Hervorgehoben

Kommentare zu meinem Blog sind höchst willkommen, aber…

… leider kann ich nur höchst selten darauf antworten. Zum einen kenne ich mich mit dem Procedere noch nicht richtig aus – zum anderen fehlt mir aktuell die Zeit.
Ich lese Ihre Kommentare – aber haben Sie bitte Verständnis, wenn ich nicht direkt darauf eingehe. Wie bei Ihnen sicher auch, ist meine Arbeitszeit begrenzt:

° Davon wende ich für diesen Blog etwa ein Drittel auf (ein bis drei Stunden täglich).
° Das zweite Drittel ist reserviert für meine Buch-Projekte (→ glü-Roman, → Autobiographie).
° Das dritte Drittel muss ich meinen Seminaren widmen – die zur Zeit coronabedingt zwar nur reduziert ablaufen können – aber vor- und nachbereitet werden müssen (Rechnungen schreiben, E-Mails beantworten, Berichte schreiben) und ich auch bewerben muss (in meinem Newsletter – und auch mit diesem Blog).
° Und das vierte Drittel – naja, das gibt es nur bei jemandem wie Erich Kästner, der den 35. Mai erfunden hat.
In meinem hohen Alter geht manches zudem nicht mehr so flott von der Hand – und es gibt ja noch viele andere Verpflichtungen der Familie und Freunden gegenüber.

Bleiben Sie mir dennoch gewogen und lese Sie bitte weiter meine Beiträge – und wenn die Ihnen gefallen, empfehlen Sie den Blog bitte weiter.

Danke.

Quelle
Kästner, Erich: Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee (1931).

150 _ aut #670 _ aktualisiert für: 2021-04-26/06:49 <ur: 2021-03-02 2021 / 18:49> – meta

Hervorgehoben

Willkommen in meinem Blog!

(Vorab ein großes Dankeschön an meinen digital begabten Enkel schlockkonock , dessen Blog Leichte Rezepte finden Vorbild für meinen Blog ist. Er hat mir bei dessen Einrichtung und Start mit viel Aufmerksamkeit und Geduld geholfen – die ich als Dreizehnjähriger nie gehabt hätte.
Zu meiner Person finden Sie mehr in Hallo, das bin ich.)

Es ist höchste Zeit, mal meine „Philosophie“ darzulegen, was ich eigentlich mit diesem Blog anstrebe. Der Titel sagt es ja bereits: Es geht um „HyperWriting“. Aber was ist das? Dazu bereite ich gerade einen eigenen Beitrag vor, zu dem dann an dieser Stelle hier verlinkt wird. Dieses Verlinken ist übrigens eine erste Erklärung: Bei → HyperWriting geht es immer auch um Hypertext – also um Texte im Internet, die mit anderen Texten verlinkt werden. HyperWriting hat aber auch noch eine ganz andere Bedeutung: Zusammen mit anderen Menschen schreiben – also „über die Grenzen“ (die griechische Silbe „hyper“ heißt nichts anders) des eigenen Schreibens hinausstreben – wie in den Schreib-Seminaren, die ich seit 1979 durchführe.
Und drittens – aber dazu in dem verlinkten Beitrag dann mehr.
(So viele Links wie in diesem Beitrag werden Sie übrigens nie bei mir finden – wer will schon dauernd von einem Thema zum anderen hüpfen – aber ich will damit eben auch veranschaulichen, was HyperWriting als Hypertext sein kann.)
Ich könnte es könnte es mir leicht machen und sagen: In der KAT-Wolke kann man meine Themen sehen. Aber es sind an die hundert – also eigentlich viel zu viele.

Die KAT-Wolke dieses Blog – mit allen Themen (= Kategorien), die mehr oder weniger intensiv behandelt werden. Das rosa eingekreiste Thema „glü (Romanprojekt) ist genau dies – ein aktuelles Buch-Projekt, an dem ich arbeite und bei dem mich dieser Blog begleitet.

Ein Blog sollte doch möglichst nur ein Thema habe, um das dann alle Beiträge kreisen. Nun, bei mir ist das eben anders. Mit einem monothematischen Blog habe ich bereits Erfahrungen gesammelt: dem Labyrinth-Blog*.

* Der Labyrinth-Blog war ursprünglich Teil einer großen Blog-Wolke – den SciLogs. Aber dort existiert er nur noch als Archiv – ist jedoch über die alten Links wie den folgenden immer noch erreichbar: Die Münchner Schreib-Werkstatt war dort mein letzter, genau dreihundertster Beitrag.

Labyrinth und Schreiben

Irgendwann war mir das Labyrinth-Thema (das mich nach wie vor fasziniert und deshalb auch hier im Blog gewürdigt wird) zu eng – und ich machte daraus ein Labyrinth des Schreibens. Da waren es schon zwei große Themen. Allmählich (ich bin inzwischen über Beitrag #100 hinaus) zeigen sich hier im Blog gewisse Themen immer deutlicher, weil sie häufiger von mir bearbeitet werden.
Der dickste Brocken hier im Blog ist unübersehbar Autobiographisches. Klar – ein Blog ist ein Tagebuch und spiegelt die Interessen seines Autors wieder. Aber seit ich schreibe – und das sind inzwischen fast 70 Jahre – ging es mir nie nur um egozentrische Nabelschau, sondern ich hatte dabei immer potenzielle Leser im Blick. Das war schon bei meinen ersten Science-Fiction-Geschichten so (eine, aus dem Jahr 1956, finden Sie hier im Blog: Nur ein kleiner Fehler) und später mit „ganz normalen Geschichten“ wie dem Conga Joe.
Es gibt Gedichte: minimalistische Haiku und freche Limericks. Es gibt immer wieder Schreib-Tipps für Schreibinteressierte (die meine Hauptzielgruppe sind). Als Labyrinth-Fan bediene ich auch dieses Thema. Weil mich als Psychologen nach wie vor die Rauschdrogen interessieren, gibt es dazu ebenso Artikel wie zur Hochbegabung (hier fehlt noch ein Beitrag).
Es sind Früchte eines reichen Berufslebens, das noch voll im Gange ist, mit Schreib-Seminaren, derzeit nur online. Ich schaue mir älteres und altes Material noch einmal genau an, ob es einer Wiederentdeckung wert ist (Recycling ist das moderne Wort dafür) – und entdecke überraschend frische Geschichten und Themen, die einfach zeitlos sind. Ob die das auch für Sie, liebe Leserin, lieber Leser, sind – das müssen Sie selbst entscheiden. Ich serviere Ihnen das nur auf einem silbernen Tablett – essen müssen Sie selbst und feststellen, ob es Ihnen mundet.

Wichtig sind mir auch all die Begegnungen mit anderen Menschen, zum Beispiel während der vielen Interviews, die ich für den Bayrischen Rundfunk durchgeführt habe, mit Highlights wie dem Gespräch mit Vigdis Finnbogadottir, der Präsidentin von Island (1990) oder dem Nobelpreisträger für Physik, Gerd Binnig (ebenfalls 1990).

Und dann ist dies alles ja auch das große Abenteuer der Aufblätterung eines ganzen eigenen Lebens und wie das alles zusammenhängt, auch als Vorbereitung einer Autobiographie – also hoffentlich interessant für alle, die sich in so ein Abenteuer stürzen wollen. Es lohnt sich! Nichts hält den Geist wacher und verhindert Demenz besser, als sich der eigenen Vergangenheit zu stellen – indem man sie im Aufschreiben wieder betrachtet, lose Fäden einsammelt und miteinander verknüpft, scheinbar Altvertrautes in überraschend neuen Zusammenhängen sieht. Da kommt dann die MultiChronie ins Spiel (s. unten).

Was könnte man im hohen Alter (81 – also richtig „biblisch“) besseres für sich selbst tun – und damit auch anderen, Gleichaltrigen und Jüngeren Anregungen geben?

Ein blaues Paperweight als Symbol für HyperWriting und für diesen Blog (im Hintergrund, nur zu ahnen: die indische Göttin Saraswati, welche die Sitar spielt und auch für die Schreib-Kunst steht, aus feinem Elfenbein geschnitztes Souvenir einer Reise 1975/76 (Archiv JvS)

Vielleicht ist der gemeinsame Nenner der Beiträge in meinem Blog: Sie sind nicht zuletzt für die Teilnehmer meiner Schreib-Seminare geschrieben (oder für Leute, sie sich für solche Literatur-Werkstätten interessieren könnten), mit „Tipps zum Schreiben und Publizieren“, zum Beispiel, wie man ganz konkret einen Blog gestalten könnte – eben so wie diesen hier.

Schreibe ich am Ende für Hochbegabte?

Ganz kühner Gedanke zum Schluss: Vielleicht schreibe ich diesen Blog speziell für Hochbegabte, die auf der Suche nach sich selbst sind – ja vielleicht noch gar nicht wissen, dass sie hochbegabt sind? Ich habe dazu ein ganzes Buch geschrieben, in dem es einen SelbstTest gibt: „Bin ich hochbegabt?“ Den können sie ja mal ausprobieren – wenn er demnächst hier im Blog erscheint.
Eine meiner Thesen in diesem Buch Das Drama der Hochbegabten: Schreiben in all seinen (mindestens 50) Varianten und Bedeutungen ist das Denk- und Kultur-Werkzeug schlechthin für Hochbegabte. Was zu beweisen ist.
Vielleicht ist es umgekehrt sogar so, dass nur jemand, der hochbegabt ist – gerne selbst schreibt und das Schreiben als vielseitiges Werkzeug nützt?

Eine Entdeckung, die ich beim Bloggen machte, ist das, was ich MultiChronie nenne. Mir ist noch nicht ganz klar, was das wirklich ist – aber ich beginne zu ahnen, dass ich da etwas Neues entdeckt habe, nur so durch das Bloggen – das auch Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser – etwas Neues geben könnte – eine neue Sicht auf ihr Leben?
Einen von vielen Texten zu diesem Spezialthema finden sie hier: MultiChronie und die Enge des Bewusstseins.

Wenn ich all dies zusammenfasse: Schreiben hat für mich drei wesentliche Funktionen:
° Texte sollen Informationen vermitteln und zum Nachdenken anregen.
° Sie sollen unterhalten (wie eine gute Kurzgeschichte).
° Und sie sollen eine gewisse Spannung erzeugen, welche die Neugier weckt und zum Weiterlesen anregt.
Vor allem aber sollen die Beiträge den Lesern bei ihrem Selbstverständnis und ihrer Selbstvergewisserung unterstützen.
Urteilen Sie selbst, ob und wo mir das hier im Blog gelingt.

MultiChronalia (hier im Beitrag)

Unter MultiChronalia verstehe ich Elemente aus verschiedenen Zeitschichten, die in einem Text – wie hier – auftauchen und nun, durch diesen Text, zusammenfinden: zu einem MultiChronat. Für einen Außenstehenden – oder für mich selbst beim raschen Tippen der Details – ist das Folgende nur eine lose Aneinanderreihung von Daten. Aber während ich den Text verfasste, ging das alles viel langsamer vor sich, Personen, Schauplätze, Gefühle wurden wieder wach – im Zustand der schreibenden Entschleunigung fügte sich das zu etwas neuem zusammen, das so vorher noch nie beisammen war. Das nenne ich MultiChronie. Probieren Sie es mal aus.
Mein Schreib-Tipp dazu: Erinnern Sie sich an mindestens drei Ereignisse aus verschiedenen Zeitschichten, reihen sie diese aneinander (ähnlich wie beim Schreiben eines Haiku, wo man auch erst für jede der drei Zeilen eine Beobachtung sammelt und dann aneinander montiert). Spüren Sie dem nach, was diese Ereignisse vielleicht miteinander zu tun haben könnten – dass sie Ihnen gerade jetzt eingefallen sind, scheinbar frei assoziiert, aber in der Tiefe vielleicht sehr bedeutungsvoll zusammenhängend.
Nutzanwendung für dieses mein MultiChronat: Ich staune über die Fülle meines Lebens und dass ich die Muse und den Antrieb hatte, diese vielen Ereignisse nicht nur so vorbeitreiben zu lassen, sondern sie schreibend zu Texten verdichtet habe – die nun hier in einem übergeordneten Sinn zusammengewachsen sind und etwas aussagen über HyperWriting und diesen Blog – was wiederum vielleicht Ihnen, der / die Sie das lesen, etwas über sich selbst sagt.
Probieren Sie´s mal aus. Ist ganz leicht. Aber eine Stunde Zeit sollten Sie sich nehmen – zum MultiChronieren.

