°Erster Kontakt (Story)

Tut mir leid – aber hier wird nur nur der Anfang der Geschichte preisgegeben – als Appetizer gewissermaßen. Die vollständige Version (die für einen Blog außerdem viel zu umfangreich ausfiele) finden Sie in der Anthologie Fantastische Wirklichkeiten, die Jörg Weigand mit 24 Kurzgeschichten aus Science-Fiction und Fantastik herausgegeben hat – mit 202 farbigen und zehn schwarz-weißen Bildern von Rainer Schorm., davon
Und hier der Anfang meiner Story:

Der Traum, mit dem er an diesem Morgen aufgewacht war, hatte ihn zunächst sehr bedrückt. Da war ein unangenehmes Gefühl, etwas Wichtiges nicht begreifen zu können und den Inhalt des Traums auch noch zu vergessen, als er daraus hochschreckte. Zugleich war da seltsamerweise ein Glücksgefühl in ihm gewesen, wie er es lange nicht mehr erfahren hatte. Was das Vergessen doppelt ärgerlich machte.
Aber während er versonnen die Zähne putzte, mit der elektrischen Bürste die Innenseite der oberen Schneidezähne reinigte, waren – plop – plop – plop – drei Szenen des Traums wieder in sein Bewusstsein gehüpft. Ja, der Traum hatte aus drei Teilen bestanden, die irgendwie miteinander zu tun hatten, aber er konnte sich keinen Reim darauf machen. Beim Frühstück hatte er sich rasch notiert, was er noch erinnerte:
Alles andere davor gab es nicht oder war endgültig dem Vergessen anheimgefallen. Doch dieser düstere Moment, als dieser Raumfahrer (was sonst sollte es sein – ein Tiefseetaucher?) auf ihn zutrat. Als er ihn hinter dem Visier seines Helms anstarrte, die Lippen bewegte, als wollte er ihm, Mischa Schröder, etwas mitteilen, etwas sehr Wichtiges – und weg war er, der Astronaut.
An seine Stelle trat diese grünlich schillernde Nixe, die von irgendwoher auftauchte, vielleicht sogar aus dem See, der im Hintergrund in anbrandenden Wellen changierte (war dort dieser Taucher oder Astronaut unterwegs?). Absurderweise hingen zwei Monde am Himmel, wie gewaltige Lampions. Die Wasserfrau ließ sich, nackt wie sie war, auf einem Felsen vor ihm nieder, räkelte sich lasziv lockend – aber in diese Tiefen wollte er ihr nicht folgen, da war ein sehr unangenehmes Gefühl von lauernder Gefahr –
Doch dann ein sanft aufsteigendes Glücksmoment, als von links diese Medusa heranschwebte, türkisfarben der Körper, fast durchsichtig und orangefarben mit rötlichen senkrechten Streifen oben – ihr Kopf? Fremdartig und doch auch irgendwie vertraut –
Wann hatte er so etwas schon einmal gesehen – in einem Aquarium im Zoo? Damals mit den Eltern in den Ferien am Meer, auf Sylt?
Es hatte etwas mit der Zahl 30 zu tun, aber was? Und warum? Er mochte die drei, sie war seine Lieblingszahl, hatte ihn sein ganzes Leben glückbringend begleitet – drei tolle Frauen hatte er geliebt, drei Arbeitsstellen voller inspirierender Herausforderungen hatte er gemeistert, die rundum okay waren, bis er sich endlich doch selbständig machte – da konnte die 30 doch nur Gutes bringen – 30 war er gewesen, als er Birgit kennengelernt hatte, was für ein Glück, längst zerronnen –
Seltsamer Traum. Jetzt, wo er von Hand mit blauer Tinte aufgeschrieben auf diesem nüchtern weißen DIN A4-Blatt vor ihm auf dem Küchentisch lag –
Als er, nun in ausgesprochen heiterer Stimmung, rein zufällig auf die Wanduhr schaute, wurde ihm bewusst, dass er in einer halben Stunde diesen Termin hatte, im Norden der Stadt, im neuen Hochhaus hinter dem Schwabinger Tor. Wenn er das Fahrrad nahm, konnte er das schaffen. Und er schaffte es, wenngleich vor Anstrengung keuchend.
Warum hatte er bloß auf diese Anzeige geantwortet: „Außerirdische suchen ersten Kontakt mit Erdenmenschen.“
Nun saß er schon seit mehr als einer Stunde in diesem nichtssagenden Raum und starrte auf die 143 Bilder, die nacheinander an die weiße glatte Wand projiziert wurden und von denen er eines aussuchen sollte. Das war die Aufgabe. Dachte er jedenfalls. Bis er sich endlich für Nummer 30 entschied. Er konnte nicht sagen, warum es ihm ausgerechnet dieses quallenähnlich durch eine fremde Welt schwebende Ding angetan hatte, dieses geheimnisvoll türkisblau leuchtente Wesen – und nicht die nackte Sirene, die da lockend am Wasser kauerte, mit zwei Monden am Himmel, sichtlich auf einer fremden Welt zuhause – oder diese Figur im Weltraumanzug, hinter dem Helmvisier nur zu ahnen, dass auch das eine Frau war, die ihn neugierig anschaute…

Diese Geschichte geht weiter ab S. 70 (und ihre Entstehung wird skizziert) in:

Scheidt, Jürgen vom: Erster Kontakt (Story). Enthalten in:
Weigand, Jörg (Hrsg.): Fantastische Wirklichkeiten. Die Bilderwelten des Rainer Schorm. Winnert Sep 2021 (Verlag p.machinery / Andro SF). 376 Seiten – mit 202 farbigen und 10 schwarz-weißen Bildern von Rainer Schorm. 37,90 €. ISBN 978 3 95765 250 8.

aut #1057 _ 2021-10-16/19:39

Kindliche Freude, mich gedruckt zu sehen

Bei diesem Buch, das heute bei mir eintraf und sehr zu empfehlen ist, handelt es sich um ein üppig und vielfarbig bebildertes Werk, das zugleich Bilder-Galerie und Kurzgeschichten-Anthologie ist. Der Künstler Rainer Schorm hat dazu 143 farbige (plus etliche schwarz-weiße) Bilder geschaffen – 24 Autoren aus der deutschen Science-Fiction- und Fantasy-Szene haben Stories zu einzelnen dieser Bild-Angebote verfasst.

Da ich selbst einer der Autoren bin, steht es mir nicht an, das Buch zu rezensieren. Hier im Blog kann ich es jedoch uneingeschränkt empfehlen – schon wegen der wirklich beeindruckenden Bilderfülle und der liebevoll vom Herausgeber Jörg Weigand und dem Verleger Michael Haitel zusammengestellten Gesamtschau. Sogar ein rotes Lesebändchen hat man dem Werk spendiert – heutzutage eine große Seltenheit.

Was ich jedoch als Autor einer der Geschichten („Erster Kontakt“) hier im Blog gerne tun will, ist kurz auf die Entstehungsgeschichte meiner eigenen Story einzugehen. Die Ausgangslage war ja für alle Autoren gleich: Uns wurden die insgesamt 143 Bilder von Rainer Schorm angeboten – daraus sollten wir das eine oder andere auswählen und dazu eine Geschichte verfassen. Das ging bei mir recht flott: Ich fand sofort drei Bilder (die auch noch „frei“ waren) und begann, einen Plot zu entwickeln. „First Contact“ ist ein Topos, der mich schon in meinen allerersten Versuchen fasziniert hat: Wie könnte das aussehen, wenn Erdenmenschen und Außerirdische auf einander treffen?
Die Science-Fiction hat dafür, wenn ich es recht sehe, überwiegend negative, also kriegerische Antworten parat – vor allem in Filmen wie Independence Day wird das geradezu exemplarisch gefeiert: Denk dir ganz besonders fiese Aliens aus – und mach sie dann platt – weil die ja so fies und aggressiv sind: mörderische Invasoren, die uns arme hilflose Erdling vernichten wollen! (Dass es sich, tiefenpsychologisch gesehen, wohl eher um die Projektion der eigenen Aggressivität auf die Aliens handelt – darüber kann man ja mal nachdenken.)

Ich hatte diesbezüglich schon immer eine andere Vorstellung – die auf meinem Wissen über die Geschichte der Menschheit basiert. Denn ja: Wir haben uns immer wieder in schrecklichen Kriegen dezimiert – aber es würde uns längst nicht mehr geben, wenn wir (die meisten von uns Erdlingen jedenfalls) nicht überwiegend kooperativ und neugierig auf „Fremdes“ wären und Vorurteile und Projektionen der eigenen seelischen Abgründe auf die Fremden (Aliens!) nicht zurücknehmen und korrigieren würden. Was letztlich darauf hinausläuft – dass die „Liebe“ tatsächlich eine Art „Himmelsmacht“ ist. Wem das jetzt kitschig vorkommt – geschenkt. Meine Story „Erster Kontakt“ im vorliegenden Band ist jedenfalls nicht zufällig auch so etwas wie eine Liebesgeschichte geworden.

