„Weide meine Schafe“

Als (einstiger) Lutheraner sollte ich mich aus diesem katholischen Gedöns eigentlich heraushalten. Aber bei diesem aktuellen Riesen-Serien-Skandal, der nicht mehr aufhören will, bin ich auch als Psychologe gefragt.
Wie viele Jahre zieht sich das schon hin – diese mehr als zögerliche „Aufklärung“ des massenhaften Missbrauchs-Skandals in der katholischen Kirche überall auf der Welt?

Die anderen Glaubensgemeinschaften haben diesbezüglich allesamt Dreck am Stecken. Die Lutheraner arbeiten ihren Anteil seit einiger Zeit ebenfalls auf – ein wenig jedenfalls – ebenfalls sehr zögerlich – mit großer beschützender Hand über die Täter – wie ihre katholischen Glaubensbrüder –

Bei einer orthodoxen jüdischen Gemeinde in den USA gab es auch mal einen solchen Skandal – einen, der bekannt und untersucht wurde. Desgleichen bei einer buddhistischen Gemeinde.
Bei den Moslems, den Hindus, den japanischen Shinto-Gläubigen wird man sicher ebenso fündig werden wie bei evangelikalen Christen. Oder bei Stämmen in Afrika, die einer animistischen Naturreligion anhängen.

Abb: Die Idylle trügt: Irgendwann werden die Schafe geschoren und die Lämmer geschlachtet. (Photo by Adam Tumidajewicz on Pexels.com)

Das hat alles nicht so sehr mit der damit verbundenen Religion zu tun – sondern mit den Menschen, die in solchen Gemeinschaften in Führungspositionen und damit an Macht gelangen – Macht, die sie gelegentlich missbrauchen. Die Opfer sind jeweils die Schwächeren, die Untergeben – die Gläubigen. In den Führungspositionen sind fast überall ältere Männer – die Schwächeren, die ihnen anvertraut sind (und deren Vertrauen sie in den Missbrauchsfällen schändlich ins Gegenteil verkehren) sind männliche und weibliche Kinder und Jugendliche, seltener auch Erwachsene junge Männer und Frauen.
Das ist, wie gesagt, nicht an Religion gebunden. Auch in der einst so renommierten Odenwaldschule wurde von den Pädagogen Missbrauch geduldet und aktiv betrieben.
Wenn eine Glaubensgemeinschaft wie die katholische – das nur nebenbei – Homosexualität verdammt, aber ihre Priester wegen des Zölibat-Gebots geradezu in homosexuelle Beziehungen treibt und das mit der Verkleidung in weibliche Priestergewänder noch fördert (oder Homosexuelle wegen dieser Verachtung der Weiblichkeit geradezu anzieht) – dann beweist das eine ungeheure Verlogenheit.

Das ist die Wirklichkeit. Selten hat man Gelegenheit, die dahinterstehenden psychosozialen Strukturen, die solchen Missbrauch geradezu zwangsläufig fördern und herausfordern wie unter einem Vergrößerungsglas zu beobachten. Wenn der Münchner Kardinal Reinhard Marx – nach seeeehr laaaanger Bedenkzeit – seinen Rücktritt anbietet und der Papst, sein oberster Chef ihm diesen verweigert – dann ist der Schlüsselsatz entlarvend:

„Weide meine Schafe.“

Ja, die alten Männer sind die mächtigen Hirten – mit ihren Hütehunden (den Kardinälen und Bischöfen und einfacheren Geistlichen) – und die einfachen Gemeindemitglieder, auch „Gläubige“ genannt – sind die Schafe und die sind diesen Hirten und Hunden qua Machtverteilung in solchen Sozialsystemen schutzlos ausgeliefert.

Da wird mit einem „Gott“ und seinem „Willen“ argumentiert (den jedoch nur die Mächtigen kennen – das glauben oder behaupten sie zumindest). Da wird speziell bei den Katholiken ein Zölibat verteidigt, obwohl alle Welt weiß, dass der im Urchristentum nicht vorhanden war, sondern aus sehr durchsichtigen weltlichen Überlegungen im Mittelalter eingeführt wurde. Da werden die Frauen mit fadenscheinigsten Begründungen aus allem herausgehalten, was irgendwie nach „Macht“ und Mitbestimmung aussieht – die logischerweise den Männern in den Herrscherpositionen weggenommen werden müssten –

Als Lutheraner könnte mir das alles egal sein. Aber leider hat auch Luthers Abwertung der päpstlichen Arroganz und ihrer Machtansprüche und seine Aufwertung der Frauen nicht wirkliche Freiheit gebracht und Missbrauch verhindert – es geht auch bei den Lutheranern letztlich um männliche Macht, da ist die eine oder andere Bischöfin immer noch wenig mehr als eine Alibi-Figur. Und gegen die Juden habe die Christen aller Couleur immer schon heftig ausgeteilt – der Antisemitismus hat dort seine urchristlichen Wurzeln. Auch dies letztlich die Folge eines angemaßten Machtanspruchs.

Leider sind die Juden, die sich für das „auserwählte Volk“ Gottes halten, diesbezüglich keinen Deut besser – auch wenn sie wenigstens nicht missionieren und wie die Christen (früher) und die Moslems (heute noch) Andersgläubige mit Feuer und Schwert zum „Wahren Glauben“ bekehren wollen (und den Abfall vom „wahren Glauben“ in manchen islamischen Ländern immer noch mit dem Tod bedrohen).
Die Frauen werden zumindest in orthodoxen jüdischen Gemeinden noch immer separiert und das Stoßgebet mancher jüdischer Männer, mit dem sie ihrem Gott danken, dass sie keine Frau sind – ist einfach eine Frechheit.

„Weide meine Schafe“ – dieser Satz des amtierenden Papstes bringt all dies auf den Punkt: „Ich hier oben in der einsamen Höhe meiner Macht und euer aller allwissender Hirte, der seine Anweisungen von Gott persönlich erhält und unfehlbar ist – ich sage euch Schafen, wo´s langgeht. Amen and over.“

Ich würde gerne mal wissen, was dieser „Gott“ – wenn es ihn denn geben sollte – von alledem hält. Es würde mich, der ich nicht an Hölle und Fegefeuer glaube (sondern dies für Erfindungen machtbesessener Geistlicher halte) geradezu satanisch freuen, wenn es eine ganz spezielle Hölle für missbrauchende Geistliche gäbe – und eine andere Abteilung gleich daneben, die jeden, der meint „den Willen Gottes“ zu kennen und diesen aus Gründen der Machtanmaßung missbraucht, auf ganz speziellen Bratrosten quält.

Als Psychologe kann ich und will ich dem nichts mehr hinzufügen. Ist auch überflüssig. Das richtet sich selbst in seiner Arroganz und in seiner Aggression gegen die Schwächeren. (So wie mich natürlich auch meine Höllenfeuer-Phantasie als jemanden richtet, der seine Aggressionen noch nicht ganz bewältigt hat. Aber das halte ich aus – ich „phantasiere“ das ja nur – und verbrenne keine Hexen oder Ketzer auf Scheiterhaufen oder ermorde Andersgläubige – weil sie einen anderen Glauben haben.)

Quelle
Franziskus (Papst) an Kardinal Reinhard Marx: „Weide meine Schafe“. In: Südd. Zeitung Nr. 131 vom 11. Juni 2021, S. R 01 (Lokales: München).

aut #1045 _ 2021-06-14/18:10

Erste Wörter: „-eil -itle!“

(Aus aktuellem Anlass: Die Wahl ein Sachsen-Anhalt mit doch recht beunruhigenden Erfolgen der AfD, die immer weiter nach rechts rückt. Was mich motiviert, diesen Beitrag zu recyceln und zum → WanderPost zum machen.)
Versteht man das heute auf Anhieb – dieses „-eil -itle“? Im Dritten Reich hätte jeder sofort gespannt, dass dies nicht „Heil Kräuter“ heißen soll, sondern „Heil Hitler“. Warum ist mir das heute so wichtig, dass ich diesem unseligen Massenmord-Anstifter so viel Platz in meinem Blog einräume?
Ganz einfach: Er wurde mir – gerade über diesen obligatorischen Gruß – gewissermaßen von Geburt an akustisch eingepflanzt. Später sah ich ihn in jeder Wohnung in der Küche oder im Wohnzimmer an der Wand hängen, diesen „A H“, den man mit „H H*“ grüßte – gar nicht gezwungenermaßen in den meisten Fällen, sondern mit echter Begeisterung. Bei den meisten jedenfalls. In Rehau genau wie anderswo in deutschen Landen. (Nicht bei denen allerdings, die darunter gelitten haben und mit diesem Nazi-Gebrüll ermordet wurden.)

* Dass heute noch jemand wie dieser rechtsextreme Vegan-Koch und Querdenker Attila Hildmann die Initialen „AH“ verwendet – bloßer Zufall? Die beliebte, aber in Deutschland nicht mehr gut angesehene Autokennziffer „HH“ für „Hansestadt Hamburg“ wird von Neonazis jedenfalls gerne als eine Art Verehrung für ihren braunen Meister A H zu „Heil Hitler“ umfunktioniert.)

Abb. 1: Welcher Arm denn nun – der rechte oder der linke? Und dann ein strammes „-eil -itle!“ (Archiv JvS – Rehau 1941)

Meine Mutter hat mir einmal lange nach dem Ende des Dritten Reichs und nicht ohne Stolz erzählt, einer meiner ersten Sätze (der allererste Satz?), den ich sprach, sie die Erwiederung des Grußes gewesen, den ich im Kinderwagen von entgegenkommenden Bürgern immer wieder zu hören bekam, den ich aber logischerweise noch nicht verstand und nur automatisch nachplappernd wie ein Papagei so erwiderte: „-eil -itle“.