Und hier die Zusammschau des obigen Textes:
Gleich zu Beginn bedanke ich mich bei meinem Enkel schlockonock und gerate dadurch in den November 2020, als er mir half, diesen Blog einzurichten. Mit Hypertext befasste ich mich erstmals, als ich 1982 meinen ersten Computer als „Schreibmaschine“ bekam, die Freuden des Datenbankens entdeckte und bald darauf eine amerikanische Software namens Hyperwriter, mit der man in ersten Ansätzen das machen konnte, was man heute Blogging nennt – aber nicht im Internet (das wurde erst ein Jahrzehnt später wichtig für mich), sondern erst mal nur für sich selbst in der Virtualität des eigenen PC.
Weiterer Zeitsprung zurück: 1979 führte ich mit meiner TZI-Lehrerin und zugleich Gestalttherapeutin Elisabeth von Godin mein erstes Schreib-Seminar durch – wahrscheinlich das erste im deutschsprachigen Raum.
Die KAT-Wolke ist vom aktuellen Tag – 04. März 2021. Den Labyrinth-Blog schrieb ich von 2007 bis 2016. Meine ersten Texte aus eigenem Antrieb schrieb ich 1952 – als „Drehbücher“ (mit zwei Seiten) für zwei Comix, zu denen mein Freund Alfred Hertrich die Bilder zeichnete. 1956 erschien meine erste Kurzgeschichte „Nur ein kleiner Fehler“, den „Conga Joe“ schrieb ich 1991 (erstmals in gedruckter Form 2005 in meiner Anthologie Blues für Fagott...)
Mein erstes Haiku schrieb ich 1959, bald darauf auch Limericks. 1990 war meine Islandreise (drei Tage!) zum Interview mit der Präsidentin, im selben Jahr das Gespräch mit Gerd Binnig.
2004 erschien, nach sechs Jahren Schwangerschaft, mein Buch das Drama der Hochbegabten. MultiChronie fiel mir als neuer Terminus im Mai 2007 ein, seitdem sammle ich Belege dafür.

Saraswati mit der Sitar, der Flöte spielende Krishna und der in sich gekehrte Buddha – meine drei Schutzheiligen beim Schreiben – im Hintergrund wieder das blaue Paperweight (Archiv: JvS)

aut #799 _ 2021-03-04 / 19:43

Zeugnis unserer Jugendkultur: der „C. C. Rider „

Das Handwerk des Schreibens kann man auf viele Arten lernen. Sieht man mal von den Erfahrungen mit Aufsätzen und anderen Textformen in der Schule ab, beginnt das häufig mit einem Tagebuch. Selten notiert jemand schon als Kind erste Geschichten aus eigenem Antrieb (wie Joanne „Harry Potter Rowling) – was ich übrigens als ein deutliches Merkmal für Hochbegabung deuten würde.
Aber mehr Spaß macht es, wenn man zusammen mit anderen schreibt – nicht in der Schulklasse, weil man muss – sondern weil man das aus eigenem Antrieb möchte. Schülerzeitung sind da inzwischen eine gängige Gelegenheit. Aber bevor ich 1958/59 bei unserer Schülerzeitung Giselaner mitmachte (an der Gisela-Oberrealschule in München), waren das für mich etwas früher bereits drei andere Hobby-Publikationen:
° ANDROmeda (die monatliche Vereinsschrift des Science-Fiction Club Deutschland. SFCD),
° der C. C. Rider (eine Art Party-Zeitung unseres Cool Circle)
° und Munich Round Up (ein Fanzine der Münchner Gruppe des SFCD).

Man kann solche frühen literarischen Geh-Versuche gar nicht hoch genug bewerten, weil sie viererlei bewirken:

  1. motiviert man sich gegenseitig („Wann hast du deine Buchbesprechung fertig – schaffst du das noch bis Samstag ins nächste Heft?“);
  2. regt man sich gegenseitig an, spielt sich Themen-Bälle zu, nennt sich interessante Lektüren oder Musik-Beispiele; und
  3. nicht zuletzt lernt man auf diese Weise, so ganz nebenbei, fremde wie eigene Texte auch kritisch zu betrachten – und vor allem Kritik auszuhalten, ohne gleich beleidigt zu sein.
  4. Doch last but not least hat man beim gemeinsamen Schreiben immer schon ein Publikum dabei – da schreibt man anders als wenn man zuhause etwas ins Tagebuch notiert. (Und wenn man anhand von amerikanischen Songs und SF in der Originalsprache auch noch aktuelles English lernt, ist das ja auch kein Schaden.)

Diese frühen Erfahrungen gemeinsamen Schreibens sind ganz sicher auch die Wurzeln meiner späteren Schreib-Seminare gewesen. Dass so etwas (literarisches Schreiben, journalistisches Schreiben, Schreib-Seminare leiten) ein bzw. zwei Jahrzehnte später meine Brotberufe werden würden, hätte ich mir damals in den späten 1950er Jahren allerdings nicht vorstellen können – da stand mehr so etwas wie Testpilot, Weltraumpilot, Robotpsychologe auf dem Wunschzettel mit den Berufsträumen.

Bei alledem kommt einer kleine Postille eine ganz besondere Bedeutung zu, die ich zusammen mit meinem Freund Wolfgang Baum mit Texten füllte (wobei andere Mitglieder unseres damaligen Party-Clubs Cool Circle gelegentlich auch etwas beitrugen – wenn man sie nur genügend triezte): der C. C. Rider. Der Name rührt von einem Blues-Song von Chuck Willis her, der damals im amerikanischen Soldatensender AFN gespielt wurde und in der Race-Abteilung des Billboard ziemlich hoch kletterte.

Diskriminierung der Schwarzen in den USA ist nichts Neues

Race-Abteilung? Ja, das gab es damals. Das war eine spezielle Chart für Songs der schwarzen Bevölkerung der USA, die man fein säuberlich aus der offiziellen weißen Schlager-Chart des Musik-Fachmagazins Billboard auslagerte und umgangssprachlich R´n´B (für Rhythm´n´Blues) nannte oder – schön diskriminierend – Race Music (bei uns in Deutschland war das die Negermusik, mit der unsere Eltern alles benannten, was nach Jazz klang, was also laut und sehr rhythmisch war und vor allem „amerikanisch“ – aber eben nicht so nett wie die eingängigen Schmalz-Songs eines Bing Crosby oder Pat Boone oder Frank Sinatra).

Die Diskriminierung der Schwarzen war damals, in den 1950ern, noch viel heftiger als heutzutage, es gab ständig Lynchmorde und Übergriffe der (weißen) Polizisten gegen Schwarze waren an der Tagesordnung – kein Wunder bei einer inoffiziellen Apartheits-Politik, die vor allem in den Südstaaten sehr offiziell Weiße und Schwarze von einander separierte.

Eine Reise zurück in die 50er

Das ist jetzt wie eine Zeitreise – sich an diese Epoche zu erinnern. Die Musik, die manche von uns Jugendlichen gerne hörten, transportierte viel Aufmüpfiges, womit wir uns den Eltern gegenüber erstmals in der Geschichte der Menschheit eine eigene „Jugendkultur“ schufen – ohne zu wissen, was das war und später von Soziologen so benannt werden würde: Mit Crew Cut, Blue Jeans und Bluesuede Shoes (aber bitte mit richtig laut klappernden „Hufeisen“ an den Absätzen) – mit eigenen Filmen (James Dean war einer unserer Rebellen) – mit eigenem Tanzstil (Boogie Woogie, Jitterbug – nicht das langweilige Walzer-Zeug aus der Tanzstunde).

Und für manche von uns spielte da auch die Science-Fiction-Literatur eine „abgrenzende“ Rolle – wie alle unsere Hobbies und Gewohnheiten und Vorlieben, die vor allem eine Funktion hatten: Sie war „unser eigenes“ – schon deshalb, weil die Erwachsenen nichts davon verstanden und es im Idealfall sogar heftig bekämpften: bei den Mädchen die Petticoats und bei uns Buben die „Röhrenhosen“. Das alles half, eine eigene soziokulturelle Position zu finden – und dabei nicht zuletzt allmählich auch zu entdecken, wie belastet die Vergangenheit unserer Eltern aussah, in der Nazi-Diktatur aufgewachsenen waren und sie meistens tatkräftig gefördert hatten.

All das spiegelt sich in den gerade mal sieben Ausgabe des C. C. Rider sehr deutlich wider. Als ich ihn nach vielen Jahren mal wieder durchblätterte, wurde mir bewusst, wie wichtig es war, das damals aktiv mitzugestalten – lange bevor dann ein Jahrzehnt später die 68er sich in Bewegung setzten, lauthals gegen den Vietnam-Krieg demonstrierten, sich in den Universitäten gegen den „Muff von tausend Jahren unter den Talaren“ (mit noch verdammt viel „brauner Vergangenheit“) zu wehren begannen.

Dabei haben wir eigentlich nichts anderes gemacht, als uns gerne tanzend am Wochenende bei den Parties zu dieser tollen „anderen“ Musik zu bewegen, zu flirten, zu schmusen, uns zu verlieben (und enttäuscht zu werden) – und was man halt mit 18 so alles macht und denkt und träumt.

Jetzt ist eines der drei „überlebenden“ Originale dieser damals mühsam mit der Schreibmaschine vervielfältigten Zeitschrift beim „Archiv der Jugendkulturen“ gesichert, die Inhalte sind digitalisiert und vielleicht kann sogar das Deutsche Jugend Institut (DJI) etwas damit anfangen – ist es doch ein sehr direkter offener Blick, den wir Jugendlichen damals auf die uns umgebende Welt der Erwachsenen schriftlich dokumentiert haben. Wir haben ja nicht nur im Saturday Night Fever getanzt und am Blue Monday unsere Enttäuschung über ein missglücktes Liebesabenteuer bejammert – wir sind auch zusammen in Kino-Vorstellungen wie Flucht in Ketten gegangen, haben die amerikanischen Jugendlichen der High School im Perlacher Forst getroffen (wo sich das gut abgeschirmte „Ghetto“ der amerikanischen Besatzungsmacht befand) zum Basketballspielen und zum gemeinsamen Besuch eines Fußball-Spiels im Stadion der 1860er an der Tegernseer Landstraße. Wir sind auch in Ausstellungen gegangen und haben uns dabei unsere (oft sehr kritischen) Gedanken über die Welt gemacht, in die wir da hineingewachsen sind.

Im C. C. Rider haben wir eigene Gedichte veröffentlicht und ich schrieb darin sogar den Anfang meines späteren zweiten Romans —Sternvogel.

