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Gebrauchshinweise für diesen Blog

(Eine Bemerkung vorab: Ich lese Ihre Kommentare und freue mich darüber. Haben Sie bitte jedoch bitte Verständnis dafür, dass ich aus Zeitgründen nicht darauf eingehen kann.)

Ich weiß nicht, warum und wie oft Sie diesen Blog anklicken – oder ob Sie ihn vielleicht sogar abonniert haben (was mich am meisten freuen würde). Das einfachste wäre, Sie würden wie bei einer Juke-Box einen Groschen reinwerfen und sich überraschen lassen. Oder wie beim Kauf einer Wundertüte ein gewisses Risiko eingehen, dass vielleicht nicht das drin ist, was Sie erwarten oder suchen – oder Sie finden etwas überraschend anderes.

Abb: Die Jukebox als Metapher für die „Musik des Lebens“ mit vielen Melodien und Rhythmen (Photo by Pixabay on Pexels.com)

Oh, pardon. Vielleicht gibt es ja gar keine Wundertüten mehr (die in meiner Kindheit so viel Spaß machten wie „für nen Groschen Brause“). Und die Juke-Box, mit der wir in meiner Jugend viel Freude hatten und uns zum Tanzen in schummrigen Kneipen animieren ließen – die ist es ja längst in der Rumpelkammer der Geschichte verschwunden, obwohl sie mal so wichtig war für uns. Die allzeit verfügbaren digitalen Musikangebote haben ihr den Garaus gemacht. Und wer tanzt schon noch in schummrigen Kneipen.
Aber das hatte damals eben seinen großen Reiz – nicht jederzeit verfügbar zu sein. Und dass man bar etwas investieren musste, einen Groschen eben, oder auch mehr, um ein ganz bestimmtes Musikstück zu hören – das hat den Wert noch vergrößert, wenn dann endlich „Are you lonely tonight“ von Elvis Presley erklang oder das aufrührerische „Rock around the clock“, zu dessen rebellischen Rhythmen so mancher Kinosaal von begeisterten Halbstarken demoliert wurde –

Tempi passati. Oder wie Bob Dylan das für sich übersetzt hat: „The times, they are achanging“. Diesen wehmütigen Blues fand man auch in der Juke-Box – in den richtigen Kneipen in Schwabing und Haidhausen.

Aber bleiben wir noch einen Moment bei der Juke-Box. Sie ist für mich keine Sehnsuchtsmaschine, die eine Zeitreise in längst versunkene Jahre und Erlebnisse ermöglicht. Sie ist für mich während der Arbeit an diesem Blog viel mehr zu so etwas wie einem Modell geworden, das gut zu meiner recht disparaten Arbeitsweise passt. Stellen Sie sich vor, jeder meiner (inzwischen 230) Beiträge sei eine Schallplatte, eine 45er Single von etwa drei Minuten Länge, wie damals üblich. Sie müssen keinen Groschen reinwerfen – im Internet ist ja alles kostenlos. Und Sie werden auch keinen speziellen Hit entdecken à la Chuck Berry oder Aretha Franklin oder Eminem oder whom so ever gerade on top auf der aktuellen Hitliste steht, den Sie gezielt abspielen können.
Aber Sie können sich anhand der Kategorien-Wolke ein bestimmtes Thema wie „Hochbegabung“ oder „Science-Fiction“ oder „Kindheit“ herauspicken und schauen, was die Juke-Box dann „abspielt“.

Sammelstelle für Einfälle

Für mich hat dieser Blog vielfältige Funktionen. Zum einen ist er zunächst eine Art Sammelstelle für meine Einfälle, aus denen ich meine Autobiographie zusammenbasteln möchte – insofern passt die Metapher mit der Juke-Box ganz gut, weil viele der großen Kapitel und der kleinen Kapitelchen meines Lebens mit bestimmten Musikstücken verbunden sind.
Musik – das kann man auch allgemeiner auffassen als eine bestimmte Melodie oder Stimmung – manchmal mit einem speziellen Menschen verbunden – oder mit einem Ort…

Auch der Rote Faden, der durch ein Thema wie „Kindheit“ führt, kann zur Melodie werden. Da ließe sich mancher Hit finden aus der Schlagerparade (hab ich nur als Kind sehr aufmerksam gehört – heute zappe ich rasch weiter, wenn ich im Fernsehen zufällig in so etwas hineingerate).
„Sieben Tage lang wart ich schon auf dich“ – „Das alte Haus von Rocky-docky“ – . Oder grauenhaftes Zeug wie „Wenn die Sonne vor Capri im Meer versinkt“ und anderer bravdeutscher Nachkriegs-Wirtschaftswunder-Schnulzen-Schmalz –
Aber im richtigen Alter echt gut, zum Mitsingen oder Mitsummen, vor allem, wenn man als Zehnjähriger noch nicht so genau wusste, was damit gemeint war:
„In einer Nacht am Ganges / im Mondenschein gelang es / Der Maharadscha war mit ihr allein / Er sagt zu ihr auf indisch / Ach, Liebling, sei nicht kindisch / und sag nicht immer wieder Nein -„

Was für einen Quatsch sich das kindliche Gemüt so merkt – und noch mehr als siebzig Jahre später problemlos reproduzieren kann.

So etwas werden Sie in meiner Juke-Box nicht finden – oder nur ausnahmsweise als Negativ-Bild, wie soeben. Dann schon eher Motive aus den eigenen Texten, die wir später als Jugendliche in Fanzines wie dem ANDROmeda und dem → C. C. Rider selbst gebastelt haben. Filme wie Flucht in Ketten, die uns beeindruckt haben und über die wir uns in einer „Rezension“ Gedanken machten, oder die „himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübten“ Blues von Ray Charles. Oder die Wiederaufrüstung der Bundeswehr – nach diesem grauenvollen Zweiten Weltkrieg – dem ja ein ebenso schrecklicher Erster Weltkrieg vorangegangen war.

Ich weiß noch nicht so recht, welches Erzählmuster ich meiner Autobiographie unterlegen soll. Chronologisch die Ereignisse abzuspielen wäre zwar am einfachsten – aber irgendwie einfallslos. Mit Rückblenden und Vorblenden arbeiten ist künstlerischer – aber für die Leser anstrengender.

Vielleicht nehme ich wirklich das Motiv der Juke-Box als Anregung? In der sind zwar alle Songs im Kreis angeordnet – aber keineswegs nach „Songtiteln“ oder „Interpreten “ alphabetisch sortiert. Gerade der Zufall, das Überraschungsmoment macht den Spaß – nicht nach „schon Bekanntem“ suchen – sondern sich überraschen lassen.

Ja, genau so könnten Sie doch diesen Blog lesen, wie das Auswählen bei einer Juke-Box:
Irgendwas rauspicken, einen Titel, der Ihre Neugier weckt wie → „Weide meine Schafe
– dann einem internen Hyperlink folgen wie → Trommler in den Tag – hat ja auch etwas mit Musik zu tun.
Oder einen Begriff aus der Kategorien-Wolke herauspicken wie → Atlantis – wo führt mich das denn hin?

Gegen Ende des Jahres 2021, wenn ich hoffentlich das meiste Material für die Autobiographie beisammen habe, hier im Blog, werde ich dann umsteigen auf die Arbeit an meinem glü-Roman → Die Rosa Wolke nähert sich.

Und dann gibt es ja hier im Blog auch noch einige Kurzgeschichten. Zum Beispiel frisch am 09. Juli 2021 gepostet → Die Wunderheilung. Sie finden diese – ständig erweiterte – Liste der Stories und andere Listen (wie die zu meiner Lyrik hier im Blog und zu meinen Büchern) alle versammelt im → Anhang.

Geheimnisvolles Zeichen „→li“

Schreib-Tipp für Blogger:
In manchen Beiträgen für diesen Blog taucht die kryptische Signatur →li vor manchen Begriffen auf. Dies ist für mich als Autor ein Hinweis, an dieser Stelle irgendwann einen internen Link zu einem anderen Beitrag einzufügen – der erst noch geschrieben werden muss.
Da ich meine Blog-Texte zusätzlich in einer Datenbank erfasse und verwalte, kann ich dort gezielt nach allen Beiträgen suchen, in denen so ein Link noch „offen“ ist. Sehr praktisch – wenn auch für die Leser meines Blog vielleicht irritierend. Wer liest schon diese Gebrauchshinweise…

aut #1053 _ aktualisiert 2021-07-20 [2021-06-17]

Hochbegabung und das Schreiben

Vor etwa 40.000 Jahren kam es in der Menschheit zu einer dramatischen Veränderung: Der neue Typ des Cro Magnon-Menschen trat auf und „zeigte“ sich – buchstäblich – in Form von eindrucksvollen neuartigen Werkzeugen und Waffen sowie in großartigen Höhlenmalereien, kleinen Skulpturen und Musikinstrumenten. Aus der Ferne der Gegenwart sieht das aus wie eine kreative Explosion an verschiedenen Stellen des Planeten. Ich gehe jedoch davon aus, dass die meisten Cro Magnon (= Spezies VI) dem entsprachen, was man heute als „durchschnittlich intelligent und begabt“ versteht – dass aber innerhalb dieser neuen Spezies sich allmählich eine spezielle Mutation vermehrte, welche für all diese künstlerischen und sonstigen kreativen Schöpfungen verantwortlich war

In meinem Sachbuch Das Drama der Hochbegabten habe ich im Kapitel 9 habe ich die Behauptung aufgestellt, dass sich damals innerhalb der Menschheit eine neue Spezies zu zeigen begann. Ich nenne sie „Spezies VIa“ und verbinde dies mit der Idee, dass damals die Hochbegabten als neue Variante des Homo sapiens auf den Plan getreten sind. Ihr generelles Merkmal: Ein schneller getaktetes, Informationen rascher und komplexer verarbeitendes Gehirn.

Darüber kann man trefflich streiten – aber ich habe gute Argumente, die ich im Buch ausführlich darlege und demnächst auch hier im Blog →li Mutation „Hochbegabung“?
Das Fragezeichen ist wichtig – denn wie jede wissenschaftliche Hypothese ist deren Äußerung nur der Anfang einer Beweisführung.

