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Gebrauchshinweise für diesen Blog

Ich weiß nicht, warum und wie oft Sie diesen Blog anklicken – oder ob Sie ihn vielleicht sogar abonniert haben (was mich am meisten freuen würde).

Das einfachste wäre, Sie würden wie bei einer Juke-Box einen Groschen reinwerfen und sich überraschen lassen. Oder wie beim Kauf einer Wundertüte ein gewisses Risiko eingehen, dass vielleicht nicht das drin ist, was Sie erwarten oder suchen –

Abb: Die Jukebox als Metapher für die „Musik des Lebens“ mit vielen Melodien und Rhythmen (Photo by Pixabay on Pexels.com)

Oh, pardon. Vielleicht gibt es ja gar keine Wundertüten mehr (die in meiner Kindheit so viel Spaß machten wie „für nen Groschen Brause“). Und die Juke-Box, mit der wir in meiner Jugend viel Freude hatten und uns zum Tanzen in schummrigen Kneipen animieren ließen – die ist es ja längst in der Rumpelkammer der Geschichte verschwunden, obwohl sie mal so wichtig war für uns. Die allzeit verfügbaren digitalen Musikangebote haben ihr den Garaus gemacht. Und wer tanzt schon noch in schummrigen Kneipen.
Aber das hatte damals eben seinen großen Reiz der „nicht jederzeit Verfügbarkeit“. Und dass man bar etwas investieren musste, einen Groschen eben, oder auch mehr, um ein ganz bestimmtes Musikstück zu hören – das hat den Wert noch vergrößert, wenn dann endlich „Are you lonely tonight“ von Elvis Presley erklang oder das aufrührerische „Rock around the clock“, zu dessen rebellischen Rhythmen so mancher Kinosaal von begeisterten Halbstarken demoliert wurde –

Tempi passati. Oder wie Bob Dylan das für sich übersetzt hat: „The times, they are achanging“. Diesen wehmütigen Blues fand man auch in der Juke-Box – in den richtigen Kneipen in Schwabing und Haidhausen.

Aber bleiben wir noch einen Moment bei der Juke-Box. Sie ist für mich keine Sehnsuchtsmaschine, die eine Zeitreise in längst versunkene Jahre und Erlebnisse ermöglicht. Sie ist für mich während der Arbeit an diesem Blog viel mehr zu so etwas wie einem Modell geworden, das gut zu meiner recht disparaten Arbeitsweise passt. Stellen Sie sich vor, jeder meiner (inzwischen 212) Beiträge sei eine Schallplatte, eine 45er Single von etwa drei Minuten Länge, wie damals üblich. Sie müssen keinen Groschen reinwerfen – im Internet ist ja alles kostenlos. Und sie werden auch keinen speziellen Hit entdecken à la Chuck Berry oder Aretha Franklin oder Eminem oder whom so ever gerade on top auf der aktuellen Hitliste steht, den Sie gezielt abspielen“ können.
Aber Sie können sich anhand der Kategorien-Wolke ein bestimmtes Thema wie „Hochbegabung“ oder „Science-Fiction“ oder „Kindheit“ herauspicken und schauen, was die Juke-Box dann „abspielt“.

Sammelstelle für Einfälle

Für mich hat dieser Blog vielfältige Funktionen. Zum einen ist er zunächst eine Art Sammelstelle für meine Einfälle, aus denen ich meine Autobiographie zusammenbasteln möchte – insofern passt die Metapher mit der Juke-Box ganz gut, weil viele der großen Kapitel und der kleinen Kapitelchen meines Lebens mit bestimmten Musikstücken verbunden sind.
Musik – das kann man auch allgemeiner auffassen als eine bestimmte „Melodie“ oder „Stimmung“ – manchmal mit einem speziellen Menschen verbunden – oder mit einem bestimmten Ort…

Auch der Rote Faden, der durch ein Thema wie „Kindheit“ führt, kann zur Melodie werden. Da ließe sich mancher Hit finden aus der Schlagerparade (hab ich nur als Kind sehr aufmerksam gehört – heute zappe ich rasch weiter, wenn ich im Fernsehen zufällig in so etwas hineingerate).
„Sieben Tage lang wart ich schon auf dich“ – „Das alte Haus von Rocky-docky“ – grauenhaftes Zeug wie- „Wenn die Sonne vor Capri im Meer versinkt“ und anderer bravdeutscher Nachkriegs-Wirtschaftswunder-Schnulzen-Schmalz –
Aber im richtigen Alter echt gut, zum Mitsingen oder Mitsummen, vor allem, wenn man als Zehnjähriger noch nicht so genau wusste, was damit gemeint war:
„In einer Nacht am Ganges / im Mondenschein gelang es / Der Maharadscha war mit ihr allein / Er sagt zu ihr auf indisch / Ach, Liebling, sei nicht kindisch / und sag nicht immer wieder Nein -„

Was für einen Quatsch sich das kindliche Gemüt so merkt – und noch mehr als siebzig Jahre später problemlos reproduzieren kann.

So etwas werden Sie in meiner Juke-Box nicht finden – oder nur ausnahmsweise als Negativ-Bild wie soeben. Dann schon eher Motive aus den eigenen Texten, die wir später als Jugendliche in Fanzines wie dem ANDROmeda und dem → C. C. Rider selbst gebastelt haben – Filme wie Flucht in Ketten, die uns beeindruckt haben und über die wir uns in einer „Rezension“ Gedanken machten, oder die „himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübten“ Blues von Ray Charles. Oder die Wiederaufrüstung der Bundeswehr – nach diesem grauenvollen Zweiten Weltkrieg – dem ja ein ebenso schrecklicher Erster Weltkrieg vorangegangen war.

Ich weiß noch nicht so recht, welches Erzählmuster ich meiner Autobiographie unterlegen soll – chronologisch die Ereignisse abzuspielen ist zwar am einfachsten – aber irgendwie einfallslos. Mit Rückblenden und Vorblenden arbeiten ist künstlerischer – aber für die Leser anstrengender.

Vielleicht nehme ich wirklich das Motiv der Juke-Box als Anregung? In der sind zwar alle Songs im Kreis angeordnet – aber keineswegs nach „Songtiteln“ oder „Interpreten “ alphabetisch sortiert. Gerade der Zufall, das Überraschungsmoment macht den Spaß – nicht nach „schon Bekanntem“ suchen – sondern sich überraschen lassen.

Ja, genau so könnten Sie doch diesen Blog lesen, wie das Auswählen bei einer Juke-Box:
Irgendwas rauspicken, einen Titel, der Ihre Neugier weckt wie → „Weide meine Schafe
– dann einem internen Hyperlink folgen wie → Trommler in den Tag – hat ja auch etwas mit Musik zu tun.
Oder einen Begriff aus der Kategorien-Wolke herauspicken wie → Atlantis – wo führt mich das denn hin?

Gegen Ende des Jahres 2021, wenn ich hoffentlich das meiste Material für die Autobiographie beisammen habe, hier im Blog, werde ich dann umsteigen auf die Arbeit an meinem glü-Roman → Die Rosa Wolke nähert sich.

Und dann gibt es ja hier im Blog auch noch einige Kurzgeschichten. Sie finden diese – ständig erweiterte – Liste und andere Listen wie die zu meiner Lyrik hier im Blog und zu meinen Büchern alle versammelt im → Anhang.

aut #1053 _2021-06-17/18:16

Erholsamer Tag am Starnberger See

Müsste ich mir einen Platz im Universum ausdenken, der für mich so etwas wie das mystische „Paradies“ verkörpert, dann wäre das am Starnberger See – vor allem das Westufer zwischen Possenhofen und Tutzing – mit der Roseninsel als Highlight.
Das Wetter muss natürlich mitspielen – und das war gestern optimal, mit rund 30 Grad und einer Wassertemperatur von gefühlten 20°. Also nichts wie reinspringen und das kühlende Nass genießen.

Es war für dieses Jahr mein erster Ausflug zum See. Wenn alles zusammenpasst, ist das wie ein Tag Urlaub. Ist aber immer auch „Arbeitsurlaub“, denn nirgends kann ich meine Gedanken besser streifen lassen und doch fokussieren wie hier am See.

Was nervt, sind die Masken, die man sowohl in der S-Bahn zwischen Hauptbahnhof München und Starnberg tragen muss und dann wieder auf dem Schiff von Starnberg nach Possenhofen. Aber da dies alle Menschen betrifft, betrifft es eben auch mich. Man gewöhnt sich ja an vieles. Bei den ersten Masken-„Bällen“ im Frühjahr 2020 war das noch anders – da kamen alte Schrecken wieder hoch, die ich hier im Blog notiert habe: → Atemnot.

Ich bin sehr gespannt, wie sich das liest, wenn ich in vielleicht zehn Jahren wieder an dieser Stelle im Blog lande – so rein zufällig oder auch gezielt. Es könnte ja sein, dass uns – trotz Impfungen – die Marken bleiben, weil das Corona-Virus ständig weitermutiert.

Wie jedes Jahr zu Beginn der Wandersaison mache ich mir Sorgen, ob meine → Knie das auch diesmal durchstehen bzw. „durchgehen“ (wie ich es passenderweise nennen sollte). An so etwas habe ich vor 2008 noch nicht gedacht, als ich meine letzten Tagestouren im Hochgebirge des Schweizer Wallis gelaufen bin. Danach ist der Radius, in dem sich solche Touren bewegten, doch deutlich geschrumpft. Voriges Jahr (2020) lief ich noch von Possenhofen nach Tutzing. Das könnte dieses Jahr auch noch gehen. Aber gestern bin ich bescheiden geblieben und habe das erst mal getestet – mit einem kleinen Ausflug vom Dampfersteg in Possenhofen Richtung Süden – immer den wunderbaren Blick über den See auf die Werdenfelser Alpen im Ferndunst. Zur Roseninsel. Und wieder zurück. Mit den Wanderstöcken geht das recht gut.