In der oben erwähnten Club-Zeitung ANDROmeda des SFCD konnte ich nicht nur meine allererste Kurzgeschichte publizieren, sondern erfahren, was es bedeutet, von Älteren gefördert zu werden (s. hierzu auch meine Begegnung mit Lothar Heinecke hier im Blog).
Und Munich Round Up (kurz MRU) wurde dann so etwas wie eine „erwachsenere“ Variante des C. C. Rider – wenngleich sehr unter dem Einfluss der aufmüpfigen, kulturkritischen und sehr amerikanisch-popkulturellen Jugendzeitschrift Mad.
In MRU schrieb ich mit fünf anderen SF-Freunden die wilde Space Opera Das Unlöschbare Feuer und die Anfänge meines bereits dritten Romans —Der geworfene Stein.

Jedenfalls haben wir, die daran Beteiligten, sowohl im C. C. Rider wie in MRU wie die Wilden geschrieben, geschrieben, geschrieben und auf diese Weise unsere Schreibtalente entwickelt.

Was will man mehr von Jugendsünden!

190? _ aut #925 _ 2021-05-06/09:37

Die Blindheit der Autokraten

Auslöser für diesen Beitrag war ein Artikel in der SZ über die immer brutalere Verfolgung von Journalisten, Aktivisten und anderen kritischen Menschen in Russland – die Putin so gar nicht in sein immer diktatorischer werdendes Konzept passen (Bigalke 2021). In ihrer eitlen Machtbesessenheit übersehen Autokraten wie Wladimir Putin in Russland oder Xi Jinping und die Kommunistische Partei Chinas völlig den tieferen Sinn demokratischer Spielregeln und Gewohnheiten. Wer immer nur „von oben herab“ bestimmt – und mit zunehmend brachialer Gewalt durchsetzt – was zu geschehen hat, vergisst, dass jedes komplexe System Sensoren und Rückmeldesysteme braucht, die über den Zustand des Systems berichten, sodass schädliche Rückkopplungseffekte sich nicht verstärken können.

Kritische Journalisten, Umwelt-Aktivisten und vor allem alle paar Jahre die Wähler sind solche „Sensoren“ und „Rückmelder“. Werden sie ausgeschaltet, wird die Führung zunehmend blind. Die Fehler verstärken sich, untergeordnete Systeme entwickeln fatale „Aufschaukelungen“.

Das ist der riesengroße Vorteil jeder einigermaßen funktionierenden Demokratie: Sie ist kybernetisch bestens gerüstet. Allerdings sind die demokratischen Abläufe sehr „gebremst“. Wenn die Wähler nur alle vier Jahre abstimmen können, kommt solches Feedback sehr spät an. Umso wichtiger sind andere „Sensoren“:
° kritische Journalisten, die Korruption und andere Fehlerquellen aufdecken (s. die „Panama-Papers“, mit denen die Investigativ-Reporter der Süddeutschen Zeitung und anderer Medien ein weltweites System von Steuerhinterziehung aufdeckten, bei dem viele Staaten Milliarden an Steuern hinterzogen wurden);
° Non Governmental Organisations (NGOs) wie amnesty international (die sich um politische Gefangene – also „Sensoren“ im obigen Sinn – kümmern) oder Transparency International (die weltweit Korruption anprangern) oder Green Peace und Fridays for Future, (dessen Unterstützerinnen sich intensiv für Umweltschutz einsetzen);
° oder die SocialMedia-Bewegungen #MeToo und #BlackLivesMatter.

Sie alle decken Missstände auf und prangern sie an. Dann kann das Gesamtsystem darauf reagieren, kann korrigieren – über die Gesetzgebung und die Behörden – und kann über die regierenden Parteien Weichen stellen, welche die Missstände in Zukunft abstellen.

Ja mach nur einen Plan…

Wie jeder einigermaßen wache Zeitgenosse und jede ausgeschlafene Zeitgenossin weiß: Das ist der Idealfall. Je größer solche kybernetischen Systeme sind, je komplexer das Zusammenspiel vieler und vielfältiger Unter-System, je machtvoller die Einzelinteressen von Individuen und Gruppen – umso träger reagiert die kybernetische Selbstregulation.

Wenn Autokraten in Ländern wie Nordkorea, China, Brasilien, Russland, Türkei die Sensoren ausschalten, weil sie in ihrem Größenwahn alles „besser wissen“ – legen sie die Axt an ihr eigenes Gedankengebäude – was in letzter Konsequenz ein Wahnsystem ist, denn nichts ist total durchplanbar. Aber man lernt in solchen rückständigen Ländern einfach nichts dazu und schon gar nicht von einem mahnenden Dramaturgen wie Bert Brecht, der in seiner „Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“ in der Dreigroschen-Oper singen lässt:

Ja, mach nur einen Plan!
Sei nur ein großes Licht!
Und mach dann noch ’nen zweiten Plan
Geh´n tun sie beide nicht
.

Pläne funktionieren nur – wenn es immer wieder Korrekturen und Verbesserungen gibt – und notfalls einen „Plan B“ oder „Plan C“.

Wir erleben es gerade in der Corona-Pandemie , die ja auch Folge von Störungen eines komplexen kybernetischen Systems ist: Der gesamten Biosphäre unseres Planeten, auf welche die Menschen durch Raubbau und andere zerstörerischen Aktivitäten zunehmend aggressiv einwirken. Ausgleichende Rückkopplungen nehmen dann eben ein geradezu mörderisches Ausmaß an: Die nanowinzigen Viren vernichten und schwächen in rasender Eile ihre menschlichen Widersacher – um es mal total verkürzt darzustellen.

Wir erleben vor allem auch, dass es Rückkopplungssysteme gibt, die vorher unbekannt waren: Wer konnte mit Corona-Leugnern und Impfgegnern und anderen verblendeten „Gegnern“ von (insgesamt erstaunlich gut funktionierenden) politischen Entscheidungen in diesem Ausmaße und mit dieser Militanz rechnen?
Impfgegner gab es schon bei den Masern, also seit Jahrzehnten. Und Millionen Besserwisser gibt es nicht nur unter Fußballzuschauern, sondern in jedem Lebensbereich. Aber dass sich – dank der Sozial-Media – ihr Widerstand so aufschaukeln würde – das hatte niemand auf dem Radar.

Da sind offenbar andere Kräfte verstärkend im Spiel – zum Beispiel eine enorme Verunsicherung bei den Männern, weil die Frauen immer selbstbewusster werden – was dann gerne auf alles mögliche projiziert wird – vor allem auf „die da oben“.

Die größte Gefahr: Der Klimawandel

Die größte Gefahr, die uns derzeit alle bedroht, ist allerdings der Klimawandel. Auch er ist die Folge sich multiplizierender und exponenzial aufschaukelnder Eingriffe in das komplexeste Rückkopplungssystems überhaupt: Unsere Atmosphäre.

Höchste Zeit, dass sich mehr Menschen mit Kybernetik befassen – und welche Rolle sie dabei, auch als menschliche Winzlinge, spielen – und spielen können. Nicht nur durch die Abgabe einer Wählerstimme alle vier Jahre – sondern durch Engagement in NGOs, durch persönlichen Verzicht auf Unnötiges: Autofahren, Fleischkonsum (schon mal was von „Sonntagsbraten“ gehört? oder von vegetarischer Ernährung?), zerstörerische Urlaube, Häuslebauen auf Kosten der Natur.
Die Liste ist lang, was man selbst tun kann – oder lassen kann – oder könnte – und was sich millionen- und letztlich milliardenfach addiert und multipliziert und dann ebenfalls exponenzial aufschaukelt, aber nun in eine positive Richtung.
Schon vergessen, dass es ein einziges, unglaublich schwaches, psychisch mit Asperger-Syndrom zusätzlich behindertes, gerade mal vierzehnjähriges Mädchen namens Greta Thunberg war – die sich auf die Treppen des schwedischen Parlaments setzte und protestierte: „Schulstreik fürs Kima“ – und was ist daraus geworden!

Beim Kinderkriegen haben wir die Kurve doch inzwischen einigermaßen geschafft. Schon meine Urgroßeltern hatten nur noch drei Kinder – und nicht zehn oder fünfzehn – und das ist in den Generationen nach ihnen so geblieben. Die Chinesen haben es dann mit Gewalt versucht (Ein-Kind-Kampagne) – was inzwischen korrigiert werden musste. In Indien hat man überwiegend weibliche Föten abgetrieben – was auch nicht ohne Konsequenzen geblieben ist…

MultiChronalia

Kybernetik als übergreifende wissenschaftliche Disziplin hat mich schon als Schüler in den 1950er Jahren fasziniert – als ich in Science-Fiction-Stories davon las – etwa in den Roboter-Geschichten von Isaac Asimov und in Jack Williamsons Roman Wing 4, bald darauf in Norbert Wieners Mathematik mein Leben und in den Büchern des Physikers Herbert W. Franke.
1959 war eine sehr eigenmächtige Rechenmaschine (heute würde man sagen: eine KI) ein wichtiger „Mitspieler“ in meinem zweiten Roman Sternvogel (erschienen 1962).
1963 schrieb ich die Kurzgeschichte — „Der metallene Traum“, die 1975 zum Kernstück meines dritten Roman Der geworfene Stein wurde. Darin beschreibe ich ein zukünftiges München, das von einem großen Rechner-Verbund unter dem Englischen Garten (ja, so etwas wird kommen) gesteuert wird – den ich als „Kyberneten“ (griechisch: Steuermann) bezeichne. Keine dystopische Zukunft – aber eine, die ihre Macken hat.
Es ist Frankes Einfluss zu danken, dass ich mich 1962 als 22jähriger Student traute, an der Universität (im Soziologischen Institut) zu einem Seminar „Kybernetik“ einzuladen – wo wir dann zu zehnt, aus mehreren wissenschaftlichen Disziplinen kommend, interdisziplinär uns vernetzten, miteinander kybernetische Bücher lasen, vorstellten und diskutierten.
In den 1970er Jahren lernte ich den Kybernetiker Frederik Vester (1925-2003) kennen, der sich auf vielfältige Weise und unglaublich kreativ bemühte, „kybernetisches Denken“ in die Köpfe seiner Mitmenschen zu bringen: In Sachbüchern wie Das kybernetische Zeitalter, zahlreichen Fernsehsendungen und dem sehr lehrreichen und zugleich unterhaltsamen Spiel Ecopolicy, das es zunächst als Papier-Version gab und dann als Multimedia-Spiel. Ich habe darüber 1983 in der Süddeutschen Zeitung auf der Hobby-Seite berichtet:
Der Regent steigert die Lebensqualität.

Und heute im Jahr 2021 freut mich riesig, dass mein Enkel Nico bei Jugend forscht einen Ersten Preis mit einer kybernetischen Simulation gewonnen hat, die ganz in der Tradition von Frederic Vester und Herbert W. Franke steht (obwohl er von diesen beiden Pionieren vermutlich noch nie etwas gehört hat)! Das Stichwort heißt: Interaktiv. Kybernetik lebt von der Interaktivität der einzelnen Elemente.