Abb. 1: Hier ließe sich bestimmt so manche Wand bemalen… ( Photo by Pixabay on Pexels.com)

Der obige Hinweis auf die Höhlenmalereien, die ich diesem neuen Menschentyp zuordne, zeigt bereits die Richtung meiner Argumentierung. Wir werden niemals wissen, was dies urzeitlichen Künstler sich gedacht haben, als sie mit Farben und Formen daran gingen, ihre Welt zu dokumentieren und zu gestalten. Da war vermutlich Jagdzauber im Spiel, aber auch die Freude am Sichtbarmachen von Teilen der Welt, die man vorfand – dann jedoch in der künstlerischen Darstellung bereits veränderte, komprimierte, idealisierte, abstrahierte – bis hin zu Zeichen, die man als Vorläufer einer urtümlichen Schrift deuten kann.

Schreiben bringt Neues in die Welt

Mit der Schrift jedoch kam etwas noch viel Neuartigeres in die Welt – was jedem, der sie beherrschte, automatisch eine Vorrangstellung verschaffte. Das erlebten wir alle in der Schule, als wir lernten, die ersten Buchstaben zu setzen, Wörter zu schreiben, dann ganze Sätze und schließlich verständliche Texte, die Sachverhalte und Geschehnisse so in schriftliche Form fassten, dass jeder andere Schriftkundige sie problemlos in seinem eigenen Kopf nachmodellieren und nachvollziehen kann. Und das über lange Zeit hinweg – sogar Jahrtausende.
Durch die Entzifferung der mesopotamischen Schrift wissen wir nicht nur, welche Gesetze damals vor rund fast vier Jahrtausenden der König Hammurabi (1792 bis 1750 v.d.ZW.) verkündete und in eine Felswand als Edikt für alle weithin sichtbar einmeißeln ließ – wir kennen auch von Tontafeln das Gilgamesch-Epos mit der Sintflut-Sage aus einer Zeit weit vor den biblischen Überlieferungen.

Schreiben ist das vielfältigste und wirkmächtigste Werkzeug, das Menschen jemals erfunden haben. Jemand mit einem überdurchschnittlichen Verstand (Hochbegabte also) kann damit weit mehr anstellen als Gesetze zu dokumentieren und alte Geschichten zu erzählen, die man sich schon seit Urzeiten an den Lagerfeuern und in den Hütten erzählt hat:

° Man kann sich auf dem Papier oder am Bildschirm völlig neue Geschichten ausdenken.

° Man kann Computer-Programme schreiben und testen bis hin zu Algorythmen der Künstlichen Intelligenz.

° Man kann ganze Symphonien in Notenschrift festhalten, die noch Jahrhunderte später von Orchestern vom Blatt nachgespielt werden können.

Aber mit Schreiben kann man immer noch viel mehr:

° Man kann Konzepte für neue Firmen entwickeln und mit einem Business-Plan Investoren so überzeugen, dass sie Hundert von Millionen Dollar in eine Idee investieren – aus der jemand wie Elon Musk das Elektro-Auto-Imperium Tesla  aufbaut

° oder der heute reichste Mann der Welt, Jeff Bezos, seinen Amazon-Lieferdienst und sogar Touristenflüge in den nahen Weltraum.

Schreiben als zentrales Merkmal für Hochbegabung

In der Schule haben wir alle Schreiben gelernt. Das macht uns noch nicht zu Hochbegabten. Aber Hochbegabte können mit diesem Werkzeug weit mehr als Normalbegabte schaffen. Sie können dies vor allem, dann wenn sie gern schreiben. Und dies möchte ich deshalb als erstes und – nach meiner persönlichen Erfahrung und Einschätzung – wichtigstes aller Merkmale für Hochbegabung benennen. Denn Schreiben nützt alle Aspekte der Informationsverarbeitung. Und wenn dies dann auch noch mit Freude und aus eigenem Antrieb (intrinsisch) geschieht und nicht nur, weil man dazu (wie in der Schule) ständig aufgefordert wird – dann hat man bereits ein sehr treffsicheres und stabiles Unterscheidungsmerkmal, das Hochbegabung von Normalbegabung trennt.

Das entwertet nicht den Wert anderer kreativer und innovativer Ausdrucksmöglichkeiten wie Musik, Malerei, Tanz, Bildhauerei – aber es kennzeichnet doch eine ganz eigene Etage weltgestaltender Möglichkeiten:

° Ein indischer Musiker kann mit einer Raga die Zuhörer zum Weinen bringen;

° Ein Fotograf kann mit seinen Schnappschüssen die Betrachter zum Staunen veranlassen;

° ein Computerspiel-Designer kann die Gamer zu begeistertem stundenlangen Spielen verführen

° oder ein großartiger Stürmer oder Torhüter mit genialen Paraden die Zuschauer eines Fußballspiels zu frenetischem Beifall.

Auf Film gebannt, kann dies auf den Internet-Kanälen von YouTube noch nach Jahren erneut begeistern. Aber schriftliche Dokumente können dies noch nach Jahrtausenden und – dank Übersetzung – über viele Sprachgrenzen hinweg, Adaptionen mit neuen Plot-Varianten („Romeo und Julia auf dem Mars im Jahr 3000“) noch gar nicht mitgerechnet. Es gibt nichts, was der menschliche Geist nicht in Worte und somit in schriftliche Form fassen könnte. Sogar Formeln, mit denen man die Ordnung der chemischen Elemente darstellt und irgendwann vielleicht das ganze Universum verstehen wird.

Allgemein: Geschwindigkeit der Informationsübertragung (bei Hochbegabten deutlich erhöht)
Aufnahme von Informationen (Sehen, Lesen, Hören, Tasten, Riechen, Schmecken etc)
Abgabe von Informationen (Schreiben, Sprechen)
Aufnahme und Abgabe von Informationen speziell im zwischenmenschlichen Bereich (Gespräch, Video-Konferenz, Seminar, Vorlesung)
Speicherung von Informationen (Gedächtnis, schriftliche Fixierung in Dokumenten, Büchern etc.)
Übergeordnete Vernetzung von Informationen (bei einem Film kommt z.B. vieles zusammen: Drehbuch, Requisiten, Schauplätze, Darsteller, Statisten, Catering, Produktion, Finanzierung)
Vernetzung von Menschen zu Gruppen (Verein, Firma, Institution – durch Pläne, Anweisungen, E-Mails und Telefonate)
Vernetzung von Objekten (z.B. Internet der Dinge)
Abb. 2: Schreiben ist stets Umgang mit Information. Das betrifft vor allem Aufnahme, Verarbeitung, Speicherung und Abgabe von Inhalten (Archiv JvS)

Schreiben ist die Königsdisziplin. Und die Hochbegabten sind jene Menschen, die sich dieser Disziplin am erfolgreichsten bedienen. Nicht mehr – und nicht weniger.

(Forts. folgt: In weiteren Beiträgen stelle ich noch an die neunzig andere Merkmale vor, die auf Hochbegabung hinweisen können. Auf der stabilen SEITE Hochbegabt? (Test)  trage ich sie nach und nach zusammen.)

aut #1110 _ 2021-07-25/20:02

Quelle
Scheidt, Jürgen vom: Das Drama der Hochbegabten. München. Feb 2004 (Kösel) 360 Seiten ISBN 3-466-30635-3 / München Okt 2005 (Piper TB).

Unser nächstes Seminar

Große Sommer-Schreibwerkstatt. 30. Juli bis 04. August 2021 – leider ausgebucht – Warteliste. Wiederholung:
Große Sommer-Schreibwerkstatt. 17. bis 22, September – noch sechs Plätze frei.
Anmeldung → hier

Lieferbare Bücher von Jürgen vom Scheidt – alle Paperback, teilweise auch E-Book

Kreatives Schreiben – HyperWriting (Sachbuch – Ratgeber). (Frankfurt am Main 1989_Fischer TB). München 2006-11 (Allitera Paperback). 215 Seiten – € 19,90 / ISBN 978-3-86520-210-9.
Kurzgeschichten schreiben (Sachbuch – Ratgeber). (Frankfurt am Main 1994_Fischer TB) München 2002-07 (Allitera). 91 Seiten. 9,90 €uro / ISBN 3-935877-57-9.
Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität (Sachbuch – Ratgeber). München März 2004 (Allitera) 176 Seiten – 18,00 €uro / ISBN 386520-043-5.
Blues für Fagott und Zersägte Jungfrau (Anthologie mit eigenen Geschichten). München 2005 (Allitera). 140 Seiten – € 12,90 / ISBN 3-86520-121-0.
Männer gegen Raum und Zeit (Roman – Leihbuchausgabe). Wuppertal-Barmen 1958 (Wieba). Überarb. Neuausgabe 2015 (vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 301 Seiten – 14,950 € / ISBN 978-3-9816951-2-0.  / Kindle-Ausgabe als E-Book: 2,99 €.
Sternvogel (Roman – Leihbuchausgabe). Minden 1962 (Bewin). Überarb. Neuausgabe 2017 (vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 190 Seiten – 9,00 € / ISBN 9 781 520 546032.

Erfand Daidalos den Roboter?

Eigentlich müsste hier jetzt die Mini-Serie zum SelbstTest „Bin ich hochbegabt?“ weitergehen. Aber ich muss erst noch eine Bringschuld für den Stammtisch der Phantasten einlösen. Die hat allerdings viel mit „Hochbegabung“ zu tun – ging es doch bei unserem letzten Treffen (vorsichtshalber wieder online) um das Thema:

Die Zukunft des Homo Sapiens – Gedanken zum Homo Superior und zu Posthumanismus.