Und vor allem: Rein ins Wasser. Es gibt da auf dieser Strecke einige ideale Plätze:

Abb. 1: Hier stört einen niemand… (Archiv JvS)

Und das ist der Blick nach Osten, zum anderen Ufer mit Berg und Leoni: Die Windräder erinnern daran, dass wir uns – bei aller Idylle – mitten in der tiefgreifendsten Transformation der Menschheitsgeschichte befinden, mit Klimawandel, Energiewende, Globalisierung und Digitalisierung – und eben auch einer Corona-Pandemie, die das alles paradoxerweise gleichzeitig enorm beschleunigt und auch wieder enorm abbremst. So eine kleine Wanderung bringt das bestens zusammen.

Abb. 2: Das Ostufer des Starnberger Sees bei Kempfenhausen: Beschauliche Segleridylle und Hightech-Windrotoren (Archiv JvS)

Und das hier lässt einen doch an den Amazonas denken – nicht an den Lieferdienst, der uns die Corona-Zeit erleichtert – sondern an den Flussgiganten in Südamerika:

Abb. 3: Könnte auch irgendwo am Amazonas sein – in Brasilien. Ist aber am Westufer des Starnberger Sees. (Archiv: JvS)

MultiChronalia
Gibt es eine bessere Form der Entschleunigung als so eine Wanderung? Für mich ist der Starnberger See nicht nur deshalb so wichtig geworden, weil er von München aus so leicht erreichbar ist – mit der S-Bahn etwa eine halbe Stunde. Als wir 1956 von Rehau noch München zogen, war das alles noch viel mühsamer, als nur die Züge Richtung Garmisch über Starnberg fuhren, so alle zwei Stunden. Die S-Bahn hat Starnberg zum Vorort von München gemacht – hat beiden Städten nicht geschadet.

Wir hatten das Glück, schon 1957 in der Rambeck-Werft zwischen Starnberg und Percha ein kleines Wochenendhaus mit Liegeplatz und bald auch einem Segelboot zu erstehen (was nicht nur der Traum meines Vaters war, der das Segeln sehr genoss, am liebsten allein). Dieses Häuschen mit kleinem Garten und zwei Birken, zwischen denen man über dem Geräteschuppen eine Hängematte spannen konnte… Parties an vielen Wochenenden…

Hier habe ich viele Kapitel meiner ersten Bücher geschrieben: 1957 die Männer gegen Raum und Zeit, 1959 den Sternvogel. Und 1960 startete ich hier im Häuschen etwas ganz Verrücktes: Das erste Kapitel des Romans Das Unlöschbare Feuer. Die ersten Ideen kamen mir nach einem Jazz-Konzert mit Lionel Hampton zu mitternächtlicher Stunde auf dem Stachus in München, an einem Freitag. Am anderen Tag fuhr die Familie raus nach Starnberg. Die Reiseschreibmaschine hatte mein Vater immer dabei, für seine Spesenabrechnungen. Aber woher Schreibpapier nehmen – wenn in Starnberg die Geschäfte samstags am Mittag dichtmachen?
Die Lösung war ganz einfach (und hätte in der Frühphase der Corona-Pandemie so manchen unfreiwilligen Lacher ausgelöst): Eine Rolle Klopapier lässt sich problemlos in den Schlitten der Erika einspannen. Wenn man das geschickt macht, lässt sich tatsächlich der Anfang eines Romans auf diese Weise tippen. Aber nachdem das erste Kapitel auf diese merkwürdige Weise dokumentiert war, verlor ich die Lust, an der Geschichte weiterzuarbeiten. Bis mir irgendwann die wirklich bizarre Idee kam, diesen Anfang an jemanden zu schicken, von dem ich annehmen durfte, dass er die Aufforderung zum „Weiterspinnen“ nur zu gerne als Herausforderung annehmen würde: Jesco von Puttkamer, damals noch Student in Aachen, später Mitarbeiter bei Wernher von Braun, mit dessen Saturn-Rakete die amerikanischen Astronauten 1969 auf den Mond flogen. Jesco war nie in Starnberg – aber er spann den Erzählfaden weiter, schickte seine Fortsetzung mit meiner Klorolle weiter an jemand anderen aus dem Science-Fiction-Club – wahrscheinlich Walter Ernsting, der das nächste Kapitel ersann (und damals vielleicht die erste Idee für die später so erfolgreiche Heftserie Perry Rhodan dabei gebar? eine Serie, zu der Das unlöschbare Feuer fast so etwas wie die schon vorher geschriebene Parodie war). Nun waren es schon drei Kapitel, die noch mehrere Male zu jemand anderen wanderten – bis das Konvolut zu mir zurückkam, samt (inzwischen abgetippter und eingearbeiteter) Klorolle. Ich redigierte das Manuskript – und 1962 ist es tatsächlich als Buch erschienen: Das unlöschbare Feuer. Geboren im Konzertsaal des Deutschen Museums in München und vollendet am Starnberger See – wo sonst? –

Als meine Mutter 1973 tödlich verunglückte, ging die Starnberger Idylle irgendwie zu Ende – so als sei sie die Seele dieses Wochenend-Traums gewesen. 1975 verkaufte mein Vater das Häuschen und das Boot und zog mit seiner neuen Lebensgefährten eine Weile an den Chiemsee, mit neuem, größerem Boot. Aber für mich war das ein abgeschlossener Teil des Lebens, den ich genügend genossen habe und nicht besitzen muss. Es genügt, wenn ich irgendwo raus ans Ufer fahre und dort wandere – das „paradiesische Lebensgefühl“ ist sofort abrufbar.
Mein dritter Roman, Der geworfene Stein, ist – was für ein Zufall – 1975 im Verlag R.S. Schulz in Percha am Starnberger See erscheinen. Einige seiner Kapitel spielen an diesem See – etwa 100 Jahre in der Zukunft. Wenn Sie das lesen, werden Sie sich wundern, wie es 2050 dann dort ausschaut. Science-Fiction macht´s möglich. Es geht um Rauschdrogen und Kybernetik. An den Klimawandel, in den wir jetzt mit Karacho hineinfahren, oder an Corona habe ich damals, 1963, allerdings nicht gedacht, als ich die ersten Zeilen dieses Romans schrieb.

Quellen
Scheidt, Jürgen vom: Männer gegen Raum und Zeit (Leihbuchausgabe). Wuppertal-Barmen 1958 (Wieba).
ders.: Sternvogel. Minden 1962 (Bewin).
ders.: Der geworfene Stein. Percha 1975 (R.S. Schulz).
Upton, Munro (Sammelpseudonym: Walter Ernsting, Waldemar Kumming, Jesco von Puttkamer, Walter „Fux“ Reinecke, W.W. Shols und J. vom Scheidt): Das unlöschbare Feuer. Minden 1962 (Bewin).

aut #1054 _ 2021-06-18/12.21

Trommler in den Tag

(WanderPost – mit einigen Ergänzungen und Änderungen.)
Das fing schon früh an – die Lust am Bearbeiten eines Schlagzeugs – oder eben einer kleinen Trommel, wie man sie einem Kind gibt. Ein richtiges Schlagzeug hatte ich auch einmal – als Student – angeregt durch einen Studienkollegen und Freund in der Münchner Jazzer-Szene: Dieter Henneberg von der legendären Riverboat Seven. Aber wie bei der Gitarre fehlt mir der richtige Antrieb zum fleißigen Üben – und nur so ein wenig Herumdilletieren macht keinen richtigen Spaß. Rasch verkaufte ich die „Schießbude“ (wie die Jazzer das gerne nennen) weiter.

Abb. 1: Kein Blechtrommler à la Oskar Matzerath – aber der Blogger, der schon als Dreijähriger gerne mit der Hitlerjugend marschiert wäre (Archiv JvS – Rehau 1943)


Hinter der Hitlerjugend hermarschieren – das wär´s gewesen

Ich muss so drei Jahre alt gewesen sein (also ungefähr so alt wie oben auf dem Foto), als an unserem Haus vorbei die Hitlerjugend marschierte, ein Spielmannszug vorneweg mit lautem Tschingdarassa-bum-bum. Ich nichts wie runter auf die Straße und hinterher – bis vor zum Lichtspieltheater (wo man mich aber nicht hineinließ – schade – ich wäre so gerne mit den Pimpfen ins Kino gegangen).
Damals muss irgendwie der Trommel-Impuls in mich reingefahren sein. Oder war es doch schon das ADHS, das mich zum Zappelphilipp machte und für den das Trommeln mit den Fingern eine große Erleichterung = Triebabfuhr war und immer noch ist (mein Vater hat auch alle Welt mit seiner „nervösen Trommelei“ genervt, wie meine Mutter das abschätzig bezeichnete – später meine Frau Ruth bei mir).

Auch das Tippen auf der Schreibmaschine muss aus dieser „Trommel-Ecke“ rühren – heute auf der Tastatur meines Computers, die gar nicht hart und laut genug sein kann – Triebabfuhr für Zappelphilipps ADHS. Vielleicht bin ich deshalb zum „Schreiber“ geworden – als Nachfahre der Hitlerjugend auf dem Weg ins Rehauer Kino?

