°Der Augenblick des Vertrauens (Story)

 „Das ist wundervoll“, sagte der junge Mann zu dem Greis, „dass Sie das einzige Archiv aus der Alten Zeit vor der Weltdiktatur gerettet haben, das nicht manipuliert ist.“
Ehrfurchtsvoll betastete er die Kästen mit Hängemappen, voll mit bedrucktem Papier und handgeschriebenen Dokumenten, die der Greis ihm offenbart hatte.
„Und da drin steht die unverfälschte Wahrheit, wie es wirklich war in der Welt, ehe alle Archive vernichtet oder verändert wurden?“
Der Greis nickte bedächtig.
„Und all die schönen Handschriften – heute schreibt ja niemand mehr mit der Hand.“
„Ich schon“, murmelte der Greis, „manchmal. Tagebuch. Briefe, die niemand mehr liest außer mir. Aber es ist mühsam geworden. Die Gelenke, verstehen Sie, die Arthritis -„
„Ich danke Ihnen für das große Vertrauen, mich in Ihr Geheimnis einzuweihen und vor allem keine Angst zu haben vor diesem großen Schritt.“
„Was bleibt mir anderes übrig – in meinem hohen Alter. Meine Tage sind gezählt.“
Der junge Mann nickte verständnisvoll. Dann holte er das Feuerzeug aus der Tasche.

Abb.: All die schönen alten Handschriften und dies gedruckten Dokumente (Photo by Pixabay on Pexels.com)

282 _ aut #1452 / 2022-09-28/11:06

„Ozapft is“ – Oktoberfest 2022

Wer lieber einen Joint raucht, ist empört, dass die CSU heftig gegen die Legalisierung von Cannabis wütet – aber sich enthusiastisch stark macht für „das größte Besäufnis der Welt“, wie es jemand mal kritisch genannt hat. Klar, da geht es ja nicht nur um den Ausschank von 7,85 Millionen Liter Bier (= 471 013 Liter reiner Alkohol) an 6,5 Millionen Menschen (Stand 2019) und somit um einen großen Wirtschaftsfaktor der Stadt München: 448 Millionen Euro Gesamtumsatz auf der Wiesen – mit Übernachtungen etc etc geschätzte eine Milliarde Euro in diesen zwei Wochen. Dafür kann man sich schon stark machen.

Aber die „Wiesn“ ist ja viel mehr – auf jeden Fall „Brot und Spiele“ vom Feinsten – oder vom lautesten, je nach Geschmack. Da haben die Münchner wirklich etwas gelernt von den Römern der Antike und die vielen italienischen Besucher (vier von 100 Wiesn-Besuchern) wissen das sicher auch zu schätzen.

Abb. 1: Das sieht man nur vor Beginn des Rummels: Jede Menge Polizisten, die im Gänsemarsch zu ihrem Einsatz anrücken (Archiv JvS 2013)

Als ich diesen Beitrag Mitte 2021 vorbereitet habe, diskutierte man ernsthaft, ob man auf die „Wies´n“ möglicherweise nur Geimpfte lassen sollte. Der Aufschrei in den Medien war gewaltig. Man wollte sich doch „das größte Besäufnis“ nicht von ein paar Hypochondern vermiesen lassen!
Nun ist der Rummel seit Freitag 16. September 2022, also im Gange wie eh und je seit 1810, also seit nunmehr 210 Jahren (mit ein paar kriegsbedingten Lücken) . Auf mich wird man dort verzichten müssen – nicht nur wegen Corona. Ich mag diesen Höllenlärm und das Geschubse und Gedrängel schon lange nicht mehr.
Aber mir ist auch klar, dass nach den berührungsfeindlichen Lockdowns von 2020 und 2021 ohne Oktoberfest und manche andere Festivität das Bedürfnis vieler Menschen nach ausgelassenem Feiern groß ist. Und wenn man Kinder hat, dann muss man da halt eh mal hin, zumindest als Münchner und mindestens einmal.

Man könnte ja auch den Geldbeutel zulassen und den Verstand einschalten, der einem sagen muss: Sehr sinnvoll ist das nicht. Aber beim Einlass zur Wies´n wird ja kein Intelligenztest verlangt.
Klar, dass sich unzählige der vermutlich wieder 6,5 Millionen Wiesenbesucher mit Corona infizieren werden, das ist unvermeidlich und entspricht der Erfahrung, die man in den beiden vergangenen Jahren noch mit jedem größeren Festgedränge gemacht hat.
Kann man zur Kenntnis nehmen und den Rummel dann meiden – oder man ignoriert die Bedenken mit einem Achselzucken und denkt sich: „Wird schon schiefgehen – was soll´s“ oder ähnlichem Aberglauben. Aber das hat ja auch ein Gutes: Je mehr Menschen sich infizieren (und das einigermaßen gesund überleben), umso besser ist die Durchseuchungsrate. Naturexperiment, nennt man das in der Forschung: Wenn es einfach passiert und man hinterher in aller Ruhe auswerten kann, was geschehen ist.

MultiChronalia

MultiChronie ist eine sehr heilsame Angelegenheit, weil sie einem immer wieder hilft, zu bestimmten Themen frühere Erlebnisse zu erinnern und diesen ganz speziellen Zeitfaden zu aktivieren – was nach meiner Erfahrung der ganzen Persönlichkeit und dem Selbstgefühl gut tut. Nun also das Thema „Oktoberfest“. Was sind meine diesbezüglichen MultiChronalia?

Mein erster Wies´n-Besuch war mit hoher Wahrscheinlichkeit 1956, also bald nachdem wir von der oberfränkischen Kleinstadt Rehau in die bayerische Landeshauptstadt umgezogen waren. Daran habe ich jedoch keinerlei Erinnerungen.
Sehr genau erinnere ich mich daran, wie ich zwei oder drei Jahre später voller Zorn auf die Menschen, egal wer, grimmig entschlossen das Haus verließ und mich auf den Weg zum Oktoberfest machte, um mich dort mit wem auch immer zu prügeln. Daraus wurde dann nichts, vor allem, weil mein Zorn längst verraucht war, als ich endlich die Trambahn nahe der Wies´n verließ (die U-Bahn gab es damals noch nicht).
Sehr klar und zudem recht schmerzhaft sind meine Erinnerungen an einen Besuch des Rummels an einem Abend im Oktober 1961, als ich in eine Schlägerei unter Jugendlichen geriet. Da schlenderte ich geruhsam mit meinem Klassenkameraden Dieter S. durch die Menge. Ich bemerkte, dass vor mir einige Burschen und Mädchen auf einen einzelnen anderen Jugendlichen einschlugen. „Komm, dem helfen wir“, sagte ich spontan zu Dieter und lief zu der johlenden Meute. Dort entdeckte man mich sofort als nächstes potenzielles Opfer. Eines der Mädchen schrie: „Der kunnt a oane braucha“, will sagen: eine Ohrfeige oder was ähnliches. Und schon ließen sie von dem Opfer ab und kamen auf mich zu. (Hier muss ich einschieben, dass ich 1,84 Meter groß bin, damals an die 80 Kilo wog und mit auffällig weißem Wollpullover und Brille wohl den perfekten Blitzableiter für testosterongeladene Burschen abgab. Und mit meine 21 Jahren war ich auch schon ein wenig erwachsener als sie, dachte ich.)
Wo war Dieter, der mir sicher helfen würde? Der war spurlos verschwunden! Einer der Rambos hatte, wie ich deutlich sah, einen Schlagring übergestreift. Da packten mich schon links und rechts zwei Kerle und der mit dem Schlagring stürmte auf mich zu. (Hier muss ich weiterhin einschieben, dass ich damals zweimal die Woche ins Judotraining ging und schon ein wenig Erfahrung damit hatte, wie man Schläge abwehrt und auch selbst welche platzieren kann; sehr effizient ist ein Handkantenschlag aufs Schlüsselbein, das dann schmerzhaft bricht, oder noch besser gegen den Kehlkopf und dann der Tritt ins Gemächte). Ich war wie in Trance, schätzte meine Chancen gegen diese etwa fünf Burschen positiv ein, schüttelte die beiden, die mich von hinten an den Oberarmen festhielten, wie lästiges Ungeziefer ab und war kurz davor, den Anführer mit dem Schlagring einen bösen Tritt und Schlag zu verpassen –
– als mein übriges Gehirn blitzschnell verstand, dass ich da eine ganz üble Verletzung verursachen könnte, eventuell (Kehlkopf!) sogar den Gegner töten würde (wovor uns Judoka Aigner nachdrücklich gewarnt hatte) –
Also Rückzug! Umschalten in Panikmodus, Flucht – unter Zurücklassung eines Halbschuhs, die heruntergestoßene Brille erwischte ich gerade noch, und nichts wie weg. Ich rannte durch die dichte Menge und tauchte buchstäblich darin unter – wie man das in jedem besseren Krimi sehen kann. Irgendwann saß ich, mit nur einem Schuh und ziemlich erschöpft, in der Tram und zockelte nachhause. Ende der Vorstellung.

Aber das Ganze hatte sich gut in mein Gedächtnis eingebrannt und ließ sich 1975 mühelos abrufen, als ich meinen Roman Der geworfene Stein schrieb und dafür genauso eine Szene brauchte: Ein Schlägerei auf dem Oktoberfest. Kann man dort nachlesen, in Kapitel 35. Das kleine Oktoberfest-Abenteuer hatte also auch sein Gutes, letztes Endes. Irgendwas muss man als Autor ja erleben, um es dann auf dem Papier erzählen zu können. Und wohlan – hier im Blog kann ich gleich noch einmal davon berichten. Fühlt sich richtig gut an, diese Erinnerung: Allein gegen fünf Gegner! Vow!

Es dürfte 1977 gewesen sein, als ich mit meinen beiden Kindern auf die Wies´n ging. Das muss man ein paar Mal machen – bis sie alt genug sind und das lieber ohne Eltern unternehmen. Gregor war gerade sieben und Maurus fünf. Vorsorglich schärfte ich den beiden beim Betreten des Festgeländes ein, dass „wir uns genau hier beim  Riesenrad wieder treffen, falls wir uns aus den Augen verlieren“. Das ist am Nachmittag nicht so wild wie am Abend, wenn die Menge wirklich nahezu undurchdringlich ist. Aber meine väterliche Fürsorge löste bei Maurus geradezu Panik aus, und ich hatte Mühe ihn zu beruhigen. Ein paar Fahrten mit einem der Schaugeschäfte lösten dann alles in Wohlgefallen auf – aber diesen Moment des Erschreckens habe ich nicht vergessen.

1985 dann das schreckliche Attentat- bei dem ein Sprengsatz am 26. September beim Haupteingang 12 Menschen tötete und 221 verletzte, 68 davon schwer. Der bisher schwerste Terrorakt in der Geschichte der Bundesrepublik. Auch in diesem Jahr war ich nicht auf die Wiesn gegangen, vom Anschlag las ich anderntags in der Zeitung. Für viele Jahre nicht nur für mich ein Grund, nicht mehr zu diesem Rummel zu gehen.

Es dürfte so um 1990 gewesen sein, dass ich mal am Abend allein über die Wiesn bummelte, um das einfach wieder mal zu erleben – denn ein Erlebnis ist es auf jeden Fall. Ich verkniff mir Karussellfahrten, gönnte mir aber eine Portion Zuckerwatte, als Gehirnfutter, gewissermaßen, um mich dann aufmerksam beobachtend durch die Menge treiben zu lassen. Eine Menge, die von Viertelstunde zu Viertelstunde immer dichter wurde und mir zuletzt vorkam wie ein zähflüssiger Menschenbrei, durch den kaum mehr ein Vorankommen möglich war. Nichts wie heim! dachte ich nur noch, geriet fast ein wenig in Panik – wenn jetzt irgendwo was passiert – wie fünf Jahre zuvor!! Ging aber gut aus.