Heilsamer Exorzismus?

Vielleicht funktioniert dieses „hier im Blog Aufschreiben und Veröffentlichen“ wie ein heilsamer Exorzismus? Um diese uralte nazibraune Scheiße jetzt endlich mal wirklich loszuwerden, gegen die ich schon seit meiner Jugend ankämpfe?!

Oder haben all diese Leute vielleicht in Wahrheit gedacht, dass jener ominöse „A H“ krank sei und ein „Heil Hitler“ ihm wie ein Stoßgebet helfen könnte, „heil“ zu werden? Geholfen hat das jedenfalls endlose zwölf bzw. „tausend“ Jahre nichts. Und wenn ich alle paar Abende im Fernsehen eines dieser „Dokumente“ aus der Nazi-Zeit sehe (rasch weiterzappend, weil mich dieses manische Gegeifere abstößt), dann denke ich: Muss man diesem Monster und seinen Mörderbanden denn wirklich so viel Platz einräumen – seinen geschichtsblinden Nachbetern zur Freude?
Aufklärung, Aufarbeitung, entlarvendes Erinnern – schön und gut. Die Massenmedien haben diese Auftrag. Aber die Länge und Wichtigkeit, die da den schlimmsten Erscheinungen deutscher „Zivilisation“ eingeräumt wird – ist sie nicht nur ein ständiges Freudenfest für „seine“ Verehrer am rechten Rand?


Drückeberger-Gässchen ohne „H H“

Mein Großvater mütterlicherseits war zwar ein Militarist, der sich zweimal für die „deutsche Sache“ in einem Weltkrieg „geschlagen“ hat (und deshalb habe ich in diesem Blog noch manches Hühnchen mit ihm zu rupfen) – aber wenn der Major und Architekt (in dieser Reihenfolge, bitte) Karl Hertel sen. in München geschäftlich zu tun hatte und dazu in die Altstadt musste
° und dabei am Odeonsplatz eigentlich die SS-Ehrenwache vor der Feldherrnhalle zum Gedenken an den Hitlerputsch von 1927 mit nach oben gestoßenen rechten Arm und einem zackigen „Heil Hitler“ hätte grüßen müssen,
° machte er lieber, wie so mancher nazi-kritischer Münchner den Umweg durch die Viscardi-Gasse hinter der Feldherrnhalle, welche die Einheimischen deshalb „Drückeberger-Gässchen“ nannten.

Denn er verabscheute diesen „Anstreicher“ aus Braunau. Was ihn seltamerweise nicht hinderte, meine Nazi-Vater (in jenen braunen Tagen) als Schwiegersohn zu schätzen – und als Major und Regiments-Kommandeur der Deutschen Wehrmacht in der besetzten Ukraine zu tun, was sein oberster Kriegsherr ihm dort zu tun befahl (wovon ich zum Glück keinerlei Ahnung habe – aber mir so manches denken kann und muss).

„-eil -itle“ – oder „Heilt Hitler“?

Er war nicht zu heilen, dieser Fürst der Finsternis – ach was: „Fürst“. Er war ein kleinkarierter Gernegroß mit einer Riesenklappe, mit der er leider allzu viele Menschen besoffen im gemeinsamen Größenwahn machte, dadurch echte „Großmacht“ bekam und sie schändlich missbrauchte. In Wahrheit war er –

Forget it!

Schade um jede Minute, die ich an ihn verschwende, der Sehnsucht manches Kabarettisten zum Trotz. Liebe heile ich mein Inneres Kind von all diesen Antisemiten, indem ich ihnen die Worte eines jüdischen Arztes und Psychologen entgegenhalte, der empfahl: „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“.
„Negermusik“ wie der Jazz und der Rhythm´n´Blues, sind ein gutes Antidot. Und die Science-Fiction, die das Andere, das Fremde (Aliens) feiert – die den Horizont erweitert und nicht einengt wie die rückwärtsgewandte Deutschtümelei der Ewiggestrigen am rechten Rand der Gesellschaft, die keine Ahnung davon haben, wie es damals „wirklich“ war..

Es geht vor allem um das Durcharbeiten. Um das Aufarbeiten. Und dann um das Loslassen. Irgendwann.

Quelle
Freud, Sigmund: „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“ (1914). In: Ges. Werke Bd. X.

064 _ aut #096 _ 2021-06-13/19:04 [wandert: 2021-01-19/17:57]

Zeittafeln erschließen Wissensgebiete

2004 habe ich als Ergänzung zu meinem Sachbuch Das Drama der Hochbegabten eine separate → Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität verfasst, weil sich herausstellte, dass die Zeittafel im Anhang des Drama… viel zu umfangreich wurde und den Rahmen eines solches Überblicks total gesprengt hätte.
Es zeigte sich dann, dass eine solche Zeittafel nicht nur ein höchst effektives Werkzeug ist, um die Entwicklung eines Themas („Hochbegabung“) aufzuzeigen – sondern zugleich eine wunderbar einfache Methode ist, sich ein ganzes Lehrfach anhand seiner Entwicklungsgeschichte zu erarbeiten, zum Beispiel bei einem Studium.

Schreib-Tipp (speziell für Studenten):
Das Beste ist, sich eine Word-Datei anzulegen, in der man alle wichtigen Details (Ereignisse) erfasst. Ich nenne diese Details „Zeitanker“. Noch wesentlich effektiver wird das, wenn man eine Datenbank verwendet. Das ist aber auch entsprechend zeitaufwändiger. Für ein Studium über mehrere Jahre hinweg lohnt sich das allemal. Wesentlich ist dabei, die Eintragungen selbst vorzunehmen – weil das den Lerneffekt erhöht.

Wenn ich beispielsweise Chemie studiere, ist es nicht nur interessant, zu begreifen, dass die Anfänge der Chemie in primitiven Zufalls-Experimenten mit Feuer, Metallen, Glas und dergleichen oder in einer viele Jahrhunderte lang höchst ernsthaft betriebenen Alchiemie wurzeln, sondern auch interessante Schicksale und Lebensläufe von Menschen beinhalten, die sich speziellen Aspekten der Chemie gewidmet haben: der Gaslehre, den Giften, den Rauschdrogen, der Zerlegung (Analyse) und Synthese solcher Verbindungen, der Entwicklung eines „Perdiodensystems der Elemente“ (Mendelejew), der Querverbindungen zur Physik (Atomlehre) und zur Biologie (Stoffwechsel) –
Zu sehen, wie historisch das eine zum anderen führte, lässt Zusammenhänge viel besser verstehen und vor allem merken (also im Lerngedächtnis für Prüfungen zuverlässig verankern) als nur logische Strukturen und mathematische Gleichungen zu büffeln, wie sie in Lehrbüchern zelebriert werden.
Aus diesem Grund sind auch Sachbücher viel interessanter – weil sie Geschichten erzählen. Eine Zeittafel erzählt gewissermaßen die „ganz große Geschichte“ eines Themas. Das wurde mir erstmals bewusst, als ich mich 1965 auf die Diplomhauptprüfung in Psychologie vorbereitete (entspricht heute dem Master) und dabei auf die Geschichte der Psychologie von Hehlmann stieß. Das war wie eine Offenbarung: Zu sehen, wie ein Gedanke und ein Thema aus dem anderen hervorgeht, weitere Ideen initiiert und befruchtet, wie bekannte Namen Querverbindungen herstellen, wie „Schulen“ ganze Epochen einer Wissenschaft bestimmen, sie stimulieren – aber irgendwann auch hemmen, vor allem in den Geisteswissenschaften (zu denen ja die Psychologie zu einem Gutteil zählt).

Bei der Arbeit im Drama der Hochbegabten entdeckte ich, dass es erstaunlich wenige Zeittafeln gibt, mit denen man sich beispielsweise ein Studium organisieren kann. Umso mehr Freude macht es mir, das Thema „Hochbegabung“ auf diese Weise selbst zu erforschen und chronologisch zu erschließen (wobei sich „Intelligenz“ und Kreativität“ als naheliegende Neben-Fächer aufdrängten).

Zum ersten Mal habe ich eine ausführliche Zeittafel in dem mit Wolfgang Schmidbauer publizierten Handbuch der Rauschdrogen eingefügt – welches diesen am Schluss 800 Seiten dicken Wälzer zusätzlich zur alphabetischen Folge der Drogen und vernetzenden Übersichts-Artikeln auch chronologisch erschloss.
Das Große Buch der Träume bekam dann ebenfalls eine entsprechende Zeittafel (die bei den kürzeren Neuausgaben mit dem Titel Geheimnis der Träume leider wegfallen musste).
Auf ähnliche Weise ging ich bei meiner Buch Kreatives Schreiben – Hyperwriting vor – das ja auch eine „Zeittafel zur Geschichte des Schreibens“ enthält.
Dass man sogar einen Roman auf diese Weise höchst effektiv organisieren und strukturieren kann, entdeckte ich dann bei der Arbeit an meinem glü-Roman. (Zeittafel und Making-Of dazu werde ich parallel publizieren, sobald der Roman fertig und vor allem erschienen ist.)

