xYtrblk

(Noch ein kleiner Nachtrag zu Halloween, der ungeplant einfach so in mein Bewusstsein geploppt ist. Das müssen Sie nicht unbedingt lesen – ist nur ein alberner Spaß – wenngleich mit durchaus ernsthaftem Hintergrund. Der ursprüngliche Text ist irgendwann im Jahr 2000 erschienen und tauchte jetzt im Rahmen der Arbeit an meiner Autobiographie wieder auf, für welche dieser Blog ja eine wichtige Quelle ist.)

xYtrblk ist mein Kunstwort für einen Zustand der Verwirrung und für ein Talent auf der Suche nach sich selbst
Die Suche nach Ordnung ist ein natürliches Bedürfnis des Menschen. Aber viele Hindernisse stellen sich einem in den Weg, bis man das Chaos bewältigt hat. Diesen Zustand der Unordnung nenne ich xYtrblk. Es ist aber auch meine Bezeichnung für jemanden, der sich auf den Weg macht, unentwickelte Talente zu entdecken, anzunehmen und zu verwirklichen.
Dieses xYtrblk ist aber auch ein passendes Wort für den den Buchstaben „X“ im ABC meines Lebens – als jener Teil meiner Autobiographie, der, wie leicht zu erkennen, alphabetisch organisiert ist.

Dieses seltsame Wort hat eine bemerkenswerte Vergangenheit (zurück bis ins Jahr 1959), die hier etwas erhellt wird. Wie das genau vor sich ging, weiß ich nicht mehr in allen Details. Ich erinnere mich nur, dass ich bei meinen ersten Gehversuchen im Internet mit der Website „homo-futurus.com“ (die schon lange nicht mehr existiert) dieses Kunstwort verwendet habe, um es ganz bewusst ins Internet einzuschleusen und zu beobachten, wann die Suchmaschinen (damals, 1998, zunächst Yahoo) den Begriff registrieren und er somit im Internet verfügbar ist. Das ging recht flott: irgendwann im Jahr 2000 gab es ihn und es gibt ihn heute noch.

Abb. 1: Das monstrosische Ungeheuer xtrblk aus der Spezies Kraahk feiert Sylvester (Gottlieb Mährlein in Munich Round Up Nr. 15/1960) – Ausschnitt – die komplette Graphik am Schluss dieses Beitrags.

Auf dieser Seite finden Sie folgende Themen: 
1. Der Mensch in der Unordnung
2. Ein Häppchen Geometrie: Was da alles versteckt ist
3. Die Strukturelemente des Labyrinths
4. Konflikte und ihre Lösung
5. Welt-Formel zur Ordnung des Chaos
6. Der Zauber der Vokale
7. Die seltsame Vor-Geschichte von xYtrblk 
8. Der Planet Monstros und die "Bar zu den dreieinhalb Planeten"
9. Lieblingstrunk Vurguzz
10. Schlappe 18 und 65 Prozent
11. Nach-Geschichte
_Bibliographie
1. Der Mensch in der Unordnung

Mit dem Terminus xYtrblk (das Ypsilon GROSS geschrieben, die sechs anderen Buchstaben klein) bezeichne ich den Zustand eines Menschen „in der Unordnung“ (gr.: chaos). Es ist aber auch unsere Bezeichnung für jemanden, der sich auf den Weg macht, unentwickelte Talente zu entdecken, anzunehmen und zu verwirklichen. So stelle ich mir jemanden vor, der sich verzweifelt den richtigen Weg durch ein Labyrinth bzw. Yrritnthos sucht.

Wir gehen davor aus, dass die Suche nach Ordnung (gr.: kosmos) das natürliche Bedürfnis jedes Menschen ist. Aber viele Hindernisse stellen sich einem dabei in den Weg. Hat man das Chaos bewältigt und den Weg durch das Yrrinthos gefunden – stellt man wahrscheinlich überrascht fest, dass es da immer schon einen ganz klaren Weg gegeben hat (wie durch den einen Gang durch ein LABYRINTH
– man hat diesen einen Weg nur nicht wahrgenommen.

2. Ein Häppchen Geometrie: Was da alles versteckt ist

In der Schule haben wir – im Fach Geometrie – alle gelernt, dass man eine Figur in der Fläche durch die beiden Koordinaten x und y beschreibt. (Bei der farblichen Darstellung auf einem Computermonitor kommt dazu noch ein dritter Wert: die Farbe.)
Diese beiden Koordinaten schaffen gewissermaßen eine Grundordnung. Eine wichtige Voraussetzung also, um den chaotischen Zustand

xYtrblk

zu strukturieren. Gezeichnet ergibt das einen rechten Winkel:
|__
In der Schule haben wir ebenfalls gelernt, dass es eine dritte Dimension gibt. Diese schafft zusammen mit den beiden anderen den Raum. Dafür steht der Buchstabe r. Dieser kann auch Radius bedeuten und Realität (letzteres in unserer persönlichen Geometrie).

Nehmen wir noch die Zeit (= t) als die vierte Dimension hinzu, dann haben wir bereits alles, was es braucht, um im Einstein´schen Raum-Zeit-Kontinuum zurechtzukommen. So viel zu Schule und Wissenschaft (= Science) und zu Science Fiction.
Jetzt kennen wir also schon ein gutes Stück des Geheimnisse von xYtr blk

3. Die Strukturelemente des Labyrinths

Und was ist mit den drei noch fehlenden Buchstaben b l k – wofür stehen sie?
Das b stehe für Basis – nämlich das Basis-Kreuz, aus dem zum Beispiel ein LABYRINTH-Symbol konstruiert wird – unser Symbol für Ordnung.
Das l stehe für Lösung – nämlich die Lösung des Problems (welches der im Kern des Labyrinths lauernde Minotauros symbolisiert).
Eine Lösung finden, bedeutet im Sinne der LABYRINTHIADE*: den Weg durch das Labyrinth finden und die (persönliche) Blockade der Kreativität auflösen, die einen vorher an eben dieser Lösung gehindert hat. Das gilt nicht nur für geometrische (Schul-)Aufgaben – sondern für alles im Leben.

* Labyrinthiade - die Labyrinth-Sage mit all ihren Facetten - demnächst mehr dazu hier im Blog.

Die Grundelemente eines solchen Labyrinths erkennt man leicht, wenn man sich klarmacht, wie man so etwas aufbaut. Man beginnt mit einem Kreuz (rot), an das man Winkel (blau) anfügt, die man dann – leicht versetzt – mit einander verbindet (orange Bögen) – s. nächste Abbildung.

4. Konflikte und ihre Lösung

Und was ist dieses Problem? Es ist stets ein ungelöster Konflikt. Das k steht dem entsprechend für Konflikt.
Die Reihenfolge der sieben Elemente ist nicht ganz korrekt – aber das gehört nun mal zum Wesen des Yrrinthos und dem Weg von dort ins Freie. Die Ordnung (des Labyrinths) entsteht nicht so sehr im Kopf – als im Tun.

5. Welt-Formel zur Ordnung des Chaos

Fassen wir das alles zusammen, so wird xYtrblk zu einer Art Welt-Formel für die (geistige und seelische Evolution), bei der aus der Unordnung des Chaos allmählich die Ordnung des Kosmos entsteht:

x = Breiten-Koordinate (blau)
Y = Längen-Koordinate (blau)
t = Zeit-Koordinate
r = Radius (schafft als dritte Dimension die Realität – dargestellt durch den verbindenden Bogen, welchen man zum Zeichnen der Labyrinth-Figur benötigt)
b = Basis-Kreuz (rot)
l = Lösung
k = Konflikt

Übertragen auf die Konstruktion eines Labyrinths sieht das folgendermaßen aus:

1. Man zeichnet zunächst auf einem großen Blatt in der Mitte des unteren Drittels das (rote) Basiskreuz, in seinen vier Ecken die vier (blauen) rechten Winkel und die vier (grünen) Basispunkte.
2. Dann verbindet man zuerst das obere Ende des Kreuzes (rot) nach links mit dem oberen Ende des linken rechten Winkels (blau).
3. Anschließend wird der linke obere (grüne) Basispunkt nach rechts mit dem oberen Ende des rechten Winkels rechterhand (blau) verbunden.
4. So geht es immer im Wechsel „von links nach rechts“ – „von rechts nach links“, und zwar insgesamt sieben Mal. Die Bogen werden dabei immer weiter und immer tiefer angelegt.
(Für psychologisch Interessierte: so kann man sich die Pendelbewegung bei einem kreativen Prozess vorstellen – zum Beispiel während des Schreibens eines eigenen Textes oder des Komponierens einer Melodie.)

Abb. 2: Der allmähliche Aufbau eines Labyrinths, ausgehend vom roten Kreuz unten in der Mitte (Archiv JvS)

6. Der Zauber der Vokale

Wenn man nur die sechs Konsonanten sieht, wirkt das alles ein wenig dröge. Gut, das Ypsilon hat die angenehme Eigenschaft, dass es sowohl als Konsonant (ähnlich dem jot wie in Yoghurt und Yoga) als auch als Vokal (ähnlich dem ü wie in Zypern und Labyrinth) fungieren kann.

Wenn wir uns, ähnlich wie beim Hebräischen, vorstellen, dass die Vokale zwar nicht hingeschrieben, aber mitgedacht werden, können wir mit ein wenig Phantasie leicht Kunstwörter bilden, in denen sie sichtbar werden. Wie wäre es denn mit:

„Xytaru Boleki“? Was könnte das sein? Vielleicht vergorene Stutenmilch in einer Tartarensprache…

Oder „xyt Arube olik“ – Das ist schon schwieriger. Vielleicht bedeutet das: „Hau dem Arube eine ´runter…“ ?

Oder wenn hier noch ein h einschmuggeln: „Xyre O°Thar Bliku“? Das ist nun wiederum ganz einfach. In der (seit langem ausgestorbenen) Sprache der Kultur des fernen Planeten O°Thar heißt dies: „Der Weg nach [Bliku] O´Thar ist weit [xyre].“ Man muss lediglich wissen, dass die O°Tharier die Satzstellung von Verb und Substantiv gerne (wenn auch nicht immer!) vertauschen.

Alles weitere überlasse ich Ihrer eigenen Phantasie – und dem „Zauber der Vokale“ („Reng kytai usum“ – wie die O°Tharier zu sagen pflegten).

7. Die seltsame Vor-Geschichte von xYtrblk

Das klingt jetzt alles sehr rational. Tatsache ist jedoch, dass dieses Kunstwort xytrblk mehr oder minder zufällig entstanden ist (was unbewusste Einflüsse ganz und gar nicht nicht ausschließt !). Hier deshalb also die Vorgeschichte der Entstehung des Wortes xYtrblk.

Es war im Sommer 1959. Jeden Monat trafen sich einige Münchner Mitglieder des Science Fiction Club Deutschland (SFCD), darunter auch der Autor dieser Zeilen, in der Wohnung des Rundfunkingenieurs Waldemar Kumming in der Herzogspitalstraße (die es schon lange nicht mehr gibt – die Straße schon – aber diese ganz spezielle Wohnung nicht, an deren Wänden die amerikanischen SF-Taschenbücher und -Magazine sich in zwei oder gar drei Reihen hinter einander stapelten – ein Paradies für jeden SF-Fan…)

Dort trafen sich also diese Fans, etwa vier oder fünf, und schrieben und redigierten das satirische Fanzine (neudeutsch für Fan-Magazine) Munich Round Up. Es war gleich nach dem Abitur (von JvS). Völlig erschöpft von diesem blödsinnigen „Initiationsritual mit Mutprobe“ (wie das die Kulturanthropologen nennen), stand mir der Sinn nur nach einem: den einen Wahnsinn durch einen anderen, nun aber selbstbestimmten, Irrsinn zu neutralisieren.

8. Der Planet Monstros und die „Bar zu den dreieinhalb Planeten“

Damals schrieb ich eine Satire auf die Reifeprüfung, die sich allerdings weit in der Zukunft und auf einem fernen Planeten namens Monstros (einer Erfindung von Waldemar Kumming) abspielte. Dort gab es ein bizarres Lebewesen (einen alien also) der Gattung Kraakh. Dieser trug in meinen MRU-Texten den Namen –

– nein: nicht xYtrblk

– sondern Xtrblk (ohne das „Y“, das erst später dazukam) .

Mit dem Pseudonym „Onkel xtrblk“ zeichnete ich ab da – fingierte – Leserbriefe im Stil des amerikanischen Satire-Magazins mad. (Das war eine gute Vorübung für die – ebenfalls weitgehend getürkten -Leserbriefe, die ich Jahre später eine Weile für den Playboy schreiben würde.)

Dieser Onkel xtrblk hatte eine Stammkneipe: die „Bar zu den Dreieinhalb Planeten“. Dort schrieb er [pardon: ich] ab Nr. 10 von MRU das weltbewegende Tagebuch eines Retrotemporariers. Ich habe heute keine Ahnung mehr, was dieser in-der-zeit-rückwärts-Lebende für seltsame Abenteuer erlebt hat. Ich weiß nur noch, dass es eine Wohltat war, diesen höheren Blödsinn im mad-Stil abzusondern – und dadurch Abstand von besagter Reifeprüfung der Gisela-Oberrealschule München zu gewinnen.

Gelegentliche Schlucke von neon-grün-gelbem Vurguzz (s. unten) mögen dabei geholfen haben. (Heute würde man wahrscheinlich kiffen, um noch stärkere Effekte dieser Art zu erzielen. Uns langte jedoch, was uns damals mittels Vurguzz an Einfällen zufiel).

Bald danach – und auf Grund derselben und ähnlicher Einflüsse und des gleichen soziokulturellen Umfeldes SF-Fandom – entstand übrigens auch der ROUND ROBIN-Roman DAS UNLÖSCHBARE FEUER. (Gruppenpseudonym „Munro R. Upton“ – was unschwer die Herkunft in MRU erkennen lässt).

9. Lieblingstrunk Vurguzz

Dieses seltsame Geschöpf Xtrblk hatte auch ein Lieblingsgetränk: Vurguzz. (Dieser Name ist eine Erfindung von Waldemar Kumming – nachzulesen in Nr. 8 vom Mai 1959 des Munich Round Up!). Der Zahnarzt Alfons Ettl aus Unterwössen, ebenfalls Mitglied im SFCD, machte sich einen Jux aus unseren SF-Spinnereien und ließ von einem Bekannten, der sich mit dem Schnapsbrennen auskannte, einen speziellen Kräuterlikör brauen (Alkoholgehalt: 250 %! – davon 165 % im Hyperraum).

Den nannte er ebenfalls Vurguzz.

Wenn man nun heute (05. Nov 2022), also mehr als ein halbes Jahrhundert später, das Schlagwort Vurguzz in die Suchmaschine Google eingibt – erhält man erstaunliche 3.000 Treffer! (Im Mai 2002 waren es erst 424 Treffer – Tendenz also deutlich steigend.)

„Vurguzz – galaktisch grün und gut“ heißt es da zum Beispiel. Über Walter Ernsting alias Clark Darlton ( mit K.H. Scheer einer der beiden Begründer von Perry Rhodan) hat das grauenvolle Gesöff Anfang der 60-er Jahre Eingang in diese Weltraumabenteuer-Heftserie gefunden und damit in die Weltliteratur. Jawohl.

Es gab sogar eine Weile eine eigene Website namens „www.vurguzz.de“. Und wenn man mit Hilfe der einstigen Software „www.visit1.vp.uiuc.edu“ (die Site existiert ebenfalls nicht mehr) das graphische Beziehungsnetz der Websites aufdeckte, die mittels des Stichwortes Vurguzz miteinander verknüpft waren, entstand ein Netz von beachtlichen 29 Sites! (Stand: 25. Feb 2002)

10. Schlappe 18 oder 65 oder 80 Prozent

Wenn man auf der Website von PERRY RHODAN unter „AKTUELL / SUCHEN“ das Stichwort „Vurguzz“ eingibt – erhält man dort 24 Treffer! Den Kräuterschnaps gibt es also – im Jahr 2022 immer noch. Und Waldemar Kumming hat sich 1959 diesen Markennamen nicht schützen lassen. Dennoch gab es eine Vereinbarung mit dem Verlag, wonach WK den Markennamen verwenden durfte. Das führte dazu, dass es eine Weile zwei verschiedene Sorten Vurguzz gab:
° eine 18-prozentige vom Pabel-Verlag bzw. seinem Lizenznehmer,
° eine 65-prozentige von Waldemar Kumming resp. seinem Lizenznehmer Hermann Wolter.

Das ist beides weitaus weniger als der Alkoholgehalt der ursprünglichen Mixtur von Franz Ettl – aber 80 Prozent sind in Deutschland nicht mehr erlaubt.

Um das abzurunden: Hubert Haensel schrieb für die Taschenbuchreihe, die parallel zur Heftserie Perry Rhodan erscheint, in Band 412 sogar eine Erzählung mit dem Titel Das Vurguzz-Imperium. (Willi Diwo hat diese Zusammenhänge 1998 ausführlich in einem Artikel notiert – viel Hintergrundmaterial auch in der Perrypedia.)

11. Nach-Geschichte

Soweit zur Vorgeschichte. Ein – buchstäblich – horrender Ulk also. Wer beschreibt deshalb mein Erstaunen, als ich – wie erwähnt – am 05. November 2022 bei Google das Wort xtrblk eingab – und dafür an die 3.000 Treffer erzielte.

Ein Programmierer namens Kenneth Butenhoff verwendet dieses Wort für ein spezielles Computerprogramm. Was man dort, unter der URL-Adresse
"www.accelrys.com/support/life/scripts/bcl/xtrblk" fand, war Folgendes (Ausschnitt):

#!/bin/perl -w
####################################################################
# xtrblk created 1999.8.29 by Kenneth Butenhof
# PURPOSE:
# General extraction utility. Input lines are buffered to allow some
# pretty flexible and interesting selections.
# See examples below.
# WARNING: as an aid to learning how to use this,many of the debug print
# lines have been left in. These lines must remain commented out
# for bcl scripts which use this script to work properly.
#
# USAGE:
# xtrblk \
# *** From UNIX shell:

Interessant, nicht wahr, welche (Schleich-) Wege die Kollektive Kreativität manchmal geht…
Hatte Butenhoff vielleicht sogar Zugang zu Munich Round Up? Ich kann an so einen Zufall schlecht glauben. Andrerseits gibt es in meinem Archiv so viele Beispiele haarsträubender Koinzidenzen, dass man sich eigentlich über gar nichts mehr dergleichen wundern sollte. Butenhoff hat auf meine diesbezüglichen Fragen in einer E-Mail leider nie geantwortet.

Bibliographie
Darlton, Clark und K.H. Scheer, (Begründer, Herausgeber, Autoren): Perry Rhodan – der Erbe des Universums. München 1961 – 1971 (Moewig), Rastatt ab 1971 (Pabel).
Diwo, Willi: „Das Vurguzz-Imperium – eine verpaßte Chance?“. Manuskript Aug 1998.
Haensel, Hubert: Das Vurguzz-Imperium. Perry Rhodan (Planetenroman) Band 412. Nürnberg 1998 (Burgschmied).
Thadewald, Wolfgang: „Die Geschichte des Vurguzz“. in: SFGH-Chroniken Nr. 181. Dez 1997.
Upton, Munro: Das Unlöschbare Feuer. Menden 1962 (Bewin)

284 _ aut # 1478 _ 2022-11-05/13:28 (2007 / 2000)

Abb. 3: Das monstrosische Ungeheuer xtrblk aus der Spezies Kraahk in seiner ganzen Schönheit (Gottlieb Mährlein in Munich Round Up Nr. 15/1960) – Titelbild

Digitalisierung: MultiChronalia

MultiChronalia nenne ich Ereignisse und Erinnerungen, die sowohl einen persönlichen Anteil haben (Persönliche MultiChronie) wie einen historischen Bezug aufweisen (Historische MultiChronie). Mehr zu meinem Konzept der MultiChronie → hier .
Im Post  → Persönliche Digitalisierung 5.0 habe ich schon in groben Zügen beschrieben, wie die Digitalisierung nach und nach in mein Leben eingedrungen ist. Das fing schon sehr früh rein „virtuell“ an (wie man das heute nennt), und zwar in Form von Science-Fiction-Lektüre ab 1953 und wurde allmählich immer konkreter, weil immer mehr Bereiche meines Lebens sich vom analogen Modus in den digitalen veränderten oder zumindest teilweise ergänzt und/oder ersetzt wurden. Beispiel: Meine Hörgeräte waren anfangs zwar schon elektronisch, funktionierten aber noch analog. Erst ab 2000 etwa wurden sie digital und inzwischen kann ich mich, mit Hilfe eines Zusatz-Geräts, voll digital direkt verbinden mit: Fernseher, CD-Player, Blu-ray-Player, Smartphone und Computer (wichtig für Online-Video-Konferenzen) → Tipps für Hörbehinderte.