Indische Tabla-Brillianz

Später lernte ich einen indischen Tablaspieler kennen, der in München studierte: Shankar Chatterjee; der schenkte mir zwei seiner Handtrommeln (Tablas genannt). Mit seinem Kollegen Sunil Banerjee (ein virtuoser Sitarspieler und vom Brotberuf Ingenieur) trat er oft in München bei Konzerten der deutsch-indischen Gesellschaft auf (wo ich eine Zeitlang Mitglied war). Zweimal gaben die beiden ein Hauskonzert bei uns in der großen Altbauwohnung in der Seestraße (1982-2011). Das eine war zur Einweihung der Wohnung – das andere zu einem speziellen Anlass – wahrscheinlich 1990 zu meinem 50. Geburtstag.
Bei meiner Indienreise 1975/76 schloss ich mich einer großen Gruppe in München lebender Inder an (was damals einen Preisnachlass für die Flugtickets ermöglichte), zu denen auch Shankar und Sunil gehörten. Auf diese Weise ereignete sich wieder einer dieser sagenhaften Zufälle meines Lebens:

Während ich (mit zwei anderen Münchnern) erst einmal Delhi erkundete, flogen die Inder weiter in ihre Heimatorte und ich verlor sie aus den Augen. Später nützte ich dann ein 14-Tage-Ticket für eine Rundreise mit dem Flugzeug. Eine Station war Kalkutta. Indien ist ja nun wirklich kein kleines überschaubares Land, wo man sich immer wieder über den Weg läuft, wie in manchen griechischen oder Schweizer (oder auch deutschen) Tourismus-Zentren. Aber in Kalkutta aus dem eben besuchten Indischen Nationalmuseum zu treten – und genau dort Shankar Chatterjee zu treffen, der gerade vorbeiläuft, um Besorgungen zu machen – das ist schon unglaublich!
Auf diese Weise bekam ich, von ihm eingeladen, die wunderbaren Gelegenheit, ihn zuhause in einem Vorort kennenzulernen – so richtig unter Einheimischen und er in einer völlig andern Rolle als Sohn einer großen Familie.

Abb. 2: Shankar Lal (Chatterjee) mit Tablas und Sunil Kumar (Banerjee) an der Sitar (München 09. Ok 1982 – Archiv JvS)

Doch zurück zum eigenen Trommeln. Congas – das wäre es gewesen! Ich kaufte mir auch einmal ein gebrauchtes Paar. Immer wieder habe ich darauf geübt. Aber als ich endlich richtig Unterricht nehmen wollte (beim legendären Erich Ferstl), klappte es nie mit dem Termin. Und das eine Mal, als ich mich im Olympia-Park zu einem Conga-Kurs der Volkshochschule anmeldete – wurde das wieder nichts, weil der Depp von Lehrer sich so verspätete (ohne sich zu entschuldigen), dass ich seiner Künstlerallüren überdrüssig frustriert von dannen zog.

Aber irgendwie muss das viele Fingertrommeln und das Hören unzähliger Jazz-Platten und indischer Ragas mit ihren furiosen Tabla-Soli und das viele Tanzen von Boogie-Woogie und Jitterbug – und vielleicht eine gewisse musikalische Begabung – doch etwas in mir geschaffen habe, was mich als Conga-Solisten glänzen ließ. Das ergab sich einfach so während des Abschlussabends bei einer Generalversammlung des „Workshop Instituts of Living Learning (WILL)“, bei dem ich die Ausbildung zum Leiter von Gruppen mit „Themenzentrierter Interaktion“ (TZI)“ machte – die methodische Basis meiner Schreib-Seminare. Die Band, die den bunten Abend musikalisch belebte, machte gerade Pause. Einige Tänzer, darunter auch ich und Ruth, standen etwas gelangweilt auf der Tanzfläche herum, als es mich buchstäblich in den Finger zu jucken begann; Da standen diese Congas – also nichts wie ran. Keine Ahnung, was mir den Mut verschaffte (wahrscheinlich war es der Wein), mich an die großen Trommeln zu stellen und herumtastend darauf zu klopfen, plötzlich einen Rhythmus spürend, der nicht vom Kopf kam, sondern vom Körper, und wie von einer magischen Kraft geführt war ich ihm Flow und trommelte doch so gekonnt, dass die Tänzer sich dem anvertrauten und sich für zwei, drei Soli meiner „Musik“ anvertrauten. So etwas was ist wir nie zuvor gelungen und nie wieder danach.

(Ich muss das „nie“ ein wenig relativieren – es stimmt nur für die Trommelei mit den Congas. Aber etwas ähnliches habe ich ein andermal mit einem anderen Instrument erlebt, ebenfalls bei einer WILL-Veranstaltung. Es war dunkel im Saal – Thema „Nächtlicher Dschungel“ – sehr beliebt bei WILL – als mich wieder so eine geradezu magische Kraft zum Klavier bugsierte, wo ich dann zweihändig (!) Boogie-Woogie spielte – und zwar so gut, dass man sich am anderen Morgen anerkennend darüber äußerte – ohne zu wissen, dass ich das war – im Dunkeln. Boogie-Woogie – das ist vor allem Rhythmus, mit der linken, der Bass-Hand. Ich hatte als Kind drei Jahre Klavierunterricht – bis ich den genervt abbrach, weil der Lehrer, der Kantor Peter (was man sich alles merkt!) ein so unfreundlicher und pädagogisch völlig unterbelichteter Mensch war. Außerdem hatte ich ja unzählige Jazz- und Blues- und Boogie-Platten gehört, im Münchner Jazzkeller an der Türkenstraße mir unzählige Nächte bei phantastischer Live-Musik (die Four Duke! Mal Sondock am Saxophon!) um die Ohren geschlagen und in entsprechenden Konzerte im Deutschen Museum mitgefiebert (sensationell am Schlagzeug Elvin Jones mit dem John Coltrane Quartett – oder Lionel Hampton*, der regelrecht in Ekstase auf seine Trommeln sprang, wenn er nicht gerade am Vibraphon brillierte und sang: „Hey! ba-ba-re-bop“!“


* Nach einem Hampton-Konzert 1961 war ich so angetörnt und von Endorphinen durchpulst, dass ich mich am Stachus, wo ich auf die mitternächtlichen Trambahn meiner „Linie 8“ zur Barer-/Theresienstraße wartete, plötzlich irgendwohin setzte und eine Geschichte zu notieren begann. Sie wurde später das erste Kapitel des Ketten-Romans Das unlöschbare Feuer, den ich reihum mit einigen Freunden aus der SF-Szene schrieb, abschloss und sogar als Leihbuch veröffentlichte – Danke, Lionel!

Aus meinen Conga-Erlebnissen ist die Kurzgeschichte → „Conga Joe“ entstanden , die ich gerne bei Lesungen vorgetragen habe, vor allem wenn die passende Musik dabei war, wie am 02. Mai 2005 in Weiden bei „Jazz und Poesie“ (mit Alfred Hertrichs Trio).

Abb. 3: Jazz und Poesie in Weiden am 02. Mai 2005 – v.l.n.r. ? Bauer (Posaune), Wilfried Lichtenberg (Bass), Alfred Hertrich (Gitarre) und JvS (Mikro) CAMERA

Die Geschichte geht weiter

Ob es Papas Wunsch war – oder ob Gregor selbst gerne die Tabla schlug: Hier sitzt er jedenfalls 1972, gerade mal ein Jahr alt und erst seit kurzem zum Sitzen fähig, in der Wohnung in der Gerstäckerstraße (München, Grenzkolonie Trudering) und vergnügt sich. Heute spielt er lieber Cello und Klavier – aber einer seiner Söhne hat endlich den Dreh und die Begeisterung und vor allem das Durchhaltevermögen gefunden und lernt richtig Schlagzeug – und so landen demnächst auch meine Congas bei ihm – nach einer Zwischenstation bei meinem Bruder Stefan.
Eine Geschichte über drei Generationen also – und wenn ich die „nervöse Trommelei“ meines Vaters als Ur-Ereignis dazunehme, sogar über vier Generationen.

Abb. 4: Gregor, gerade mal ein Jahr alt – und gibt schon den Ton an und den Rhythmus vor (Archiv JvS – 1972).

Nachtragen möchte ich, dass unter den Musik-Dokus auf DVD-und Blu-ray in meiner Sammlung ganz wichtig ein echter „Klassiker“ ist: Rhythm is it von und mit dem britischen Dirigenten Sir Simon Rattle. Wie der Le Sacre de Printemps von Strawinsky mit einer großen Gruppe bunt durcheinander gewürfelter Jugendlicher als Tanztruppe in Szene setzt – phänomenal!
Das muss keinen Vergleich scheuen mit Jazz (Charly „Bird“ Parker), indischer Musik (Ravi Shankar, mit exzellentem Tabla-Spieler als Begleiter) und Pop-Highlights wie Tina Turner in Amsterdam.

Quellen
Eastwood, Clint (Regie): Bird. USA 1988 (Monarchy Enterprises).
Grass, Günter: Die Blechtrommel. Neuwied 1959 (Luchterhand).
Grube, Thomas und Sánchez, Enrique (Regie): Rhythm is it. Deutschland 2003.
Hampton, Lionel: „Hey! Ba-ba-re-bop“. Auf LP HAMP’S BOOGIE WOOGIE (1942-1949).
Kidel, Mark (Regie): Ravi Shankar in Portrait. Great Britain 2002 (BBC / Opus Arte).
Mallet, David (Regie): Tina Turner in Amsterdam.
Scheidt, Jürgen vom: „Conga Joe“. In: JvS: Blues für Fagott und zersägte Jungfrau. München 2005 (Allitera).
Upton, Munro R. (Sammelpseudonym von Jesco von Puttkamer, Jürgen vom Scheidt und fünf anderen SF-Fans): Das unlöschbare Feuer. Balve 1962 (Bewin Verlag).


Abb. 5: Kettenroman von JvS, Jesco von Puttkamer etc – ausgelöst von einem Konzert mit Lionel Hampton (1962 – Bewin-Verlag)

064 _ aut #311 _ 2021-06-17/16:58 [WanderPost → 2021-01-19 / 16:51)

Kybernetische Rückkopplung: Zimmerheizung, Blogging, Demokratie

(WanderPost und Work in progress – vergl. auch diese beiden Beiträge
Die Blindheit der Autokraten
Der Regent steigert die Lebensqualität
(Frederic Vesters Umwelt-Spiel Ökolopoly bzw. Ecopolicy)

Abb: Die einzelnen Elemente eines kybernetischen Systems sind mit einander verbunden und reagieren auf einander (Archiv JvS)

Kybernetische Kreisläufe regulieren sich selbst (über die Sensoren) und reagieren ausgleichend auf Störungen. Auf diese Weise bleibt ein Dynamisches Fließgleichgewicht erhalten.