Ich hatte die Ehre, das zu moderieren. Im Verlauf der lebhaften Diskussion „als Schwarmintelligenz“ wies ich darauf hin, dass sich schon die „alten Griechen“ vor gut dreitausend Jahren in Zusammenhang mit der Gestalt des sagenhaften Erfinder-Genies Daidalos allerlei technische Erfindungen ausgedacht hatten:
„Die künstlichen Flügel (mit dem Daidalos und seinem unglückseligen Sohn Icaros die Flucht aus dem Labyrinth-Gefängnis gelang), den ersten Klon (Minotauros als Zwitterwesen von Stier und Mann), das rätselhafte Verwirrbauwerk Labyrinth und sogar den ersten Roboter, der schützend die Insel Kreta umkreiste.“

Als unser Abend beendet war und ich wieder allein dasaß, wurde ich unsicher: Hat tatsächlich Daidalos diesen Roboter erfunden? Es geht nichts über ein gutes Archiv, in dem auch Sachverhalte verzeichnet sind, die nicht in der Wikipedia stehen oder (noch) nicht gegoogelt werden können. Aber es war wieder einmal der Archivar Zufall, der den richtigen Fund zutage förderte:
Bei meinen Recherchen zu dem Beitrag über Ravi Shankar hier im Blog war mir auch ein Artikel in dem einstigen sci-fi- und zukunftsaffinen Magazin Planet in die Hände gefallen, in dem ich im Sommer 1969 eine Kurz-Biographie über diesen indischen Sitar-Meister veröffentlicht hatte (demnächst hier im Blog recycelt unter →li Die Farben des Geistes).

In diesem Heft war auch ein Artikel von Georg Jappe nachgedruckt mit dem Titel (man glaubt es kaum) „Dädalos erfand den Roboter“. Ich zitiere daraus:

Aristoteles berichtet, Demokrit erzähle, es habe Dädalos Quecksilber in eine hölzerne Venus gegossen, worauf diese von selbst habe gehen können; denn die unteilbaren Kügelchen, einmal angestoßen, zögen den ganzen Körper mit sich, da sie ihrer Natur nach niemals zur Ruhe kommen könnten. Die klassische Philologie hat solche immer wieder auftauchenden Berichte von technischen Wunderdingen lange Zeit für Fabeln gehalten. So bringt auch die berühmte Voßsche Übertragung von Homer das Wort „Automaten“ nicht, obwohl es bei Homer, im 18. Gesang der Ilias, zum ersten Mal erscheint. Wörtlich heißt es dort von der Arbeit des Hephaistos bei Vers 373:
„Dreifüße machte er, zwanzig in allem, die an der Wand des wohlgebauten Saals zu stehen hatten. Unter jeden Boden machte er goldene Räder, so daß die Automaten heimlich in die göttliche Versammlung rollten und wieder zum Hause zurückkehrten, ein Wunder anzuschauen.“
Erst als man den Hellenismus wiederentdeckte und auch die technischen Abhandlungen studierte (und die meisten waren, wie die zahlreichen Übersetzungen zeigen, den Arabern und der Renaissance wohlbekannt), erschienen diese „Wunderberichte“ in einem ganz anderen Licht. Denn die Alexandriner konnten sehr genau darlegen, wie die Statuen von Isis und Osiris Milch und Wein aufs Feuer gossen, wie Kybele Milch gab, wenn man ein Opferfeuer vor ihr entzündete, oder wie die ägyptischen Priester zum Erstaunen des Volkes die Tempeltüren automatisch aufgehen ließen. Wenn Homer und der Vorsokratiker Demokrit als Erfinder Figuren aus mythologischer Zeit nennen, so verweisen sie damit nicht ins Reich der Fabel, sondern in minoisch-ägyptische Zeiten, die für die Griechen schon legendäre Vorzeit waren. […]
Demokrits Beschreibung, durch Aristoteles erhalten, ist völlig exakt: der Mechanismus ist durch chinesische Puppen nachprüfbar. Das Quecksilber, das in zwei inneren Kanälen fortwährend den Schwerpunkt verlagert, läßt eine einmal angestoßene Puppe die Treppe heruntersteigen und sogar gezielte Purzelbäume schlagen.

Soweit, so gut – aber das war nicht das, was ich erinnert hatte! Was war mit dieser menschenähnlichen eisernen Kampfmaschine, die Kreta einst schützend umkreist haben soll? Auch da wurde ich, gleich an obiges Zitat anschließend, bei Jappe fündig:

Der eherne Koloß Talos, den Hephaiistos schmiedete und der Kreta bewachte, wurde, wie Apollonios Rhodios und Apollodorus ausführlich schildern, von Medea besiegt:, indem sie den Zapfen herauszog und das „Götterblut“ aus der vom Nacken zum Knöchel gespannten Ader herausfloß. Auch Talos konnte sich „wirbelnd“ fortbewegen.

Quellen
Jappe, Georg: Dädalos erfand den Roboter. In: Planet Nr. 2 vom Juli/August 1969, S. 55-61. (Nachdruck aus Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29. Mai 1967.)
Schedit, Jürgen vom: Die Farben des Geistes: Das Leben des Ravi Shankar. In: Planet Nr. 2 vom Juli/August 1969, S. 121-121.

aut #1099 _ 2021-07-23/19:01


E-Schiff „Berg“: Begegnung mit der Zukunft

Das könnte eine kleine Serie innerhalb des Blog werden: Begegnungen mit der Zukunft. Die Idee dazu kam mir, als ich vor einigen Monaten hinter einem städtischen Bus radelte und vorsichtshalber nur sehr „flach“ atmete, um möglichst wenig Abgase einzusaugen. Bis ich begriff, dass ich zufällig hinter einem der ersten Elektro-Busse der Stadt herfuhr. Seitdem achte ich sehr auf solche Anzeichen für die sich entwickelnde „technische Zukunft“.

In München dürfte es dafür viele Hinweise geben – sprießen hier doch die zukunftsträchtigen Startups und ihre Produkte nur so aus dem Boden. Auch am Vortag bin ich, wieder zufällig, der Zukunft begegnet, und zwar auf dem Starnberger See. Um zum Startpunkt meiner Wanderung am Westufer in Possenhofen zu gelangen, bestieg ich an der Schiffslände in Starnberg die funkelnagelneue „Berg“ – das erste vollelektrische Schiff dieser Art deutschlandweit.
(Entschuldigen Sie die mäßige Qualität des rechten Fotos – wird demnächst ersetzt.)

München „dicht“ für Verbrenner-Autos?

Die Ladestationen für E-Autos nehmen ebenfalls überall zu – was meine Hoffnung nährt, noch zu erleben, dass man die Stadt für Verbrenner dichtmacht. Es ist schon eine unglaubliche Zumutung, dass jedes benzin- oder dieselgetriebene Auto seine Giftgase problemlos in die Umgebung verbreiten darf! Nach dem Verursacherprinzip müsste man längst verlangen, dass alle Abgase ins Innere der Fahrzeuge geleitet werden. Das gäbe einen Aufschrei – wenn eine Partei dies propagieren würde!

Der Widerstand der entsprechend altgerüsteten Bevölkerung ist gewaltig, sich zu modernisieren. Aber die ÖDP hat es ja 2007 dank Sebastian Frankenbergers Bemühungen mit ihrer Initiative für ein Rauchverbot in öffentlichen Einrichtungen tatsächlich geschafft, dass ich heute in einem Café meinen Cappuccino trinken und die Zeitung lesen kann, ohne mich hinterher duschen und die verstunkene Kleidung wechseln zu müssen. (Frankenberger bekam dafür Morddrohungen.)

Klar – der Strom für all diese Fahrzeuge (dazu kommen ja E-Motorroller und E-Scooter) muss erzeugt werden und dies klimaneutral. Aber diese Zukunft wird kommen – weil sie kommen muss. Fragt sich nur: wann? Ich bin jetzt 81 Jahre alt und möchte das jedenfalls gerne noch erleben.

Also, Menschheit – mach dich an die Arbeit! Damit das nicht Science-Fiction bleibt, sondern Science-Fact wird.

aut #1107 _ 2021-07-22/18:00

„Bin ich hochbegabt?“ (SelbstTest)

(Vorbemerkung: Dies wird eine kleine Serie innerhalb des Blogs, die nach Abschluss der Serie in einer eigenen stabilen SEITE Hochbegabt? zusammengefasst und archiviert wird. Dementsprechend ist dieser SelbstTest – erreichbar am oberen Menü-Rand der Startseite – derzeit noch sehr „work in progress“.)

In meinem Buch Das Drama der Hochbegabten habe ich 2004 eine Reihe von Merkmalen zusammengefasst, die in der psychologischen Literatur als typisch für Hochbegabung gelten – also für einen Intelligenzquotienten von 130 aufwärts.

Schon letzteres muss genauer definiert werden, denn es gibt inzwischen eine fast unübersehbare Fülle von solchen Tests, mit denen die Höhe der Intelligenz eines Menschen (oder auch eines Tiers – wie bei vielen Ratten- oder Mäuseversuchen) geprüft wird. Fast allen diesen Tests ist ein Manko gemeinsam: Sie versuchen (!), die verbale intellektuelle Denkfähigkeit durch standardisierte Fragenkataloge zu erfassen. Einige wenige I-Tests (wie der Labyrinth-Test) nähern sich der Fragestellung durch „sprachlose“ Struktur – sind dadurch aber naturgemäß mit den sprachorientierten anderen Tests nur schlecht vergleichbar.
Man kann sich bei mensa (einem Verein von Hochbegabten) mit einem Online-Test oder einem Gruppen-Test einen ersten Eindruck vom eigenen Potenzial verschaffen.
Wie bei jedem psychologischen Test gilt: Das Ergebnis ist sehr von der jeweiligen Tagesform abhängig und von der eigenen Persönlichkeit mit all ihren Unwägbarkeiten:
Wer an einer Depression leidet, hat nicht nur eine verringerte Motivation, so einen Test möglichst gut zu bestehen – sondern ist auch in seinen Reaktionen und Denkabläufen verlangsamt und wird dementsprechend nicht so viele Fragen des Tests beantworten können wie jemand, der psychisch einigermaßen gesund ist.