2005 war ich mit meinem Freund aus Volksschultagen Dietmar Sammet an einem sommerwarmen Herbstnachmittag zum Hendlessen bei einem der Festzelte. Dietmar hatte Gutscheine von Geschäftsfreunden, und die verzehrten wir nun in Form von halbem Brathendl, Wiesnbrezn und je einer Maß (und dann „noch a Maß“), außen in einem der Biergärten sitzend und froh, nicht drin im auch nachmittags schon recht heftigen Gewühl um Sitzplätze und Essen und Bier kämpfen zu müssen. Von unser Gespräch erinnere ich nichts mehr, aber es war, wie jedes unserer monatlichen Treffen, sicher recht angeregt in einer Mischung an Kindheitstage in Rehau und aktuelle Themen wie der Sicherheit der Öl- und Gasversorgung (er war in dieser Branche tätig – und ja, die Sicherheit der Öl- und Gasversorgung war damals ein sehr akademisches Thema.)

Abb. 8: Dieses „Labyrinth“ ist genau genommen ein Spiegelkabinett. (Archiv JvS)

Dann ging ich erst wieder 2013 zur Eröffnung der Wiesn, weil ich Fotos machen wollte und mir endlich mal am Samstagmittag den Einzug der Wiesnwirte mit ihren festlich geschmückten, von eindrucksvollen Pferdegespannen gezogenen Bierwagen anschauen wollte – einmal im Leben sollte man sich das schon gönnen. Und unbedingt fotografieren wollte ich das Schaugeschäft mit dem lockenden Namen „Labyrinth“ (was ja bekanntermaßen ein sehr verwirrendes Spiegelkabinett ist und mit einem kretischen Labyrinth rein gar nichts zu tun hat). Das gelang mir dann 2016, also drei Jahre später.

Und nun lese ich im Jahr 2022, gemütlich im Café „Rigoletto“ sitzend, im Lokalteil der Süddeutschen Zeitung, was es über das Oktoberfest in diesem dritten Corona-Jahr zu berichten gibt. Und ich erinnere mich an die Schlägerei vom Jahr 1961, die zum Glück gut ausging. Und an den Besuch im „Labyrinth“ schon lange vorher, den ich 1964 in einer Kurgeschichte mit dem Titel „Im Spiegelkabinett“ verarbeitet habe.

Quellen
Franke, Herbert W. (Hrsg.): Science Fiction Story-Reader Nr. 4. München 1975 (Heyne TB).
Kotteder, Franz: „Die woke Wiesn“. In: Südd. Zeitung Nr. 215 vom 17./18. Sep 2022, S. R 01.
Scheidt, Jürgen vom: „Im Spiegelkabinett“. In Franke 1975.
Ders.: Der geworfene Stein. Pecha 1975 (R.S. Schulz).

283 aut #1156 _ 19. Sep 2022 / 11:35

Weltformel „Heldenreise“

Vorab: Die klassische Heldenreise, etwa eines Theseus, Siegfried oder Herkules, war eine reine Männersache. Inzwischen gibt es so viele weibliche Helden resp. Heldinnen (ich denke da an Lara Croft in dem bekannten Computerspiel Tomb Raider und an die inzwischen unzähligen Kommissarinnen, die in Krimis ermitteln), dass es vielleicht an der Zeit ist, eine neutralere Bezeichnung einzuführen, die genderfreundlicher ist. Wie wäre es denn mit „heldische Reise“? Nur so ein Vorschlag (den ich ab jetzt gerne verwende). –

Hier im Blog geht es immer wieder mal um das Thema „Heldenreise“ resp. „heldische Reise“ (oder kurz „hR“). Sie ist mir als literarisches Konzept schon lange bekannt gewesen. Aber es war Daniel Speck, der mir 2002 in einer gemeinsamen Drehbuch-Werkstatt das Konzept näherbrachte, das ich ab da in meine Arbeit mit den Seminaren wie in meine eigenen Texte sehr hilfreich eingebaut habe.

Jede hR hat einen typischen Verlauf. Ich will ihn zunächst schematisch anhand eines Abenteuers vorstellen, das wir alle (!) jeden Tag bzw. jede Nacht selbst erleben:
° Wenn wir aus der Wachwelt das Tages
° über eine (manchmal körperlich spürbare) Schwelle
° hinabsinken in die Nachtwelt von Schlaf und Traum, von der wir praktisch null Ahnung haben, was da vor sich geht und was wir dabei, zum Beispiel träumend, erleben
° bis wir erneut über die Tag-Nach-Schwelle gleiten
° und am nächsten Morgen aufwachen.

Abb. 2: Die „heldische Reise“ vom Tag in die Nacht und wieder zurück. (Archiv JvS)

Ja: Sie machen jede Nacht so eine „heldische Reiser“ und ich wette, dass es Ihnen noch nie in den Sinn gekommen ist, das als ein besonderes Abenteuer zu betrachten. Ist es aber – wie Ihnen spätestens dann bewusst wird, wenn sie mal aus einem furchtbaren Albtraum schweißgebadet oder gar schreiend aufwachen. Dann ist diese „heldische Reiser“ nämlich nicht glücklich ausgegangen und ihr Gehirn (ihr Unbewusstes) hat gewissermaßen die Notbremse gezogen und als einzig mögliche Lösung das Aufwachen aktiviert.
Das erste Mal so richtig untersucht und als universelles Schema herausgearbeitet hat diesen Sachverhalt der britische Mythologe Joseph Campbell in deinem Standardwerk The Hera with a Thousand Faces, das für die Drehbuch-Autoren und Regisseure von Hollywood und überall auf der Welt zu einer Art Standard geworden ist. Wie der Dramaturg Christopher Vogler untersucht hat, zeigen die Erfolge (tops) und Misserfolge (flops) von Filmen deutlich, wie hilfreich dieses Konzept ist; Vogler hat es zugleich auf das Schreiben von Büchern überhaupt angewendet (und seinen eigenen kreativen Prozess beim Verfassen eben dieses Werks sichtbar gemacht) und mit The Writer´s Journey ein Standardwerk für alle Autoren geschaffen.
Jeder größere Entwicklungsschritt im Leben kann man nach dem Muster einer hR analysieren und wird dabei immer wieder dieselben Elemente oder Stationen finden – was die hR zu so etwas wie einem entwicklungspsychologischen „Weltformel“ macht. Im vorangehenden Beitrag über den Kinderroman → Peterchens Mondfahrt habe ich das einmal exemplarisch durchgespielt. Schauen wir uns diese Stationen nun einmal genauer an.

Abb.2: Verlauf einer typischen Heldenreise mit ihren verschiedenen Stationen (Archiv JvS)

Die abenteuerliche Reise eines Helden lässt sich nicht nur in Märchen und Mythen aus früheren Zeiten als erzählerische Grundstruktur herausarbeiten – sie stellt mit ihren typischen Stationen das Grundmuster für Geschichte dar und ist deshalb für jeden, der schreibt, von großem Interesse.
Der amerikanische Forscher Joseph Campbell hat viele Mythen, Märchen und moderne Erzählungen analysiert und daraus ein grundlegendes Modell des Ablaufs dieser abenteuerlichen Reisen entwickelt. Er folgt dabei Ideen und Untersuchungen seiner Vorläufer Leo Frobenius und C.G. Jung. Insbesondere inspirierte Campbell das Eindringen des athenischen Königssohns Theseus in das Labyrinth von Kreta und sein Sieg über den schrecklichen Minotauros. Dieser Mythos ist für ihn geradezu das Modell aller Heldenreisen. Das eigentliche Ur-Modell der Heldenreise ist allerdings der älteste überlieferte Mythos der Welt: das Gilgamesch-Epos.

A. Die 13 Elemente der Heldenreise

Die Heldenreise (engl. heroes’ quest) besteht aus einer Reihe deutlich abgrenzbarer Elemente und Schritte. Diese tauchen nicht immer alle, nicht immer in genau dieser Reihenfolge und auch nicht immer mit der gleichen Bedeutung auf. Die folgende Aufzählung ist also mehr eine idealtypische Entwicklung.

1. Dilemma und Konflikt (Agon)
Es geht bei der Heldenreise immer um einen Konflikt. Dies kann ein äußerer Konflikt sein, in dem der Held sich bewähren muss (im Krieg zum Beispiel), oder ein innerer Konflikt (“Kiffen – oder nicht mehr Kiffen – das ist hier die Frage.”).
Letzteres läuft, psychologisch gesehen, immer auf einen unbewältigten, verdrängten Rest der Kindheit des Helden hinaus, der ihn irgendwann einholt und die Wurzel seines Dilemmas ist (wie man im Film bei der Plot-Dramaturgie den Zustand des Helden benennt, bevor er seine eigentliche Reise beginnt). Das kann eine Geschwister-Rivalität sein, oder eine offene Rechnung mit dem Vater (Luke Skywalker im Kampf gegen seinen Vater Darth Vader, zum Beispiel).
Hier findet sich, in der Tiefe der Psyche der Hauptfigur, die alte Wunde, die nicht verheilt ist. Um deren schmerzhafte Nachwirkungen zu kompensieren, hat der Held in seiner Vor-Helden-Phase eine Reihe von psychischen Abwehrmechanismen (Anna Freud) entwickelt, die zu falschen Befürfnissen (needs) geführt haben, welche nun endlich korrigiert werden müssen. (Hieraus hat übrigens Hollywood sein überaus erfolgreiches Konzept von wound and need entwickelt – was nichts anderes ist als “the Heroes’ Quest in a nut shell” (Quest ist ein altertümliches Wort für Heldenreise).
Es ist also sicher nicht übertrieben festzustellen, dass die Psychodynamik des Familienromans, wie Sigmund Freud das nannte, der eigentliche Motor jeder Heldenreise ist. Letztlich ist es ein Kampf auf Leben und Tod, wie das alte griechische Wort für Konflikt deutlich sagt: Agonie heißt auch heute noch der Todeskampf des Sterbenden. Von diesem agon leiten sich die Bezeichnungen der Theaterwelt für den Helden (Protagonist) und seinen Gegenspieler (Antagonist) ab.

2. Call to Adventure (Der Ruf des Abenteuers)
Warum ziehen wir den englischen Ausdruck call to adventure dem deutschen “Ruf des Abenteuers” vor? Weil er das Moment des Exotischen hervorhebt. Denn jede Heldenreise führt in einen zuvor unbekannten Bereich der Wirklichkeit – in ein fremdes Land zum Beispiel. Oder in ein Land, das es gar nicht (mehr) gibt: das Phantasién von Michael Endes Unendlicher Geschichte, die Welt der Zauberer bei Harry Potter oder das Kreta der Antike mit seinem sagenhaften Labyrinth. Und manche Länder sind in unseren Tagen noch gar nicht erreichbar: der Mars, extrasolare Exoplaneten, die um ferne Sterne kreisen . . .
Von irgendwoher kommt eine Anregung, manchmal sogar auch die ganz unverblümte Aufforderung: “Tu dies!” (schreib zum Beispiel ein Buch zu dem und dem Thema). Und damit beginnt die Abenteuerreise. Es ist eine Reise in eine ganz andere Welt – Campbell nennt dies die Unterwelt oder Nachtwelt (bei Tannhäuser ist es der Venusberg). Denn um dieses anders sein als die gewohnte Wirklichkeit geht es dabei. Ein jedem Menschen geläufiges Beispiel ist die Welt der Träume, in der wir uns jede Nacht begeben.

2.1 Die Weigerung des Helden, dem Ruf zu folgen
Nicht immer macht sich der Protagonist gleich auf den Weg. Manchmal muss er mehrmals (meistens dreimal) gerufen werden, damit er loszieht. Und gelegentlich ist sogar so etwas wie ein Kick to Adventure, ein richtiger Tritt in den Hintern nötig, damit der Held seine Reise ernsthaft beginnt. Denn es ist nicht leicht, die alten Wurzeln in der vertrauten (Ober-) Welt zu kappen.
Das Neue, Unbekannte macht Angst. Erst die Überwindung dieser und anderer Ängste macht den Protagonisten ja zum Helden. Für den Autor, der sich selbst auf einer Heldenreise befinden mag, äußert sich das oft als Schreib-Blockade.