Abb.1: Vater und Sohn Gregor (13) beim gemeinsamen Arbeiten am ersten Computer – dokumentiert im p.m.computerheft (Archiv JvS 1984)

Meine „Persönliche Digitalisierung durchlief vier Phasen

(Ab 1953 etwa) Lesen über Roboter, Computer, Kybernetik, Digitalisierung.
1957: Schreiben über Computer in meinen SF-Erzählungen und (ab Okt 1962) Seminar zum Thema „Kybernetik“.
1964: Erleben von Computern: Praktikum bei IBM. Für Herbert W. Franke Übersetzung der Betriebsanleitung für den Minicav 601 von Claude Shannon – ein Lerncomputer, der im Jahr 1961 von der Firma Scientific Development Corporation in Massachusetts produziert wurde. Er bestand aus einer Konsole mit Relais, Schaltern, Steckverbindungen und einem motorisierten Drehschalter zur Ein- und Ausgabe von Dezimalzahlen und wurde zum Preis von 85 Dollar angeboten.
1975: Beginn meiner Digitalisierung mit Nutzung eines Computer-Services (abs) für meine Buchführung – hybride Variante (teils analog, teils digital).
1983: Einstieg in die Voll-Digitalisierung durch Nutzung eines eigenen PC.

Dieses Thema Digitalisierung ist auch ein anschauliches Beispiel dafür, was ich mit MultiChronie meine: Die parallele Entwicklung persönlicher Erlebnisse und historischer Ereignisse. Die zunehmende Digitalisierung ist fraglos eine der beiden gewaltigsten Umwälzungen in der Menschheitsgeschichte (der Klimawandel ist die andere).
Ich möchte anhand einer Tabelle aufzeigen, wie sich das bei mir vollzogen hat. Genau genommen bräuchte ich außer den beiden Spalten „Datum“ und „(Persönliches) Ereignis“ noch eine dritte Spalte „Historische Ereignisse„, welche den allgemeinen (gesellschaftlichen und politischen) Aspekt der MultiChronie abbildet. Der Einfachheit habe ich beides, persönliche MultiChronalia und historische Ereignisse, in einer Spalte zusammengefasst. Die Inhalte klären das hoffentlich von selbst.

Multichronalia zur Digitalisierung

DatumEreignis
 virtueller Vorlauf
1955Lektüren: Isaac Asimov (Ich – der Robot) und Jack Williamson Wing 4 – The Humanoids).
1957/58Labyrinth-Spiel im Computer des Raumschiffes „Magellan“ in meinem ersten Roman Männer gegen Raum und Zeit.
1958Nach erstem Berufsträumen „Testpilot – Weltraumpilot“, angeregt durch Asimovs „Ich der Robot“ Berufswunsch „Robotpsychologe“ bzw. Kybernetiker.
1959Manipulationen der Hauptfigur „Tes Dayen“ durch den Großrechner „R 01“ in meinem zweiten Roman Sternvogel (erschienen 1962).
 reale Ereignisse
1962Mein Seminar „Kybernetik“ im Soziologischen Institut der Uni München (LMU): Mit 12 Teilnehmern aktuelle Bücher zum Thema bearbeiten und diskutieren. Grundthema: Informationspsychologie – Digitales Denken .
1963Ich beginne die Arbeit an meinem dritten Roman Der geworfene Stein. Darin wird im München des Jahres 2063 nach einem Atomkrieg die Stadt von einer Rechenmaschine regiert (Kybernet genannt). Im Kapitel „Der metallene Traum“, beschreibe ich das, was später von William Gibson als „Cyberspace“ bezeichnet wird (1982 in der Kurzgeschichte „Burning Chrome“): Die direkte Verbindung eines menschlichen Gehirns via Interface mit einem Computer.
1964-03Herbert W. Franke will in Deutschland den programmierbaren Bastel-Minicomputer Minivac 601 von Claude Shannon einführen – ich übersetze für ihn die Betriebsanleitung dazu.
1964-04Psychologisches Praktikum bei IBM: Erster Kontakt mit echten Computern (neu: Mainframe „IBM 360“. Meine Erlebnisse in dieser noch recht archaischen Arbeitswelt (trotz der Computer!) habe ich in einer SF-Novelle verarbeitet: „Psarak abuko – die Manager auf dem Mond“. Damals waren die wirklich riesigen Mainframe-Computer Standard, richtige Arbeits“tiere“, die sich kaum ein Unternehmen leisten und schon gar nicht bedienen kann.
All das ändert sich erst, als IBM und dann tüchtige asiatische Nachahmer in den 1980er Jahren den Personal Computer erfinden und Bill Gates mit seinem Start-Up Microsoft für das nötige Betriebssystem „MS-DOS“ sorgt, das ihn – mit den Nachfolger „Windows“ – viele Jahre zum reichsten Mann der Welt macht. Parallel dazu ersinnen Steve Jobs und Konsorten den Apple-Computer, der nach enormen Anlaufschwierigkeiten zum Vorzeigeprodukt jenes anderen digitalen Weltkonzern wird – heute mehr mit der „eierlegenden Wollmilchsau“ namens I-Phone (Smartphone) verbunden als mit den Mikrocomputern à la IBM.
1964-08Mit Herbert W. Franke und Peter Scheffler beim Ersten Kybernetik-Kongress in Karlsruhe (Organisator: Karl Steinbuch). Franke ist Pionier der Computer-Kunst (die ich bei ihm kennenlerne, als ich für ihn als Student arbeite).
1968-03<TA #0856> Bericht über das „VI. Symposion über Programmierte Instruktion und Lehrmaschinen“ in München. Das Thema interessiert mich zum einen, weil Prof. Schiefele (mein späterer Doktorvater) auf diesem Gebiet arbeitet und zum anderen, weil mein Cousin Uli mit Lehrmaschinen ins Geschäft kommen will.
1969-10Die erste „SYSTEMS“ 1969 ist noch keine Computer-Fachmesse im heutigen Sinn, sondern vor allem ein Futurologen-Kongress. Steinbuch ist damals der große Kybernetik-Papst. (Mein erster Kongress-Bericht für die Selecta hat den Titel „DIE ZUKUNFT WURDE VERTAGT“.)
1970 Nach zwei Berufsjahren als angestellter Redakteur bzw. Lektor mache ich mich als Psychologe in eigener Praxis selbständig. Ab da muss ich auch meine eigene Buchführung für eine Steuererklärung machen. Ist in den ersten drei Jahren sehr umständlich: Handschriftlich in einem großformatigen Kontobuch mit vielen Spalten.
1974Teil-digitalisierte Buchführung: Ich lasse ab diesem Jahr auf Empfehlung meiner Steuerberaterin meine Einnahmen und Ausgaben vom Computer-Service abs erfassen und auswerten – die weitere Verarbeitung der Ergebnisse für die (analoge) Steuererklärung ist weiterhin von Hand, also analog.
1975-01Computer-Service „abs“ verarbeitet digital meine Buchführung (analog ab 1971) und wertet sie aus für die Steuererklärung und die Steuerberaterin.  (Ab 2016 ohne Steuerberater, ab 2019 ohne abs – nur noch mit WiSo und ElStEr.)
1976Vermutlich ab diesem Jahr verwende ich eine (Euro-)Scheckkarte als bargeldloses Zahlungsmittel.
1979Beginn der Arbeit mit Schreib-Seminaren, geleitet von meiner Frau Ruth und mir. Digitalisierung beginnt → 1983 mit eigenem Computer zur Textverarbeitung und ab → 1985 mit eigener Adress-Datenbank und Text-Datenbank.
1982-07Während eines Traum-Seminars in Hamburg wird mir aus dem Zimmer meine Armbanduhr gestohlen. Daraufhin kaufe ich meine erste Digitaluhr.
1983-07-23Bericht für die Südd. Zeitung über Frederik Vesters Spiel Ökolopoly. Er stellt dies zunächst auf der Internationalen Gartenschau in München als traditionelles Brettspiel vor, macht aber dann später ein Computerspiel daraus (Ecopolicy).
1983-03Erster eigener PC – zunächst als Leihgabe „für Journalisten“ von IBM. Ich beginne die Arbeit an meinem Sachbuch Das große Buch der Träume für den Heyne-Verlag., Als ich nach drei Monaten den PC an IBM zurückgeben muss – ist mein Traum-Buch noch lange nicht fertig. Was tun? Klar: Einen eigenen PC kaufen. Samt Drucker kostet er schlappe 11.830 DM. Als im Jahr darauf das Netzteil kaputtgeht – sind allein dafür 800 DM, zu berappen. An solchen Vertriebsfehlern geht IBM fast zugrunde.
Sohn Gregor (12) beginnt mit dem Programmieren. Als Student gründet er 1994 eine eigene Software-Firma (nxn), die Entwicklern von Computer-Spielen hilft, ihre Daten zu organisieren (CMS AlienBrain).
1984-11-20Ich bespreche in der Südd. Zeitung das Buch 100 x Computer des Strafrecht-Professors Fritjof Haft, der sich auf den Einsatz von Computern und die Digitalisierung im Rechtswesen spezialisiert hat (wir haben 1959 zusammen Abitur gemacht). Im Juli 1996 interviewe ich ihn zu dieser Thematik für den Bayrischen Rundfunk.
1984-12„Arbeit am Rechner: Ein Abenteuer für die Seele? – Ausgehend vom Schluss meines Uralt-Romans Sternvogel entwickle ich im P.M.Computerheft einige Gedanken zur Psychologie der Arbeit mit einem PC. (s. Abb. 1 mit Sohn Gregor, der mich anregte, einen PC anzuschaffen.) Der zuständige Redakteur im Ableger vom P.M. Magazin ist Peter Ripota, bekannt aus der SF-Szene.
Mein Traum-Buch ist endlich fertig und erscheint, reich (farbig!) bebildert. Auch die Druckverfahren sind inzwischen längst auf „digital“ umgestellt. Aber noch immer bekommt man ausgedruckte Korrekturfahnen, deren Veränderungen dann im Verlag händisch in die digitale Version übertragen werden müssen.
1985Adress-Datenbank mit R-Base 4000. Später umgezogen nach DataPerfect – dann nach MS-Access (darin habe ich an die 50 DBn selbst programmiert). Bericht über die Arbeit mit Datenbanken → 1988-08-04. Bald darauf auch Einrichtung einer Datenbank für meine Texte (Stand Okt 2022: 5434 Datensätze).
1985-08-15Neuer Musik-Turm mit CD-Player: THE DIGITAL DOMAIN ist meine erste CD, mit verschiedenen Demonstrationen der Möglichkeiten der volldigitalisierten Musik-Speicherung und –Wiedergabe.
1988-08-04Bericht über meine Arbeit mit Datenbanken in der Beilage „Der junge Buchhändler“ des Börsenblatt für den deutschen Buchhandel: „Endlich wiederfinden, was geboren war“.
1991-01-03Meinem jüngsten Sohn Jonas zuliebe organisiere ich ein „Rezensions-Exemplar“ vom GameBoy (auf den er und einige seiner Klassenkameraden ganz wild sind) und den Lynx von Atari zum Testen. So entsteht ein Beitrag für die Südd. Zeitung über Computerspiele.
1996-07-16Interview mit Strafrecht-Professor Fritjof Haft über die Digitalisierung im Rechtswesen (Sendung im Nachstudio des Bayrischen Rundfunks).
1997-11-14(Eintrag in meiner Thesauros-Datenbank:) „HyperWriting ist meine Weiterentwicklung des Creative Writing, ergänzt durch Gruppenarbeit mit „Themenzentrierter Interaktion (TZI)“ und die Verwendung digitaler Medien (PC, Blogs und Websites im Internet – digitales CoWriting). 
1998-03-27Unsere erste Website „homo-futurus.com“ geht online – nach Anregungen und tätiger Hilfe von Sohn Gregor im März 1998 (“ Lern Frontpage und geh online!“).
Thomas Riem (stud. jur.) und Peter Manhart (Psychologiestudent) unterstützen mich dabei und ein hilfreicher Sponsor (der Provider Sebastian G.  Renner von „webside.de“ ) lässt die Website ein Jahr lang kostenlos über seinen Server laufen (dafür aus der „Zukunft von 2022“ nochmal ein großes „Danke schön“!).
1999-12?Wann habe ich erstmals Zugang zum Internet bekommen? Was ich noch weiß: Das funktionierte damals mit Hilfe eines Modems über das (damals voll analoge) Festnetztelefon. Mein erster Provider war AOL –  einst Welt-Konzern, der aber den Internet-Hype nicht überstanden hat. Ich wusste auch noch, dass Boris Becker damals Werbung für AOL machte mit dem flotten Spruch „Ich bin drin“.
2000-04-25Ich beginne mit Online-Bestellungen bei Amazon . Meine allererste Bestellung ist auf einer E-Mail vom 25. April 2000 bestätigt: Zwei amerikanische Bücher, die mit dem Schreiben zu tun haben (20 Master Plots und The Writer´s Journey). Ich ordere nicht viel, aber doch jedes Jahr ab da etwa ein Dutzend Bücher, DVD / Blu-ray, CD und Kleidung wie Handschuhe. Ansonsten gehe ich lieber ganz altmodisch in einen Laden und schau mich dort um.
2001-03Die deutschsprachige Wikipedia wird gestartet (zwei Monate nach der englischsprachigen Version). Ich nütze diese Online-Enzyklopädie in deutscher Sprache von Anfang an für digitale Recherchen. Ich habe selbst einmal einen Beitrag zu „Hyperwriting“ verfasst und gepostet, der aber irgendwann entfernt wurde.
2002Erster Laptop – praktisch zum Mitnehmen in Seminare.
2003-12DVD-Version des Films Alarm im WeltallForbidden Planet als erster Erwerb einer digitalen Version eines Films (1957 im Universum-Kino in München gesehen – dann 1998 als Video-Kassette – 20212-10 als Blu-ray) .
2004-19Unsere Website heißt inzwischen „iak-talente.de“. Ich programmiere sie weitgehend selbst mit html-Code (in der Apache-Version von Matthias Path, unserem Webmaster).
2005-06Der Allitera-Verlag veröffentlicht meine Collection eigener Kurzgeschichten Blues für Fagott und zersägte Jungfrau als Paperback und parallel dazu eine digitale Version – mein erstes E-Book.
Als „Book on Demand“ ist es zugleich ein vom Satz über die Herstellung bis zum Druck und Versand vollständig digitalisiertes Buch.
2005-12-17Irgendjemand (unbekannt) fügt der Wikipedia einen Eintrag zu meiner Person hinzu: „Jürgen vom Scheidt (Schriftsteller“). Etwa ab da nütze ich die Wikipedia regelmäßig für Recherchen.
2006Ich entdecke das Karten-Computer-Spiel Freecell und werde zu einem großen Fan. Andere Spiele sind mir zu zeitraubend.
2006-02-24Vermutlich ab diesem Jahr 2006 habe ich begonnen, mittels Outlook E-Mails zu verschicken. Zumindest legt das der Kauf eines diesbezüglichen Ratgebers Outlook 97 nahe, denn ich informiere mich gerne vorab, wenn ich etwas Neues in mein Leben lasse. Das Buch war sauteuer, wie viele Computer-Ratgeber der Anfangszeit, als die Digitalisierung so richtig begann: 59,80 DM.
2007-01-04Ich eröffne meinen Labyrinth-Blog in der Blogger-Sphäre von SciLogs (Spektrum der Wissenschaften) mit dem Beitrag „Vielschichtiger Mythos (Labyrinthiade)“.
2007-11Diktier-Software Dragon Naturally Speaking von Nuance wird erworben und ist seitdem ständig bei mir im Einsatz.- Bericht von mir darüber im Labyrinth-Blog bei SciLogs “ Mit DRAGON unterwegs in deutscher Sprache“ (Post #100 vom 2008-06-19).
In Ausgabe 3/2009 von TextArt veröffentliche ich einen ähnlichen Artikel „Mit dem Dragon durch die deutsche Sprache“. Dazu schreibt mir die Firma:
Nuance würde gerne diesen Artikel auf http://www.nuance.de veröffentlichen (mit Angabe von Ausgabe und Publikation). Könnten wir von Ihnen da die Zusage erhalten? […] Sven Kersten-Reichherzer, Account Director.“
Diese Zusage habe ich gerne gegeben.
2008-02-07SuperMailer-Programm zum Versand unseres Newsletters (an 550 Abonnenten – Stand 2022-10: 940 Abos).
2008-10 Während wir vorher an die tausend Flyer mit unserem Programm verschickt haben (mit steigenden Druck- und Portokosten und viel Handarbeit) stellen wir nun alles auf E-Mails und Newsletter sowie weiterhin die ständig aktualisierte und erweiterte Website um.
2009-11-18Digitale Medizin: Kernspintomographie (MTR) in der Orthopädischen Klinik Harlaching (Abt. Radiologie) – wg. Problemen mit oberen Rückenwirbeln.
2010Neuer Tintenstrahl-Drucker von Brother. Ermöglicht nun auch Scannen von analogen Bildern und deren Umwandlung in digitale Version (jpg-Format).
2011-08Umzug von der Seestraße in die Winzererstraße. Bei dieser Gelegenheit wird der alte (analoge) Röhren-Fernseher (bei dem nur die Fernbedienung digital war) ersetzt durch ein volldigitalen Flachbildschirm-Fernseher plus DVD-Player. Ab da auch allmähliche Umstellung von den (analogen) Video-Kassetten auf das (digitale) DVD-Format.
Die neue Wohnung verfügt über eine Gastherme, die eine Etagenheizung versorgt; diese wird von einem (digitalen) Thermostaten gesteuert. Waschmaschine und Spülmaschine verfügen über digitale Programmsteuerung.
2012-01-12Umstellung von DVD-Format auf Blu-ray: Danny Boyles Science-Fiction-Film Sunshine ist meine erste Blu-ray.
2013Twitter-Account für kurze Zeit, nur einige Male genutzt, dann abbestellt. Ich nutze weder Facebook oder sonstige Social Media. Auch so ein Gerät wie die gierige Datensaugerin Alexa von Amazon kommt mir nicht ins Haus.
2013-12-07DramaQueen – Software für das Schreiben von Drehbüchern und Romanen anhand des Konzepts der Heldenreise. Ich will das für mein aktuelles Roman-Projekt glü einsetzen.
2014-11-15Steuererklärung für das Jahr „2013“ erstmals selbst mittels Software WiSo Steuer-Ratgeber (25 €) – ab 2016 ElStEr ohne Steuerberater.
2014-09ClipMate 4 – Programm zur umfangreichen Speicherung der Zwischenablage jedes Programms.
2015-01OCR-Software (ABBYY Fine Reader 12) zur Digitalisierung von analogen Texten.
2015Mein erster Roman Männer gegen Raum und Zeit (→ 1958) wird neu aufgelegt. Der Verlag vss in Frankfurt produziert außerdem parallel eine elektronische Version – mein zweites E-Book nach Blues für Fagott… (→ 2005).
2016-09-02Freund Heinz Zwack kauft sich einen neuen Kindle (E-Book-Reader von Amazon) und schenkt mir seine alte Version, samt einigen E-Books, darunter seinen eigenen. Inzwischen habe ich auch meine vier eigenen E-Books darauf kopiert.
2017Ab diesem Jahr (für das Vorjahr 2015) erledige ich alle Tätigkeiten für die Steuererklärung selbst und digital: Buchführung, Verarbeitung mit WiSo-Software sowie Erstellen und Abschicken der Steuererklärung mittels ElStEr – die „Elektronische Steuer-Erklärung“ mit dem köstlichen Akronym.
2017-09-13Von meinem Urgroßvater Ferdinand Naumann (Hotelier im „Hotel Gotha“ auf dem Inselsberg bei Jena) sind drei (von ursprünglich fünf) Tagebücher auf mich gekommen. Sie sind in alter Sütterlin-Schrift verfasst, die ich kaum entziffern kann. Meine Cousine Ursula hat Band II in mühsamer Kärrnerarbeit transkribiert, sodass nun eine digitale Fassung zumindest des Zeitraums „1. März 1886 – 13. Januar 1896“ existiert. Auszüge davon mache ich in meinem Blog zugänglich.
2017-09-20Erwerb einer elektrischen Zahnbürste (Philips SoniCare AirFloss #1 Ultra) – auch so ein kleines digitales Wunder, das sich drei Minuten merken kann und die in vier gleichmäßige Intervalle teilt. Zähneputzen macht endlich Spaß!
2020-04-08Erster Post meines neu gestarteten Blogs „hyperwwriting.de“.
2020-10Wegen Corona-Pandemie reine Online-Kurse „Kreatives Schreiben“ mit Video-Konferenzen, zum Beispiel mit Studierenden der Berufsbegleitenden Akademie Breitenbrunn in Sachsen/Erzgebirge. In 2020 zwei Kurse zu sechs vollen Tagen (montags bzw. dienstags) – im darauffolgenden Jahr 2021 weitere drei Kurse dieser Art. Ein wunderbarer Zufall, dass die Digitalisierung inzwischen soweit fortgeschritten ist, dass diese Video-Konferenzen möglich wurden.
Ich führe auf diesem „digitalen Weg“ auch Einzelberatungen durch – meine Kolleginnen von der Psychotherapeuten-Zunft mussten wegen der Pandemie alle auf diese digitale Lösung umsteigen (Schwinn 2022).
2021-03Wegen Corona braucht man immer wieder mal einen Schnell-Test, zum Beispiel um Zugang zum Fitness-Studio zu erhalten. Da ist es praktisch, das (bisher zum Glück immer „negative“) Ergebnis digital via Smartphone mit  QR-Code präsentieren zu können.
2021-12Fünf technische Neuerwerbungen zeichnen dieses Jahr aus und sie haben alle mit Digitalisierung zu tun:
° Das I-Phone (ermöglicht via FaceTime Videokonferenzen).
° Die neuen Hörgeräte: aufladbar, mit verbesserter Software und via Bluetooth verbindbar mit I-Phone, PC, CD-Player, Fernseher und – zumindest theoretisch – auch mit dem Festnetztelefon.
° Ein neues volldigitales Gigaset-Telefon (für Festnetzverbindung und Internet-Anschluss).
° Das Apple-TV-Gadget, das meinen Fernseher direkt mit dem Internet verbindet und somit Streaming ermöglicht (was zugleich auch ein Problem ist, weil ich seitdem viel zu viel Filme schaue). –
Nicht unwichtig: nach wie vor funktioniert mein PC aus dem Jahr 2012 fehlerlos – es ist inzwischen Computer #12.
2022-05-13Besuch im neuen Zukunfts-Museum in Nürnberg. Ich probiere dort erstmals eine VR-Brille aus und erkunde einen fiktiven „Virtuellen Raum“ – eindrucksvolle Demonstration künftiger Möglichkeiten der digitalisierten Welt. Außerdem wird der eindrucksvolle weiblicher Roboter AMECA vorgeführt, der unglaublich lebensechte Mimik und Gestik und Sprechweise vorführt. Dazu der golden schimmernde Quanten-Computer – wie ein Gerät aus einem Science-Fiction-Film (in der TV-Serie Devs sieht man eine – fiktive – Weiterentwicklung). Verblüffend auch die Gesichtserkennungs-Maschine – machte mich allerdings zehn Jahre jünger (danke!) – und lässt „chinesische Zustände“ der digitalen Überwachung auch bei uns befürchten.
2022-07-21Enkel Nico (15) bekommt einen Ersten Preis bei „Jugend forscht“ und bald darauf noch einen Ersten Preis für die Weiterentwicklung seiner Simulation zur Stadtentwicklung.
2022-09-10Mit Hilfe einer neuartigen Software mit hohen KI-Eigenschaften generiere ich überraschend interessante Bilder aus eigenen Haiku.
2022-10Die Möglichkeiten des (digitalen) Streaming haben mein Medienverhalten total verändert:
° Ich höre fast keine Musik mehr (obwohl ich viele sehr gute CDs habe).
° Ich schaue fast keine Filme mehr auf Blu-ray an oder auf DVD (einige besitze ich  noch) – und das bei einer Sammlung von 350 sehr guten Titeln, denn
° durch das Abo bei Disney+ (das ich mit der Familie teile) ziehe ich mir viele Serien und Einzelfilme rein, die ich sonst nie angeschaut hätte – einfach weil das Streamen so verführerisch leicht ist.
Tabelle: Der Verlauf meiner persönlichen Digitalisierung (Archiv: JvS)
Abb. 2: Mein erster Computer 1983 mit ausklappbarer Tastatur und zwei Floppy-Laufwerken (Archiv JvS)