Aber eigentlich wollte ich etwas ganz anderes erzählen: Dass es mir nämlich einen Heidenspaß gemacht hat, die in der Story erwähnte Anzeige im Mai-Heft 2020 der Zeitschrift brand eins (die ja der Auslöser des geschilderten Geschehens ist) tatsächlich zu schalten: „Außerirdische suchen ersten Kontakt mit Erdenmenschen“. Außerdem machte es mir diebische Freude, das Auswählen der drei Bilder von Rainer Schorm aus der Fülle des Gesamtangebots zu einem integralen Teil der Handlung meiner Geschichte zu machen.

Und ist es nicht ein schöner Zufall – dass das Titelbild der Anthologie gleichzeitig das Einstiegsbild meiner Kurzgeschichte ist?

Langer egozentrischer Rede kurzer Sinn: Ich hatte selten so viel Spaß beim Schreiben einer SF-Story und entsprechend groß war meine Erwartungsfreude, als ich heute das Paket mit dem Belegexemplaren und den zusätzlich (als willkommene Geschenke für die Weihnachtszeit) von der Poststelle abholte, wo der DHL-Lieferdienst sie abgegeben hatte – weil ich das Klingeln an der Tür überhörte. Was bedeutete, heute zwei mal fünfzehn Minuten mit dem Fahrrad durch München zu fahren, also für das Päckchen ordentlich zu „arbeiten“. Umso großer dann (wie am Heiligabend, wenn es in der Kindheit ums Beschenktwerden ging) die geradezu kindliche Freude, die Bücher auszupacken, vom ersten Exemplar die Folie abzuziehen und im Inhaltsverzeichnis nach „meiner“ Story zu suchen (S. 70 folgende) und sie dann genüsslich zu lesen –

Ich kann nicht verhehlen, dass dies nach wie vor eine unüberbietbare Freude auslöst, ja richtige Glücksgefühle (mit echten Endorphinen überall im Gehirn!): Sich selbst gedruckt zu lesen. (Ein Lügner ist jeder Autor und jede Autorin, die behaupten, dass dies bei ihnen anders ist.) Diese Freude übertrug sich dann auf die Lektüre des Vorworts von Jörg Weigand und auf sein Interview mit Rainer Schorm am Schluss des opulent ausgestatteten Bandes. Die 23 Geschichten der 23 anderen Autoren werde ich mir, wie die Pralinen einer großen Bonbonniere, in den kommenden Tagen nach und nach zu Gemüte führen und freue mich schon jetzt darauf. Die erste Geschichte, „Sonnenkuss“ von Rüdiger Schäfer, hat mir schon ausnehmend gut gefallen in ihrer Verquickung von allzumenschlicher Gegenwart einer Liebesbeziehung und noch recht weit in der Zukunft liegender Technologie.

Multichronalia

Diese Freude bei der ersten Lektüre einer eigenen Geschichte in gedruckter Form habe ich schon immer erlebt. Geschichten schreiben, noch dazu Science-Fiction, ist eher eine prekäre Tätigkeit, bei der man nicht viel Geld verdient und solche „Gedruckwerden-Freuden“ das eigentliche Honorar sind (was die Verleger leider auch sehr genau wissen). So viel zur „Selbstvergewisserung“, die man als Autor mit jedem gedruckten eigenen Text erlebt.
Ich weiß natürlich nicht mehr genau, wie das 1956 war, als meine erste SF-Story „Nur ein kleiner Fehler“ im damaligen Utopia-Magazin veröffentlicht wurde. Dass dies auf jeden Fall ein ganz besonderes Ereignis war, sieht man daran, dass ich nicht nur ein Exemplar dieses Heftes in meiner Bibliothek über inzwischen sieben Jahrzehnte gerettet habe – sondern auch den Abschnitt der Zahlungsanweisung, die damals einige Wochen später der Postbote mit den zehn D-Mark Honorar an mich übergab (oder mit hoher Wahrscheinlichkeit an meine Mutter, denn ich war da wohl in der Schule). Die Freude angesichts „meiner Story“ in gedruckter Form war damals jedenfalls sicher nicht geringer als heute im Jahr 2021 mit dem neuesten Produkt „Erster Kontakt“.

Und hier das Inhaltsverzeichnis der Geschichten:

Abb. 3: Die 24 Geschichten der Anthologie Fantastische Wirklichkeiten

Bleibt noch zu ergänzen, dass es mich doppelt freut, dass diese Anthologie mit dem Club-Siegel des SFCD versehen ist und sich mit dem Reihentitel „Andro SF“ an den Titel der Clubzeitschrift „ANDROmeda“ des Science Fiction Club Deutschland anlehnt – wo im September 1955 meine allerallerallererste Geschichte veröffentlicht wurde: „Denn sie bewegt sich doch“.

Was das Honorar angeht: Für den Abdruck in Andro gab es damals nichts (außer der großen Ehre natürlich, als fünfzehnjähriger Autor vom Club-Präsidenten und Andro-Herausgeber Walter Ernsting alias Clark Darlton erstmals ernst genommen und gefördert und ermutigt zu werden). Für die nächste Story wurden dann die erwähnten 10 D-Mark angewiesen. Ob es für „Erster Kontakt“ ein Honorar geben wird – keine Ahnung.  Die Kleinanzeige in brand eins hat mich 392,70 € gekostet – das war mir der Spaß wert, meine in die Zukunft weisende SF-Story in der Gegenwart „hier und jetzt“ von 2020 zu verankern (und zugleich Werbung für meine Schreib-Seminare zu machen).

Bibliographie
Weigand, Jörg (Hrsg.): Fantastische Wirklichkeiten. Die Bilderwelten des Rainer Schorm. Winnert Sep 2021 (Verlag p.machinery / Andro SF).

aut #1155 _ 14. Okt 2021/12:45

Lust auf Lyrik?

(Tut mir leid – aber das mit dem SelbstTest „Bin ich hochbegabt?“ zieht sich noch ein wenig hin. Ich muss da einiges recherchieren – und außerdem brauche ich diesen neuen Post über Lyrik für meine aktuellen Online-Kurse „Kreatives Schreiben“ an der Akademie Breitenbrunn. Und ganz sicher wird man unter den Dichtern so manchen Hochbegabten finden – Bob Dylan allen voran.)

Am 08. Oktober 2020, erhielt die amerikanische Poetin Louise Glück den Literatur-Nobelpreis. Glück – was für ein passender Name für eine Dichterin, die noch dazu mit diesem Preis geehrt wird! Der Wikipedia entnehme ich:

Glück wuchs auf Long Island auf. Sie studierte am Sarah Lawrence College und an der Columbia University, unter anderem bei Stanley Kunitz. Nach dem Erscheinen ihres ersten Gedichtbuchs Firstborn im Jahre 1968 litt sie unter einer Schreibblockade, die sie erst überwand, als sie 1971 eine Dozentur am Goddard College (Vermont) annahm. Anschließend hatte sie 20 Jahre lang eine Professur am Williams College inne. Von 1999 bis 2003 war sie Kanzlerin der Academy of American Poets. Seit 2004 ist Glück Rosenkranz Writer in Residence und Professorin für Englisch an der Yale University.

Und ist nicht auch Bob Dylans Literatur-Nobelpreis von 2016 hier zu nennen? Seine Song-Texte, für die er geehrt wurde, sind ja ebenfalls Lyrik. Diese ist zwar von ganz anderer Art als die eines Homer oder der nordischen Barden früherer Epochen – aber er ist zweifelsfrei ein weltberühmter Sänger, dessen Verse zudem sehr zeitkritisch und damit auch politisch sind.

Abb. 1 (1967 und Abb. 2 (1975): Diese CDs gehören nicht zu den neuesten Veröffentlichungen von Bob Dylan – aber für mich zählen sie zu seinen besten, gerade auch wegen ihrer Texte (CBS).

In der Kürze liegt die Würze

Die kürzeste Gedichtform? Nein, das ist nicht das japanische Mikro-Gedicht Haiku (s. unten), sondern der Zweizeiler (Distichon). Goethe liebte diese Form, wie man in seinem Westöstlichen Diwan nachlesen kann. Berühmt ist der ursprünglich griechische Epitaph zur Erinnerung an die Spartaner, die in der Schlacht bei den Thermopylen (480 v.d.Z.) gefallen waren, in der Übersetzung von Schiller:
„Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest Uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl.“

(Es gibt auch noch den Einzeiler – aber der ist kein Gedicht mehr, sondern nur noch so etwas wie ein Slogan oder Claim, wie ihn die Werbung gerne verwendet: „Pack den Tiger in den Tank!“ warb Esso für sein Benzin, nach der Ölkrise der 1970er Jahre.)