MultiChronalia
Im Grunde ist so eine Zeittafel auch das perfekte Hilfsmittel für die Erarbeitung der MultiChronie – sei es innerhalb des eigenen Lebens – sei es in einem Forschungsgebiet. Auf diesen Beitrag hier und das Thema „Zeittafeln“ angewendet:
Ich weiß nicht mehr, wann ich das erste Mal einer Zeittafel begegnet bin- das könnte gut in dem fünfbändigen Werk Weltall und Menschheit gewesen sein, das ich Anfang der 1950er Jahre in der Bibliothek meines Großvaters entdeckt habe und fasziniert zu studieren begann. Gut möglich – und sehr wahrscheinlich – dass ich so etwas in einem meiner Schulbücher entdeckt habe. Auf jeden Fall weiß ich, dass mich so ab zwölf das Lehrfach Geschichte zu fesseln begann (das ja im Grunde die „Chronologie der Menschheit“ darstellt). Jede Menge Zeittafeln (zur Geschichte Mesopotamiens und der Maja etc.) finden sich im Anhang von Cerams Götter Gräber und Gelehrte, das ich um 1952 zu lesen begann und das heute noch einen Ehrenplatz in meiner Bibliothek hat.
Keine Zeittafel findet sich in Bürgels Aus fernen Welten, das ich etwa zur selben Zeit zu lesen begann. Das ganze Buch ist zwar so etwas wie ein geschichtlicher Abriss der Astronomie – aber eine eigene Zeittafel, in der die wesentlichen Details noch ein mal komprimiert zusammengefasst werden, hätte dem Buch sicher nicht geschadet.
Heute würde ich sogar so weit gehen zu sagen, dass ein Sachbuch oder Lehrbuch ohne Zeittafel einen gravierenden Mangel aufweist, und ich würde dies in einer Rezension kritisch vermerken.
Meine erste eigene Zeittafel fertigte ich dann, wie oben schon vermerkt, 1971 für das Handbuch der Rauschdrogen an.

2004 habe ich parallel zum Sachbuch Das Drama der Hochbegabten die Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz… entwickelt. Letzteres ist aber weit mehr als die bloße Chronologie – denn ich habe mir darin, gewissermaßen auf einer Meta-Ebene, Gedanken über die mögliche Rolle von Zeittafeln für das Lernen in der Schule und im Studium etc. gemacht, wie das bei einem Stammbaum und in der Ahnenforschung aussieht und anderes mehr. Heute würde ich so weit gehen zu sagen, dass „zeittafeln“ sogar als als eigenes Verb eingeführt werden sollte, um die Tätigkeiten zu bezeichnen, die mit dem Anlegen einer Zeittafel und ihren vielfältigen Funktionen verbunden sind. Vielleicht findet das ja irgendwann sogar seinen Weg in den Duden und in die Wikipedia – so wie es mit der → Entschleunigung war.

2012 habe ich, als die ersten Einfälle zu tröpfeln begannen, eine eigene Datenbank für das Material zu meinem glü-Roman-Projekt angelegt. Darin sind zwei Zeittafeln integriert, die eigentlich nichts mit einander zu tun haben (obwohl es Überschneidungen gibt):
° die Entstehungsgeschichte des Projekts und seine Entwicklung (im Grunde das „Making of“ so eines Vorhabens)
° und die Chronologie der Geschehnisse, die ich erzähle.

Aktuell (2021) bin ich ja sehr mit diesem Blog beschäftigt. Der ist ja eine chronologische Abfolge von Beiträgen. Aber da meine Einfälle und somit die Texte in der Zeit ziemlich willkürlich hin- und herspringen, den Freien Assoziationen, Erinnerungen und Anregungen von außen (wie etwa in Zeitungsartikeln) folgend – ist das ja im Ergebnis alles andere als eine echte Zeittafel. In der Autobiographie, die demnächst (2022?) aus diesem Blog resultieren soll, wird es natürlich im Anhang eine Zeittafel. Die ergibt sich ganz leicht anhand der Datenbank, in der ich diesen Blog verwalte, denn dort ist jeder Eintrag nach mehreren Kriterien verbucht:
° Mit dem aktuellen Datum des Eintrags.
° Mit dem historischen Datum – also dem realen Datum des Ereignisses (das ja selten identisch ist mit dem Datum des Eintrags im Blog).
°Alphabetisch (nach Schlagworten) – ähnlich wie bei der Kategorien-Wolke, die diesen Blog vernetzt, aber in der Datenbank sehr viel gezielter zu durchsuchen – zum Beispiel nach allen Beiträgen, die von „Musik“ handeln“.
° Zusätzlich kann ich in der Datenbank noch nach Personen und Schauplätzen und anderen Details suchen – die in ihrer Fülle die Kategorien-Wolke des Blogs total überfrachten würden.

Quellen
Bürgel, Bruno H.: Aus fernen Welten. Berlin 1952 (Deutscher Verlag_Ullstein).
Ceram, C.W.: Götter Gräber und Gelehrte – Roman der Archäologie. (1949) . Hamburg 1951 (Rowohlt).
Hehlmann, Wilhelm: Geschichte der Psychologie. Stuttgart 1965/4. Aufl. (Kröner).
Scheidt, Jürgen vom: Das Große Buch der Träume. München 1985 (Heyne TB).
ders.: Kreatives Schreiben – HyperWriting. (Frankfurt am Main 1989_Fischer TB). München 2006-11 (Allitera Paperback). 215 Seiten – € 19,90 / ISBN 978-3-86520-210-9.
ders.: Das Drama der Hochbegabten. München. Feb 2004 (Kösel) ISBN 3-466-30635-3/ 360 Seiten.
ders.: Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität. München März 2004 (Allitera) 176 Seiten – 18,00 €uro / ISBN 386520-043-5.
Schmidbauer, Wolfgang und Jürgen vom Scheidt: Handbuch der Rauschdrogen. (München 1971 _ Nymphenburger). 11. Aufl. München 2004.

aut #1034 _ 2021-06-11 / 12:26

Religiöse Witze über Smokey und wie sich Nonnen und Mönche…

… vermehren. Als Student hörte ich mal einen Witz, den ich leider nicht mehr so genau zusammenkriege – der aber ungefähr so ging:

Gott Vater, Gott Sohn und Smokey (oder „Holy Smoke“ vulgo „Heiliger Geist“) und Maria sitzen beisammen und es entspinnt sich ein Gespräch wie bei einem höchst irdischen Familien-Drama. Ich weiß nur noch, dass der eskalierende Streit zum Inhalt die (irgendwie doch auch peinliche) „unbefleckte Empfängnis“ der Jungfrau* Maria zum Thema hat, aus der Jesus entstanden ist – quasi ein Geschöpf des Heiligen Geistes. Ich glaube, es war im himmlischen Spiel auch noch der Apostel Petrus dabei (im Volksglauben der Türsteher an der Himmelspforte – s. die bajuwarisch-volksfromme Gaudi vom Brandner Kaspar). Die Pointe war jedenfalls, dass der Heilige Geist (alias Smokey – der Witz wurde mir passenderweise von einem befreundeten amerikanischen Juden erzählt) sich bei Gottvater über den Petrus beschwert: „- he tells this dirty Story about Mary and me!“

Wenn man bedenkt, dass Jesus ja Jude war – ist das auch so etwas wie ein vertrackter „jüdischer Witz“.

* Vermutlich handelte es sich bei dieser wundersamen „unbefleckten Empfängnis“ wohl eher um einen Übersetzungsfehler – der aus einer „jungen Frau“ eine Jungfrau machte. Oder war das gar kein „Fehler“, sondern eine bewusste Anpassung an die zunehmend „keuschere“ resp. sexualfeindlichere Gedankenwelt der christlichen Priester? Was dabei herauskam, sieht man heute in den unzähligen Missbrauchs-Skandalen.

Abb: Könnte der Heilige Geist alias Smokey vielleicht in dieser Gestalt die Jungfrau Maria besucht haben? Kann man´s wissen? (Photo by Olha Ruskykh on Pexels.com)

Religiöse Witze und Karikaturen muss man aushalten können

Ich möchte mal behaupten, dass religiöse Witze (und auch Karikaturen) als spezielle Variante von Kreativität ein Zeichen für das Erwachsenwerden einer Kultur sind, die sich allmählich ihrer Ursprünge bewusst wird. Ich hoffe, dass ich mit dem obigen Witz über „Smokey“ keine religiösen Gefühle verletzte. Bei den Juden habe ich immer bewundert, dass sie so herzhaft über sich und gerade auch über ihre Religion mit ihren manchmal recht absurden Varianten lachen können. Es ist sicher kein Zufall, dass ihre Religion zu den ältesten auf unserem Planeten zählt.

Auch die Christen können über sich lachen, wie ich bei einem Seminar im Kloster Marienberg 1992 erleben durfte. Der Gastgeber, Abt Bruno, lud uns an einem Abend zu einem Glas Wein ein (aus denen bald mehrere Gläser wurden). Es dauerte nicht lange, bis der Abt – teils recht deftige – klerikale Witze zum Besten gab. Etwa diesen, der als Frage formuliert war:
„Wie vermehren sich Nonnen und Mönchen?“ – „Durch Zellteilung.“

Ein jüdischer Witz gefällig?