3. Das Überschreiten der Schwelle
Um in die andere Welt, die Welt des Abenteuers, zu kommen, muss man eine Schwelle überschreiten, die in der Regel streng bewacht wird: vom Hüter der Schwelle (siehe übernächster Punkt).

3.1 Abstieg in die Unterwelt
In der Unterwelt muss man allerlei Gefahren bestehen, die Prüfungen für den Helden darstellen. Da ist die Hilfe eines erfahrenen Mentors wichtig (siehe nächster Punkt). Während einer Psychoanalyse ist diese Unterwelt nichts anderes als die Inhalte (Erinnerungen) der eigenen Lebensgeschichte, die nach und nach aus dem Vorbewussten und Unbewussten aufsteigen.

3.2 Der Hüter der Schwelle
Der Schwellenhüter hindert einen daran, die andere Welt zu betreten. Diesen Schwellenwächter muss man überwinden. Ein triviales Beispiel: Wenn man unbedingt in eine bestimmte Disco hineinmöchte, liegt es im Ermessen des Cerberus am Eingang und in unserer Überzeugungskraft, ob uns dies auch gelingt. Ein literarisches Beispiel: Franz Kafka hat eine berühmte Geschichte über so einen Türhüter geschrieben: “Vor dem Gesetz”. Im Arbeitsleben ist es vielleicht der Personalchef einer Firma, der angesichts unserer Bewerbung um eine Stelle zum Schwellenhüter wird. Für einen angehenden Autor auf eigener Heldenreise kann es jemand aus der eigenen Familie sein, der einen zunächst am Schreiben hindert.

4. Der Mentor
Der Mentor ist eine hilfreiche Figur, ohne die der Held seine schweren Prüfungen kaum bestehen könnte – sei es, dass er ihm beibringt, wie man richtig mit dem Schwert (oder der Feder) umgeht – sei es, dass er ihr wichtige Auskünfte über das unbekannte Terrain vermittelt, in welches der Held, die Heldin aufbricht.
Der Mentor ist also einer, der die Heldenreise selbst schon einmal erfolgreich bewältigt hat. Das ist der Grund, weshalb Psychoanalytiker selbst eine (Lehr-)Analyse absolvieren müssen, in deren Verlauf sie ihr eigenes Leben einigermaßen verarbeiten sollen.
Für einen angehenden Buchautor könnte so ein Mentor ein erfahrener älterer Kollege sein (obgleich man so jemanden mit der Lupe suchen müssen wird – erfolgreiche Autoren haben selten Zeit für Kollegen, weil sie gerade ihr nächstes eigenes Buch schreiben).
Hilfreich ist in der Unterwelt auch ein schützendes Amulett (siehe nächster Punkt).

5. Das Amulett
Dieses magische Objekt (von arabisch hammalât = Tragband) ist nicht nur Aberglaube. Psychologisch gesehen, handelt es sich um ein kleines Objekt, das vom Träger symbolisch stark psychisch aufgeladen wird. Es soll immer wieder die Aufmerksamkeit auf eine zu bewältigende Aufgabe lenken – zum Beispiel ein schönes Paperqweight, das auf dem Schreibtisch das Buch repräsentiert, das man schreiben möchte. Außerdem treten Helfer-Figuren auf und (Magisches) Werkzeug wird dem Helden übergeben.

6. Hindernisse und Prüfungen
Erste kleine Hindernisse müssen überwunden, Prüfungen bestanden werden, damit die Reise fortgesetzt werden kann.
Warum heißt das Abitur wohl Reife-Prüfung? Weil es nur ganz am Rande darum geht, ob Sie alle Fragen in allen Prüfungsfächern richtig beantworten können, sondern ob Sie den enormen Stress adäquat bewältigen, der mit dieser Mutprobe verbunden ist.
Aus vielen Märchen sind uns die Rätselfragen vertraut, die dem Helden gestellt werden. Beantwortet er sie falsch – kommt er nicht selten zu Tode. Ödipus hat Glück (und Verstand genug), um diese geheimnisvolle Frage der Sphinx richtig zu beantworten:
“Was ist das – geht am Morgen auf vier Beinen, am Mittag auf zwei, am Abend auf drei?” (Richtige Antwort: der Mensch – als krabbelnder Säugling, als aufrechter Erwachsener, als Greis mit Krücke).
Manchmal ist auch hilfreiche Anteilnahme gefragt – so wenn die fertig gebackenen Brote der Goldmarie auf ihrem Weg zur Frau Holle aus dem Backofen zurufen: “Nimm uns raus”.
Werden diese Prüfungen bestanden, so wird man reich beschenkt: mit einem heilkräftigen Elixier, mit einem Goldschatz, einer Prinzessin (das Tapfere Schneiderlein!) – oder dem Abiturzeugnis.
Für den Autor auf eigener Heldenreise: das Manuskript wird fertig.

7. Die Helfer des Widersachers . . .
. . . stellen sich in den Weg und müssen besiegt werden.
Spiegelbildlich zu den Helfern der Hauptfigur verhält es sich auf der Seite des Widersachers. Dort findet man den fiesen Schläger des Mafia-Bosses, das magische Tier eines bösen Zauberers – oder die Geheimagentin einer feindlichen Macht, welche James Bond betört und ausspioniert oder ihn sogar zu ermorden versucht .

8. Auftreten des eigentlichen Widersachers (Antagonist) und Kampf mit ihm
Nach einer Reihe kleinerer Abenteuer auf dieser Reise kommt es zur Großen Begegnung mit dem Haupt-Gegner (s.o. 6). Er ist in der Detektivgeschichte buchstäblich der König der Unterwelt, im Abenteuer- und Fantasyroman ein Ungeheuer, ein Drache, ein Böser Gott, der Satan; im Labyrinth ist es der mörderische Minotauros, mit dem Prinz Theseus konfrontiert wird.
Für den Autor auf Heldenreise ist dies die “große Blockade”, in der er total frustriert sein Projekt aufgeben möchte – weil zum Beispiel “unerledigte Geschäfte” aus der Vergangenheit auftauchen und sich störend auf den Schreib-Prozess auswirken.
Man nennt diesen größten Gegner auch Widersacher oder Antagonist. In ihm verkörpern sich am intensivsten alle Widrigkeiten, welchen der Held auf seiner Reise begegnet.
In der Labyrinth-Sage ist dies der Minotauros, ein stierköpfiges Ungeheuer. In der Filmserie Krieg der Sterne verkörpert den Widersacher Luke Skywalker´s eigener Vater – Darth Vader. Bei Harry Potter ist es der schreckliche Lord Voldemort.
In der Konfrontation mit dem Antagonisten muss der Held alle seine Kräfte und Talente mobilisieren, um diese größte aller Prüfungen zu bestehen. Oder er scheitert – als Anti-Held. Letzteres findet man im Alltag in jedem Alkoholiker-Schicksal – der Dämon sitzt dabei in der eigenen Persönlichkeit.
Grundsätzlich gilt: Je stärker und bösartiger der Bösewicht ist – umso größer der Triumph des Helden, wenn er ihn schließlich doch besiegen kann.

9. Existenzieller Tiefpunkt des Helden = Höhepunkt der Handlung
In der Regel ist der Kampf mit dem Widersacher (s.o.) auch der Höhepunkt einer Erzählung. Genau genommen ist es jene Situation kurz davor, in welcher der Held so in die Enge getrieben ist, dass er meint, diese Prüfung nicht zu schaffen. Er ist kleinmütig, voller Angst, verzweifelt, scheinbar ohne jede Hilfe – und durch die Angst auch noch blockiert in seinen Möglichkeiten, vorhandene Erfahrungen, Energiereserven und hilfreiche Begabungen zu mobilisieren (Angst ist etymologisch eng verwandt mit Enge, eng).
Mit anderen Worten: Der Held (die Heldin) ist auf dem Tiefpunkt seiner (ihrer) Existenz angelangt. Erst wenn der Protagonist in diesem Augenblick alle alten Erfahrungen und Verhaltensmuster loslässt (die ja ganz offensichtlich nichts bewirken) – kann die Situation umschlagen und sich zum Besseren wenden.
Diese neue Offenheit ist der Schlüssel zum Aufstieg aus der Tiefe.
Ein sehr häufiges Beispiel, das dies deutlich macht: Menschen, die kurz vor dem Suizid stehen, weil sie keinen anderen Ausweg mehr sehen (Job gekündigt, Ehe kaputt, Bankkredit gekündigt) sehen auch die Hilfen nicht, die eigentlich vorhanden sind. Erst wenn sie nach einem missglückten Suizidversuch gerettet werden und z.B. nach einer Tablettenvergiftung im Krankenhaus auf der Intensivstation aufwachen, sind plötzlich alle möglichen Helfer da. Die gab es vorher auch – aber der Tunnelblick der Verzweiflung und Angst (und des falschen Stolzes etc.) hat sie ausgeblendet. Ab da kann es wieder aufwärts gehen.

Jede gute Geschichte, ob die von Harry Potter oder Tarzan oder Wer-auch-immer, bezieht ihre Stärke und Überzeugungskraft aus dieser menschlichen Grunderfahrung: Auch in größter Not ist Rettung möglich. Aber sie verlangt eine echte Bereitschaft zu existenzieller Neuorientierung. Was psychologisch gesehen nichts anderes bedeutet als: Einen grundlegenden Konflikt neu zu bewerten und dadurch neuen Lösungen zugänglich zu machen (s. nächster Punkt)

9.1 Im Zentrum der Unterwelt (die Tiefste Höhle)
Die Tiefste Höhle ist für Campbell der Ort der endgültigen Begegnung mit dem Widersacher und des alles entscheidenden Kampfes mit ihm. Im Labyrinth-Mythos ist dies der Kern des Labyrinths, wo das Ungeheuer haust. In den Geschichten von Drachen ist es deren Höhle.
Jeder Romanschriftsteller, jeder Drehbuchautor und Filmregisseur verwendet eine Menge Aufmerksamkeit und Gehirnschmalz darauf, diesen mythischen Ort entsprechend im Bewusstsein des Lesers und Zuschauer sichtbar und vor allem fühlbar zu machen.
Jeder ordentliche Albtraum macht das kostenfrei für Sie – wenn Sie unbedingt möchten sogar jede Nacht. Der Tunnel, durch den Sie kriechen, hinten von einbrechendem Wasser und vor ihnen von einer Feuersbrunst bedroht – wenn es Ihnen da nicht gelingt, die Tür in den rettenden Seitengang zu entdecken, der Sie ins Freie führt – bleibt ihnen nur noch eines: Aufwachen!

10. Lysis durch Freisetzung verborgener Kräfte und Talente
Es gelingt dem Helden, verborgene Kräfte zu mobilisieren und den Widersacher zu besiegen – Helfer (Freunde) und magische Werkzeuge treten eventuell unterstützend in Aktion. Der Sieg über den Widersacher setzt im Helden ungeahnte Kräfte frei. Diese Lysis ermöglicht ihm die Rückkehr in die Oberwelt.

10.1 Die Helfer des Helden
Es gibt noch andere Figuren außer dem Mentor, die dem Protagonisten in der Not beispringen (oder schon davor). In der Labyrinth-Sage ist das beispielsweise die Prinzessin Ariadne, die dem Helden Theseus ein Schwert und den sprichwörtlich gewordenen Roten Faden gibt, ohne deren Hilfe er den Minotauros schwerlich besiegen könnte.
In vielen Märchen sind es Zwerge oder hilfreiche Geister, die in höchster Gefahr zur Hilfe kommen.

