anna Duhm (verh. mit Ferdinand Naumann) mir wenigstens durch dieses Portrait und einen sehr persönlichen, ausdrucksstarken → Brief ein wenig zugänglich geworden ist.
Die Urgroßmütter der väterlichen Linie „Helmut vom Scheidt“ (mein Vater):
°° Anna Duhm (1844-1929) – verh. mit Ferdinand Naumann (Gastwirt auf dem Inselsberg bei Jena, später in Erfurt Hauptbahnhof) – Tochter Nanny Naumann, verh. mit Hugo vom Scheidt (Gutsverwalter).
°° Lisette Spielmann (1848-1909) – verh. mit Julius vom Scheidt (Beruf nicht bekannt).
Die Urgroßmütter der mütterlichen Linie „Maria vom Scheidt, geb. Hertel (meine Mutter):
°° Katharina „Trina“ Neupert (1859-1886) – verh. mit Georg Adam Hertel (Viehhändler in Rehau).
°° Katharina Press (1880-????) – verh. mit Eduard Kropf (Bauunternehmer und Stadtrat in Rehau).

Dieser neun „Mütter“ möchte ich hiermit gedenken an diesem besonderen Muttertag – der dadurch zum „Mütter-Tag“ wird.

Textlich nur noch diese Anmerkung: Die Bindung an meine Mutter Marie war ungemein intensiv und für mich entsprechend schwer zu lösen – weil ich die ersten fünf Jahre, kriegsbedingt, ohne Vater aufgewachsen bin. Ich verdanke es meinen beiden Ehefrauen (und zwei Psychoanalysen), dass ich diese Bindung lockern und lösen konnte. Was für alle Beteiligten nicht einfach war.
Dies schlägt leider eine gedankliche Brücke in die Gegenwart, in der unzählige ukrainische Mütter mit ihren Kindern (und kriegsbedingt ohne Väter) aus ihrer Heimat fliehen mussten, weil ein eiskalter Massenmörder namens Putin seine Soldaten auf sie hetzt. Und von denen tragischerweise zwei bei dem schrecklichen Eisenbahnunglück bei Garmisch dieser Tage ums Leben gekommen sind.

Ja, dieser Muttertag 2022 ist etwas ganz Besonderes, in jeder Hinsicht.

Siehe auch:
Das Kind Der Krieg Der Tod
Kriegserlebnisse eines Fünfjährigen 1
Kriegserlebnisse eines Fünfjährigen  2: redivivus 2003

aut #1322 aktualisiert 2022-06-11 (2022-05-08/22:00)

Comix ergänzt

Meine Nichte Laura hat mir als Reaktion auf meinen Beitrag Comix sind selten komisch und meine Hommage an den oberfrängischen Asderix das folgende Foto als Ergänzung geschickt – was ich hiermit gerne nachliefere. Es stammt aus ihrem Besuch im „Haus der Geschichte“ in Bonn und gibt einen konzentrierten schnappschussartigen Überblick über die Materie. Es handelt sich um „Klassiker“ des Genres aus den 1950er Jahren: Nick Knatterton (Deutschland), Tarzan,(USA), einige Piccolo-Heftchen (Italien und Deutschland) aus dem Lehning-Verlag und (ebenfalls aus den USA importiert) Heft 1 der deutschen Micky Maus aus dem Jahr 1950. Dazu ganz rechts im Bild die deutsche Comic-Ikone aus der Hör Zu: der borstige Igel Mecki mit seinen vielfältigen Abenteuern von eher biedermeierlicher Nachkriegs-Gemütlichkeit für das deutsche Heim.

Abb. 1: Vitrine aus dem „Haus der Geschichte“ in Bonn (Foto: April 2022 Laura Wachter)

Der Spiegel bezeichnete damals, mit Datum vom 21.03.1951, solche Bildergeschichten als „Opium aus der Kinderstube“. Man kann im Geiste sehen, wie der zuständige Redakteur die intellektuelle Nase rümpft über „so´n Kinderkram“ – von Wilhelm Busch und den Fliegenden Blättern oder gar von Little Nemo hatte er (sie?) wohl noch nichts gehört, geschweige denn gesehen.
Wenn mein damaliger Klassenkamerad aus dem Nachbarhaus mir die zehn Tarzan-Hefte zurückgegeben hätte, die ich mir in Rehau vom Buchbinder Winterling in einem prächtigen Konvolut hatte binden lassen und dem Otto P. damals leichtsinnigerweise geliehen habe – dann hätten die heute einen Wert von einigen Tausend €uro.)

Julius Kindl hat auch noch etwas zu seinem Nick der Weltraumfahrer im Beitrag Comix sind selten komisch nachgeliefert: Ein Akim-„Hefterl“ aus den Piccolo-Reihen des Lehning-Verlags (im obigen Bild sieht man einige Piccolos links unten in der Vitrine: Peterle, Sigurd, Akim und ganz hinten– nur dem scharfen Auge des Science-Fiction-Comic-Fans erkennbar – Fulgor, der Weltraumflieger).

