Tempolimit sofort!

Eigentlich wäre ja die FDP die für mich „zuständige“ Partei. Ich war, von zwei Jahren als angestellter Lektor (1968 und 1969) mal abgesehen, immer Freiberufler bzw. Selbständiger: als Psychologe mit eigener Praxis und parallel dazu als Schriftsteller und Journalist. Aber ich habe die FDP nur ein einziges Mal gewählt, als sie bei einer Kommunalwahl eine Frau aufstellte. Warum wohl sonst nicht?
Was ich an der FDP nie mochte – und jetzt noch weniger schätze – war diese Gutsherrenart, sich unverblümt „nur“ für die Anliegen der Gutverdienenden und der Reichen einzusetzen.

Abb.: Vor einer roten Ampel müssen alle halten – und die meisten Verkehrsteilnehmer tun dies auch brav

Zur Zeit macht die FDP eigentlich keinen schlechten Job. Aber wie sie mit dem Tempolimit umgeht, das ist nicht nur politisch ungeschickt, sondern brunzdumm. Wir wissen alle, dass auf einen Großteil unserer Gesellschaft enorm schwierige Zeiten zukommen, mit explodierenden Energiepreisen, immer desolater werdendem Wohnungsmarkt und Inflation und dazu der zunehmenden Unsicherheit, was der Klimawandel, die Corona-Pandemie und der Krieg gegen die Ukraine alles noch von uns verlangen werden.
Die Grünen sind jetzt sogar bereit, die allergrößte Kröte zu schlucken und die existierenden Atomkraftwerke eine Weile weiterlaufen zu lassen. Aber beim Tempolimit dem Großteil der dazu bereiten Gesellschaft entgegenkommen – dieser „Kröte“, welche die Grünen ja tapfer bei den Koalitionsverhandlungen von der FDP geschluckt haben, nämlich die vorher sehr klare Forderung nach einem Tempolimit fallen zu lassen?

Am vergangenen Sonntagabend (24. Juli 2022) in der Talkshow bei Anne Will wurde u.a. dieses Tempolimit mit sehr vernünftigen Argumenten ins Spiel gebracht: Bringt wahrscheinlich nicht sehr viel – ist aber doch ein wichtiger Teil-Beitrag, den Klimawandel ein wenig zu bremsen, Energie zu sparen, Ozonbildung zu vermeiden (in diesem heißen Sommer in der Großstadt das Umweltgift schlechthin). Ein Beitrag, der überhaupt nichts kostet – außer ein wenig Verzicht auf die fragwürdige Freiheit, auf einer vielleicht freien Autobahn zu Rasen so schnell, wie man will und wie der eigene Wagen hergibt. Also das pubertäre Gehabe von sich potent fühlenden Alphamännchen, die ihre Bedeutung nur so zeigen können – vermute ich mal. Keine Frau wäre so bescheuert, hier von „Freiheit zu reden“ – wie der Graf Lambsdorff von der FDP in aller Öffentlichkeit im Fernsehen.

Und wo bleibt die generöse politische Geste des Verzichts – angesichts der wachsenden Nöte immer größerer Teile der Bevölkerung, die sich nicht einmal ein eigenes Auto leisten können und schon gar nicht das Vergnügen der „freien Fahrt für freie Bürger“.
Schon mal was von „Solidarität“ gehört, Graf Lambsdorff?

Vor einer roten Ampel müssen auch alle Autofahrer halten und tun dies brav

Petra Pinzler (Korrespondentin im Hauptstadtbüro der ZEIT) hat Ihnen doch eine wunderbare Brücke gebaut, über die Sie hätten gehen können: Auch eine rote Ampel beschneidet die Freiheit ALLER Bürger, selbst wenn gerade kein Querverkehr kommt. Alle Autofahrer (!) bleiben brav bei Rot stehen – nur ab und zu flitzt ein frecher Radfahrer über die Kreuzung oder ein Fußgänger sieht, dass kein Querverkehr kommt (und vielleicht gerade kein Kind zuschaut, für das man ein schlechtes Vorbild wäre).
Da wird also bei einer längeren Fahrt durch eine Großstadt wie München an gut hundert Ampeln, die möglicherweise auf „Rot“ stehen, die „Freiheit“ beschränkt. Funktioniert doch – weil nämlich die meisten Menschen einsehen, dass dies sinnvoll ist – oder weil sie keine saftige Strafe riskieren wollen, falls doch mal zufällig ein Polizist sie „überwacht“.

Rauf auf die Brücke, Graf Lambsdorff! Machen Sie resp. die FDP endlich mit beim Tempolimit! Dann wird man Ihrer Partei vielleicht auch diesen Schwachsinn der „royalen Hochzeit“ Ihres Chefs Lindner auf Sylt leichter nachsehen. Ihre PS-protzigen Alphamännchen-Wähler können ja trotz generellem Tempolimit weiterhin  auf freien Autobahnen und Überlandstraßen voll aufdrehen und 200 oder 300 PS aus ihrem Porsche rauskitzeln – so eine Verkehrsstrafe (falls sie mal zufällig dabei erwischt werden) zahlt man doch locker aus der Spesenkasse.

Die Geste – es kommt auf die generöse Geste an. Das müsste Ihrer Gutsherren-Gehabe-Partei doch leicht fallen – eine generöse Geste:
„Ja, Leute, wir haben verstanden. Wir verzichten zum Gedeihen des großen Ganzen unserer Gesellschaft auf ein winziges Stück unserer Freiheit. Wir haben ja sonst noch genügend Freiheiten (weil Geld und Einfluss)“.

Und ansonsten wünsche ich mir von den Grünen und der SPD, dass sie der Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke wegen der Energiekrise nur dann zustimmen, wenn diese Tempolimit dafür in die angepassten Koalitionsvereinbarungen aufgenommen wird. Schließlich hat ja sogar Norbert Röttgen von der CDU sich am selben Talkshow-Abend dafür bereit erklärt.

Vielleicht wähle ich die FDP dann mal wieder. Ansonsten wird diese Verweigerung ein weiteres Steinchen am Grabstein der FDP – hoffe ich.

273 _ aut #1413 / 2022-07-26/10:00 Die

Tagebuch – was bringt das?

Anlass für diesen Beitrag war der „Internationale „Tag des Tagebuchs“ am 12. Juni, der nicht zuletzt an das Tagebuch der Anne Frank erinnern soll: Am 12. Juni 1942 bekam Anne von ihrem Vater ein Notizbuch geschenkt, das sie zu führen begann und das seitdem ihr tragisches Schicksal dokumentiert, das sie als Jüdin in die Vernichtung durch die deutschen Besatzer Hollands führte.
Aber das Notieren in einem Tagebuch ist ja eine grundsätzliche, nicht zuletzt seelenhygienische Tätigkeit. Hier will ich dem ein wenig nachspüren – auch angesichts der Tatsache, dass ein Blog, wie dieser hier, ja nichts anderes ist als ein „Öffentliches Tagebuch im Internet“.