10.2 Magische Werkzeuge
Das können wörtlich Gegenstände sein (Waffen, neue technische Geräte) – oder Überzeugungen, Werte, neue Fertigkeiten. Der Rote Faden, den Prinzessin Ariadne dem Theseus mitgibt, damit er sich im Labyrinth zurechtfindet, ist so ein Magisches Werkzeug par excellende. Eigentlich ein Nichts, ein Stück Wolle – wird dieser Faden zum Lebensretter, weil er (dank einer geheimnisvollen Eigenschaft, welche der Erfinder Daidalos dem Faden verliehen hat) wie ein GPS-Gerät den Weg durch das Labyrinth (eigentlich ein Irrgarten, ein Yrrinthos) zeigt mit seinen vielfältigen Möglichkeiten, sich zu verirren und dem todbringenden Ungeheuer Minotauros zu begegnen.
Für Harry Potter ist sein Zauberstab so ein magische Werkzeug, desgleichen sein Umhang, der ihn unsichtbar macht. Alle Zauberer können sich in dieser Buchserie eines Portschlüssels bedienen, der sie an einen anderen Ort versetzt. Aber Harry kennt auch die Sprache der Schlangen, ebenfalls ein hilfreiches Werkzeug (was es wie so manches andere leider nur im Märchen gibt und in der Fantasy).

11. Bergung des Schatzes (Elixier) und Entdeckung neuen Lebenssinns
Das näher zu erläutern, erübrigt sich. Wenn die Verzweiflung und die Angst gewichen sind, die den Helden am existenzieller Tiefpunkt (siehe oben, Punkt 9), werden neue Fähigkeiten und Kräfte verfügbar und neuer Lebensmut macht neue Hoffnung und einen neuen Sinn im Leben zugänglich. Sonst taugt die ganze Geschichte nichts.
Dieser neuen Lebenssinn ist der eigentliche Gewinn der Heldenreise – der Schatz, die Essenz (siehe unten, Punkt 14).
Dieses Elixier (von arabisch: al-iksír = Quintessenz, Stein der Weisen) ist die große Belohnung für den Helden, der sichtbare Beweis einer Heldentat. Diesen sollte man jedoch nicht nur für sich behalten, sondern in die Tagwelt zurückbringen. Beispiele:
° Das Penicillin, das Fleming entdeckt und damit der modernen Medizin die – oft lebensrettenden – Antibiotika zugänglich macht,
° das Roman-Manuskript, das der Autor endlich vollendet hat.

In vielen Geschichten geht es auch ganz profan um das Auffinden und Erobern eines Schatzes (der allerdings auch ein Schatz im übertragenen Sinne sein kann – zum Beispiel eine hübsche Prinzessin, die man in letzter Sekunde den Klauen eines feuerschnaubenden Drachen entreißt)

12. Rückkehr in die Ober-Welt
Diese Rückkehr in die Ober-Welt ist von zentraler Bedeutung. Erst wenn man diesen Abschnitt der Heldenreise bewältigt hat, ist man der Meister der Zwei Welten (siehe nächster Punkt).

12.1 Magische Flucht – Überwindung des Anderen Schwellenhüters
Wenn der Held alle Fährnisse und Widrigkeiten der Unterwelt / der anderen Welt bestanden hat – kann es dennoch sein, dass er in dieser anderen Wirklichkeit bleiben möchte. Denken wir nur an Odysseus, der im Zauberschloss der Kirke verharrt – obgleich doch so wichtige Aufgaben wie die Rückkehr in die Heimat, der Kampf gegen die Freier um seine Ehefrau Penelope und die Rettung seines Sohnes Telemach vor der Gier der Erbschleicher auf ihn warten!
Dies nennt Campbell die Magische Flucht – die nichts anderes ist als die Flucht vor der Verantwortung in der ursprünglichen Realität, die ja trotz der Parallelwelt der Unterwelt immer noch existiert.
Tannhäuser gefällt es in den erotischen Verlockungen des Venusbergs zunächst besser als an dem Ort, von dem er kommt! Ähnlich geht es Odysseus bei der Zauberin Kirke.

13. Meister der Zwei Welten
Meister der Zwei Welten ist man, wenn man die Abenteuer der Heldenreise nicht nur selbst glücklich überstanden hat, sondern den dabei gewonnen Schatz in die ursprüngliche Heimatwelt zurückbringt (Theseus hat den Minotauros getötet und bringt seine geretteten Gefährten zurück nach Athen / das geschriebene Buch wird veröffentlicht).
Ein Meister der Zwei Welten ist natürlich auch der eingangs erwähnte Mentor (s. Punkt 4) – er hat diese gefährliche Reise ja schon einmal gemacht und alle Prüfungen mit Bravour überstanden. Sonst könnte er dem noch unerfahrenen neuen Helden oder der Heldin kein Vorbild und Förderer sein.

Nach-Geschichte
Eine Phase geht jedoch all dem eben Beschriebene vorweg und ist so fern dem abenteuerlichen Ablauf der skizzierten hR, dass sie völlig übersehen und unterschlagen wird: Die quälende Zeit, in der man sich, oft während vieler Jahre, nur äußerst dumpf bewusst ist, dass “etwas nicht stimmt” im eigenen Leben. Dass da etwas zur Verwirklichung drängt, in das man nur in manchen Träumen Einblick bekommt – oder in Tagträumen und Phantasien.
Die skizziert man vielleicht in Geschichten, in wilden Science-Fiction-Stories auf fernen Planeten und in fernen Zeiten – ohne zu begreifen, dass sie etwas mit unverwirklichten Möglichkeiten in der eigenen Persönlichkeit zu tun haben und mit dem Talent-Potenzial, mit dem man geboren wurde.
Ich nennen diese Vorphase Unzufriedenheit bis Verzweiflung. Für nicht wenige Menschen geht sie tödlich aus – und sie können deshalb die eigentliche heldische Reise nie antreten. Andere Anti-Helden überlassen sich der vermeintlichen Hilfe einer Rauschdroge (“Wer Sorgen hat, hat auch Likör”, merkte Wilhelm Busch hierzu in der Frommen Helene buchstäblich süffisant an) und enden in einer Sucht.
Und schließlich gibt es auch nach der Heldenreise eine wichtige Nachphase: das “ganz normale Leben”, das man dann wieder führen muss:
° Der Held Theseus wird König (von Athen) und muss nun regieren.
° Die Autorin beginnt mit den Recherchen für ihr nächstes Buch (oder verkauft wieder Autos, wie bisher).


B. Die Heldenreise der Autors

Moderne Drehbuch-Autoren wie George Lucas ( Krieg der Sterne ) beziehen sich, wie eingangs erwähnt, seit den 1970er Jahren ausdrücklich auf Campbells Buch. Es gibt inzwischen eine ganze Schule des Drehbuchschreibens, welche dieses Handlungsmuster auf ihre Fahne geschrieben hat – allen voran präsentiert von Keith Cunningham (der u.a. in der Drehbuch-Werkstatt der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) Seminare abhielt).
Cunningham (der auch Psychotherapeut der Jung´schen Richtung war), sieht in dieser uralten Heldenreise sogar noch mehr. Sie ist für ihn nicht nur ein Modell für Film-Drehbücher und Romane, sondern bildet zugleich den geistig-seelischen Weg ab, den auch der Autor solcher Werke durchwandert – als Heldenreise des Autors gewissermaßen.
Der amerikanische Film-Dramaturg Christopher Vogler hat 1998 den Cunninghamschen Ansatz übernommen und ausgebaut in seiner bahnbrechenden Studie The Writer’s Journey: Mythic Structure for Writers (der Titel der deutschen Übersetzung verengt das leider zu sehr zur “Odyssee des Drehbuchschreibers”).

C. Hintergrund: C.G. Jung und Leo Frobenius

1911 erschien C.G. Jungs Werk Symbole und Wandlungen der Libido , mit dem er sich von Sigmund Freud und der Psychoanalyse löste, um seine eigene Therapieform und -theorie zu gründen: die Analytische Psychologie. In diesem Buch befasst sich Jung an prominenter Stelle mit dem Konzept der Nachtmeerfahrt und der Heldenwanderung (was wohl auch mit seiner persönlichen Nachtmeerfahrt während der Lösung des einstigen Mentors Freud zu tun hatte). Dies dürfte die erste Beschäftigung eines Psychologen mit dem Thema der Heldenreise und somit die Grundlage für Joseph Campbells 1949 erscheinende Untersuchung des Helden-Mythos sein.
Jung bezieht sich seinerseits betreffend Nachtmeerfahrt auf das Werk Das Zeitalter des Sonnengottes des Afrikaforschers Leo Frobenius.

Quellen
Bassewitz, Gerdt von (Text) und Baluschek (Bilder): Peterchens Mondfahrt. Leipzig 1915 (Kurt Wolff Verlag). Nachdruck München ca. 1975 (Südwest Verlag).
Campbell, Joseph: The Hero with a Thousand Faces (New York 1949). Der Held in tausend Gestalten. (New York 1949). Frankfurt a.M. 1978 (Suhrkamp).
Ende, Michael: Die unendliche Geschichte. Stuttgart 1979 (Thienemann).
Frobenius, Leo: Das Zeitalter des Sonnengottes. Berlin 1904.
Jung, C.G.: Symbole und Wandlungen der Libido (1911). GW Bd. 5 / Olten 1973 (Walter).
Lucas, George (Regie und Drehbuch): Star Wars (Krieg der Sterne): Hollywood 1978.
Rowling, Joanne K.: Harry Potter (Bd. 1-7). London 1998-2007 (Bloomsbury).
Speck, Daniel und Jürgen vom Scheidt: Drehbuch-Werkstatt (Seminarwochenende München 29. Nov bis 01. Dez 2002) .
Vogler, Christopher: The Writer´s Journey (USA 1998). Die Odyssee des Drehbuchschreibers Frankfurt am Main 1998 (Zweitausendeins). Neuausgabe: Berlin 2018 (Autorenhaus-Verlag).

281 _ aut #1072 / 2022-09-16/21:22

Selbsttest „Bin ich hochbegabt“ jetzt online

Ich habe viele Jahre mit Hochbegabten gearbeitet – als Psychologe in Beratungen wie als Seminarleiter in meinen Schreib-Werkstätten (ja – wer gerne schreibt, setzt sich dem Verdacht auf Hochbegabung aus).
Wenn Sie Ihre Intelligenzhöhe kennenlernen wollen, aber noch keinen richtigen (standardisierten) Intelligenz-Test gemacht haben oder dies noch nicht machen wollen, können Sie bei dem von mir entwickelten Selbsttest eine erste Selbsteinschätzung vornehmen. Die 38 Merkmale finden Sie hier im Blog auf der SEITE am rechten Rand der oberen Leiste Hochbegabt? (Selbsttest).

Viel Vergnügen dabei – und viel Erfolg!
Ihr
Dr. Jürgen vom Scheidt

Quellen
Scheidt, Jürgen vom: Das Drama der Hochbegabten . München 2004 (Kösel-Verlag). München 2005 (Taschenbuchausgabe bei Piper).
Dass Buch ist vergriffen – aber im Modernen Antiquariat jederzeit erhältlich.
Lieferbar und für jeden, der / die sich für HB interessiert (und wie man mit Zeittafeln arbeiten kann), sehr informativ ist mein Sachbuch:
Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität. München März 2004 (Allitera) 176 Seiten – 18,00 €uro / ISBN 386520-043-5.