Wichtig ist der möglichst freie Fluss von Informationen, der die Realität nicht verfälscht, sondern wahrheitsgemäß registriert.

Menschen neigen allerdings dazu, in solche Kreisläufe einzugreifen: Wenn die Familie im Wohnzimmer sitzt und sich alle wohlfühlen bis auf die eine Person, der es „zu kalt“ ist oder „zu warm“ und dann diese Person die Heizung hoch- oder runterfährt, beginnen sich alle anderen unwohl zu fühlen. Solche Kompromisse müssen immer neu ausgehandelt und gefunden werden. (Vielleicht genügt es ja, der frierenden Einzelperson eine warme Decke zu geben?)

1. Beim modernen Heizsystem einer Wohnung mit Thermostat ist diese selbstregulierende Rückkopplung vergleichsweise einfach, weil es nur aus einigen wenigen physikalischen Elementen besteht.

Der Blogger, der auf Kommentare reagiert und nicht nur stur seine „Agenda“ abarbeitet, wird mit seiner Interaktivität (nur ein anderes Wort für „kybernetische Rückkopplung“) auf Dauer vielleicht mehr Besucher auf seine Seite locken als ein Blogger, der ein bestimmtes Thema „durchboxt“.
(Sorry: Bei meinem eigenen Blog geht es aktuell noch recht „autoritär“ zu, weil ich erst einmal einen Grundstock an Beiträgen schreiben muss und den Kopf für „Interaktion“ noch nicht frei habe.)

Auch ein Schreib-Seminar ist im Idealfall ein psychosoziales System mit kybernetischer Rückkopplung – wenn alle von einander lernen. Dafür sorgt zumindest bei uns in der → Münchner Schreib-Werkstatt die Methode der → ThemenZentrierten Interaktion (TZI). Der Leiter (Dozent) ist immer auch Teilnehmer – die Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind durch ihr Engagement (Vorlesen, Feedback geben, eigene Ideen einbringen) immer auch ein wenig am Ablauf und damit an der Leitung beteiligt.
Man muss dies nur mit einem traditionellen Seminar an einer Universität vergleichen, das in der Regel dozenten-zentriert ist. Der Dozent gibt vor, wie das Thema behandelt wird – die Studierenden reagieren darauf mehr oder minder konform. (Es gibt inzwischen auch Ausnahmen.)

Am kompliziertesten ist das bei einer ganzen Nation mit Millionen oder gar Milliarden (China! Indien!) Individuen. Ein politisches System funktioniert nur in einer Demokratie einigermaßen gut, wenngleich „langsam“. Erst wenn Mächtige zu ihrem Vorteil eingreifen und die „Einstellungen“ verändern, gerät allmählich alles durcheinander.
Dies ist genau das, was in autoritär oder diktatorisch geführten Systemen passiert. Eine Schein-Demokratie wie die Volksrepublik China (eigentlich eine von einem Mann diktatorisch geführte Partei-Diktatur) kann äußerst rasch und effizient auf Krisen reagieren – wie man beim Ausbruch der Corona-Pandemie beeindruckt studieren konnte. Aber auf wessen Kosten war diese Schnelligkeit möglich – die ja mit drakonischen Polizei- und Militäraktionen durchgezogen wurde?

Die demokratischen westlichen Nationen haben gut ein Jahr länger gebraucht, um die Krise einigermaßen in den Griff zu bekommen. Viele Bürger sind mit den Lösungen oder Lösungsversuchen nicht zufrieden und äußern ihren Unmut oder verweigern ihre Teilnahme an den Maßnahmen. Ein gutes demokratisches System hält das aus – sogar wenn es von Impfgegnern und Corona-Leugner als „Diktatur“ beschimpft wird.
Die beiden Impfstoffe wurden innerhalb weniger Monate (!) nicht nur entwickelt, sondern auch getestet – und wo gelang dies?

Die Impfstoffe wurden in den demokratischen Ländern Deutschland und England und USA (Trumps autoritärem Führungsstil zum Trotz) entwickelt, wo sich Kreativität viel freier entfalten kann als in einer Diktatur. Ausnahme: der russische Impfstoff Sputnik (was ein Plus für Russland ist – trotz Putins immer diktatorischer werdender Herrschaft).

aut #944 _ 2021-06-17/16:12 [wandert: → 2021-05-09/11:36

„Weide meine Schafe“

Als (einstiger) Lutheraner sollte ich mich aus diesem katholischen Gedöns eigentlich heraushalten. Aber bei diesem aktuellen Riesen-Serien-Skandal, der nicht mehr aufhören will, bin ich auch als Psychologe gefragt.
Wie viele Jahre zieht sich das schon hin – diese mehr als zögerliche „Aufklärung“ des massenhaften Missbrauchs-Skandals in der katholischen Kirche überall auf der Welt?

Die anderen Glaubensgemeinschaften haben diesbezüglich allesamt Dreck am Stecken. Die Lutheraner arbeiten ihren Anteil seit einiger Zeit ebenfalls auf – ein wenig jedenfalls – ebenfalls sehr zögerlich – mit großer beschützender Hand über die Täter – wie ihre katholischen Glaubensbrüder –

Bei einer orthodoxen jüdischen Gemeinde in den USA gab es auch mal einen solchen Skandal – einen, der bekannt und untersucht wurde. Desgleichen bei einer buddhistischen Gemeinde.
Bei den Moslems, den Hindus, den japanischen Shinto-Gläubigen wird man sicher ebenso fündig werden wie bei evangelikalen Christen. Oder bei Stämmen in Afrika, die einer animistischen Naturreligion anhängen.

Abb: Die Idylle trügt: Irgendwann werden die Schafe geschoren und die Lämmer geschlachtet. (Photo by Adam Tumidajewicz on Pexels.com)

Das hat alles nicht so sehr mit der damit verbundenen Religion zu tun – sondern mit den Menschen, die in solchen Gemeinschaften in Führungspositionen und damit an Macht gelangen – Macht, die sie gelegentlich missbrauchen. Die Opfer sind jeweils die Schwächeren, die Untergeben – die Gläubigen. In den Führungspositionen sind fast überall ältere Männer – die Schwächeren, die ihnen anvertraut sind (und deren Vertrauen sie in den Missbrauchsfällen schändlich ins Gegenteil verkehren) sind männliche und weibliche Kinder und Jugendliche, seltener auch Erwachsene junge Männer und Frauen.
Das ist, wie gesagt, nicht an Religion gebunden. Auch in der einst so renommierten Odenwaldschule wurde von den Pädagogen Missbrauch geduldet und aktiv betrieben.
Wenn eine Glaubensgemeinschaft wie die katholische – das nur nebenbei – Homosexualität verdammt, aber ihre Priester wegen des Zölibat-Gebots geradezu in homosexuelle Beziehungen treibt und das mit der Verkleidung in weibliche Priestergewänder noch fördert (oder Homosexuelle wegen dieser Verachtung der Weiblichkeit geradezu anzieht) – dann beweist das eine ungeheure Verlogenheit.

Das ist die Wirklichkeit. Selten hat man Gelegenheit, die dahinterstehenden psychosozialen Strukturen, die solchen Missbrauch geradezu zwangsläufig fördern und herausfordern wie unter einem Vergrößerungsglas zu beobachten. Wenn der Münchner Kardinal Reinhard Marx – nach seeeehr laaaanger Bedenkzeit – seinen Rücktritt anbietet und der Papst, sein oberster Chef ihm diesen verweigert – dann ist der Schlüsselsatz entlarvend:

„Weide meine Schafe.“

Ja, die alten Männer sind die mächtigen Hirten – mit ihren Hütehunden (den Kardinälen und Bischöfen und einfacheren Geistlichen) – und die einfachen Gemeindemitglieder, auch „Gläubige“ genannt – sind die Schafe und die sind diesen Hirten und Hunden qua Machtverteilung in solchen Sozialsystemen schutzlos ausgeliefert.

Da wird mit einem „Gott“ und seinem „Willen“ argumentiert (den jedoch nur die Mächtigen kennen – das glauben oder behaupten sie zumindest). Da wird speziell bei den Katholiken ein Zölibat verteidigt, obwohl alle Welt weiß, dass der im Urchristentum nicht vorhanden war, sondern aus sehr durchsichtigen weltlichen Überlegungen im Mittelalter eingeführt wurde. Da werden die Frauen mit fadenscheinigsten Begründungen aus allem herausgehalten, was irgendwie nach „Macht“ und Mitbestimmung aussieht – die logischerweise den Männern in den Herrscherpositionen weggenommen werden müssten –

Als Lutheraner könnte mir das alles egal sein. Aber leider hat auch Luthers Abwertung der päpstlichen Arroganz und ihrer Machtansprüche und seine Aufwertung der Frauen nicht wirkliche Freiheit gebracht und Missbrauch verhindert – es geht auch bei den Lutheranern letztlich um männliche Macht, da ist die eine oder andere Bischöfin immer noch wenig mehr als eine Alibi-Figur. Und gegen die Juden habe die Christen aller Couleur immer schon heftig ausgeteilt – der Antisemitismus hat dort seine urchristlichen Wurzeln. Auch dies letztlich die Folge eines angemaßten Machtanspruchs.

Leider sind die Juden, die sich für das „auserwählte Volk“ Gottes halten, diesbezüglich keinen Deut besser – auch wenn sie wenigstens nicht missionieren und wie die Christen (früher) und die Moslems (heute noch) Andersgläubige mit Feuer und Schwert zum „Wahren Glauben“ bekehren wollen (und den Abfall vom „wahren Glauben“ in manchen islamischen Ländern immer noch mit dem Tod bedrohen).
Die Frauen werden zumindest in orthodoxen jüdischen Gemeinden noch immer separiert und das Stoßgebet mancher jüdischer Männer, mit dem sie ihrem Gott danken, dass sie keine Frau sind – ist einfach eine Frechheit.