Angeblich sollten ja nur Juden Witze über sich erzählen dürfen. Aber diesen hat mir mein jüdischer Freund Mal Sondock erzählt, als ich während meines Studiums für ihn gejobbt habe, und ich gebe ihn gerne weiter (und muss in der Erinnerung immer noch lachen und sehe Mal mit einem verschmitzten Gesicht vor mir):
Kommt ein junger jüdischer Mann zum Vater der Frau, die er heiraten möchte (ebenfalls Juden) und erzählt, als er nach seinen wirtschaftlichen Verhältnissen gefragt wird, unter anderem stolz, dass er sich eben einen neuen Ferrari gekauft habe. Der künftige Brautvater nickt anerkennend, fordert aber, dass der künftige Schwiegersohn sich für dieses tolle Auto vorsichtshalber einen Broche beim Rabbi holen solle, einen Segen. Gleich anderntags geht der junge Mann zum zuständigen Rabbi und bittet ihn um einen „Broche für den Ferrari“. Der Rabbi, einer der traditionellen Art, nickt anerkennend, weil der junge Mann auf einem Broche besteht, fragt aber etwas irritiert: „Aber sag mir – was ist ein Ferrari?“
Als ihm der junge Mann begeistert die tollen technischen Eigenschaften seines Gefährts schildert, mit dem er mehr als 200 Stundenkilometer… Da wehrt der Rabbi entsetzt ab: „Auf so ein Teufelszeug geb ich dir keinen Broche!“
Enttäuscht und ratlos zieht der junge Mann von dannen. Da kommt ihm eine Idee. Er weiß, dass es in der Nachbargemeinde einen sehr modernen jungen Rabbi gibt. Vielleicht könnte der ja –
Gedacht, getan. Der junge Rabbi hört auch aufmerksam und zunehmend begeistert zu, wie der junge Mann seinen Ferrari und seinen Wunsch nach einem Broche schildert. „Ist ja ein tolles Auto, dieser Ferrari“, sagt der aufgeklärte Rabbi, „aber sag mir: Was ist ein Broche?“

Was Witze oder gar Karikaturen angeht, sind die Moslems viel empfindlicher – was vielleicht damit zu tun, dass ihre Religion vergleichsweise jung ist und noch nicht so abgeklärt und gelassen.

Wenn hingegen eine Religion wie die alte griechische zu „abgesunkenem Kulturgut“ wird, verwandeln sich ihre einst furchterregenden Götter (wie der Blitze schleudernde Zeus) fast zu Witzfiguren, die durch eine Komödie geistern. Oder sie werden, wie im Falle der einst nicht minder mächtigen germanischen Götter und Helden, zu Superhelden und -schurken Hollywoods in Blockbuster-Filmen wie Thor und Loki. Ein Göttervater wie Odin wird da mit seiner schwarzen Augenklappe zwar treffend charakterisiert – aber dass er einst mit der Opferung seines Auges vom Riesen Ymir die Weisheit der Runenschrift und überhaupt das Schreiben für die Menschen gewann, also der Kulturbringer ist, das erfährt man nicht.

Tempi passati – wie auch die römischen Götter erfahren mussten. Doch Karikaturen über den Propheten Mohammed – das haben die moslemischen Eiferer gar nicht gern – da kommen sie mit Feuer und Schwert.
Solche Religionskritik muss man halt auch aushalten können. Ist sie doch – und nun kommen wir wieder zum Heiligen Geist in meinem Beitrag über das Pfingstwunder – eine Variante menschlicher Kreativität, welche die Welt immer wieder neu erkundet, interpretiert und umgestaltet.

In meiner Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität habe ich die Entwicklung dieser so eminent menschlichen Eigenschaft und Fähigkeit durch die Jahrtausende nachgezeichnet – ganz ohne Witz, aber mit sehr praktischen Anwendungen.

Quellen

Scheidt, Jürgen vom: Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität. München 2004 (Allitera). – Ergänzung meines Buches über → Hochbegabung.
ders.: Das Drama der Hochbegabten. München 2004 (Kösel).
Wilhelm, Kurt (Regie): Der Brandner Kaspar und das ewig´ Leben. München 2004 (Bayr. Rundfunk).

aut #1032 _ 2021-06-10/20:49

Die fragwürdige Rolle der Alt-Parteien

Ich möchte meinen Beitrag über → Meine politische Position aus aktuellem Anlass (Wahl in Sachsen-Anhalt) noch ergänzen und vertiefen in Hinblick auf die Alt-Parteien CDU/CSU und SPD und FDP.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war zunächst nur die SPD unbelastet (weil ihre Mitglieder und Wähler von den Nazis während des Dritten Reichs verboten, verfolgt, in Gefängnisse und KZs gesteckt und in vielen Fällen auch ermordet worden waren). Wenn es um Kandidaten für Bürgermeisterposten und dergleichen politische Positionen ging, waren die Amerikaner und die drei anderen Besatzungsmächte (Franzosen, Engländer, Sowjets) deshalb gut beraten, SPDler und SPD-nahe Männer und Frauen zu bevorzugen.
Bei der CDU, CSU und FDP kroch so mancher Ex-Nazi unter, teils in hohen Positionen wie einer der engsten Mitarbeiter von Kanzler Konrad Adenauer – der unselige Jurist Hans Globke (der federführend an der Formulierung der mörderischen Nürnberger Rassengesetze beteiligt gewesen war). Das galt sinngemäß auch für viele Wirtschaftsführer (Flick, Krupp, Quant), die ja nicht nur Kriegsgewinnler gewesen waren – sondern aktive Förderer der Nazis.

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis sich die Alt-Parteien von diesem braunen Sumpf einigermaßen getrennt hatten (der nun bei der AfD fröhliche Urständ feiert).

Ich will das nicht weiter vertiefen – obwohl man es nicht oft genug wieder dem Vergessen entreißen kann. Stattdessen möchte ich die höchst fragwürdige Rolle dieser Politiker und ihr „Wirtschaftswunder“ ansprechen – das ja vielen Deutschen nach den Entbehrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit höchst willkommen war und das man ruhig positiv sehen darf – im Großen und Ganzen. Aber es hat seine Schattenseiten, die man nicht übersehen sollte – und die erklären, warum ich die Grünen für so wichtig halte:

Wie gesagt: Die alt-Parteien haben nach dem verlorenen Krieg sehr vielen Menschen in Deutschland einen nie zuvor möglichen Wohlstand und Lebensqualität auf vielen Gebieten ermöglicht, nicht zuletzt durch medizinischen Fortschritt; daran ist nicht zu rütteln. Aber der Preis, der dafür in der Zukunft noch nachzuentrichten sein wird – der ist eben auch gewaltig und sollte stets mit in der Bilanz auftauchen. Warum geht es uns denn so gut im Goldenen Westen (und warum sind wir deshalb das Sehnsuchtsziel so vieler Flüchtlinge)?

Weil wir viele Kosten unseres Wohlstands noch immer in die Dritte Welt verlagern, die für uns so unglaublich „preiswert“ produziert, unseren Dreck aufnimmt und uns ihre Rohstoffe extrem günstig abbaut und liefert. Insofern haben der Kolonialismus und die (Lohn-)Sklaverei noch längst nicht aufgehört in vielen Ländern, auf deren Kosten wir uns saniert haben und noch immer ein schönes Leben machen.
Dazu muss man kein Marxist oder Kommunist ein – sondern nur ehrlich hinschauen, was los ist in der wundersamen Welt-Wirtschaft. Kleines Beispiel für viele – aus keiner „kommunistischen Postille“, sondern aus dem aktuellen Juni-Heft des (zum Glück sehr kritischen) Wirtschaftsmagazins → brandeins :

° Zahl der Generationen, der die Atomkraft in Deutschland als Energiequelle zur Verfügung stand: 2,2.
° Zahl der Generationen, die vor dem hochradioaktiven Abfall der Atomkraft in Deutschland geschützt werden müssen: 34 483.

Denken Sie darüber mal in aller Ruhe nach. Auch das haben wir den ansonsten recht verdienstvollen und inzwischen sehr demokratiefreundlichen Alt-Parteien zu verdanken. Unsere Enkel und Urenkel und Ururenkel und […] werden es ihnen auf alle Ewigkeit nachtragen. Und das ist leider keine Science-Fiction.

So richtig Sorgen um dieses Thema und um den mit exponentieller Geschwindigkeit heranrauschenden Klimawandel machen sich ernsthaft bisher leider nur die Grünen.

Quelle
Fröhlich, Holger: Die Welt in Zahlen. In: brandeins, Juni-Heft 2021, S. 10.

_ aut #1031 _ 2021-06-10/19:23

Pfingstwunder: Ausgießung des Heiligen Geistes?

(Ein → WanderPost, der nach einer Weile in der Chronologie dieses Blog weiter nach „unten“ verlagert wird – in die Pfingsttage.)
Es ist lange her, dass ich in Rehau im Kindergottesdienst war und in der Schule Religionsunterricht genossen habe, wo man in all den spannenden „biblischen“ Geschichten“ und den Mythen und Märchen der christlichen Glaubenslehre unterrichtet wurde und – nun ja: nachhaltig indoktriniert. Bis man das alles beinahe glaubte. Es hat für mich lange gedauert, diese Überlieferungen durch eine naturwissenschaftliche Weltsicht zu ersetzen. Und die ist ja – beispielsweise beim Anblick des nächtlichen Sternhimmels -keineswegs weniger „märchenhaft“ und überwältigend schön und in ihrer logischen Ästhetik überzeugend.

Wie dem auch sei: Als das Pfingst-Fest diesmal näher kam, fiel mir prompt, wie jedes Jahr, die Geschichte vom „Pfingstwunder“ und der „Ausgießung des Heiligen Geistes“ wieder ein. Und plötzlich floss die Erinnerung an Kindheitslegenden zusammen mit der psychologischen Realität, die in den Schreib-Seminaren so gegenwärtig ist. Da war das mit dem „Heiligen Geist“ nicht länger nur ein religiöser Glaubensinhalt – sondern kreativitätspsychologische Realität. Nur die Erklärung dahinter ist nun eine andere. Früher musste man die Aussage der Altvorderen akzeptieren, dass das „von Gott gesandt“ ist, wenn einem „etwas einfällt“ oder dem Herrn Pfarrer für seine Sonntagspredigt etwas Kluges in den Sinn kommt.