280 _ aut #402 / 2022-09-15 / 14:40

Die Queen, meine Mutter und die MultiChronie

Ich war erst sehr verwundert, dass ich die Trauer-Sendungen dieser Tage nach dem Tod von Queen Elisabeth II. von England so intensiv und auch so berührt verfolgt habe. Doch dann erinnerte ich mich, dass meine Mutter die damals ja noch sehr junge Königin in den 1950er sehr bewundert hat. Neben der selbstbewussten Schauspielerin Ingrid Bergmann war die Queen eine der Frauen, die wohl insgeheim Vorbild für sie waren.
Woher ich dies weiß? Ich muss es mitbekommen haben, weil bei uns zuhause die Zeitschrift Madame herumlag, die meine Mutter abonniert hatte und wo so etwas wie die Thronbesteigung der Queen am 06. Februar 1952 ganz bestimmt auf der Titelseite zu sehen war. Als „Allesfresser“ bei der Lektüre las ich ja nicht nur die Wildwest-Schundheftchen um Billy Jenkins und Tom Prox und die SF-Abenteuer von Jim Parker im Weltraum, sondern gelegentlich auch einen Band Trotzköpfchen oder Pucki von meiner Schwester, wenn nichts „Besseres“ (aus meiner Bubensicht) erreichbar war – oder eben Mutters Hauspostille.

Abb.: 1 Queen Elizabeth II (photograph) by Unknown photographer is licensed under CC-BY-NC-SA 4.0

Was meine Mutter (die 1952 nur 13 Tage später, am 19. Februar, 38 Jahre alt wurde) an der Queen so fasziniert hat, kann man nur ahnen. Aber wenn man das historische Photo oben sieht, teilt sich da schon eine Aura von Macht und Selbstbewusstsein mit, die meine Mutter beeindruckt haben wird. Was auch mir als damals Zwölfjährigen nicht verborgen blieb – habe ich meine Mutter doch stets als sehr starke und selbstbewusste Frau erlebt, obwohl sie nur die damals übliche klassische Mutter- und Hausfrauenrolle lebte.

Warum berichte ich davon hier im Blog?
Weil da auf zweifache Weise etwas von dem sichtbar wird, was ich als MultiChronie bezeichne. Diese „Vielzeitigkeit“ hat ja nach meiner Vorstellung zwei grundsätzlich verschiedene Aspekte, die sich jedoch im Individuum (in diesem Fall: in mir) sinnvoll verbinden können:

° Die historische „äußere“ MultiChronie der Queen und ihrer doch recht antiquierten Rolle als Herrscherfigur aus dem Mittelalter (die aber die starken zentrifugalen Kräfte des britischen Commonwealth erstaunlich gut ausbalanciert hat) mit Thronbesteigung Mitte des 20. Jahrhunderts und nun ihr Tod in einem modernen Staat mit den Turbulenzen des 21. Jahrhunderts. Wozu ein Redakteur der Süddeutschen Zeitung aus dem aktuellen Anlass anmerkte:
„Im St. James‘ Palace wird Prinz Charles zu König Charles III. vereidigt und ausgerufen. Mit einem Ritual, das einen beim Zuschauen ein paar Jahrhunderte zurück katapultiert. “ (Neudecker 2022)

° Die persönliche „innere“ MultiChronie führt mich ebenfalls einige Jahre zurück, und zwar zum einen zum Unfalltod meiner Mutter im August 1973 (also vor nunmehr fast 50 Jahren) und zu ihrer Beerdigung, die heute so lebhaft in meiner Erinnerung präsent ist wie damals, und interessanterweise zu drei Träumen von der Queen, die ich jedes Mal mit meiner Mutter in Verbindung gebracht habe. Ich zitiere, was sich hier wie das Auftauchen von drei verschiedenen Zeitschichten ausnimmt, aber in sich jeweils nochmals mehrfach verschachtelt und dadurch noch viel komplexer ist und weiter zurückreicht (worauf ich hier nicht eingehen will):

1993-06-29: DIE QUEEN IST NICHT GUT BEWACHT
Ich sehe die Queen durch mehrere offene Türen hindurch in einem Zimmer stehen; sie hat einen hellblauen Sommermantel an, ist jung und schön. Es ist kein Personal zu sehen, und ich denke: „Sie ist ja völlig schutzlos!“

1993-11-04: DIE QUEEN MIT GOLDENEM SCHWERT
In London <Oxford Street?>. Viele Menschen. Ich sehe die Queen. Sie trägt ein goldenes Schwert aufrecht vor sich. Sie selbst ist ganz unscheinbar; niemand nimmt Notiz von ihr.  Ich denke, jemand könnte ihr das kostbare Schwert rauben und dass man sie beschützen muss. Also nähere ich mich ihr. Sie hat nichts dagegen. <Sie wirkt, während des gesamten Traums, distanziert, aber nicht unfreundlich.>

Diese beiden Träume sind, was die Zeitschichten betrifft, sehr unterschiedlich. Der erste Traum hat mich durch den „hellblauen Sommermantel“ sofort an meine Mutter erinnert – und zwar an der Zeit Anfang der 1950er Jahre, als sie so einen Mantel trug. Warum ich das im November 1993 träume, kann ich nicht mehr sagen. In der Regel kenne ich die traumauslösenden Tagesreste recht gut – dieser hier ist im Nebel der Vergangenheit verloren.
Der Traum vom „goldenen Schwert“ ist viel archaischer und führt noch viel weiter zurück. Aber auch da kann ich die Details nicht mehr rekonstruieren. Auf jeden Fall zeigt dieser Traum mir ganz deutlich, wie mächtig ich meine Mutter in der frühen Kindheit erlebt habe.
Nur zehn Jahre „entfernt“ ist der dritte Traum:

2012-06-13: ZU GAST BEI DER QUEEN
Im Buckingham-Palast bin ich zu Gast bei der britischen Königin. Prinzgemahl Philip ist auch dabei, ebenso meine Frau Ruth. Die Queen ist freundlich, aber neutral, so wie man sie aus den Medien kennt. Ich weiß, dass ich ihr keine Fragen stellen soll, sondern lediglich auf Fragen von ihr antworten darf. Aber bevor das Gespräch in Gang kommt…

  . . . wache ich auf aus diesem Traum. Aufmerksame Leser werden sich wahrscheinlich schon gedacht haben, dass da etwas nicht stimmt in meinem kleinen Bericht. Denn die Queen empfängt doch nur Menschen, die etwas sehr Außergewöhnliches geleistet haben oder sonstwie systemrelevant sind und schon gar nicht einen Blogger, der wahrscheinlich Dinge ausplaudert, über welche die Queen dann vielleicht „not amused“ wäre.
Nun, es ist ja mein Traum und wie oben nachzulesen, bringe ich ihn wohl zurecht in Zusammenhang mit der „mächtigsten“ Frauenfigur in meinem Leben, und das ist nun mal (nicht nur für mich) die eigene Mutter. Sie ist die Queen, vor allem wenn man noch ein sehr kleines hilfloses Kind und ihr total ausgeliefert ist.

Weitere Zeitschichten
Ich könnte hier natürlich meine verschiedenen Besuche in London als weitere Zeitschichten anführen:
° 1994 (als ich meinen in London studierenden ältesten Sohn traf).
° 1980 etwa (als ich ihm Rahmen einer Leserreise der Süddeutschen Zeitung die großartige China-Ausstellung im British Museum besuchte).
° 1959 (bei meiner ersten Auslandsreise ohne die Eltern, dafür mit meiner damaligen Freundin).

MultiChronalia
Viele Zeitschichten fügen sich hier in einer ganz neuen Kombination zusammen, anders als mir bisher bewusst war – und vor allem aufgrund des historischen Anlasses der Trauer um Queen Elizabeth II. die Erinnerung an meine Mutter und die Trauer um sie – die ja nie zu Ende ist.
Und genau darum geht es bei der MultiChronie: Um dieses Zusammenwachsen der Erinnerungen als Selbsterfahrung und Selbstvergewisserung.

Ich nenne diese einzelnen Ereignisse „MultiChronalia“, was so viel meint wie: Zeit-Punkte (in der Gegenwart), die zu Zeit-Ankern (in der Vergangenheit) Zeit-Fäden spinnen, die sich in ihrer Gesamtheit als Zeit-Netz zu dem verbinden, was man Persönlichkeit nennt.

Neudecker, Michael: (Inthronisation von König Charles III): Sueddeutsche-online vom 10. Sep 2022.

279 _ aut # 1424 _ 2022-09-11/19:55 Sonn

KI generiert Bilder aus Haiku

In meinem vorangehenden Nachruf zu Herbert W. Franke weise ich mehrfach auf seine Rolle als Pionier der Anwendung von Computern in der Kunst. Es gibt inzwischen hochkarätige Software mit enorm leistungsstarker KI, mit deren Hilfe auch Laien (wie ich) aus kurzen Textschnipsel-Vorgaben hochkomplexe und – manchmal – ästhetisch sehr überzeugende, stets aber äußerst verblüffende Graphiken erstellen können.

Ich habe das mit der japanischen Lyrik-Form des Haiku kombiniert. Diese Dreizeiler mit 15 Silben sind ideal, weil sie mit (je Zeile) fünf / sieben / fünf Silben hochverdichtete Informationen anbieten, aus denen der Algorithmus dann Bilder generiert. Ich habe dies gleich mit englischen Versen gemacht, um die Software nicht zu ehr zu strapazieren; aber im Prinzip müsste das auch mit einer deutschsprachigen (oder japanischen) Variante funktionieren.
Wie bei der Kunst immer kann man auch hier fragen: Was soll das? Oder: Was ist das? Oder: Warum gerade so? Mich hat das Angebot der KI (ich konnte jeweils aus mehreren Bildern das gelungenste auswählen) jedenfalls sehr erstaunt und überzeugt. Man muss dabei aber auch so großzügig sein, in Abb. 6 das „Hufeisen“ in der „feurigen“ Umrisslinie zu erkennen – oder in den etwas allgemeinen „Bäumen“ von Abb. 3 und 4 die kalifornischen „Sequioas (= Riesenmammutbäume) – welche derzeit sehr durch Waldbrände gefährdet sind, die ihrem tausendjährigen Wunderleben mit einem schrecklichen Ende drohen – was wiederum mich zu diesem Haiku inspiriert hat.
Und vielleicht hilft es noch, wenn man weiß, dass der „Crystal Voyager“ in Haiku #7 nicht ins Deutsche übersetzt wurde, weil dieser „Kristallreisende“ der Titel einer exzellenten australische Film-Dokumentation über Surfer ist, der mich damals (1973) tief beeindruckt hat und sogar einen eigenen Eintrag bei Wikipedia bekam: Crystal Voyager.
Und noch eine kleine Randbemerkung: Beim englisches Wort „ecstasy“ für „Ekstase“ hat die KI die Mitarbeit verweigert – vielleicht weil „Exstasy eine bekannte Modedroge ist, die man nicht fördern will?

Kleines Ratespiel: Zu welchem der unten folgenden acht Haiku könnten die sechs Abbildungen passen?

Und welcher Dreizeiler passt hierzu?

Und weil aller „guten Dinge drei“ sind hier noch zwei weitere KI-generierte Bilder:

Acht Haiku als Spielmaterial
1
Camel and whale
Unite in green ecstasy
While flying home
2
Red rolling thunder
On highway to happiness
Drives me crazy
3
Elephant flying
With laughing ape on his back
Through a wormhole
4
Half a pineapple
Glides furiously downhill
To burning Sequoia
5
While singing Blues
Glide surfers crying loud
Through a Tsunami
6
Two mad tooth brushes
Give birth to a hurricane
Of green snowflakes
7
Crystal Voyager
In a tunnel of fire
On black horseshoes
8
Blowing the trumpets
Makes a golden Ape Man
Happy on a strand

Die Auflösung
Abb. 1 und 2 gehören zu Haiku #3. Hier meine Rückübersetzung ins Deutsche:
Fliegender Elefant
Lachender Affe huckepack
Rast durch ein Wurmloch

Abb. 3 und 4 gehören zu Haiku #4:
Halbe Ananas
Gleitet zornig hügelab
Wo Mammutbaum brennt

Abb. 5 gehört zu Haiku #1:
Kamel und Walfisch
Vereint grüne Exstase
Beim Flug nachhause

Abb. 6 gehört zu Haiku #7:
Crystal Voyager
Im Feuer des Tunnels auf
Schwarzen Hufeisen

Zum Schluss noch ein großes „Danke“ an Sohn Jonas, der meine acht Haiku mit den beiden KI-Programmen zusammengebracht und da einige Arbeit hineingesteckt hat!