Manche Details für die obige Tabelle waren nur sehr mühsam zu rekonstruieren. Wann habe ich zum Beispiel erstmals Zugang zum Internet bekommen?
Was ich noch wusste, war, dass dies damals mit Hilfe eines akustischen Modems über das (voll analoge) Festnetztelefon ablief und dass mein erster Provider AOL war – ein Welt-Konzern, der den Internet-Hype nicht überstanden hat. Ich wusste auch noch, dass Boris Becker damals Werbung für AOL machte mit dem flotten Spruch „Ich bin drin“.
Heute lässt sich das ganz einfach recherchieren: Man gibt bei Google in natürlicher Sprache ein „Ich bin drin – Boris Becker“ – und eine Sekunde später wird der betreffende Werbespot bei YouTube präsentiert, mit Datum „1999“.
Die Tabelle mit ihren vielen Informationen war nur möglich, weil die allmähliche Digitalisierung meines Lebens auch gut gefüllte Datenbanken generiert hat, aus denen ich nun leicht „Honig saugen“ kann: Je eine eigene DB zu Büchern, zu Filmen, zu eigenen Texten und der Thesauros, in dem ich seit 1980 mein eigenes Lexikon mit inzwischen mehr als 4.000 Stichwörtern aufgebaut habe. Der erste Eintrag darin (vom 13. August 1980) befasst sich mit „Kugelblitzen“ (ich habe 1953 selbst mal einen erlebt, in den Sommerferien auf Sylt).

Abb.3: Virtual Reality mit VR-Brille im Zukunftsmuseum (Archiv: JvS Nürnberg 2022-05-13)

Persönliche Digitalisierung: MultiChronalia
2022-07-27: Soeben habe ich meinen vorletzten Drucker beim Wertstoffmobil entsorgt, einen Brother Tintenstrahler, den ich seit 2007 verwendet habe und mit dem ich sehr zufrieden war – bis er jetzt „das Zeitliche gesegnet“ hat. (Ich hatte mir damals im Mediamarkt sogar drei Exemplare gekauft, weil der Preis supergünstig war – 65 €, wenn ich mich recht erinnere; ein Exemplar machte irgendwann Probleme und ließ sich nicht mehr reparieren, das dritte schenkte ich nach dem Umzug in die Winzererstraße meinem Sohn Jonas).
Seit zwei Wochen arbeite ich mit meinem ersten Laserdrucker – einem LaserJet. Anlass für einen Blick zurück:
1954-07: Die allererste Schreibmaschine, auf der ich zu tippen begann, war die „Erika“ meines Vaters, eine kleine Reiseschreibmaschine. Auf ihr schrieb ich die Exposees ab, die ich mir für die Heftserie Jim Parkers Abenteuer im Weltraum ausgedacht hatte und zunächst (heimlich) unter der Schulbank auf meinen Knien handschriftlich notierte. Das Ganze im Format DIN A6, also Postkartenformat, einmal gefaltet und von meinem Freund Alfred Hertrich mit einem „Titelbild“ samt Logo Utopia versehen. Leider habe ich von diesen vielen (50?) Exposees nur noch eines, „Der rote Stern“ (über einen Flug zum Mars) – und das ist nur noch in einer schlechten digitalen Kopie vorhanden, das Original derzeit nicht auffindbar. An die nächste, nun eigene, Schreibmaschine kann ich mich nicht mehr erinnern; das war während meines Studiums. Es folgte eine elektronische Variante (meine Frau Ruth hatte zeitweilig eine supermoderne IBM-Kugelkopf) . Und dann kam schon die erste richtig digitale „Schreibmaschine“: 1983 ein Nadeldrucker samt dem dazugehörigen Computer und Bildschirm.
Die Entwicklung der Digitalisierung (auch bei mir selbst) ist also ein gutes Beispiel für das, was ich als MultiChronie bezeichne.

Quellen
Alpers. Hans Jürgen (Hrsg.): Science Fiction Almanach 1983. Rastatt 1982 (Arthur Moewig Verlag).
Scheidt, Jürgen vom: Psarak abukò“. In: Pioneer Nr. 19. Wien 1064. Nachgedruckt in → Alpers 1982.
ders.: Männer gegen Raum und Zeit (Leihbuchausgabe). Wuppertal-Barmen 1958 (Wieba).
ders.: Sternvogel. Minden 1962 (Bewin).
ders,: Der geworfene Stein. Percha bei München 1975 (R.S.Schulz).
ders.: Die stählernen Hände. In: Selecta Nr. 10 vom 08. März 1965. Planegg (Selecta-Verlag).
ders:. „Arbeit am Rechner: ein Abenteuer für die Seele?“. In: p.m.computerheft Nr. 3/Feb 1985, S. 80-82.
Schwinn, Michaela: „Therapie am Küchentisch“ (Digitale Fernberatung). In: Südd. Zeitung Nr. 96 vom 27. April 2022, S. 06.

283 _ aut #1048 _ 2022-10-05/15:08

°Der Augenblick des Vertrauens (Story)

 „Das ist wundervoll“, sagte der junge Mann zu dem Greis, „dass Sie das einzige Archiv aus der Alten Zeit vor der Weltdiktatur gerettet haben, das nicht manipuliert ist.“
Ehrfurchtsvoll betastete er die Kästen mit Hängemappen, voll mit bedrucktem Papier und handgeschriebenen Dokumenten, die der Greis ihm offenbart hatte.
„Und da drin steht die unverfälschte Wahrheit, wie es wirklich war in der Welt, ehe alle Archive vernichtet oder verändert wurden?“
Der Greis nickte bedächtig.
„Und all die schönen Handschriften – heute schreibt ja niemand mehr mit der Hand.“
„Ich schon“, murmelte der Greis, „manchmal. Tagebuch. Briefe, die niemand mehr liest außer mir. Aber es ist mühsam geworden. Die Gelenke, verstehen Sie, die Arthritis -„
„Ich danke Ihnen für das große Vertrauen, mich in Ihr Geheimnis einzuweihen und vor allem keine Angst zu haben vor diesem großen Schritt.“
„Was bleibt mir anderes übrig – in meinem hohen Alter. Meine Tage sind gezählt.“
Der junge Mann nickte verständnisvoll. Dann holte er das Feuerzeug aus der Tasche.

Abb.: All die schönen alten Handschriften und dies gedruckten Dokumente (Photo by Pixabay on Pexels.com)

282 _ aut #1452 / 2022-09-28/11:06 (1996-08-19)

„Ozapft is“ – Oktoberfest 2022

Wer lieber einen Joint raucht, ist empört, dass die CSU heftig gegen die Legalisierung von Cannabis wütet – aber sich enthusiastisch stark macht für „das größte Besäufnis der Welt“, wie es jemand mal kritisch genannt hat. Klar, da geht es ja nicht nur um den Ausschank von 7,85 Millionen Liter Bier (= 471 013 Liter reiner Alkohol) an 6,5 Millionen Menschen (Stand 2019) und somit um einen großen Wirtschaftsfaktor der Stadt München: 448 Millionen Euro Gesamtumsatz auf der Wiesen – mit Übernachtungen etc etc geschätzte eine Milliarde Euro in diesen zwei Wochen. Dafür kann man sich schon stark machen.

Aber die „Wiesn“ ist ja viel mehr – auf jeden Fall „Brot und Spiele“ vom Feinsten – oder vom lautesten, je nach Geschmack. Da haben die Münchner wirklich etwas gelernt von den Römern der Antike und die vielen italienischen Besucher (vier von 100 Wiesn-Besuchern) wissen das sicher auch zu schätzen.

Abb. 1: Das sieht man nur vor Beginn des Rummels: Jede Menge Polizisten, die im Gänsemarsch zu ihrem Einsatz anrücken (Archiv JvS 2013)

Als ich diesen Beitrag Mitte 2021 vorbereitet habe, diskutierte man ernsthaft, ob man auf die „Wies´n“ möglicherweise nur Geimpfte lassen sollte. Der Aufschrei in den Medien war gewaltig. Man wollte sich doch „das größte Besäufnis“ nicht von ein paar Hypochondern vermiesen lassen!
Nun ist der Rummel seit Freitag 16. September 2022, also im Gange wie eh und je seit 1810, also seit nunmehr 210 Jahren (mit ein paar kriegsbedingten Lücken) . Auf mich wird man dort verzichten müssen – nicht nur wegen Corona. Ich mag diesen Höllenlärm und das Geschubse und Gedrängel schon lange nicht mehr.
Aber mir ist auch klar, dass nach den berührungsfeindlichen Lockdowns von 2020 und 2021 ohne Oktoberfest und manche andere Festivität das Bedürfnis vieler Menschen nach ausgelassenem Feiern groß ist. Und wenn man Kinder hat, dann muss man da halt eh mal hin, zumindest als Münchner und mindestens einmal.

Man könnte ja auch den Geldbeutel zulassen und den Verstand einschalten, der einem sagen muss: Sehr sinnvoll ist das nicht. Aber beim Einlass zur Wies´n wird ja kein Intelligenztest verlangt.
Klar, dass sich unzählige der vermutlich wieder 6,5 Millionen Wiesenbesucher mit Corona infizieren werden, das ist unvermeidlich und entspricht der Erfahrung, die man in den beiden vergangenen Jahren noch mit jedem größeren Festgedränge gemacht hat.
Kann man zur Kenntnis nehmen und den Rummel dann meiden – oder man ignoriert die Bedenken mit einem Achselzucken und denkt sich: „Wird schon schiefgehen – was soll´s“ oder ähnlichem Aberglauben. Aber das hat ja auch ein Gutes: Je mehr Menschen sich infizieren (und das einigermaßen gesund überleben), umso besser ist die Durchseuchungsrate. Naturexperiment, nennt man das in der Forschung: Wenn es einfach passiert und man hinterher in aller Ruhe auswerten kann, was geschehen ist.

MultiChronalia

MultiChronie ist eine sehr heilsame Angelegenheit, weil sie einem immer wieder hilft, zu bestimmten Themen frühere Erlebnisse zu erinnern und diesen ganz speziellen Zeitfaden zu aktivieren – was nach meiner Erfahrung der ganzen Persönlichkeit und dem Selbstgefühl gut tut. Nun also das Thema „Oktoberfest“. Was sind meine diesbezüglichen MultiChronalia?

Mein erster Wies´n-Besuch war mit hoher Wahrscheinlichkeit 1956, also bald nachdem wir von der oberfränkischen Kleinstadt Rehau in die bayerische Landeshauptstadt umgezogen waren. Daran habe ich jedoch keinerlei Erinnerungen.
Sehr genau erinnere ich mich daran, wie ich zwei oder drei Jahre später voller Zorn auf die Menschen, egal wer, grimmig entschlossen das Haus verließ und mich auf den Weg zum Oktoberfest machte, um mich dort mit wem auch immer zu prügeln. Daraus wurde dann nichts, vor allem, weil mein Zorn längst verraucht war, als ich endlich die Trambahn nahe der Wies´n verließ (die U-Bahn gab es damals noch nicht).
Sehr klar und zudem recht schmerzhaft sind meine Erinnerungen an einen Besuch des Rummels an einem Abend im Oktober 1961, als ich in eine Schlägerei unter Jugendlichen geriet. Da schlenderte ich geruhsam mit meinem Klassenkameraden Dieter S. durch die Menge. Ich bemerkte, dass vor mir einige Burschen und Mädchen auf einen einzelnen anderen Jugendlichen einschlugen. „Komm, dem helfen wir“, sagte ich spontan zu Dieter und lief zu der johlenden Meute. Dort entdeckte man mich sofort als nächstes potenzielles Opfer. Eines der Mädchen schrie: „Der kunnt a oane braucha“, will sagen: eine Ohrfeige oder was ähnliches. Und schon ließen sie von dem Opfer ab und kamen auf mich zu. (Hier muss ich einschieben, dass ich 1,84 Meter groß bin, damals an die 80 Kilo wog und mit auffällig weißem Wollpullover und Brille wohl den perfekten Blitzableiter für testosterongeladene Burschen abgab. Und mit meine 21 Jahren war ich auch schon ein wenig erwachsener als sie, dachte ich.)
Wo war Dieter, der mir sicher helfen würde? Der war spurlos verschwunden! Einer der Rambos hatte, wie ich deutlich sah, einen Schlagring übergestreift. Da packten mich schon links und rechts zwei Kerle und der mit dem Schlagring stürmte auf mich zu. (Hier muss ich weiterhin einschieben, dass ich damals zweimal die Woche ins Judotraining ging und schon ein wenig Erfahrung damit hatte, wie man Schläge abwehrt und auch selbst welche platzieren kann; sehr effizient ist ein Handkantenschlag aufs Schlüsselbein, das dann schmerzhaft bricht, oder noch besser gegen den Kehlkopf und dann der Tritt ins Gemächte). Ich war wie in Trance, schätzte meine Chancen gegen diese etwa fünf Burschen positiv ein, schüttelte die beiden, die mich von hinten an den Oberarmen festhielten, wie lästiges Ungeziefer ab und war kurz davor, den Anführer mit dem Schlagring einen bösen Tritt und Schlag zu verpassen –
– als mein übriges Gehirn blitzschnell verstand, dass ich da eine ganz üble Verletzung verursachen könnte, eventuell (Kehlkopf!) sogar den Gegner töten würde (wovor uns Judoka Aigner nachdrücklich gewarnt hatte) –
Also Rückzug! Umschalten in Panikmodus, Flucht – unter Zurücklassung eines Halbschuhs, die heruntergestoßene Brille erwischte ich gerade noch, und nichts wie weg. Ich rannte durch die dichte Menge und tauchte buchstäblich darin unter – wie man das in jedem besseren Krimi sehen kann. Irgendwann saß ich, mit nur einem Schuh und ziemlich erschöpft, in der Tram und zockelte nachhause. Ende der Vorstellung.

Aber das Ganze hatte sich gut in mein Gedächtnis eingebrannt und ließ sich 1975 mühelos abrufen, als ich meinen Roman Der geworfene Stein schrieb und dafür genauso eine Szene brauchte: Ein Schlägerei auf dem Oktoberfest. Kann man dort nachlesen, in Kapitel 35. Das kleine Oktoberfest-Abenteuer hatte also auch sein Gutes, letztes Endes. Irgendwas muss man als Autor ja erleben, um es dann auf dem Papier erzählen zu können. Und wohlan – hier im Blog kann ich gleich noch einmal davon berichten. Fühlt sich richtig gut an, diese Erinnerung: Allein gegen fünf Gegner! Vow!

Es dürfte 1977 gewesen sein, als ich mit meinen beiden Kindern auf die Wies´n ging. Das muss man ein paar Mal machen – bis sie alt genug sind und das lieber ohne Eltern unternehmen. Gregor war gerade sieben und Maurus fünf. Vorsorglich schärfte ich den beiden beim Betreten des Festgeländes ein, dass „wir uns genau hier beim  Riesenrad wieder treffen, falls wir uns aus den Augen verlieren“. Das ist am Nachmittag nicht so wild wie am Abend, wenn die Menge wirklich nahezu undurchdringlich ist. Aber meine väterliche Fürsorge löste bei Maurus geradezu Panik aus, und ich hatte Mühe ihn zu beruhigen. Ein paar Fahrten mit einem der Schaugeschäfte lösten dann alles in Wohlgefallen auf – aber diesen Moment des Erschreckens habe ich nicht vergessen.