Sehr beliebt ist die verzwickte Form des Schüttelreims, sowohl als Zweizeiler wie als Vierzeiler (gerne auch anzüglich erotisch):
„Erst saßen sie am Teich ein Weilchen
dann spielten sie mit weichen Teilchen.“

Aus der Alpinistik und sehr tiefsinnig dieser schüttelgereimte Vierzeiler:
„Den Kletterer kühnes Überwinden ehrt,
Doch wenn im Sturm er in den Wänden irrt,
Versenkt er wohl zu spät sich in den Wert
Des Lebens, das für ihn bald enden wird.“ (Mittler, S. 40)

Mächtig schwer, oft nur eine Zeile lang, sind die Palindrom-Gedichte, die man sowohl von links wie von rechts lesen kann:
„Oh Cello, voll Echo.“
Politisch nicht mehr ganz korrekt ist in dieser Hinsicht dieser Klassiker, über den ältere Semester sich schon in der Schule amüsiert haben:
„Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie.“
Wenn man in der richtigen Stimmung ist – und sinnvollerweise von der Mitte her zu konstruieren beginnt -, geht es manchmal ganz leicht, wie ein Selbstversuch zeigt:
„Hallo, Palindrom! Nie ein Mord, Nil-Apoll Ah“
Naja, ist wirklich sehr konstruiert – aber funktioniert, ergibt sogar einen Sinn und hat Spaß gemacht.

Limericks
… sind ebenfalls sehr anspruchsvoll:
Bei dieser fünfzeiligen Gedichtform reimen sich die Zeilen sehr eigenwillig:

„Da war mal ein Mann in der Wüste
Der dort seine Sünden verbüßte.
Er fing mit der Hand
Jede Flieg ‚an der Wand

dabei gibt´s keine Wand in der Wüste.“

Im Englischen klingt das, in einem anderen Beispiel, weit eleganter (weil sich die Sprache besser eignet):
„There once was a man who said damm´n
I´ve just found out that I am
A Creature that moves
In determinate Groves
Not a bus, not a bus  – but a tram.“

Oder anzüglich (von Rudyard Kipling):
„There was a young lady in Riga
Who liked to ride on a tiga
They came back from a ride
With the lady inside
And a smile on the face of the tiga.“

(Wenn das Schulenglisch nicht mehr ausreicht – einfach mal mit Google Translate probieren – ergibt zumindest zusätzlich noch einen unfreiwilligen Lacher.)

Es ist typisch, dass in fast allen Limericks am Ende der ersten Zeile ein Ort genannt wird (Wüste – Riga – München s. unten). Diese lyrische Kurzform ist sehr trickreich durch die eigenwilligen Reime in der ersten, zweiten und fünften Zeile – und den anderen Rhythmus und Reim der dritten und vierten Zeile. Hier zur weiteren Veranschaulichung noch ein im Kurs „Kreatives Schreiben“ von mir selbst rasch „geschmiedetes“ Beispiel (Arbeitszeit: 10 Minuten):

Es begab sich mal in der Stadt München,
Da wollten sie jemanden lynchen:
Der schüttete Bier
Statt ins sich – ins Klavier
Und tat sich damit schwer versünd´chen.

Zugegeben: das „versünd´chen“ als Reimantwort zu „München“ ist sehr eigenwillig – aber beim ohnehin recht kauzigen Limerick ist so etwas durchaus erlaubt.

Tiefsinnige Sonette

Von den fünf Zeilen des Limerick ist es ziemlich weit zum Sonett mit seinen 3×4+2 = 14 Zeilen. Ein Beispiel, das mich schon als 18jähriger Schüler tief berührt hat, war John Miltons „On His Blindness“, das er angesichts seiner eigenen Erblindung schrieb:

When I consider how my light is spent
Ere half my days in this dark world and wide,
And that one talent which is death to hide
Lodg’d with me useless, though my soul more bent
To serve therewith my Maker, and present
My true account, lest he returning chide:
„Doth God exact day-labour, light denied?“ I fondly ask.
But Patience to prevent that murmur, soon replies:
„God doth not need either man’s work or his own gifts;
who best bear his mild yoke, they serve him best.
His state Is kingly. Thousands at his bidding speed
And post o’er land and ocean without rest:
They also serve who only stand and wait.“

Was für ein tröstlicher Schluss: „Auch jene, die nur steh´n und warten“ haben ein sinnvolles Leben. Dem Englischlehrer gefiel meine Übersetzung nicht sonderlich gut, die so begann:

„Wenn ich bedenke, wie mein Licht erlosch Zur Hälfte meiner Tage…“

Aber dieses Sonett hat mich durch mein ganzes Lebens begleitet und schon 1962 zu meiner Science-Fiction-Story „Blindheit“ inspiriert, die in fünf Sprachen übersetzt und immer wieder nachgedruckt wurde und mir einige Tausend Mark Honorar beschert hat – für gerade mal zehn Manuskriptseiten. Danke, John Milton!

Weit bekannter dürften die Sonette von William Shakespeare sein. Er schrieb Dutzende davon, von denen viele auch übersetzt wurden. Eines davon, das elegische, todessehnsüchtige „Sonett Nr. 66“, wurde im Lauf der Jahrhunderte gleich 88 (!) mal ins Deutsche übertragen. Es beginnt so:

„Tired with all these, for restful death I cry…“

Ulrich Erckenbrecht war davon so begeistert, dass er alle 88 Varianten in einer Anthologie mit dem schlichten Titel Shakespeare Sechsundsechzig zusammengetragen und kommentiert hat. Ein wunderbarer Sonderfall von Literaturbesessenheit!

Und nun zu den eingangs erwähnten Haiku (Plural: ebenfalls Haiku). Zwei japanische Klassiker, die auch in deutscher Übersetzung noch sehr eindrucksvoll wirken (Inahata, S. 61 und S. 8):

„Furu ike ya
kawazu tobikomu
mizu no oto.“
(das japanische Original von Basho, wenngleich in lateinischen Buchstaben)

„Ein alter Weiher!
Hinein springt ein Frosch,
des Wassers Tönen.“
(Basho, übersetzt ins Deutsche)

„In das Meer laufend,
über die Wellen stolpernd,
schwimmende Kinder.“ (Kyoshi)

In beiden Beispielen kommt, wie beim Haiku sehr erwünscht, eine Jahreszeit vor. Wann laufen Kinder ins Meer? Im Sommer. Wann springen die Frösche in den Weiher? Im Frühling vermutlich.

Eigentlich ist es unsinnig, Haiku aus der Originalsprache ins Deutsche zu übertragen – denn das Japanische ist eine Silbenschrift, die der strengen Silbenzahlvorgabe „5-7-5 = 17“ sehr entspricht – wohingegen die deutsche Schriftsprache auf Buchstaben basiert. Aber zum einen gibt es auch im Deutschen erstaunliche viele einsilbige Wörter  (Arm, alt, Ohr, Bein, Fuß, Storm, Wind oder auf eine Silbe verdichtet: Aug´ – ja, die Ersetzung eines Anhängsels durch den Apostroph ist erlaubt!) und zum anderen kann man längere Wörter ja in Silben takten.
Donaudampfschifffahrtskapitiänswitwe“ ist nicht sehr ratsam mit seinen zehn Silben (und ohnehin nicht sehr lyriktauglich) – aber viele zwei- oder auch dreisilbige Wörter eignen sich durchaus. Ein Beispiel aus der eigenen Lyrik-Werkstatt – angesichts des ungewöhnlich heißen Juni 2019 (die Jahreszeiten sind sehr wichtig für das Haiku!) und Greta Thunbergs mahnendem Aufruf zum „Schulstreik für das Klima“ entstand dieses Haiku:

(5) Brü ten de Hit ze
(7) Kli ma wan del springt mich an
(5) Der See schwappt trä ge.

Sieht doch schon recht „japanisch“ aus! (Und wurde nur des Anschaulichkeit halber in Silben zerlegt.)
Anmerkung: Ursprünglich kennt das Haiku kein Subjekt („lyrisches Ich“: ich, mich etc.). Aber wie mir ein japanisches Lehrerehepaar versichert hat, mit dem ich während einer Zugreise ins Gespräch kam, gibt es inzwischen moderne Varianten des Haiku, die durchaus ein erlebendes, berichtendes Subjekt zulassen. Endreime sind im japanischen Original ebenfalls nicht üblich, überhaupt verzichtet man auf so etwas wie ein Versmaß. Aber im Deutschen macht sich das nicht schlecht – und sogar Binnenreime sind möglich.

Die Anleitung zum Haiku-Dichten…
… die wir in der Sommer-Schreib-Werkstatt angeboten haben, lautete schlicht:

  1. Geh raus in die die Natur und notiere, was deine Aufmerksamkeit erregt.
  2. Wähle jeweils drei aussagekräftige Beobachtungen und montiere sie zu einem Dreizeiler.
  3. Entferne alles Überflüssige, bis nur die drei Zeilen 5+7+5 Silben übrig sind – das entspricht dem Vorgang des (Ver-) Dichtens.
  4. Lies und korrigier das so lange, bis du mit dem Resultat zufrieden bist.
    (Die Japaner sagen: Von 100 Haiku gelingt einer. Na bitte! Das kann das letzte Haiku sein – oder das erste.)