Quellen
Moorstedt, Michael: „Otter mit Perle“: In: Südd. Zeitung Nr. 198 vom 29. Aug 2022, S. 10 (Feuilleton).
Schmieder, Jürgen: „Gefährdete Giganten“. In: Südd. Zeitung Nr. 187 vom 16. Aug 2022, S. 14 (Wissen).
Links
DALL-E 2: → https://labs.openai.com/     
Dreamstudio Lite: → https://beta.dreamstudio.ai/      

278 _ aut #1423 _ 2022-09-10/14:48

Herbert W. Franke: Der GEDANKENverNETZer (1927-2022)

64 Jahre, von 1958 bis 2022, sind eine lange Zeit für einen Weg, den man immer wieder ein Stück zusammen gegangen ist – wobei Franke, der um 13 Jahre ältere, stets voranging.
Man verzeihe mir, wenn in diesem Nachruf auch viel von mir selbst die Rede ist. Aber wenn ich etwas von ihm gelernt habe (und vor allem während meines Studiums habe ich enorm viel von der Zusammenarbeit ihm profitiert), dann auf die eigene Kreativität zu vertrauen, insbesondere beim Schreiben. Und diese meine Kreativität hat mir geraten, mich von unterschiedlichen Seiten her an die Persönlichkeit dieses ungewöhnlichen Mannes heranzutasten – eben durch Erinnern an die verschiedensten Begegnungen mit ihm.

Stiftung eingerichtet
Wie Susanne Paech kürzlich mitteilte, gibt es nun eine Stiftung, welche die Aktivitäten dieses Pioniers auf so vielen Gebieten zugänglich erhält und weiter pflegt. Mehr hier:
art meets science .

Begegnungen
In meiner Autobiographie, an der ich parallel zu diesem Blog arbeite, wird es ein wichtiges Thema geben, das sich hindurchzieht: Begegnungen. Das sind Begegnungen mit Menschen unterschiedlichster Art – sowohl was die Treffen angeht wie die Personen.
° Da gibt es rein virtuelle Begegnungen, wie die mit dem eben verstorbenen Michail Sergejewitsch Gorbatschow, den ich nur aus den Medien kenne und leider nie persönlich getroffen habe, aber der mit seinem Wirken die Welt verändert und auch mir viel Hoffnung gegeben hat, dass einzelne Menschen tatsächlich etwas in dieser Welt zum Guten bewirken können, wenn sie es nur wollen und in der richtigen Position sind. (Putin sitzt am selben weltpolitischen Platz – und ist das pure Gegenteil: ein Zerstörer). 1992 bin ich durch ein Interview für den Bayrischen Rundfunk tatsächlich realiter einem Menschen von ähnlichem Kaliber, wenngleich mit weit weniger Macht, begegnet: Vigdis Finnbogadottir, der Präsidentin von Island.
° Aus andere Begegnungen wurden Freundschaften, die viele Jahre andauerten, auch wenn wir uns selten persönlich getroffen haben. Herbert Franke war so einer und von dieser kostbaren Freundschaft will ich hier berichten – nun, da sein Leben zu Ende gegangen ist.

An unsere ersten persönlichen Treffen habe ich keine Erinnerung. Ich weiß, dass dies 1958 gewesen sein muss, als Herbert Mitglied des Science Fiction Club Deutschland (SFCD) wurde und einige Male zu den Treffen der Münchner Gruppe kam, bei der auch ich recht regelmäßig dabei war. Irgendwann war ihm wohl das fannische Gewusel bei diesen Treffen zu unergiebig und er verließ bald wieder den SFCD. Seine vielfältigen kreativen und innovativen Beiträge zur deutschen Science-Fiction führten jedoch dazu, dass der SFCD ihm nicht nur zweimal für den „besten Roman“ den Deutschen Science-Fiction-Preis verliehen hat (1985 für Die Kälte des Weltraums und 1991 für Zentrum der Milchstraße) sondern ihn 2015 auch zum Ehrenmitglied ernannte. Seine vielen weiteren Preise findet man im ausführlichen Beitrag der Wikipedia zu seiner → Person .

Höhlenforscher war er auch
Die Welt der Höhlen auf der Erde ist wie die Oberfläche eines fremden Planeten: bizarr und nicht ungefährlich. Es ist kein Zufall, dass Franke SF und Höhlenforschung kombiniert hat in einen kleinen Essay über Höhlen auf dem Mars . Den findet man auf seiner persönlichen Website. In seinem letzten veröffentlichten SF-Roman für Jugendliche thematisiert er das auch erzählerisch: Flucht zum Mars.
Als ich Franke im August 1979 für den Bayrischen Rundfunk zu seiner Beschäftigung mit der Höhlenforschung interviewte, stellte ich ihm auch die Frage, wie er zu diesem Thema gekommen sei. Wie so oft überraschte er mich mit einer Antwort, die ich sinngemäß so erinnere:
„Ich war fünf Jahre alt, als ich in einen Sandhaufen kroch, um herauszufinden, was sich in seinem Inneren befindet.“
Da muss man erst einmal drauf kommen!

Viele kennen Franke vor allem als innovativen Science-Fiction-Autor, der dieses Genre in Deutschland zu einer neuen Ernsthaftigkeit und Kreativität brachte. Die Höhlenforschung war ihm jedoch – wie seine Pioniertätigkeit für die Computergrafik – vermutlich weit wichtiger. Konnte er da doch den Schreibtisch verlassen und mit ähnlich begeisterten Kameraden im Inneren der Erde herumkriechen und buchstäblich neue Welten entdecken – ähnlich einem (derzeit noch utopischen) Astronauten, der eines Tages auf einem anderen Planeten wie dem Mars herumspazieren wird , nur eben hier in unbekannten Bereichen unseres Heimatplaneten. Ähnlich wie in den Tiefen der Meere (die uns Frank Schätzing in seinem brillanten SF-Roman Der Schwarm nähergebracht hat) führte Franke seine Sachbuch-Leser in einigen auch spannend zu lesenden Büchern (s. Quellen) in die Finsternis der Höhlenlabyrinthe, um diese wissenschaftlich zu erforschen. Dabei gelang ihm auch eine neue Datierungsmethode mittels radioaktiven Kohlenstoff-Isotopen – als praktische Umsetzung seines Studiums der Physik und Chemie.
Was mir während dieses Gesprächs für den Funk geradezu eine Gänsehaut verursachte, war die Beschreibung eines Tauchgangs in einer neu zu erkundenden Höhle, bei dem er sich in einen wassergefüllten Siphon buchstäblich hineinwinden musste – ohne zu wissen, was ihn auf der anderen Seite erwartete. Was wie der Todesmut eines Hasardeurs anmutet, war jedoch einer von vielen wohl überlegten Schritten einer wissenschaftlich vorbereiteten und auf viel Praxis basierenden Expedition.
(Dass so etwas auch schief gehen kann, erfährt man immer wieder mal aus den Medien, wenn weniger erfahrene oder auch schlicht leichtsinnigere Höhlengänger von Unwetter überrascht werden und ertrinken – oder mühsam gerettet werden müssen, wie der im Juni 2014 in der Riesending-Schachthöhle des Dachsteingebirges abgestürzte Forscher Johann Westhauser.)
Franke hat seine Höhlenabenteuer alle überlebt. Seine letzte erstaunliche Expedition dieser Art unternahm er noch im hohen Alter von 80 Jahren in der ägyptischen Wüste, als er sich in einen tiefen Höhlenkrater abseilte.

Ein weitsichtiger Vernetzer
Er war vielfach vernetzt und förderte andere SF-Autoren, indem er sie in den von ihm herausgegebenen Anthologien veröffentlichte: Als Herausgeber war er zunächst verantwortlich für die Reihe der Goldmann Weltraum Taschenbücher (wobei ihn Lothar Heinecke als Übersetzer unterstützte) und danach zusammen mit Wolfgang Jeschke für die SF-Reihe von Heyne (die später von Jeschke allein weitergeführt wurde).
Nicht unwichtig ist, dass damals seine erste Frau Charlotte Winheller über diese Schiene zu einer der wichtigsten Übersetzerinnen der deutschsprachigen SF wurde. In dieser Eigenschaft war sie nach der Scheidung auch 1978 beim ersten Treffen von World SF in Dunlaoughaire / Irland dabei. Das war das erste international besetzte Meeting von SF-Profis mit dem ganz speziellen Extra, dass erstmals auch SF-Autoren (vermutlich samt KGB-Begleitern) aus der Sowjetunion dabei sein durften, weil Irland nicht in der Nato war.

Einer der jungen deutschen SF-Autoren, die er unterstützte, war ich: 1975 brachte er meine Kurzgeschichte „Im Spiegelkabinett“ in seinem Heyne SF Story Reader Nr. 4 unter. Ich meinerseits veröffentlichte zwei Geschichten von ihm in meinen Anthologien:
° „Der dunkle Planet“ in Das Monster im Park und
° „Im Strahlenregen“ (ein Hörspiel, erstmals in gedruckter Form) in Guten Morgen, Übermorgen (Details s. Quellen).

Zu ergänzen ist hier, dass Franke mit zwei interessanten Männern freundschaftlich verbunden war: Helmut W. Hofmann in Nürnberg (der im einstigen UTOPIA-Magazin einige der besten Stories veröffentlichte, die alle mit Robotern und KI zu tun hatten – eine davon, „Sechse treffen, sieben äffen“ übernahm ich in meine Anthologie Welt ohne Horizont – wobei Franke den Kontakt zum Autor herstellte.) Hofmann war theoretischer Physiker und Kybernetiker wie Franke und wurde ab 1967 Marketing-Berater. In dieser Eigenschaft gab er mit tele-14 eine neuartige Rundfunk-Programmzeitschrift in Taschenbuchformat heraus, für die Charlotte Winheller arbeitete – so kam ich 1961 zur Ehre, dass in diesem Magazin (das leider nur kurzlebig war) meine SF-Story „Die Waffen“ veröffentlicht wurde.
Der andere Weggefährte war der Innsbrucker Psychologe Peter Scheffler, der sehr originelle Ideen zur Informationspsychologie und Kybernetik äußerte.
Als Student war ich 1964 mit diesem interessanten Trio beim ersten großen Kybernetik-Kongress in Karlsruhe, den der renommierte Prof. Karl Steinbuch veranstaltete. Scheffler bin ich im selben Jahr im September auf dem Psychologen-Kongress in Wien wieder begegnet.

An Frankes 90. Geburtstag gab es im oberbayrischen Egling (nahe Wolfratshausen) ein großes Fest, wo diese Vernetzer-Qualitäten unübersehbar waren. Er hielt sich mehr im Hintergrund – seine Frau Susanne Paech kümmerte sich rührend um die vielen Gäste. Ich war wohl als Psychologe und Vertreter der Science-Fiction-Community eingeladen. Unter den anderen Feiernden befanden sich auch zwei Kapazitäten, mit denen ich längere Gespräche führen konnte:
° Aus Köln Stefan Kröpelin, der im Tschad die Höhlenmalereien erforscht, die durch den Film Der englische Patient weltberühmt geworden sind: Üppige Vegetation und heute dort unbekannte Tiere, die demonstrieren, dass die Sahara einst ein Paradies war, bevor sie austrocknete (dramatischer Klimawandel auch damals!).
° Aus Leipzig Reiner Schneeberger – Kurator einer Stiftung zu Computerkunst, zu der Franke bekanntlich Wesentliches beigetragen hat.
° Der Jubilar selbst lockte uns mit geradezu kindlicher Freude zu seinem Computer-Bildschirm, wo er die neuesten Produkte seiner ästhetischen Experimente mit speziellen Programmier-Kniffen vorführte – näher kann man an die Kreativität eines so talentierten Menschen ja nicht herankommen.