„Weide meine Schafe“ – dieser Satz des amtierenden Papstes bringt all dies auf den Punkt: „Ich hier oben in der einsamen Höhe meiner Macht und euer aller allwissender Hirte, der seine Anweisungen von Gott persönlich erhält und unfehlbar ist – ich sage euch Schafen, wo´s langgeht. Amen and over.“

Ich würde gerne mal wissen, was dieser „Gott“ – wenn es ihn denn geben sollte – von alledem hält. Es würde mich, der ich nicht an Hölle und Fegefeuer glaube (sondern dies für Erfindungen machtbesessener Geistlicher halte) geradezu satanisch freuen, wenn es eine ganz spezielle Hölle für missbrauchende Geistliche gäbe – und eine andere Abteilung gleich daneben, die jeden, der meint „den Willen Gottes“ zu kennen und diesen aus Gründen der Machtanmaßung missbraucht, auf ganz speziellen Bratrosten quält.

Als Psychologe kann ich und will ich dem nichts mehr hinzufügen. Ist auch überflüssig. Das richtet sich selbst in seiner Arroganz und in seiner Aggression gegen die Schwächeren. (So wie mich natürlich auch meine Höllenfeuer-Phantasie als jemanden richtet, der seine Aggressionen noch nicht ganz bewältigt hat. Aber das halte ich aus – ich „phantasiere“ das ja nur – und verbrenne keine Hexen oder Ketzer auf Scheiterhaufen oder ermorde Andersgläubige – weil sie einen anderen Glauben haben.)

Quelle
Franziskus (Papst) an Kardinal Reinhard Marx: „Weide meine Schafe“. In: Südd. Zeitung Nr. 131 vom 11. Juni 2021, S. R 01 (Lokales: München).

aut #1045 _ 2021-06-14/18:10

Erste Wörter: „-eil -itle!“

(Aus aktuellem Anlass: Die Wahl ein Sachsen-Anhalt mit doch recht beunruhigenden Erfolgen der AfD, die immer weiter nach rechts rückt. Was mich motiviert, diesen Beitrag zu recyceln und zum → WanderPost zum machen.)
Versteht man das heute auf Anhieb – dieses „-eil -itle“? Im Dritten Reich hätte jeder sofort gespannt, dass dies nicht „Heil Kräuter“ heißen soll, sondern „Heil Hitler“. Warum ist mir das heute so wichtig, dass ich diesem unseligen Massenmord-Anstifter so viel Platz in meinem Blog einräume?
Ganz einfach: Er wurde mir – gerade über diesen obligatorischen Gruß – gewissermaßen von Geburt an akustisch eingepflanzt. Später sah ich ihn in jeder Wohnung in der Küche oder im Wohnzimmer an der Wand hängen, diesen „A H“, den man mit „H H*“ grüßte – gar nicht gezwungenermaßen in den meisten Fällen, sondern mit echter Begeisterung. Bei den meisten jedenfalls. In Rehau genau wie anderswo in deutschen Landen. (Nicht bei denen allerdings, die darunter gelitten haben und mit diesem Nazi-Gebrüll ermordet wurden.)

* Dass heute noch jemand wie dieser rechtsextreme Vegan-Koch und Querdenker Attila Hildmann die Initialen „AH“ verwendet – bloßer Zufall? Die beliebte, aber in Deutschland nicht mehr gut angesehene Autokennziffer „HH“ für „Hansestadt Hamburg“ wird von Neonazis jedenfalls gerne als eine Art Verehrung für ihren braunen Meister A H zu „Heil Hitler“ umfunktioniert.)

Abb. 1: Welcher Arm denn nun – der rechte oder der linke? Und dann ein strammes „-eil -itle!“ (Archiv JvS – Rehau 1941)

Meine Mutter hat mir einmal lange nach dem Ende des Dritten Reichs und nicht ohne Stolz erzählt, einer meiner ersten Sätze (der allererste Satz?), den ich sprach, sie die Erwiederung des Grußes gewesen, den ich im Kinderwagen von entgegenkommenden Bürgern immer wieder zu hören bekam, den ich aber logischerweise noch nicht verstand und nur automatisch nachplappernd wie ein Papagei so erwiderte: „-eil -itle“.

Heilsamer Exorzismus?

Vielleicht funktioniert dieses „hier im Blog Aufschreiben und Veröffentlichen“ wie ein heilsamer Exorzismus? Um diese uralte nazibraune Scheiße jetzt endlich mal wirklich loszuwerden, gegen die ich schon seit meiner Jugend ankämpfe?!

Oder haben all diese Leute vielleicht in Wahrheit gedacht, dass jener ominöse „A H“ krank sei und ein „Heil Hitler“ ihm wie ein Stoßgebet helfen könnte, „heil“ zu werden? Geholfen hat das jedenfalls endlose zwölf bzw. „tausend“ Jahre nichts. Und wenn ich alle paar Abende im Fernsehen eines dieser „Dokumente“ aus der Nazi-Zeit sehe (rasch weiterzappend, weil mich dieses manische Gegeifere abstößt), dann denke ich: Muss man diesem Monster und seinen Mörderbanden denn wirklich so viel Platz einräumen – seinen geschichtsblinden Nachbetern zur Freude?
Aufklärung, Aufarbeitung, entlarvendes Erinnern – schön und gut. Die Massenmedien haben diese Auftrag. Aber die Länge und Wichtigkeit, die da den schlimmsten Erscheinungen deutscher „Zivilisation“ eingeräumt wird – ist sie nicht nur ein ständiges Freudenfest für „seine“ Verehrer am rechten Rand?


Drückeberger-Gässchen ohne „H H“

Mein Großvater mütterlicherseits war zwar ein Militarist, der sich zweimal für die „deutsche Sache“ in einem Weltkrieg „geschlagen“ hat (und deshalb habe ich in diesem Blog noch manches Hühnchen mit ihm zu rupfen) – aber wenn der Major und Architekt (in dieser Reihenfolge, bitte) Karl Hertel sen. in München geschäftlich zu tun hatte und dazu in die Altstadt musste
° und dabei am Odeonsplatz eigentlich die SS-Ehrenwache vor der Feldherrnhalle zum Gedenken an den Hitlerputsch von 1927 mit nach oben gestoßenen rechten Arm und einem zackigen „Heil Hitler“ hätte grüßen müssen,
° machte er lieber, wie so mancher nazi-kritischer Münchner den Umweg durch die Viscardi-Gasse hinter der Feldherrnhalle, welche die Einheimischen deshalb „Drückeberger-Gässchen“ nannten.

Denn er verabscheute diesen „Anstreicher“ aus Braunau. Was ihn seltamerweise nicht hinderte, meine Nazi-Vater (in jenen braunen Tagen) als Schwiegersohn zu schätzen – und als Major und Regiments-Kommandeur der Deutschen Wehrmacht in der besetzten Ukraine zu tun, was sein oberster Kriegsherr ihm dort zu tun befahl (wovon ich zum Glück keinerlei Ahnung habe – aber mir so manches denken kann und muss).

„-eil -itle“ – oder „Heilt Hitler“?

Er war nicht zu heilen, dieser Fürst der Finsternis – ach was: „Fürst“. Er war ein kleinkarierter Gernegroß mit einer Riesenklappe, mit der er leider allzu viele Menschen besoffen im gemeinsamen Größenwahn machte, dadurch echte „Großmacht“ bekam und sie schändlich missbrauchte. In Wahrheit war er –

Forget it!

Schade um jede Minute, die ich an ihn verschwende, der Sehnsucht manches Kabarettisten zum Trotz. Liebe heile ich mein Inneres Kind von all diesen Antisemiten, indem ich ihnen die Worte eines jüdischen Arztes und Psychologen entgegenhalte, der empfahl: „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“.
„Negermusik“ wie der Jazz und der Rhythm´n´Blues, sind ein gutes Antidot. Und die Science-Fiction, die das Andere, das Fremde (Aliens) feiert – die den Horizont erweitert und nicht einengt wie die rückwärtsgewandte Deutschtümelei der Ewiggestrigen am rechten Rand der Gesellschaft, die keine Ahnung davon haben, wie es damals „wirklich“ war..

Es geht vor allem um das Durcharbeiten. Um das Aufarbeiten. Und dann um das Loslassen. Irgendwann.

Quelle
Freud, Sigmund: „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“ (1914). In: Ges. Werke Bd. X.

064 _ aut #096 _ 2021-06-13/19:04 [wandert: 2021-01-19/17:57]

Zeittafeln erschließen Wissensgebiete

2004 habe ich als Ergänzung zu meinem Sachbuch Das Drama der Hochbegabten eine separate → Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität verfasst, weil sich herausstellte, dass die Zeittafel im Anhang des Drama… viel zu umfangreich wurde und den Rahmen eines solches Überblicks total gesprengt hätte.
Es zeigte sich dann, dass eine solche Zeittafel nicht nur ein höchst effektives Werkzeug ist, um die Entwicklung eines Themas („Hochbegabung“) aufzuzeigen – sondern zugleich eine wunderbar einfache Methode ist, sich ein ganzes Lehrfach anhand seiner Entwicklungsgeschichte zu erarbeiten, zum Beispiel bei einem Studium.

Abb: Auszug aus meiner Datenbank zu diesem Blog: Zeittafel mit einigen Roh-Daten als Beispiel


Schreib-Tipp (speziell für Studenten):
Das Beste ist, sich eine Word-Datei anzulegen, in der man alle wichtigen Details (Ereignisse) erfasst. Ich nenne diese Details „Zeitanker“. Noch wesentlich effektiver wird das, wenn man eine Datenbank verwendet. Das ist aber auch entsprechend zeitaufwändiger. Für ein Studium über mehrere Jahre hinweg lohnt sich das allemal. Wesentlich ist dabei, die Eintragungen selbst vorzunehmen – weil das den Lerneffekt erhöht.