Inspiration (Einhauch) nannten das die Griechen der Antike. Sie hatten sogar eine eigene Göttin der Weisheit, die gewissermaßen für die Kreativität zuständig war: die Sophia.
Ruach (verwandt dem deutschen Wort „Rauch“) nannten es die Juden auf Hebräisch.
Die psychologische Forschung ist da nüchterner, ist den – oft recht verschlungenen – Wegen der Ein-Fälle und Zu-Fälle intensiv nachgegangen, hat mit der Kreativitätspsychologie eine komplexe eigene Unter-Disziplin der Psychologie geschaffen. Sigmund Freud hat mit den Methoden der Psychoanalyse die „Kellergewölbe“ des Unbewussten geöffnet und auch da so manchen Schleier von den vorher sehr rätselhaften Abläufen der Kreativität entfernt – spannenderweise mit einem eigene Traum (von „Irmas Injektion“), den er selbst analysiert und auf höchst inspirierende und spannend zu lesende Weise autobiographisch erschlossen hat – in seinem ansonsten eher akademisch staubtrockenen Buch Die Traumdeutung von 1900.

Seltsame Erinnerungstäuschung

Als ich diesen Text über das Pfingstwunder zu notieren begann, geschah etwas Seltsames: Ich täuschte mich mit meiner Erinnerung an das, was „damals“ an Pfingsten in der urchristlichen Gemeinde geschah beziehungsweise im Neuen Testament dazu seit zweitausend Jahren überliefert wird:

Plötzlich verstanden sich die Menschen, die damals versammelt waren, durch das Herabströmen des Heiligen Geistes – gewissermaßen die Aufhebung der babylonischen Sprachverwirrung nach der Zerstörung des Turms von Babel und der Zerstreuung der Juden „unter alle Völker“ (was wohl das Ur-Trauma der weltweiten Zerstreuung des jüdischen Volkes nach der Vernichtung ihres Reiches Israel und ihre Gefangenschaft in Babylon nachempfunden hat).

Tatsächlich geschieht beim Pfingstwunder jedoch das genaue Gegenteil: Inspiriert vom Heiligen Geistes, beginnen die Apostel „in fremden Zungen“ zu reden und werden deshalb auch von den Nichtjuden verstanden:

„Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“ (Apostelgeschichte 2, Vers 1-4).

Kühner Sprung in die Gegenwart

Was damals wirklich geschah, wie sich das reale historische Geschehen (wenn es das jemals gegeben haben sollte) im Verlauf der mündlichen Überlieferung allmählich veränderte, was Wunschdenken war und märchenhafter Kinderglaube und durch das Aufschreiben der „Zeugenberichte“ allmählich feste Form fand, die auf uns in der „biblischen Geschichte“ gekommen ist – all dies kann hier nicht vertieft werden. Wichtig erscheint mir, dass hier in Gestalt der „feurige Zungen“ ein tief verwurzelter Wunsch sein bildmächtiges Narrativ findet – nämlich die Sehnsucht der Menschen, bei aller Sprachvielfalt (mehr als 3.000 Sprechen und Dialekte sollen es trotz fortschreitender Verluste immer noch sein) einander doch zu verstehen.

Eine „Lingua franca“ (wie heute das Englische als doch sehr dominierende Weltsprache) soll so ein globales Verstehen ermöglichen. Weitergeführt und weitergedacht wird dies in der aktuellen technischen Entwicklung mit dem alle Welt vernetzenden Internet und den Milliarden Smartphones. Man war eine Weile überzeugt, dass höchstens „sechs“ Schritte nötig seien, um jeden Menschen mit jedem anderen auf der Welt in Kontakt zu bringen (die berühmte Forschung um die „Six Degrees of Separation“). Laut einer Untersuchung von Facebook sind es inzwischen nur noch durchschnittlich „3,57“ Kontakte*, welche die Menschen voneinander trennen – dank Smartphones und Social Media. (Koch 2021).

Steckt hinter dem heutigen Glauben an die (zukünftigen) Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz etwas ähnliches wie die Hoffnung, welche die christliche Religion mit dem Konzept des Heiligen Geistes verbindet – eine übergeordnete (virtuelle) Macht jenseits menschlicher Möglichkeiten, also mit gottähnlicher Natur, welche die heute überall herrschende weltweite Sprachverwirrung demnächst aufhebt – mit einer übergeordneten (Computer-) Sprache?

Abb. 1: Dieses Bild habe ich unter etwa tausend zum Thema „smoke“ ausgewählt. Es kommt für mich dem am nächsten, was ich mit „Heiliger Geist“ assoziieren kann. Ein ordentlich qualmender „brennende Dornbusch“ wäre noch besser gewesen. (Photo by sl wong on Pexels.com)

In der Science-Fiction findet man viele solcher Phantasien – etwa in dem Roman Wing 4 von Jack Williamson oder in James Camerons Terminator-Filmen.

Abb. 2: Dieses Bild trifft es vielleicht noch besser: Inspiration – Einhauch – Ruach (hebräisch für Inspiration) (Photo by Rafael Guajardo on Pexels.com)

Ich betrachte religiöse Witze (eigentlich „Witze über religiöse Inhalte“) als eine ganz eigene Variante von Kreativität – also Wirkungen des „Heiligen Geistes“ ganz spezieller Art, wenn man so will. In einer Fortsetzung dieses Beitrags mache ich mich über das Thema auch lustig: → Religiöse Witze über Smokey und wie sich Nonnen und Mönche…

In einem weiteren Artikel untersuche ich die spezielle Beziehung zwischen → Kreativität und Science-Fiction (work in progress).

In meinem Buch → Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität. umreiße ich nicht nur die Geschichte der Kreativität und ihrer Erforschung, sondern stelle mit der Zeittafel-Methode außerdem ein sehr effektives Werkzeug vor, mit dem sich komplexe Themen und sogar ein ganzes Studium leichter organisieren lassen – s. den Text → Zeittafeln als Werkzeug und Methode (work in progress).

Quellen
Cameron, James (Regie): Terminator. USA
Koch, Christoph und Thomas Ramge: „Ein bisschen früh dran“. In: brand eins von April 2021, S. 74.
Scheidt, Jürgen vom: Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität. München 2004 (Allitera).
Williamson, Jack: The Humanoids. (USA 1949). Deutsche Übersetzung: Wing 4. Düsseldorf 1952 (Rauchs Weltraumbücher).

aut #996 _ 2021-06-10/20:30 [Wander-Ziel: 2021-05-23 = Pfingstsonntag]

„Sind Sie wahnsinnig!“ oder: Zeitreise in mein rechtes Knie

Warum träumte ich heute früh, dass ich in einer Arztpraxis auf der Liege ausgestreckt bin und gleich eine Spritze in mein rechtes Knie bekommen soll?
Ich bin da regelrecht in Panik geraten, rief der Ärztin nach, die gerade den Raum verließ (um die Spritze zu holen?): „Sind Sie wahnsinnig!“
Ich überlegte krampfhaft, wie ich aus dieser Situation wieder rauskomme, von der ich nicht einmal weiß, wie ich da hineingeraten bin. –

Eine ähnliche Situation habe ich tatsächlich vor gut zehn Jahren einmal erlebt, und zwar bei einer Orthopädin. Als die mir vorschlug, wegen meiner beginnenden Arthrose irgend so ein Zeug ins rechte Knie zu spritzen, lehnte ich heftig ab – Dabei bin ich sonst nicht so zimperlich (auch beim Zahnarzt nicht) – „der Indianer kennt schließlich keinen Schmerz“ – aber an mein Knie lasse ich niemanden heran. Und das aus gutem Grund:

Ich hatte mit diesem „Sulzknie“ (wie ich es manchmal selbstspöttisch bezeichne) nie Probleme gehabt. Bis ich 1984 einem saublöden Wandertipp des Alpenvereins folgte, mit dem Zug nach Garmisch und mit der Alpsitz-Seilbahn hoch zu den Osterfeldern fuhr und vor dort abstieg – durch die Höllentalschlucht und dann von Hammersbach idiotischerweise auch noch zu Fuß nach Garmisch – weil mir die Zugspitzbahn vor der Nase davon gefahren war.
Dabei „brummte“ mein Knie schon recht heftig und ich ahnte bereits am Ausgang der Höllentaleingangshütte (wie gesagt: Ich stieg die ganze Tour durch die Höllentalklamm und das Bergmassiv davor und danach, bergab bergab bergab), was sich da vorbereitete: ein kräftiger Bluterguss im Knie.

„Niemals bergab steigen, wenn es sich vermeiden lässt“ (oder wenigstens Bergstöcke zum Abfedern der unzähligen Stöße beim Auftreten dabei haben, wie ich einige Jahre später beim Abstieg von der „Ötzi“-Fundstelle lernte, wo es allerdings keine Alternative zum „Hinab hinab hinab“ gegeben hat.)

Dieser alte Leitspruch jedes einigermaßen erfahrenen Bergwanderers fiel mir leider zu spät ein. Und dem Alpenverein diese idiotische Empfehlung vorzuwerfen – Forget it.

Jammern auf hohem Niveau

Selber schuld, kann ich da nur sagen. Das Resultat war jedenfalls, dass ich gut drei Jahre lang ziemlich humpeln musste und unzählige Stunden bei einer Physiotherapeutin zubrachte (die zwar sehr gut mit mir gearbeitet hat – aber zufällig „Schwarze“ hieß, was mein Gemüt nicht gerade erheitert hat). Im Verlauf dieser Bein-Arbeit wurde mir etwas sehr Seltsames bewusst: Dass ich offenbar immer noch – gut drei Jahrzehnte nach dem Knieunfall – das rechte Bein schonte und mich so verhielt, als wäre das noch immer von diesem vermaledeiten Gehgips von damals umhüllt. Nach dieser Erkenntnis ging es zunehmend besser mit dem Laufen. Und heute? Wieder vier Jahrzehnte später?