Ich schildere das hier so ausführlich, weil es die Rolle Frankes als Anreger und innovativer Kontaktmensch zeigt. Das sieht man auch deutlich bei seinen sonstigen Aktivitäten für die Computer-Kunst, die in der von ihm initiierten „Ars Electronica“ in Linz ihren Höhepunkt fand.

Here come the computers!
1964 sah ich während eines psychologischen Praktikums bei IBM in Sindelfingen zum ersten Mal richtige Computer. Aber Franke war seine Zeit weit voraus, als er mit dem von Claude Shannon entwickelten Minivac 601 einen winzigen Tisch-Computer vertreiben wollte, den man selbst aus einem Bausatz zusammenbasteln konnte und der einfache Und-Oder-Gatter und Flip-Flop-Schaltungen ermöglichte und dem Benützer erste Schritte in der Kunst des Programmierens bot. Franke gab mir den Auftrag, die amerikanische Gebrauchsanleitung zu übersetzen, was ich mit großer Freude tat. Leider wurde aus diesem Startup-Unternehmen (wie man es heute nennen würde) nichts – das Interesse daran war zu gering und die Zeit für so etwas offenbar noch nicht reif.
Computer – das waren damals die großen Mainframe-Maschinen, die sich nur einige wenige Firmen leisten konnten, und von IBM (und einige auch von Siemens) vermietet und gewartet wurden; verkauft wurden die Geräte nicht.
Franke war jedenfalls auch hier einer der eifrigsten und kreativsten Pioniere, wie sich bald darauf zeigte, als er mit einem Atari (oder war es ein Commodore oder schon ein MacIntosh?) erste Computer-Graphiken zu programmieren begann.

(Ergänzung von Susanne Paech:
Das Manuskript zum Grünen Kometen hat er nicht getippt, sondern mit der Hand geschrieben. Er konnte ja lange Zeit überhaupt nicht Schreibmaschine schreiben, daher ist er dann bald zum Diktieren über gegangen. Erst Anfang der 2000er hat er dann auch Texte am Computer geschrieben (nachdem ihm die Programmierung seit den 80er Jahren Tastaturerfahrung gebracht hatte). Bis dahin sagte er: Das ist viel schneller, wenn ich diktiere. )

(Stand 10. Sep 2022: Aktuell sind sehr im Gespräch Computerprogramme mit hochwertiger KI, mit der man auch als Laie aus kurzen Textschnipsel-Vorgaben hochkomplexe und – manchmal – ästhetisch überzeugende, stets aber äußerst verblüffende Graphiken erstellen kann. Beispiele hier im Blog: KI generiert Bilder aus Haiku.)

Super-Science Kybernetik
Wichtige Wegbereiter dieser neuen übergreifenden Meta-Wissenschaft mit innovativen Denkmodellen waren Norbert Wiener, John von Neumann, Joseph Weizenbaum – und viele Autoren der Science Fiction wie Isaac Asimov (I – Robot) und Jack Williamson (The Humanoids). Zu letzterer Gruppe gehört fraglos an vorderster Front Franke. Wir haben bereits in den 1960er Jahren heftig über Automation, Computer und KI diskutiert. Als ich ihn einmal fragte, ob Computer jemals so etwas wie „Bewusstsein“ erlangen werden (heute würde man wohl besser fragen: „Hat Software solches Potenzial“), sagte er nur trocken:
„Das ist eine Frage der Komplexität.“

HWF war nach Walter Ernsting und Lothar Heinecke so etwas wie mein dritter Mentor im Bereich der Science-Fiction (später, in den 1970er Jahren, kam noch Frederic Vester hinzu, dem ich auch viel zu verdanken habe – kein SF-Autor, aber nicht zufällig ebenfalls ein kreativer Kybernetiker) . Aber Franke war darüber hinaus noch viel mehr, nämlich Anreger zu allen möglichen wissenschaftlichen Themen, über die er nicht nur bestens informiert war, sondern zu deren Erforschung er selbst aktiv viel beigetragen hat (Computerkunst, Höhlenforschung – um nur zwei nochmals hervorzuheben). Er hat zwar meinen ersten Entwurf des Romans Der geworfene Stein ziemlich verrissen – aber diese Erzählung transportiert viele Ideen, mit denen er sich beschäftigt hat und die ich durch ihn kennenlernte – und gerade seine Fundamentalkritik half mir sehr, aus dem Manuskript dann doch einen, wie ich hoffe, lesbaren Roman zu machen.

1962 bot ich im Sommer-Semester an der Münchner LMU (im Soziologischen Institut der Universität) ein Seminar zum Thema „Kybernetik“ an. Das hätte ich mich nie getraut, wenn ich nicht so viele Gespräche darüber mit HWF geführt hätte. Leider weiß ich nicht mehr, ob er da auch anwesend war. Jedenfalls war ein anderer Physiker dabei: Gustav „Gustl“ Obermaier (später einer der Gründungsprofessoren der Universität Regensburg), der Soziologie- und Psychologie-Student Walter Heinz und dazu ein Student der Wirtschaftswissenschaften (dem ich an Silvester die Freundin ausspannte, ja auch das hat es gegeben).
Ursprünglich wollte ich das Seminar im Psychologischen Institut durchführen; aber dort meinte man nur etwas pikiert, ich solle doch erst einmal mein Vordiplom machen. Die Soziologen unter Prof. Francis waren nicht so pingelig. Immerhin ließ mich Prof. Berger, der Institutsleiter der Psychologen, nach seiner Hauptvorlesung das Seminar ankündigen. Es meldeten 40 (!) Studierende ihr Interesse an, von denen dann (zum Glück nur) zwölf tatsächlich erschienen. Wir trafen uns regelmäßig und stellten jeweils eine der aktuellen Publikationen vor und diskutierten vor allem die damals im Fischer-Verlag erscheinende neue Kybernetik-Reihe, die exzellent editiert war.

Auch außerhalb des Clublebens ein vorbildlicher Fan
Franke war nur kurz Mitglied im Science-Fiction-Club Deutschland (SFCD ) – aber durch seine vielfältigen Publikationen hat er enorm viel auf indirekte Weise zu diesem ganz speziellen Biotop der Science-Fiction beigetragen. Es gibt für Nostalgiker und Fanzine-Fans eine wunderbare Quelle, wie das früher im SF-Fandom (speziell in München) so zuging: Thomas Recktenwald hat sich der wirklich großen Mühe unterzogen, das einstige Fanzine der Münchner SFCD-Gruppe, Munich Round Up (MRU) zu scannen und für Forschungszwecke als PDF- bzw. TIFif-Dateien zugänglich zu machen. Darin fand ich das Datum von zwei Besuchen von Herbert beim Club-Abend der Münchner Gruppe des SFCD: am 07. November und am 21. November 1958. Da war ich selbst offenbar nicht dabei, aber bald danach kreuzten sich erstmals unsere Wege. Jedenfalls wurde er 1958 Mitglied im SFCD, trat aber wohl bald wieder aus – um als Ehrenmitglied dann wieder in den erlauchten Kreis zurückzukehren.

Vielfältige Begegnungen
In meinem Tagebuch finde ich mit Datum „25. Juli 1962“ folgenden Eintrag:
„Am Freitag waren wir […] auf einer Party bei Dr. Franke in Herrsching. Lothar Heinecke nahm uns samt seiner Zukünftigen mit.“
Das wurde ein wirklich denkwürdiger Abend, der gegen Mitternacht bei schon recht alkoholisierter Laune in einem absurden Disput seinen Höhepunkt fand, ob der Planet Erde (der bekanntlich keine perfekte Kugel ist) eher die Gestalt einer „Birne“ hat oder die eines „Apfels“. Im Gegensatz zu mir und den anderen Diskutanten war Herbert wohl nicht beschickert – aber bester Laune. (Schon seltsam, woran man ich alles erinnert!)

In der Nr. 13 von MRU (Oktober 1959) ist vermerkt, dass bei Goldmann „demnächst eine eigene SF-Reihe erscheinen wird: „Der Herausgeber ist Petrik Ombra… Lektor ist Lothar Heinecke.“
Für Entschlüssler von Pseudonymen (Jörg Weigand – aufgemerkt!) ist hier aufschlussreich, dass „Petrik Ombra“ offensichtlich ein unbekanntes Pseudonym von HWF war.

Am 24. August 1979 hatte ich das Vergnügen, wie oben erwähnt, den vielseitigen Autor für den Bayrischen Rundfunk in einer Halbstunden-Sendung über seine Erfahrungen in der „leuchtenden Finsternis“ der Höhlen-Unterwelt zu interviewen. Dazu vermerkt meine Text-Datenbank:
„Gespräch mit H.W. Franke über eines seiner Hobbies, die er mit großem wissenschaftlichem Eifer und Ernst betreibt. Außer den Höhlen faszinieren ihn auch noch Computergraphik und Kakteen. Und die Science Fiction.“

An diesem nüchternen Eintrag wird ein wenig sichtbar, wie weit gespannt seine Interessen waren – weshalb mein Nachruf auf ihn „Der GEDANKENverNETZer“ heißt, angelehnt an den Titel seines ersten Romans Das Gedankennetz. Die SF war wirklich nur ein Teil seiner Welt – jener Teil, der ihn mit uns SF-Lesern verbunden hat. Durch meine Arbeit als Student für ihn bekam ich aber noch viel mehr von seinen vielfältigen Aktivitäten mit. Nicht nur die Kakteensammlung außen vor dem Häuschen in der Pupplinger Au nahe der Isar südlich von München, sondern auch so praktische Tipps wie der folgende, als ich ihn mal fragte, wie er das so mache mit seinen Buch-Projekten, da müsse er doch vorher viel Arbeit reinstecken. Er schüttelte nur lächelnd den Kopf und sagte sinngemäß:

„Wenn mich ein Thema interessiert, weiß ich ja noch wenig darüber. Ich schreibe dann ein Buch, um Näheres zu erfahren.“

Also genau andersherum wie sonst üblich – wo ein Gelehrter nach vielen Jahren der Forschung sich hinsetzt und das Geforschte analysiert, vernetzt und zu einem (hoffentlich) verständlichen Ganzen komponiert. Dabei half Franke auf jeden Fall sein Wissen über Kybernetik, das er wie einen großen Deutungs-Raster unter alle Themen legen konnte.
So gelangen ihm hochinteressante Bücher über Werbung (Der manipulierte Mensch), den kreativen Prozess des Künstlers (Phänomen Kunst) und Biochemie (Magie der Moleküle). Was immer ihn sehr interessierte, machte er sich zu eigen und schrieb dann darüber.

Förderer der Grundlagenforschung durch seine Bücher
Im März 1990 interviewte ich den damals „frischgebackenen“ Nobelpreisträger Gerd Binnig (der mit drei Kollegen im IBM-Forschungslabor in Rüschlikon das Rastertunnelmikroskop entwickelt hat und damit die Grundlagen für die heute boomende Nano-Physik und –Technologie legte). Das Buch, zu dem ich Binnig befragte, befasst sich im Ersten Teil mit Kreativität und im Zweiten Teil mit dem kreativen Prozess, bei dem das RTM entstanden ist. Dort findet sich auch eine aufschlussreiche Klage Binnigs: Anders als in den USA würden in Deutschland die großen Konzerne die Grundlagenforschung sehr vernachlässigen. Ich kann nicht beurteilen, wie das inzwischen heute 2022 ist. Aber auf jeden Fall weiß ich, dass man als Leser von SF sehr intensiv über Grundlagenforschung informiert wurde, wenn man die richtigen Autoren las (Asimov, Clarke, Heinlein wären hier für frühere Jahre zu nennen, aktuell Andy Weir vom Marsianer)  und ganz speziell konnte man da bei Herbert W. Franke fündig werden:

° Er war sowohl Pionier der Höhlenforschung und ihrer Grundlagen (entwickelte sogar eine eigene Anwendung der Datierung von Tropfsteinbildungen),
° züchtete Kakteen (was ebenfalls Grundlagenforschung war, aber eben im Bereich Biologie),
° war einer der Pioniere der Computerkunst
° und war nicht zuletzt sowohl in seinen Erzählungen wie seinen Sachbüchern ein kompetenter Vermittler der Grundlagen der Kybernetik (Cyber City Süd hieß einer seiner besten Romane).
Auch dass man als Autor sowohl Fiction wie Sachbücher parallel schreiben kann, war mir neu – Franke hat das mit vielen Büchern eindrucksvoll demonstriert.