Erster Preis bei Jugend forscht (privat)

Quellen
Bigalke, Silke: „Anschlag auf die Unabhängigkeit“. In: Südd. Zeitung Nr. 100 vom 03. Mai 2021, S. 06 (Politik).
Brecht, Bert: „Ballade . In: Dreigroschen-Oper, Dritter Akt.
Kilchenmann, Ruth J. (Hrsg.): Schlaue Kisten machen Geschichten. Nördlingen 1977 (IBM Deutschland).
Scheidt, Jürgen vom: Sternvogel. Minden 1962 (Bewin).
ders.: Der metallene Traum“. München 1963 (Munich Round Up – nachgedruckt in Kilchenmann 1977.
ders.: Der geworfene Stein. Percha bei München 1975 (R. S. Schulz).
Scheidt, Nicolas vom: „Interaktive Stadtplanung für Geographie-Experimente“. Studie für „Jugend forscht“ im März 2021.
Vester, Frederik: Das kybernetische Zeitalter. Frankfurt am Main 1974/1982 (S. Fischer).
ders.: Ökolopoly – später Ecopolicy – das kybernetische Strategiespiel; Lehr-Software gemäß JuSchG; (CD-ROM), MCB Publishing House, München, 2011,(deutsch-/englischsprachige multimediale CD-ROM für Windows, als Einzel- oder Netzwerkversion).
Wiener, Norbert : Mathematik. Mein Leben. Autobiographie. Düsseldorf 1962 (Econ).

aut #943 _ 2021-05-04/20:33

Der Regent steigert die Lebensqualität

(Recycelt von der Hobby-Seite der Süddeutschen Zeitung des 23. Juli 1983.)

Die Internationale GartenAusstellung IGA ist längst Geschichte. Auch Frederic Vester ist seit vielen Jahren tot – er lebte von 1925 bis 2003 und war einer der ideenreichsten Menschen, die mir je begegnet sind. Wenn ich jemals einem nicht nur hochbegabten, sondern mit seiner gedanklichen Weite und Zukunftsoffenheit höchstbegabten Menschen begegnet bin – dann ist er das. Direkt oder indirekt hat er mich immer wieder beeinflusst – nicht nur durch das im Folgenden vorgestellte Spiel (das längst seine eigene Weiterentwicklung ins Digitale erfahren hat), sondern durch seine Sachbücher über Kybernetik, über Denken Lernen und Vergessen und vor allem seine quicklebendigen Fernsehsendungen – die ihn zu einem unvergesslichen Vorläufer von Harald Lesch machen.

Ich verdanke ihm ganz praktisch auch die Anregung, mir einen Thesauros einzurichten – ein Hängemappen-Archiv (natürlich verbunden mit einer digitalen Datenbank). Ich sehe Vester noch vor mir, wie er mir voll berechtigtem Stolz ungefähr 1980 im Eingangsbereich seiner damaligen Studiengruppe für Biologie und Umwelt nahe dem Sendlingertorplatz in München den gewaltigen Metallkasten vorführte, in dessen acht ausziehbaren Schubladen jeweils mindestens hundert Hängemappen mit den Themen hingen, die seinen weitschweifenden Geist interessierten. Einige Jahre später stand in meinem Arbeitszimmer in der Seestraße ein ebensolcher Korpus, auf den ich nicht minder stolz war.

Wie es unter Menschen mit ähnlicher Interessenlage üblich ist, förderten wir einander – er, der Ältere und Erfahrenere, indem er mich das eine oder andere Mal als Gast in eine seiner Wissenschafts-Sendungen einlud – und ich, indem ich ihn später für das Nachtstudio des Bayrischen Rundfunks interviewte (09. März 1990 – nachgedruckt in meinem Reader Konzepte für die Zukunft.

Faksimile meines Artikels von 1983 (Südd. Zeitung / Archiv JvS)

Frederic Vesters Ökolopoly– Neuland des Spielens und Denkens

Hat es Sie auch schon einmal in den Fingern gejuckt, als Kanzler an den Schalthebeln der Macht zu sitzen? Auf der IGA haben Sie (im Umwelt-Pavillon beim Feucht-Biotop) Gelegenheit dazu, in Form eines Simulationsspiels. Sie geben einem kleinen Computer Ihre Werte für die Steigerung (oder Drosselung) der Güterproduktion ein, beachten auch die Sanierung der Umwelt, die Lebensqualität der Landesbewohner, das Wachsen (oder Sinken) der Bevölkerungszahl.

Als ich das erste Mal Kanzler spielte, erhielt ich am Ende meiner Regierungszeit im Lande ,,Kybernetien“ folgende Bewertung durch den Computer: „Die Lebensqualität in Kybernetien ist äußerst gering. Ihren Leuten geht es sehr viel schlechter als das letzte Mal…“

Ich habe mich dann mächtig angestrengt, entwickelte neue Strategien – und bekam in der Tat bessere Noten: „Die Lebensqualität ist jetzt fantastisch.“

Vor mir auf dem Tisch liegt nun ein Spiel, mit dem Sie genau wie mit dem IGA-Computer Regierungsstrategien durchspielen können. Soviel vorweg: Es ist dies das erste Spiel, das sowohl meine erwachsene Intelligenz wie meinen kindlichen Spieltrieb gleichermaßen anspricht und zufriedenstellt.

Entwickelt wurde es von dem bekannten Münchner Kybernetiker und Umwelt-Experten Frederic Vester, der auch das eingangs erwähnte Computer-Programm Es lebe Kybernetien entwickelt hat, gewissermaßen als Modell für dieses neuartige Spiel. Eigentlich ist es eine Art Rechenmaschine, und Vester nennt es, mit berechtigtem Stolz, den „ersten Papier-Computer“. Worum geht es?

In seinem Buch Neuland des Denkens hat Vester mit vielen einleuchtenden Beispielen nachgewiesen, dass unsere herkömmliche Art, Probleme zu lösen, für unsere immer komplizierter werdende Welt nicht mehr ausreicht. Ein Politiker, der zum Beispiel eine neue Schule oder ein Kraftwerk in die Landschaft stellen möchte, übersieht leicht, dass außer den unmittelbar abzusehenden Folgen (Geldbedarf, Arbeitsplätze usw.) solche Entscheidungen auch eine Fülle indirekter Nachwirkungen hat. Eine zu große Schule kann Kinder und Lehrer einander so entfremden, dass dies eine Generation später noch ungeahnte seelische, soziale und kulturelle, damit letztlich aber immer auch drastische finanzielle Folgen hat Im Spiel Ökolopoly bietet Vester uns eine faszinierende Möglichkeit, auf lockere und höchst unterhaltsame Weise über solche Probleme nicht bloß nachzudenken, sondern sie unmittelbar spielend immer wieder einzuüben.

Es ist ein Spiel mit und um ökologische Zusammenhänge – daher Ökolopoly. Also genau im Gegensatz zum bekannten Monopoly, wo es ja um nichts anderes geht, als möglichst rasch und möglichst viel Reichtümer anzuhäufen, und zwar auf Kosten aller anderen (Mitspieler), soll hier bei Vester berücksichtig werden, was aus den Prozessen erwachsen kann, die ich bei meinen Spielentscheidungen in Gang setze. Die Variationen des Spiels sind nahezu unbegrenzt. Wer mit den von Vester angebotenen Werten auf den neun (einander beeinflussenden) Zahlenscheiben nicht zufrieden ist, kann auf der Rückseite seine eigenen Ziffern eintragen und neue Strategien des „Regierens“ entwickeln – buchstäblich ein Spiel ohne Grenzen.

Das Spiel besteht aus einem – durch den Graphiker Peter Schimmel sehr ansprechend gestalteten – vierfarbigen Spielbrett, das man zusammenklappen kann. Vor dem Inbetriebnehmen muss man die Zahlenscheiben und einen roten Zeiger für die „Regierungsjahre“ montieren. Das dauert knappe zehn Minuten.

Diese Mechanik ist sehr haltbar und gut durchdacht; einmal montiert, bleibt das Spiel so wie es ist. Jede Drehung an einer der Scheiben (die durch Pfeile mit den Werten anderer Scheiben verknüpft sind) verändert mehrere Zahlenwerte: Wenn ich beispielsweise die ,,Produktion“ erhöhe, erhalte ich zwar mehr Aktionspunkte (z. B. Geld) fürs nächste Spiel – aber gleichzeitig steigt die Umweltbelastung, diese mindert die Lebensqualität, und so weiter. 31 Ereignis-Karten sorgen für weitere Abwechslung im Spielverlauf.

Trotz all dieser auf der Hand liegenden Qualitäten fand sich bisher kein Verlag, der das Spiel vertreiben möchte – Vester hat auf eigene Kosten 10 000 Exemplare produziert. Im Handel wird das Spiel, nach der IGA, etwa DM 42 kosten (was seiner Ausstattung ohne weiteres, angemessen ist). Auf der IGA bekommt man es zum Einführungspreis von DM 22,- (davon sind DM 2,- eine Spende für den Naturschutz-Fonds).

Vom Spiel angeregt, bekommt man dann leicht Interesse an den Büchern Vesters, von denen ich hier nur noch sein originelles Fenster-Bilderbuch Der Wert eines Vogels und Unsere Welt – ein vernetztes System (Begleitband der gleichnamigen Wanderausstellung) empfehlen möchte. Öko-Freaks und Kybernetik-Fans finden übrigens in der – leicht fasslich geschriebenen, übersichtlichen Spielanleitung eine Reihe weiterführender Spiel-Ideen.

Geeignet ist das Spiel bereits für aufgeweckte Kinder etwa ab zehn – nach oben keine Begrenzung. Ich weiß aber auch von Sozialarbeitern und Hochschul-Seminaren, die es in der Ausbildung einsetzen.

(Ergänzung am 05. Mai 2021: Das Spiel in Karton-Version wurde später zu einem echten Computer-Spiel weiterentwickelt, das nun Ecopolicy heißt. Es ist erhältlich bei der Nachfolge-Gesellschaft der früheren Studiengruppe für Biologie und Umwelt. Auf deren Website findet man alle relevanten Details zu Frederic Vesters Leben , seinen Werken und seinem Spiel und vieles mehr.

Wenn er noch leben würde, hätte er sich längst mit dem Thema Klimawandel befasst und aufgezeigt, welche kybernetischen Regelkreise dabei eine zentrale Rolle spielen – und er wäre einer der lautstärksten Mahner geworden.

Frederic Vester (von seiner Website übernommen)

Quellen
Scheidt, Jürgen vom: „Der Regent steigert die Lebensqualität“. In: Südd. Zeitung vom 23. Juli 1983 (Hobby-Seite am Wochenende).
ders.: Konzepte für die Zukunft. Stuttgart München Landsberg 1990 (Bonn aktuell).
Vester, Frederik.: Denken Lernen und Vergessen. Stuttgart 1975 (Deutsche Verlagsanstalt).
ders: Neuland des Denkens – vom technokratischen zum kybernetischen Zeitalter. Stuttgart 1980 (Deutsche Verlagsanstalt).
ders.: Der Wert eines Vogels. München 1983 (Kösel).
ders.: Unsere Welt – ein vernetztes System. München 1983 (dtv).
ders.: Ökolopoly → Ecopolicy. München 1983 ff (Studiengruppe Biologie und Umwelt).
ders.: „Lernen für das Dritte Jahrtausend“ (Interview 1983 – s. Scheidt. J. vom: Konzepte für die Zukunft).

190?3 _ aut #942 _ 2021-05-04/19:13

Wieviele Menschen haben bisher auf der Erde gelebt?

In meinem Rückblick auf meine Mitarbeit beim „Playboy-Berater“ hat sich einer der fingierten Leserbriefe mit der Wiedergeburtslehre befasst. Auf die Idee zu diesem Leserbrief brachten mich zweierlei:

° eine Zahl, die ich in Wolfgang Schmidbauers Buch über die Jäger und Sammler schon 1972 gelesen und die mich sehr beeindruckt hatte.

° Mit dem Thema Wiedergeburt hatte ich mich vorher immer wieder beschäftigt, aber mehr so nebenbei, aus (pseudo-) wissenschaftlicher Neugier. Und weil ich der Meinung bin, dass dies die einzige religiöse Idee ist, die mich wirklich überzeugt: Dass man für seine Taten verantwortlich ist (Karma-Lehre) – und immer wieder eine Chance zur Korrektur bekommt – in einem folgenden Leben.