Abb. 2: Akim „im Labyrinth verirrt“ (Lehning-Verlag / Geschenk von Julius Kindl, April 2022)

aut #413 _ 2022-05-02/20:09

Drei Reiter der Apokalypse – reloaded

Manchmal holen einen die Zukunftsvisionen schneller ein als man hofft – oder fürchtet. Am 22. April vergangenen Jahres veröffentlichte ich hier im Blog einen Beitrag mit dem Titel Drei Reiter der Apokalypse. Das las sich folgendermaßen:

Ja, ich weiß: In der Bibel ist die Rede von den VIER Reitern. Aber erstens ist dies nicht die Bibel, sondern mein Blog, zweitens mag ich die Zahl „drei“ lieber als die „vier“ und drittens
– Was soll´s: Zwei „meiner“ drei apokalyptischen Reiter kennen Sie bereits bestens, weil Sie fast jeden Tag in den Medien damit belästigt werden:
° Die Corona-Pandemie (samt sämtlicher bekannter und noch kommender Mutationen).
° Die Klimakatastrophe mit Extremwettern gewaltigen Dürren und Überschwemmungen.
° Und drittens?

Heute, gerade mal ein Jahr später, wissen wir alle, wie dieser Dritte Reiter aussieht. Es ist der altvertraute Krieger, und zwar in seiner allermodernsten Verkleidung. Denn wenn Putin seine schlimmsten Drohungen gegen die Ukraine und die westliche Welt wahr machen sollte, könnte es diese Variante werden, die ich im ursprünglichen Post als eine von fünf Möglichkeiten angeboten habe:

° Ein Dritter Weltkrieg. Vor dem fürchten wir uns – pardon: fürchte ich mich schon seit den 1950er Jahren, weil seitdem das Wettrüsten – mit kurzer Pause in den 1980er und 1990er Jahren – unaufhörlich weitergegangen ist und ständig irgendein Zundelfrieder irgendwo mit dem Feuer spielt: Saddam Hussein im Irak (was nach ihm kam, ist auch nicht besser), Putin mit der Ukraine, Assad bei seinen eigenen Landsleuten, zwischen Israel und seinen Nachbarn kracht es auch immer wieder, die Inder hassen die Pakistani, die Pakistani hassen wen auch immer, die Taliban hassen alle, die nicht Taliban sind, die Iraner hassen die „amerikanischen Teufel“ – alle liebäugeln sie mit Atombomben – oder freuen sich, dass sie bereits welche haben.
Googeln Sie mal, „Wie viele Atombomben gibt es weltweit?. Nein, sparen Sie sich die Mühe, ich habe es bereits für Sie getan: Es sind 13.400. Eine abstrakte Zahl. Aber multiplizieren Sie das mal mit allem, was Sie über Hiroshima wissen. Dann ist das gleich nicht mehr abstrakt.

Alles weitere können Sie im ursprünglichen Blog-Beitrag nachlesen:
Drei Reiter der Apokalypse .

Selten hat einen SF-Autor (als den ich mich ja auch betrachte), die Zukunft so rasch eingeholt. Richtig gruselig ist das. Dabei ist doch unter den Aficionados dieser Literaturgattung gängige Meinung, dass die Science-Fiction weniger die Zukunft vorhersagt, sondern eher die Ängste (und Hoffnungen) der Gegenwart spiegelt.

Ich hoffe, dass Sigmund Freud Recht behält damit, dass die Menschen auch so etwas wie eine „leise Stimme der Vernunft“ zur Verfügung haben. Er war eigentlich eher ein pessimistischer Mensch – aber hier schimmert hinter dem Pessimismus etwas ganz anderes hervor. Das genaue Zitat liest sich so:

„Wir mögen noch so oft betonen, der menschliche Intellekt sei kraftlos im Vergleich zum menschlichen Triebleben, und Recht damit haben. Aber es ist doch etwas Besonderes um diese Schwäche; die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör geschafft hat. Am Ende, nach unzählig oft wiederholten Abweisungen, findet sie es doch. Dies ist einer der wenigen Punkte, in denen man für die Zukunft der Menschheit optimistisch sein darf…“

Quellen
Freud, Sigmund: Die Zukunft einer Illusion“. (Wien 1927). GW XIV, S. 377.
Google-Anfrage: „Wie viele Atombomben gibt es weltweit?“ am 22. April 2021.
Hackett, General Sir John: Der Dritte Weltkrieg (The Third World War: August 1985). (London 1985). München 1978 (Bertelsmann).

aut #1308 _ 2022-05-02/16:04

Asderix auf Oberfrängisch: Dunnergeil!