Abb.: Handschriftlich ist wohl noch immer die häufigste Form, ein Tagebuch zu führen (Photo by Pixabay on Pexels.com)

Eine Anfrage der BILD am Sonntag an mich mit eben diesem Thema begann mit einem ausführlichen Frage-und-Antwort-Spiel per E-Mail, geführt mit dem Redakteur Ferdinand Heimbach. Das Ergebnis war eine kleine Meldung am 10. Juli 2022 in der BamS. Mit Herrn Heimbachs Erlaubnis verwende ich seinen kleinen Fragenkatalog bei der ausführlicheren Beantwortung (für die in einer Zeitung naturgemäß nicht genug Raum zur Verfügung steht):

1. Was bringt es, ein Tagebuch zu führen?“ Ist das hilfreich bei psychischen Erkrankungen? Wenn ja, gilt das für alle psychischen Erkrankungen, welche Einschränkungen gibt es?
Es ist auf jeden Fall eine Erleichterung – sich „etwas von der Seele schreiben“ heißt es nicht umsonst. Das dürfte für alle psychischen Erkrankungen gelten. Wobei sich jemand leichter tut, der/die schon von Jugend an (wo man ja oft mit dem TBS beginnt) schon ein solches Notizbuch hat. Diese Routine hilft dann, etwa bei einer Depression (die bei schwereren Graden sehr passiv macht und damit auch „schreibfaul“), sich doch hinzusetzen und die aktuelle Krise zu be-schreiben – was der erste und wichtigste Schritt aus einer solchen Blockade heraus ist: Wie sieht die Blockade aus? ZB: „Ich habe null Lust, zu arbeiten usw.“ – nach dem Motto: „Was kommt, kommt“.
Danach fließen dann die Einfälle auch für anderes, vielleicht Wichtigeres leichter.

2. Was genau sollen Patienten aufschreiben – eigene Emotionen oder Erinnerungen oder den Alltag?
Prinzipiell sollte man das hinschreiben, was einem gerade einfällt („Frei Assoziieren“)., Man kann sich jedoch auch Aufgaben stellen: ein PROJEKT. Das Tagebuch wird dann zu einer Art „Begleitendem Logbuch“ – etwa wenn man sich vorgenommen hat, „für die Oma zum Neunzigsten ein launiges Gedicht zu schreiben“ – oder für die Arbeit den Bericht für den Besuch einer Tagung, oder, einige Ansprüche höher, „einen Roman zu schreiben“.
Man schreibt dann zwar auch das ins TaBu, was einem spontan einfällt – „schielt“ aber gewissermaßen dabei stets auf das PROJEKT mit dem Hintergedanken: Kann ich das für mein Projekt brauchen?

3. Werden die psychischen Erkrankungen durchs Tagebuchschreiben gelindert – oder können sie so sogar komplett geheilt werden?
Eine Linderung findet auf jedem Fall statt. Man kann sich dieses „Von der Seele schreiben“ so vorstellen, dass der Tagebuchschreiber sich gewissermaßen in zwei Personen aufteilt:
° Eine Person, die in ihrer „Störung“, ihrer Problematik gefangen ist
° und eine, zweite Person die (nach einer gewissen Routine des Tagebuchschreibens) diese Störung gewissermaßen „distanziert, kühl, von außen“ betrachtet und notiert.
Wird das Tagebuch im Rahmen einer üblichen Therapie geschrieben (es gibt sogar richtiggehende Schreibtherapie-Formen) – dann wird aus dieser inneren Zweier-Situation ein Dreieck: Patient – Tagebuchschreiber (auch der Patient) plus Therapeutin als richtig außerhalb stehende Person.
Ob nur mit TB schreiben eine echte Heilung zu erzielen ist, wage ich zu bezweifeln – eben weil die hilfreiche Außenperspektive des Therapeuten mit entsprechenden Interventionen fehlt.

4. Wie genau laufen Therapieformen ab? Wie wird die Therapie auf den Patienten abgestimmt?
Das hängt sehr von der Therapieart ab. Bei einer klassischen Freud´schen Psychoanalyse ist ein Tagebuch immer nur Hilfsmittel, das – wie Träume und Tageserlebnisse oder Kindheitserinnerungen – als „Material“ mitbenützt wird. Ein Jungianer wird damit anders umgehen als ein Gestalttherapeut oder ein Bibliotherapeut (der das „Lesen“ von Texten sehr betont – was in diesem Fall auch eigene Texte sein können).
Es gibt inzwischen ja viele Therapieformen – das eigene Tagebuch wird immer ein gutes zusätzliches Medium neben den Therapiegesprächen oder Übungen (wie bei der Gestalttherapie) sein.
Und dann gibt verschiedene Formen von Schreib-Therapie, wobei das kontinuierliche Tagebuchschreiben (ggf. kommentiert vom Therapeuten) die einfachste Variante ist.

5. Wie groß sind die Erfolgsaussichten aus statistischer Sicht? Ab wann gilt eine Therapie als erfolgreich?
Darüber lässt sich nichts Genaueres sagen. Generell ist eine Therapie dann erfolgreich, wenn der Patient / Klient in seinem Privat- und Arbeitsleben wieder besser zurechtkommt als vor der Störung und sich entschließt, die Therapie zu beenden. Sigmund Freud hat allerdings wohl zu Recht von einer „Endlichen und Unendlichen Psychoanalyse“ gesprochen. Aus eigener Erfahrung (mit einer langen Psychoanalyse über mehrere Jahre und einer dreijährigen Gestalttherapie zur Ausbildung), die ich in der Mitte meines Lebens machte (etwa 35 bis 45) kann ich im Rückblick als heute 82jähriger feststellen, dass danach das ständige (auch Tagebuch) Schreiben mir in späteren Krisen nach den eigentlichen Therapie-Phasen sehr geholfen hat, neue Anforderungen zu bewältigen. Es wird immer Krisen geben – kleine private wie große.
Ich nenne aktuell nur die Corona-Pandemie und den Krieg gegen die Ukraine – letzterer hat mich als Kriegskind wieder sehr „ins Schleudern“ gebracht, vor allem auch, weil mir klar wurde, dass mein eigener (von mir immer noch trotzdem sehr geliebter) Großvater 1941 als Kommandeur (Major) eines Regiments der Deutschen Wehrmacht in die Ukraine eingefallen ist wie dieser Tage Putin mit seinen Mördern. Das war mir vorher nie so bewusst gewesen (bei meinem Vater schon) – das hat mich sehr durcheinandergewirbelt. Da kamen wieder depressive Gefühle auf, die ich schreibend jedoch ganz gut bewältigen konnte – wie gesagt: gegen Ende meines Lebens, im neunten Lebensjahrzehnt.