Wirklich geglaubt habei ich das nie. Ich glaube viel mehr, dass man seine „Geschäfte“ hier auf Erden in diesem einen Leben so erledigen sollte, das man nichts mehr zu korrigieren hat. Jedenfalls erscheint es mir erstrebenswert, sich dem anzunähern – denn „nobody is perfect“. Die Lehre von „Karma und Wiedergebnurt“ ist zumindest eine Mahnung, sich in diesem Sinne immer anständig zu verhalten.

Einige Jahre nach diesem fingierten Leserbrief ging die Saat dann auf in einer Sendereihe für den Bayrischen Rundfunk: „Die Kette der Wiedergeburten“. Was diesen Titel angeht, so bedeutet die „Kette der Wiedergeburten“, dass der Mensch buchstäblich viele Jahrtausende existieren könnte – zum anderen, dass dieses Wissen während vieler Jahrtausende in den Mysterienkulten als großes Geheimnis gehütet und nur an wenige Eingeweihte weitergegeben wurde. Die Funkreihe bestand aus sechs Teilen:

1981-09-17: Der Zyklus der Leben.
1981-09-24: Sterben als Erfahrung des Selbst
1981-10-01: Vom inneren Weltenraum
1981-10-08: Rituale des Übergangs
1981-10-15: Thanatologie
1981-10-22: Sinnlichkeit und Sinn des Lebens. –

Aus dieser Reihe entstand kurz darauf das Heyne-Taschenbuch Wiedergeburt – Geheimnis der Jahrtausende. Dies war meine letzte intensive Beschäftigung mit Esoterik nach der 7teiligen Reihe Funkreihe „Esoterische Wege der Selbsterfahrung“, dazu viel praktischer Arbeit mit dem chinesischen Orakel- und Lebenshilfe-Buch I Ging, mit dem Tarot und ein paar Ausflügen in die Astrologie. Aber mit alledem werde ich mich ein andermal ausführlicher befassen. Kurz gesagt: Das meiste halte ich für Humbug, weil es überhaupt nicht ins moderne naturwissenschaftliche Weltbild passt. Aber seltsame Zufälle und Koinzidenzen haben mich doch immer wieder zum Grübeln gebracht.

Nun zu der interessanten Frage, die im Titel dieses Beitrags angedeutet wird:

Wieviele Menschen haben denn nun bisher auf der Erde gelebt?

 W. Schmidbauer schätzte in diesem Buch Jäger und Sammler (1972, wohlgemerkt) die Anzahl der bisher auf der Erde gelebt habenden Menschen auf 80 Milliarden. Neuerer Zahlen lauten naturgemäß anders, höher.

Jan Osterkamp gab vor einigen Jahren in einer Online-Ausgabe von Spektrum der Wissenschaft folgende Antworten (die ich ausgiebig zitiere, weil man es besser kaum ausdrücken kann):

Das langweiligste – die Antwort – vorweg: Insgesamt lebten und starben auf der Welt bislang so um die 108 Milliarden Menschen. Ausgerechnet haben Experten der Demographie das Resultat (plus/minus ein paar Milliarden) allerdings mit Hilfe gehöriger Fantasie. Stimmt es überhaupt? Kann die Zahl seriös ermittelt werden?
Um eine exakte Antwort haben sich bereits die Scholastiker des Mittelalters bemüht, angetrieben durch pragmatische Sorgen: Wie viele Menschen passen in den Himmel? Ist die Hölle irgendwann voll? Wie groß ist die Zahl der Auserwählten, die am Ende der Welt ins Himmelreich gerettet werden? Zumindest letzteres beantwortet die Primärquelle exakt, wenn auch mit einer erschütternd niedrigen Zahl: Hundertvierundvierzigtausend (Offenbarung 14:1, 3). Aber hundertvierundvierzigtausend von wie vielen insgesamt denn nun?
Mathematisch nähert man sich die Frage nach der aktuellen plus gewesenen globalen Gesamtbevölkerung mit Nathan Keyfitz, einem vor wenigen Jahren verstorbenen kanadischen Demographie-Vordenker. Sein Ansatz ist eine Formel, in die alle notwendigen Einflussgrößen auf die Populationsentwicklung eingehen – am wichtigsten Parameter wie die Geburtenrate der Menschen, die auch von der Lebenserwartung und der Dauer der „fortpflanzungsaktiven Zeit“ einer Generation abhängt. […]

Die folgende Tabelle (aus derselben Quelle) veranschaulicht die Dynamik:

Zeit                 Gesamtbevölkerung Geburtenrate Geburten seit letzter Periode
50.000 v. Chr              2  [Mio?]                                            
8000 v. Chr.               5 Mio.                 80                    1,1 Mrd.
1                            300 Mio.                 80                    46 Mrd.
1200                      450 Mio.                 60                   26,6 Mrd.
1650                     500 Mio.                  60                   12,7 Mrd.
1750                     795 Mio.                  50                      3,2 Mrd.
1850                   1265 Mio.                  40                     4 Mrd.
1900                   1656 Mio.                  40                     2,9 Mrd.
1950                   2516 Mio.             31-38                     3,4 Mrd.
1995                   5760 Mio.                  31                      5,4 Mrd.
2011                   6987 Mio.                  23                      2,1 Mrd.

Trotz aller exakten Mathematik bleibt das Ganze ein ziemlich wildes Ratespiel, in das allerlei unbegründbare Annahmen eingehen müssen. So ahnen alle Forscher, dass die Bevölkerung der Erde nicht einfach immer allmählich und stetig gewachsen ist, also einer mathematisch leicht fassbaren Anstiegskurve folgte. Stattdessen stieg die Population zu unterschiedlichen Zeiten sicher mal stärker, mal schwächer. Ziemlich sicher sank sie auch gelegentlich, womöglich drastisch – wegen globaler Naturkatastrophen oder aus anderen Gründen zwängte sie sich womöglich durch einen „demographischen Flaschenhals“.
Bekannt ist etwa der Forscherstreit über den Ausbruch des Supervulkans Toba, dessen globale Folgen vor 74 000 Jahren die junge Menschheit schwer getroffen haben könnte. Weil von einem kontinuierlichen und stetigen Ansteigen der Weltbevölkerung seit den ersten beiden Homo sapiens vor vielleicht 200 000 Jahren also kaum ausgegangen werden kann, greifen clevere Populationsberechner zu einem Trick: Sie verlegen den Zeitpunkt x (siehe oben), ab dem die ersten zwei Menschen mit der Produktion der Nachkommen begannen, möglichst weit in die „Moderne“; etwa in eine Zeit um 50 000 v. Chr.. Damit erklärt man zwar die Hälfte der Menschheitsgeschichte für quasi irrelevant – die ersten modernen Menschen lebten sicher deutlich früher – am Endergebnis ändert das allerdings nicht schrecklich viel.
[…]

Im Jahrhunderttausend vor der Zeitenwende, in dem die Menschen dann unter anderem die Landwirtschaft erfanden, beschleunigte sich der Anstieg der Bevölkerung stark – immer mehr Tote und Lebende erhöhen nun die Gesamtzahl der Menschheit. Die Demografen können auch die wahrscheinliche Geburtenraten der jetzt folgenden Epochen immer besser – wenn auch alles andere als zweifelsfrei – einschätzen. Sie lag vor der Zeitenwende (als etwa 300 Millionen Menschen die Erde bevölkerten) bis in die Mitte des 18. Jahrhundert hinein wohl bei erstaunlichen 80 (pro 1000, man gibt die Geburtenrate stets pro 1000 Menschen der Gesamtbevölkerung an. Zum Vergleich: Deutschlands Geburtenrate liegt bei mageren 8,4, eine in der modernen Welt als extrem hoch angesehene Geburtenrate erreicht die 50. Als Durchschnittswert für die heutige Welt gilt eine Geburtenrate von 30).

Insgesamt sinken also die Geburtenraten in der Neuzeit – trotz einer längeren Lebenserwartung und Fortpflanzungsperiode sowie großer medizinischer Fortschritte. Weil die Bevölkerung insgesamt aber derart viel größer ist als in der Steinzeit, steigt heute die Gesamtzahl der Menschen viel stärker als je zuvor. Und damit Vorsicht: Gleichzeitig veraltet die ohnehin nur vage kalkulierbare Antwort auf unsere Frage auch immer schneller.

Osterkamp, Jan: „Wieviele Menschen…“. In: Spektrum der Wissenschaft online am 10. März 2014.
Schmidbauer, Wolfgang: Jäger und Sammler. Planegg 1972 (Selecta Verlag).

193? _ aut #941 _ 2021-05-03/20:56

Viermal guter Rat für Spieljungen

Durch das Interview mit Hans Bender, dem Freiburger Parapsychologen, das ich mit Hans Hartl (alias „Philip Vandenberg“) damals machte, war der Kontakt zum Playboy geschaffen. Das Interview wurde nicht gedruckt (wg. massiven Änderungswünschen von Bender), dafür kam 1975 von Redakteur Niklas Frank der Auftrag für die Beantwortung von Leserbriefen (von denen jedoch etliche getürkt waren), zum Stückpreis von DM 150. Mark.

Vier davon aus meiner Schreib-Werkstatt seien hier vorgestellt. Das ist ja schon eine Weile her – so dass sich niemand mehr betroffen fühlen muss.

Crossed Senses

Was versteht man eigentlich genau unter „crossed senses“? Diesen Ausdruck las ich neulich in einem englischen utopischen Roman, und gemeint war damit etwas, das ich in ähnlicher Form selbst schon einmal erlebt habe: Bei dem Helden der Erzählung waren sämtliche Sinnesempfindungen vertauscht, er „hörte“ also mit den Augen, „sah“ mit der Nase, „roch“ mit den Tastzellen der Haut. Ich bekam mal nach einer schwierigen Operation Morphium, und in der damit verbundenen Euphorie hatte ich ebenfalls verschiedentlich das Gefühl, meine Sinnesorgane seien falsch „gepolt“ – eine sehr verwirrende Situation. (G. S., Pirmasens)

Was Sie erlebt haben, wird „ Synästhesie “ genannt. Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Mitempfindung“ oder „Doppelempfindung, also das Hinüberwirken von Sinneseindrücken auf andere Wahrnehmungsorgane, die nicht gereizt wurden. Solche Vertauschungen sind in der Tat auf allen Sinnesgebieten möglich. Allerdings handelt es sich niemals um eine totale Umpolung, sondern solche Menschen (sie sind sehr selten und werden Synästhetiker“ genannt) haben lediglich beispielsweise beim Hören von Musik Farbempfindungen, die so intensiv werden können, daß der Betreffende an Halluzinationen glaubt. Was Sie in jenem Roman lasen, ist lediglich utopische Spekulation. Immerhin erinnert sich unser Archivar an einen Fall, der sich im letzten Jahrhundert zugetragen haben soll, wonach ein junger Mann nach seinem ersten Orgasmus den Verstand verlor und fortan mit seinem edelsten Organ die merkwürdigsten Sinneswahrnehmungen empfing.