Brotlose Kunst?
Und ja: Carl Spitzweg (1808-1885) hat mit seinem Gemälde des bedauernswerten „Armen Poeten“ genau den Punkt getroffen: Dichten ist normalerweise eine brotlose Kunst. Als Elfriede Jelinek 2004 den Literaturnobelpreis (vor allem für ihre Theaterstücke) bekam, verkaufte sich auch ihre Lyrik plötzlich nicht mehr nur tröpfchenweise – aber viel mehr als 800 Exemplare ihrer Anthologie musste der Allitera-Verlag nicht ausliefern.
Ganz anders war das einige Jahre später (2016), als Bob Dylan ausdrücklich für seine Songtexte (die ja nichts anderes als vertonte Gedichte sind) ebenfalls den Literaturnobelpreis zugesprochen bekam. Dylan ist zwar dank seiner sonstigen Einkünfte kaum auf die monetäre Begleitmusik eines Nobelpreises angewiesen – aber als Beifang hat er die seit 2012 mit acht Millionen Schwedischen Kronen dotierte Gabe (derzeit etwa 749.000 Euro) sicher gerne mitgenommen. Viel wichtige war natürlich die Ehrung – vor der er sich allerdings zunächst sehr geziert hat..
In den Leserbriefspalten gifteten manche Besserwisser (oder Neider?) beckmesserisch, dass sei doch „keine nobelpreiswürdige Literatur“. Na was denn sonst – wenn Millionen Hörer und Leser diese Songs schätzen und ihre Lyrik auswendig lernen, weil sie so tief berührt wie lange keine Lyrik mehr berührt hat und sogar hochpolitisch ist:
Das tiefgründige „The Times They Are a-Changin’“, das militärkritische „Masters of War“, das apokalyptische „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ und das wunderbare „Blowin in the Wind“.

Nun unsere nostalgische Werbeeinblendung
Werbung nützt Reime gerne, weil die sich besonders leicht im Konsumenten einnisten, vor allem, wenn sie mit einer Prise Witz (oder Dialekt) daherkommen. der Dichter Joachim Ringelnatz hat nicht zufällig auf Werbesprüche gebastelt. Das folgende Beispiel (allerdings nicht von Ringelnatz) hat sich in der Kindheit in mein Gedächtnis eingebrannt, als es noch kein Fernsehen gab und Reklame aus dem Radio dudelte:
„Rasch verklingend wie ein Ton,
Schwindet Schmerz durch Melabon.“

Oder im Münchner O-Ton:
„Die Semmelbrösel von Laimer
bei dene Brösel, da blei´m mer.“

Und so prägte sich, durchaus sinn- und erfolgreich, sogar akustische Verkehrserziehung für alle Zeiten wie ein Werbespruch ein:
„Erst links, dann rechts, dann gradeaus
so kommst du sicher stets nachhaus.“

Heutzutage in den Zeiten von Twitter und anderer Smartphone-Notizen auf winzigen Monitoren ist derlei Zweizeiliges viel zu umfangreich, habe ich den Eindruck, und entsprechend aus der Mode gekommen. Das schrumpft dann gerne auf eine einzige Zeile, und minimalistischer geht es wirklich nicht (ist allerdings auch kein Gedicht):

„Osram – hell wie der lichte Tag.“ (60er Jahre, am Münchner Stachus als prominente Lichtreklame – die 2019 entfernt wurde, inzwischen aber zu neuen Ehren gekommen ist – supermodern mit LED-Lämpchen.)

Reimender Abgesang
Früher war es üblich, komplette Theaterstücke zu reimen. Eine Spätfolge jener Zeit, als Werke wie die Odyssee und die Illias von fahrenden Sängern auswendig vorgetragen wurden (die nicht unbedingt tatsächlich Homer hießen), ja als das gesamte Kulturgut einer Menschengruppe in schriftlosen Zeiten von den Medizinmännern und Barden auswendig gelernt, vorgetragen und weitergegeben wurden. Die (End-) Reime waren dabei unabdingbare mnemotechnische Hilfsmittel, ohne die solche gigantischen Gedächtnisleistungen nicht möglich gewesen wären.
Aber musste Goethe seinen Faust unbedingt in Versen mit Endreim verfassen? Das wirkt heutzutage (von glänzend funkelnden einzelnen Preziosen mal abgesehen), doch sehr bemüht – eben „reim dich oder ich fress´ dich“.
Mag sein, dass mich so mancher Goethe-Verehrer für eine derart ketzerische Anmerkung jetzt am liebsten steinigen würde – aber so ist das nun mal. Die Schauspieler mögen die Reime schäützen (weil sie sich, s. Mnemotechnik, mit dem Auswendiglernen leichter tun) – aber für die unten im Saal sitzenden Zuschauer ist es eher – naja: langfädig und bemüht.
Wie singt Bob Dylan so überzeugend? „The times, the are a-changin´“. Genau. Das gilt auch für Moden in der Lyrik.

Zu guter Letzt
Man könnte ganze Tagebücher in Reime fassen – wenn es nicht so mühsam wäre. Hier ein hintersinniger Rausschmeißer in dieser Richtung:
„Leider in der jüngsten Zeit
Plagt mich die Vergesslichkeit
Und was ich euch wollt berichten

ich vergaß es, jetzt beim Dichten.“ (In Memoriam HvS)

Und ganz zum Schluss
(den am 26. September 2021 frisch gewählten Parteien in die Agenda für den neuen Bundestag notiert:)
„Ihr habt es gewusst!“
Höre ich meine Enkel
Aus der Zukunft schrei n

Was wäre eine Musik, die zum Thema Lyrik passt?
Na klar: Alles von Bob Dylan. Zum Beispiel die CDs Blood on the Tracks und Highway 61 revisited – die bei mir zur Zeit laufen. (s. oben die Cover.)

Bibliographie
Dylan, Bob: Songtexte 1962–1985. Deutsch von Carl Weissner und Walter Hartmann (zeilenweise und „reimgetreue“ Gegenüberstellung der englischen und deutschen Texte), Frankfurt 1987 (Zweitausendeins).
ders.: Lyrics 1962–2001. Sämtliche Songtexte, deutsch von Gisbert Haefs, zweisprachige Ausgabe. Hamburg 2004, (Hoffmann und Campe).
ders.: Highway 61 Revisited. USA 1967 (CBS).
ders.: Blood on the Tracks. USA 1975 (CBS).
Erckenbrecht, Ulrich: Shakespeare Sechsundsechzig. Variationen über ein Sonett. Göttingen 1996 (Muriverlag).
Inahata, Teiko: Erste Haiku-Schritte – eine Fibel. München 1986 (Günther Klinge Haiku-Verlag).
Juhlen, Gerda (Hrsg.): 4 Schock schockierende Limericks. Frankfurt am Main 1974 (Fischer Taschenbuch).
Lear, Edward: Sämtliche Limericks. Englisch/Deutsch Stuttgart 1988 (Reclam).
Mittler, Franz (hrsg. Von Friedrich Torberg): Gesammelte Schüttelreime. München 1994 (Serie Piper Humor).
Parrott, E.O. (Hrsg.): The Penguin Book of Limericks. London 1983 (Penguin).
Pfeiffer, Herbert: Oh Cello voll Echo. Palindrom-Gedichte. Frankfurt am Main 1992 (Insel)
Stengel, Hansgeorg: AnnasusannA – ein Pendelbuch für Rechts- und Linksleser. München Leipzig 1995 (Paul List).

aut 1054 _ aktualisiert: 13. Okt 2021/13:12 / Erstmals gepostet auf iak-talente.de am: 21. September 2019

„Ich wähle Greta Thunberg“

Als ich am Sonntag zur Wahl ging, überholte mich eine junge Frau, so um die dreißig, und wies mich ganz aufgeregt auf ein Plakat der Basis-Partei hin. „Die müssen Sie wählen!“ rief sie. Ohne viel nachzudenken, erwiderte ich:
„Ich weiß schon, wen ich wähle: Greta Thunberg.“
Ich meinte natürlich die Partei, die Greta thematisch am nächsten steht.

Warum ich das hier im Blog erwähne?

Nun, zum einen ist in so ein Web-Tagebuch sicher auch der Platz für persönliche politische Meinungen. Dass mein Herz für die Grünen schlägt, daraus mache ich kein Hehl (s. meinen Beitrag Selbsterfahrung als Politik: Die Grünen ).
Zum anderen passt mir Greta Thunberg, die das Klima-Anliegen mehr als sonst jemand auf der Welt verkörpert, auch bestens zum Thema „Hochbegabung“, mit dem ich mich hier im Blog eine Weile beschäftigen will.

Ich liege sicher nicht daneben, wenn ich mal kühn ein wenig Brainspotting riskiere und die Ferndiagnose stelle: Greta ist eine Hochbegabte.

Mit welchen Merkmalen meines Selbst-Test begründe ich das? Nun, vor allem damit, dass sie schon mit 14 sich für das Anliegen des Klimaschutzes nicht nur gedanklich einsetzte, sondern
° sich bestens bei den wissenschaftlichen Quellen informierte (Informations-Aufnahme),
° sich darüber sehr viele (teils quälende) Gedanken machte, unter denen sie sehr litt (Informations-Verarbeitung)
° und dann handelte, in dem sie erst dieses weltberühmte kleine Plakat schrieb („SKOLSTREJK FÖR KLIMATET“), mit dem sie sich auf die Stufen des schwedischen Parlaments setzte (Informationsabgabe).
° Dass nicht nur dieses Thema auch in der Informations-Speicherung eine große Rolle bei ihr spielt, kann man bereits in ihrem ersten Büchlein nachlesen, das ihre Brandrede enthält mit dem Aufschrei: „Ich will, dass ihr in Panik geratet“.
Am Freitag vor diesem Wahlsonntag waren die Schülerinnen und Schüler überall auf der Welt wieder mit ihren Protestmärschen Fridays for Future unterwegs, die sie initiiert hat. Greta Thunberg war in Berlin dabei und ich bin mir sicher, dass dieser erneute Aufschrei der Jugend nicht wenige Wähler dazu veranlasst hat, ihre beiden Kreuz bei den Grünen zu setzen.
(Die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock hat ihren Kandidatur leider – verbaerbockt – schon wegen ihrer mädchenhaft unsicheren Stimme. Robert Habeck wäre doch der bessere Kandidat gewesen.).