6. In welchem Umfang sollte man Tagebuch schreiben? Reichen schon zwei bis drei Sätze täglich? Oder sollte es lieber eine ganze Seite sein?
Ich selbst schreibe jeden Morgen, gleich nach dem Aufwachen, meist eine Stunde. Wichtig ist dabei, dass ich zwar eine Stunde dafür „freigeschaufelt habe“ – aber ob mir in der Zeit etwas Schreibwürdiges einfällt oder nicht, lasse ich offen. Manchmal steht dann nur ein Satz, eine Idee, auf dem Papier – manchmal sind es drei Seiten, mit denen ich an einem Projekt weiterarbeiten kann. Man kommt sicher auch zurecht, wenn man dafür erst einmal nur eine Viertelstunde freihält. Je kürzer der Zeitraum, der „frei zur Verfügung steht“ – umso dominierender (und blockierender) ist die Erwartungshaltung an diese Viertelstunde. Eine halbe oder gar eine ganze Stunde ist schon viel entspannender und entsprechend ergiebiger.

7. Ist das Tagebuchschreiben auch für psychisch gesunde Patienten im Alltag zu empfehlen? Wenn ja, warum?
Unbedingt. Im Laufe eines Tages strömen so viele Eindrücke auf uns ein, noch ergänzt durch Gespräche oder spontane Erinnerungen – im Schlaf kommen dann manchmal noch intensive Träume hinzu – diese Fülle muss man irgendwie bändigen. Da hilft schon stichwortartiges Notieren. Solche Tagebücher muss man dann ja nicht gezielt weiterverarbeiten. Wichtig ist, dass man seine Einfälle notiert hat. Ich tippe das jedes Jahr kontinuierlich (täglich) in eine große WORD-Datei, wobei ich meistens nur eine Art kurzer Inhaltsangabe (des oft viel längeren handschriftlichen Tagebucheintrags) notiere – mit der Such-Funktion kann man dann notfalls einen lohnenswerten oder sonstwie wichtigen Einfall leicht wiederfinden.
Ganz wichtig dabei: Immer ein Datum angeben – das erleichtert das Auffinden ebenfalls. Das Abtippen ist zugleich noch einmal ein erstes Durcharbeiten des Materials – was für einen intensiven Schreiber wie mich sehr hilfreich ist – da ich ständig an einem Buch-Projekt oder an Beiträgen für meinen Blog arbeite.
Und noch etwas: Der Vorgangs des Schreibens führt zu einer Verlangsamung des Denkens und Fühlens. Diese Entschleunigung hat etwas Heilsames.

8. Werden bestimmte Hormone im Körper freigesetzt, während man schreibt?
Das geschieht manchmal sehr intensiv: Da strömen beim Notieren eines beglückenden Erlebnisses vom Vortag richtig die Glückshormone wieder durchs Gehirn und den ganzen Körper (vielleicht hat man sich frisch verliebt?) – und das gilt umgekehrt natürlich auch für negative Ereignisse – wobei ich nicht sagen könnte, ob es so etwas wie ein „Unglücks-Hormon“ gibt. Aber das Aufschreiben mildert diese negative Erfahrung allemal. Wut über irgendeine Ungerechtigkeit kann schon mal zu einem Adrenalin-Schub führen.

aut #1402_2022-07-11/18:53

Prokrastination

Der Bayerische Rundfunk ist umgezogen, wie ich einem Bericht in der Süddeutschen Zeitung entnehme. Das ruft Erinnerungen wach an die Zeit von 1977 bis 2001, als ich oft in diesem Büroturm in der Arnulfstraße nahe dem Hauptbahnhof ein- und ausging und so manche Stunde im Studio in den Gebäuden gleich daneben meine Texte las. Das war immer eine gute Herausforderung, das hat mir viel Freude gemacht. Aber das war auch immer mit großem Stress verbunden. Denn ich litt lange unter etwas, das man Prokrastination nennt.

Abb.: Wenn man die Zeit dehnen könnte – wie bei einem Raumschiff, das sich der Lichtgeschwindigkeit nähert, sodass es zur Zeitdilatation kommt – oder den Sekundenzeiger anhalten könnte (wie hier im Bild) – dann wäre Prokrastination vielleicht kein Problem.

Wer kennt das nicht – wichtige Jobs nicht gleich erledigen, sondern vor sich herschieben. Lernt man am besten während eines Universitätsstudiums. So ging es jedenfalls mir. Ich habe darunter viele Jahrzehnte wirklich gelitten. Vor allem während meiner Tätigkeit als Journalist hat mich das immer wieder enorm genervt – nicht zuletzt, weil man da meistens mehrere Text-Projekte gleichzeitig in der Pipeline hat.

Was man dabei gerne übersieht: Man bereitet auch den Empfängern am anderen Ende der Line Probleme – den verantwortlichen Redakteuren, die ja auch ihre eigene Pipeline bestücken müssen.

Oft (nein: eigentlich immer) bin ich mit dem Fahrrad zur Süddeutschen Zeitung (damals noch zentral in der Altstadt, im Färbergraben) geradelt, um eine Buchbesprechung oder einen Beitrag für die Seite „SZ Hobby“ noch fristgemäß abzuliefern.
Das Highlight (im negativen Sinn) waren die Fahrten mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof kurz vor Mitternacht, um den Nachtzug nach Hamburg zu erreichen, damit ein Manuskript für die Zeitschrift warum! oder für die Welt noch rechtzeitig am anderen Morgen zur Schlussredaktion gelangte. Anschließend saß ich dann noch im nächsten McDonalds, aß nach Mitternacht sechs Chicken Nuggets und Pommes und trank eine Fanta, las die vom Zeitungsverkäufer gerade angebotene Ausgabe der Süddeutschen vom nächsten Tag – und kam langsam zur Ruhe von dieser Hetze. (Von Entschleunigung wusste ich damals noch nichts.)
Warum dieses eigentlich unwürdige und zudem höchst unprofessionelle Verhalten*?

* – obwohl das wahrscheinlich die meisten Journalisten so machen, vor allem die männlichen – habe ich den Verdacht – ist wohl so eine Art Berufskrankheit.

Die beste Ausrede, die mir einfällt: Irgendwie brauchte ich wohl diesen Kick, diesen Nervenkitzel, diese Mischung aus „Angst und Lust“, die man englisch thrill nennt. Dieses Gefühl: Ich kann das, ich schaffe dass. Denn ich bin einfach gut (wahlweise: der Beste).
Über letzteres kann man streiten. Meine Texte wurden zwar immer gedruckt. Und lesbar waren sie auch. Aber mit weniger – selbst erzeugtem – Zeitdruck wären sie wahrscheinlich noch besser geworden.