Das Laufen wird von Jahr zu Jahr ein wenig mühsamer. Der Radius meiner Wanderungen wird zunehmend enger. Aber die anderthalb Stunden von Possenhofen nach Tutzing, entlang des westlichen Starnberger Seeufers schaffe ich schon noch. Auch in diesem Jahr. Hoffentlich.

Hab´s noch nicht ausprobiert in diesem Sommer. Das würde mir schon sehr abgehen – das Baden im See, der grandiose Ausblick auf die Werdenfelser Alpen hinter dem See, der weißblaue Himmel, genau zauberhaft schön und erholsam, wie die CSU es ihren Wählern verspricht –
Schaun mer amal.
Jammern auf hohem Niveau – kommt nicht in die Tüte. Es hilft mir viel mehr, wenn ich mir immer wieder voller Dankbarkeit sage: Bisher ist mir das Schicksal meines armen Großvaters mit seinem rechten Bein erspart geblieben. Was kann ich mehr wollen?

Aber warum träume ich das mit der Spritze?

Vielleicht liegt das daran, dass mich aktuell meine linke Schulter plagt? Dieses Problem kenne ich schon länger, ich merke nur jetzt immer genauer woher es rührt – nämlich tatsächlich von meinem rechten Knie. Denn beim Laufen belaste ich das linke Knie stärker, um das rechte zu schonen (bei dem ich zunehmend die Spätfolgen meines Unfalls aus dem Jahr 1953 plagen).

Allerdings merke ich auch, dass die Belastung des Schulterbereichs beim Schreiben (wohlgemerkt: mit der rechten Hand) gerade auch die linke Schulter beeinflusst.

Mein rechtes Knie ist gewissermaßen ein ‚“Mitbringsel“ aus meiner Jugend und meiner früheren Heimatstadt Rehau in die Großstadt München, in die meine Familie im März 1956 umgezogen ist. Der Unfall, bei dem ich ziemlich genau drei Jahre zuvor (Ostern 1953) mein rechtes Knie böse lädierte ist zwar – nachträglich betrachtet und eingeordnet – glimpflich verlaufen, denn das Knie wurde nicht „steif“ (wie ich zufällig eine Befürchtung des behandelnden Arztes Dr. Hanke mithörte). Aber dieses rechte Knie und Bein war immer meine Schwachseite und jetzt im Alter – so meine laienhafte medizinische Vermutung – verkalkt vielleicht das Gewebe aufgrund der großen und tiefen Narbe im Kniegelenk stärker und macht sich die altersgemäße Arthrose vermehrt bemerkbar.?

Wie auch immer: Mein rechtes Knie plagt mich. Ich kann zwar noch einigermaßen gut laufen, vor allem, wenn ich Wanderstöcke benütze. Aber das flotte Wandern auf den Höhenwegen des Wallis in dieser Traumlandschaft ist längst Vergangenheit. Nicht, dass ich das sehr vermissen würde – schließlich habe ich das mit meiner Frau Ruth und mit den Teilnehmern vieler Schreib-Wander-Seminaren, oder auch allein, ausgiebig genossen. Aber wenn e ums Thema „Altern“ geht – fällt mir eigentlich immer nur das recht Knie ein. Doch ich denke – hoffe – weiß: Wir werden noch einige Kilometer miteinander marschieren – mein rechts Knie und ich. Und ich kann froh sein, das es mir bisher nicht wie meinem Großvater Karl Hertel gegangen ist, dem man im 68. Lebensjahr den rechten Unterschenkel amputiert hat, weil –

– ich weiß nicht einmal genau, warum er sein Bein verloren hat und mühsam mit einer Prothese wieder laufen lernen musste. Doch dieser dadurch zunehmend verbitterte alte Mann und sein trauriges Schicksal haben mich sehr geprägt. Als die Probleme mit meinem eigenen Sturz auftraten, war dies nur ein Jahr nach seinem Tod, Ostern 1953. Vielleicht ist mein rechtes Bein und die damit verbundenen Problematik mir deshalb so tief eingegraben?

(Ich kann förmlich hören wie die Zahnräder der Zeitschichten in meinem Inneren multiChronal rasseln und rattern: 1948 Amputation von Großvaters Bein – 1953 mein Knieunfall – 1984 das Knieproblem beim Abstieg durch Höllental (ausgerechnet: Höllental!) – 1992 der mühsame Rückweg und Abstieg vom Tilsenjoch (wo man den Ötzi gefunden hat) – etwa 2010 die Konsultation der Orthopädin (die mir so gerne eine Spritze verpasst hätte) – die Wanderungen am Starnberger See seit 2019 nicht mehr bis Seeshaupt, sondern nur noch bis Tutzing –
Und in diesem Jahr 2021 der seltsame Traum heute morgen – Vorbote von noch mehr Einschränkung? Hauptsache, das Treppensteigen geht weiterhin und das Radfahren und die kürzeren Fußmärsche in der Stadt und am See! Davon träume viele Menschen in meinem Alter nur noch. Ich kann dankbar sein für das, was geht – buchstäblich.

Und eine Spritze in meine Knie? Niemals, Frau Doktor Unbekannt! Nicht einmal im Traum.

Abb.: Den Lotussitz (s. oben) schaffe ich mit meinen Knien nicht mehr – aber alle anderen Yoga-Übungen, die ich seit fünfzig Jahren jeden Morgen mache, gelingen nach wie vor. (Photo by Ivan Samkov on Pexels.com)

aut #1026 _ 2021-06-07/20:33

WanderPosts und andere Eigenarten dieses Blogs

Als WanderPost bezeichne ich Beiträge, die chronologisch eigentlich anders eingeordnet gehören, aber mit aktuellem Datum eine Weile ganz „oben“ stehen – weil sie entweder ergänzt und deutlich verändert wurden. Danach wandern sie zurück auf ihren chronologisch „richtigen“ Platz – z.B. → Pfingstwunder. Wie der Name schon sagt, gehört dieser Beitrag eigentlich unter dem 23. Mai eingeordnet (Pfingstsonntag) – aber da ich ihn erst am 31. Mai geschrieben habe, ist er zunächst unter diesem Datum zu lesen.

Ein anderes Beispiel ist aktuell der Beitrag über meine → politische Position. Da hat mich die aktuelle Wahl in Sachsen-Anhalt veranlasst, dies nochmal genauer anzuschauen. Und so „wandert“ dieser Beitrag vom 03. Mai 2021 hoch in die Gegenwart vom 07. Juni 2021 (und demnächst wieder zurück zum 03. Mai).

Dann gibt es da noch den → Anhang ganz am (chronologischen) Ur-Anfang des Blogs. Der ist eingeordnet unter dem Monat „Februar 1940“ (also meinem Geburtsmonat). Dort findet man allerhand Listen, wie die → BUCHVERÖFFENTLICHUNGEN hier im Blog oder die Liste mit Rezensionen aller → Filme hier im Blog oder meine → Kurzgeschichten hier im Blog.

Anhand dieser Listen kann man sich den Blog noch ganz anders erschließen als nur in seiner zeitlichen Abfolge.

Schreib-Tipp

Wenn Sie selbst bloggen, sollten Sie sich mal überlegen, nicht nur unaufhörliche neue Texte zu schreiben und zu veröffentlichen, sondern gelegentlich ältere Beiträge zu überarbeiten und zu recyceln. Mit entsprechender interner Verlinkung macht das Ihren Blog bestimmt interessanter als die blog-typische Tagesaktualität.

aut #878 _ 2021-06-07/16:34

Meine politische Position?

(Ab und zu überarbeite und ergänze ich einen älteren Beitrag. Er wird damit zu dem, was ich „WanderPost“ nenne – weil er von einer chronologisch in diesem Blog älteren Position in eine aktuelle hochwandert – und nach einer Weile wieder zurück. Die aktuelle Wahl in Sachsen-Anhalt ist so ein Anlass.)

Politisch sehe ich mich links von der Mitte. Das entspricht recht gut dem Hintergrund der Süddeutschen Zeitung, die ich seit meinem Studium (also ab 1959/60) regelmäßig lese und die meine Einstellung sicher nachhaltig geprägt hat in diesen sechs Jahrzehnten. Nicht zufällig habe ich für die SZ in meiner aktiven Zeit als Journalist mehr als für jedes andere → Medium publiziert: Wenn meine Datenbank es korrekt verzeichnet, waren das 69 Artikel zwischen 1970 und 1992 und in jüngster Zeit anlässlich des Lockdowns in der Corona-Pandemie ein 70. Text noch obendrauf: → Dank, verdammte Mutanten.

Man sagt ja den Freimaurern nach, dass in ihren Räumen grundsätzlich nicht über Politik und nicht über Religion geredet wird und schon gar nicht über „Geschäfte„. (Worüber soll man dann reden? frage ich mich – über Wissenschaft und „gute Werke“?) Nun, ich bin kein Freimaurer*. Ich halte gerade politische Themen für sehr wichtig und nehme deshalb hier im Blog auch kein Blatt vor den Mund.
Auch über Religion werde ich das sagen, was meine Meinung ist (und diese mit Argumenten und Erfahrungen begründen).
Und „Geschäfte“ – also der berufliche Hintergrund – die gehören doch auch dazu . Weshalb ich mich nicht scheuen werde, gelegentlich auch direkt oder versteckt Werbung für meine Schreib-Seminare zu machen – wie eben jetzt: Details auf meiner Seminar-Website → iak-talente.de. Es ist doch keine Schande, einen Beruf auszuüben und darüber sich auch zu äußern, noch dazu in einem Blog – also einem „öffentlichen Tagebuch“.