Thunberg, Greta: Ich will, dass ihr in Panik geratet. Frankfurt am Main 2019 (Fischer Taschenbuch).
aut #1149 _ 28. Sep 2021/15:44

Lange Pause – ungewollt

Aus verschiedenen Gründen kam ich längere Zeit nicht dazu, neue Beiträge zu publizieren. Der letzte Eintrag stammt vom 22. August. Ein Grund war, dass ich intensiv mit Seminaren beschäftigt war. Ein anderer, dass ich einige Probleme mit dem Computer resp. der Software hatte, die erst geklärt werden mussten. Beim Neustart war dann des Guten zu viel getan und der Zugang zu diesem Blog erst einmal – ja: bloggiert, könnte man sagen (kleiner Scherz).

Aber jetzt geht es wieder los (auch, wie versprochen, mit dem Selbst-Test „Bin ich hochbegabt?“).
Eine kleine Neuerung hier im Blog ist eine zusätzliche Kategorie „Englischer Garten“, die ich mit diesem Beitrag eingeführt habe. Mit wurde beim Blättern in älteren Einträgen nämlich bewusst, dass dieser wunderbare Park im Herzen von München in diesem Blog eine beachtliche Rolle spielt: Er ist so etwas wie sein „Grünes Herz“ und zugleich seine „Grüne Lunge“, die sich mittendurch zieht.

Im Post Begegnung mit einem Baum: Wu Tang habe ich einem speziellen Baum gewissermaßen bereits einen Ehrenplatz verschafft, ohne zu wissen, um was für eine Art Baum es sich dabei handelt: nämlich eine Flatterulme.

Abb. 1: Mein Lieblingsplatz im Englischen Garten – bei der Flatterulme (Foto Archiv JvS)

Wie wichtig dieser Park mit seinen vielen schönen Plätzen und somit attraktiven Foto-Motiven für mich ist, zeigt ja schon das Foto auf der Startseite unserer Seminar-Website iak-talente.de .

Mein Lieblingsplatz ist beim Stauwehr hinter dem Haus der Kunst, wo der Eisbach (weltberühmt für seine „stehende Welle“ und die dort balancierenden Surfer) sich mit dem Köglmühlbach vereinigt. Dieser tritt bei bei der Bayerischen Staatskanzlei neben dem Hofgarten aus dem Untergrund zutage und generiert zugleich hinter dem Stauwehr den Schwabinger Bach. (Oben auf dem Foto kann man übrigens einige Schwimmer erkennen, die sich dort verbotenerweise im Eisbach tummeln – einer lehnt links vom Stamm der Ulme am Stauwehr, hinter dem der Schwabinger Bach beginnt.)

Abb. 2: So sieht das Blatt einer Flatterulme aus (laut Wikipedia – Stichwort „Flatterulme“)

Seit heute weiß ich übrigens endlich, was für ein Baum das ist, der da recht beachtlich hoch in den Himmel wächst. Ich hatte schon geschätzte fünfzig Spaziergänger*innen befragt, ob sie es wüssten – niemand konnte es mir sagen. Bis ich auf vor drei Tagen auf die Idee kam, bei der Verwaltung des Englischen Gartens nachzufragen. Und prompt hat mir jemand freundlicherweise sofort geantwortet, dass es sich wohl um eine „Flatterulme“ handle. Das hat mich überrascht, weil die Ulmen, die ich kenne, leicht an der typischen Borke zu erkennen sind, die sich großflächig löst. Diese Borke sieht jedoch völlig anders aus. Vergleiche mit Fotos auf Google und mit meinen eigenen Aufnahmen bestätigen, dass es sich um eine Flatterulme handelt – auch die Blattform passt.

Wenn der Klimawandel uns immer höhere Temperaturen beschert, werden solche „grünen Lungen“ in der Stadt noch viel kostbarer als sie es jetzt schon sind! Umso wichtiger, dass wir ihnen große Aufmerksamkeit schenken.

aut #1147 _ 16. Sep 2021 / 19:26

Lesen, Schreiben und IQ

Ich taste mich langsam an das Thema „SelbstTest: Hochbegabung“ und „Hochbegabung als solche“ heran. Ist gar nicht so einfach.

Als ich 1961 die Eignungsprüfung für die Zulassung zum Studium der Psychologie absolvierte, musste ich wie die anderen Prüflinge auch eine ganze Batterie von Tests absolvieren. Wir saßen in einem großen Hörsaal (an die hundert von uns – überwiegend junge Frauen) und mussten unter anderem:
° einen „Wartegg-Zeichen-Test“ ausfüllen (ein DIN-A4-Blatt mit acht Kästchen, in denen man eine angedeutete Zeichnung ergänzen sollte);
° eine Schriftprobe abgeben,
° einen Persönlichkeits-Test ausfüllen (wieder mit vielen Detailfragen – ich habe keine Erinnerung, was für ein Test das war);
° und vor allem musste man die vielen Aufgaben eines Intelligenz-Tests erledigen.

Abb. 1: Beispiel eines Wartegg-Zeichen-Tests, den ich selbst im Rahmen meiner praktischen Arbeit mit Drogenabhängigen für den empirischen Teil meiner Dissertation Der falsche Weg zum Selbst anfertigen ließ (Archiv JvS)

Aus alledem wurden sowohl die charakterliche Eignung für das Studium der Psychologie erschlossen als auch die Höhe der Intelligenz.

Das ganze Procedere dauerte einen ganzen Tag und war enorm anstrengend. Wenn ich es richtig erinnere, wurde das an späteren Tagen noch mit einem längeren persönlichen Gespräch ergänzt (bei dem vielleicht sogar ein Rorschach-Test eingesetzt wurde). Meine Ergebnisse genügten wohl den Anforderungen, denn ich wurde zum Studium zugelassen.

Bei dieser Eignungsprüfung ging es um dreierlei:
° Zum einen lernte man auf diese Weise die Bewerber in „einem großen Aufwasch“ kennen und konnte sie leicht anhand vorher festgelegter Kriterien aussortieren (und nebenbei deren Fähigkeit zur Stress-Bewältigung evaluieren).
° Dann war die ganze Prozedur so etwas wie das Kernstück des ganzen Psychologie-Studiums „in der Nussschale“ – denn solche Tests sind gewissermaßen das „tägliche Brot“ später in der praktischen Arbeit als Psychologe, das man auf diese Weise in der Selbsterfahrung kennenlernte.
° Und drittens umging die psychologische Fakultät auf elegante Weise damit das damals politisch geforderte Verbot eines „Numerus clausus“ nicht nur bei diesem hoffnungslos überlaufenen Studium: Die „Eignung“ zu prüfen konnte man der Fakultät nicht verwehren – während eine rein mathematisch festgelegte Zahl von Bewerbern um die vergleichsweise wenigen Studienplätze nicht erwünscht war.

Viele Psycho-Tests haben den „Zahn der Zeit“ nicht überlebt

Die Zeiten haben sich sehr geändert. Verfahren wie der Wartegg-Test, die Graphologie und der Rorschach-Klecks-Test, die in den 60er Jahren während meines Studiums noch sehr geachtet und als psychodiagnostische Werkzeuge sehr beliebt waren (und eine Weile auch von mir eingesetzt wurden), sind damals schon umstritten gewesen, weil sie äußerst schwierig zu evaluieren und zu standardisieren sind. Solche Standardisierungs-Prozeduren sind äußerst zeitraubend und teuer, wenn sie den modernen Ansprüchen genügen sollen. Wie soll man auch aus der Handschrift eines Menschen in Gestalt einer Schriftprobe so etwas wie eine zuverlässige Auskunft über den Charakter und die Intelligenzhöhe sowie etwaige Begabungsschwerpunkte herausfiltern? Aber damals waren die Testpsychologen noch sehr von ihrer eigenen Intuition überzeugt. So etwas hat heute keine Berechtigung mehr (wird allerdings sicher noch angewendet, vor allem von älteren Psycholog*innen – wie auch bei den esoterisch angehauchten Kolleg*inne die Astrologie sicher immer noch herumspukt).

Das einzige, was von diesen ganzen diagnostischen Verfahren all die Jahre einigermaßen unbeschadet überlebt hat, sind einige standardisierte (und immer wieder neu auf den Prüfstand gestellte) Intelligenz-Tests – mit denen man dann auch so etwas wie Hochbegabung herausfiltern kann: als (künstlich) festgelegtes Testergebnis „130 plus“.