Das Schlimmste, was mir „prokratinativ“ jemals passiert ist (und dafür würde ich mich gerne bei dem zuständigen Redakteur nachträglich nochmals entschuldigen – leider ist er inzwischen verstorben): Das Sende-Manuskript für das Feature „Trauminsel – Inseltraum: Atlantis und das Goldene Zeitalter der Menschheit“. Dass ich die (von mir verfassten) Texte meistens erst im Studio intensiv für die Lesung vorbereitete, war ein geringes Problem, weil ich den Text ja bestens kannte und im Lesen gut geübt und selbstsicher war. Aber manchmal war das Manuskript noch verbesserungswürdig – und das musste dann leider während der Aufnahme im Studio geschehen.
Bei „Atlantis…“ hatte ich besonders viel gemurkst und war beschäftigt mit ständigem Wechsel von Lesen – Korrigieren – erneutem Lesen. Nochmal korrigieren, ergänzen, Redigieren. Es war eine einzige unprofessionelle Schande. Bis dem Redakteur der Geduldsfasen riss und wir im Aufnahmeraum heftig zu streiten begannen – das heißt, er machte mir (nur zu berechtigte) Vorwürfe) und ich entschuldigte mich. Das setzte sich fort in seine Redaktionsräume im anderen Teil des Rundfunkgebäudes (die Sendung war da glücklicherweise schon „im Kasten“).
Auch wenn die Sendung sehr gelungen ist – ich schäme ´mich heute noch für diese „Aufführung“.

Warum ich das alles hier im Blog ausbreite? Nun, dieser Text soll – wie jede gute Geschichte – eine Pointe haben, die ja im Titel bereits angedeutet wird: Irgendwie ist es mir gelungene, diesen Stress abzubauen. Ich habe auch heute noch Termine (aktuell warten einige Texte darauf, geliefert zu werden). Aber ich gestalte dass entspannter. Könnte etwas mit dem Älterwerden zu tun habe (was angeblich auch zu einer gewissen Weisheit und Reife führen soll). Vor allem schiebe ich wirklich nichts mehr vor mir her auf die sprichwörtliche „lange Bank“. Bestes Beispiel: Die Buchführung und Abgabe der Steuererklärung.
Die Buchführung schob ich früher jedes Vierteljahr vor mir her – und machte sie dann unter enormem Stress mit „Fristverlängerung“, damit die vierteljährliche Umsatzsteuererklärung möglich wurde. . Den Termin „31. Mai“ für die jährliche Gesamtsteuererklärung habe ich jedes Mal verpasst – die Steuerberaterin musste immer (!) um Fristverlängerung bis Februar des nächsten Jahres bitten.

Irgendwann habe ich jedoch „die Kurve gekriegt“. Schon seit gut zehn Jahren mache ich die Buchführung immer am Monatsende; inzwischen sogar alle zwei Wochen. Und das Beste: Jetzt mache ich das sogar ausgesprochen gerne, habe so etwas wie eine „Freude am Umgang mit den Zahlen“ entdeckt.

Die Steuererklärung (inzwischen ja digital-elektronisch mit ElStEr) macht mir auch keinen Stress mehr. Spätestens im August war die für 2018 beim Finanzamt (mit einer winzig kleinen Bitte um Fristverlängerung und inzwischen ohne Steuerberater – geht ganz einfach mit der WISO-Software).

Und nun zur Pointe:

Die Steuererklärung für 2019 habe ich fristgemäß Ende Juli 2020 abgeschickt (was jetzt der offizielle Abgabetermin für ElStEr ist).

Bravo! Applaus!

Prokrastination ist keine im Verzeichnis der Weltgesundheitsbehörde eingetragene „psychische Krankheit“. Aber es ist vielleicht die schlimmste von allen – weil sie so viele Nebenwirkungen hat. Ich weiß, wovon ich rede.
Und dass ich seit 1982 die Beendigung eines Romanwerks von inzwischen geplanten fünf bis sieben Bänden vor mir herschiebe und herschiebe und herschiebe – das hat nun wirklich nichts mit Prokrastination zu tun. Das braucht einfach seine Zeit, da musste einfach noch so viel anderes in der Pipeline erledigt werden. Zum Beispiel die Buchführung für Mai 2022. Und die ElStEr für 2021 habe ich sogar schon im Februar 2022 abgeschickt.

Gut Ding will eben Weile haben – so sagt man doch. Das gilt auch für den Abbau von Prokrastination.

Fortsetzung folgt: → Ist Prokrastination heilbar?

Quellen
<NN: Der Rundfunk zieht um>. In: Südd. Zeitung vom ?? Dez 2020.
Glotzmann, Thorsten: „Produktive Prokrastination. In: Südd. Zeitung vom 22. Jan 2016 (Feuilleton), S. 14.
Scheidt, Jürgen vom: Trauminsel – Inseltraum: Atlantis und das Goldene Zeitalter der Menschheit. München Okt 1992. Manuskript für den Bayrischen Rundfunk – Nachtstudio).

aut #1317 _ Aktualisiert: 2022-06-14/11:44 / 2022-06-13/14:56 (2022-04-16)

Persönliche Digitalisierung 5.0

Die Corona-Pandemie, eigentlich ein rein „analoges“ Geschehen, hat der Digitalisierung unserer modernen Welt einen ungeheuren Schub verliehen – fast könnte man sagen: Dieser verschlafenen Gesellschaft einen kräftigen Tritt in den Arsch verpasst.

Wenn ich so meine eigene Digitalisierung anschaue, dann war und ist das eine sehr komplexe und sehr lange Geschichte. Man mag sich wundern, wenn ich den Ursprung schon so früh ansetze: im Jahr 1953. Aber bei mir waren es utopische Geschichten (heute sagt man: Science-Fiction), die bei mir das Interesse an Robotern und Rechenmaschinen weckten und in Gang brachten, was man heute als Digitalisierung bezeichnet. Schon als Dreizehnjähriger habe ich in der Heftserie Jim Parkers Abenteuer im Weltenraum eine Erzählung über einen Roboter gelesen (heute würde man sagen: über eine KI).
1957 beschrieb ich in meinem ersten Roman Männer gegen Raum und Zeit ein Labyrinth-Computerspiel, mit dem sich einige Raumfahrer die Langeweile vertreiben, bald darauf im zweiten Opus Sternvogel ein im Hintergrund intrigierendes Rechengehirn und 1975 in meinem dritten Roman Der geworfene Stein einen riesigen Komplex von Rechenmaschinen unter dem Englischen Garten – den Kyberneten von München.

Abb.: Das sieht doch richtig geheimnisvoll aus – dieses Innenleben eines Computers (Photo by Martin Lopez on Pexels.com)

Das eigentliche Schlüsselerlebnis waren die ersten leibhaftigen Computer, die ich 1964 bei der IBM in Sindelfingen während meines zweiten psychologischen Praktikums dort bestaunen durfte (was neben der guten Bezahlung und dem am Schluss nicht so guten Zeugnis der eigentliche Anlass gewesen waren, mich für dieses Praktikum zu bewerben). Dass ich bei dieser Gelegenheit auch kennenlernte, dass man damals schon diese „schöne neue Welt“ für die Produktion von sexistischem Schweinkram* missbrauchte – was soll´s.