Mein hier vorgestellter SelbstTest ist kein standardisierter (= vielfach überprüfter) richtiger Test, sondern nur ein Merkmalskatalog, der eine erste grobe Einschätzung ermöglichen soll. Diese Selbsteinschätzung sollte man irgendwann mit Hilfe eines bewährten Tests wie dem HAWIE überprüfen lassen. Der liefert nur dann sinnvolle Ergebnisse, wenn er von einer entsprechenden Fachperson durchgeführt wird – in der Regel eine Diplompsychologin oder ein Diplompsychologe mit Zusatzausbildung.

Auch untereinander sind diese Tests wenig kompatibel. Man muss zum Beispiel wissen, dass zum Beispiel ein IQ, der mit dem in Deutschland früher viel verwendeten Amthauer-Test ermittelt wurde, etwa zehn Punkte nach unten von Ergebnissen des HAWIE abweicht. Als ich 1961 die Eignungsprüfung für das Studium der Psychologie absolvierte, war mein Ergebnis mit dem Amthauer „119“. Erst während der Arbeiten an meinem Buch Das Drama der Hochbegabten begriff ich, dass dies beim HAWIE einem Ergebnis von etwa „129“ entspricht. Meine Tagesform damals war – schon wegen dem Prüfungsdruck bei so einer Veranstaltung, welche die Weichen für ein ganzes Leben stellt – auf gutdeutsch „beschissen“. Aber immerhin – jetzt weiß ich, dass ich hochbegabt bin. Den auf einen Punkt mehr oder weniger kommt es wirklich nicht an.

In Deutschland, wie auch anderswo in der westlichen Welt, hat sich der HAWIE-Test als immer wieder überprüftes und nachjustiertes Verfahren durchgesetzt. Es ist genau genommen die Test-Variante für Erwachsene (was der letzte Buchstabe des Akronyms „Hamburg Wechsler Intelligenztest für Erwachsene“ andeutet); der entsprechende Test für Kinder ist der HAWIK.

(Wer sich für die Geschichte der Intelligenz-Tests und ihrer Entwicklung über die Jahrhunderte hinweg interessiert, findet alle wichtigen Details in meiner Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz… Eine hochinteressante Geschichte, in der sich so ziemlich alle Themen der Psychologie vorfinden lassen.)

Abb. 3: Die Gauß’schen Glockenkurve der Intelligenz (auch »Normalverteilung« genannt) (Archiv JvS)

Wie man obiger Grafik (Abb. 3) entnehmen kann, verfügt der größte Teil der Bevölkerung (rund 95 %) über eine durchschnittliche Intelligenz zwischen 70 und 130 (Mittelwert = 100). Am linken Rand findet man rund drei Prozent Minderbegabte, rechts entsprechend drei Prozent Hochbegabte. Der genaue Wert ist 2,27%. Ich nehme das aber nicht so genau, denn
° zum einen ist kein Testergebnis eine derart punktgenaue Aussage,
° zum anderen mag ich die Zahl „3“ sehr (was natürlich überhaupt kein wissenschaftlich relevantes Argument ist)
° und drittens lässt sich mit 3% leichter rechnen (um zum Beispiel den Anteil der HB an der deutschen Bevölkerung abzuschätzen*).

* Wer es genau haben will: Die deutsche Bevölkerung beträgt rund 83 Millionen (Stand 2019) – davon 1% = 830.000 x 3 = rund 2.49 Millionen Hochbegabte. Rechnet man exakt mit 2,27 %, ergibt das 1,88 Millionen HB.
Bezogen auf die Weltbevölkerung von 7,95 Milliarden (Stand 2021) – ergibt das 23,85 Millionen HB weltweit (bzw. 18,046 Millionen HB bei 2,27%) – immer vorausgesetzt, dass der Anteil der HB überall etwa gleich ist.

(Fortsetzung folgt)

Quellen
Brackmann, Andrea: Ganz normal hochbegabt. Stuttgart 2006 (Klett-Cotta).
dies.: Extrem begabt. Stuttgart 2020 (Klett-Cotta).
Scheidt, Jürgen vom: Das Drama der Hochbegabten. München 2004 (Kösel). TB-Ausgabe München 2005 (Piper).
ders.: Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität. München März 2004 (Allitera) 176 Seiten – 18,00 €uro / ISBN 386520-043-5.
Winner, Ellen: Hochbegabt: Mythen und Realitäten von außergewöhnlichen Kindern. (1996) Stuttgart 1998 (Klett-Cotta).

aut #405 _ 2021-07-21/08:43

Begegnung mit einem Baum: WuTang

(Nein, ich war an diesem Abend nicht bekifft, war ich schon seit 40 Jahren nicht mehr. Ich war nur phantasievoll. Und open-minded.)

Wenn du reden könntest, großer Baum – wenn du einen Namen hättest –

Du könntest mich WuTang nennen.

Was denn – du sprichst? ein Baum?

Ja.

Klingt irgendwie chinesisch – WuTang –

Mag schon sein.

Warum soll ich dich so nennen?

Du sollst nicht – du kannst.

Ich weiß nicht so recht – ein Baum kann doch nicht reden.

Wenn du meinst.

Nein, das geht nicht, Bäume reden nicht – das hat dir mein Bauch telefoniert.

Oder ich Baum habe es dir geflüstert.

Im Herr der Ringe können Bäume reden und laufen und sogar Krieg führen –

Kann ich alles nicht. Ich kann nur stehen und wachsen. Seit mehr als 200 Jahren stehe und wachse ich. Aber meine mir angemessene Größe habe ich längst erreicht. Ich weiß, dass Wachstum eine Grenze hat. Mehr sage ich dazu nicht.

Redest du wirklich mit mir – WuTang?

Ja – wenn du mich WuTang nennst.

Verstehe. Ist ein wenig einsam hier, nicht wahr?

Fühlst du dich einsam? Ich nicht. Da sind all die Menschen, die sich wie du hier auf die Bank setzen und schwätzen und fotografieren und staunen. Da sind die Vögel, die mir was erzählen. Da rauscht der Fluss vorbei – Bist du einsam?

Eigentlich nicht. Naja, manchmal schon. Seit meine Frau Ruth gestorben ist – aber ich komme gut zurecht. Hab Kontakt mit vielen Menschen. Und bin schon immer sehr selbstgenügsam gewesen. Lese gerne, kann mich in ein Buch verlieren, oder einen Film –

Oder mit einem Baum reden –

Moment mal – du hast doch das Gespräch begonnen.

Hab ich das?

So sieht es für mich aus – oder soll ich sagen: So hört es sich an?

Ich kann noch etwas, Mensch, während ich hier stehe. Ich kann dem Fluss zuhören, der seit Tausenden von Jahren von den Bergen kommt und mir von dort oben erzählt und von dem, was er unterwegs erlebt und mitnimmt. Viel braune Muttererde zur Zeit, die der Regen der letzten Tage weggeschwemmt hat. Viel Leid unter den Menschen transportiert der Fluss an mir vorbei. Aber in einigen Tagen bin ich wieder klar und durchsichtig. Sagt der Fluss. Wie all die Jahrtausende zuvor.

Hier bei dir ist gut zur Ruhe kommen, WuTang. Am Stauwehr im Englischen Garten hinter dem Haus der Kunst. Danke!

Gern geschehen. Kannst ja mal wiederkommen.

Mache ich, WuTang. Ach noch was, da kommt mir eine Idee. Wenn ich mal tot bin – dürfte ich meine Asche hier an deinen Wurzeln verstreuen lassen?

Muss nicht unbedingt sein. Ich kann mich ja nicht dagegen wehren. Der nächste Wind pustet das eh weg. Aber du könntest deine Überreste ja gleich in den Eisbach streuen lassen – ist eine saubere Lösung. Wenn die Friedhofsverwaltung das erlaubt.

Das wird sie wohl nicht tun. Es sei denn, wir nennen es Seemannsbestattung –

Du – ein Seemann?

Nein. Lassen wir das. Ich wollte mich eh kompostieren lassen, sobald das technisch auch bei uns möglich ist.

Deine Angelegenheit. Mensch.

Nichts für ungut, Baum. Und Guten Abend, WuTang.

Dazu sag ich jetzt nichts mehr. Du willst eh das letzte Wort behalten, ich kenne dich.

aut #1102 _ 2021-07-19/12:18

Tsunami am Horizont

Ich bin mit einem starken Druck im Kopf aufgewacht. Als ich meinen Early Morning Tea trank und begann, meine Gedanken zu sortieren und aufzuschreiben (wie ich das jeden Morgen mache), wurde mir plötzlich klar, weshalb mir in der Kurzgeschichte →
„Was murmelt hier?“ das Bild mit dem drohenden Tsunami eingefallen ist.
Das hatte sich wie von selbst einfach so hingeschrieben. Aber jetzt ist mir klar, dass sich vor mir in der Tat so etwas wie ein Tsunami ankündigt: Eine Fülle von Projekten, die ich in Arbeit habe und demnächst liefern will und die noch nicht abgeschlossen sind – zum Beispiel die beiden Anthologien, die ich demnächst beim Verlag abliefern soll und meine Autobiographie (die zwar allmählich hier im Blog Formen annimmt, aber noch viel zusätzlicher Gestaltungsarbeit bedarf). Dann die Buchführung (seit Februar nachzutragen) und die elektronische Steuererklärung ElStEr für 2020.
Beim Tsunami ist es ja so, dass sich die heranstürmende Monsterwelle vor der Küste immer höher aufgetürmt, weil das flach ansteigende Ufer sich in den Weg stellt. Dieser Effekt wird auf ähnliche Weise bei mir dadurch hervorgerufen, dass es Termine mit Seminaren gibt, die in den kommenden Wochen viel Zeit beanspruchen, in denen ich nicht an den obigen Projekten arbeiten kann.

Um nicht in der Tat zu „ersaufen“, begebe ich mich rechtzeitig auf eine Anhöhe in genügender Entfernung vom Ufer, von der aus ich das Terrain gefahrlos überblicken kann – ohne von der Sturmflut erfasst und davon gewirbelt zu werden. Das habe ich sinngemäß eben getan, indem ich all dies aufgeschrieben habe. Der Druck in meinem Kopf hat sich gelöst. Es ist klar, welche Projekte am dringendsten sind und welche am einfachsten erledigt werden können.