Um dies abzurunden und abzuschließen: Solche Tests, nachzumal die ganze Fragen-Batterie eines Intelligenz-Tests, verlangen bereits drei der Hauptmerkmale, die ich als ganz zentrale Hinweise auf Hochbegabung in den folgenden Beiträgen noch genauer betrachten werde:

Lesen und Schreiben als Kern von Hochbegabung

Man muss lesen können (nämlich die Fragen); man muss das Gelesene verarbeiten und richtig verstehen können; und man muss die Antworten in das Testblatt hineinschreiben – und sei es nur in Form eines Kreuzchens im richtigen Kästchen (das heute meistens automatisch von einer Art rudimentärer KI ausgewertet wird). Informationen aufnehmen (lesen), verarbeiten und abgeben sind drei der vier Aspekte jeder intelligenten Tätigkeit – mit dem Speichern der Informationen (in diesem Fall als archiviertem I-Test) als viertem Aspekt. Das Absolvieren eines Intelligenz-Tests ist also nicht nur die Essenz des Psychologiestudiums – sondern auch das wohl beste Beispiel, wie sich Hochbegabung äußert: Indem man nämlich so einen Test möglichst fehlerfrei und schnell absolvieren kann.
Wenn ich mal (science-fiction-erprobt wie ich bin) in die Zukunft schaue – dann sehe ich allerdings eine völlig andersartige Form von Intelligenz-Tests: Nämlich in Gestalt eines komplexen Computer-Spiels mit Virtual Reality, mit dessen vielfältigen, leicht zu standardisierenden (aber immens teuer zu erstellenden) Details der Proband wie bei einer Heldenreise knifflige Aufgaben und Prüfungen sehr lebensecht meistern muss. Ich nenne dies das WeltSpiel.

Aber das wird noch eine Weile dauern. In meinem glü-Roman gibt es das jedenfalls bereits. Und ich bin guten Mutes, dass diese meine Vorhersage irgendwann in nicht allzuferner Zukunft (vielleicht sogar noch zu meinen Lebzeiten?) Realität wird. Das Geschäft mit der Intelligenzmessung ist zu vielversprechend, auch in finanzieller Hinsicht. Mit dem Labyrinth-Computer-Spiel, das ich in meinem ersten Roman Männer gegen Raum und Zeit 1958 vorgestellt habe – beschrieb ich doch recht treffend das ganze spätere Genre der Computerspiele überhaupt, die ja meistens auf der Struktur eines Labyrinths basieren.

MultiChronalia

Die Eignungsprüfung 1961 für die Zulassung zum Psychologiestudium war nicht meine erste Heldenreise dieser Art. Bereits 1949 mussten wir neunjährigen Steppkes eine ähnliche Eignungsprüfung absolvieren, die den Übergang von der (vierten Klasse) Volksschule in Rehau in die (erste Klasse) Oberrealschule Selb ermöglichte. Auch die habe ich wohl mit Bravour bestanden.
Die Zwischenprüfung zum „Vordiplom“ (heute „Bachelor“) verlief 1963 ebenfalls ganz passabel – allerdings unter enorm schwierigen Begleiterscheinungen, weil mir da ein wahnsinnig das Lesen und Lernen störender Heuschnupfen in den Augen (!) und mein ADHS in die Quere kamen – verstärkt durch den Prüfungsstress (von beidem wusste ich damals allerdings nicht – weder vom Heuschnupfen noch vom ADHS).  
Total missraten ist mir allerdings 1965 der nächste „Schaulauf“: Die Abschlussprüfung für das Hauptdiplom (heute „Master“) in Psychologie. Die mündlichen Prüfungen waren wohl okay. Mein gutes Gedächtnis und meine Vorbereitung (auch in einer Lerngruppe zu viert) mit an die tausend Karteikarten mit den möglichen Fragen des Prüfungsstoffes waren da sicher hilfreich.
Völlig versemmelt habe ich hingegen die schriftliche Prüfung, bei der aus vorgegebenem lebensechtem Material (Gesprächsprotokolle und Testergebnisse eines Probanden) ein schriftliches Gutachten erstellt werden sollte. Auch die zweite Chance dieser Prüfung habe ich (nicht zuletzt wegen vielen Studentenjobs zum Geldverdienen) vergeigt. Erst der dritte Anlauf (mit „ministerieller Sondergenehmigung“) gelang dann.

Und die Promotion 1976? Die schriftliche Arbeit war kein Problem; sie hat sich nur neben Fulltime-Job als praktizierender Psychologe und Journalist und Schriftsteller über sechs anstrengende Jahre hingezogen (weshalb ich eine berechtigte Wut bekomme, wenn mal wieder herauskommt, das da ein prominenter Politiker bei seiner Dissertation geschummelt hat). Schwieriger waren die mündlichen Prüfungen. Vor allem die in Philosophie machte große Mühe – weil ich das angesagte Schriftgut von Leuten wie Habermas so unlesbar und langweilig fand, dass ich mich da wirklich nur dank verständnisvoller Prüfer durchmogeln konnte.

Wen ich heute, im Jahr 2021, in der Rolle des Privatdozenten und Prüfers die Mündlichen von Studierenden meiner Kurse „Kreatives Schreiben“ abnehme, ist mir das alles nur zu bewusst – vor allem weil die alle berufsbegleitend studieren und sehr anstrengende soziale Berufe meistern müssen.

244 _ aut #1127 _ 2021-08-22/21:09

Lesen und Schreiben im Café

Ich arbeite zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich gut. Am einfachsten geht das gleich morgens nach dem Aufwachen – meistens so gegen 05:00 Uhr und noch im Dunkeln. Ein heißer Tee (Darjeeling First Flush mit einer Prise Earl Greys – von der Tee-Kampagne in Berlin) aus dem Samowar, der mich für drei bis vier Tage versorgt. Meistens fließen nach den ersten Schlucken Early Morning Tea die ersten Einfälle. Da ist der kreative Fluss noch nahe am Traum-Geschehen, oft auch direkt mit der Erinnerung an einen Traum verbunden. Die ersten Gedanken werden notiert (unterstützt von einem kleinen Lämpchen, wenn es noch dunkel ist).
Meistens beziehen sich solche Einfälle auf ein konkretes größeres Projekt. Aktuell ist das der neue Kurs „Kreatives Schreiben und Veröffentlichen“ für Breitenbrunn, zu dem ich erst noch das genaue Curriculum entwickeln muss – was aus der praktischen Umsetzung heraus geschieht. Dann muss ich noch einen seit langem zugesagten Artikel über „utopische Heft-Serien in den 1950er Jahren“ für die Jahresschrift TimeMachine fertigstellen, zu dem eigentlich schon alles notiert ist. Und danach geht es an die Collection meiner SF-Stories, die bereits einmal irgendwo irgendwann erschienen sind. Arbeitstitel: Zurück von den Sternen.
Anschließend Yoga, Duschen und Frühstücken. Es folgt Arbeit am PC: E-Mails und all der andere tägliche Kleinkram (fallweise Buchführung), Diktieren von längeren Textschnipseln mit der Dragon-Software und Abtippen kürzerer Passagen. Arbeit am Blog (wie jetzt eben). Et cetera. Et cetera.

Nachmittage im Lieblingscafé

Eine andere gute Zeit zum Schreiben und vor allem zum Überarbeiten von Texten ist der Nachmittag in einem meiner Lieblingscafés (ja, es gibt davon einige – zum Beispiel das Höflinger in der Schellingstraße bei der Uni, im früheren Antiquariat Hauser).

Der „Caféhaus-Literat“ war und ist ja eine ganz spezielle Variante des schreibenden Menschen. Dem kann ich mich gut zugehörig fühlen – obwohl das heute sicher nicht mehr so gemütlich ist wie in den angesagten Wiener Cafés der Belle Epoque oder im Café Größenwahn in München-Schwabing in den „wilden Zwanzigerjahren“. Heute dudelt meistens eine nervige Musik, deren öde Bass- und Drum-Linien von Computer generiert werden und eher stören. Ausnahme: Die sehr liebevoll zusammengestellten, sehr melodiösen Schlager-Potpourris, die im Rigoletto laufen, wo man so schön im Grünen sitzt und auch essens- und kuchenmäßig bestens versorgt wird und mit einem guten Cappuccino – für mich mit dem Fahrrad in zehn Minuten erreichbar.
Das Höflinger Schellingstraße (ehemals Antiquarat Hauser), in dem ich mich am Vortag mit meinem ältesten Sohn Gregor getroffen habe, befindet sich direkt bei der Uni und ist entsprechend vor allem von Studentinnen und Studenten geprägt, die mit Laptops vor sich hin arbeiten oder sich mit ihresgleichen austauschen – oder von Leuten wie mir, die hier gerne die ausliegende Süddeutsche lesen und gelegentlich eine Idee notieren oder einen Text redigieren (und sich gerne an das eigene Studium erinnern – das multiChronisch unglaublich weit zurückliegt und hier plötzlich wieder sehr gegenwärtig ist).