Eine ganz spezielle Massage

Ich bin Maschinenbauer und hatte durch meine Firma Gelegenheit, in verschiedenen exotischen Ländern zu leben und zu arbeiten. Als passionierter Junggeselle habe ich dies natürlich zu ausgiebigen Studien der einheimischen Damenwelt benützt. Eine Erfahrung habe ich dabei gemacht, die mir heute noch Kopfzerbrechen bereitet: Es war eine gar nicht mal so hübsche, aber in Liebesdingen ungemein erfahrene Inderin, die mich mit bestimmten Massagen derart in Ekstase brachte, daß ich schon glaubte, diese Körpergegend sei wichtiger als der eigentliche Freudenspender. Lachen Sie nun bitte nicht, wenn ich sage, daß jene besonders empfindliche Gegend ausgerechnet die Fußsohlen waren. Wie läßt sich das erklären? (S. J., Pernambuco, Brasilien)

Körpermassagen, auch unter erotischen Gesichtspunkten, sind in Indien Bestandteil der Volkskultur. Es gibt eine Theorie, wonach sich vor allem an den Fußsohlen außergewöhnlich empfindliche Nervenpunkte befinden, mit denen sich Nervenzentren an anderen Körperstellen reizen lassen; es scheint sich um ähnliche Vorgänge wie bei der Akupunktur zu handeln. Offenbar erreichen Frauenhände da genau das Gegenteil von Akupunkturnadeln (die ja betäubend wirken sollen). Diese Praktik, einen Orgasmus zu erzielen, setzt allerdings beim Mann die Fähigkeit voraus, sich ganz passiv-weiblich der Lust hinzugeben, und dies wiederum wird Ihre erfahrene Inderin durch andere Formen der Massage erreicht haben. Im Sinn der Völkerverständigung begrüßen wir es auf alle Fälle, daß Sie mit der dunklen Dame im wahrsten Sinne des Wortes auf gutem Fuß gestanden haben.

Der Vorführ-Effekt

Was, bitte, ist der „Vorführ-Effekt“? Ein Bekannter von mir, Elektronik-Ingenieur, benützt diesen Ausdruck gelegentlich. Ich bin mir aber nicht so recht sicher, ob es sich dabei um einen Ausdruck in der Elektronik handelt oder um einen mir unbekannten Ausdruck aus dem sexuellen Bereich. Da ich ihm nicht meine Unkenntnis zeigen möchte (ich bin seit einigen Wochen seine Freundin), bitte ich Sie um Auskunft. — (B. W., Ulm)

Unser einschlägiges Archiv ließ uns im Stich: Es handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht um einen sexuellen Jargon-Ausdruck (so anschaulich er auch klingt). Hingegen versichert uns ein Elektroniker aus unserem eigenen Bekanntenkreis, daß es diesen Ausdruck in seiner Branche tatsächlich gibt. Man bezeichnet damit jenes merkwürdige Verhalten von defekten Geräten, die ausgerechnet dann, wenn sie dem Fachmann vorgefuhrt werden, anstandslos funktionieren. Erst zu Hause, wenn man sie – erfreut über die Geldersparnis – in Betrieb nehmen möchte, sind sie prompt wieder defekt. Dieses Spielchen soll bei besonders „begabten“ Geräten aus der Hi-Fi-Familie sogar mehrmals hintereinander klappen.

Ein Problem der Wiedergeburts-Lehre

Da ich mich in jüngster Zeit stark mit der indischen Wiedergeburtslehre beschäftigt habe, hätte ich von Ihnen gern eine Auskunft, die mir bisher niemand geben konnte: Wie verträgt sich diese Lehre, wonach die Seele eines Verstorbenen in bestimmten Zeitabständen wieder in einem Körper „inkarniert“ wird, mit der explosionsartigen Zunahme der Menschen – werden da nicht irgendwann die „Seelen“ knapp? (T. T. A., Überlingen)

Führende Anthropologen schätzen, daß bislang (Stand 1972) rund 80 Milliarden Menschen auf der Erde gelebt haben, verteilt über einen Zeitraum von etwa einer Million Jahren. Dank der rapiden Bevölkerungszunahme drängen sich davon fünf Prozent, also vier Milliarden, hier und heute auf dem Globus. Hier liegt wirklich ein schwacher Punkt in der Argumentation der Anhänger der Wiedergeburtslehre. Die gängige Antwort ist folgende: Es soll im Universum einen Grundstock von „Seelen“ geben (die Rede ist von etwa einer Milliarde, aber es gibt auch andere Spekulationen), die zwischen den verschiedenen Inkarnationen mehr oder weniger lange in einem geheimnisvollen Zwischenstadium verharren (manchmal „Limbo“ genannt). Eine Möglichkeit, die Zahl der gleichzeitig lebenden Menschen zu erhöhen, also entsprechend viele „wandernde Seelen“ zu erhalten, wäre, daß sich die Abstände zwischen den Reinkarnationen verkürzen. Irgendwann wird das dann zwangsläufig ein ganz schönes Gedränge geben.

Wer sich für diese Frage eingehender interessiert, kann gerne weiterlesen im Beitrag Wieviele Menschen haben auf der Erde gelebt?

Medien, in denen ich publiziert habe (LISTE)

Das wird jetzt eine lange Liste, die – bis auf „x“ und „y“ – tatsächlich fast alle Positionen des Alphabets umfasst. In fast 70 schreibaktiven Jahren kam da so einiges zusammen:
° beginnend 1956 mit dem Club-Magazin ANDROmeda des Science-Fiction Club Deutschland (ohne Honorar) und dem UTOPIA-Magazin Nr. 6 (wofür es ein allererstes Honorar gab)
° und über viele Zwischenstationen zunächst einmal endend im aktuellen Jahr 2021 mit einem Beitrag in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung (ohne Honorar):
Dank, verdammte Mutanten.

Keine Ahnung, was in diesen Zeitungen steht – sie sollen symbolisch die Vielfalt der Medien darstellen, für die ich gearbeitet habe (Photo by Suzy Hazelwood on Pexels.com)

Es handelte sich vor allem um Zeitschriften, aber auch um mehr als ein Dutzend Buchverlage. Ein Curiosum ist der Leserbrief, den das Nachrichtenmagazin Der Spiegel 1962 von mir abdruckte – das geschah während der vom damaligen Verteidigungsminister Strauß ausgelösten angeblichen Spionage-Affaire (die ihn sein Amt kostete). Wie gesagt – ein Curiosum, aber immerhin – ich war „drin“. (1982 kam noch ein anderer Leserbrief von mir zum Abdruck – die Begründung meines Austritts aus dem Berufsverband Deutscher Psychologen (BDP), mit dessen Bestrebungen zu einem Gesetz über „Psychologen als Psychotherapeuten“, das sich später für viele meiner Kollegen als Desaster herausstellen sollte.)
Nach und nach werde ich aus möglichst jedem dieser Medien einen Beitrag recyceln, wenn er mir für diesen Blog interessant und immer noch lesenswert erscheint.

Das ist jetzt erst einmal work in progress – aber gut Ding will Weile haben und benötigt in diesem Fall einiger Recherchen in meinem Archiv (wobei das meiste zum Glück bereits in meiner Textarchiv-Datenbank erfasst ist).

Die Themenvielfalt mag verwundern – aber zum einen ist mein Interessenspektrum als Psychologe sehr weit gefächert – und zum anderen lässt man sich als Journalist auf Themen ein, mit denen man zunächst nicht gerechnet hat: Sei es als Auftrag; sei es, weil der Zufall einem das zuspielt; sei es, dass man etwas Bestimmtes sucht und etwas viel Interessanteres findet (Serendipity nennt man das).

All my news that were fit to print

(Astounding Science Fiction / Analog SF: Fehlanzeige – es ist mir leider nicht geglückt, dort eine meiner Kurzgeschichten gedruckt zu sehen. But you cant´t have everything.)

2001 (SF- Magazin) („Rückkehr von der Sternen“ – unter Pseudoynm „Stefan Bergmann“).
Abendzeitung (München) (diverse Kurzkritiken zu SF-Neuerscheinungen).
ANDROmeda (Club-Fanzine des Science-Fiction Club Deutschland): „… denn sie bewegt sich nicht“.
Arena-Verlag (Rätsel Mensch, Entdecke dein Ich, Wie schütze ich mich vor Leistungsdruck (in der Schule), Welt ohne Horizont).
Bärmeyer & Nikel (der Pardon-Verlag – Liebe 2002)
Bayrischer Rundfunk: Viele Features, Interviews und Serien für das Nachtstudio.
BILD-Zeitung: Ein einziger Beitrag (Kongress-Bericht über ein Ginseng-Heilmittel).
Börsenblatt des deutschen Buchhandels / Beilage „Der junge Buchhändler“ (Artikel über SF, Alexander Mitscherlich usw.).
Burda-Modien (Psycho-Serien zusammen mit Toni Meissner).
Computer-Heft → p.m. computer-heft.
Droemer Verlag (Innenwelt-Verschmutzung).
Enzyklopädei 2000 (diverse Lexikon-Artikel)
Epoca-Kolleg (Beilage der Südd. Zeitung).
Esotera (diverse Artikel, u.a. „Mein chinesischer Meister“ über das I Ging).
Fix und Foxi (mehrere Drehbücher zur Comic-Serie „Mischas Abenteuer im Weltenraum“).
Freundin (Über die Bedeutung Traumsymbole).
Gala (Artikel über Drogen und Sucht unter dem Aufhänger „Stress“).
Heyne-Verlag (Singles – Alleinsein als Chance, Das große Buch der Träume u.a.)
IBM-Verlag (Nachdruck meiner Story „Der metallene Traum“).
Industrie-Magazin (Interview mit mir über „Musische Manager“).
Jasmin – die Zeitschrift für das Leben zu zweit (Mitarbeit im Lektorat – keine eigenen Beiträge).
konkret – das Polit-Magazin (Story „Die größte Liebe“).
Kösel-Verlag (Das Drama der Hochbegabten).
Literat, Der
Lui: Der heilige Geist und die UFOs.
Mosaik-Verlag (Geheimnis der Träume).
Moewig-Verlag (Heftroman-Ausgabe meines Sternvogel).
Münchner Merkur (Serie über Rauschdrogen).
Munich Round Up (Story „das Erwachsen“ and many many more).
natur (Kolumne „Umweltpsychologie“).
Nymphenburger Verlagshandlung (Anthologie Das Monster im Park, Handbuch der Rauschdrogen usw.)
ORF-TV („Tagebuch schreiben“)
Perry Rhodan Magazin (diverse Artikel).
PIONEER
Planet (diverse Artikel, u.a. über Ravi Shankar, Olaf Stapledon und meine Story „Blindheit“).
Playboy (ein Dutzend fingierter Leserbriefe).
p.m. computerheft: „Arbeit am Rechner: Ein Abenteuer für die Seele?“ (1984).
Praxis-Kurier (Ärzte-Zeitschrift).
Psyche („Sigmund Freud und das Kokain“ plus einige Buchbesprechungen).
publikation (Monatsschrift über Publizistik) _(diverse Artikel, u.a. über Science-Fiction: „Trips ohne Drogen“).
Quick (Ruth und ich wurden sowohl als „Zum zweiten Mal verh. Ehepaar“ wie als Berater interviewt).
R.S. Schulz Verlag (Der geworfene Stein).‘
RTL TV (Gast in der Talk-Show von Ilona Christen: „“Ich habe niemanden – Einsame Menschen“)
scala international (Illustrierte der Bundesregierung in fünf Fremdsprachen – in einer Ausgabe meine Story „Blindheit“).
Schibri-Verlag (Wörterbuch des Kreativen Schreibens – mehr als 30 Artikel).
Science Fiction Monthly (England) (englische Fassung meiner Story „Blindheit“).
Selecta – medizinische Fachzeitschrift.
Spiegel (Leserbrief 1962 „Spiegel-Affaire“/ Leserbrief 1982-02-02: „Mein Austritt aus dem BDP“).
Stuttgarter Zeitung (diverse Artikel und Buchbesprechungen).
Süddeutsche Zeitung print (ein halbes Hundert Beiträge – vom Artikel für den Wissenschaftsteil unter Martin Urban, für die
SZ Hobbyseite unter Birgit Weidinger bis zu Rezensionen von Büchern für das Feuilleton).
Süddeutsche Zeitung online: Dank, verdammte Mutanten (März 2021).
tele (Fernsehproduktion) (Drehbuch „Wiedergeburt“ – das einfach nicht gelingen wollte – wurde als „Treatment“ honoriert).
TextArt-Magazin.
tele-14 (Story „Die Waffen“).
TZI-Forum (Gedruckte Fassung des Gesprächs mit Ruth C. Cohn über TZI im Bayr. Rundfunk).
UTOPIA-Magazin Nr. 6 / Story des Lesers: Nur ein kleiner Fehler (September 1956).
Vogue (Artikel über „Sinnlichkeit“ – den jedoch nicht gedruckt wurde).
Vorgänge (Zeitschrift der Humanistischen Union) („Lage der Drogenabhängigen in der BRD“).
warum! (diverse Artikel).
Welt (diverse Artikel und Buchbesprechungen).
Westdeutscher Rundfunk WDR („Fasten2).
Westermann Monatshefte.
Zeitschrift für Parapsychologie (Artikel über „Rauschdrogen und parapsychische Phänomene“).
Zweiter Weltkrieg (Patchwork-Serie) (Artikel über „Sadistische Exzesse im Zweiten Weltkrieg“ – der aber nicht erschienen ist).