So ist das eben morgens wenn man aufwacht: Im Schlaf und Traum ist das weitgehend abgeschaltet, was man tagsüber als „Enge des Bewusstseins“ erlebt. Das Unbewusste und das Vorbewusste hat solche engen Grenzen nicht.
So ist die Reihenfolge richtig: Der Sturm, das Aufräumen und dann die vorübergehende Leere im Bewusstsein – wenn alles gesichert ist, was an Einfällen und Gedanken auf einen eingestürmt ist.

Abb: So schlimm wird es hoffentlich nicht werden! (Photo by Jess Vide on Pexels.com)

Musikalische Begleitung

Rollee McGill: Rhythm´Rockin´Blues
Nur vier Stücke (von insgesamt 30) sind auf dieser CD immer wieder hörenswert:
° Die schwermütige Ballade „There goes that train“ (mit einem sensationellen Saxophon-Solo von gerade mal 55 Sekunden von Rollee McGill)
° und der gerade herzzerreißende Boogie „You left me here to cry“.
° Wer jemals verliebt war und dann verlassen wurde, wird sich bei “ A Moment of Love“ wunderbar verstanden und getröstet fühlen.
° Der Titelsong der CD „Rhythm´Rockin´Blues“ schließlich ist ein saftiger Stimmungsaufheller, bei dem man aufspringen und tanzen möchte – R´n´B vom Feinsten, wo tiefe Traurigkeit von einem trotzig wilden Rhythmus aufgefangen wird – und zugleich ein schönes Beispiel dafür, wo der Rock´n´Roll der Weißen herkommt, die damit das große Geschäft machten, allen voran Elvis Presley und dann die Rolling Stones und die Beatles.

Die anderen Stücke auf dieser CD sind alle ganz nett, aber typisch für B-Seiten – während „… Train“ und „You left me…“ – ursprünglich auf ein und derselben Single – so etwas wie der zeitlose One wonder hit war und ist, den man bei vielen Sängerinnen und Sängern der R´n´B-Szene findet.
Nur wenige Entertainer wie Joe Turner und Ray Charles haben durchgängig ein sehr hohes musikalisches Niveau gehalten und nicht zufällig hochwertigen Jazz und eingängigere (aber stets originelle, unverwechselbare) R´n´B-Stücke parallel eingespielt. Ray Charles verzeiht man sogar die späteren Chöre und Geigen-Arrangements, mit denen er vor allem bei einem weißen Publikum Anerkennung suchte und ordentlich abkassieren wollte – was ihm auch erstaunlich gut gelungen ist. Wenn man Ray, den Film über sein Leben und seine Musik gesehen hat (worin ihn Jamie Foxx kongenial dargestellt hat) versteht man das alles. Wer auf diesem Planeten schafft es schon, mit dem Vornamen zum Markenzeichen zu werden! Und das als seit dem achten Lebensjahr Blinder, der aus allerärmsten und noch dazu „schwarzen“ Verhältnissen stammte – und es trotzdem schaffte, dank seiner musikalischen Hochbegabung ein Weltstar zu werden, der uns Jugendliche Ende der 1950er Jahre beeindruckte (s. → C.C. Rider) und den man heute noch spielt, sieben Jahrzehnte danach.

Bei anderen Stücken von Rollee McGill wie „There´s Madness in my heart“ kommt es sehr auf die eigene Stimmung (und Lebenssituation) an, wie das auf einen wirkt. Und manches ist einfach grauenhafter Kitsch, der bei den Schwarzen leider noch schlimmer schmachtfetzig ausfällt wie bei ihren weißen Kollegen – wer kennt noch „My Prayer“ und „Only you“ von den Platters oder „When I met you Baby“ von Clyde McPhatter? Bei letzerer Ballade ist sogar mein Vater dahingeschmolzen, der mit „schwarzer“ Musik sonst nichts anfangen konnte (und ich mag diesen Song auch, wenn ich ehrlich bin – wenn mir gerade stimmungsmäßig danach ist.)
„Ain´t going steady any more“ und die meisten anderen Stücke sind die typische Dutzendware für ein Teenager-Publikum und dem Geschmack der weißen Charts abgeguckt – oder es war einfach nicht mehr Kreativität und  Talent vorhanden (sagt aus großer zeitlicher Ferne der abgehoben-kritische weiße alte Mann, der diese Musik vergleicht mit den Großen des Genres und dies auch tun muss – damit er nicht ertrinkt im Meer der Beliebigkeit des weltweiten Angebots an Musik: „75 Millionen“ Titel kann man by Apple Music abrufen, habe ich neulich als Werbung gelesen).

aut #1098 _ 2021-07-18/14:28

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Abb: Lieferbare Bücher (Archiv JvS)

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Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität (Sachbuch – Ratgeber). München März 2004 (Allitera) 176 Seiten – 18,00 €uro / ISBN 386520-043-5.
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Männer gegen Raum und Zeit (Roman – Leihbuchausgabe). Wuppertal-Barmen 1958 (Wieba). Überarb. Neuausgabe 2015 (vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 301 Seiten – 14,950 € / ISBN 978-3-9816951-2-0.  / Kindle-Ausgabe als E-Book: 2,99 €.
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°Was murmelt hier? (Story)

Das Rauschen kam aus unendlicher Ferne. Seine Augenlider waren wie verschweißt und ließen sich nicht öffnen. Es dämmerte ihm, dass er wohl eben aus einem Traum aufwachte. Hatte der Wecker schon geklingelt? Oder würde diese vertraute Melodie gleich ertönen und ihn sanft in den Tag begleiten –

Dieses verdammte Rauschen! Also doch. Er hatte es geahnt. Er würde wieder am Ufer stehen, auf den leergesaugten Strand mit all dem Dreck schauen und in der Ferne würde sich die Brandung auftürmen und dann würde der Tsunami herantoben und alles mit sich reißen und ihn –

Gemach. Das kannte er alles schon. Er hatte es viele Male erlebt. Und zu Beginn viele Male nicht überlebt. War immer wieder neu aufgewacht zum melodiösen Klang seines Weckers und dem Geruch des Frühstücks-Buffets, das sie unten im Garten des Hotels unter den sich sanft wiegenden Palmen an endlosen Tischen ausgebreitet hatten: Gebratener Speck, Eier, kleine Pizzen, köstliche Fischstücke, Garnelen in exotischen Saucen, sogar Hummer, Salate mit Mango Chutney –

Er konnte von alledem so viel essen, wie er wollte und würde doch nicht zunehmen und am nächsten Morgen genau den selben Hunger haben wie immer – und immer wieder –

Dann das ferne Rauschen. Das Klopfen an der Tür. Die Schöne, die er einige Tage zuvor, und dann auch in den folgenden Tagen angebaggert hatte, immer geschickter – bis sie sich am Abend bei einem Glass Champagner hatte überreden lassen –
Und die dann, ja, das fiel ihm nun wieder ein, mal eben Schwimmen gegangen war, während er noch schlief und nun gleich, mit einer leuchtend roten frischen Hibiskusblüte im Haar und weit offenem Ausschnitt zurückkommen und klopfen würde und –

Aber da war kein Klopfen. Warum trat Anny nicht ein? Warum war da plötzlich kein Rauschen mehr in weiter Ferne, sondern ein eigenartiges Geräusch, schwer einzuordnen, wie fremde Stimmen.

„Was murmelt hier?“ artikulierte seine geschwollene Zunge. Das war auch neu. Irgendetwas hatte über Nacht seine Zunge anschwellen lassen. War das etwas Gutartiges – oder etwas Gefährliches? Sollte er den Hotelarzt kommen lassen?

Und wo blieb Anny? mit der leuchtend roten Blüte? Heute kein Tsunami – nachdem er endlich gelernt hatte, rechtzeitig auf die rettende Anhöhe zu flüchten, von der aus er, in sicherem Abstand, das ungeheure Ereignis beobachten konnte wie ein Theaterstück, das nur für ihn aufgeführt wurde und das fast nur er überleben würde und noch einige Leute, die er nach und nach ein wenig kennenlernte –
– was sonst sollte er tun in diesem verlassenen Stück Südsee, wohin ihn der Urlaub verschlagen hatte-

Jetzt fiel es ihm wieder ein. Gestern der Besuch beim Speziallabor, zu dem der Hotelarzt diese Gewebeprobe aus seiner Zunge geschickt hatte. Er wollte Gewissheit haben und nicht warten, bis der Bericht zum Arzt geschickt wurde, der ihm dann das Ergebnis mitteilen würde – er wollte gleich Genaues erfahren –

Ja, jetzt sah er den Zettel wieder, der auf dem Tisch neben der Tür lag, die auf den Balkon mit Blick aufs Meer führte. Jetzt fiel es ihm wieder ein: Inoperables Karzinom – Letalität 100 Prozent. Lebenserwartung drei Monate. Zunehmende unerträgliche Schmerzen.

Ungefähr so stand es da auf dem gelben Blatt – mit teils roter Schrift. Und ihm fiel nun auch wieder ein, dass er schon ein Dutzend Mal versucht hatte, in eine Variante dieser Zeitschleife zu gelangen, wo dieses tödliche Karzinom nicht existierte.

Er wusste nun auch, dass der Wecker nicht klingeln würde und dass Anny nicht kommen würde. Er würde seine Badehose anziehen und die Badelatschen und das Handtuch leger über die Schulter werfen und ein Liedchen pfeifen und gemächlich zum Strand hinunterlaufen und sich dort mit ausgebreiteten Armen hinstellen und auf diese gigantische Wasserwand warten.

Und dann würde er ja sehen, ob er diesmal davonkommen würde oder ob ihn irgendein winziger Zufall, der aber alles veränderte, vielleicht in eine Zeitlinie warf, in der man den Krebs doch heilen konnte – oder in der er gar keinen Krebs hatte – weil sich das Labor täuschte?