Abb. 3: Wird das Auto oder das Fahrrad die „Zukunftsfragen“ der ÖDP beantworten? Das Antiquariat Kitzinger verschwindet demnächst jedenfalls in der Vergangenheit – wie so viele Schwabinger Antiquariate (Archiv JvS)

Nachdem Lesen und Schreiben sehr prägnante Merkmale für Hochbegabung sind – gelingt mir auf diese Weise elegant wieder die Kurve zu dem Thema, über das ich jetzt eigentlich schreiben sollte – aber die aktuellen Fotos sind zu verlockend, mit denen ich diesen Beitrag garnieren kann.

Zentrales Lebensthema

Was das Thema „Hochbegabung“ angeht, so entpuppte sich das bei der Arbeit an diesem Blog zunehmend als mein zentrales Lebensthema – aufs Engste gekoppelt an die beiden anderen großen Themen „Schreiben“ und „Science-Fiction“ resp. „Zukunft“ und vielleicht im Untergrund miteinander verknüpft über das vergleichsweise neue Thema „MultiChronie“ (das etwa zum Jahresanfang 2021 wie ein Schachtelteufelchen plötzlich in mein Leben gepoppt ist und von dem ich immer noch nicht recht weiß, ob das nur ein „neuer Schlauch“ ist für einen „alten Wein“ oder etwas wirklich aufregend Neues.)
Das alles fühlt sich sehr inspirierend und aufregend an und so, als kündige sich da ein neuer Lebensabschnitt an, mein inzwischen fünfter.
(Fortsetzung im nächsten Beitrag: →li Hochbegabung als Lebensthema)

MultiChronalia

1950 startete ich in einem weiß lackierten Schrank im Vorraum der Wohnung in der Bahnhofstraße 15 in Rehau meine erste Bibliothek. Die beiden oben abgebildeten Antiquariate Hauser und Kitzinger habe ich früher oft frequentiert, als ich noch an keiner Buchhandlungen vorbeigehen konnte, ohne die Auslage zu studieren. Bücher kaufen war eine richtige Obsession, vor allem nach dem Umzug der Familie nach München im Jahr 1956 . Bis ich beim letzten Umzug 2011 von der geräumigen Wohnung in der Seestraße in die vergleichsweise kleine Wohnung in der Winzererstraße umzog und im Verlauf dieser Transaktion an die 3.000 Bücher loswerden musste. Einiges hat – wie früher schon – Kitzinger gekauft. Der Rest landete buchstäblich auf der Müllkippe, weil niemand diese Bücher haben wollte (meistens veraltete Sachbücher, Rezensionsexemplare und dergleichen – nicht schade darum).
Zwischen 1958, als mein erster Roman Männer gegen Raum und Zeit erschien, und 2005, als mit meiner Collection Blues für Fagott und zersägte Jungfrau mein bislang letztes Buch auf den Markt kam, habe ich mehr als dreißig Bücher geschrieben und veröffentlicht – eine kleine Bibliothek in sich. Dann nichts mehr. Was allerdings so nicht stimmt: Inzwischen blubbert es unaufhörlich aus dem Untergrund der GeistQuantenFluktuationen und wenn alles gut geht, werden daraus in den kommende Jahren mindestens fünf neue Bücher. Dazu sind allerdings noch viele Besuche im Café mit Lesen und Schreiben und gutem Cappuccino und Croissants und anderen Frühstücks-Leckereien nötig. Und genau zu so einem Event begebe ich mich jetzt, am 18. August 2021 um 13:00 Uhr, und bin gespannt, was die Zeitung außer den neuen Schrecken der Taliban in Afghanistan (Historische MultiChronie: bestenfalls Mittelalter mit Frauenfeindlichkeit und religiösen Wahnvorstellungen aus dem Altertum) und der Corona-Pandemie und dem Erdbeben auf Haiti sonst noch zu bieten hat.

#243 _ aut #1121 _ 2021-08-19/19:56 (2021-08-18/13:49)

Unser nächstes Seminar

Große Sommer-Schreibwerkstatt. 17. bis 22, September – noch drei Plätze frei.
Anmeldung → hier 

Lieferbare Bücher von Jürgen vom Scheidt – alle Paperback, teilweise auch E-Book

Kreatives Schreiben – HyperWriting (Sachbuch – Ratgeber). (Frankfurt am Main 1989_Fischer TB). München 2006-11 (Allitera Paperback). 215 Seiten – € 19,90 / ISBN 978-3-86520-210-9.
Kurzgeschichten schreiben (Sachbuch – Ratgeber). (Frankfurt am Main 1994_Fischer TB) München 2002-07 (Allitera). 91 Seiten. 9,90 €uro / ISBN 3-935877-57-9.
Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität (Sachbuch – Ratgeber). München März 2004 (Allitera) 176 Seiten – 18,00 €uro / ISBN 386520-043-5.
Blues für Fagott und Zersägte Jungfrau (Anthologie mit eigenen Geschichten). München 2005 (Allitera). 140 Seiten – € 12,90 / ISBN 3-86520-121-0.
Männer gegen Raum und Zeit (Roman – Leihbuchausgabe). Wuppertal-Barmen 1958 (Wieba). Überarb. Neuausgabe 2015 (vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 301 Seiten – 14,950 € / ISBN 978-3-9816951-2-0.  / Kindle-Ausgabe als E-Book: 2,99 €.
Sternvogel (Roman – Leihbuchausgabe). Minden 1962 (Bewin). Überarb. Neuausgabe 2017 (vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 190 Seiten – 9,00 € / ISBN 9 781 520 546032.

Kleine Pause wird länger

Schöpferische Pause! Tut mir leid – aber gleich nach der Sommer-Werkstatt begann ein neuer Online-Kurs „Kreatives Schreiben: Texte schreiben und Überarbeiten“ für die Berufsbegleitende Akademie Breitenbrunn in Sachsen.

Außerdem hat sich das Thema „SelbstTest Hochbegabung“ wie von selbst erweitert – momentan denke ich viel nach über das Doppel-Thema „Hochbegabung und Schreibtalent“. Mehr dazu in den nächsten Tagen. Und dann geht es richtig zur Sache mit dem SelbstTest.

Abb: Zufällig passt der Text, der da gerade auf einer Schreibmaschine alten Stils getippt wird, zu meinem aktuellen Kurs: „Geschichten schreiben und überarbeiten“ („Photo by Suzy Hazelwood on Pexels.com)

#242 _ aut #1119 _ 2021-08-16/10:50

Gebrauchshinweise für diesen Blog

(Eine Bemerkung vorab: Ich lese Ihre Kommentare und freue mich darüber. Haben Sie bitte jedoch bitte Verständnis dafür, dass ich aus Zeitgründen nicht darauf eingehen kann.)
(Weitere Bemerkung: Ab und zu aktualisiere ich Beiträge – zum Beispiel diesen hier:
Der Junge mit der Panzerfaust.)

Ich weiß nicht, warum und wie oft Sie diesen Blog anklicken – oder ob Sie ihn vielleicht sogar abonniert haben (was mich am meisten freuen würde). Das einfachste wäre, Sie würden wie bei einer Juke-Box einen Groschen reinwerfen und sich überraschen lassen. Oder wie beim Kauf einer Wundertüte ein gewisses Risiko eingehen, dass vielleicht nicht das drin ist, was Sie erwarten oder suchen – oder Sie finden etwas überraschend anderes.

Abb: Die Jukebox als Metapher für die „Musik des Lebens“ mit vielen Melodien und Rhythmen (Photo by Pixabay on Pexels.com)

Oh, pardon. Vielleicht gibt es ja gar keine Wundertüten mehr (die in meiner Kindheit so viel Spaß machten wie „für nen Groschen Brause“). Und die Juke-Box, mit der wir in meiner Jugend viel Freude hatten und uns zum Tanzen in schummrigen Kneipen animieren ließen – die ist es ja längst in der Rumpelkammer der Geschichte verschwunden, obwohl sie mal so wichtig war für uns. Die allzeit verfügbaren digitalen Musikangebote haben ihr den Garaus gemacht. Und wer tanzt schon noch in schummrigen Kneipen.
Aber das hatte damals eben seinen großen Reiz – nicht jederzeit verfügbar zu sein. Und dass man bar etwas investieren musste, einen Groschen eben, oder auch mehr, um ein ganz bestimmtes Musikstück zu hören – das hat den Wert noch vergrößert, wenn dann endlich „Are you lonely tonight“ von Elvis Presley erklang oder das aufrührerische „Rock around the clock“, zu dessen rebellischen Rhythmen so mancher Kinosaal von begeisterten Halbstarken demoliert wurde –

Tempi passati. Oder wie Bob Dylan das für sich übersetzt hat: „The times, they are achanging“. Diesen wehmütigen Blues fand man auch in der Juke-Box – in den richtigen Kneipen in Schwabing und Haidhausen.