1985 dann das schreckliche Attentat- bei dem ein Sprengsatz am 26. September beim Haupteingang 12 Menschen tötete und 221 verletzte, 68 davon schwer. Der bisher schwerste Terrorakt in der Geschichte der Bundesrepublik. Auch in diesem Jahr war ich nicht auf die Wiesn gegangen, vom Anschlag las ich anderntags in der Zeitung. Für viele Jahre nicht nur für mich ein Grund, nicht mehr zu diesem Rummel zu gehen.

Es dürfte so um 1990 gewesen sein, dass ich mal am Abend allein über die Wiesn bummelte, um das einfach wieder mal zu erleben – denn ein Erlebnis ist es auf jeden Fall. Ich verkniff mir Karussellfahrten, gönnte mir aber eine Portion Zuckerwatte, als Gehirnfutter, gewissermaßen, um mich dann aufmerksam beobachtend durch die Menge treiben zu lassen. Eine Menge, die von Viertelstunde zu Viertelstunde immer dichter wurde und mir zuletzt vorkam wie ein zähflüssiger Menschenbrei, durch den kaum mehr ein Vorankommen möglich war. Nichts wie heim! dachte ich nur noch, geriet fast ein wenig in Panik – wenn jetzt irgendwo was passiert – wie fünf Jahre zuvor!! Ging aber gut aus.

2005 war ich mit meinem Freund aus Volksschultagen Dietmar Sammet an einem sommerwarmen Herbstnachmittag zum Hendlessen bei einem der Festzelte. Dietmar hatte Gutscheine von Geschäftsfreunden, und die verzehrten wir nun in Form von halbem Brathendl, Wiesnbrezn und je einer Maß (und dann „noch a Maß“), außen in einem der Biergärten sitzend und froh, nicht drin im auch nachmittags schon recht heftigen Gewühl um Sitzplätze und Essen und Bier kämpfen zu müssen. Von unser Gespräch erinnere ich nichts mehr, aber es war, wie jedes unserer monatlichen Treffen, sicher recht angeregt in einer Mischung an Kindheitstage in Rehau und aktuelle Themen wie der Sicherheit der Öl- und Gasversorgung (er war in dieser Branche tätig – und ja, die Sicherheit der Öl- und Gasversorgung war damals ein sehr akademisches Thema.)

Abb. 8: Dieses „Labyrinth“ ist genau genommen ein Spiegelkabinett. (Archiv JvS)

Dann ging ich erst wieder 2013 zur Eröffnung der Wiesn, weil ich Fotos machen wollte und mir endlich mal am Samstagmittag den Einzug der Wiesnwirte mit ihren festlich geschmückten, von eindrucksvollen Pferdegespannen gezogenen Bierwagen anschauen wollte – einmal im Leben sollte man sich das schon gönnen. Und unbedingt fotografieren wollte ich das Schaugeschäft mit dem lockenden Namen „Labyrinth“ (was ja bekanntermaßen ein sehr verwirrendes Spiegelkabinett ist und mit einem kretischen Labyrinth rein gar nichts zu tun hat). Das gelang mir dann 2016, also drei Jahre später.

Und nun lese ich im Jahr 2022, gemütlich im Café „Rigoletto“ sitzend, im Lokalteil der Süddeutschen Zeitung, was es über das Oktoberfest in diesem dritten Corona-Jahr zu berichten gibt. Und ich erinnere mich an die Schlägerei vom Jahr 1961, die zum Glück gut ausging. Und an den Besuch im „Labyrinth“ schon lange vorher, den ich 1964 in einer Kurgeschichte mit dem Titel „Im Spiegelkabinett“ verarbeitet habe.

Quellen
Franke, Herbert W. (Hrsg.): Science Fiction Story-Reader Nr. 4. München 1975 (Heyne TB).
Kotteder, Franz: „Die woke Wiesn“. In: Südd. Zeitung Nr. 215 vom 17./18. Sep 2022, S. R 01.
Scheidt, Jürgen vom: „Im Spiegelkabinett“. In Franke 1975.
Ders.: Der geworfene Stein. Pecha 1975 (R.S. Schulz).

283 aut #1156 _ 19. Sep 2022 / 11:35

Weltformel „Heldenreise“

Vorab: Die klassische Heldenreise, etwa eines Theseus, Siegfried oder Herkules, war eine reine Männersache. Inzwischen gibt es so viele weibliche Helden resp. Heldinnen (ich denke da an Lara Croft in dem bekannten Computerspiel Tomb Raider und an die inzwischen unzähligen Kommissarinnen, die in Krimis ermitteln), dass es vielleicht an der Zeit ist, eine neutralere Bezeichnung einzuführen, die genderfreundlicher ist. Wie wäre es denn mit „heldische Reise“? Nur so ein Vorschlag (den ich ab jetzt gerne verwende). –

Hier im Blog geht es immer wieder mal um das Thema „Heldenreise“ resp. „heldische Reise“ (oder kurz „hR“). Sie ist mir als literarisches Konzept schon lange bekannt gewesen. Aber es war Daniel Speck, der mir 2002 in einer gemeinsamen Drehbuch-Werkstatt das Konzept näherbrachte, das ich ab da in meine Arbeit mit den Seminaren wie in meine eigenen Texte sehr hilfreich eingebaut habe.

Jede hR hat einen typischen Verlauf. Ich will ihn zunächst schematisch anhand eines Abenteuers vorstellen, das wir alle (!) jeden Tag bzw. jede Nacht selbst erleben:
° Wenn wir aus der Wachwelt das Tages
° über eine (manchmal körperlich spürbare) Schwelle
° hinabsinken in die Nachtwelt von Schlaf und Traum, von der wir praktisch null Ahnung haben, was da vor sich geht und was wir dabei, zum Beispiel träumend, erleben
° bis wir erneut über die Tag-Nach-Schwelle gleiten
° und am nächsten Morgen aufwachen.

Abb. 2: Die „heldische Reise“ vom Tag in die Nacht und wieder zurück. (Archiv JvS)

Ja: Sie machen jede Nacht so eine „heldische Reiser“ und ich wette, dass es Ihnen noch nie in den Sinn gekommen ist, das als ein besonderes Abenteuer zu betrachten. Ist es aber – wie Ihnen spätestens dann bewusst wird, wenn sie mal aus einem furchtbaren Albtraum schweißgebadet oder gar schreiend aufwachen. Dann ist diese „heldische Reiser“ nämlich nicht glücklich ausgegangen und ihr Gehirn (ihr Unbewusstes) hat gewissermaßen die Notbremse gezogen und als einzig mögliche Lösung das Aufwachen aktiviert.
Das erste Mal so richtig untersucht und als universelles Schema herausgearbeitet hat diesen Sachverhalt der britische Mythologe Joseph Campbell in deinem Standardwerk The Hera with a Thousand Faces, das für die Drehbuch-Autoren und Regisseure von Hollywood und überall auf der Welt zu einer Art Standard geworden ist. Wie der Dramaturg Christopher Vogler untersucht hat, zeigen die Erfolge (tops) und Misserfolge (flops) von Filmen deutlich, wie hilfreich dieses Konzept ist; Vogler hat es zugleich auf das Schreiben von Büchern überhaupt angewendet (und seinen eigenen kreativen Prozess beim Verfassen eben dieses Werks sichtbar gemacht) und mit The Writer´s Journey ein Standardwerk für alle Autoren geschaffen.
Jeder größere Entwicklungsschritt im Leben kann man nach dem Muster einer hR analysieren und wird dabei immer wieder dieselben Elemente oder Stationen finden – was die hR zu so etwas wie einem entwicklungspsychologischen „Weltformel“ macht. Im vorangehenden Beitrag über den Kinderroman → Peterchens Mondfahrt habe ich das einmal exemplarisch durchgespielt. Schauen wir uns diese Stationen nun einmal genauer an.

Abb.2: Verlauf einer typischen Heldenreise mit ihren verschiedenen Stationen (Archiv JvS)

Die abenteuerliche Reise eines Helden lässt sich nicht nur in Märchen und Mythen aus früheren Zeiten als erzählerische Grundstruktur herausarbeiten – sie stellt mit ihren typischen Stationen das Grundmuster für Geschichte dar und ist deshalb für jeden, der schreibt, von großem Interesse.
Der amerikanische Forscher Joseph Campbell hat viele Mythen, Märchen und moderne Erzählungen analysiert und daraus ein grundlegendes Modell des Ablaufs dieser abenteuerlichen Reisen entwickelt. Er folgt dabei Ideen und Untersuchungen seiner Vorläufer Leo Frobenius und C.G. Jung. Insbesondere inspirierte Campbell das Eindringen des athenischen Königssohns Theseus in das Labyrinth von Kreta und sein Sieg über den schrecklichen Minotauros. Dieser Mythos ist für ihn geradezu das Modell aller Heldenreisen. Das eigentliche Ur-Modell der Heldenreise ist allerdings der älteste überlieferte Mythos der Welt: das Gilgamesch-Epos.

A. Die 13 Elemente der Heldenreise

Die Heldenreise (engl. heroes’ quest) besteht aus einer Reihe deutlich abgrenzbarer Elemente und Schritte. Diese tauchen nicht immer alle, nicht immer in genau dieser Reihenfolge und auch nicht immer mit der gleichen Bedeutung auf. Die folgende Aufzählung ist also mehr eine idealtypische Entwicklung.

1. Dilemma und Konflikt (Agon)
Es geht bei der Heldenreise immer um einen Konflikt. Dies kann ein äußerer Konflikt sein, in dem der Held sich bewähren muss (im Krieg zum Beispiel), oder ein innerer Konflikt (“Kiffen – oder nicht mehr Kiffen – das ist hier die Frage.”).
Letzteres läuft, psychologisch gesehen, immer auf einen unbewältigten, verdrängten Rest der Kindheit des Helden hinaus, der ihn irgendwann einholt und die Wurzel seines Dilemmas ist (wie man im Film bei der Plot-Dramaturgie den Zustand des Helden benennt, bevor er seine eigentliche Reise beginnt). Das kann eine Geschwister-Rivalität sein, oder eine offene Rechnung mit dem Vater (Luke Skywalker im Kampf gegen seinen Vater Darth Vader, zum Beispiel).
Hier findet sich, in der Tiefe der Psyche der Hauptfigur, die alte Wunde, die nicht verheilt ist. Um deren schmerzhafte Nachwirkungen zu kompensieren, hat der Held in seiner Vor-Helden-Phase eine Reihe von psychischen Abwehrmechanismen (Anna Freud) entwickelt, die zu falschen Befürfnissen (needs) geführt haben, welche nun endlich korrigiert werden müssen. (Hieraus hat übrigens Hollywood sein überaus erfolgreiches Konzept von wound and need entwickelt – was nichts anderes ist als “the Heroes’ Quest in a nut shell” (Quest ist ein altertümliches Wort für Heldenreise).
Es ist also sicher nicht übertrieben festzustellen, dass die Psychodynamik des Familienromans, wie Sigmund Freud das nannte, der eigentliche Motor jeder Heldenreise ist. Letztlich ist es ein Kampf auf Leben und Tod, wie das alte griechische Wort für Konflikt deutlich sagt: Agonie heißt auch heute noch der Todeskampf des Sterbenden. Von diesem agon leiten sich die Bezeichnungen der Theaterwelt für den Helden (Protagonist) und seinen Gegenspieler (Antagonist) ab.

2. Call to Adventure (Der Ruf des Abenteuers)
Warum ziehen wir den englischen Ausdruck call to adventure dem deutschen “Ruf des Abenteuers” vor? Weil er das Moment des Exotischen hervorhebt. Denn jede Heldenreise führt in einen zuvor unbekannten Bereich der Wirklichkeit – in ein fremdes Land zum Beispiel. Oder in ein Land, das es gar nicht (mehr) gibt: das Phantasién von Michael Endes Unendlicher Geschichte, die Welt der Zauberer bei Harry Potter oder das Kreta der Antike mit seinem sagenhaften Labyrinth. Und manche Länder sind in unseren Tagen noch gar nicht erreichbar: der Mars, extrasolare Exoplaneten, die um ferne Sterne kreisen . . .
Von irgendwoher kommt eine Anregung, manchmal sogar auch die ganz unverblümte Aufforderung: “Tu dies!” (schreib zum Beispiel ein Buch zu dem und dem Thema). Und damit beginnt die Abenteuerreise. Es ist eine Reise in eine ganz andere Welt – Campbell nennt dies die Unterwelt oder Nachtwelt (bei Tannhäuser ist es der Venusberg). Denn um dieses anders sein als die gewohnte Wirklichkeit geht es dabei. Ein jedem Menschen geläufiges Beispiel ist die Welt der Träume, in der wir uns jede Nacht begeben.

2.1 Die Weigerung des Helden, dem Ruf zu folgen
Nicht immer macht sich der Protagonist gleich auf den Weg. Manchmal muss er mehrmals (meistens dreimal) gerufen werden, damit er loszieht. Und gelegentlich ist sogar so etwas wie ein Kick to Adventure, ein richtiger Tritt in den Hintern nötig, damit der Held seine Reise ernsthaft beginnt. Denn es ist nicht leicht, die alten Wurzeln in der vertrauten (Ober-) Welt zu kappen.
Das Neue, Unbekannte macht Angst. Erst die Überwindung dieser und anderer Ängste macht den Protagonisten ja zum Helden. Für den Autor, der sich selbst auf einer Heldenreise befinden mag, äußert sich das oft als Schreib-Blockade.

3. Das Überschreiten der Schwelle
Um in die andere Welt, die Welt des Abenteuers, zu kommen, muss man eine Schwelle überschreiten, die in der Regel streng bewacht wird: vom Hüter der Schwelle (siehe übernächster Punkt).

3.1 Abstieg in die Unterwelt
In der Unterwelt muss man allerlei Gefahren bestehen, die Prüfungen für den Helden darstellen. Da ist die Hilfe eines erfahrenen Mentors wichtig (siehe nächster Punkt). Während einer Psychoanalyse ist diese Unterwelt nichts anderes als die Inhalte (Erinnerungen) der eigenen Lebensgeschichte, die nach und nach aus dem Vorbewussten und Unbewussten aufsteigen.

3.2 Der Hüter der Schwelle
Der Schwellenhüter hindert einen daran, die andere Welt zu betreten. Diesen Schwellenwächter muss man überwinden. Ein triviales Beispiel: Wenn man unbedingt in eine bestimmte Disco hineinmöchte, liegt es im Ermessen des Cerberus am Eingang und in unserer Überzeugungskraft, ob uns dies auch gelingt. Ein literarisches Beispiel: Franz Kafka hat eine berühmte Geschichte über so einen Türhüter geschrieben: “Vor dem Gesetz”. Im Arbeitsleben ist es vielleicht der Personalchef einer Firma, der angesichts unserer Bewerbung um eine Stelle zum Schwellenhüter wird. Für einen angehenden Autor auf eigener Heldenreise kann es jemand aus der eigenen Familie sein, der einen zunächst am Schreiben hindert.

4. Der Mentor
Der Mentor ist eine hilfreiche Figur, ohne die der Held seine schweren Prüfungen kaum bestehen könnte – sei es, dass er ihm beibringt, wie man richtig mit dem Schwert (oder der Feder) umgeht – sei es, dass er ihr wichtige Auskünfte über das unbekannte Terrain vermittelt, in welches der Held, die Heldin aufbricht.
Der Mentor ist also einer, der die Heldenreise selbst schon einmal erfolgreich bewältigt hat. Das ist der Grund, weshalb Psychoanalytiker selbst eine (Lehr-)Analyse absolvieren müssen, in deren Verlauf sie ihr eigenes Leben einigermaßen verarbeiten sollen.
Für einen angehenden Buchautor könnte so ein Mentor ein erfahrener älterer Kollege sein (obgleich man so jemanden mit der Lupe suchen müssen wird – erfolgreiche Autoren haben selten Zeit für Kollegen, weil sie gerade ihr nächstes eigenes Buch schreiben).
Hilfreich ist in der Unterwelt auch ein schützendes Amulett (siehe nächster Punkt).

5. Das Amulett
Dieses magische Objekt (von arabisch hammalât = Tragband) ist nicht nur Aberglaube. Psychologisch gesehen, handelt es sich um ein kleines Objekt, das vom Träger symbolisch stark psychisch aufgeladen wird. Es soll immer wieder die Aufmerksamkeit auf eine zu bewältigende Aufgabe lenken – zum Beispiel ein schönes Paperqweight, das auf dem Schreibtisch das Buch repräsentiert, das man schreiben möchte. Außerdem treten Helfer-Figuren auf und (Magisches) Werkzeug wird dem Helden übergeben.

6. Hindernisse und Prüfungen
Erste kleine Hindernisse müssen überwunden, Prüfungen bestanden werden, damit die Reise fortgesetzt werden kann.
Warum heißt das Abitur wohl Reife-Prüfung? Weil es nur ganz am Rande darum geht, ob Sie alle Fragen in allen Prüfungsfächern richtig beantworten können, sondern ob Sie den enormen Stress adäquat bewältigen, der mit dieser Mutprobe verbunden ist.
Aus vielen Märchen sind uns die Rätselfragen vertraut, die dem Helden gestellt werden. Beantwortet er sie falsch – kommt er nicht selten zu Tode. Ödipus hat Glück (und Verstand genug), um diese geheimnisvolle Frage der Sphinx richtig zu beantworten:
“Was ist das – geht am Morgen auf vier Beinen, am Mittag auf zwei, am Abend auf drei?” (Richtige Antwort: der Mensch – als krabbelnder Säugling, als aufrechter Erwachsener, als Greis mit Krücke).
Manchmal ist auch hilfreiche Anteilnahme gefragt – so wenn die fertig gebackenen Brote der Goldmarie auf ihrem Weg zur Frau Holle aus dem Backofen zurufen: “Nimm uns raus”.
Werden diese Prüfungen bestanden, so wird man reich beschenkt: mit einem heilkräftigen Elixier, mit einem Goldschatz, einer Prinzessin (das Tapfere Schneiderlein!) – oder dem Abiturzeugnis.
Für den Autor auf eigener Heldenreise: das Manuskript wird fertig.

7. Die Helfer des Widersachers . . .
. . . stellen sich in den Weg und müssen besiegt werden.
Spiegelbildlich zu den Helfern der Hauptfigur verhält es sich auf der Seite des Widersachers. Dort findet man den fiesen Schläger des Mafia-Bosses, das magische Tier eines bösen Zauberers – oder die Geheimagentin einer feindlichen Macht, welche James Bond betört und ausspioniert oder ihn sogar zu ermorden versucht .

8. Auftreten des eigentlichen Widersachers (Antagonist) und Kampf mit ihm
Nach einer Reihe kleinerer Abenteuer auf dieser Reise kommt es zur Großen Begegnung mit dem Haupt-Gegner (s.o. 6). Er ist in der Detektivgeschichte buchstäblich der König der Unterwelt, im Abenteuer- und Fantasyroman ein Ungeheuer, ein Drache, ein Böser Gott, der Satan; im Labyrinth ist es der mörderische Minotauros, mit dem Prinz Theseus konfrontiert wird.
Für den Autor auf Heldenreise ist dies die “große Blockade”, in der er total frustriert sein Projekt aufgeben möchte – weil zum Beispiel “unerledigte Geschäfte” aus der Vergangenheit auftauchen und sich störend auf den Schreib-Prozess auswirken.
Man nennt diesen größten Gegner auch Widersacher oder Antagonist. In ihm verkörpern sich am intensivsten alle Widrigkeiten, welchen der Held auf seiner Reise begegnet.
In der Labyrinth-Sage ist dies der Minotauros, ein stierköpfiges Ungeheuer. In der Filmserie Krieg der Sterne verkörpert den Widersacher Luke Skywalker´s eigener Vater – Darth Vader. Bei Harry Potter ist es der schreckliche Lord Voldemort.
In der Konfrontation mit dem Antagonisten muss der Held alle seine Kräfte und Talente mobilisieren, um diese größte aller Prüfungen zu bestehen. Oder er scheitert – als Anti-Held. Letzteres findet man im Alltag in jedem Alkoholiker-Schicksal – der Dämon sitzt dabei in der eigenen Persönlichkeit.
Grundsätzlich gilt: Je stärker und bösartiger der Bösewicht ist – umso größer der Triumph des Helden, wenn er ihn schließlich doch besiegen kann.