„Sie, Herr Pfarrer, ich siech des ganz annerscht!“ sagte mein Onkel Karl seligen Gedenkens und stand dabei mitten im Sonntagsgottesdienst auf, um dem Pfarrer Paroli zu bieten.
Eine Weisheit meiner Mutter, ebenfalls in lupenreinem Rehauerisch, lautete: „Jeder Mensch is annerscht olber.“ (Frei übersetzt: „Jeder Mensch ist anders seltsam.“)
Ein Dialektausdruck, der meiner Tante Lis (Schwester meiner Mutter) so viel Vergnügen bereitete, dass ich sie damit im Altersheim wie auf Knopfdruck zuverlässig aus ihrer Altersdepression rausholen konnte, lautete: „Du bisd a rechder Quirloarsch.“
Kann man nicht so einfach übersetzen – „Quirlarsch“ – meint eigentlich jemanden, der sehr „gebremst und steif“ ist, also wohl „mit einem Stock (Quirl) im Hintern“.

Abb. 1: Hier erst mal nur ein kleiner Ausschnitt des Covers (Egmont-Verlag) – das komplette Titelbild folgt unten Abb. 2

Ja, das Rehauerisch hat, wie die Dialektvarianten in jedem Ort in dieser Gegend* so seine ganz speziellen Varianten des Oberfränkischen. Die „Hofer Saalscheißer“, die ratscht´n halt annerscht als die „Rehauer Schleißknüpf´l“** oder die „Selber Kälber“ und in Schwarzabach klingt des wieder annerscht als in Wuosiedl.
Um eine sehr kühne, aber doch recht gelungenen Übersetzung aus dem Comic-Hochdeutschen ins Oberfrängische*** handelt es sich bei dem Asterix-Comic Dunnerkeil . Wer dieses ganz speziellen Dialekt nicht mächtig ist, hat vermutlich zunächst den Eindruck, es handle sich aus eine Übertragung aus dem Altsumerischen oder aus der Alien-Sprache eines fremden Planeten.

* Einer der vielen Gründe, nämlich die Vielfalt der Dialekte zu bewahren, weshalb so mancher Frange gerne vom Freistatt Bayern loslösen würde – sagt man jedenfalls.
** Schleißknüpfl – das sind die Knüppel (Baumstämme), die in der Rehauer Gegend im Wald gefällt und auf Perlenbach und Schweßnitz nach Hof geflößt wurden, als dort die Industrie um 1900 mächtig aufblühte.
*** Als ich studierte, besuchte ich auch Vorlesungen über „Medizinische Anthropologie“, wo es um die menschliche Abstammung ging. Prof. Karl Saller, ein sehr guter Dozent, war auch mit Witz gesegnet, mit dem er seine Vorlesungen würzte. Einmal bemerkte er lakonisch, als es um die Germanen und ihre (genetische) Herkunft ging: „Das Sächsische ist die Rache der Slawen an den Germanen –“ was man sinngemäß auch auf das Fränkische vulgo „Frängische“ übertragen könnte, zumindest was die „weichen Gonsonanden“ angeht.

Das ist alles lange her, fast acht Jahrzehnte, dass ich in diesem speziellen Rehauer Dialekt und allgemeiner im Oberfrängischen aufgewachsen bin. Trotzdem war es mir möglich, diese köstliche Verhohnepiepelung eines an sich schon recht witzigen Asterix-Comic zu entschlüsseln, obwohl sich das in den Sprechblasen passagenweise liest wie Altägyptisch. Der Trick: Man muss sich den Text laut vorlesen. Wenn man im Frängischen als Kind gelebt hat****, dann kriegt man das noch einigermaßen hin.

***** In der Freizeit, vor allem beim Spielen, wurde lupenrein gerehauerd – in der Schule und zuhause wurde mehr oder minder Hochdeutsch gesprochen.

Beim Titel „Dunnerkeil“ (hochdeutsch „Donnerkeil“) hat der Übersetzer (oder die Verlagsleitung) allerdings vor der letzten Konsequenz gekniffen. Das müsste nämlich eigentlich heißen: „Dunnergeil“.

Nun noch eine lyrische Kostprobe aus Onkel Karls Mund, der auf den Baustellen (er war Architekt und Baumeister) wie privat lupenrein rehauerisch unterwegs war:

Es saacht die Machd ´n Bod´n no
Und driffd den Knecht in Aach.
Da schreid der Knecht: „Was drabst denn do?“
Da lachtddie Maachd: „Ich saach!

Übersetzt heißt das – nein, das lass ich jetzt sein. Einfach laut vorlesen und sich die beiden Protagonisten wie Romeo und Julia vor einer offenen Scheune vorstellen, die Magd oben auf der Tenne, der Knecht unten, Blick nach oben in den weiblichen Sehnsuchtsort.