Diese vier Wochen bei IBM generierten außerdem eine Novelle, bei der ich diese Firma ins Jahr 2000 und auf den Mond „fortschrieb“: „Psarak abukò“.
Meinen ersten eigenen Personal Computer (von inzwischen 13) bekam ich 1983 – als „Leihgabe für Journalisten“ von IBM (wobei mir die alten Kontakte von 1964 geholfen haben – über den Abteilungsleiter Herbrich – der mir, man staune, 1979 die Leitung eines Seminars mit Meistern der IBM-Fertigung verschafft hatte. Es geht nichts über „Vitamin B“ = Beziehungen.)
Und heute, im Jahr 2022? Online-Schreib-Seminare dank Corona-Pandemie via Internet, Hörgeräte mit Bluetooth-Verbindung zu Computer, Fernseher und Smarthone – Digitalisierung allüberall.

* Mit sichtlichem Stolz zeigten mir die Angestellten in der Buchhaltung, dass man mit den passend programmierten Lochkartenstapeln die Rechenzeit der Mainframe-Computer zu später Nachtstunde auch dafür einsetzen konnte, die Umriss-Zeichnung einer nackten Frau zu generieren (auf etwa zwei Meter Endlosdruckerpapier) und dazu eine wirklich widerliche Kurzgeschichte über eine geile Frau, die es mit einem Schäferhund treibt (ungefähr fünf Seiten Endlosdruckerpapier) – und das bei Kosten einer Computerstunde von damals an die tausend D-Mark. Diese Lochharten wurden sicher nicht von den männlichen Angestellten perforiert – sondern von den weiblichen, vermute ich mal.
Aber „Sex (and Crime)“ sind keine Erfindung des Internets, sondern so alt wie die Menschheit.

Quellen
Scheidt, Jürgen vom: Psarak abukò“. In: Pioneer Nr. 19. Wien 1064. Nachgedruckt in → Alpers 1982.
ders.: Männer gegen Raum und Zeit (Leihbuchausgabe). Wuppertal-Barmen 1958 (Wieba).
ders.: Sternvogel. Minden 1962 (Bewin).
ders,: Der geworfene Stein. Percha bei München 1975 (R.S.Schulz).
Alpers. Hans Jürgen (Hrsg.): Science Fiction Almanach 1983. Rastatt 1982 (Arthur Moewig Verlag).

aut #925 _ 2022-05-09/19:31 (2021-05-07)

Irrsinnig komisch

Ich stehe an der Kreuzung Schleißheimer-/Ecke Heßstraße vor der roten Ampel und warte auf mein Grün, das in geschätzten zehn Sekunden kommen wird. Mir gegenüber nähert sich eine ältere Frau auf dem Fahrrad der Kreuzung, bekreuzigt sich und fährt – noch immer bei Rot! – über die Ampel.
Ich breche in Gelächter aus und blicke ihr dabei in die Augen, als sie näherkommt. Ahnt sie, was da gerade in mir vorgeht – angesichts der Absurdität ihres Verhaltens? An ihrem Gesichtsausdruck kann ich das nicht ablesen. Aber danke, liebe Frau: Selten so gelacht!

Abb.: Obwohl die Ampel rot zeigt, volles Risiko, sich bekreuzigen und husch – über die Kreuzung – wird schon gutgehen, oder? (Archiv JvS)

MultiChronalia

(Mehr zur MultiChronie und den MultiChronalia finden sie hier.)

Jetzt, wo ich das niederschreibe – weil es einfach zu köstlich war und dem heutigen Tag so richtig einen absurd-komischen Kick verleiht – mache ich mir bewusst, wie komplex dieses doch eigentlich so belanglose Geschehen tatsächlich ist. Da hilft multiChronales Denken:

° Heute im Jahr 2022 n.Chr.*
° fährt eine vielleicht 1960 (?) geborene unbekannte Frau
° auf einem Fahrrad, das vielleicht aus dem Jahr 2010 stammt (genaues konnte ich nicht erkennen – war aber keinesfalls superneu oder gar ein E-Bike)
° über eine Kreuzungsampel, deren grundsätzliche Technologie der Verkehrsregelung aus den 1920er Jahren** stammt.
° Sie bekreuzigt sich, womit sie einem alten Aberglauben folgt, (wahrscheinlich ohne auch nur eine Sekunde über die Bedeutung dieser reflexartigen Geste aus dem Mittelalter ? nachgedacht zu haben),
° welcher Aberglaube auf dem religiösen Glauben an einen mythischen Religionsstifter namens Jesus und dessen Kreuzigung zurückgeht – wohl in der Hoffnung, dass dieser Heilsbringer mögliches Unheil durch das Bekreuzigen verhindert. („Ich weiß, dass mein Erlöser“ lebt, habe ich im Religionsunterricht wohl schon so um 1948 in der Volksschule und / oder im Kindergottesdienst auswendig lernen müssen – das vergisst man nie wieder.)

° Wobei ja im Gegensatz zur Biographie des islamischen Propheten Mohammed die Geburt und das Wirken von Jesus um das Jahr Null unserer Zeitrechnung keineswegs historisch gesichert sind, sondern nur eine Überlieferung ist– anfangs mündlich, erst sehr spät verschriftlicht***. Aber ist das auch „wahr“ – im Sinne von „tatsächlich geschehen“?

Es geht um Deutungshoheit

Noch eine Anmerkung zur bei uns im (christlich geprägten) Westen üblichen Datierungsweise: Dieses „v.Chr.“ oder „n.Chr.“ legt ja nicht nur fest, dass es einmal eine Persönlichkeit „Christus“ historisch tatsächlich gegeben hat (gewissermaßen als Realitäts- und Zeitanker) – sondern erhebt viel mehr auch und vor allem den Anspruch, dass die christliche Welt die Deutungshoheit über die gesamte Welt hat. So lange das Christentum die Religion der Kolonialmächte war (hier immerhin in den drei Varianten „oströmisch-orthodox“, ab dem Mittelalter „weströmisch-katholisch“ und etwa ab 1517 auch zunehmend „evangelisch-lutherisch“), war diese Datierungsweise einigermaßen berechtigt. Aber die Juden (die nie kolonisiert haben, jedoch enormen geistigen Einfluss auf die Weltgeschichte übten und noch immer üben: Karl Marx, Sigmund Freud, Albert Einstein seien hier stellvertretend genannt) verwenden eine völlig andere Zeitrechnung: basierend auf der Annahme, dass Gott die Welt im Jahr 3761 (v.Chr.) geschaffen hat, befinden wir uns somit aktuell im Jahr 5782.

Dem Islam (auch lange eine sehr erfolgreiche Kolonialmacht) zufolge sind wir im Jahr 1443.

Googeln Sie mal, welche Datierung die kommende Supermacht China verwendet, die schon etwa 4.000 Jahre auf dem „Buckel“ hat!