9. Existenzieller Tiefpunkt des Helden = Höhepunkt der Handlung
In der Regel ist der Kampf mit dem Widersacher (s.o.) auch der Höhepunkt einer Erzählung. Genau genommen ist es jene Situation kurz davor, in welcher der Held so in die Enge getrieben ist, dass er meint, diese Prüfung nicht zu schaffen. Er ist kleinmütig, voller Angst, verzweifelt, scheinbar ohne jede Hilfe – und durch die Angst auch noch blockiert in seinen Möglichkeiten, vorhandene Erfahrungen, Energiereserven und hilfreiche Begabungen zu mobilisieren (Angst ist etymologisch eng verwandt mit Enge, eng).
Mit anderen Worten: Der Held (die Heldin) ist auf dem Tiefpunkt seiner (ihrer) Existenz angelangt. Erst wenn der Protagonist in diesem Augenblick alle alten Erfahrungen und Verhaltensmuster loslässt (die ja ganz offensichtlich nichts bewirken) – kann die Situation umschlagen und sich zum Besseren wenden.
Diese neue Offenheit ist der Schlüssel zum Aufstieg aus der Tiefe.
Ein sehr häufiges Beispiel, das dies deutlich macht: Menschen, die kurz vor dem Suizid stehen, weil sie keinen anderen Ausweg mehr sehen (Job gekündigt, Ehe kaputt, Bankkredit gekündigt) sehen auch die Hilfen nicht, die eigentlich vorhanden sind. Erst wenn sie nach einem missglückten Suizidversuch gerettet werden und z.B. nach einer Tablettenvergiftung im Krankenhaus auf der Intensivstation aufwachen, sind plötzlich alle möglichen Helfer da. Die gab es vorher auch – aber der Tunnelblick der Verzweiflung und Angst (und des falschen Stolzes etc.) hat sie ausgeblendet. Ab da kann es wieder aufwärts gehen.

Jede gute Geschichte, ob die von Harry Potter oder Tarzan oder Wer-auch-immer, bezieht ihre Stärke und Überzeugungskraft aus dieser menschlichen Grunderfahrung: Auch in größter Not ist Rettung möglich. Aber sie verlangt eine echte Bereitschaft zu existenzieller Neuorientierung. Was psychologisch gesehen nichts anderes bedeutet als: Einen grundlegenden Konflikt neu zu bewerten und dadurch neuen Lösungen zugänglich zu machen (s. nächster Punkt)

9.1 Im Zentrum der Unterwelt (die Tiefste Höhle)
Die Tiefste Höhle ist für Campbell der Ort der endgültigen Begegnung mit dem Widersacher und des alles entscheidenden Kampfes mit ihm. Im Labyrinth-Mythos ist dies der Kern des Labyrinths, wo das Ungeheuer haust. In den Geschichten von Drachen ist es deren Höhle.
Jeder Romanschriftsteller, jeder Drehbuchautor und Filmregisseur verwendet eine Menge Aufmerksamkeit und Gehirnschmalz darauf, diesen mythischen Ort entsprechend im Bewusstsein des Lesers und Zuschauer sichtbar und vor allem fühlbar zu machen.
Jeder ordentliche Albtraum macht das kostenfrei für Sie – wenn Sie unbedingt möchten sogar jede Nacht. Der Tunnel, durch den Sie kriechen, hinten von einbrechendem Wasser und vor ihnen von einer Feuersbrunst bedroht – wenn es Ihnen da nicht gelingt, die Tür in den rettenden Seitengang zu entdecken, der Sie ins Freie führt – bleibt ihnen nur noch eines: Aufwachen!

10. Lysis durch Freisetzung verborgener Kräfte und Talente
Es gelingt dem Helden, verborgene Kräfte zu mobilisieren und den Widersacher zu besiegen – Helfer (Freunde) und magische Werkzeuge treten eventuell unterstützend in Aktion. Der Sieg über den Widersacher setzt im Helden ungeahnte Kräfte frei. Diese Lysis ermöglicht ihm die Rückkehr in die Oberwelt.

10.1 Die Helfer des Helden
Es gibt noch andere Figuren außer dem Mentor, die dem Protagonisten in der Not beispringen (oder schon davor). In der Labyrinth-Sage ist das beispielsweise die Prinzessin Ariadne, die dem Helden Theseus ein Schwert und den sprichwörtlich gewordenen Roten Faden gibt, ohne deren Hilfe er den Minotauros schwerlich besiegen könnte.
In vielen Märchen sind es Zwerge oder hilfreiche Geister, die in höchster Gefahr zur Hilfe kommen.

10.2 Magische Werkzeuge
Das können wörtlich Gegenstände sein (Waffen, neue technische Geräte) – oder Überzeugungen, Werte, neue Fertigkeiten. Der Rote Faden, den Prinzessin Ariadne dem Theseus mitgibt, damit er sich im Labyrinth zurechtfindet, ist so ein Magisches Werkzeug par excellende. Eigentlich ein Nichts, ein Stück Wolle – wird dieser Faden zum Lebensretter, weil er (dank einer geheimnisvollen Eigenschaft, welche der Erfinder Daidalos dem Faden verliehen hat) wie ein GPS-Gerät den Weg durch das Labyrinth (eigentlich ein Irrgarten, ein Yrrinthos) zeigt mit seinen vielfältigen Möglichkeiten, sich zu verirren und dem todbringenden Ungeheuer Minotauros zu begegnen.
Für Harry Potter ist sein Zauberstab so ein magische Werkzeug, desgleichen sein Umhang, der ihn unsichtbar macht. Alle Zauberer können sich in dieser Buchserie eines Portschlüssels bedienen, der sie an einen anderen Ort versetzt. Aber Harry kennt auch die Sprache der Schlangen, ebenfalls ein hilfreiches Werkzeug (was es wie so manches andere leider nur im Märchen gibt und in der Fantasy).

11. Bergung des Schatzes (Elixier) und Entdeckung neuen Lebenssinns
Das näher zu erläutern, erübrigt sich. Wenn die Verzweiflung und die Angst gewichen sind, die den Helden am existenzieller Tiefpunkt (siehe oben, Punkt 9), werden neue Fähigkeiten und Kräfte verfügbar und neuer Lebensmut macht neue Hoffnung und einen neuen Sinn im Leben zugänglich. Sonst taugt die ganze Geschichte nichts.
Dieser neuen Lebenssinn ist der eigentliche Gewinn der Heldenreise – der Schatz, die Essenz (siehe unten, Punkt 14).
Dieses Elixier (von arabisch: al-iksír = Quintessenz, Stein der Weisen) ist die große Belohnung für den Helden, der sichtbare Beweis einer Heldentat. Diesen sollte man jedoch nicht nur für sich behalten, sondern in die Tagwelt zurückbringen. Beispiele:
° Das Penicillin, das Fleming entdeckt und damit der modernen Medizin die – oft lebensrettenden – Antibiotika zugänglich macht,
° das Roman-Manuskript, das der Autor endlich vollendet hat.

In vielen Geschichten geht es auch ganz profan um das Auffinden und Erobern eines Schatzes (der allerdings auch ein Schatz im übertragenen Sinne sein kann – zum Beispiel eine hübsche Prinzessin, die man in letzter Sekunde den Klauen eines feuerschnaubenden Drachen entreißt)

12. Rückkehr in die Ober-Welt
Diese Rückkehr in die Ober-Welt ist von zentraler Bedeutung. Erst wenn man diesen Abschnitt der Heldenreise bewältigt hat, ist man der Meister der Zwei Welten (siehe nächster Punkt).

12.1 Magische Flucht – Überwindung des Anderen Schwellenhüters
Wenn der Held alle Fährnisse und Widrigkeiten der Unterwelt / der anderen Welt bestanden hat – kann es dennoch sein, dass er in dieser anderen Wirklichkeit bleiben möchte. Denken wir nur an Odysseus, der im Zauberschloss der Kirke verharrt – obgleich doch so wichtige Aufgaben wie die Rückkehr in die Heimat, der Kampf gegen die Freier um seine Ehefrau Penelope und die Rettung seines Sohnes Telemach vor der Gier der Erbschleicher auf ihn warten!
Dies nennt Campbell die Magische Flucht – die nichts anderes ist als die Flucht vor der Verantwortung in der ursprünglichen Realität, die ja trotz der Parallelwelt der Unterwelt immer noch existiert.
Tannhäuser gefällt es in den erotischen Verlockungen des Venusbergs zunächst besser als an dem Ort, von dem er kommt! Ähnlich geht es Odysseus bei der Zauberin Kirke.

13. Meister der Zwei Welten
Meister der Zwei Welten ist man, wenn man die Abenteuer der Heldenreise nicht nur selbst glücklich überstanden hat, sondern den dabei gewonnen Schatz in die ursprüngliche Heimatwelt zurückbringt (Theseus hat den Minotauros getötet und bringt seine geretteten Gefährten zurück nach Athen / das geschriebene Buch wird veröffentlicht).
Ein Meister der Zwei Welten ist natürlich auch der eingangs erwähnte Mentor (s. Punkt 4) – er hat diese gefährliche Reise ja schon einmal gemacht und alle Prüfungen mit Bravour überstanden. Sonst könnte er dem noch unerfahrenen neuen Helden oder der Heldin kein Vorbild und Förderer sein.

Nach-Geschichte
Eine Phase geht jedoch all dem eben Beschriebene vorweg und ist so fern dem abenteuerlichen Ablauf der skizzierten hR, dass sie völlig übersehen und unterschlagen wird: Die quälende Zeit, in der man sich, oft während vieler Jahre, nur äußerst dumpf bewusst ist, dass “etwas nicht stimmt” im eigenen Leben. Dass da etwas zur Verwirklichung drängt, in das man nur in manchen Träumen Einblick bekommt – oder in Tagträumen und Phantasien.
Die skizziert man vielleicht in Geschichten, in wilden Science-Fiction-Stories auf fernen Planeten und in fernen Zeiten – ohne zu begreifen, dass sie etwas mit unverwirklichten Möglichkeiten in der eigenen Persönlichkeit zu tun haben und mit dem Talent-Potenzial, mit dem man geboren wurde.
Ich nennen diese Vorphase Unzufriedenheit bis Verzweiflung. Für nicht wenige Menschen geht sie tödlich aus – und sie können deshalb die eigentliche heldische Reise nie antreten. Andere Anti-Helden überlassen sich der vermeintlichen Hilfe einer Rauschdroge (“Wer Sorgen hat, hat auch Likör”, merkte Wilhelm Busch hierzu in der Frommen Helene buchstäblich süffisant an) und enden in einer Sucht.
Und schließlich gibt es auch nach der Heldenreise eine wichtige Nachphase: das “ganz normale Leben”, das man dann wieder führen muss:
° Der Held Theseus wird König (von Athen) und muss nun regieren.
° Die Autorin beginnt mit den Recherchen für ihr nächstes Buch (oder verkauft wieder Autos, wie bisher).


B. Die Heldenreise der Autors

Moderne Drehbuch-Autoren wie George Lucas ( Krieg der Sterne ) beziehen sich, wie eingangs erwähnt, seit den 1970er Jahren ausdrücklich auf Campbells Buch. Es gibt inzwischen eine ganze Schule des Drehbuchschreibens, welche dieses Handlungsmuster auf ihre Fahne geschrieben hat – allen voran präsentiert von Keith Cunningham (der u.a. in der Drehbuch-Werkstatt der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) Seminare abhielt).
Cunningham (der auch Psychotherapeut der Jung´schen Richtung war), sieht in dieser uralten Heldenreise sogar noch mehr. Sie ist für ihn nicht nur ein Modell für Film-Drehbücher und Romane, sondern bildet zugleich den geistig-seelischen Weg ab, den auch der Autor solcher Werke durchwandert – als Heldenreise des Autors gewissermaßen.
Der amerikanische Film-Dramaturg Christopher Vogler hat 1998 den Cunninghamschen Ansatz übernommen und ausgebaut in seiner bahnbrechenden Studie The Writer’s Journey: Mythic Structure for Writers (der Titel der deutschen Übersetzung verengt das leider zu sehr zur “Odyssee des Drehbuchschreibers”).

C. Hintergrund: C.G. Jung und Leo Frobenius

1911 erschien C.G. Jungs Werk Symbole und Wandlungen der Libido , mit dem er sich von Sigmund Freud und der Psychoanalyse löste, um seine eigene Therapieform und -theorie zu gründen: die Analytische Psychologie. In diesem Buch befasst sich Jung an prominenter Stelle mit dem Konzept der Nachtmeerfahrt und der Heldenwanderung (was wohl auch mit seiner persönlichen Nachtmeerfahrt während der Lösung des einstigen Mentors Freud zu tun hatte). Dies dürfte die erste Beschäftigung eines Psychologen mit dem Thema der Heldenreise und somit die Grundlage für Joseph Campbells 1949 erscheinende Untersuchung des Helden-Mythos sein.
Jung bezieht sich seinerseits betreffend Nachtmeerfahrt auf das Werk Das Zeitalter des Sonnengottes des Afrikaforschers Leo Frobenius.

Quellen
Bassewitz, Gerdt von (Text) und Baluschek (Bilder): Peterchens Mondfahrt. Leipzig 1915 (Kurt Wolff Verlag). Nachdruck München ca. 1975 (Südwest Verlag).
Campbell, Joseph: The Hero with a Thousand Faces (New York 1949). Der Held in tausend Gestalten. (New York 1949). Frankfurt a.M. 1978 (Suhrkamp).
Ende, Michael: Die unendliche Geschichte. Stuttgart 1979 (Thienemann).
Frobenius, Leo: Das Zeitalter des Sonnengottes. Berlin 1904.
Jung, C.G.: Symbole und Wandlungen der Libido (1911). GW Bd. 5 / Olten 1973 (Walter).
Lucas, George (Regie und Drehbuch): Star Wars (Krieg der Sterne): Hollywood 1978.
Rowling, Joanne K.: Harry Potter (Bd. 1-7). London 1998-2007 (Bloomsbury).
Speck, Daniel und Jürgen vom Scheidt: Drehbuch-Werkstatt (Seminarwochenende München 29. Nov bis 01. Dez 2002) .
Vogler, Christopher: The Writer´s Journey (USA 1998). Die Odyssee des Drehbuchschreibers Frankfurt am Main 1998 (Zweitausendeins). Neuausgabe: Berlin 2018 (Autorenhaus-Verlag).

281 _ aut #1072 / 2022-09-16/21:22

Selbsttest „Bin ich hochbegabt“ jetzt online

Ich habe viele Jahre mit Hochbegabten gearbeitet – als Psychologe in Beratungen wie als Seminarleiter in meinen Schreib-Werkstätten (ja – wer gerne schreibt, setzt sich dem Verdacht auf Hochbegabung aus).
Wenn Sie Ihre Intelligenzhöhe kennenlernen wollen, aber noch keinen richtigen (standardisierten) Intelligenz-Test gemacht haben oder dies noch nicht machen wollen, können Sie bei dem von mir entwickelten Selbsttest eine erste Selbsteinschätzung vornehmen. Die 38 Merkmale finden Sie hier im Blog auf der SEITE am rechten Rand der oberen Leiste Hochbegabt? (Selbsttest).

Viel Vergnügen dabei – und viel Erfolg!
Ihr
Dr. Jürgen vom Scheidt

Quellen
Scheidt, Jürgen vom: Das Drama der Hochbegabten . München 2004 (Kösel-Verlag). München 2005 (Taschenbuchausgabe bei Piper).
Dass Buch ist vergriffen – aber im Modernen Antiquariat jederzeit erhältlich.
Lieferbar und für jeden, der / die sich für HB interessiert (und wie man mit Zeittafeln arbeiten kann), sehr informativ ist mein Sachbuch:
Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität. München März 2004 (Allitera) 176 Seiten – 18,00 €uro / ISBN 386520-043-5.

280 _ aut #402 / 2022-09-15 / 14:40

Die Queen, meine Mutter und die MultiChronie

Ich war erst sehr verwundert, dass ich die Trauer-Sendungen dieser Tage nach dem Tod von Queen Elisabeth II. von England so intensiv und auch so berührt verfolgt habe. Doch dann erinnerte ich mich, dass meine Mutter die damals ja noch sehr junge Königin in den 1950er sehr bewundert hat. Neben der selbstbewussten Schauspielerin Ingrid Bergmann war die Queen eine der Frauen, die wohl insgeheim Vorbild für sie waren.
Woher ich dies weiß? Ich muss es mitbekommen haben, weil bei uns zuhause die Zeitschrift Madame herumlag, die meine Mutter abonniert hatte und wo so etwas wie die Thronbesteigung der Queen am 06. Februar 1952 ganz bestimmt auf der Titelseite zu sehen war. Als „Allesfresser“ bei der Lektüre las ich ja nicht nur die Wildwest-Schundheftchen um Billy Jenkins und Tom Prox und die SF-Abenteuer von Jim Parker im Weltraum, sondern gelegentlich auch einen Band Trotzköpfchen oder Pucki von meiner Schwester, wenn nichts „Besseres“ (aus meiner Bubensicht) erreichbar war – oder eben Mutters Hauspostille.

Abb.: 1 Queen Elizabeth II (photograph) by Unknown photographer is licensed under CC-BY-NC-SA 4.0

Was meine Mutter (die 1952 nur 13 Tage später, am 19. Februar, 38 Jahre alt wurde) an der Queen so fasziniert hat, kann man nur ahnen. Aber wenn man das historische Photo oben sieht, teilt sich da schon eine Aura von Macht und Selbstbewusstsein mit, die meine Mutter beeindruckt haben wird. Was auch mir als damals Zwölfjährigen nicht verborgen blieb – habe ich meine Mutter doch stets als sehr starke und selbstbewusste Frau erlebt, obwohl sie nur die damals übliche klassische Mutter- und Hausfrauenrolle lebte.