Ja, Rehau „is´ da, wo die Has´n Hoas´n haß´n und die Hos´n Huas´n.“

Na fei wergli – du Latschkapp´n (oder muss es heißen „Ladschkabbn“?)

Abb. 2: In einem versteckten kleinen Winkel, vielleicht bei Osseck oder Wurlitz oder in der Geierloh, lebt ein frängischer Stamm, der sich von den Oberbayern tief unten im Süden noch nicht hat unterkriegen lassen (Egmont-Verlag)

(Danke, Stefan, für diesen köstlichen Quatsch – endlich mal ein „Comic“, der wirklich komisch ist und die Lachmuskeln kitzelt.)

Quelle
Goscinny, René (Texte) und Uderzo, Albert (Zeichnungen) und Eichner, Stefan (had des Gschichdla ieberseddsd ins Oberfrängische): Dunnerkeil – Asterix auf Oberfrängisch 1. Berlin 2022 (Egmont).

aut #1279 _ 2022-05-01/19:29

Begegnungen mit Thomas Schlück

Eben aus dem Briefkasten geholt: Die Neuausgabe des berühmten Starmaker von Olaf Stapledon in der Übersetzung von Thomas Schlück. Der Sternenschöpfer ist kein Roman im üblichen Sinn, wird aber als eines der meistgerühmten erzählenden Werke des Science-Fiction gehandelt, als die bis heute großartigste Vision einer geistigen Reise durch Raum und Zeit unseres Universums.
Viele bekannte Autoren beziehen sich auf diese visionäre Schilderung, sowohl innerhalb der SF-Szene wie außerhalb im literarischen Mainstream:
Brian W. Aldiss, Isaac Asimov, Jorge Luis Borges, Arthur C. Clarke, Doris Lessing, Carl Sagan und Virginia Woolf hat Stapledon stark beeindruckt und in mehreren Fällen in ihrem Werk beeinflusst.

In Hans Freys Buch → Optimismus und Overkill wird Thomas Schlück zweimal kurz erwähnt (S. 92 und S. 396). Schade, dass ihm in Kapitel 5 („Personalia I“) kein eigener Beitrag spendiert wurde, denn er war in seiner aktiven Zeit (etwa zwischen 1965 und 2010) unverzichtbar für das Entstehen und Gedeihen der deutschen SF-Szene ab den 1960er Jahren – aber eben im Hintergrund. Damals hatte er den großen Mut, eine Stelle als Mitarbeiter bei einer Bank aufzugeben und die erste auf Science-Fiction spezialisierte Literaturagentur in Deutschland nicht mehr nur nebenbei, sondern fulltime aufzubauen.

Ohne seine Hilfe bei der mit viel kleinteiliger Fizzel-Arbeit verbundene Rechte-Beschaffung (vor allem in den USA und England) wären meine fünf SF-Anthologien nie zustande gekommen, als erste das Das Monster im Park (1970) und bald darauf Liebe 2002 (1971). Damals, in den 1970er Jahren, gab es ja weder das Internet mit Wikipedia und Google (zum Recherchieren) noch den flotten sekundenschnellen E-Mail-Austausch oder das Smartphone, wo man mittels WhatsApp oder FaceTime (beim I-Phone) den Gesprächspartner sogar sehen kann – noch dazu kostenlos. Heute 2022 eine Selbstverständlichkeit, damals pure Science-Fiction. Man musste einen Brief schreiben und dann warten, warten, warten … bis von jenseits des Kanals oder gar des großen Atlantiks Antwort per Brief zurückkam (oder vielleicht auch mal per Telefon – damals ins Ausland sauteuer!)

Eine Pionierarbeit war es auch von Thomas, den Starmaker zu übersetzen, damit erstmals Stapledon überhaupt einem deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen und damit den Lesern von Robert Heinlein und Perry Rhodan ein selbst innerhalb der SF sehr exotisches Werk eines ihnen noch völlig unbekannten Autors vorzustellen, das auch von einem Alien hätte stammen können.
Die erste Ausgabe erschien 1966 bei Heyne – eben ist sie wieder vom rührigen SF-Spezialverlag Dieter von Reeken neu aufgelegt worden (s. unten den Auszug aus dem Rückentext).

Begegnungen

Was meine Begegnungen mit Thomas angehen, so waren sie – wie man heute sagen würde – überwiegend virtueller Natur. Persönlich trafen wir uns wohl gelegentlich bei SF-Meetings (bei den SF-Oldies in Unterwössen ?), nach meiner Erinnerung nur einmal länger persönlich, als ich ihn irgendwann in den 1970ern in Garbsen bei Hannover besuchte, vermutlich bei einer Reise nach Vlotho an der Weser, wo ich im Jugendhof Seminare abhielt und Hannover sowieso der Umsteigebahnhof war.
(Die Agentur hat Thomas vor einigen Jahren an seinen Sohn übergeben.)