Sehr differenzierte Auskunft (z.B. zu Thailands, Koreas und Äthiopiens Zeitrechnung) gibt diese Website: Aktuelle Datumsangaben (UTC) in verschiedenen Kalendern.

Aber machen wir uns nichts vor: Spätestens seit das Internet existiert (gegründet 1968 als Arpa-Net, als Internet im heutigen Sinn als World Wide Web ab 1990) hat sich der (amerikanisch dominierte und englischsprachige) Westen kräftig durchgesetzt. Wir haben also aktuell das Internet-Jahr 32.

Und für mich ist es jetzt gleich „halb eins“, also Mittagszeit im Wonnemonat Mai und somit der richtige Moment, diesen Beitrag zu speichern, (Sicherheitskopie nicht vergessen!), den Computer abzustellen, zu entschleunigen und ein Nickerchen zu machen. Tschüs!

* Ja ich schreibe das jetzt wieder so wie bei uns allgemein üblich – das „nach der Zeitenwende“ („n.d.Zw“) oder ähnlich ist genauso der Gewohnheit geschuldet, letztlich ebenso gewöhnungsbedürftig und verweist ja indirekt auch nur darauf, dass ein gewisser „Jesus Christus“ als religiöser Erlöser diese „Zeitenwende“ herbeigeführt hat.
**  In Deutschland ging die erste Lichtzeichenanlage mit dem Verkehrsturm am Potsdamer Platz in Berlin am 15. Dezember 1924 in Betrieb. […]
Schon 1869, also vor 153 Jahren, wurde in London die erste Verkehrsampel aufgestellt. Rote und grüne Gaslichter zeigten den Fußgängern und Kutschern, ob sie die Kreuzung überqueren dürfen. Da die Ampel nach kurzer Zeit explodierte, wurde sie wieder abgeschafft. (Google)
*** Fast alles historische Wissen über [Jesus] stammt von seinen Anhängern, die ihre Erinnerungen an ihn nach seinem Tod weitererzählten, sammelten und aufschrieben. (Wikipedia: „Jesus von Nazaret“)
Trotz des nur kurzen öffentlichen Wirkens Jesu gibt es also von ihm zeitlich nähere biographische Darstellungen als von den meisten antiken Persönlichkeiten, z. B. wurde die früheste noch erhaltene Biographie über Augustus ein Jahrhundert nach dessen Tod von Sueton geschrieben, über Mohammed zwei Jahrhunderte nach dessen Tod von Ibn Hischām. (Wikipedia: „Evangelien“)

aut #1325 _ 2022-05-11/14:11 (2022-05-09/12:28)

Muttertag – oder Mütter-Tag?

Das war heute Morgen ein etwas verschlungener Gedankengang: Irgendwie kam ich auf das Thema „Haustiere“ (wahrscheinlich weil ich vorgestern meinen Sohn Jonas besucht habe, bei dem zwei Katzen herumschleichen). Ich überlegte, wie das bei mir, bei uns früher war. Kam dann auf „Pflanzen“. Machte mir bewusst, dass es meiner Wohnung heute weder Tiere noch Pflanzen gibt. Meine „Bezugs-Geschöpfe“ sind meine Texte, könnte man sagen. Sie sind für mich genauso „lebendig“ wie eine Katze oder eine Rose. Und sie benötigen genauso viel, wenn nicht sogar mehr Aufmerksamkeit und Pflege – damit sie nicht eingehen.
Das war früher anders: [Text folgt: → Haustiere? Pflanzen? Texte!]
Dann erinnerte ich mich, dass ich nach dem Tod meiner Frau Ruth im Februar 2016 anfangs zu ihrem Gedenken immer eine Rose auf den Esstisch platzierte. Die stand in einer Vase, die ich von meiner Mutter geerbt habe. 
Das muss die gedankliche Erinnerungs-Brücke gewesen sein, die mir bewusst machte, das heute Muttertag ist. Und dass es diesem Blog gut anstehen würde, dies zu dokumentieren. Das will ich nicht mit viel Text tun, sondern mit den Bildern der „Mütter“, die für mein Leben wichtig waren, allen voran meine Mutter:

Meine beiden Ehefrauen:

Meine beiden Großmütter:

Von den vier Urgroßmüttern ist mir nur dieses eine Bild von Anna Naumann bekannt:

Abb.7: Urgroßmutter Anna Duhm, verh. mit Ferdinand Naumann (1844 -.1929)

Hier noch einmal allen neun Frauen mit ihren Lebensdaten. Tragisch auffällig ist dabei das Jahr 1929 – das sowohl Todesjahr meiner Großmutter Nanny vom Scheidt wie ihrer Mutter Anna Naumann war: Bei der Beerdigung der eigenen Mutter erkrankte Nanny so heftig, dass sie kurz darauf selbst starb.
° Meine eigene Mutter Marie Hertel vom Scheidt (1914-1973).
° Meine erste Frau Elke Kamper (1945-2010) und Mutter meiner beiden ersten Kinder.
° Meine zweite Frau Ruth Zenhäusern (1946-2016) und Mutter meines dritten Kindes.
° Die Mutter meiner Mutter, meine „Oma“ Babetta „Betty“ Hertel (geb. Kropf), die ich während meines ersten Lebensjahrs in derselben Wohnung sterbend erlebte – die andere Oma Nanny vom Scheidt habe ich nie kennengelernt, sie starb lange vor meiner Geburt.
° Und dann gibt es da noch Bilder und schemenhaftes „Hörensagen“ von den vier Urgroßmüttern, deren eine, Anna Duhm (verh. mit Ferdinand Naumann) mir wenigstens durch dieses Portrait und einen sehr persönlichen, ausdrucksstarken → Brief ein wenig zugänglich geworden ist.
Die Urgroßmütter der väterlichen Linie „Helmut vom Scheidt“ (mein Vater):
°° Anna Duhm (1844-1929) – verh. mit Ferdinand Naumann (Gastwirt auf dem Inselsberg bei Jena, später in Erfurt Hauptbahnhof) – Tochter Nanny Naumann, verh. mit Hugo vom Scheidt (Gutsverwalter).
°° Lisette Spielmann (1848-1909) – verh. mit Julius vom Scheidt (Beruf nicht bekannt).
Die Urgroßmütter der mütterlichen Linie „Maria vom Scheidt, geb. Hertel (meine Mutter):
°° Katharina „Trina“ Neupert (1859-1886) – verh. mit Georg Adam Hertel (Viehhändler in Rehau).
°° Katharina Press (1880-????) – verh. mit Eduard Kropf (Bauunternehmer und Stadtrat in Rehau).

Dieser neun „Mütter“ möchte ich hiermit gedenken an diesem besonderen Muttertag – der dadurch zum „Mütter-Tag“ wird.