Oder vielleicht kam es nur darauf an, das Unausweichliche mannhaft anzunehmen. Und nicht am anderen Morgen wieder aufzuwachen. Sondern endlich tot zu sein.

Ja, wer oder was murmelt hier, dachte er. Und holte noch einmal tief Luft, während sich über ihm, dreißig, vierzig, fünfzig Meter hoch, das Meer auftürmte.

Abb: Und er holte noch einmal tief Luft… (Photo by Emiliano Arano on Pexels.com)

„Hallo Fred, Guten Morgen“, flüsterte ihre Stimme in sein Ohr und leckte das Ohrläppchen, wie sie es gerne tat, wenn ihr danach war, mit ihm unter die Decke zu kriechen –

Er setzte sich abrupt auf. Was war mit seiner Zunge? Sie fühlte sich völlig normal an. „Was murmelt hier?“ flüsterte er.

Sie lachte hell auf. „Niemand murmelt. Das ist das Rauschen des Meers. Angeblich soll es heute einen Tsunami geben – natürlich nur unten im Kino. Komm, steh auf, ich habe einen Bärinnenhunger – unten sind schon die Köstlichkeiten aufgebahrt -„

„Bitte, Anny, wie oft soll ich dir noch sagen – das heißt nicht: aufgebahrt, sondern ausgebreitet. Aufgebahrt werden nur die Toten – und die wollen wir doch nicht haben – oder?“

„Nein, auf gar keinen Fall, Herr Professor Besserwisser. Aber ins Kino gehen wir schon – sonst wird das wieder so ein langweiliger Abend mit Essen und Champagner und dieser lahmen Kapelle, die immer die gleichen Stücke vom vorletzten Jahr spielt -„

Sie summte vergnügt die Melodie des Schlagers „Auf einer einsamen Insel sind wir beide allein -„

„Okay, gehen wir heute Abend ins Kino. Zum Tsunami. Und jetzt – „

Sie zog ihm schelmisch lächelnd langsam die Badehose aus. „Aber erst noch – wie war das mit der Zunge?“

Jetzt fiel es ihm wieder ein. Groundhog Day hieß dieser Film – auf deutsch ein wenig dämlich übersetzt als Und täglich grüßt das Murmeltier. Wie kam er bloß da drauf? Er hatte den Film nie gesehen. Murmeltier – warum denn das?

Ende

aut #1085 _ 2021-07-17/18:46

(Vergleiche auch den Beitrag → Murmeltier-Tage.)

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Murmeltier-Tage

Vielleicht kennen Sie diesen Film ja gar nicht: Und täglich grüßt das Murmeltier (oder im amerikanischen Original: Groundhog Day). Ich würde ihn vermutlich auch nicht kennen, wenn einer meiner Söhne mich vor geraumer Zeit nicht begeistert darauf hingewiesen hätte: „Musst du dir unbedingt anschauen – das interessiert dich als Psychologen bestimmt!“

Leider habe ich den Film im Kino 1993 doch verpasst. Aber es gibt ja DVD und Blu-ray. Ich habe ihn mir also besorgt – und inzwischen bereits zehn Mal angeschaut. Woran man erkennen kann, dass er mir gefällt – sehr sogar. Vielleicht renne ich offene Türen ein, wenn ich jetzt erkläre. dass es sich um eine Geschichte handelt, bei der jemand (ein arroganter, beziehungsgestörter Wettermoderator) in eine Zeitschleife gerät, die ihn immer wieder in denselben Tag aufwachen lässt. Morgens um 06:00 Uhr. Als Phil (sehr überzeugend gespielt von Bill Murray) seine fatale Situation am zweiten Tag erkennt, hadert er zunächst mit seiner neuen Situation, rebelliert dagegen, versucht durch Suizid zu entkommen, stellt allerhand Unsinn an (Bankraub inklusive) – und tut Gutes. Rettet Menschenleben. Lernt Klavierspielen (hinreißend gegen Schluss die Szene, als er bei einer öffentlichen Veranstaltung Boogie Woogie spielt). Erst baggert er seine Mitarbeiterin und Produzentin Rita (Andie MacDowell) sehr egoistisch an. Aber sie bringt ihm – Murmeltiertag für Murmeltiertag – allmählich bei, dass das so nicht funktioniert – dass er sich sehr ändern muss. Und das tut er – lernt es auf die harte Tour.

Langer Vorrede kurzer Sinn: Der Film wurde inzwischen mehrmals von anderen Drehbuchautoren und Regisseuren variiert und hat sich zu einem richtigen Kult-Plot entwickelt (s. Filmographie unten). Es gibt ihn als rasantes Science-Fiction-Kriegs-Abenteuer (mit Tom Cruise und Emily Blunt (Edge of Tomorrow), als deutschen Krimi in der Tatort-Reihe (Murot und das Murmeltier) und ganz neu als Mischung aus Fantasy und SciFi mit der zusätzlichen Variante, dass eine zweite Person, die verzweifelte, gescheiterte Alkoholikerin-Schwester der Braut diesen verrückten Hochzeits-Tag ebenfalls immer neu erlebt (Palm Springs). (Was der Regisseur leider am Schluss vergeigt, als er nur den männlichen Protagonisten der Zeitschleife entkommen lässt – was geschieht mit ihr?)

Diese Filme sind alle sehenswert, weil sie mit ihrem sehr tiefgründigen gemeinsamen Thema (etwa: Sinn in einem als sinnlos erscheinenden Leben entdecken) zusätzlich zur „leichten Hand“ des Unterhaltungsfilm-Drehbuchautors auch eine Portion Interesse an Psychologie und Philosophie verlangen.

Damit ist es in Source Code zunächst nicht weit her (ein Soldat soll das Attentat auf einen Zug in immer neuen Varianten verhindern). Doch als die Geschichte Fahrt aufnimmt und man schließlich begreift, was mit diesem tapferen Helden tatsächlich los ist (was ich hier natürlich nicht verrate), bekommt auch dieser Action-Thriller eine gehörige Portion metaphysischer Tiefe.

Wer aufgibt ist tot inszeniert ein deutschen Familien-Melodram – und macht dies auch recht geschickt.
Gewissermaßen als Urformat des Plots könnte man Lola rennt mit der hinreißenden Franka Potente in ihrer zweiten großen Rolle einordnen – auch wenn hier dieselbe Geschichte eines sehr konfliktreichen Berliner Alltags von Tom Tywker nur dreimal variiert wird.

Der Murmeltier-Tag war jedenfalls 1993 die Initialzündung dieser neuen Filmidee. Die tiefe Wahrheit, die er transportiert – und der sich ja jeder Mensch irgendwann stellen muss – heißt ja:

Jeden Tag mache ich im Grund dasselbe, steh auf, putz mir die Zähne, wasch mich, frühstücke, arbeite (oder geh zur Schule oder was auch immer) und fall am Abend müde ins Bett – um am nächsten Morgen in nahezu denselben Tagesablauf hinein wach zu werden – und wozu das Ganze?

Die Antwort des Original-Films von Rami wie seiner Adaptionen ist ganz klar: „Mach das Beste daraus – mit immer neuen kleinen Variationen, die ein wenig deine Welt und die Welt um dich herum verändern und, wenn es gut geht, sogar ein wenig verbessern.“
Im Grunde das altrömische „Carpe diem – genieße den Tag“ – wenngleich etwas moderner und praxistauglicher.

Deswegen liebe ich vor allem diesen Ur-Film Groundhog Day: Weil er mir diese Antwort immer wieder gibt – wenn ich sie mal vergesse. Ein gutes Mittel gegen Depressionen – durch Besinnlichkeit und Entschleunigung.

Beispiele aus dem Alltag von Jedermann und Jederfrau

° Die immer (fast) gleichen Sitzungen einer Psychoanalyse.
° Die sehr ähnlichen Sitzungen vor den Bildschirmen beim Schreiben dieses Blog.
° Das öde Lernen für die Schule – jeden Tag (fast) das selbe.
° Jeden Tag muss Mutter für die Familie einkaufen und kochen.
° Jeden Tag muss Vater in die Firma gehen und für die Familie malochen.
° Jeden Tag muss (ein anderer) Vater für die Familie einkaufen und kochen.
° Jeden Tag muss (eine andere) Mutter in die Firma gehen und für die Familie malochen.

° Jeden Tag müssen Sie – ja was denn?

(Im nächsten Beitrag können Sie eine Kurzgeschichte von mir zum selben Murmeltier-Plot lesen: Was murmelt hier?
Vielleicht gefällt Sie ihnen. Aber schauen Sie sich den einen oder anderen dieser Filme trotzdem an.)

Begleitmusik
Ich könnte die im Ur-Murmeltiertag gespielte Musik nennen, vor allem den Boogie Woogie, den Bill Murray alias Phil zum Besten gibt – ganz wunderbar mitreißend. Aber aktuell ist es ein Konzert von Alicia Keys, das sie in der Sylvesternacht 20020-/21 in Los Angeles gab. Ich sah es zufällig dieser Tage auf ARTE-TV um Mitternacht. War erst begeistert von dieser Musikerin, ließ mich von ihrer guten Laune mitziehen, die sie versprüht – bis ich nach fünf Songs enttäuscht abschaltete. Corona-Zeiten hin und Maskenpflicht samt Abstandhalten her – so oberflächlich muss gute Unterhaltungsmusik nicht daherkommen. Das war weichgespülte Langeweile für ein Weltpublikum.
Dabei kommt diese Frau doch aus der R´n´B-Ecke! Wenn ich das vergleiche mit den Rockröhren der 1950er und 1960er Jahre, fällt sie gegen diese doch gewaltig ab: Ruth Brown, LaVern Baker, Aretha Franklin – oder die Jazz-Sängerin Dakota Staton, die bei dem legendären Newport Jazz-Festival 1958 so sophisticated „Sweet Georgia Brown“ und „All of me“ gesungen hat (enthalten in der Film-Doku Jazz an einem Sommerabend).
Alicia Keys ist zwar fraglos ein toller „Hingucker“, sehr sexy und eine wunderbare Entertainerin und klasse Sängerin – aber ihre Musik kannst du vergessen. Sagen mir meine Ohren jedenfalls.