Star Maker (1937)

Nun noch einige Hinweise zu Stapledons Buch (Auszug aus dem Rückentext 2022):

Olaf Stapledon wurde 1886 in der Nähe von Liverpool geboren. Nachdem er das Balliol-College in Oxford besucht hatte, begann er im Schifffahrtsbüro der Familie in Port Said (Ägypten) zu arbeiten. Diese Erfahrungen und seine Mitarbeit in einer Ambulanzeinheit während des Ersten Weltkriegs beeinflussten seine Vorstellungen von „wahrer Gemeinschaft“ und Pazifismus. 1925 promovierte er in Philosophie an der Universität Liverpool, 1929 erschien sein erstes Sachbuch, A Modern Theory of Ethics. 1930 folgte sein erster Roman, Last and First Men, der von Zeitgenossen wie Arnold Bennett und J. B. Priestley gelobt wurde. Es folgten weitere Sachbücher und einige Erzählungen, die der Science Fiction zugeordnet werden können: Last Men in London (1932), Odd John (1935) und vor allem Star Maker (1937). Stapledon schrieb und lehrte an der Universität Liverpool bis zu seinem Tod im Jahr 1950.
Star Maker ist kein Roman, sondern im Wortsinn eine Erzählung: Das Werk enthält so gut wie keine Dialoge, sondern eben den erzählten Bericht eines Menschen über eine imaginäre Reise durch das gesamte Universum bis hin zum „Sternenschöpfer“, der kein väterlicher Gott der Liebe ist, sondern eine Kraft, die immer neue Sterne und Universen schafft, ohne mit dem Werk „zufrieden“ zu sein.

Hochbegabung und Genialität
Last and First Men spannt den Erzählbogen über 18 (!) Menschheiten und ähnelt von der Schreibweise und Perspektive dem Starmaker, ist aber nicht so radikal „long view“ und „distant view“ . Last Men in London variiert dies noch einmal.
Als „technischer Prophet“ in der Art eines Jules Verne oder Hans Dominik taugt Stapledon nicht: Er hat weder die Entwicklung der Atomenergie und Atombombe noch die Computer und das Internet geahnt samt dem, was heute als Digitalisierung und Globalisierung gehandelt wird. Aber geradezu gruslig ist in Last and First Men seine Vision eines „100 jährigen Kriegs“ zwischen den USA und China.
Stapledon hat übrigens auch zwei sehr interessante konventionelle SF-Romane geschrieben, die sich mit Genialität und Hochbegabung befassen: Odd John (über eine Mutation innerhalb der Menschheit, die jedoch erkennt, dass die „normalen Menschen“ sie nie akzeptieren werden und sich deshalb selbst auslöscht – ein Motiv, das zum Beispiel in den Superhelden-Filmen der Serie über die X-Men variiert wird) und einen superklugen Hund namens Sirius.

Quellen
Frey, Hans: Optimismus und Overkill. Berlin 2022 (Memoranda). Klappenbroschur 538 Seiten – 26,90 €.
Scheidt, Jürgen vom (Hrsg.): Das Monster im Park. München 1970 (Nymphenburger).
ders. (Hrsg.): Liebe 2002. Frankfurt a.M. (Bärmeyer & Nikel).
ders.: „Achtzehn Supermenschheiten: Olaf Stapledons Visionen über die Entwicklung der Menschheit“. In: Planet Nr. 6 / April 1970 (München).
Schlück, Thomas: Übersetzung 1966 / 2022 von: → Stapledon 1937.
Stapledon, Olaf: Last and First Men. London 1930.
ders.: Star Maker. London 1937. – Ü: Th. Schlück München 1966 (Heyne). Neuausgabe Lüneburg 2022 (Dieter von Reeken), Paperback, 243 Seiten _ 17,50 € _  ISBN 978-3-945807-67-5.
ders.: Odd John. London 1935.
ders.: Sirius. London 1944.

aut #1275 _ 2022-04-15/16:23

MultiChronie als Dilemma

Das Leben bringt ständig neue Einflüsse, zu denen wir Stellung nehmen müssen, sollen, können – oder die Erinnerungen in uns auslösen. Das zwingt uns auch ständig zur Auswahl:

Was ist wichtig?
Worauf muss ich reagieren?
Wo öffnen sich neue Möglichkeiten, denen ich nachgehen müssen?

Um in der von mir sehr geschätzten Metapher vom → „Yrrinthos des Lebens“ zu argumentieren: Welchen neuen Pfaden in diesem Dschungel der Möglichkeiten folge ich?