Textlich nur noch diese Anmerkung: Die Bindung an meine Mutter Marie war ungemein intensiv und für mich entsprechend schwer zu lösen – weil ich die ersten fünf Jahre, kriegsbedingt, ohne Vater aufgewachsen bin. Ich verdanke es meinen beiden Ehefrauen (und zwei Psychoanalysen), dass ich diese Bindung lockern und lösen konnte. Was für alle Beteiligten nicht einfach war.
Dies schlägt leider eine gedankliche Brücke in die Gegenwart, in der unzählige ukrainische Mütter mit ihren Kindern (und kriegsbedingt ohne Väter) aus ihrer Heimat fliehen mussten, weil ein eiskalter Massenmörder namens Putin seine Soldaten auf sie hetzt. Und von denen tragischerweise zwei bei dem schrecklichen Eisenbahnunglück bei Garmisch dieser Tage ums Leben gekommen sind.

Ja, dieser Muttertag 2022 ist etwas ganz Besonderes, in jeder Hinsicht.

Siehe auch:
Das Kind Der Krieg Der Tod
Kriegserlebnisse eines Fünfjährigen 1
Kriegserlebnisse eines Fünfjährigen  2: redivivus 2003

267 _ aut #1322 aktualisiert 2022-07-14 (2022-05-08/22:00)

Comix ergänzt

Meine Nichte Laura hat mir als Reaktion auf meinen Beitrag Comix sind selten komisch und meine Hommage an den oberfrängischen Asderix das folgende Foto als Ergänzung geschickt – was ich hiermit gerne nachliefere. Es stammt aus ihrem Besuch im „Haus der Geschichte“ in Bonn und gibt einen konzentrierten schnappschussartigen Überblick über die Materie. Es handelt sich um „Klassiker“ des Genres aus den 1950er Jahren: Nick Knatterton (Deutschland), Tarzan,(USA), einige Piccolo-Heftchen (Italien und Deutschland) aus dem Lehning-Verlag und (ebenfalls aus den USA importiert) Heft 1 der deutschen Micky Maus aus dem Jahr 1950. Dazu ganz rechts im Bild die deutsche Comic-Ikone aus der Hör Zu: der borstige Igel Mecki mit seinen vielfältigen Abenteuern von eher biedermeierlicher Nachkriegs-Gemütlichkeit für das deutsche Heim.

Abb. 1: Vitrine aus dem „Haus der Geschichte“ in Bonn (Foto: April 2022 Laura Wachter)

Der Spiegel bezeichnete damals, mit Datum vom 21.03.1951, solche Bildergeschichten als „Opium aus der Kinderstube“. Man kann im Geiste sehen, wie der zuständige Redakteur die intellektuelle Nase rümpft über „so´n Kinderkram“ – von Wilhelm Busch und den Fliegenden Blättern oder gar von Little Nemo hatte er (sie?) wohl noch nichts gehört, geschweige denn gesehen.
Wenn mein damaliger Klassenkamerad aus dem Nachbarhaus mir die zehn Tarzan-Hefte zurückgegeben hätte, die ich mir in Rehau vom Buchbinder Winterling in einem prächtigen Konvolut hatte binden lassen und dem Otto P. damals leichtsinnigerweise geliehen habe – dann hätten die heute einen Wert von einigen Tausend €uro.)

Julius Kindl hat auch noch etwas zu seinem Nick der Weltraumfahrer im Beitrag Comix sind selten komisch nachgeliefert: Ein Akim-„Hefterl“ aus den Piccolo-Reihen des Lehning-Verlags (im obigen Bild sieht man einige Piccolos links unten in der Vitrine: Peterle, Sigurd, Akim und ganz hinten– nur dem scharfen Auge des Science-Fiction-Comic-Fans erkennbar – Fulgor, der Weltraumflieger).

Abb. 2: Akim „im Labyrinth verirrt“ (Lehning-Verlag / Geschenk von Julius Kindl, April 2022)

aut #413 _ 2022-05-02/20:09

Drei Reiter der Apokalypse – reloaded

Manchmal holen einen die Zukunftsvisionen schneller ein als man hofft – oder fürchtet. Am 22. April vergangenen Jahres veröffentlichte ich hier im Blog einen Beitrag mit dem Titel Drei Reiter der Apokalypse. Das las sich folgendermaßen:

Ja, ich weiß: In der Bibel ist die Rede von den VIER Reitern. Aber erstens ist dies nicht die Bibel, sondern mein Blog, zweitens mag ich die Zahl „drei“ lieber als die „vier“ und drittens
– Was soll´s: Zwei „meiner“ drei apokalyptischen Reiter kennen Sie bereits bestens, weil Sie fast jeden Tag in den Medien damit belästigt werden:
° Die Corona-Pandemie (samt sämtlicher bekannter und noch kommender Mutationen).
° Die Klimakatastrophe mit Extremwettern gewaltigen Dürren und Überschwemmungen.
° Und drittens?

Heute, gerade mal ein Jahr später, wissen wir alle, wie dieser Dritte Reiter aussieht. Es ist der altvertraute Krieger, und zwar in seiner allermodernsten Verkleidung. Denn wenn Putin seine schlimmsten Drohungen gegen die Ukraine und die westliche Welt wahr machen sollte, könnte es diese Variante werden, die ich im ursprünglichen Post als eine von fünf Möglichkeiten angeboten habe:

° Ein Dritter Weltkrieg. Vor dem fürchten wir uns – pardon: fürchte ich mich schon seit den 1950er Jahren, weil seitdem das Wettrüsten – mit kurzer Pause in den 1980er und 1990er Jahren – unaufhörlich weitergegangen ist und ständig irgendein Zundelfrieder irgendwo mit dem Feuer spielt: Saddam Hussein im Irak (was nach ihm kam, ist auch nicht besser), Putin mit der Ukraine, Assad bei seinen eigenen Landsleuten, zwischen Israel und seinen Nachbarn kracht es auch immer wieder, die Inder hassen die Pakistani, die Pakistani hassen wen auch immer, die Taliban hassen alle, die nicht Taliban sind, die Iraner hassen die „amerikanischen Teufel“ – alle liebäugeln sie mit Atombomben – oder freuen sich, dass sie bereits welche haben.
Googeln Sie mal, „Wie viele Atombomben gibt es weltweit?. Nein, sparen Sie sich die Mühe, ich habe es bereits für Sie getan: Es sind 13.400. Eine abstrakte Zahl. Aber multiplizieren Sie das mal mit allem, was Sie über Hiroshima wissen. Dann ist das gleich nicht mehr abstrakt.

Alles weitere können Sie im ursprünglichen Blog-Beitrag nachlesen:
Drei Reiter der Apokalypse .

Selten hat einen SF-Autor (als den ich mich ja auch betrachte), die Zukunft so rasch eingeholt. Richtig gruselig ist das. Dabei ist doch unter den Aficionados dieser Literaturgattung gängige Meinung, dass die Science-Fiction weniger die Zukunft vorhersagt, sondern eher die Ängste (und Hoffnungen) der Gegenwart spiegelt.