Quellen
Murmeltier-Varianten
Barbakow, Max (Regie): Palm Springs. USA 2020.
Jones, Duncan (Regie): Source Code. USA 2010.
Liman, Doug (Regie): Edge of Tomorrow: Live Die Repeat. USA 2014.
Ramis, Harold (Regie): Und täglich grüßt das Murmeltier (Groundhog Day). USA 1993 (Columbia).
Tykwer, Tom (Regie): Lola rennt. Deutschland 1998 (Creative Pool).
Wagner, Stephan (Regie): Wer aufgibt ist tot. Deutschland 2016.
Zeitungsartikel
Hildebrand, Kathleen: „Die Faszination der Zeitschleife“. In: SZ #127 vom 07. Jun 2021, S. 11 (Feuilleton).
Musik
Keys, Alicia: Live in LA Sylvester 2020/2021. (BBC) – ARTE TV am 16. Juli 2021 um Mitternacht.
Stern, Bert (Regie): Jazz on a Summer´s Day. USA 1959. (Deutsche Fassung: Jazz an einem Sommerabend).

aut # 1090 _ 2021-07-16/18:39

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Brille zum Zeitunglesen?

Das ist neu. Bis vor einem Vierteljahr konnte ich mühelos noch sehr kleine Schrift der Größe „3.0“ lesen. Jetzt habe ich Mühe, zwei Spalten der Süddeutschen auseinander zu halten – sie fließen leicht ineinander.
Meine beiden Augen waren schon immer sehr verschieden – das linke sehr schwach und leicht schielend. Jetzt im Alter fällt es dem rechten Augen wohl schwerer, die Dominanz zu halten.

Gut, eine Brille wird das ausgleichen. Aber die neue Situation hat eine alte Erinnerung wieder hochgespült, die mit meiner Mutter zu tun hat. Ich war zwölf, als sie in Hof mit mir beim Augenarzt war (Warum? Hatte ein Lehrer etwas bemerkt?)

Als der Herr Doktor sagte, ich bräuchte eine Brille, sagte meine Mutter nur sinngemäß: „Nein, der braucht keine Brille“. Und das war´s.

Hatte ich vorher immer in der hintersten Bank gesessen (schon, weil man dort so gut schwätzen und heimlich Schundheftchen lesen und irgend welchen Blödsinn machen konnte – was ADHS-Kinder halt so treiben) – setzte ich mich bei der nächsten Möglichkeit (wahrscheinlich im Herbst 1954 beim Übertritt in die vierte Klasse der Oberrealschule) ganz nach vorne in die erste Bank – weil ich nur dort deutlich sehen konnte, was der Lehrer an die Tafel schrieb. Ohne Brille. Die Mutter hatte das ja blockiert.

Nach dem Umzug nach München war eine meiner ersten Aktionen der Gang zum Augenarzt und dann zum Optiker – um endlich eine Brille zu bekommen und klar sehen zu können. Ich hab´s zweimal mit Kontaktlinsen versucht – aber das war nichts für meine empfindlichen Augen. Es war so etwas wie ein erster Akt der Rebellion gegen Mutters magische Macht.

Dass ich offenbar zusätzlich eine Allergie hatte, die sich bei Pollenflug als unerträgliches Jucken in den Augen auswirkte, begriff ich erst viele Jahre später – zufällig. Heuschnupfen in den Augen – wer denkt denn an sowas! Das hätte mich jedenfalls 1964 fast am Bestehen des Vordiploms in Psychologie gehindert – weil dieses Jucken in den Augen mich mehr als irritierte und vor allem massiv beim Lesen und Lernen behinderte- vor allem, weil kein Arzt und auch nicht die Spezialisten in der Zenker´schen Augenklinik herausfand, was es war, was mich da plagte. „Neurasthenie“ – war eine der hilflosen Diagnose. Danke. Das half – nämlich keinen Arzt mehr diesbezüglich zu konsultieren.
Die richtige Diagnose fand ich tatsächlich rein zufällig gut zwanzig Jahre später selbst, als ich mit meiner Frau Ruth im Frühling bei einer Wanderung im Allgäu eine blühende Wiese überquerte – und „wush“ begannen meine Augen zu jucken, als hätte man mir eine ätzende Flüssigkeit hineingeträufelt. Als ich auf der anderen Seite die Wiese verließ – war das Jucken wie weggeblasen. Ich überprüfte das – betrat die Wiese – „wush!“ Verließ das wunderschöne Blütenmeer wieder – „weg“.

Das war´s. Selten habe ich eine so klare Demonstration einer medizinischen Realität erlebt.

Doch zurück nach 1956 und den Anpassung der ersten Brille. Es war wie ein optisches Wunder: Nach vier Jahren endlich klar zu sehen. Im Kino alles mitzubekommen – für mich Kino-Freak schon Wunder genug.

Es war allerdings ein Preis zu zahlen: Mit Brille bist du plötzlich sehr verletzlich. Das erlebte ich auf drastische Weise, als ich auf dem Oktoberfest in eine Schlägerei geriet, bei der man mir als erste die Brille vom Kopf schlug – die wahrscheinlich der Auslöser für die Aggression war. Ich hab´s überlebt – indem ich wegrannte.

Als mein Psychoanalytiker so um 1970 mal unbedacht sagte, er möge keine Leute mir Brille – dachte ich: Schau mal an. Der Herr Doktor – von wegen Abstinenzregel! Vielleicht lag es daran, dass ich die Brille stets schon beim Betreten der Praxis abnahm und im Futteral verstaute – und er mich vielleicht nie mit Brille gesehen hat. Oder es war ein saftiges Stück spontaner Gegenübertragung, was ihm da entfuhr (denn ich muss ein sehr nerviger Patient gewesen sein, der seine gerade göttliche Geduld sicher mehr als strapaziert hat). Schwamm drüber. Heute, im Rückblick, kommt mir das fast so vor, als sei das eine seltsame Wiederholung jener Macht gewesen, die meine Mutter auf mich als Zwölfjährigen ausübte: „Der braucht keine Brille.“ Punktum. (Vielleicht kann ein Psychoanalytiker etwas mit dieser Erklärung anfangen – mir macht sie Sinn. Man wird immer wieder mit seinen Schwachen und Obsessionen konfrontiert – weil man sein inneres Leben um sie herum aufbaut – um sie auszugleichen, oder zu bändigen – los wird man sie nie.)

Meine Augen haben mich immer beschäftigt. Wenn möglich, nehme ich meine Brille sofort ab. Im Fitness-Studio oder wo auch immer – runter mit der Brille. Beim Lesen – runter mit der Brille –

Halt, das hat sich ja jetzt geändert. Ich brauche eine Lesebrille. Na ja. Was soll´s. In meinem Alter.

Lange hat mich dir heimliche Furcht beschäftigt, ich könnte einst blind werden – wie John Milton, dem das in der Mitte seines Lebens geschah. Als ich sein Sonnet „On his Blindness“ als Achtzehnjähriger im Englischunterricht übersetzte, war der Studienrat Feldhütter aus Tutzing nicht sehr zufrieden damit – aber für mich war es eine sehr gelungene Übertragung (das ist jetzt wörtlich gemeint – und nicht psychoanalytisch).

When I consider how my light is spent – ere half my days /
In that dark world and wide…“


Ich kann es noch immer auswendig – in beiden Sprachen. Dieses Schicksal ist mir bisher erspart geblieben (anders als meinem frühesten Kindheitsfreund Dietmar). Stattdessen hat es mich zu meiner Kurzgeschichte „Blindheit“ inspiriert – die bisher am meisten nachgedruckt wurde, in fünf Sprachen übersetzt ist und mir für diese zehn Druckseiten ein beachtliches Honorar eingebracht hat – mehr als 4.000 Mark, schätze ich.

Als Jugendlicher und noch als Student habe ich die Brille beziehungsweise die Kurzsichtigkeit gerne versteckt – etwa in Gestalt einer schicken Sonnenbrille (mit korrigierten Gläsern). Das so zum Beispiel so aus:

Es gibt auch Vorteile

Als ich dann 1956 in München die erste Brille bekam, war dies auch das Ende meines Bubentraums, Testpilot und „Weltraumfahrer“ zu werden. Mit Brille undenkbar. Die Konsequenz: Weltraumfahrten „auf dem Papier“ (in Gestalt eigener SF-Romane) und später auch die „Weltraumflüge nach innen“, zu denen Rauschdrogen der nötige Treibstoff sind. Aber das ist ein anderes Kapitel, das zum Beispiel hier aufgeblättert wird.

MultiChronalia

Die Brille – gleich welche – und die damit verbundene Kurzsichtigkeit ist so etwas wie ein Leitfossil in meiner persönlichen Archäologie und verbindet viele Zeitschichten:
1952 die Machtdemonstration von Mutter („Der braucht keine Brille“). 1953 folgende die zunehmende Wendung „nach innen“ wegen zunehmender Kurzsichtigkeit. 1956 das Aufbegehren gegen das mütterliche Verdikt durch die Anschaffung einer Brille – was zugleich die „Wendung nach innen“ verstärkt und letztlich das Schreiben als Ausdrucksform begünstigt – aber andrerseits das Ende des „Astronauten-Traums“ bedeutet.
Ab 1959 wird die Sonnenbrille zum schicken Accessoire, das die Chancen beim anderen Geschlecht vergrößert (dachte Mann sich jedenfalls).
Zeitsprung in die Gegenwart des Juli 2021: Die Lesebrille als neue Variante, die Fernbrille und Computer-Arbeitslesebrille ergänzt. Nun sind es deren drei.

aut #1096 _ 2021-07-14/21:20

Ravi Shankar: Eintauchen in die indische Musik

Über Cannabis und das Kiffen lässt sich vieles sagen – Positives und Negatives. Ich habe beides erfahren.
Das Negative zuerst: Ich habe als Student zu lange und zu viel gekifft, missbrauchte Marihuana und Haschisch als – leider untaugliches – Selbst-Medikament, um meine neurotischen Probleme zu „behandeln“. Vor allem aber setzte ich viele Joints dafür ein, mein ADHS zu bändigen (von dem ich damals keine Ahnung hatte, was das ist und dass dieses „Zappelphilipp-Syndrom“ mich schon seit frühester Kindheit begleitet hat und Teil meiner psychosomatischen Konstitution ist. Darüber andernorts in diesem Blog mehr → li ADHS*).