Wenn man schreibt, vor allem wenn man Tagebuch führt oder blogt, entsteht das, was ich als „multiChronales Dilemma“ bezeichne: Ich türme eine immer größere Halde von Einfällen auf, die ich eigentlich nicht bewältigen kann. Aktuelle Beispiele:

Am Vorabend lief im Fernsehen eine Doku über Indien, die lebhafte Erinnerungen in mir auslöste:
° an meinen → Yogalehrer Max Kirschner,
° an meine eigene Indienreise 1975/76,
° an meine eigene Tätigkeit als Yogalehrer,
° an mein Buch über Yoga,
° an Ursula von Mangoldt vom Verlag O.W. Barth…

Aber diese Erinnerungen waren kaum rudimentär notiert, als es schon weiterging mit anderen Gedanken:

° Bloggen als Erweiterung der Erzähltechnik „Stream of Consciousness (im Ulysses von Joyce) zu dem, was ich ab jetzt „Stream of Self-Consciousness“ nennen möchte.
° Der Verlust der griechischen Wurzeln von Wörtern wie „Photographie“ (jetzt: Fotografie) und „Phantasie“ (jetzt: Fantasie“) und was das multiChronal bedeutet.
° Science-Fiction-Romane, die ihren Anfang in meinen Roman-Werkstätten genommen haben und inzwischen veröffentlicht sind.
° Letzteres hat auch zu tun mit der Lektüre von Hans Freys Buch (s. nxt) und meinem Wiedereintritt in den Science Fiction Club Deutschland (SFCD) dieser Tage.
° Reflexionen zu dem Sachbuch Optimismus und Overkill von Hans Frey, das ich sehr begeistert gelesen und gerade beendet habe.
° Das SF-Fandom und die Lust am Schreiben (s. Frey, S. 96: „Fanzines“) und was das m.E. mit Hochbegabung zu tun hat.
° Zur Meta-Ebene meines glü-Roman-Projekts: Ulrich Lauffner entdeckt beim Erfassen und Analysieren von Jan Wolfarts Vorlass viele Ähnlichkeiten mit der eigenen Biographie (nicht ahnend, dass er in Wirklichkeit ein Enkel von JW ist.)
° Sehr symbolisch: Am Stauwehr im Englischen Garten (wo ich so gerne sitze – war erst gestern wieder dort) zweigt vom Eisbach („Strom des Lebens“) der Schwabinger Bach ab („Stream of Self-Consciousness“ – s. oben).

Abb. 3: Der Blogger an seinem Lieblingsplatz im Englischen Garten (Archiv JvS)

° Ergänzender Blog-Beitrag: „Science-Fiction als multiChronales und polyMundales Dilemma“.

Okay: Das ist jetzt alles wenigstens mit Schlagworten in meinem „Logbuch“ erfasst (und nun auch hier im Blog dokumentiert – auch als Anregung für andere Blogger und Autobiographen). Jetzt will ich aber noch wissen, wie dieser australische Historiker heißt, der durch die TV-Sendung führte. Ich gebe also bei Google ein:  „indien doku im tv

– und erhalte sofort – oh Wunder der modernen Digitalisierung – diese Auskunft:
Der Historiker ist Christopher Clark (von dem habe ich bereits eine interessante, aber sehr kontroverse diskutierte Reihe über deutsche Geschichte gesehen). Und diesen Pressetext zur Doku finde ich bei ZDF neo:

Indien ist das Land der Länder, voller Wunder und Mythen. Der Film zeigt die Highlights des UNESCO-Weltkulturerbes zwischen Mumbai und dem Himalaja, vom Tadsch Mahal zu den Burgen Rajasthans. Eine Vielfalt von Sprachen, Völkern und Religionen: Moderator Sir Christopher Clark geht anhand der legendären Bauten, Landschaften, Sitten und Gebräuche der Frage nach, was die 1,4 Milliarden Menschen Indiens zusammenhält. […] und der Tadsch Mahal in Agra ist gar eines der berühmtesten Bauwerke der Welt.
Unweit des Tadsch Mahal erkundet Christopher Clark einen weiteren weltberühmten indischen Schatz: das Yoga. Ein Experte und Lehrer dieser uralten indischen Errungenschaft erklärt ihm, warum der Mensch ein Reisender ist. Als sich die Engländer vor 300 Jahren in Indien festsetzten, brachten sie die europäische Kultur mit. Und später Handel, Industrie, Bahnhöfe und Züge. Der Victoria-Terminus, ein im viktorianisch-gotischen Stil erbauter riesiger Bahnhof in Mumbai, ist ein lebendiges Beispiel für diese Epoche. Clark fährt von hier aus in den Nordosten des Landes, an den Fuß des Himalaja. In der Kalka-Shimla-Bahn, einer von den Engländern gebauten Schmalspurbahn in die Berge, erlebt er spektakuläre Aussichten auf Schluchten und Wasserfälle und das Vorgebirge des Himalaja.