Warum berichte ich davon hier im Blog?
Weil da auf zweifache Weise etwas von dem sichtbar wird, was ich als MultiChronie bezeichne. Diese „Vielzeitigkeit“ hat ja nach meiner Vorstellung zwei grundsätzlich verschiedene Aspekte, die sich jedoch im Individuum (in diesem Fall: in mir) sinnvoll verbinden können:

° Die historische „äußere“ MultiChronie der Queen und ihrer doch recht antiquierten Rolle als Herrscherfigur aus dem Mittelalter (die aber die starken zentrifugalen Kräfte des britischen Commonwealth erstaunlich gut ausbalanciert hat) mit Thronbesteigung Mitte des 20. Jahrhunderts und nun ihr Tod in einem modernen Staat mit den Turbulenzen des 21. Jahrhunderts. Wozu ein Redakteur der Süddeutschen Zeitung aus dem aktuellen Anlass anmerkte:
„Im St. James‘ Palace wird Prinz Charles zu König Charles III. vereidigt und ausgerufen. Mit einem Ritual, das einen beim Zuschauen ein paar Jahrhunderte zurück katapultiert. “ (Neudecker 2022)

° Die persönliche „innere“ MultiChronie führt mich ebenfalls einige Jahre zurück, und zwar zum einen zum Unfalltod meiner Mutter im August 1973 (also vor nunmehr fast 50 Jahren) und zu ihrer Beerdigung, die heute so lebhaft in meiner Erinnerung präsent ist wie damals, und interessanterweise zu drei Träumen von der Queen, die ich jedes Mal mit meiner Mutter in Verbindung gebracht habe. Ich zitiere, was sich hier wie das Auftauchen von drei verschiedenen Zeitschichten ausnimmt, aber in sich jeweils nochmals mehrfach verschachtelt und dadurch noch viel komplexer ist und weiter zurückreicht (worauf ich hier nicht eingehen will):

1993-06-29: DIE QUEEN IST NICHT GUT BEWACHT
Ich sehe die Queen durch mehrere offene Türen hindurch in einem Zimmer stehen; sie hat einen hellblauen Sommermantel an, ist jung und schön. Es ist kein Personal zu sehen, und ich denke: „Sie ist ja völlig schutzlos!“

1993-11-04: DIE QUEEN MIT GOLDENEM SCHWERT
In London <Oxford Street?>. Viele Menschen. Ich sehe die Queen. Sie trägt ein goldenes Schwert aufrecht vor sich. Sie selbst ist ganz unscheinbar; niemand nimmt Notiz von ihr.  Ich denke, jemand könnte ihr das kostbare Schwert rauben und dass man sie beschützen muss. Also nähere ich mich ihr. Sie hat nichts dagegen. <Sie wirkt, während des gesamten Traums, distanziert, aber nicht unfreundlich.>

Diese beiden Träume sind, was die Zeitschichten betrifft, sehr unterschiedlich. Der erste Traum hat mich durch den „hellblauen Sommermantel“ sofort an meine Mutter erinnert – und zwar an der Zeit Anfang der 1950er Jahre, als sie so einen Mantel trug. Warum ich das im November 1993 träume, kann ich nicht mehr sagen. In der Regel kenne ich die traumauslösenden Tagesreste recht gut – dieser hier ist im Nebel der Vergangenheit verloren.
Der Traum vom „goldenen Schwert“ ist viel archaischer und führt noch viel weiter zurück. Aber auch da kann ich die Details nicht mehr rekonstruieren. Auf jeden Fall zeigt dieser Traum mir ganz deutlich, wie mächtig ich meine Mutter in der frühen Kindheit erlebt habe.
Nur zehn Jahre „entfernt“ ist der dritte Traum:

2012-06-13: ZU GAST BEI DER QUEEN
Im Buckingham-Palast bin ich zu Gast bei der britischen Königin. Prinzgemahl Philip ist auch dabei, ebenso meine Frau Ruth. Die Queen ist freundlich, aber neutral, so wie man sie aus den Medien kennt. Ich weiß, dass ich ihr keine Fragen stellen soll, sondern lediglich auf Fragen von ihr antworten darf. Aber bevor das Gespräch in Gang kommt…

  . . . wache ich auf aus diesem Traum. Aufmerksame Leser werden sich wahrscheinlich schon gedacht haben, dass da etwas nicht stimmt in meinem kleinen Bericht. Denn die Queen empfängt doch nur Menschen, die etwas sehr Außergewöhnliches geleistet haben oder sonstwie systemrelevant sind und schon gar nicht einen Blogger, der wahrscheinlich Dinge ausplaudert, über welche die Queen dann vielleicht „not amused“ wäre.
Nun, es ist ja mein Traum und wie oben nachzulesen, bringe ich ihn wohl zurecht in Zusammenhang mit der „mächtigsten“ Frauenfigur in meinem Leben, und das ist nun mal (nicht nur für mich) die eigene Mutter. Sie ist die Queen, vor allem wenn man noch ein sehr kleines hilfloses Kind und ihr total ausgeliefert ist.

Weitere Zeitschichten
Ich könnte hier natürlich meine verschiedenen Besuche in London als weitere Zeitschichten anführen:
° 1994 (als ich meinen in London studierenden ältesten Sohn traf).
° 1980 etwa (als ich ihm Rahmen einer Leserreise der Süddeutschen Zeitung die großartige China-Ausstellung im British Museum besuchte).
° 1959 (bei meiner ersten Auslandsreise ohne die Eltern, dafür mit meiner damaligen Freundin).

MultiChronalia
Viele Zeitschichten fügen sich hier in einer ganz neuen Kombination zusammen, anders als mir bisher bewusst war – und vor allem aufgrund des historischen Anlasses der Trauer um Queen Elizabeth II. die Erinnerung an meine Mutter und die Trauer um sie – die ja nie zu Ende ist.
Und genau darum geht es bei der MultiChronie: Um dieses Zusammenwachsen der Erinnerungen als Selbsterfahrung und Selbstvergewisserung.

Ich nenne diese einzelnen Ereignisse „MultiChronalia“, was so viel meint wie: Zeit-Punkte (in der Gegenwart), die zu Zeit-Ankern (in der Vergangenheit) Zeit-Fäden spinnen, die sich in ihrer Gesamtheit als Zeit-Netz zu dem verbinden, was man Persönlichkeit nennt.

Neudecker, Michael: (Inthronisation von König Charles III): Sueddeutsche-online vom 10. Sep 2022.

279 _ aut # 1424 _ 2022-09-11/19:55 Sonn

KI generiert Bilder aus Haiku

In meinem vorangehenden Nachruf zu Herbert W. Franke weise ich mehrfach auf seine Rolle als Pionier der Anwendung von Computern in der Kunst. Es gibt inzwischen hochkarätige Software mit enorm leistungsstarker KI, mit deren Hilfe auch Laien (wie ich) aus kurzen Textschnipsel-Vorgaben hochkomplexe und – manchmal – ästhetisch sehr überzeugende, stets aber äußerst verblüffende Graphiken erstellen können.

Ich habe das mit der japanischen Lyrik-Form des Haiku kombiniert. Diese Dreizeiler mit 15 Silben sind ideal, weil sie mit (je Zeile) fünf / sieben / fünf Silben hochverdichtete Informationen anbieten, aus denen der Algorithmus dann Bilder generiert. Ich habe dies gleich mit englischen Versen gemacht, um die Software nicht zu ehr zu strapazieren; aber im Prinzip müsste das auch mit einer deutschsprachigen (oder japanischen) Variante funktionieren.
Wie bei der Kunst immer kann man auch hier fragen: Was soll das? Oder: Was ist das? Oder: Warum gerade so? Mich hat das Angebot der KI (ich konnte jeweils aus mehreren Bildern das gelungenste auswählen) jedenfalls sehr erstaunt und überzeugt. Man muss dabei aber auch so großzügig sein, in Abb. 6 das „Hufeisen“ in der „feurigen“ Umrisslinie zu erkennen – oder in den etwas allgemeinen „Bäumen“ von Abb. 3 und 4 die kalifornischen „Sequioas (= Riesenmammutbäume) – welche derzeit sehr durch Waldbrände gefährdet sind, die ihrem tausendjährigen Wunderleben mit einem schrecklichen Ende drohen – was wiederum mich zu diesem Haiku inspiriert hat.
Und vielleicht hilft es noch, wenn man weiß, dass der „Crystal Voyager“ in Haiku #7 nicht ins Deutsche übersetzt wurde, weil dieser „Kristallreisende“ der Titel einer exzellenten australische Film-Dokumentation über Surfer ist, der mich damals (1973) tief beeindruckt hat und sogar einen eigenen Eintrag bei Wikipedia bekam: Crystal Voyager.
Und noch eine kleine Randbemerkung: Beim englisches Wort „ecstasy“ für „Ekstase“ hat die KI die Mitarbeit verweigert – vielleicht weil „Exstasy eine bekannte Modedroge ist, die man nicht fördern will?

Kleines Ratespiel: Zu welchem der unten folgenden acht Haiku könnten die sechs Abbildungen passen?

Und welcher Dreizeiler passt hierzu?

Und weil aller „guten Dinge drei“ sind hier noch zwei weitere KI-generierte Bilder:

Acht Haiku als Spielmaterial
1
Camel and whale
Unite in green ecstasy
While flying home
2
Red rolling thunder
On highway to happiness
Drives me crazy
3
Elephant flying
With laughing ape on his back
Through a wormhole
4
Half a pineapple
Glides furiously downhill
To burning Sequoia
5
While singing Blues
Glide surfers crying loud
Through a Tsunami
6
Two mad tooth brushes
Give birth to a hurricane
Of green snowflakes
7
Crystal Voyager
In a tunnel of fire
On black horseshoes
8
Blowing the trumpets
Makes a golden Ape Man
Happy on a strand

Die Auflösung
Abb. 1 und 2 gehören zu Haiku #3. Hier meine Rückübersetzung ins Deutsche:
Fliegender Elefant
Lachender Affe huckepack
Rast durch ein Wurmloch

Abb. 3 und 4 gehören zu Haiku #4:
Halbe Ananas
Gleitet zornig hügelab
Wo Mammutbaum brennt

Abb. 5 gehört zu Haiku #1:
Kamel und Walfisch
Vereint grüne Exstase
Beim Flug nachhause

Abb. 6 gehört zu Haiku #7:
Crystal Voyager
Im Feuer des Tunnels auf
Schwarzen Hufeisen

Zum Schluss noch ein großes „Danke“ an Sohn Jonas, der meine acht Haiku mit den beiden KI-Programmen zusammengebracht und da einige Arbeit hineingesteckt hat!

Quellen
Moorstedt, Michael: „Otter mit Perle“: In: Südd. Zeitung Nr. 198 vom 29. Aug 2022, S. 10 (Feuilleton).
Schmieder, Jürgen: „Gefährdete Giganten“. In: Südd. Zeitung Nr. 187 vom 16. Aug 2022, S. 14 (Wissen).
Links
DALL-E 2: → https://labs.openai.com/     
Dreamstudio Lite: → https://beta.dreamstudio.ai/      

278 _ aut #1423 _ 2022-09-10/14:48

Herbert W. Franke: Der GEDANKENverNETZer (1927-2022)

64 Jahre, von 1958 bis 2022, sind eine lange Zeit für einen Weg, den man immer wieder ein Stück zusammen gegangen ist – wobei Franke, der um 13 Jahre ältere, stets voranging.
Man verzeihe mir, wenn in diesem Nachruf auch viel von mir selbst die Rede ist. Aber wenn ich etwas von ihm gelernt habe (und vor allem während meines Studiums habe ich enorm viel von der Zusammenarbeit ihm profitiert), dann auf die eigene Kreativität zu vertrauen, insbesondere beim Schreiben. Und diese meine Kreativität hat mir geraten, mich von unterschiedlichen Seiten her an die Persönlichkeit dieses ungewöhnlichen Mannes heranzutasten – eben durch Erinnern an die verschiedensten Begegnungen mit ihm.

Stiftung eingerichtet
Wie Susanne Paech kürzlich mitteilte, gibt es nun eine Stiftung, welche die Aktivitäten dieses Pioniers auf so vielen Gebieten zugänglich erhält und weiter pflegt. Mehr hier:
art meets science .

Begegnungen
In meiner Autobiographie, an der ich parallel zu diesem Blog arbeite, wird es ein wichtiges Thema geben, das sich hindurchzieht: Begegnungen. Das sind Begegnungen mit Menschen unterschiedlichster Art – sowohl was die Treffen angeht wie die Personen.
° Da gibt es rein virtuelle Begegnungen, wie die mit dem eben verstorbenen Michail Sergejewitsch Gorbatschow, den ich nur aus den Medien kenne und leider nie persönlich getroffen habe, aber der mit seinem Wirken die Welt verändert und auch mir viel Hoffnung gegeben hat, dass einzelne Menschen tatsächlich etwas in dieser Welt zum Guten bewirken können, wenn sie es nur wollen und in der richtigen Position sind. (Putin sitzt am selben weltpolitischen Platz – und ist das pure Gegenteil: ein Zerstörer). 1992 bin ich durch ein Interview für den Bayrischen Rundfunk tatsächlich realiter einem Menschen von ähnlichem Kaliber, wenngleich mit weit weniger Macht, begegnet: Vigdis Finnbogadottir, der Präsidentin von Island.
° Aus andere Begegnungen wurden Freundschaften, die viele Jahre andauerten, auch wenn wir uns selten persönlich getroffen haben. Herbert Franke war so einer und von dieser kostbaren Freundschaft will ich hier berichten – nun, da sein Leben zu Ende gegangen ist.

An unsere ersten persönlichen Treffen habe ich keine Erinnerung. Ich weiß, dass dies 1958 gewesen sein muss, als Herbert Mitglied des Science Fiction Club Deutschland (SFCD) wurde und einige Male zu den Treffen der Münchner Gruppe kam, bei der auch ich recht regelmäßig dabei war. Irgendwann war ihm wohl das fannische Gewusel bei diesen Treffen zu unergiebig und er verließ bald wieder den SFCD. Seine vielfältigen kreativen und innovativen Beiträge zur deutschen Science-Fiction führten jedoch dazu, dass der SFCD ihm nicht nur zweimal für den „besten Roman“ den Deutschen Science-Fiction-Preis verliehen hat (1985 für Die Kälte des Weltraums und 1991 für Zentrum der Milchstraße) sondern ihn 2015 auch zum Ehrenmitglied ernannte. Seine vielen weiteren Preise findet man im ausführlichen Beitrag der Wikipedia zu seiner → Person .

Höhlenforscher war er auch
Die Welt der Höhlen auf der Erde ist wie die Oberfläche eines fremden Planeten: bizarr und nicht ungefährlich. Es ist kein Zufall, dass Franke SF und Höhlenforschung kombiniert hat in einen kleinen Essay über Höhlen auf dem Mars . Den findet man auf seiner persönlichen Website. In seinem letzten veröffentlichten SF-Roman für Jugendliche thematisiert er das auch erzählerisch: Flucht zum Mars.
Als ich Franke im August 1979 für den Bayrischen Rundfunk zu seiner Beschäftigung mit der Höhlenforschung interviewte, stellte ich ihm auch die Frage, wie er zu diesem Thema gekommen sei. Wie so oft überraschte er mich mit einer Antwort, die ich sinngemäß so erinnere:
„Ich war fünf Jahre alt, als ich in einen Sandhaufen kroch, um herauszufinden, was sich in seinem Inneren befindet.“
Da muss man erst einmal drauf kommen!

Viele kennen Franke vor allem als innovativen Science-Fiction-Autor, der dieses Genre in Deutschland zu einer neuen Ernsthaftigkeit und Kreativität brachte. Die Höhlenforschung war ihm jedoch – wie seine Pioniertätigkeit für die Computergrafik – vermutlich weit wichtiger. Konnte er da doch den Schreibtisch verlassen und mit ähnlich begeisterten Kameraden im Inneren der Erde herumkriechen und buchstäblich neue Welten entdecken – ähnlich einem (derzeit noch utopischen) Astronauten, der eines Tages auf einem anderen Planeten wie dem Mars herumspazieren wird , nur eben hier in unbekannten Bereichen unseres Heimatplaneten. Ähnlich wie in den Tiefen der Meere (die uns Frank Schätzing in seinem brillanten SF-Roman Der Schwarm nähergebracht hat) führte Franke seine Sachbuch-Leser in einigen auch spannend zu lesenden Büchern (s. Quellen) in die Finsternis der Höhlenlabyrinthe, um diese wissenschaftlich zu erforschen. Dabei gelang ihm auch eine neue Datierungsmethode mittels radioaktiven Kohlenstoff-Isotopen – als praktische Umsetzung seines Studiums der Physik und Chemie.
Was mir während dieses Gesprächs für den Funk geradezu eine Gänsehaut verursachte, war die Beschreibung eines Tauchgangs in einer neu zu erkundenden Höhle, bei dem er sich in einen wassergefüllten Siphon buchstäblich hineinwinden musste – ohne zu wissen, was ihn auf der anderen Seite erwartete. Was wie der Todesmut eines Hasardeurs anmutet, war jedoch einer von vielen wohl überlegten Schritten einer wissenschaftlich vorbereiteten und auf viel Praxis basierenden Expedition.
(Dass so etwas auch schief gehen kann, erfährt man immer wieder mal aus den Medien, wenn weniger erfahrene oder auch schlicht leichtsinnigere Höhlengänger von Unwetter überrascht werden und ertrinken – oder mühsam gerettet werden müssen, wie der im Juni 2014 in der Riesending-Schachthöhle des Dachsteingebirges abgestürzte Forscher Johann Westhauser.)
Franke hat seine Höhlenabenteuer alle überlebt. Seine letzte erstaunliche Expedition dieser Art unternahm er noch im hohen Alter von 80 Jahren in der ägyptischen Wüste, als er sich in einen tiefen Höhlenkrater abseilte.

Ein weitsichtiger Vernetzer
Er war vielfach vernetzt und förderte andere SF-Autoren, indem er sie in den von ihm herausgegebenen Anthologien veröffentlichte: Als Herausgeber war er zunächst verantwortlich für die Reihe der Goldmann Weltraum Taschenbücher (wobei ihn Lothar Heinecke als Übersetzer unterstützte) und danach zusammen mit Wolfgang Jeschke für die SF-Reihe von Heyne (die später von Jeschke allein weitergeführt wurde).
Nicht unwichtig ist, dass damals seine erste Frau Charlotte Winheller über diese Schiene zu einer der wichtigsten Übersetzerinnen der deutschsprachigen SF wurde. In dieser Eigenschaft war sie nach der Scheidung auch 1978 beim ersten Treffen von World SF in Dunlaoughaire / Irland dabei. Das war das erste international besetzte Meeting von SF-Profis mit dem ganz speziellen Extra, dass erstmals auch SF-Autoren (vermutlich samt KGB-Begleitern) aus der Sowjetunion dabei sein durften, weil Irland nicht in der Nato war.

Einer der jungen deutschen SF-Autoren, die er unterstützte, war ich: 1975 brachte er meine Kurzgeschichte „Im Spiegelkabinett“ in seinem Heyne SF Story Reader Nr. 4 unter. Ich meinerseits veröffentlichte zwei Geschichten von ihm in meinen Anthologien:
° „Der dunkle Planet“ in Das Monster im Park und
° „Im Strahlenregen“ (ein Hörspiel, erstmals in gedruckter Form) in Guten Morgen, Übermorgen (Details s. Quellen).

Zu ergänzen ist hier, dass Franke mit zwei interessanten Männern freundschaftlich verbunden war: Helmut W. Hofmann in Nürnberg (der im einstigen UTOPIA-Magazin einige der besten Stories veröffentlichte, die alle mit Robotern und KI zu tun hatten – eine davon, „Sechse treffen, sieben äffen“ übernahm ich in meine Anthologie Welt ohne Horizont – wobei Franke den Kontakt zum Autor herstellte.) Hofmann war theoretischer Physiker und Kybernetiker wie Franke und wurde ab 1967 Marketing-Berater. In dieser Eigenschaft gab er mit tele-14 eine neuartige Rundfunk-Programmzeitschrift in Taschenbuchformat heraus, für die Charlotte Winheller arbeitete – so kam ich 1961 zur Ehre, dass in diesem Magazin (das leider nur kurzlebig war) meine SF-Story „Die Waffen“ veröffentlicht wurde.
Der andere Weggefährte war der Innsbrucker Psychologe Peter Scheffler, der sehr originelle Ideen zur Informationspsychologie und Kybernetik äußerte.
Als Student war ich 1964 mit diesem interessanten Trio beim ersten großen Kybernetik-Kongress in Karlsruhe, den der renommierte Prof. Karl Steinbuch veranstaltete. Scheffler bin ich im selben Jahr im September auf dem Psychologen-Kongress in Wien wieder begegnet.

An Frankes 90. Geburtstag gab es im oberbayrischen Egling (nahe Wolfratshausen) ein großes Fest, wo diese Vernetzer-Qualitäten unübersehbar waren. Er hielt sich mehr im Hintergrund – seine Frau Susanne Paech kümmerte sich rührend um die vielen Gäste. Ich war wohl als Psychologe und Vertreter der Science-Fiction-Community eingeladen. Unter den anderen Feiernden befanden sich auch zwei Kapazitäten, mit denen ich längere Gespräche führen konnte:
° Aus Köln Stefan Kröpelin, der im Tschad die Höhlenmalereien erforscht, die durch den Film Der englische Patient weltberühmt geworden sind: Üppige Vegetation und heute dort unbekannte Tiere, die demonstrieren, dass die Sahara einst ein Paradies war, bevor sie austrocknete (dramatischer Klimawandel auch damals!).
° Aus Leipzig Reiner Schneeberger – Kurator einer Stiftung zu Computerkunst, zu der Franke bekanntlich Wesentliches beigetragen hat.
° Der Jubilar selbst lockte uns mit geradezu kindlicher Freude zu seinem Computer-Bildschirm, wo er die neuesten Produkte seiner ästhetischen Experimente mit speziellen Programmier-Kniffen vorführte – näher kann man an die Kreativität eines so talentierten Menschen ja nicht herankommen.