Aber bleiben wir noch einen Moment bei der Juke-Box. Sie ist für mich keine Sehnsuchtsmaschine, die eine Zeitreise in längst versunkene Jahre und Erlebnisse ermöglicht. Sie ist für mich während der Arbeit an diesem Blog viel mehr zu so etwas wie einem Modell geworden, das gut zu meiner recht disparaten Arbeitsweise passt. Stellen Sie sich vor, jeder meiner (inzwischen 230) Beiträge sei eine Schallplatte, eine 45er Single von etwa drei Minuten Länge, wie damals üblich. Sie müssen keinen Groschen reinwerfen – im Internet ist ja alles kostenlos. Und Sie werden auch keinen speziellen Hit entdecken à la Chuck Berry oder Aretha Franklin oder Eminem oder whom so ever gerade on top auf der aktuellen Hitliste steht, den Sie gezielt abspielen können.
Aber Sie können sich anhand der Kategorien-Wolke ein bestimmtes Thema wie „Hochbegabung“ oder „Science-Fiction“ oder „Kindheit“ herauspicken und schauen, was die Juke-Box dann „abspielt“.

Sammelstelle für Einfälle

Für mich hat dieser Blog vielfältige Funktionen. Zum einen ist er zunächst eine Art Sammelstelle für meine Einfälle, aus denen ich meine Autobiographie zusammenbasteln möchte – insofern passt die Metapher mit der Juke-Box ganz gut, weil viele der großen Kapitel und der kleinen Kapitelchen meines Lebens mit bestimmten Musikstücken verbunden sind.
Musik – das kann man auch allgemeiner auffassen als eine bestimmte Melodie oder Stimmung – manchmal mit einem speziellen Menschen verbunden – oder mit einem Ort…

Auch der Rote Faden, der durch ein Thema wie „Kindheit“ führt, kann zur Melodie werden. Da ließe sich mancher Hit finden aus der Schlagerparade (hab ich nur als Kind sehr aufmerksam gehört – heute zappe ich rasch weiter, wenn ich im Fernsehen zufällig in so etwas hineingerate).
„Sieben Tage lang wart ich schon auf dich“ – „Das alte Haus von Rocky-docky“ – . Oder grauenhaftes Zeug wie „Wenn die Sonne vor Capri im Meer versinkt“ und anderer bravdeutscher Nachkriegs-Wirtschaftswunder-Schnulzen-Schmalz –
Aber im richtigen Alter echt gut, zum Mitsingen oder Mitsummen, vor allem, wenn man als Zehnjähriger noch nicht so genau wusste, was damit gemeint war:
„In einer Nacht am Ganges / im Mondenschein gelang es / Der Maharadscha war mit ihr allein / Er sagt zu ihr auf indisch / Ach, Liebling, sei nicht kindisch / und sag nicht immer wieder Nein -„

Was für einen Quatsch sich das kindliche Gemüt so merkt – und noch mehr als siebzig Jahre später problemlos reproduzieren kann.

So etwas werden Sie in meiner Juke-Box nicht finden – oder nur ausnahmsweise als Negativ-Bild, wie soeben. Dann schon eher Motive aus den eigenen Texten, die wir später als Jugendliche in Fanzines wie dem ANDROmeda und dem → C. C. Rider selbst gebastelt haben. Filme wie Flucht in Ketten, die uns beeindruckt haben und über die wir uns in einer „Rezension“ Gedanken machten, oder die „himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübten“ Blues von Ray Charles. Oder die Wiederaufrüstung der Bundeswehr – nach diesem grauenvollen Zweiten Weltkrieg – dem ja ein ebenso schrecklicher Erster Weltkrieg vorangegangen war.

Ich weiß noch nicht so recht, welches Erzählmuster ich meiner Autobiographie unterlegen soll. Chronologisch die Ereignisse abzuspielen wäre zwar am einfachsten – aber irgendwie einfallslos. Mit Rückblenden und Vorblenden arbeiten ist künstlerischer – aber für die Leser anstrengender.

Vielleicht nehme ich wirklich das Motiv der Juke-Box als Anregung? In der sind zwar alle Songs im Kreis angeordnet – aber keineswegs nach „Songtiteln“ oder „Interpreten “ alphabetisch sortiert. Gerade der Zufall, das Überraschungsmoment macht den Spaß – nicht nach „schon Bekanntem“ suchen – sondern sich überraschen lassen.

Ja, genau so könnten Sie doch diesen Blog lesen, wie das Auswählen bei einer Juke-Box:
Irgendwas rauspicken, einen Titel, der Ihre Neugier weckt wie → „Weide meine Schafe
– dann einem internen Hyperlink folgen wie → Trommler in den Tag – hat ja auch etwas mit Musik zu tun.
Oder einen Begriff aus der Kategorien-Wolke herauspicken wie → Atlantis – wo führt mich das denn hin?

Gegen Ende des Jahres 2021, wenn ich hoffentlich das meiste Material für die Autobiographie beisammen habe, hier im Blog, werde ich dann umsteigen auf die Arbeit an meinem glü-Roman → Die Rosa Wolke nähert sich.

Und dann gibt es ja hier im Blog auch noch einige Kurzgeschichten. Zum Beispiel frisch am 09. Juli 2021 gepostet → Die Wunderheilung. Sie finden diese – ständig erweiterte – Liste der Stories und andere Listen (wie die zu meiner Lyrik hier im Blog und zu meinen Büchern) alle versammelt im → Anhang.

Geheimnisvolles Zeichen „→li“

Schreib-Tipp für Blogger:
In manchen Beiträgen für diesen Blog taucht die kryptische Signatur
→li
vor manchen Begriffen auf. Dies ist für mich als Autor ein Hinweis, an dieser Stelle irgendwann einen internen Link zu einem anderen Beitrag einzufügen – der erst noch geschrieben werden muss.
Da ich meine Blog-Texte zusätzlich in einer Datenbank erfasse und verwalte, kann ich dort gezielt nach allen Beiträgen suchen, in denen so ein Link noch „offen“ ist. Sehr praktisch – wenn auch für die Leser meines Blog vielleicht irritierend. Wer liest schon diese Gebrauchshinweise…

aut #1053 _ aktualisiert 2021-08-11 [2021-06-17]

Sommer-Werkstatt ist vorbei

(Dies ist eine kleine Zwischenmeldung – mit dem SelbstTest geht es kommende Woche weiter.)

Die Sommer-Werkstatt ist zur Zufriedenheit aller über die Bühne gegangen – fast sechs Tage mit Schreiben – Schreiben – Schreiben.
Dazu am Sonntag ein Ausflug mit Besuch im Staatlichen Museum für Ägyptische Kunst und anschließender Schreib-Sitzung im Innenhof-Café der Glyptothek gleich um die Ecke vom SMÄK.

Abb. 1: Scheinbar fehl am Platz im „Staatlichen Museum für Ägyptische Kunst“ in München: Die Neon-Installation von Maurizio Nannucci (SMÄK und Archiv JvS)

Ein Präsenz-Seminar in Corona-Zeiten? Es war ein beruhigendes Hintergrund-Gefühl, dass alle Anwesenden geimpft waren!

Eine Teilnehmerin der Sommer-Werkstatt, Anja van Kampen, hat einen Bericht dazu mit imposanter Fotostrecke auf ihrem Blog veröffentlicht – dem ist nichts hinzuzufügen: Schreibwerkstatt in München

Und hier noch zwei Fotos, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Links eine Doppelstatue eines ägyptischen Paars (gut 3.000 Jahre alt) – und eine Statuette aus gebranntem Ton von Ulrike Kocks aus Düsseldorf (aus dem Sommer 2021) – höchst realistisch und lebensgroß das eine Kunstwerk aus ferner Vergangenheit und total abstrahiert, 23 cm hoch, aus jüngster Gegenwart.
Die Frauen-Statuette ist ein Geschenk der Künstlerin, über das ich mich besonders freue – ist es doch
° zum einen so etwas wie eine symbolische Zusammenschau aller (überwiegend weiblichen) Teilnehmer von mehr als tausend Schreib-Seminaren
° und zum anderen Symbol für einen neuen Lebensabschnitt, der mehr dem eigenen Schreiben gewidmet sein wird.

Die Abb. 1 zeigt eine ultramoderne Installation aus Neonröhren, die in einem Museum für alte ägyptische Kunst scheinbar völlig fehl am Platz ist. Aber der Satz trifft fraglos zu: Im Moment der Entstehung ist JEDES Kunstwerk in der Tat „zeitgenössisch“ oder wie der Künstler Maurizio Nannucci es formuliert: „All art has been contemporary.“

MultiChronalia

Alle drei Beispiele dokumentierten zusammen einen speziellen Aspekt dessen, was ich MultiChronie nenne: Nicht nur innerhalb der eigenen Persönlichkeit sind stets mehrere oder gar viele Zeitschichten präsent (wenn auch meist unbewusst) – sondern auch in jeder Zivilisation – oder eben hier im Museum bzw. in meinem eigenen Arbeitszimmer (wo UIrike Kocks´ Statuette jetzt auf meinem Arbeitstisch steht):

° Gut 3.000 Jahre alt ist das ägyptische Paar,
° Nannuccis Neon-Installation stammt aus dem Jahr 2002 und ist wohl eine Kopie seiner Installation am Portal des Berliner Alten Museum aus dem Jahr 2005,
° Ulrike Kocks´ Figürchen stammt aus diesem Sommer 2021 – sie erinnert mich irgendwie auch an meine Mutter (1914-1973),
° und ich schreibe dies am 06. August 2021.

aut #1114 _ 2021-08-19/19:42 / 2021-08-06/11:38