Was im zitierten Text des Senders nicht erwähnt wird, ist das Wunder von Fatepur sikri – dieser mitten in einer Wüste erbauten Regierungsresidenz, die aus Mangel an Wasser bald wieder aufgegeben wurde; für mich einer der eindrucksvollsten Orte meiner eigenen Reise.
Leider habe ich den Anfang dieser Sendung verpasst (Benares / Varanasi und die Insel Elephanta vor der Megacity Mumbai, wo ich 1975 ebenfalls war → Foto) – aber das kann ich ja via Mediathek von ZDF neo nachholen. Das mache ich gleich heute Abend (auch so eine wunderbare neue Technologie: dieses Streaming). Das ist eines eigenen Blog-Beitrags wert – irgendwann.

Abb. 4: Der tanzende Shiva auf der Insel Elephantine vor Bombay (Archiv: JvS)

Jetzt, wo ich all dies getippt habe, was durch den Historiker Christopher Clark angeregt wurde, wird mir um einen bewusst, dass Geschichte mein Lieblingsfach in der Schule war – und dass in meinem Roman-Projekt glü die neue (zusätzliche) Figur des „Ulrich Lauffner“ ein Historiker ist, der gerade sein Studium abgeschlossen hat, als er von der geheimnisvollen „Stiftung Schreiben“ in München-Bogenhausen den Auftrag erhält, die Biographie eines gewissen „Jan Wolfart“ zu schreiben, der für den Friedensnobelpreis gehandelt wird. (Keine Bange, falls Ihnen dieser Name nichts sagt – er ist eine Erfindung von mir.)

Wo blogge ich nun weiter?

° Eigentlich müsste ich einen ganz anderen Beitrag schreiben, und zwar über „Galaktische Kaiserreiche“ – für den Stammtisch der Phantasten, wo ich hierüber einen Vortrag gehalten und leichtsinnigerweise schriftliche Fassung versprochen habe. Aktuelle Assoziation:
Cäsar → Kaiser → Zar (Bezug zu Putin, der sich deutlich als Nachfolger Stalins und der Zaren sieht).
° Und dann wäre da noch der schon lange geplante Beitrag zu den Labyrinthen, Irrgärten und Yrrinthi, den ich betitle als: „Labyrinthisches Sammelsurium“ (ergänzen: Minotauros im kürzlich gesehenen Fantasy-Film Percy Jackson: Diebe im Olymp).
° (Am Vortag:) „Prokrastination: Drei Minuten – oder 180 Sekunden?“ (Artikel in der Südd. Zeitung, der mich zu eigenen Überlegungen angeregt hat.)
° Schließlich ist da noch das, was ich am Vortag im Englischen Garten beim besagtem Stauwehr zum Sinn des Lebens notiert habe
° und dazu an die (grob geschätzt) 50 Anmerkungen, Ergänzungen, Korrekturen zu Hans Freys Tour de Force über die deutsche SF-Szene „von den Anfängen der BRD bis zu den Studentenprotesten 1945-1968“ (s. oben) –
° was wiederum die noch auszuarbeitende Skizze „Fünf steile Thesen zur Science-Fiction“ auslöste.
° Und was ist mit der Neuausgabe von Stapledons Starmaker in der Übersetzung von Thomas Schlück, welche dieser mir eben zugeschickt hat? Da wäre doch ein Beitrag „Begegnungen mit Thomas Schlück“ fällig!

Wofür entscheide ich mich angesichts dieser Fülle?

Und vor allem: Warum nenne ich das eigentlich „MultiChronales Dilemma“ und nicht „Multi-Thematisches Dilemma“ (was es ja deutlich ebenfalls ist)?
Ich bezeichne dies so, weil die einzelnen Einfälle in mehreren Zeitschichten hin- und herspringen: Zum Beispiel von der aktuellen TV-Doku über Indien am 11. April 2022 zu meiner Indienreise 1975/76 zu Max Kirschner, den ich 1974 kennenlernte und zu dessen Zeit 1946, als er in Indien interniert war, sowie zu meinem Interview mit ihm über „Yoga“ für den Bayrischen Rundfunk (Sendung: 03. Nov 1978).

Mein nächster Beitrag hier im Blog wird zeigen, welches Thema ich als nächstes ausgewählt habe. Und alle anderen erwähnten Ideen kommen auch noch dran. Irgendwann. On the run…

aut 1273_ 2022-04-16/16:34 [2022-04-12/17:30]

„Optimismus und Overkill“ – eine Geschichte der Science-Fiction…

… in der jungen Bundesrepublik. Ein großartiges Buch, dem ich gleich vorab ein dickes Lob spenden will, obgleich ich es noch nicht ganz gelesen habe. Aber viele Details überzeugen mich bereits.
Und wem würde nicht angesichts des aktuellen Kriegs von Massenmörder Putin gegen die Ukraine und seinen nicht leicht dahin gesagten Drohungen mit Atomschlägen die Aktualität dieses scheinbar so akademisch daherkommenden Buches auffallen, vor allem das zweite Stichwort des Titels: „Overkill„. Das bezieht sich auf die Atomkriegsängste der 1950er und 1960er Jahre, welche die Science-Fiction jener Jahre sehr geprägt haben und natürlich auch die Politik überall in der Welt – und die nun urplötzlich sehr gegenwartsnah sind und gar nicht „Science Fiction„.