* – obwohl ich da eine Tradition anknüpfen könnte, in die mein Urgroßvater Ferdinand Naumann um 1890 eingetreten ist – worüber er in seinem Tagebuch vorher einiges schrieb – aber nach dem Eintritt kein Wörtchen mehr – Schweigegebot!).


Wie meine politische Meinung entstanden ist

Schon von Kindheit an muss mich die Auseinandersetzung (oder mehr noch: das „sich nicht auseinandersetzen“) mit der Nazi-Diktatur beschäftigt haben, wenn auch zunächst eher unbewusst und beiläufig. Dazu bekam man einfach zu viel mit von dem, was die Erwachsenen so redeten (oder bedeutungsvoll verschwiegen). Da ich viel gelesen habe, wurde ich in meinen Lektüren zwangsläufig mit dem ganzen politischen Spektrum konfrontiert. Das verstärkte sich nachhaltig während des Studiums und dann durch die intensiven Einflüsse der 68er Generation (der ich ja qua Geburt angehöre). vor allem sobald man Kinder bekommt, muss man viele Entscheidungen treffen, die eminent politisch sind: Beim Erziehungsstil beginnt das (autoritär? oder anti-autoritär? oder etwas Praktikables in der Mitte dieser beiden Extremen?) Wann soll man, darf man, muss man Kinder abstillen? Wie soll die „Sauberkeitsdressur“ aussehen? Impfen lassen – oder nicht impfen lassen?

Das sind alles eminent politische Entscheidungen.

Wie meine politische Einstellung genau entstanden ist, hat wie bei jedem Menschen viel mit meiner familiären Herkunft zu tun – die sich zum Glück gewandelt hat: Mein Vater war in seinen jungen Jahren ein strammer Nazi, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg zum SPD-Wähler gemausert hat. Als freiberuflicher, selbständiger Handelsvertreter wäre eigentlich die FDP „seine“ Partei gewesen.

Mein Großvater Karl Hertel, vielleicht noch einflussreicher als männliches Vorbild für mich, war Architekt und Bauunternehmer. Auch für ihn wäre die FDP die passende Partei gewesen (die aber in der frühen Zeit der Bundesrepublik noch sehr „kontaminiert“ war durch viele alte Nazi, die dort eine neue Heimat fanden – bis Leute wie Genscher und Hamm-Brücher dafür sorgten, dass diese Braunfärbung verschwand). Großvater hat wohl CSU gewählt – die seit dem Ende der Nazi-Diktatur in Rehau enorm erfolgreich war und den Ort auch hervorragend verwaltet hat – bis heute. Warum sollte man dann die SPD wählen – obwohl die in Helmut Rothemund einen äußerst tüchtigen (promovierten) Landrat aufzuweisen hatte, der bei den bayrischen Landtagswahlen 1978 und 1982 sogar Spitzenkandidat seiner Partei in Bayern wurde. Aber die „Sozis“ zu wählen wäre für diesen Patriarchen Hertel undenkbar gewesen – wo der doch bei den Umzügen der Gewerkschaft am 1. Mai verärgert die Fenster schloss und die Vorhänge zuzog.

Ich selbst war, bis auf zwei Jahre als Angestellter in zwei Verlagen (1968 Redaktion Jasmin und 1969 Lektorat der Nymphenburger Verlagshandlung) immer Freiberufler oder (wie man das heute nennt) „Solo-Selbständiger“. Deshalb war zwei oder drei Mal die FDP meine passende Wahl (beim dritten Mal, weil sie in München eine Frau nominiert hatten, was mir dank des Einflusses meiner zweiten Frau Ruth immer wichtig war).

Aber meine allererste Wahl, an die ich mich erinnern kann, war 1964 die SPD – nicht zuletzt durch den Einfluss meines Vaters, aber auch dank einer eindrucksvollen Rede von Willi Brandt in Nürnberg unter der Burg. Sobald 1980 die Grünen auftauchten, an deren → Gründungsphase ich sehr aktiv dabei beteiligt war, wählte ich diese neue Gruppierung. Als die mir jedoch zu „links“ wurde (= dogmatisch und extrem kapitalismuskritisch), engagierte ich mich eine Weile bei der ÖDP (immer unbedeutend in Bayern – aber mit der großen zivilisatorischen Leistung, das Rauchverbot in öffentlichen Einrichtungen initiiert und erfolgreich durchgesetzt zu haben).
Sogar mit der CSU habe ich mal kurz geliebäugelt – naja, man darf sich ja mal irren, schon gar, wenn man die berüchtigte Spez´l-Wirtschaft, die Amigo-Affairen, einen polternden Atom-Strauß (ich erinnere nur an Wackersdorf!), einen Kruzifix-Söder und manche andere ewig-rückwärts gewandten Zeitgenossen, die Frauenfeindlichkeit und das pseudo-christliche und pseudo-soziale Gehabe großzügig übersehen könnte und gerne mal bei den ewigen Wahlgewinnern in Bayern dabei wäre – nein!

AfD – oder die Linke? Die einen sind mir viel zu „rechts“ (und vor allem viel zu sehr „gegen“ alles Mögliche, was mir wichtig ist) – die anderen zu „links“ (mit ihren Altlasten aus PDS- und DDR-Zeiten – obwohl mich Gregor Gysi und Sarah Wagenknecht immer noch beeindrucken – sie haben ja echt was zu sagen.)
Bei der AfD stören mich drei ihre politische Positionen ganz besonders:
° Dass der Mensch als Verursacher und Beschleuniger des Klimawandels geleugnet wird.
° Die menschenverachtende Behandlung des Themas „Flüchtlinge“.
° Die überall durchschimmernde und explizit verkündete Fremdenfeindlichkeit. –

Man sieht – ich bin der typische moderne Wechselwähler. Was ich nie war und nie sein werde, ist der politikverdrossene Nichtwähler – der die anderen die Arbeit machen lässt und sich dann murrend und knurrend darüber beschwert, dass „die“ es anders machen als man selbst es gerne hätte – vom geifernden Hass gegen „Andersgläubige“ in den Social Media mal ganz abgesehen.

Abb: Meine politische Position entspricht ungefähr jener der Grünen (Archiv JvS)

Nachtrag 07. Juni 2021

Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt ist (für mich) zugleich beruhigend und beunruhigend:

°Beunruhigend finde ich, dass die CDU zwar mit 37,1% deutlich mehr Stimmen als die AfD (20,8) erzielt hat, aber diese in ihren Zielen und Aussagen höchst problematische AfD hat m.E. viel zu viel Gewicht – auch wenn sie noch so klar die (ja durchaus berechtigte) politische Stimme vieler Menschen ist, die sich bei den Alt-Parteien nicht mehr verstanden fühlen. Den Grünen hätte ich ein besseres Ergebnis gewünscht.

° Aber es ist doch insgesamt beruhigend, dass die bürgerlichen (= demokratie-freundlichen) Parteien deutlich, nämlich fünfmal so viel Stimmen auf sich vereinigen wie diese rechtslastigen und ewiggestrigen Polterer von der AfD. Wobei ich Die Linke mal großzügig trotz ihrer DDR- und SED-Vergangenheit mit ins bürgerliche Lager rechne.

Da müsste schon Schlimmes passieren, dass die AfD mal wirklich politisches Gewicht und entsprechende Macht bekommt. So wie die Dinge liegen, werden sie jedenfalls noch auf viele Jahre hinaus der nötige politische „Stachel im Fleisch“ der anderen Parteien sein und den Willen zu einem demokratischen Miteinander sehr lebendig und wach erhalten!

(S. zur Ergänzung auch → Die fragwürdige Rolle der Alt-Parteien .)

<185> _ aut #919 _ 2021-06-07 <2021-05-03/16:16>

Schluss mit Schreibseminaren

Serendipität ist die Kunst, zufällig etwas Besseres zu finden als das, was man bewusst sucht. Christoph Columbus war so einer, dem das widerfuhr: Er suchte eigentlich Indien – fand aber Amerika. Dass der neue Kontinent (bzw. seine ersten Ausläufer, die Inseln der Karibik) etwa weit „Besseres“ als das ersehnte Indien sein könnte, erfuhr er allerdings nie.

Ich habe da mehr Glück:

Eigentlich suchte ich seit Monaten nach der Ursache für eine Schreibblockade – und entdeckte, dass ich nach 42 Jahren und 1045 durchgeführten Schreib-Werkstätten keine solchen Workshops mehr machen möchte.
Die Schreibblockade betraf den Newsletter IKAros*, den ich seit vielen Jahren regelmäßig jeden Monat verfasst und an mehr als 900 Abonnenten verschickt habe – mit „Themen rund ums Schreiben“. Es ist mir sonst immer leicht gefallen, diese Texte zu formulieren. Aber seit Januar ging da irgendwie „nichts mehr“.
Immer wieder grübelte ich: Was ist da bloß los? Bis ich vor drei Tagen (am 01. Juni, genau gesagt) aufwachte und wusste, wie ich die Blockade lösen kann: Indem ich das mache, was ich anderen Leuten in ähnlichem „Stau“ empfehle:

„Beschreibe, wie die Blockade aussieht!“

Das habe ich gemacht. Und ich war mit meinen Notizen noch nicht fertig, als ich die Lösung wusste:

Eigentlich wollte ich schon als Jugendlicher Romane schreiben! Warum gönne ich mir diesen Jugendtraum nicht jetzt im Alter?