Wenn ich beispielsweise Chemie studiere, ist es nicht nur interessant, zu begreifen, dass die Anfänge der Chemie in primitiven Zufalls-Experimenten mit Feuer, Metallen, Glas und dergleichen oder in einer viele Jahrhunderte lang höchst ernsthaft betriebenen Alchiemie wurzeln, sondern auch interessante Schicksale und Lebensläufe von Menschen beinhalten, die sich speziellen Aspekten der Chemie gewidmet haben: der Gaslehre, den Giften, den Rauschdrogen, der Zerlegung (Analyse) und Synthese solcher Verbindungen, der Entwicklung eines „Perdiodensystems der Elemente“ (Mendelejew), der Querverbindungen zur Physik (Atomlehre) und zur Biologie (Stoffwechsel) –
Zu sehen, wie historisch das eine zum anderen führte, lässt Zusammenhänge viel besser verstehen und vor allem merken (also im Lerngedächtnis für Prüfungen zuverlässig verankern) als nur logische Strukturen und mathematische Gleichungen zu büffeln, wie sie in Lehrbüchern zelebriert werden.
Aus diesem Grund sind auch Sachbücher viel interessanter – weil sie Geschichten erzählen. Eine Zeittafel erzählt gewissermaßen die „ganz große Geschichte“ eines Themas. Das wurde mir erstmals bewusst, als ich mich 1965 auf die Diplomhauptprüfung in Psychologie vorbereitete (entspricht heute dem Master) und dabei auf die Geschichte der Psychologie von Hehlmann stieß. Das war wie eine Offenbarung: Zu sehen, wie ein Gedanke und ein Thema aus dem anderen hervorgeht, weitere Ideen initiiert und befruchtet, wie bekannte Namen Querverbindungen herstellen, wie „Schulen“ ganze Epochen einer Wissenschaft bestimmen, sie stimulieren – aber irgendwann auch hemmen, vor allem in den Geisteswissenschaften (zu denen ja die Psychologie zu einem Gutteil zählt).

Bei der Arbeit im Drama der Hochbegabten entdeckte ich, dass es erstaunlich wenige Zeittafeln gibt, mit denen man sich beispielsweise ein Studium organisieren kann. Umso mehr Freude macht es mir, das Thema „Hochbegabung“ auf diese Weise selbst zu erforschen und chronologisch zu erschließen (wobei sich „Intelligenz“ und Kreativität“ als naheliegende Neben-Fächer aufdrängten).

Zum ersten Mal habe ich eine ausführliche Zeittafel in dem mit Wolfgang Schmidbauer publizierten Handbuch der Rauschdrogen eingefügt – welches diesen am Schluss 800 Seiten dicken Wälzer zusätzlich zur alphabetischen Folge der Drogen und vernetzenden Übersichts-Artikeln auch chronologisch erschloss.
Das Große Buch der Träume bekam dann ebenfalls eine entsprechende Zeittafel (die bei den kürzeren Neuausgaben mit dem Titel Geheimnis der Träume leider wegfallen musste).
Auf ähnliche Weise ging ich bei meiner Buch Kreatives Schreiben – Hyperwriting vor – das ja auch eine „Zeittafel zur Geschichte des Schreibens“ enthält.
Dass man sogar einen Roman auf diese Weise höchst effektiv organisieren und strukturieren kann, entdeckte ich dann bei der Arbeit an meinem glü-Roman. (Zeittafel und Making-Of dazu werde ich parallel publizieren, sobald der Roman fertig und vor allem erschienen ist.)

MultiChronalia
Im Grunde ist so eine Zeittafel auch das perfekte Hilfsmittel für die Erarbeitung der MultiChronie – sei es innerhalb des eigenen Lebens – sei es in einem Forschungsgebiet. Auf diesen Beitrag hier und das Thema „Zeittafeln“ angewendet:
Ich weiß nicht mehr, wann ich das erste Mal einer Zeittafel begegnet bin- das könnte gut in dem fünfbändigen Werk Weltall und Menschheit gewesen sein, das ich Anfang der 1950er Jahre in der Bibliothek meines Großvaters entdeckt habe und fasziniert zu studieren begann. Gut möglich – und sehr wahrscheinlich – dass ich so etwas in einem meiner Schulbücher entdeckt habe. Auf jeden Fall weiß ich, dass mich so ab zwölf das Lehrfach Geschichte zu fesseln begann (das ja im Grunde die „Chronologie der Menschheit“ darstellt). Jede Menge Zeittafeln (zur Geschichte Mesopotamiens und der Maja etc.) finden sich im Anhang von Cerams Götter Gräber und Gelehrte, das ich um 1952 zu lesen begann und das heute noch einen Ehrenplatz in meiner Bibliothek hat.
Keine Zeittafel findet sich in Bürgels Aus fernen Welten, das ich etwa zur selben Zeit zu lesen begann. Das ganze Buch ist zwar so etwas wie ein geschichtlicher Abriss der Astronomie – aber eine eigene Zeittafel, in der die wesentlichen Details noch ein mal komprimiert zusammengefasst werden, hätte dem Buch sicher nicht geschadet.
Heute würde ich sogar so weit gehen zu sagen, dass ein Sachbuch oder Lehrbuch ohne Zeittafel einen gravierenden Mangel aufweist, und ich würde dies in einer Rezension kritisch vermerken.
Meine erste eigene Zeittafel fertigte ich dann, wie oben schon vermerkt, 1971 für das Handbuch der Rauschdrogen an.

2004 habe ich parallel zum Sachbuch Das Drama der Hochbegabten die Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz… entwickelt. Letzteres ist aber weit mehr als die bloße Chronologie – denn ich habe mir darin, gewissermaßen auf einer Meta-Ebene, Gedanken über die mögliche Rolle von Zeittafeln für das Lernen in der Schule und im Studium etc. gemacht, wie das bei einem Stammbaum und in der Ahnenforschung aussieht und anderes mehr. Heute würde ich so weit gehen zu sagen, dass „zeittafeln“ sogar als als eigenes Verb eingeführt werden sollte, um die Tätigkeiten zu bezeichnen, die mit dem Anlegen einer Zeittafel und ihren vielfältigen Funktionen verbunden sind. Vielleicht findet das ja irgendwann sogar seinen Weg in den Duden und in die Wikipedia – so wie es mit der → Entschleunigung war.

2012 habe ich, als die ersten Einfälle zu tröpfeln begannen, eine eigene Datenbank für das Material zu meinem glü-Roman-Projekt angelegt. Darin sind zwei Zeittafeln integriert, die eigentlich nichts mit einander zu tun haben (obwohl es Überschneidungen gibt):
° die Entstehungsgeschichte des Projekts und seine Entwicklung (im Grunde das „Making of“ so eines Vorhabens)
° und die Chronologie der Geschehnisse, die ich erzähle.

Aktuell (2021) bin ich ja sehr mit diesem Blog beschäftigt. Der ist ja eine chronologische Abfolge von Beiträgen. Aber da meine Einfälle und somit die Texte in der Zeit ziemlich willkürlich hin- und herspringen, den Freien Assoziationen, Erinnerungen und Anregungen von außen (wie etwa in Zeitungsartikeln) folgend – ist das ja im Ergebnis alles andere als eine echte Zeittafel. In der Autobiographie, die demnächst (2022?) aus diesem Blog resultieren soll, wird es natürlich im Anhang eine Zeittafel. Die ergibt sich ganz leicht anhand der Datenbank, in der ich diesen Blog verwalte, denn dort ist jeder Eintrag nach mehreren Kriterien verbucht:
° Mit dem aktuellen Datum des Eintrags.
° Mit dem historischen Datum – also dem realen Datum des Ereignisses (das ja selten identisch ist mit dem Datum des Eintrags im Blog).
°Alphabetisch (nach Schlagworten) – ähnlich wie bei der Kategorien-Wolke, die diesen Blog vernetzt, aber in der Datenbank sehr viel gezielter zu durchsuchen – zum Beispiel nach allen Beiträgen, die von „Musik“ handeln“.
° Zusätzlich kann ich in der Datenbank noch nach Personen und Schauplätzen und anderen Details suchen – die in ihrer Fülle die Kategorien-Wolke des Blogs total überfrachten würden.

Quellen
Bürgel, Bruno H.: Aus fernen Welten. Berlin 1952 (Deutscher Verlag_Ullstein).
Ceram, C.W.: Götter Gräber und Gelehrte – Roman der Archäologie. (1949) . Hamburg 1951 (Rowohlt).
Hehlmann, Wilhelm: Geschichte der Psychologie. Stuttgart 1965/4. Aufl. (Kröner).
Scheidt, Jürgen vom: Das Große Buch der Träume. München 1985 (Heyne TB).
ders.: Kreatives Schreiben – HyperWriting. (Frankfurt am Main 1989_Fischer TB). München 2006-11 (Allitera Paperback). 215 Seiten – € 19,90 / ISBN 978-3-86520-210-9.
ders.: Das Drama der Hochbegabten. München. Feb 2004 (Kösel) ISBN 3-466-30635-3/ 360 Seiten.
ders.: Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität. München März 2004 (Allitera) 176 Seiten – 18,00 €uro / ISBN 386520-043-5.
Schmidbauer, Wolfgang und Jürgen vom Scheidt: Handbuch der Rauschdrogen. (München 1971 _ Nymphenburger). 11. Aufl. München 2004.

aut #1034 _ 2021-06-11 / 12:26

Religiöse Witze über Smokey und wie sich Nonnen und Mönche…

… vermehren. Als Student hörte ich mal einen Witz, den ich leider nicht mehr so genau zusammenkriege – der aber ungefähr so ging:

Gott Vater, Gott Sohn und Smokey (oder „Holy Smoke“ vulgo „Heiliger Geist“) und Maria sitzen beisammen und es entspinnt sich ein Gespräch wie bei einem höchst irdischen Familien-Drama. Ich weiß nur noch, dass der eskalierende Streit zum Inhalt die (irgendwie doch auch peinliche) „unbefleckte Empfängnis“ der Jungfrau* Maria zum Thema hat, aus der Jesus entstanden ist – quasi ein Geschöpf des Heiligen Geistes. Ich glaube, es war im himmlischen Spiel auch noch der Apostel Petrus dabei (im Volksglauben der Türsteher an der Himmelspforte – s. die bajuwarisch-volksfromme Gaudi vom Brandner Kaspar). Die Pointe war jedenfalls, dass der Heilige Geist (alias Smokey – der Witz wurde mir passenderweise von einem befreundeten amerikanischen Juden erzählt) sich bei Gottvater über den Petrus beschwert: „- he tells this dirty Story about Mary and me!“

Wenn man bedenkt, dass Jesus ja Jude war – ist das auch so etwas wie ein vertrackter „jüdischer Witz“.