938 _ 2021-05-03/17:28


Meine politische Position? Ein wenig…

… links von der Mitte. Das entspricht recht gut dem Hintergrund der Süddeutschen Zeitung, die ich seit meinem Studium (also ab 1959/60) regelmäßig lese und die meine Einstellung sicher nachhaltig geprägt hat in diesen sechs Jahrzehnten. Nicht zufällig habe ich für die SZ in meiner aktiven Zeit als Journalist mehr als für jedes andere Medium publiziert: Wenn meine Datenbank es korrekt verzeichnet, waren das 69 Artikel zwischen 1970 und 1992 und in jüngster Zeit anlässlich des Lockdowns in der Corona-Pandemie ein 70. Text noch obendrauf: Dank, verdammte Mutanten.

Man sagt ja den Freimaurern nach, dass in ihren Räumen grundsätzlich nicht über Politik und nicht über Religion geredet wird und schon gar nicht über „Geschäfte„. (Worüber soll man dann reden? frage ich mich – über Wissenschaft und „gute Werke“?) Nun, ich bin kein Freimaurer*. Ich halte gerade politische Themen für sehr wichtig und nehme deshalb hier im Blog auch kein Blatt vor den Mund.
Auch über Religion werde ich das sagen, was meine Meinung ist (und diese mit Argumenten und Erfahrungen begründen).
Und „Geschäfte“ – also der berufliche Hintergrund – die gehören doch auch dazu . Weshalb ich mich nicht scheuen werde, gelegentlich auch direkt oder versteckt Werbung für meine Schreib-Seminare zu machen – wie eben jetzt: Details auf meiner Seminar-Website iak-talente.de. Es ist doch keine Schande, einen Beruf auszuüben und darüber sich auch zu äußern, noch dazu in einem Blog – also einem „öffentlichen Tagebuch“.

* – obwohl ich da eine Tradition anknüpfen könnte, in die mein Urgroßvater Ferdinand Naumann um 1890 eingetreten ist – worüber er in seinem Tagebuch vorher einiges schrieb – aber nach dem Eintritt kein Wörtchen mehr – Schweigegebot!).


Wie meine politische Meinung entstanden ist

Schon von Kindheit an muss mich die Auseinandersetzung (oder mehr noch: das „sich nicht auseinandersetzen“) mit der Nazi-Diktatur beschäftigt haben, wenn auch zunächst eher unbewusst und beiläufig. Dazu bekam man einfach zu viel mit von dem, was die Erwachsenen so redeten (oder bedeutungsvoll verschwiegen). Da ich viel gelesen habe, wurde ich in meinen Lektüren zwangsläufig mit dem ganzen politischen Spektrum konfrontiert. Das verstärkte sich nachhaltig während des Studiums und dann durch die intensiven Einflüsse der 68er Generation (der ich ja qua Geburt angehöre). vor allem sobald man Kinder bekommt, muss man viele Entscheidungen treffen, die eminent politisch sind: Beim Erziehungsstil beginnt das (autoritär? oder anti-autoritär? oder etwas Praktikables in der Mitte dieser beiden Extremen?) Wann soll man, darf man, muss man Kinder abstillen? Wie soll die „Sauberkeitsdressur“ aussehen? Impfen lassen – oder nicht impfen lassen?

Alles eminent politische Entscheidungen.

Wie meine politische Einstellung genau entstanden ist, hat wie bei jedem Menschen viel mit meiner familiären Herkunft zu tun – die sich zum Glück gewandelt hat: Mein Vater war in seinen jungen Jahren ein strammer Nazi, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg zum SPD-Wähler gemausert hat. Als freiberuflicher, selbständiger Handelsvertreter wäre eigentlich die FDP „seine“ Partei gewesen.

Mein Großvater Karl Hertel, vielleicht noch einflussreicher als männliches Vorbild für mich, war Architekt und Bauunternehmer. Auch für ihn wäre die FDP die passende Partei gewesen (die aber in der frühen Zeit der Bundesrepublik noch sehr „kontaminiert“ war durch viele alte Nazi, die dort eine neue Heimat fanden – bis Leute wie Genscher und Hamm-Brücher dafür sorgten, dass diese Braunfärbung verschwand). Großvater hat wohl CSU gewählt – die seit dem Ende der Nazi-Diktatur in Rehau enorm erfolgreich war und den Ort auch hervorragend verwaltet hat – bis heute. Warum sollte man dann die SPD wählen – obwohl die in Helmut Rothemund einen äußerst tüchtigen (promovierten) Landrat aufzuweisen hatte, der bei den bayrischen Landtagswahlen 1978 und 1982 sogar Spitzenkandidat seiner Partei in Bayern wurde. Aber die „Sozis“ zu wählen wäre für diesen Patriarchen Hertel undenkbar gewesen – wo der doch bei den Umzügen der Gewerkschaft am 1. Mai verärgert die Fenster schloss und die Vorhänge zuzog.

Ich selbst war, bis auf zwei Jahre als Angestellter in zwei Verlagen (1968 Redaktion Jasmin und 1969 Lektorat der Nymphenburger Verlagshandlung) immer Freiberufler oder (wie man das heute nennt) „Solo-Selbständiger“. Deshalb war zwei oder drei Mal die FDP meine passende Wahl (beim dritten Mal, weil sie in München eine Frau nominiert hatten, was mir dank des Einflusses meiner zweiten Frau Ruth immer wichtig war).

Aber meine allererste Wahl, an die ich mich erinnern kann, war 1964 die SPD – nicht zuletzt durch den Einfluss meines Vaters, aber auch dank einer eindrucksvollen Rede von Willi Brandt in Nürnberg unter der Burg. Sobald 1980 die Grünen auftauchten, an deren Gründungsphase ich sehr aktiv dabei beteiligt war, wählte ich diese neue Gruppierung. Als die mir jedoch zu „links“ wurde (= dogmatisch und extrem kapitalismuskritisch), engagierte ich mich eine Weile bei der ÖDP (immer unbedeutend in Bayern – aber mit der großen zivilisatorischen Leistung, das Rauchverbot in öffentlichen Einrichtungen initiiert und erfolgreich durchgesetzt zu haben).
Sogar mit der CSU habe ich mal kurz geliebäugelt – naja, man darf sich ja mal irren, schon gar, wenn man die berüchtigte Spez´l-Wirtschaft, Amigo-Affairen, einen polternden Atom-Strauß (ich erinnere nur an Wackersdorf!), einen Kruizifix-Söder und manche andere ewig-rückwärts gewandeten Zeitgenossen, die Frauenfeindlichkeit und das pseudo-christliche und pseudo-soziale Gehabe großzügig übersehen könnte und gerne mal bei den ewigen Wahlgewinnern in Bayern dabei wäre – nein!

AfD – oder die Linke? Die einen sind mir viel zu „rechts“ (und vor allem viel zu sehr „gegen“ alles mögliche, was mir wichtig ist) – die anderen zu „links“ (mit ihren Altlasten aus PDS-DDR-Zeiten – obwohl mich Gregor Gysi und Sarah Wagenknecht immer noch beeindrucken – sie haben ja echt was zu sagen.)

Man sieht – ich bin der typische moderne Wechselwähler. Was ich nie war und nie sein werde, ist der politikverdrossene Nichtwähler – der die anderen die Arbeit machen lässt und sich dann murrend und knurrend darüber beschwert, dass „die“ es anders machen als man selbst es gerne hätte – vom geifernden Hass gegen „Andersgläubige“ in den Social Media mal ganz abgesehen.

185 _ aut #919 _ 2021-05-03/16:16

Fingierte Leserbriefe für den „Playboy“

Im Beitrag Der Heilige Geist und die UFOs (den ich 1978 für das Männer-Magazin Lui verfasste) habe ich so nebenbei erwähnt, dass ich einst für die Konkurrenz, den Playboy, „getürkte Leserbriefe“ gedrechselt habe. Das sollte ich vielleicht mit diesem ergänzenden Beitrag hier etwas näher beleuchten.

Da wäre zum einen das Adjektiv „getürkt“ – das sagt man heute besser nicht mehr (so wie man ja auch den Begriff „Neger“ in der Filmbranche nicht mehr verwendet, der irgendwas mit der Beleuchtung zu tun hat bzw. hatte). „Getürkt“ meinte nichts anderes, als dass einem da etwas vorgegaukelt wird*.

*Das rührt von jenem als „Türken“ verkleideten (kleinwüchsigen) Schachspieler her, den von Kempelen in seinem genial ersonnen Schachspielautomaten versteckte und der dort heimlich die Figuren bediente – während man dem Publikum vorgaukelte, dass der – oben am Spieltisch sichtbare – „Maschinenmensch“ das Spiel vorantrieb (Details in der Wikipedia unter Schachcomputer.)

Und was hat es mit diesen „fingierten“ Leserbriefen auf sich?

Das ist eine etwas kompliziertere Geschichte. Begonnen hatte es mit einem Auftrag des Playboy, zusammen mit einem seiner Redakteure (Klaus Hartl) den Freiburger Parapsychologen Prof. Hans Bender zu interviewen. Der Playboy ist nicht nur für seine Nacktfotos bekannt – sondern eigentlich noch mehr für diese sehr umfangreichen und wirklich hochwertigen Interviews (so war das jedenfalls früher so – ob das heute noch so ist, kann ich nicht beurteilen).