Das habe ich ja auch früher schon mehrmals mal gemacht: So sind vier Romane entstanden. Danach entstanden wenigstens Sachbücher (was mir immer sehr schwer gefallen ist – auch wenn die Ideen anfangs sprudelten). Aber mein Buchschreib-Prozess wurde immer wieder durch die Schreib-Seminare unterbrochen, in denen ich mich dann voll und ganz auf die Buch- und anderen Text-Projekte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer konzentrierte.

Das Ergebnis: Mein letztes Buch habe ich 2005 veröffentlicht, also vor 16 Jahren. Aber das ändere ich nun. Ich wage einen Neuanfang – mit dem Romanschreiben. Ich werde das mit zwei Bänden Kurzgeschichten beginnen, parallel dazu meine Autobiographie verfassen – und dann „volle Pulle“ in den glü-Roman einsteigen. Das geht jedoch nur, wenn ich selbst diesen Rat befolge:

Keine Schreib-Seminare mehr, die einen Großteil meiner Kreativität und meiner psychischen und geistigen Energie absorbieren.

Solche Überlegungen hatte ich auch früher immer wieder einmal angestellt, so ungefähr jedes Jahr mal. Interessanterweise eigentlich immer dann, wenn ein Workshop sehr gut gelaufen war. Aber diesmal spürte ich: Wenn ich es nicht jetzt mache (und zwar sofort) – dann mache ich es nie mehr. Und das wird den Schreib-Seminaren sicher auch nicht gut tun.

Das Aufhören fällt mir umso leichter, als ich dies seit einigen Jahre mit meinem Sohn Jonas vorbereitet habe, der nun die Münchner Schreib-Werkstatt übernimmt und das weiterführt, was ich ab 1979 mit meiner Frau Ruth (seiner Mutter) begonnen habe.

Nachdem mir das klar geworden war, ging alles sehr schnell, in drei kurzen Phasen:

1. Tag: Eine gewisse Erleichterung.
2. Tag: Zweifel und ein leicht deprimiertes Tagesgefühl.
3. Tag: Große Erleichterung – und ein Gefühl, wie es eine Schlange erleben dürfte, wenn sie sich häutet.

Tanz auf „zwei Hochzeiten“

Ich habe ja mein (Arbeit-)Leben lang stets auf „zwei Hochzeiten getanzt“:
° In einem Hauptberuf (zweimal ein Jahr lang fest angestellt als Redakteur bzw. als Lektor, danach als Psychologe in eigener Praxis + Leiter von Schreibseminaren – schließlich nur noch als Seminarleiter).
° In einem Nebenberuf als Schreiber (freier Journalist und Buchautor – eigentlich auch ein „Tanz auf zwei Hochzeiten“).

Abb. 1: Der Abbruch des Karstadt-Kaufhauses (1967-2021) am Nordbad in München ist so etwas wie ein Symbol der Beendigung meiner Arbeit als Journalist und Leiter von Schreib-Werkstätten nach ähnlich langer Zeit (1965-2021) (Archiv: JvS)

Der „Abbruch“ der „beruflichen Gebäudes“ meiner Tätigkeit als Leiter von Schreibseminaren lässt sich durchaus mit dem Abriss eines Gebäudes wie dem Karstadt am Nordbad vergleichen, der aktuell gerade stattfindet. Auch was das Alter des „Gebäudes“ betrifft, passt das zufällig exakt:
Dieses Kaufhaus wurde 1967, also vor 54 Jahren gebaut. Damals war ich gerade mit dem Studium fertig und baute an meiner beruflichen Existenz. Das hatte nebenher schon erste Konturen gewonnen, als freier Journalist und Redakteur bei den Medizin-Zeitschriften Selecta und Praxis-Kurier, und begann so richtig dann im Jahr darauf (1968) mit meinem ersten Job als Redakteur bei der Zeitschrift Jasmin. und 1969 als wissenschaftlicher Lektor bei der Nymphenburger Verlagsanstalt.

Die Corona-Pandemie hat die aktuelle berufliche Wende nicht unbedingt herbeigeführt – aber sie hat ganz sicher beschleunigt, dass ich nun die direkte Arbeit mit anderen Schreibern in den Schreib-Werkstätten aufgebe und mich nur noch dem Verfassen eigener Bücher widmen werde.*

* In einer Übergangszeit werde ich meinen Sohn Jonas dabei unterstützen, diese Arbeit auf eigene Weise fortzusetzen.

Vier Buchverträge erleichtern den Übergang

Schließlich ist da die erfreuliche Tatsache, dass ich aktuell vier (!) Buch-Verträge habe, bei denen ich allmählich liefern sollte – und im Hintergrund schon seit Jahren mein glü-Roman als fünftes Projekt rumort und endlich auch Manuskript-Gestalt annehmen möchte – ein Science-Fiction-Roman, mit einer gehörigen Portion „Sense of Wonder“…

Abb. 2: Hinter dem Wehrt staut sich das Wasser und sammelt sich – bis es über die Barriere schießt und sich einen neuen Weg schafft – Symbol für einen kreativen Neubeginn (Archiv JvS)

MultiChronalia

(Manche der folgenden Hinweispfeile für interne Links „→“ haben noch keinen Zielpunkt – da muss noch so mancher Betrag erst geschrieben werden.)

Anführer in wechselnden Kindergruppen wollte ich früher oft sein und war es auch immer wieder mal – wenngleich aus egoistischen Gründen (wofür ich manche Prügel einsteckte und gerne auch → austeilte).
Mein erstes eigenes Seminar (wenn man so will: die erwachsene Variante als „Anführer“) organisierte ich schon während des Studiums. 1962 gelang es mir, einige Studenten aus unterschiedlichen Studiengängen zu einem interdisziplinären Kybernetik-Seminar zusammenzuführen (s. hierzu auch → Die Blindheit der Autokraten).
Ein Schlüsselerlebnis war 1974 ein → Seminar mit 40 Drogenberatern und Jugendschutzbeauftragten, das mir – trotz noch sehr geringen Vorkenntnissen über die Leitung von so einer Veranstaltung – überraschend gut gelang. Anfängerglück, nennt man das. Damals wurde mir jedoch klar, dass ich das richtig als „Handwerk des Seminarleitens“ lernen muss und will. Deshalb begann ich 1975 die Ausbildung in → ThemenZentrierter Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn im Workshop Institute für Living Learning (WILL) – heute → Ruth Cohn-Institut. Im Verlauf dieses neuerlichen Studiums lernte ich auch meine zweite Frau Ruth kennenlernte.
1979 führte ich mit Elisabeth von Godin, einer meiner TZI-Lehrerinnen, für WILL-Europa das erste Schreib-Seminar durch – wahrscheinlich das erste deutschsprachige Schreibseminar überhaupt: → „Schreiben als Abenteuer“.
Im Jahr darauf folgte, wieder mir Elisabeth, „Schreiben als Begegnung“.
Der Erfolg ermutigte mich, zusammen mit Ruth ab 1981 einen eigenen Seminar-Betrieb aufzubauen: das Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie (IAK)). In dessen Rahmen spezialisierten wir uns zunächst auf die Arbeit mit Singles, dann bald auf Seminare mit Schreiben als wertvollem Kulturwerkzeug, das nicht zuletzt für Alleinlebende eine große Hilfe sein kann. So entstand die Münchner Schreib-Werkstatt.
Nach Ruths Krankheit und ihrem Tod (2016) begann sich unser Sohn Jonas für die Arbeit mit Schreib-Seminaren zu interessieren und dieses Handwerk zu lernen, das er nun, nach meinem Rückzug vom „operativen Geschäft“ (wie man das in der Wirtschaft nennt) fortsetzen wird.
Was 2021 für mich endet, nämlich Schreibseminare zu leiten und diese gemeinsam mit anderen Schreibinteressierten durchzuführen, endet ja nicht wirklich. Es nimmt nur für mich eine andere Gestalt an: Nach der Sommer-Werkstatt, meinem letzten Angebot (und in diesem Jahr, seit 1980, zum 41. Mal durchgeführt), bin ich nur noch mit meiner Inneren Gruppe schreibend unterwegs.

Schreib-Tipp

So eine Innere Gruppe ist zugleich MultiChronie pur. Probieren Sie es doch selbst einmal praktisch aus, was so in Ihnen an Inneren Figuren drinsteckt und verleihen Sie denen schreibend eine Stimme. So eine Entdeckungsreise lohnt sich! Bei mir sieht das ungefähr so aus, denn da ist gleichzeitig (wenn auch meist eher in der „Tiefe“ des Gedächtnisses schlummernd):
° das Innere Kind (der kleine Rabauke und auf die Welt neugierig zumarschierende „Enkel vom Architekt Hertel“ in Rehau, der fasziniert ist von utopischen Geschichten – und als Zappelphilipp noch keine Ahnung davon hat, wie ADHS mal sein Leben bestimmen wird);
° der Innere Jugendliche, der das Schreiben entdeckt und nach einem schweren Unfall vom eher extraversiven Draufgänger zum introversiven Grübler wird);
° der schüchterne Student, der nach einer Realisierung seiner → Hochbegabung sucht und nach immer neuen seiner → „33 Bräute“*;
° der erwachsene Familienvater und Journalist und Buchautor und Leiter von Schreibseminaren;
° der Alte, der sich in die Rolle des Mentors für Jüngere entwickelt;
° und da ist, last but not least, mein → ZukunftsSelbst, auf das ich mich voller Neugier hinbewege (und das sich unter anderem in meinem Roman-Projekt glü realisieren will).

* „So frech und mutig wie Sigi „Blasius der Spaziergänger“ Sommer, dieses urmünchner Stadtgewächs, war ich allerdings nicht, der einen autobiographischen Roman mit dem Titel Meine 99 Bräute veröffentlichte, was uns als Schüler sehr inspiriert hat.

aut #1021 _ 2021-06-04/19:30