Ich hoffe, dass Sigmund Freud Recht behält damit, dass die Menschen auch so etwas wie eine „leise Stimme der Vernunft“ zur Verfügung haben. Er war eigentlich eher ein pessimistischer Mensch – aber hier schimmert hinter dem Pessimismus etwas ganz anderes hervor. Das genaue Zitat liest sich so:

„Wir mögen noch so oft betonen, der menschliche Intellekt sei kraftlos im Vergleich zum menschlichen Triebleben, und Recht damit haben. Aber es ist doch etwas Besonderes um diese Schwäche; die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör geschafft hat. Am Ende, nach unzählig oft wiederholten Abweisungen, findet sie es doch. Dies ist einer der wenigen Punkte, in denen man für die Zukunft der Menschheit optimistisch sein darf…“

Quellen
Freud, Sigmund: Die Zukunft einer Illusion“. (Wien 1927). GW XIV, S. 377.
Google-Anfrage: „Wie viele Atombomben gibt es weltweit?“ am 22. April 2021.
Hackett, General Sir John: Der Dritte Weltkrieg (The Third World War: August 1985). (London 1985). München 1978 (Bertelsmann).

aut #1308 _ 2022-05-02/16:04

Asderix auf Oberfrängisch: Dunnergeil!

„Sie, Herr Pfarrer, ich siech des ganz annerscht!“ sagte mein Onkel Karl seligen Gedenkens und stand dabei mitten im Sonntagsgottesdienst auf, um dem Pfarrer Paroli zu bieten.
Eine Weisheit meiner Mutter, ebenfalls in lupenreinem Rehauerisch, lautete: „Jeder Mensch is annerscht olber.“ (Frei übersetzt: „Jeder Mensch ist anders seltsam.“)
Ein Dialektausdruck, der meiner Tante Lis (Schwester meiner Mutter) so viel Vergnügen bereitete, dass ich sie damit im Altersheim wie auf Knopfdruck zuverlässig aus ihrer Altersdepression rausholen konnte, lautete: „Du bisd a rechder Quirloarsch.“
Kann man nicht so einfach übersetzen – „Quirlarsch“ – meint eigentlich jemanden, der sehr „gebremst und steif“ ist, also wohl „mit einem Stock (Quirl) im Hintern“.

Abb. 1: Hier erst mal nur ein kleiner Ausschnitt des Covers (Egmont-Verlag) – das komplette Titelbild folgt unten Abb. 2

Ja, das Rehauerisch hat, wie die Dialektvarianten in jedem Ort in dieser Gegend* so seine ganz speziellen Varianten des Oberfränkischen. Die „Hofer Saalscheißer“, die ratscht´n halt annerscht als die „Rehauer Schleißknüpf´l“** oder die „Selber Kälber“ und in Schwarzabach klingt des wieder annerscht als in Wuosiedl.
Um eine sehr kühne, aber doch recht gelungenen Übersetzung aus dem Comic-Hochdeutschen ins Oberfrängische*** handelt es sich bei dem Asterix-Comic Dunnerkeil . Wer dieses ganz speziellen Dialekt nicht mächtig ist, hat vermutlich zunächst den Eindruck, es handle sich aus eine Übertragung aus dem Altsumerischen oder aus der Alien-Sprache eines fremden Planeten.

* Einer der vielen Gründe, nämlich die Vielfalt der Dialekte zu bewahren, weshalb so mancher Frange gerne vom Freistatt Bayern loslösen würde – sagt man jedenfalls.
** Schleißknüpfl – das sind die Knüppel (Baumstämme), die in der Rehauer Gegend im Wald gefällt und auf Perlenbach und Schweßnitz nach Hof geflößt wurden, als dort die Industrie um 1900 mächtig aufblühte.
*** Als ich studierte, besuchte ich auch Vorlesungen über „Medizinische Anthropologie“, wo es um die menschliche Abstammung ging. Prof. Karl Saller, ein sehr guter Dozent, war auch mit Witz gesegnet, mit dem er seine Vorlesungen würzte. Einmal bemerkte er lakonisch, als es um die Germanen und ihre (genetische) Herkunft ging: „Das Sächsische ist die Rache der Slawen an den Germanen –“ was man sinngemäß auch auf das Fränkische vulgo „Frängische“ übertragen könnte, zumindest was die „weichen Gonsonanden“ angeht.

Das ist alles lange her, fast acht Jahrzehnte, dass ich in diesem speziellen Rehauer Dialekt und allgemeiner im Oberfrängischen aufgewachsen bin. Trotzdem war es mir möglich, diese köstliche Verhohnepiepelung eines an sich schon recht witzigen Asterix-Comic zu entschlüsseln, obwohl sich das in den Sprechblasen passagenweise liest wie Altägyptisch. Der Trick: Man muss sich den Text laut vorlesen. Wenn man im Frängischen als Kind gelebt hat****, dann kriegt man das noch einigermaßen hin.

***** In der Freizeit, vor allem beim Spielen, wurde lupenrein gerehauerd – in der Schule und zuhause wurde mehr oder minder Hochdeutsch gesprochen.

Beim Titel „Dunnerkeil“ (hochdeutsch „Donnerkeil“) hat der Übersetzer (oder die Verlagsleitung) allerdings vor der letzten Konsequenz gekniffen. Das müsste nämlich eigentlich heißen: „Dunnergeil“.

Nun noch eine lyrische Kostprobe aus Onkel Karls Mund, der auf den Baustellen (er war Architekt und Baumeister) wie privat lupenrein rehauerisch unterwegs war:

Es saacht die Machd ´n Bod´n no
Und driffd den Knecht in Aach.
Da schreid der Knecht: „Was drabst denn do?“
Da lachtddie Maachd: „Ich saach!

Übersetzt heißt das – nein, das lass ich jetzt sein. Einfach laut vorlesen und sich die beiden Protagonisten wie Romeo und Julia vor einer offenen Scheune vorstellen, die Magd oben auf der Tenne, der Knecht unten, Blick nach oben in den weiblichen Sehnsuchtsort.

Ja, Rehau „is´ da, wo die Has´n Hoas´n haß´n und die Hos´n Huas´n.“

Na fei wergli – du Latschkapp´n (oder muss es heißen „Ladschkabbn“?)

Abb. 2: In einem versteckten kleinen Winkel, vielleicht bei Osseck oder Wurlitz oder in der Geierloh, lebt ein frängischer Stamm, der sich von den Oberbayern tief unten im Süden noch nicht hat unterkriegen lassen (Egmont-Verlag)

(Danke, Stefan, für diesen köstlichen Quatsch – endlich mal ein „Comic“, der wirklich komisch ist und die Lachmuskeln kitzelt.)

Quelle
Goscinny, René (Texte) und Uderzo, Albert (Zeichnungen) und Eichner, Stefan (had des Gschichdla ieberseddsd ins Oberfrängische): Dunnerkeil – Asterix auf Oberfrängisch 1. Berlin 2022 (Egmont).

aut #1279 _ 2022-05-01/19:29