* Vermutlich handelte es sich bei dieser wundersamen „unbefleckten Empfängnis“ wohl eher um einen Übersetzungsfehler – der aus einer „jungen Frau“ eine Jungfrau machte. Oder war das gar kein „Fehler“, sondern eine bewusste Anpassung an die zunehmend „keuschere“ resp. sexualfeindlichere Gedankenwelt der christlichen Priester? Was dabei herauskam, sieht man heute in den unzähligen Missbrauchs-Skandalen.

Abb: Könnte der Heilige Geist alias Smokey vielleicht in dieser Gestalt die Jungfrau Maria besucht haben? Kann man´s wissen? (Photo by Olha Ruskykh on Pexels.com)

Religiöse Witze und Karikaturen muss man aushalten können

Ich möchte mal behaupten, dass religiöse Witze (und auch Karikaturen) als spezielle Variante von Kreativität ein Zeichen für das Erwachsenwerden einer Kultur sind, die sich allmählich ihrer Ursprünge bewusst wird. Ich hoffe, dass ich mit dem obigen Witz über „Smokey“ keine religiösen Gefühle verletzte. Bei den Juden habe ich immer bewundert, dass sie so herzhaft über sich und gerade auch über ihre Religion mit ihren manchmal recht absurden Varianten lachen können. Es ist sicher kein Zufall, dass ihre Religion zu den ältesten auf unserem Planeten zählt.

Auch die Christen können über sich lachen, wie ich bei einem Seminar im Kloster Marienberg 1992 erleben durfte. Der Gastgeber, Abt Bruno, lud uns an einem Abend zu einem Glas Wein ein (aus denen bald mehrere Gläser wurden). Es dauerte nicht lange, bis der Abt – teils recht deftige – klerikale Witze zum Besten gab. Etwa diesen, der als Frage formuliert war:
„Wie vermehren sich Nonnen und Mönchen?“ – „Durch Zellteilung.“

Ein jüdischer Witz gefällig?

Angeblich sollten ja nur Juden Witze über sich erzählen dürfen. Aber diesen hat mir mein jüdischer Freund Mal Sondock erzählt, als ich während meines Studiums für ihn gejobbt habe, und ich gebe ihn gerne weiter (und muss in der Erinnerung immer noch lachen und sehe Mal mit einem verschmitzten Gesicht vor mir):
Kommt ein junger jüdischer Mann zum Vater der Frau, die er heiraten möchte (ebenfalls Juden) und erzählt, als er nach seinen wirtschaftlichen Verhältnissen gefragt wird, unter anderem stolz, dass er sich eben einen neuen Ferrari gekauft habe. Der künftige Brautvater nickt anerkennend, fordert aber, dass der künftige Schwiegersohn sich für dieses tolle Auto vorsichtshalber einen Broche beim Rabbi holen solle, einen Segen. Gleich anderntags geht der junge Mann zum zuständigen Rabbi und bittet ihn um einen „Broche für den Ferrari“. Der Rabbi, einer der traditionellen Art, nickt anerkennend, weil der junge Mann auf einem Broche besteht, fragt aber etwas irritiert: „Aber sag mir – was ist ein Ferrari?“
Als ihm der junge Mann begeistert die tollen technischen Eigenschaften seines Gefährts schildert, mit dem er mehr als 200 Stundenkilometer… Da wehrt der Rabbi entsetzt ab: „Auf so ein Teufelszeug geb ich dir keinen Broche!“
Enttäuscht und ratlos zieht der junge Mann von dannen. Da kommt ihm eine Idee. Er weiß, dass es in der Nachbargemeinde einen sehr modernen jungen Rabbi gibt. Vielleicht könnte der ja –
Gedacht, getan. Der junge Rabbi hört auch aufmerksam und zunehmend begeistert zu, wie der junge Mann seinen Ferrari und seinen Wunsch nach einem Broche schildert. „Ist ja ein tolles Auto, dieser Ferrari“, sagt der aufgeklärte Rabbi, „aber sag mir: Was ist ein Broche?“

Was Witze oder gar Karikaturen angeht, sind die Moslems viel empfindlicher – was vielleicht damit zu tun, dass ihre Religion vergleichsweise jung ist und noch nicht so abgeklärt und gelassen.

Wenn hingegen eine Religion wie die alte griechische zu „abgesunkenem Kulturgut“ wird, verwandeln sich ihre einst furchterregenden Götter (wie der Blitze schleudernde Zeus) fast zu Witzfiguren, die durch eine Komödie geistern. Oder sie werden, wie im Falle der einst nicht minder mächtigen germanischen Götter und Helden, zu Superhelden und -schurken Hollywoods in Blockbuster-Filmen wie Thor und Loki. Ein Göttervater wie Odin wird da mit seiner schwarzen Augenklappe zwar treffend charakterisiert – aber dass er einst mit der Opferung seines Auges vom Riesen Ymir die Weisheit der Runenschrift und überhaupt das Schreiben für die Menschen gewann, also der Kulturbringer ist, das erfährt man nicht.

Tempi passati – wie auch die römischen Götter erfahren mussten. Doch Karikaturen über den Propheten Mohammed – das haben die moslemischen Eiferer gar nicht gern – da kommen sie mit Feuer und Schwert.
Solche Religionskritik muss man halt auch aushalten können. Ist sie doch – und nun kommen wir wieder zum Heiligen Geist in meinem Beitrag über das Pfingstwunder – eine Variante menschlicher Kreativität, welche die Welt immer wieder neu erkundet, interpretiert und umgestaltet.

In meiner Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität habe ich die Entwicklung dieser so eminent menschlichen Eigenschaft und Fähigkeit durch die Jahrtausende nachgezeichnet – ganz ohne Witz, aber mit sehr praktischen Anwendungen.

Quellen

Scheidt, Jürgen vom: Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität. München 2004 (Allitera). – Ergänzung meines Buches über → Hochbegabung.
ders.: Das Drama der Hochbegabten. München 2004 (Kösel).
Wilhelm, Kurt (Regie): Der Brandner Kaspar und das ewig´ Leben. München 2004 (Bayr. Rundfunk).

aut #1032 _ 2021-06-10/20:49

Die fragwürdige Rolle der Alt-Parteien

Ich möchte meinen Beitrag über → Meine politische Position aus aktuellem Anlass (Wahl in Sachsen-Anhalt) noch ergänzen und vertiefen in Hinblick auf die Alt-Parteien CDU/CSU und SPD und FDP.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war zunächst nur die SPD unbelastet (weil ihre Mitglieder und Wähler von den Nazis während des Dritten Reichs verboten, verfolgt, in Gefängnisse und KZs gesteckt und in vielen Fällen auch ermordet worden waren). Wenn es um Kandidaten für Bürgermeisterposten und dergleichen politische Positionen ging, waren die Amerikaner und die drei anderen Besatzungsmächte (Franzosen, Engländer, Sowjets) deshalb gut beraten, SPDler und SPD-nahe Männer und Frauen zu bevorzugen.
Bei der CDU, CSU und FDP kroch so mancher Ex-Nazi unter, teils in hohen Positionen wie einer der engsten Mitarbeiter von Kanzler Konrad Adenauer – der unselige Jurist Hans Globke (der federführend an der Formulierung der mörderischen Nürnberger Rassengesetze beteiligt gewesen war). Das galt sinngemäß auch für viele Wirtschaftsführer (Flick, Krupp, Quant), die ja nicht nur Kriegsgewinnler gewesen waren – sondern aktive Förderer der Nazis.

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis sich die Alt-Parteien von diesem braunen Sumpf einigermaßen getrennt hatten (der nun bei der AfD fröhliche Urständ feiert).

Ich will das nicht weiter vertiefen – obwohl man es nicht oft genug wieder dem Vergessen entreißen kann. Stattdessen möchte ich die höchst fragwürdige Rolle dieser Politiker und ihr „Wirtschaftswunder“ ansprechen – das ja vielen Deutschen nach den Entbehrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit höchst willkommen war und das man ruhig positiv sehen darf – im Großen und Ganzen. Aber es hat seine Schattenseiten, die man nicht übersehen sollte – und die erklären, warum ich die Grünen für so wichtig halte:

Wie gesagt: Die alt-Parteien haben nach dem verlorenen Krieg sehr vielen Menschen in Deutschland einen nie zuvor möglichen Wohlstand und Lebensqualität auf vielen Gebieten ermöglicht, nicht zuletzt durch medizinischen Fortschritt; daran ist nicht zu rütteln. Aber der Preis, der dafür in der Zukunft noch nachzuentrichten sein wird – der ist eben auch gewaltig und sollte stets mit in der Bilanz auftauchen. Warum geht es uns denn so gut im Goldenen Westen (und warum sind wir deshalb das Sehnsuchtsziel so vieler Flüchtlinge)?