Abb.: Ausschnitt des Titelbilds zu Hans Feys Kompendium (Memoranda-Verlag Berlin 2022)

Die Zeitspanne von „1945 bis 1968″ deckt gut auch die Jahre ab, in denen ich für SF empfänglich und zum SF-Aficionado“ wurde. Die Bezeichnung „SF-Fan“ habe ich nur ganz zu Beginn auf mich angewendet, als ich 1955 Mitglied im SFCD wurde.
Ich bin auch heute, nach langer Pause (von 1962 bis 2021) wieder Mitglied geworden – nicht zuletzt weil dieses Buch von Hans Frey mich wieder mit den frühen Wurzeln meiner Begeisterung für diese Literaturgattung in Verbindung gebracht hat, vor allem mit den Themen und Menschen, die mir vieles gegeben und mich geprägt haben.
Das ich im Buch mehrfach selbst genannt werde als Teil dieser Epoche und dieses Genres, hat mir verständlicherweise geschmeichelt – wem ginge das nicht so. Aber dies soll nicht meinen kritischen Blick trüben, den ich jedem Buch gegenüber erst einmal habe.

Ich werde dieses Kompendium demnächst noch ausführlich würdigen, sobald ich es ganz gelesen habe. Aber ich verrate kein Geheimnis, dass es mir schon beim Öffnen des Päckchens richtig Freude gemacht hat – eben weil es von der Science-Fiction handelt, diesem „blauen Faden“ meines Lebens. Das umfangreiche Paperback (538 Seiten! – und dies als dritter Teil von geplanten fünf Bänden) überzeugt sofort durch seine Ästhetik, die umfangreiche Bebilderung und überhaupt durch die ganze äußere wie innere Erscheinung – gut lesbar, übersichtlich, bei aller Fülle der Details den Leser nicht erschlagend, weil bestens gegliedert.
Man merkt dem Buch an, dass Hardy Kettlitz vom jungen Memoranda-Verlag sich auf dieses verlegerische Abenteuer nicht nur mit großem Enthusiasmus eingelassen hat, sondern auch mit viel Erfahrung und vor allem Begeisterung für das Genre „Science-Fiction“.
Diesem Literatur-Genre bin ich selbst immer wieder auch äußerst kritisch gegenüber gestanden – aber ich habe ihm und seinen Protagonisten (den Autoren der Geschichten wie den Figuren darin) letztlich so viel zu verdanken wie sonst keinem kulturellen Einfluss – von der Psychoanalyse einmal abgesehen.(aber das ist „eine andere Geschichte, die soll ein andermal erzählt werden“ – wie Michael Ende das so einmal so wunderbar formuliert hat).*

* Gar nicht sf-mäßig modern war übrigens die Lieferung dieses Buches. Es kam nicht per Drohne bei mir zum Fenster herein, sondern ich musste mit dem Abholschein des Postboten (dessen Klingel ich wohl überhört habe), zu einer 20 Strampelminuten entfernten Post-Station in einem Geschäft radeln und das Buch dort am nächsten Tag abholen. Nun ja, um so kostbarer wurde auch dadurch der Inhalt.

Was mich jedenfalls gleich zu Beginn der Lektüre (die ich im Café sofort begonnen habe) positiv einstimmte, war nach dem besonnen abwägenden Vorwort von Hans Frey die kleine Zeittafel zur Einstimmung. Die hätte ich mir als Anhang gerne noch ausführlicher gewünscht (weil nichts den Leser besser in eine Thema reinbringt, als so ein chronologisches Aufblättern) – aber das sehr ausführliche Register entschädigt dafür.
Mehr zu diesem Buch, wie erwähnt, demnächst.

Meine Sympathien hat Frey auch sofort bekommen, als ich nachschaute, ob und wie er Anton M. Kolnbergers Auf unbekanntem Stern perzipiert hat. Was er da – sehr positiv – schreibt, hätte ich für dieses mein allererstes und bis heute Lieblings-Buch (nicht nur innerhalb des SF-Genres) nicht anders formuliert. Er steuert sogar noch Hintergrundwissen zum Autor bei, das ich nicht kannte. Vielen Dank!

Quelle
Frey, Hans: Optimismus und Overkill. Berlin 2022 (Memoranda). Klappenbroschur 538 Seiten – 26,90 €.
Kolnberger, Anton M.: Auf unbekanntem Stern. Nürnberg 1948 (Die Egge).

Abb. 2: Das komplette Titelbild (Memoranda-Verlag Berlin 2022)

aut #1270_2022-04-07/15:33