Ich schildere das hier so ausführlich, weil es die Rolle Frankes als Anreger und innovativer Kontaktmensch zeigt. Das sieht man auch deutlich bei seinen sonstigen Aktivitäten für die Computer-Kunst, die in der von ihm initiierten „Ars Electronica“ in Linz ihren Höhepunkt fand.

Here come the computers!
1964 sah ich während eines psychologischen Praktikums bei IBM in Sindelfingen zum ersten Mal richtige Computer. Aber Franke war seine Zeit weit voraus, als er mit dem von Claude Shannon entwickelten Minivac 601 einen winzigen Tisch-Computer vertreiben wollte, den man selbst aus einem Bausatz zusammenbasteln konnte und der einfache Und-Oder-Gatter und Flip-Flop-Schaltungen ermöglichte und dem Benützer erste Schritte in der Kunst des Programmierens bot. Franke gab mir den Auftrag, die amerikanische Gebrauchsanleitung zu übersetzen, was ich mit großer Freude tat. Leider wurde aus diesem Startup-Unternehmen (wie man es heute nennen würde) nichts – das Interesse daran war zu gering und die Zeit für so etwas offenbar noch nicht reif.
Computer – das waren damals die großen Mainframe-Maschinen, die sich nur einige wenige Firmen leisten konnten, und von IBM (und einige auch von Siemens) vermietet und gewartet wurden; verkauft wurden die Geräte nicht.
Franke war jedenfalls auch hier einer der eifrigsten und kreativsten Pioniere, wie sich bald darauf zeigte, als er mit einem Atari (oder war es ein Commodore oder schon ein MacIntosh?) erste Computer-Graphiken zu programmieren begann.

(Ergänzung von Susanne Paech:
Das Manuskript zum Grünen Kometen hat er nicht getippt, sondern mit der Hand geschrieben. Er konnte ja lange Zeit überhaupt nicht Schreibmaschine schreiben, daher ist er dann bald zum Diktieren über gegangen. Erst Anfang der 2000er hat er dann auch Texte am Computer geschrieben (nachdem ihm die Programmierung seit den 80er Jahren Tastaturerfahrung gebracht hatte). Bis dahin sagte er: Das ist viel schneller, wenn ich diktiere. )

(Stand 10. Sep 2022: Aktuell sind sehr im Gespräch Computerprogramme mit hochwertiger KI, mit der man auch als Laie aus kurzen Textschnipsel-Vorgaben hochkomplexe und – manchmal – ästhetisch überzeugende, stets aber äußerst verblüffende Graphiken erstellen kann. Beispiele hier im Blog: KI generiert Bilder aus Haiku.)

Super-Science Kybernetik
Wichtige Wegbereiter dieser neuen übergreifenden Meta-Wissenschaft mit innovativen Denkmodellen waren Norbert Wiener, John von Neumann, Joseph Weizenbaum – und viele Autoren der Science Fiction wie Isaac Asimov (I – Robot) und Jack Williamson (The Humanoids). Zu letzterer Gruppe gehört fraglos an vorderster Front Franke. Wir haben bereits in den 1960er Jahren heftig über Automation, Computer und KI diskutiert. Als ich ihn einmal fragte, ob Computer jemals so etwas wie „Bewusstsein“ erlangen werden (heute würde man wohl besser fragen: „Hat Software solches Potenzial“), sagte er nur trocken:
„Das ist eine Frage der Komplexität.“

HWF war nach Walter Ernsting und Lothar Heinecke so etwas wie mein dritter Mentor im Bereich der Science-Fiction (später, in den 1970er Jahren, kam noch Frederic Vester hinzu, dem ich auch viel zu verdanken habe – kein SF-Autor, aber nicht zufällig ebenfalls ein kreativer Kybernetiker) . Aber Franke war darüber hinaus noch viel mehr, nämlich Anreger zu allen möglichen wissenschaftlichen Themen, über die er nicht nur bestens informiert war, sondern zu deren Erforschung er selbst aktiv viel beigetragen hat (Computerkunst, Höhlenforschung – um nur zwei nochmals hervorzuheben). Er hat zwar meinen ersten Entwurf des Romans Der geworfene Stein ziemlich verrissen – aber diese Erzählung transportiert viele Ideen, mit denen er sich beschäftigt hat und die ich durch ihn kennenlernte – und gerade seine Fundamentalkritik half mir sehr, aus dem Manuskript dann doch einen, wie ich hoffe, lesbaren Roman zu machen.

1962 bot ich im Sommer-Semester an der Münchner LMU (im Soziologischen Institut der Universität) ein Seminar zum Thema „Kybernetik“ an. Das hätte ich mich nie getraut, wenn ich nicht so viele Gespräche darüber mit HWF geführt hätte. Leider weiß ich nicht mehr, ob er da auch anwesend war. Jedenfalls war ein anderer Physiker dabei: Gustav „Gustl“ Obermaier (später einer der Gründungsprofessoren der Universität Regensburg), der Soziologie- und Psychologie-Student Walter Heinz und dazu ein Student der Wirtschaftswissenschaften (dem ich an Silvester die Freundin ausspannte, ja auch das hat es gegeben).
Ursprünglich wollte ich das Seminar im Psychologischen Institut durchführen; aber dort meinte man nur etwas pikiert, ich solle doch erst einmal mein Vordiplom machen. Die Soziologen unter Prof. Francis waren nicht so pingelig. Immerhin ließ mich Prof. Berger, der Institutsleiter der Psychologen, nach seiner Hauptvorlesung das Seminar ankündigen. Es meldeten 40 (!) Studierende ihr Interesse an, von denen dann (zum Glück nur) zwölf tatsächlich erschienen. Wir trafen uns regelmäßig und stellten jeweils eine der aktuellen Publikationen vor und diskutierten vor allem die damals im Fischer-Verlag erscheinende neue Kybernetik-Reihe, die exzellent editiert war.

Auch außerhalb des Clublebens ein vorbildlicher Fan
Franke war nur kurz Mitglied im Science-Fiction-Club Deutschland (SFCD ) – aber durch seine vielfältigen Publikationen hat er enorm viel auf indirekte Weise zu diesem ganz speziellen Biotop der Science-Fiction beigetragen. Es gibt für Nostalgiker und Fanzine-Fans eine wunderbare Quelle, wie das früher im SF-Fandom (speziell in München) so zuging: Thomas Recktenwald hat sich der wirklich großen Mühe unterzogen, das einstige Fanzine der Münchner SFCD-Gruppe, Munich Round Up (MRU) zu scannen und für Forschungszwecke als PDF- bzw. TIFif-Dateien zugänglich zu machen. Darin fand ich das Datum von zwei Besuchen von Herbert beim Club-Abend der Münchner Gruppe des SFCD: am 07. November und am 21. November 1958. Da war ich selbst offenbar nicht dabei, aber bald danach kreuzten sich erstmals unsere Wege. Jedenfalls wurde er 1958 Mitglied im SFCD, trat aber wohl bald wieder aus – um als Ehrenmitglied dann wieder in den erlauchten Kreis zurückzukehren.

Vielfältige Begegnungen
In meinem Tagebuch finde ich mit Datum „25. Juli 1962“ folgenden Eintrag:
„Am Freitag waren wir […] auf einer Party bei Dr. Franke in Herrsching. Lothar Heinecke nahm uns samt seiner Zukünftigen mit.“
Das wurde ein wirklich denkwürdiger Abend, der gegen Mitternacht bei schon recht alkoholisierter Laune in einem absurden Disput seinen Höhepunkt fand, ob der Planet Erde (der bekanntlich keine perfekte Kugel ist) eher die Gestalt einer „Birne“ hat oder die eines „Apfels“. Im Gegensatz zu mir und den anderen Diskutanten war Herbert wohl nicht beschickert – aber bester Laune. (Schon seltsam, woran man ich alles erinnert!)

In der Nr. 13 von MRU (Oktober 1959) ist vermerkt, dass bei Goldmann „demnächst eine eigene SF-Reihe erscheinen wird: „Der Herausgeber ist Petrik Ombra… Lektor ist Lothar Heinecke.“
Für Entschlüssler von Pseudonymen (Jörg Weigand – aufgemerkt!) ist hier aufschlussreich, dass „Petrik Ombra“ offensichtlich ein unbekanntes Pseudonym von HWF war.

Am 24. August 1979 hatte ich das Vergnügen, wie oben erwähnt, den vielseitigen Autor für den Bayrischen Rundfunk in einer Halbstunden-Sendung über seine Erfahrungen in der „leuchtenden Finsternis“ der Höhlen-Unterwelt zu interviewen. Dazu vermerkt meine Text-Datenbank:
„Gespräch mit H.W. Franke über eines seiner Hobbies, die er mit großem wissenschaftlichem Eifer und Ernst betreibt. Außer den Höhlen faszinieren ihn auch noch Computergraphik und Kakteen. Und die Science Fiction.“

An diesem nüchternen Eintrag wird ein wenig sichtbar, wie weit gespannt seine Interessen waren – weshalb mein Nachruf auf ihn „Der GEDANKENverNETZer“ heißt, angelehnt an den Titel seines ersten Romans Das Gedankennetz. Die SF war wirklich nur ein Teil seiner Welt – jener Teil, der ihn mit uns SF-Lesern verbunden hat. Durch meine Arbeit als Student für ihn bekam ich aber noch viel mehr von seinen vielfältigen Aktivitäten mit. Nicht nur die Kakteensammlung außen vor dem Häuschen in der Pupplinger Au nahe der Isar südlich von München, sondern auch so praktische Tipps wie der folgende, als ich ihn mal fragte, wie er das so mache mit seinen Buch-Projekten, da müsse er doch vorher viel Arbeit reinstecken. Er schüttelte nur lächelnd den Kopf und sagte sinngemäß:

„Wenn mich ein Thema interessiert, weiß ich ja noch wenig darüber. Ich schreibe dann ein Buch, um Näheres zu erfahren.“

Also genau andersherum wie sonst üblich – wo ein Gelehrter nach vielen Jahren der Forschung sich hinsetzt und das Geforschte analysiert, vernetzt und zu einem (hoffentlich) verständlichen Ganzen komponiert. Dabei half Franke auf jeden Fall sein Wissen über Kybernetik, das er wie einen großen Deutungs-Raster unter alle Themen legen konnte.
So gelangen ihm hochinteressante Bücher über Werbung (Der manipulierte Mensch), den kreativen Prozess des Künstlers (Phänomen Kunst) und Biochemie (Magie der Moleküle). Was immer ihn sehr interessierte, machte er sich zu eigen und schrieb dann darüber.

Förderer der Grundlagenforschung durch seine Bücher
Im März 1990 interviewte ich den damals „frischgebackenen“ Nobelpreisträger Gerd Binnig (der mit drei Kollegen im IBM-Forschungslabor in Rüschlikon das Rastertunnelmikroskop entwickelt hat und damit die Grundlagen für die heute boomende Nano-Physik und –Technologie legte). Das Buch, zu dem ich Binnig befragte, befasst sich im Ersten Teil mit Kreativität und im Zweiten Teil mit dem kreativen Prozess, bei dem das RTM entstanden ist. Dort findet sich auch eine aufschlussreiche Klage Binnigs: Anders als in den USA würden in Deutschland die großen Konzerne die Grundlagenforschung sehr vernachlässigen. Ich kann nicht beurteilen, wie das inzwischen heute 2022 ist. Aber auf jeden Fall weiß ich, dass man als Leser von SF sehr intensiv über Grundlagenforschung informiert wurde, wenn man die richtigen Autoren las (Asimov, Clarke, Heinlein wären hier für frühere Jahre zu nennen, aktuell Andy Weir vom Marsianer)  und ganz speziell konnte man da bei Herbert W. Franke fündig werden:

° Er war sowohl Pionier der Höhlenforschung und ihrer Grundlagen (entwickelte sogar eine eigene Anwendung der Datierung von Tropfsteinbildungen),
° züchtete Kakteen (was ebenfalls Grundlagenforschung war, aber eben im Bereich Biologie),
° war einer der Pioniere der Computerkunst
° und war nicht zuletzt sowohl in seinen Erzählungen wie seinen Sachbüchern ein kompetenter Vermittler der Grundlagen der Kybernetik (Cyber City Süd hieß einer seiner besten Romane).
Auch dass man als Autor sowohl Fiction wie Sachbücher parallel schreiben kann, war mir neu – Franke hat das mit vielen Büchern eindrucksvoll demonstriert.

Unorthodoxe Arbeitsweise
Manchmal konnte ich ihm zuschauen, wie er beim Schreiben vorging. Sein Roman Die Stahlwüste (1962) war ursprünglich ein Hörspiel. Als dieses vom Sender nicht realisiert wurde, machte er es kurzerhand zum Mittelstück dieses Romans – was dem Werk mit dem Ping-Pong der Dialoge eine ganz eigene Qualität verleiht und ihm gut bekommen ist.
Geradezu frech forsch ging er zu Werk, als der Goldmann-Verlag unter seiner Anleitung die damals durch ihre hohe Qualität Aufsehen erregende Reihe der Goldmann Zukunftsromane als Leinenbände mit Schutzumschlag auf den Markt brachte und der Verlag unbedingt noch ein achtes Buch für den Start haben wollte. Wenn das Gerücht stimmt, setzte er sich an die Schreibmaschine und verfasste rasch hintereinander selbst das fehlende Buch: die 65 eigenwilligen Miniaturen mit dem wunderbaren Titel Der grüne Komet. Weil unter den ersten Bänden auch sein Roman Das Gedankennetz war, wählte er für diese Collection das Pseudonym „Sergius Both.“ Vielleicht hatte das Verlagslektorat beim Grünen Komet einen Roman erwartet – warum sonst wird das Buch auf dem Rückentext als ein solcher angepriesen?

1968 fragte er mich, ob ich nicht den Flyer für eine Ausstellung (vermutlich für die gruppe parallel) von ihm texten könnte. Als ich zögernd sagte, sowas hätte ich noch nie gemacht, ermunterte er mich: „Schreib einfach drauf los, was dir so einfällt. Das wird schon.“

Und so geschah es dann auch. Ich setzte mich an die Schreibmaschine [damals gab es für sowas noch keine Personal Computer oder Notebooks] und – nein: Ich trank mir erst mit einer Flasche Bier Mut an und dann hämmerte ich ziemlich beschwipst in die Tasten, was mir so zu seiner Person und seinen Arbeiten einfiel. Ich hatte große Bedenken, dass da ziemlicher Unsinn entstanden sei – aber zu meinem Erstaunen fand er das Resultat gut und es wurde so, wie ich es formuliert hatte, gedruckt. (Leider habe ich davon keinen Beleg in meinem Archiv.)

Halluzinogene und Kreativität?
Ich habe Herbert stets als einen wichtigen Mentor erlebt, nicht nur was mein eigenes Schreiben (und da speziell von SF) angeht, sondern ganz besonders, wie er, der Physiker, mit einem sehr psychologischen Thema umging: Kreativität. Nicht nur, dass er selbst von einer geradezu überbordenden Kreativität auf den verschiedensten Gebieten gesegnet war, sondern er hatte auch gute Tipps in dieser Richtung auf Lager.
Während meines Studiums experimentierte ich eine Weile recht intensiv mit Halluzinogen wie Haschisch und LSD und war damals der festen Meinung, dass dies für die Anregung der eigenen Kreativität als „Bewussteinserweiterung“ geradezu notwendig sei. Zwei eindrucksvolle Vorbilder mit enormer künstlerischer Kreativität haben mir diesen „Zahn gezogen“.
Einer war 1969 der indische Musiker Ravi Shankar, dessen Autobiographie ich in der Nymphenburger Verlagshandlung veröffentlichte, was mir zu einem anregenden Abendessen mit ihm verhalf und zu besagter Klarstellung: „You don´t need any drugs to be creativ.“ Punktum.
° Doch schon einige Jahre zuvor sagte mir Herbert etwas nahezu Gleichlautendes, als ich ihm stolz von meiner „tollen Erfahrung mit einem LSD-Trip“ berichtete. Er schaute mich nur kopfschüttelnd an und meinte sinngemäß: „Das bringt doch nichts.“

Hat beides geholfen. Noch mehr geholfen hat mir aber, wenngleich in anderer Hinsicht, dass Herbert aufmerksam und lange zuhörte, als ich ihm aus meinem Manuskript zu dem Roman Der metallene Traum vorlas. Er nahm kein Blatt vor den Mund, wies auf konzeptionelle Schwächen hin und auf langweilige Stellen – aber in einer Art, die ich gut annehmen konnte und die ich hoffentlich ins fertige Produkt erfolgreich übernommen habe (späterer Titel: Der geworfene Stein).
Ich habe mich freundschaftlich revanchiert, indem ich ihn in meinem Roman Rückkehr zur Erde mit etwas verrätseltem (aber für Eingeweihte leicht nachvollziehbarem) Namen zu einem der Protagonisten gemacht habe: „Das unterirdische Labyrinth des Höhlenforschers und Kybernetikers Frank W. Herbert…“ (S. 81)

Krieg und Melancholie
Wenn man sein Leben im Wikipedia-Artikel Revue passieren lässt, findet man dort einen geradezu winzigen Abschnitt, über den wahrscheinlich jeder hinwegliest, der den Zweiten Weltkrieg nicht selbst erlebt hat oder von den Eltern wenig darüber erfuhr:

„Im Alter von 15 Jahren wurde er 1942 zum Kriegsdienst eingezogen. 1943 war Franke zunächst als Flakhelfer eingesetzt, später in einer Telefonzentrale, gefolgt vom Reichsarbeitsdienst. Am 24. Dezember 1944 wurde er schließlich zur Wehrmacht eingezogen, wozu Franke sich in einer Kaserne in Berlin-Gatow melden musste. Nach dem Krieg studierte Franke in Wien Physik, Mathematik, Chemie, Psychologie und Philosophie…“

Vielleicht spürt man hinter diesen vier dürren Sätzen nur als Kriegskind und Psychologe die möglichen Traumatisierungen, denen der damals Fünfzehnjährige bis Siebzehnjährige (!) mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeliefert war – um später in den Naturwissenschaften und der Philosophie Halt zu finden. Ich weiß, dass dies eine spekulative „Ferndiagnose“ ist – aber sie erklärt mir ein wenig, warum ich bei Herbert im Hintergrund immer eine tiefe Melancholie gespürt habe. Sie findet man in vielen seiner erzählenden Texte, meist versteckt hinter einem eher sachlich-nüchternen Stil.
Sicher nicht spekulativ ist, dass die Nazi-Diktatur tiefe Spuren in ihm hinterlassen hat, gegen die er in vielen seiner Romane anging. Schon im Gedankennetz geht es um das Aufbegehren des Protagonisten gegen eine anonyme Staatsgewalt. Befreiung von unsichtbaren „Fesseln“ ist auch das Thema im Elfenbeinturm , in der Glasfalle und in der Stahlwüste. Der Orchideenkäfig mit diesem poetisch-grusligen Titel führt die Spekulationen über Realität und ihre Wahrnehmung nochmals weiter in einer Dystopie, bei der die Menschen in ferner Zukunft nur noch als wahrnehmende und denkende Gehirne in Nährlösungen schwimmen.

Homo futurus mit Sense of Wonder
Nicht nur wegen der Vielfalt seiner utopischen Erzählungen über mannigfaltige Gefahren und Hoffnungen, welche die Zukunft (vielleicht) für uns bereit hält, hat dieser Autor und Forscher den Ehrentitel eines „Homo futurus“ verdient. In der Begabungsforschung hat man für solche kreativen und innovativen Multitalent die Bezeichnung“ hochbegabt“. Es gibt aber eine noch höhere Einstufung, die viel seltener vorkommt und die meines Erachtens auf Herbert Franke zutrifft: Er war fraglos das, was man als „Höchstbegabter“ bezeichnet (Details hierzu bei Brackmann 2020). Diese Qualifikation behält man Menschen vor, die auf mehreren Gebieten besondere Leistungen vollbracht haben und sogar Pioniere in ihrem Fachgebiet sind. Auch wenn ich mich mit dieser Aufzählung nun wiederhole: Franke war dies auf fünffache Weise:
° Als Science-Fiction-Autor hat er die deutschsprachige Zukunftsliteratur ab den 1960er Jahren erneuert, mit stets solidem wissenschaftlichen und technischen Hintergrund.
° Als Mitbegründer der Computer-Kunst hat er diesen technischen Geräten völlig neue ästhetische Qualitäten abgewonnen, die ihn zu einem der Pioniere dieses Bereichs machten.
° Als Höhlenforscher ist er ganz praktisch in die Tiefen der Erde vorgedrungen und hat seine Funde und das ganze Metier in großartigen Sachbüchern einem staunenden Publikum nahgebracht.
° Auf vielseitige Art hat er erzählend und in vielen Sachbüchern die neuartige Denkweise der Kybernetik erkundet und vermittelt.
° Außerdem hebt die Wikipedia zu Recht hervor, dass er einer der frühen Futurologen war , als diese neue Disziplin sich in den 1960er Jahren gerade zu etablieren begann.