Hartl (der später unter dem Pseudonym „Philipp Vandenberg“ ägyptologische Sachbücher veröffentlichte) und ich befragten Bender sehr ausführlich – rund vier Stunden, auf Tonband mitgeschnitten. Das Gespräch wurde zwar transkribiert, jedoch nie veröffentlicht, weil Bender zu viele Abänderungen wünschte – die leider die für das Magazin „interessantesten“ Themen betrafen. Er hatte sehr offen geredet, zum Beispiel über seine LSD-Erfahrungen und die Beziehung zu seiner Mutter. (Er starb am 10. Mai 1991 – deshalb gestatte ich mir diese Indiskretion.)
Aus dieser kurzen Zusammenarbeit ergab sich ein interessanter Folge-Auftrag für mich: Man bat mich, Beiträge zur Leserbriefspalte des Playboy zu liefern. Diese Briefe sollten sich natürlich alle mit „Männer-Themen“ befassen, wie sie im Magazin selbst behandelt wurden. Es gab einige interessante Anfragen von Lesern – die auch entsprechend von mir beantwortet wurden (im etwas ironisch-abgehobene Stil, der im PB üblich war). Aber es gab zu wenig solcher Anfragen, um die Spalten des „Playboy-Berater“ zu füllen. Also suchte ich mir interessante Themen (gewissermaßen die „Antworten“) – und formulierte dazu erfundene Leseranfragen. Dieser eigentlich recht interessante, aber auf Dauer doch etwas anspruchslose Nebenbeschäftigung lief von 1974 bis 1976; dann gingen mir die Ideen aus, und ich beendigte das.
Über eine völlig andere Schiene wäre ich beinahe mit einer meiner Science-Fiction- Kurzgeschichten ins Heft gekommen. Ich weiß nicht mehr genau, wie das ablief (ist ja eine Weile her – gut 40 Jahre). Aber irgendwie war der Playboy-Redakteur Hans-Rüdiger Leberecht auf diese Geschichte gestoßen (vielleicht hatte ich sie sogar selbst der Redaktion geschickt?). Er kannte mich von meinem Jahr (1968) bei der Zeitschrift Jasmin, wo er die „rechte Hand“ von Will Tremper gewesen war, einem der vier stellvertretenden Chefredakteure. Leider hörte ich nach dieser Anfrage nichts mehr – was ich heute noch bedauere: Mit einer Story im Playboy zu landen, der für seine Kurzgeschichten so berühmt war wie für seine ungewöhnlich langen und interessanten Interviews (und natürlich für den Folder mit den nackten Frauen) – das wär schon was gewesen – fast so ein Hit wie im berühmten SF-Magazin Astounding Science Fiction (später: Analog SF) gedruckt zu werden. Auch letzteres ist mir leider nicht gelungen (dafür hat das britische SF-Magazin SF Monthly meine „Blindheit“ in der englischen Fassung abgedruckt).
Die Geschichte mit dem Titel „Zurück von den Sternen“ hat später das deutsche SF-Magazin 2001 veröffentlicht.

Vier dieser Leserbriefe aus meiner Werkstatt finden Sie unter Viermal guter Rat für Spieljungen hier im Blog.

Scheidt, Jürgen vom (Pseudonym: Stefan Bergmann): „Zurück von den Sternen“. In: 2001 / September (Erstabdruck unter dem Titel „Liebe 82“ in Munich Round Up, August 1962).

186 _ aut #175 _ 2021-05-01/13:01

„Sie redet, ich handle.“

Das war zu erwarten: Dass sich die politischen Gegner an Annalena Baerbocks mangelnder Regierungserfahrung festbeißen würden. In einem großen Interview mit der Süddeutschen sagt Armin Laschet, der Kanzlerkandidat der CDU, in der Mitte des Gesprächs zwar staatsmännisch großzügig: „Ich kämpfe für meine Ideen, meine Ziele – und rede nicht über andere.“ Aber gleich zu Beginn kann er sich nicht verkneifen, kühn sich selbst als regierungserprobten Alphamann von der grünen Konkurrentin (ja, das ist sie ab jetzt) abzuheben und mit einem ordentlich aggressiven Schlag unter die Gürtellinie zu behaupten: „Sie redet, ich handle.“

Diesen Heuler verzeichne ich gerne in meiner Rubrik Dummes Gerede von klugen Leuten – denn nichts anderes ist diese Behauptung. Klar, Laschet kann mit solcher „Regierungserfahrung“ punkten. Aber weder Barack Obama noch sein Nachfolger hatten solche Expertise aufzuweisen, waren weder Berater einer vorangehenden Regierung noch Minister noch Gouverneur gewesen. Obama kam immerhin seine Zeit als Senator zupass – dem „anderen“ nicht einmal das, der war öffentlich nur als Showmaster im Fernsehen sichtbar gewesen und als dubioser Geschäftsmann. Und doch wurden beide ins bisher höchste und mächtigste Amt auf diesem Planeten gewählt.

Okay, bei Trump trifft Laschets Abgrenzung in einem gewissen Sinn zu – der war wirklich unfähig, klug zu handeln, konnte nur unaufhörlich auf Twitter „reden“ – und wenn er gehandelt hat – naja, das hätte Laschet sicher vermutlich gemacht. Aber Obama hat einen recht guten Job absolviert – wenn man bedenkt, welche dicken Knüppel und wie viele davon ihm die Republikaner in den Weg geworfen haben.

Frau Baerbock hat immerhin eine inzwischen recht große und bedeutende Partei in ihr Allzeithoch geführt und gerade im Zusammenspiel mit ihrem innerparteilichen Konkurrenten und Kollegen Habeck bewiesen, dass sie sehr wohl politisch handeln kann und weiß, wie man das macht, ohne dem Konkurrenten an die Gugel zu gehen – was für mich eine sehr gute Demonstration politischen Handelns ist.

Was Laschet wohl gesagt hätte, wenn Robert Habeck der Kanzlerkandidat der Grünen geworden wäre? Und was die Zukunft angeht: Gewählt ist er ja noch nicht, als Kanzler; da wird er vielleicht noch sein weißblau-bayerisches Wunder erleben.

Quelle
Laschet, Armin (interviewt von Kornelius, Stefan und Robert Rossmann und Christian Wernicke): „Ich will keine One-Man-Show“. in: Südd. Zeitung Nr. 95 vom 26. Apr 2021, S. 02 (Thema des Tages).

184 _ aut #920 _ 2021-01-28/17:45 Mit

Bravo, Robert Habeck!

Das war und ist eine noble Entscheidung: Frau Baerbock den Vortritt zu lassen als Kanzlerkandidatin. Es könnte gut sein, dass diese Geste den Grünen mehr Sympathie bringt als manche andere Aktivität dieser Partei. Gerade für die jungen Wähler ist das ein extrem wichtiges Signal. Und die älteren Wähler wie ich, die ohnehin schon lange auf Änderungen im bisherigen Polit-Stil warten, ist das eine wohltuende Bestätigung. Da geht es in die Zukunft!

Wenn ich mir dieses matcho-mäßige und abstoßend aggressive Hickhack bei CDU/CSU um die Kanzlerkandidatur anschaue, kann ich nur sagen: Unsere Politik braucht neue Männer und männliche Vorbilder. Also: Weiter so.

Es läuft ohnehin auf eine kreative Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Frau Baerbock hinaus und vor allem auf eine sehr gutes Team. Die Zukunft gehört solchen Doppelspitzen plus Team, auch wenn unsere Verfassung das (noch) nicht vorsieht.

Habecks Verzicht könnte sich für die Entwicklung der Grünen als zukunftsweisend auswirken (Archiv JvS)

Mehr ist dazu nicht zu sagen, außer ein wenig Eigenlob: Was ich in meinen Beiträgen zu den Bürger-Initiativen und der Anfangsphase der Grünen hier im Blog aktualisiert habe, zeigt deutlich, woher dieser neue politische Stil und dieses andere männliche Selbstbewusstsein kommt, nämlich von einer kräftigen Prise Selbsterforschung und Selbsterfahrung und nicht zuletzt immer wieder auch hilfreicher Selbstkritik (!), was von Anfang an zur DNA dieser neuen Partei gehört hat:

Bürger erfahren sich selbst (1978) und
Selbsterfahrung als Politik: Die Grünen (1980)

So etwas ist Leuten fremd, die noch nie an einer Selbsterfahrungsgruppe oder einem TZI-Seminar teilgenommen haben oder sich eine Weile einer Psychotherapie ausgesetzt haben. Aber all denen mit solchen Erfahrungen tut das richtig gut.

Man sieht das auch in den öffentlichen Kommentaren. Ich möchte aus einem ausführlich zitieren, den Constanze von Bullion in der Süddeutschen auf der Titelseite publiziert hat – und es ist wohl kein Zufall, dass er von einer Frau stammt:

… Habeck hat getan, was unüblich ist in der Politik und in der Regel nicht belohnt wird: erst als Mann eine Frau an sich vorbeilassen auf einen Spitzenposten – und dann auch noch zugeben, wie weh das tat. Der Tag der Entscheidung sei „der schmerzhafteste“ seiner politischen Laufbahn gewesen, sagte Habeck im Interview. Er habe Jahre damit verbracht, den Grünen solche Machtperspektiven zu verschaffen. „Nichts wollte ich mehr, als dieser Republik als Kanzler zu dienen. Und das werde ich nach diesem Wahlkampf nicht.“ Das sei eine „persönliche Niederlage“ für ihn.
Ein Aufschrei war das, der aufhorchen lässt. Denn die Entscheidung über die Kanzlerkandidatur verlief offenbar keineswegs so einvernehmlich, wie die Grünen glauben machen wollten. So wie es klingt, musste Baerbock sich proaktiv durchsetzen gegen Habeck, mal wieder. Denn Frauenstatut hin oder her, auch bei den Grünen haben männliche Kandidaten es immer wieder verstanden, sich im entscheidenden Moment nach vorne zu drängen. Dass es diesmal anders kam, dürfte Baerbocks starker Position geschuldet sein und ihrem Machtwillen. Habeck ließ sie, notgedrungen, verzichtet hat er nicht. Denn verzichten kann man nur auf Dinge, über die man verfügt.
Robert Habeck, der lange als größter Hoffnungsträger seiner Partei galt und sich selbst offenbar auch als solchen betrachtete, hat die Entscheidung nun als „Niederlage“ markiert. Das kann man umso erstaunlicher finden, als ihm weit über das grüne Milieu hinaus Respekt gezollt worden war für die Entscheidung, nicht die Ellenbogen auszufahren. Der Grüne hatte geschafft, was die Schwarzen Söder und Laschet nur unter Verwüstung ihres gesamten politischen Mobiliars bewerkstelligten: eine Lösung zu finden, bei der einer sich zurücknimmt. Der neue grüne Stil, hier wurde er manifest, und er ließ Mitbewerber nicht gut aussehen. Nur dass Habeck jetzt eben noch einen draufgesetzt hat und der Welt zur Kenntnis gab, wie hart ihn die Sache traf. Das kann man mutig finden. Ein Mann, der so viel Verwundbarkeit zeigt, weckt Sympathie und auch Neugier, weil er das herkömmliche Männerbild infrage stellt.

Über den Hintergrund meiner eigenen gesellschaftlichen und politischen Einstellung habe ich vor einer Woche in Multikulti in meinem Leben schon etliches aufgeblättert. Ich werde in meinem nächsten Beitrag noch ein Statement zu meiner — politischen Position abgeben, und dann will ich mich wieder anderen Themen zuwenden. Zum Beispiel der Heldenreise (oder wie ich es, genderneutral, lieber nenne: „Heldische Reise“). Habecks Verhalten ist für mich ein gutes Beispiel dafür, wie „Heldenreise im (politischen) Alltag“ aussehen kann: als Verzicht, der einen weit größeren Gewinn einfährt (im Konzept der HR: einen Schatz).

Quellen
Bullion, Constanze von: „Jetzt mal ehrlich“. In: SZ #93 vom 23. Apr 2021, S. 01 (Titel / Politik).
Scheidt, Jürgen vom: „Bürger erfahren sich selbst“. Braunschweig 1978 (Westermann Monatshefte).
ders.: „Die Grünen: Selbsterfahrung als Politik“. Hamburg Sep 1980 (warum!).

184 _ aut #918 _ 2021-04-27/09:48