* Diese Signatur „→ li“ bedeutet: Hier irgendwann einen Link auf einen separaten Beitrag einfügen, der erst noch zu schreiben ist.

Und hier das Positive:
Klassische europäische Musik erschließt sich einem nur, wenn man sich auf Opern und Symphonien und Fugen und so weiter einlässt, viele Beispiele hört, am besten selbst ein Instrument spielt und sich ein Repertoire verfügbarer Stücke erarbeitet – aktiv musizierend oder passiv Musik genießend. Und noch besser ist es, wenn man verständige Lehrer und Mentoren hat, die einem so manchen Weg durch diesen ja eigentlich sehr fremdartigen Dschungel erschließen – denn Musik kommt in der Natur nicht vor (vom Vogelgesang mal abgesehen), sondern ist immer ein von Menschen gemachtes Kunstprodukt, das man sich mit intensiver geistiger Arbeit aneignen und erschließen muss.

Die Europäische Klassik, wie ich sie mal nennen will, erschloss sich mir schon früh, wie in wohl den meisten gutbürgerlichen Familien, durch Musikunterricht und das entsprechende Schulfach Musik. Mich triezte drei Jahre lang der musikpädagogisch sehr unterbelichtete und vor allem leider sehr ungeduldige Kantor Peter in Rehau am Klavier – der in mir einen lernunwilligen, bockigen, „faulen“ Schüler heranzog – der eines Tages froh war, dieser sinnlos erlebten Fron entronnen zu sein. Eigentlich schade – ich habe das später bedauert; und genieße es heute sehr, wenn einer meiner Söhne, Nichten oder Neffen oder Enkel live oder bei Videokonferenzen Klavier oder Cello spielen und dergleichen mehr.

Ich habe es später aus eigenem Antrieb noch mal mit Gitarre probiert, als mein Freund Alfred Hertrich Unterricht nahm und ich mich da dranhing. Ich gab das bald wieder frustriert auf (übte einfach nicht genug) – während er ein exzellenter Jazz-Gitarrist wurde – mit dem ich später gerne bei Lesungen aufgetreten bin (s. Foto).

Abb. 1: Lesung „Jazz und Poesie“ 1995 in Weiden ( v.l.n.r.) Ralph Bauer (Posaune), Wilfried Lichtenberg (Bass), Alfred Hertrich (Gitarre), Jürgen vom Scheidt (Mikrophon) (Archiv JvS)

Später, schon in München, nahm ich noch einmal einen Anlauf mit Gitarre-Unterricht. Und sogar ein drittes Mal. Es war beide Male ergebnislos.

Nicht gerade „Europäische Klassik“ waren die Schlager, die wir als Kinder und Jugendliche in den später 1940er und frühen 1950er Jahren im Radio hörten (einen eigenen Plattenspieler oder gar Fernsehen gab es noch nicht – das kam erst Ende 1956 nach dem Umzug nach München in die Familie). Aber wir sangen voller Inbrunst mit: „Das alte Haus von Rocky Docky“ und „In einer Nacht am Ganges…“ . Deutsche Originale und vor allem amerikanische Importe – am liebsten original auf „Rias Berlin“ oder im AFN.

Von ganz anderer Art war der Jazz, den ich erstmals 1954 oder 1955 kennenlernte, als mein Freund Klaus Schenk mir eine 45er Füllschriftplatte mit vier Stücken von Woody Herman and His Herd vorspielte. Ich war sofort „hooked“ – hing an der Angel dieser aufmüpfigen Negermusik (obwohl in diesem Fall von Weißen gespielt), die unseren Eltern überhaupt nicht gefiel. Der Rhythm´n´Blues, den mir nach dem Umzug nach München mein dortiger Freund Wolfie Baum (aus dem Science-Fiction Club) nahebrachte, war gewissermaßen die Schlager-Variante des Jazz – in der weißen Version Rock´n´Roll genannt. Was für eine Offenbarung gegenüber den als langweilig empfundenen Symphonien und diesen künstlich geschmetterten Arien der Opern und was sonst noch an Europäischer Klassik geboten wurde – alles brav „vom Blatt gespielt“!
Wieviel lebendiger war da der Jazz, der stets improvisiert und viel emotionaler, rhythmisch wilder und frecher war – mit Texten, die sehr sexuell aufgeladen waren (speziell im Double Talk der schwarzen Blues-Songs) und nicht so verklemmt, wie dieses „klassische Zeug“. Schon die Bezeichnung „Rock´n´Roll“ ist nichts anderes als eine unverblümte Beschreibung des Sex-Aktes (was wir Jugendlichen schnell begriffen haben).

Doch nun zur indischen Musik. Klar, es gibt auch indische Schlager, die nicht anders sind als die europäischen und amerikanischen Hits – meistens nah am Kitsch und in Melodie und Rhythmus immer recht schlicht und oberflächlich eingängig wie überall auf der Welt (wie ich bei meiner Indienreise ständig mitbekam). Aber dann sind da noch die Ragas und die Dhunes und die Talas – Melodien und Rhythmen, von denen nur das Grundgerüst vorgegeben ist, auf dem dann stundenlang improvisiert wird. Dies geschieht mit einer virtuosen Meisterschaft, die für den Kenner gewissermaßen die Brücke darstellt
° zwischen der konzertanten Tiefe und Komplexität und Reife der europäischen Musik (etwa in Mahlers Symphonien, die ich sehr schätze, oder in einer Oper wie der Zauberflöte – die einzige Oper, die mir etwas bedeutet) auf der einen Seite
° und auf der anderen Seite der spontanen improvisierten Lebendigkeit des Jazz.

Die indische Musik hat allerdings eine Eigenschaft, die es dem ungeübten Europäer schwer macht, in sie einzutauchen und sie zu genießen: Das sind die Mikrotöne, die eine Differenziertheit der Melodien ermöglichen, die das „europäische Ohr“ wie Glissandi wahrnimmt. Außerdem hat jede Raga ein ganz spezielles Thema, erzählt sie eine ganz eigene Geschichte und erzeugt im Hörer eine genau umspielte Stimmung wie (erfundenes Beispiel) „das heimliche Treffen der lange getrennten Liebenden in einer Nacht im Monsun, während es draußen regnet“.
Dazu kommt das ständige Raunen der Tamboura (was ungefähr dem Basso continuo der europäischen Musik und der Basslinie im Jazz entspricht) und vor allem die Tabla-Begleitung mit ihrer eigenen, höchst differenzierten Trommelsprache und das sich unaufhörlich bis zu einem furiosen Höhepunkt steigernde Tempo – das man weder im Jazz noch in der europäischen Musik findet – allenfalls im spanischen Flamenco (der wohl irgendwann aus Indien von wandernden Ziganes eingeführt wurde).

Psychologisch gesehen bringt einem eine Raga die frühe tiefe emotionale Beziehung zur Mutter wieder nah – während die Rhythmik den Vater darstellt – so meine Deutung dieser Musik.

Langer Rede kurzer Sinn: Es ist wahnsinnig schwer für einen Europäer, sich auf diese fremdartige indische Musik einzulassen. Es sei denn, man hat einen kundigen Begleiter, der das Zaubermittel kennt: Einen Joint. Das THC in der Haschischpfeife oder in der Marihuana-Zigarette sorgt für die nötige Entschleunigung und öffnet im Gehirn die speziellen Hörfähigkeiten – und dann ist man plötzlich drin und hört nicht mehr ein vorbeirauschendes Glissando, sondern erfährt die Melodie der Sitar als wunderbares Gewebe von Tönen, das auf vielfältige Weise die klare, aus etwa einem Dutzend Tönen bestehende Raga umspielt und nach und nach ein unfasslich komplexes musikalisches Gebilde schafft – das – obwohl nur von einem einzigen Instrument erzeugt – die Vielschichtigkeit einer Symphonie oder eines Jazz-Stücks erreicht und sogar übertrifft – wenn man sich darauf einlässt.

Das geht natürlich auch ohne Joint – indem man sich geduldig über lange Zeit in diese fremde musikalische Welt einhört. Aber mit einem Joint geht es „ruck zuck“ (das „sich Einlassen“ mal vorausgesetzt).

Es gibt großartige Flöten-Ragas und welche mit der Shenai oder der indischen Geige gespielte und ganz speziell die gesungenen Darbietungen – dazu die einzigartigen Tanzkünste Indiens. Ist die Tür des Verstehens erst einmal offen, macht sie ein ganzes kulturelles Universum zugänglich. Dazu noch die „Körper-Kunst“ des Yoga. Und eine Reise nach Indien

Hat sich die Tür durch einen Joint erst einmal geöffnet – kann man in diese musikalische Welt später auch ohne THC immer wieder eintreten. So habe ich es jedenfalls 1963 erlebt (und bin meinem damaligen „Begleiter“ D.H. noch heute dankbar für diesen Joint und diese allererste Raga, in die ich in seiner damaligen Wohnung an der Dachauerstraße eintauchen durfte.)

Quellen
Shankar, Ravi (Sitar): Music of India: Ragas and Talas (Rupak Tal / Raga Madhu Kauns / Raga Yogija / Dhun). USA 1959 (World Pacific #1431). Begleitung: Alla Rakha (Tablas).
ders.: Meine Musik – mein Leben. (New York 1968 _ Simon & Shuster). München 1968 (Nymphenburger Verlagshandlung) – Übersetzung: Elke vom Scheidt – Discographie: Jürgen vom Scheidt.

aut #1094 _ 2021-07-12/14:55

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