Weil wir viele Kosten unseres Wohlstands noch immer in die Dritte Welt verlagern, die für uns so unglaublich „preiswert“ produziert, unseren Dreck aufnimmt und uns ihre Rohstoffe extrem günstig abbaut und liefert. Insofern haben der Kolonialismus und die (Lohn-)Sklaverei noch längst nicht aufgehört in vielen Ländern, auf deren Kosten wir uns saniert haben und noch immer ein schönes Leben machen.
Dazu muss man kein Marxist oder Kommunist ein – sondern nur ehrlich hinschauen, was los ist in der wundersamen Welt-Wirtschaft. Kleines Beispiel für viele – aus keiner „kommunistischen Postille“, sondern aus dem aktuellen Juni-Heft des (zum Glück sehr kritischen) Wirtschaftsmagazins → brandeins :

° Zahl der Generationen, der die Atomkraft in Deutschland als Energiequelle zur Verfügung stand: 2,2.
° Zahl der Generationen, die vor dem hochradioaktiven Abfall der Atomkraft in Deutschland geschützt werden müssen: 34 483.

Denken Sie darüber mal in aller Ruhe nach. Auch das haben wir den ansonsten recht verdienstvollen und inzwischen sehr demokratiefreundlichen Alt-Parteien zu verdanken. Unsere Enkel und Urenkel und Ururenkel und […] werden es ihnen auf alle Ewigkeit nachtragen. Und das ist leider keine Science-Fiction.

So richtig Sorgen um dieses Thema und um den mit exponentieller Geschwindigkeit heranrauschenden Klimawandel machen sich ernsthaft bisher leider nur die Grünen.

Quelle
Fröhlich, Holger: Die Welt in Zahlen. In: brandeins, Juni-Heft 2021, S. 10.

_ aut #1031 _ 2021-06-10/19:23

Pfingstwunder: Ausgießung des Heiligen Geistes?

(Ein → WanderPost, der nach einer Weile in der Chronologie dieses Blog weiter nach „unten“ verlagert wird – in die Pfingsttage.)
Es ist lange her, dass ich in Rehau im Kindergottesdienst war und in der Schule Religionsunterricht genossen habe, wo man in all den spannenden „biblischen“ Geschichten“ und den Mythen und Märchen der christlichen Glaubenslehre unterrichtet wurde und – nun ja: nachhaltig indoktriniert. Bis man das alles beinahe glaubte. Es hat für mich lange gedauert, diese Überlieferungen durch eine naturwissenschaftliche Weltsicht zu ersetzen. Und die ist ja – beispielsweise beim Anblick des nächtlichen Sternhimmels -keineswegs weniger „märchenhaft“ und überwältigend schön und in ihrer logischen Ästhetik überzeugend.

Wie dem auch sei: Als das Pfingst-Fest diesmal näher kam, fiel mir prompt, wie jedes Jahr, die Geschichte vom „Pfingstwunder“ und der „Ausgießung des Heiligen Geistes“ wieder ein. Und plötzlich floss die Erinnerung an Kindheitslegenden zusammen mit der psychologischen Realität, die in den Schreib-Seminaren so gegenwärtig ist. Da war das mit dem „Heiligen Geist“ nicht länger nur ein religiöser Glaubensinhalt – sondern kreativitätspsychologische Realität. Nur die Erklärung dahinter ist nun eine andere. Früher musste man die Aussage der Altvorderen akzeptieren, dass das „von Gott gesandt“ ist, wenn einem „etwas einfällt“ oder dem Herrn Pfarrer für seine Sonntagspredigt etwas Kluges in den Sinn kommt.

Inspiration (Einhauch) nannten das die Griechen der Antike. Sie hatten sogar eine eigene Göttin der Weisheit, die gewissermaßen für die Kreativität zuständig war: die Sophia.
Ruach (verwandt dem deutschen Wort „Rauch“) nannten es die Juden auf Hebräisch.
Die psychologische Forschung ist da nüchterner, ist den – oft recht verschlungenen – Wegen der Ein-Fälle und Zu-Fälle intensiv nachgegangen, hat mit der Kreativitätspsychologie eine komplexe eigene Unter-Disziplin der Psychologie geschaffen. Sigmund Freud hat mit den Methoden der Psychoanalyse die „Kellergewölbe“ des Unbewussten geöffnet und auch da so manchen Schleier von den vorher sehr rätselhaften Abläufen der Kreativität entfernt – spannenderweise mit einem eigene Traum (von „Irmas Injektion“), den er selbst analysiert und auf höchst inspirierende und spannend zu lesende Weise autobiographisch erschlossen hat – in seinem ansonsten eher akademisch staubtrockenen Buch Die Traumdeutung von 1900.

Seltsame Erinnerungstäuschung

Als ich diesen Text über das Pfingstwunder zu notieren begann, geschah etwas Seltsames: Ich täuschte mich mit meiner Erinnerung an das, was „damals“ an Pfingsten in der urchristlichen Gemeinde geschah beziehungsweise im Neuen Testament dazu seit zweitausend Jahren überliefert wird:

Plötzlich verstanden sich die Menschen, die damals versammelt waren, durch das Herabströmen des Heiligen Geistes – gewissermaßen die Aufhebung der babylonischen Sprachverwirrung nach der Zerstörung des Turms von Babel und der Zerstreuung der Juden „unter alle Völker“ (was wohl das Ur-Trauma der weltweiten Zerstreuung des jüdischen Volkes nach der Vernichtung ihres Reiches Israel und ihre Gefangenschaft in Babylon nachempfunden hat).

Tatsächlich geschieht beim Pfingstwunder jedoch das genaue Gegenteil: Inspiriert vom Heiligen Geistes, beginnen die Apostel „in fremden Zungen“ zu reden und werden deshalb auch von den Nichtjuden verstanden:

„Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“ (Apostelgeschichte 2, Vers 1-4).

Kühner Sprung in die Gegenwart

Was damals wirklich geschah, wie sich das reale historische Geschehen (wenn es das jemals gegeben haben sollte) im Verlauf der mündlichen Überlieferung allmählich veränderte, was Wunschdenken war und märchenhafter Kinderglaube und durch das Aufschreiben der „Zeugenberichte“ allmählich feste Form fand, die auf uns in der „biblischen Geschichte“ gekommen ist – all dies kann hier nicht vertieft werden. Wichtig erscheint mir, dass hier in Gestalt der „feurige Zungen“ ein tief verwurzelter Wunsch sein bildmächtiges Narrativ findet – nämlich die Sehnsucht der Menschen, bei aller Sprachvielfalt (mehr als 3.000 Sprechen und Dialekte sollen es trotz fortschreitender Verluste immer noch sein) einander doch zu verstehen.

Eine „Lingua franca“ (wie heute das Englische als doch sehr dominierende Weltsprache) soll so ein globales Verstehen ermöglichen. Weitergeführt und weitergedacht wird dies in der aktuellen technischen Entwicklung mit dem alle Welt vernetzenden Internet und den Milliarden Smartphones. Man war eine Weile überzeugt, dass höchstens „sechs“ Schritte nötig seien, um jeden Menschen mit jedem anderen auf der Welt in Kontakt zu bringen (die berühmte Forschung um die „Six Degrees of Separation“). Laut einer Untersuchung von Facebook sind es inzwischen nur noch durchschnittlich „3,57“ Kontakte*, welche die Menschen voneinander trennen – dank Smartphones und Social Media. (Koch 2021).

Steckt hinter dem heutigen Glauben an die (zukünftigen) Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz etwas ähnliches wie die Hoffnung, welche die christliche Religion mit dem Konzept des Heiligen Geistes verbindet – eine übergeordnete (virtuelle) Macht jenseits menschlicher Möglichkeiten, also mit gottähnlicher Natur, welche die heute überall herrschende weltweite Sprachverwirrung demnächst aufhebt – mit einer übergeordneten (Computer-) Sprache?

Abb. 1: Dieses Bild habe ich unter etwa tausend zum Thema „smoke“ ausgewählt. Es kommt für mich dem am nächsten, was ich mit „Heiliger Geist“ assoziieren kann. Ein ordentlich qualmender „brennende Dornbusch“ wäre noch besser gewesen. (Photo by sl wong on Pexels.com)

In der Science-Fiction findet man viele solcher Phantasien – etwa in dem Roman Wing 4 von Jack Williamson oder in James Camerons Terminator-Filmen.

Abb. 2: Dieses Bild trifft es vielleicht noch besser: Inspiration – Einhauch – Ruach (hebräisch für Inspiration) (Photo by Rafael Guajardo on Pexels.com)

Ich betrachte religiöse Witze (eigentlich „Witze über religiöse Inhalte“) als eine ganz eigene Variante von Kreativität – also Wirkungen des „Heiligen Geistes“ ganz spezieller Art, wenn man so will. In einer Fortsetzung dieses Beitrags mache ich mich über das Thema auch lustig: → Religiöse Witze über Smokey und wie sich Nonnen und Mönche…

In einem weiteren Artikel untersuche ich die spezielle Beziehung zwischen → Kreativität und Science-Fiction (work in progress).

In meinem Buch → Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität. umreiße ich nicht nur die Geschichte der Kreativität und ihrer Erforschung, sondern stelle mit der Zeittafel-Methode außerdem ein sehr effektives Werkzeug vor, mit dem sich komplexe Themen und sogar ein ganzes Studium leichter organisieren lassen – s. den Text → Zeittafeln als Werkzeug und Methode (work in progress).

Quellen
Cameron, James (Regie): Terminator. USA
Koch, Christoph und Thomas Ramge: „Ein bisschen früh dran“. In: brand eins von April 2021, S. 74.
Scheidt, Jürgen vom: Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität. München 2004 (Allitera).
Williamson, Jack: The Humanoids. (USA 1949). Deutsche Übersetzung: Wing 4. Düsseldorf 1952 (Rauchs Weltraumbücher).

aut #996 _ 2021-06-10/20:30 [Wander-Ziel: 2021-05-23 = Pfingstsonntag]