Dazu passt bestens, dass er als zentrale Qualität der Science-Fiction den „Sense of Wonder“ betrachtet hat, den er auf unterschiedlichste Weise in seinen vielfältigen Arbeiten erkundet und weitergegeben hat – immer das solide Handwerk des Sachbuch- und literarischen Autors mit hohem Unterhaltungswert verbindend.

Apropos „Hochbegabung“
An anderer Stelle (Scheidt 2004, 2022) habe ich ausgeführt, dass die Science-Fiction wahrscheinlich in vielen (allen?) Fällen die „Literaturgattung von hochbegabten Autoren über hochbegabte Protagonisten für hochbegabte Leser“ sein könnte. Diese, wie ich einräume, kühne Hypothese lässt sich aber vielfach belegen – und Herbert Franke ist dazu ein sehr passendes Beispiel. Seine Figuren – in den Sachbüchern wie in den belletristischen Werken – sind durchgängig hochkarätige Spezialisten, die in stets außergewöhnlichen Situationen ihr Bestes geben und schwierigste Umstände meistern – oder gelegentlich dabei auch versagen.
Schon in der allerersten Geschichte seines allerersten Buches Der grüne Komet begegnet uns ein Astronaut, dem man bei den extrem hohen Anforderungen an diesen Beruf das Prädikat „hochbegabt“ sicher nicht vorenthalten wird.
Ähnlich ist es mit den Helden seiner Story „Der dunkle Planet“, die man für die ungeheuerliche Aufgabe ausersehen (und entsprechend trainiert) hat, den ersten Kontakt mit höchst fremdartigen außerirdischen Intelligenzen zu meistern.
Beim Hörspiel „Im Strahlenregen“ sind fünf Männer mit höchster Qualifikation die Protagonisten einer schwierigen Mission: ein Physiker, ein Astronom, ein Reaktortechniker, ein Funkingenieur und der „Leiter der Forschungsgruppe“. Allesamt sicher „die Besten der Besten“, die in einer Forschungsstation „auf einem Planetoiden jenseits des Merkur“ zugange sind.

Ad Astra
Im SFCD begrüßte man sich in den 1950er Jahren mit „Ad Astra“. Dieses „zu den Sternen“ meinte nicht zuletzt, dass alle Materie, aus der letztlich auch wir Menschen bestehen, in explodierenden Supernovae ausgebrütet und ins Universum verstreut wurde – und das wir am Lebensende wieder dorthin zurückkehren, oder wie die Bibel es poetisch und sehr zutreffend umschreibt: „… Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück“ (Gen 3,19). In biblischen Zeiten wusste man nichts über die moderne kosmologische Wahrheit dieses Satzes. Heute könnte man es so formulieren:
„Aus Sternenstaub bist du geboren und zu Sternenstaub kehrst du zurück.“

Es war deshalb nur stimmig, dass seine Frau Susanne Paech das Ableben mit diesen bewegenden Worten mitteilte:
 „Herbert ist heute zu den Sternen gegangen.“

Abb. 7: Herbert W. Franke, 95jährig, im Mai 2022 bei der Eröffnung seiner Ausstellung „Visionär“ in Linz (Foto: Francisco Carolinum)

Quellen
Binnig, Gerd: Aus dem Nichts. München 1989 (Piper), S. 193.
Bögli, Alfred und Franke, Herbert W.: Leuchtende Finsternis.  Bern 1966 (Kümmerli und Frey, Geographischer Verlag).
Both, Sergius (alias Franke, Herbert W.): Wunderwaffen der Medizin. Stuttgart 1965 (Hobby Verlag).
Brackmann, Andrea: Extrem begabt. Stuttgart 2020 (Klett-Cotta).
Franke, Herbert W.: Der grüne Komet. München 1960 (Goldmann TB).
Ders.: Das Gedankennetz. München 1961. (Goldmann).
Ders.: Der Orchideenkäfig. München 1961. (Goldmann).
Ders.: Die Glasfalle. München 1962 (Goldmann).
Ders.: Die Stahlwüste. München 1962. (Goldmann).
Ders. (Pseudonym „Petrik Ombra“) (Hrsg.): Goldmanns Weltraum Taschenbücher. München 1964 ff.
Ders.: Der Elfenbeinturm. München 1965. (Goldmann).
Ders. (Pseudonym „Sergius Both“): Wunderwaffen der Medizin. Stuttgart 1965 (Hobby Verlag).
Ders.: mit → Bögli: Leuchtende Finsternis.  Bern 1966 (Kümmerli und Frey, Geographischer Verlag).
Ders.: „Der dunkle Planet“ (Erstveröffentlichung). In: Scheidt 1970.
Ders. (Hrsg.): Science Fiction Story-Reader Nr. 4. Übersetzungen von Charlotte Winheller. München 1975 (Heyne TB).
Ders.: „Im Strahlenregen“ (Hörspiel – erste gedruckte Fassung). In: Scheidt 1975.
Ders.: In den Höhlen dieser Erde. Hamburg 1978 (Hoffmann und Campe).
Ders.:  (interviewt von JvS): “ Erfahrungen eines Höhlenforschers – und wie man einer wird“. Bayrischer Rundfunk, Nachtstudio –
Sendung am 24. Aug 1979.
Ders.: Cyber City Süd. München 2005 (dtv premium).
Ders.: Flucht zum Mars. München 2007 (dtv TBH).
Hoffmann, Helmut W. (Pseudonym Hellmut Wolfram“): „Sechse treffen, sieben äffen“. In: Scheidt 1975.
Ombra, Petrik alias → Franke, Herbert W. (Hrsg.): Goldmanns Weltraum Taschenbücher.
Scheidt, Jürgen vom (Hrsg.): Das Monster im Park. München 1970 (Nymphenburger).
Ders.: (Hrsg.): Guten Morgen, Übermorgen. München 1975 (Ellermann).
Ders.:  „Im Spiegelkabinett“. In: Franke 1975.
Ders.: Rückkehr zur Erde. Pfaffenhofen 1977 (Ludwig), S. 81.
Ders.: Das Drama der Hochbegabten. München 2004 (Kösel).
Ders.: „Ad astra again“. In ANDRO-SF-Nachrichten, Vierteljahres-Magazin des SFCD Nr. 3 / 2022.
Wolfram, Hellmut → Hoffmann, Helmut W.

277 _ aut #1422 _ 2022-09-14 (2022-09-07/21:22)

Aiwanger: Grundeinkommen kommunistisch?

Als ich Ende August dieses Jahres 2022 beim Zappen eine Sendung bei TV München auf den Bildschirm bekam, ereiferte sich in einem Interview der bayrische Politiker und derzeit Bayerns Wirtschaftsminister in einem Zusammenhang, an den ich mich nicht mehr erinnere, über die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens:
„Das ist kommunistisch“.

Da hat ein sicher nicht dummer Politiker (immerhin  Bundes- und bayerischer Landesvorsitzender der Freien Wähler) was doch recht Dummes von sich gegeben. Wer sich nur ein wenig ernsthafte mit dem Thema „Bedingungsloses Grundeinkommen“ befasst, weiß nämlich, dass es hier um weit mehr geht, als um ideologisches Geplänkel und schon gar nicht um – pfui bäh – über etwa „kommunistisches“.
Ich bin ganz sicher kein Kommunist, halte diese linksextreme Ideologie für hoch gefährlich und vor allem – wie das rechtsextreme Spiegelbild des Faschismus – für geschichtlich total gescheitert (nicht einmal die Chinesen glauben noch an den Kommunismus – außer aus historischen Gründen und damit sie ihre Staatspartei nicht umbenennen müssen).
Aber beim Grundeinkommen geht es um etwas völlig anderes. Es geht darum, die total veränderte, in vielen Fällen bereits durch Automation, Roboter und KI-Software ergänzte und sogar zum Teil bereits ersetzte Arbeitswelt neu zu bewerten und die Menschen anders an der Wertschöpfung teilhaben zu lassen.

Einige Beispiele

Es gibt in Deutschland Hunderttausende sehr kreativer Menschen, die in „prekären“ (= schlecht bezahlten und entsprechend später schlecht berenteten) Berufen arbeiten: Fotographen, Musiker, Journalisten, Schriftsteller, Maler, Regisseure, Bühnenarbeiter, Messeausstatter –  allesamt (wie das heute in Corona-Zeiten heißt) „Solo-Selbständige“. Also all die, welche unsere Kultur Tag für Tag neu schaffen und am Laufen halten.
Zu den prekären Berufen gehören übrigens auch die Psychologen und Psychotherapeuten und unzählige freiberufliche Pädagogen und Privatdozenten und viele akademische Hilfskräfte. Warum beispielsweise die Psychotherapeuten? Weil sie nach abgeschlossenem Studium enorm viel Geld in Weiterbildung und Spezialisierung investieren müssen, was sich später im Beruf kaum mehr hereinholen lässt.
Für alle diese Menschen wäre das Grundeinkommen ein Segen. Und der würde ganz direkt auf die ganze Gesellschaft ausstrahlen.

Aber auch für all die vielen Hilfskräfte, die unsere Gesellschaft am Laufen halten, wäre das toll: Kassiererinnen im Supermarkt, Pflegekräfte – und ja: vor allem viele Frauen und da speziell wieder die alleinerziehenden Mütter (40 Prozent von ihnen beziehen Sozialhilfe – SZ vom 16. März 2019).

In all den genannten kreativen Berufen gibt einige wenige Spitzenverdiener. Das sind die, über welche in den Medien berichtet wird, was ihren Wert und damit ihr Einkommen weiter erhöht. Aber geschätzte 95 wenn nicht gar 99 Prozent all dieser Berufe, die unsere Kultur und Gesellschaft prägen, gehören nicht dazu. Das hat schon Carl Spitzweg mit seinem gar nicht lustigen „Armen Poeten“ denkwürdig charakterisiert und verewigt.

Ein Bedingungsloses Grundeinkommen ist keine kommunistische Ideologie – und wenn es Teil davon wäre, dann der einzige, der beachtenswert ist. Wer mehr darüber erfahren will, findet alles nötige in diesen drei lesenswerten Büchern:

1000 € für jeden von Götz Werner und Adrienne Goehler ist eine sehr differenzierte und fundierte Studie über Sinn und Wesen dieser Idee. Götz Werner ist der Gründer der „dm“-Drogeriemärkte, ein knallharter Geschäftsmann und erfolgreicher Kapitalist – und ganz sicher keiner „kommunistischen Umtriebe“ verdächtig. „1000 € für jeden“ meint wörtlich genau dies: Jeden Monat für jeden Bundesbürger tausend €uro aufs Konto, ein Leben lang. Erstmal eine schöne Utopie. Aber wie ließe sich die vielleicht doch verwirklichen? Im Buch steht alles drin, Herr Aiwanger!

Was würdest Du arbeiten, wenn du nicht musst? (herausgegeben von Susanne Risch) stellt einige der vielen Dutzend Beiträge vor, die ursprünglich im renommierten Wirtschafts-Magazin brandeins erschienen sind – ganz gewiss auch keine „kommunistische Hauspostille“, sondern eine grundsolide „kapitalistische“ Zeitschrift, die jedoch auch so manches liebgewonnene kapitalistisches Thema wie die Arbeit genauer unter die Lupe nimmt. (Alle betreffenden Artikel findet man über die Suchfunktion der Website von brandeins: https://www.brandeins.de/ )

Der interessanteste Titel ist für mich die Studie von Michael Bohmeyer und Claudia Cornelsen Was würdest du tun? – nämlich mit besagten 1000 € Grundeinkommen. Bohmeyer hat 2014 den Verein Mein Grundeinkommen gegründet, der sich ganz praktisch der Realisierung dieser Utopie widmet. Die Idee ist ganz einfach: Mit den Mitgliedsbeiträgen wird der gemeinnützige Verein am Laufen gehalten – aber man kann zusätzlich in einen „Lostopf“ spenden, aus dem inzwischen jeden Monat an die 30 (!dreißig!) solcher Grundeinkommen à 1.000 € monatlich für ein Jahr ausgeschüttet werden – immerhin 12.000 €. Als Gewinn muss das nicht versteuert werden. Damit lässt sich schon etwas anfangen, zum Beispiel eine neue berufliche Grundlage überdenken und auch realistisch starten.
Die bisherige Bilanz ist beachtlich:

313.128 Menschen haben bisher 1.238 Grundeinkommen à 12.000 € Gesamtwert finanziert.

Details findet man auf der Website des Vereins. https://www.mein-grundeinkommen.de/
(Ich bin dort selbst seit 2017 Mitglied, und zahle monatlich 15 € ein: 10.00 € in den Grundeinkommenstopf und 5.00 € Spende an den Verein. Gewonnen habe ich bisher noch nicht – aber bei etwas mehr als 300.000 Crowdhörnchen, die aufgrund ihrer Lostopf-Zahlung am monatlichen Gewinnspiel teilnehmen, ist die Chance auf ein solches Grundeinkommen doch recht hoch – jedenfalls wesentlich höher als beim Lottospielen. Aber es geht auch nicht so sehr ums „gewinnen“, sondern um die Unterstützung eienr großartigen Idee, die hier ganz buchstäblich praktisch durchgespielt wird.)

Bohmeyer und Cornelsen haben 24 Gewinner dieses erwähnten Losverfahrens ausgiebig interviewt und sind im dritten zu erwähnenden Buch zu überraschenden Ergebnissen gekommen – man ist versucht, zu sagen: zu sensationellen Funden. In Zukunft wird über das Thema nur mitreden können, wer dieses Buch gelesen hat. (Ein Spezialthema, das darin noch fehlt: Wie sich das BGE auf das Gesundheitssystem der Bevölkerung auswirken und was dies an Soziallasten sparen würde.)
Wie eine Art vorweggenommenes Ergebnis dieser Recherche heißt es gleich zu Beginn des Buches:

„Wir sind zehn Tage durch Deutschland gereist und haben Interviews mit Menschen geführt, die versuchsweise für ein Jahr ein Bedingungsloses Grundeinkommen beziehen. In den Gesprächen haben wir Dinge erfahren und Sätze gehört, von denen wir niemals zuvor gedacht hätten, dass wir sie hören würden, geschweige denn, dass sie irgendetwas mit Grundeinkommen zu tun haben könnten.“
Die Interviews haben alle Argumente, die üblicherweise gegen das Bedingungslose Grundeinkommen vorgetragen werden, widerlegt: das Hängematten-Argument, das Müllmann-Argument, das Inflations-Argument. Obwohl: „widerlegt“ ist das falsche Wort. Präziser müsste es heißen: In den Gesprächen wurde deutlich, dass die üblichen kritischen Fragen irrelevant sind:
° Wer geht denn dann noch arbeiten?
° Legen sich dann nicht alle Menschen in die Hängematte?
° Wer macht dann die Arbeiten, zu denen keiner Lust hat? Wer kümmert sich zum Beispiel um die Müllabfuhr?
° Wird nicht alles teurer, weil Menschen mit Grundeinkommen mehr Geld ausgeben?

Die Erfahrungen und Erlebnisse, die wir von den Grundeinkommens-Pionieren erzählt bekamen, waren so anders, so vielfältig und facettenreich, dass klar ist: Ein Bedingungsloses Grundeinkommen wirft in der Praxis ganz andere Fragen auf, als man sich in der Theorie ausdenken kann. (S. 13/14)

Und am Ende des Buches erfahren wir:

„Dann können sie viel besser Teil von etwas Größerem sein. Das lehren uns die Geschichten von Matondo und all den anderen.
Teil von etwas Größerem zu sein heißt nicht, im Kaninchenzüchterverein den Vorsitz zu übernehmen, sondern das, was Olga uns gesagt hat: dass sie Kraft für Konflikte hat, dass sie nicht wegguckt und nicht mehr weggucken kann. Dass die Gewinnerinnen und Gewinner ihre Ehe wieder ins Blickfeld nehmen, ihre Kinder wahrnehmen, wie sie sind, und sich im Alltag und im direkten Umfeld engagieren.
Dieses Gemeinschaftsgefühl haben wir bei unseren Interviews nur in Mikro-Momenten erspürt, aber möglicherweise ist dieser verbindende Geist mächtiger als jede Gewerkschaft oder Partei. Immerhin haben wir bei Mein Grundeinkommen inzwischen über eine Million »User«, also Menschen, die sich mit der Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens verbunden fühlen – das sind etwa genauso viele Menschen, wie die im Bundestag vertretenen Parteien zusammen an Mitgliedern haben.
»Es ist die Pflicht eines jeden Lebewesens, mit seinem Leben, seinem Reichtum, seiner Intelligenz und seinen Worten zum Wohl anderer tätig zu sein.« Dieses hinduistische Zitat schickte uns der Chemisch-Technische Assistent Shijar aus Minden, nachdem er ein Grundeinkommen gewonnen hatte. Für ihn bedeutet das, etwas für seinen spirituellen Fortschritt zu tun. Er glaubt, dass mit Bedingungslosem Grundeinkommen die Kriminalität in Deutschland sinken und die Lebensqualität aller steigen würde. »Durch weniger Sorgen und Stress würden die Menschen friedlicher werden, erst dann kann es eine glückliche Gesellschaft geben.«
Bestes Beispiel dafür ist Petra, die mit Grundeinkommen eben doch nicht AfD wählt. Die Krankenschwester Olga macht jetzt bei politischen Diskussionen den Mund auf und geht wieder wählen. Die Lehrerin Viola schaut sich um, in welcher politischen Organisation sie jetzt eine Heimat finden kann. (S. 268)

Also, Herr Aiwanger: Nicht gleich drauf losplappern, sondern erst mal informieren, was Sache ist.

(Siehe auch hier im Blog den Beitrag Dummes Gerede von klugen Leuten )

Quellen
Bohmeyer, Michael und Claudia Cornelsen: ). Was würdest du tun?  [mit 1000 € Grundeinkommen] Berlin 2019 (Econ Paperback).
Risch, Susanne (Hrsg.): Was würdest Du arbeiten, wenn du nicht musst?. Hamburg 2018. (edition brandeins).
Werner, Götz und Goehler, Adrienne: 1000 € für jeden. München 2010 (Econ Paperback).

aut #1421_274 _2022-09-04/13:44

Meine lieferbaren Bücher:
Sachbücher:
Kreatives Schreiben – HyperWriting. (Frankfurt am Main 1989). München 2006-11 (Allitera ). 215 Seiten Paperback.  € 19,90
ISBN 978-3-86520-210-9 .
Kurzgeschichten schreiben. (1994) München 2002-07 (Allitera). 91 Seiten. 9,90 €uro / ISBN 3-935877-57-9.
Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität. München März 2004 (Allitera) 176 Seiten – 18,00 €uro
ISBN 386520-043-5.
Belletristik:
Männer gegen Raum und Zeit  (Roman). Wuppertal-Barmen 1958 (Wieba).  Überarb. Neuausgabe 2015 (vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 301 Seiten – 14,95 € / ISBN 978-3-9816951-2-0.  / Kindle-Ausgabe als E-Book: 2,99 €.
Sternvogel (Roman). Minden 1962 (Bewin) überarb. Neuausgabe: vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 190 Seiten.
ISBN 9 781 520 546032 9,00 €.
Blues für Fagott und Zersägte Jungfrau. München 2005 (Allitera). 140 Seiten – € 12,90 / ISBN 3-86520-121-0.