Unorthodoxe Arbeitsweise
Manchmal konnte ich ihm zuschauen, wie er beim Schreiben vorging. Sein Roman Die Stahlwüste (1962) war ursprünglich ein Hörspiel. Als dieses vom Sender nicht realisiert wurde, machte er es kurzerhand zum Mittelstück dieses Romans – was dem Werk mit dem Ping-Pong der Dialoge eine ganz eigene Qualität verleiht und ihm gut bekommen ist.
Geradezu frech forsch ging er zu Werk, als der Goldmann-Verlag unter seiner Anleitung die damals durch ihre hohe Qualität Aufsehen erregende Reihe der Goldmann Zukunftsromane als Leinenbände mit Schutzumschlag auf den Markt brachte und der Verlag unbedingt noch ein achtes Buch für den Start haben wollte. Wenn das Gerücht stimmt, setzte er sich an die Schreibmaschine und verfasste rasch hintereinander selbst das fehlende Buch: die 65 eigenwilligen Miniaturen mit dem wunderbaren Titel Der grüne Komet. Weil unter den ersten Bänden auch sein Roman Das Gedankennetz war, wählte er für diese Collection das Pseudonym „Sergius Both.“ Vielleicht hatte das Verlagslektorat beim Grünen Komet einen Roman erwartet – warum sonst wird das Buch auf dem Rückentext als ein solcher angepriesen?

1968 fragte er mich, ob ich nicht den Flyer für eine Ausstellung (vermutlich für die gruppe parallel) von ihm texten könnte. Als ich zögernd sagte, sowas hätte ich noch nie gemacht, ermunterte er mich: „Schreib einfach drauf los, was dir so einfällt. Das wird schon.“

Und so geschah es dann auch. Ich setzte mich an die Schreibmaschine [damals gab es für sowas noch keine Personal Computer oder Notebooks] und – nein: Ich trank mir erst mit einer Flasche Bier Mut an und dann hämmerte ich ziemlich beschwipst in die Tasten, was mir so zu seiner Person und seinen Arbeiten einfiel. Ich hatte große Bedenken, dass da ziemlicher Unsinn entstanden sei – aber zu meinem Erstaunen fand er das Resultat gut und es wurde so, wie ich es formuliert hatte, gedruckt. (Leider habe ich davon keinen Beleg in meinem Archiv.)

Halluzinogene und Kreativität?
Ich habe Herbert stets als einen wichtigen Mentor erlebt, nicht nur was mein eigenes Schreiben (und da speziell von SF) angeht, sondern ganz besonders, wie er, der Physiker, mit einem sehr psychologischen Thema umging: Kreativität. Nicht nur, dass er selbst von einer geradezu überbordenden Kreativität auf den verschiedensten Gebieten gesegnet war, sondern er hatte auch gute Tipps in dieser Richtung auf Lager.
Während meines Studiums experimentierte ich eine Weile recht intensiv mit Halluzinogen wie Haschisch und LSD und war damals der festen Meinung, dass dies für die Anregung der eigenen Kreativität als „Bewussteinserweiterung“ geradezu notwendig sei. Zwei eindrucksvolle Vorbilder mit enormer künstlerischer Kreativität haben mir diesen „Zahn gezogen“.
Einer war 1969 der indische Musiker Ravi Shankar, dessen Autobiographie ich in der Nymphenburger Verlagshandlung veröffentlichte, was mir zu einem anregenden Abendessen mit ihm verhalf und zu besagter Klarstellung: „You don´t need any drugs to be creativ.“ Punktum.
° Doch schon einige Jahre zuvor sagte mir Herbert etwas nahezu Gleichlautendes, als ich ihm stolz von meiner „tollen Erfahrung mit einem LSD-Trip“ berichtete. Er schaute mich nur kopfschüttelnd an und meinte sinngemäß: „Das bringt doch nichts.“

Hat beides geholfen. Noch mehr geholfen hat mir aber, wenngleich in anderer Hinsicht, dass Herbert aufmerksam und lange zuhörte, als ich ihm aus meinem Manuskript zu dem Roman Der metallene Traum vorlas. Er nahm kein Blatt vor den Mund, wies auf konzeptionelle Schwächen hin und auf langweilige Stellen – aber in einer Art, die ich gut annehmen konnte und die ich hoffentlich ins fertige Produkt erfolgreich übernommen habe (späterer Titel: Der geworfene Stein).
Ich habe mich freundschaftlich revanchiert, indem ich ihn in meinem Roman Rückkehr zur Erde mit etwas verrätseltem (aber für Eingeweihte leicht nachvollziehbarem) Namen zu einem der Protagonisten gemacht habe: „Das unterirdische Labyrinth des Höhlenforschers und Kybernetikers Frank W. Herbert…“ (S. 81)

Krieg und Melancholie
Wenn man sein Leben im Wikipedia-Artikel Revue passieren lässt, findet man dort einen geradezu winzigen Abschnitt, über den wahrscheinlich jeder hinwegliest, der den Zweiten Weltkrieg nicht selbst erlebt hat oder von den Eltern wenig darüber erfuhr:

„Im Alter von 15 Jahren wurde er 1942 zum Kriegsdienst eingezogen. 1943 war Franke zunächst als Flakhelfer eingesetzt, später in einer Telefonzentrale, gefolgt vom Reichsarbeitsdienst. Am 24. Dezember 1944 wurde er schließlich zur Wehrmacht eingezogen, wozu Franke sich in einer Kaserne in Berlin-Gatow melden musste. Nach dem Krieg studierte Franke in Wien Physik, Mathematik, Chemie, Psychologie und Philosophie…“

Vielleicht spürt man hinter diesen vier dürren Sätzen nur als Kriegskind und Psychologe die möglichen Traumatisierungen, denen der damals Fünfzehnjährige bis Siebzehnjährige (!) mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeliefert war – um später in den Naturwissenschaften und der Philosophie Halt zu finden. Ich weiß, dass dies eine spekulative „Ferndiagnose“ ist – aber sie erklärt mir ein wenig, warum ich bei Herbert im Hintergrund immer eine tiefe Melancholie gespürt habe. Sie findet man in vielen seiner erzählenden Texte, meist versteckt hinter einem eher sachlich-nüchternen Stil.
Sicher nicht spekulativ ist, dass die Nazi-Diktatur tiefe Spuren in ihm hinterlassen hat, gegen die er in vielen seiner Romane anging. Schon im Gedankennetz geht es um das Aufbegehren des Protagonisten gegen eine anonyme Staatsgewalt. Befreiung von unsichtbaren „Fesseln“ ist auch das Thema im Elfenbeinturm , in der Glasfalle und in der Stahlwüste. Der Orchideenkäfig mit diesem poetisch-grusligen Titel führt die Spekulationen über Realität und ihre Wahrnehmung nochmals weiter in einer Dystopie, bei der die Menschen in ferner Zukunft nur noch als wahrnehmende und denkende Gehirne in Nährlösungen schwimmen.

Homo futurus mit Sense of Wonder
Nicht nur wegen der Vielfalt seiner utopischen Erzählungen über mannigfaltige Gefahren und Hoffnungen, welche die Zukunft (vielleicht) für uns bereit hält, hat dieser Autor und Forscher den Ehrentitel eines „Homo futurus“ verdient. In der Begabungsforschung hat man für solche kreativen und innovativen Multitalent die Bezeichnung“ hochbegabt“. Es gibt aber eine noch höhere Einstufung, die viel seltener vorkommt und die meines Erachtens auf Herbert Franke zutrifft: Er war fraglos das, was man als „Höchstbegabter“ bezeichnet (Details hierzu bei Brackmann 2020). Diese Qualifikation behält man Menschen vor, die auf mehreren Gebieten besondere Leistungen vollbracht haben und sogar Pioniere in ihrem Fachgebiet sind. Auch wenn ich mich mit dieser Aufzählung nun wiederhole: Franke war dies auf fünffache Weise:
° Als Science-Fiction-Autor hat er die deutschsprachige Zukunftsliteratur ab den 1960er Jahren erneuert, mit stets solidem wissenschaftlichen und technischen Hintergrund.
° Als Mitbegründer der Computer-Kunst hat er diesen technischen Geräten völlig neue ästhetische Qualitäten abgewonnen, die ihn zu einem der Pioniere dieses Bereichs machten.
° Als Höhlenforscher ist er ganz praktisch in die Tiefen der Erde vorgedrungen und hat seine Funde und das ganze Metier in großartigen Sachbüchern einem staunenden Publikum nahgebracht.
° Auf vielseitige Art hat er erzählend und in vielen Sachbüchern die neuartige Denkweise der Kybernetik erkundet und vermittelt.
° Außerdem hebt die Wikipedia zu Recht hervor, dass er einer der frühen Futurologen war , als diese neue Disziplin sich in den 1960er Jahren gerade zu etablieren begann.

Dazu passt bestens, dass er als zentrale Qualität der Science-Fiction den „Sense of Wonder“ betrachtet hat, den er auf unterschiedlichste Weise in seinen vielfältigen Arbeiten erkundet und weitergegeben hat – immer das solide Handwerk des Sachbuch- und literarischen Autors mit hohem Unterhaltungswert verbindend.

Apropos „Hochbegabung“
An anderer Stelle (Scheidt 2004, 2022) habe ich ausgeführt, dass die Science-Fiction wahrscheinlich in vielen (allen?) Fällen die „Literaturgattung von hochbegabten Autoren über hochbegabte Protagonisten für hochbegabte Leser“ sein könnte. Diese, wie ich einräume, kühne Hypothese lässt sich aber vielfach belegen – und Herbert Franke ist dazu ein sehr passendes Beispiel. Seine Figuren – in den Sachbüchern wie in den belletristischen Werken – sind durchgängig hochkarätige Spezialisten, die in stets außergewöhnlichen Situationen ihr Bestes geben und schwierigste Umstände meistern – oder gelegentlich dabei auch versagen.
Schon in der allerersten Geschichte seines allerersten Buches Der grüne Komet begegnet uns ein Astronaut, dem man bei den extrem hohen Anforderungen an diesen Beruf das Prädikat „hochbegabt“ sicher nicht vorenthalten wird.
Ähnlich ist es mit den Helden seiner Story „Der dunkle Planet“, die man für die ungeheuerliche Aufgabe ausersehen (und entsprechend trainiert) hat, den ersten Kontakt mit höchst fremdartigen außerirdischen Intelligenzen zu meistern.
Beim Hörspiel „Im Strahlenregen“ sind fünf Männer mit höchster Qualifikation die Protagonisten einer schwierigen Mission: ein Physiker, ein Astronom, ein Reaktortechniker, ein Funkingenieur und der „Leiter der Forschungsgruppe“. Allesamt sicher „die Besten der Besten“, die in einer Forschungsstation „auf einem Planetoiden jenseits des Merkur“ zugange sind.

Ad Astra
Im SFCD begrüßte man sich in den 1950er Jahren mit „Ad Astra“. Dieses „zu den Sternen“ meinte nicht zuletzt, dass alle Materie, aus der letztlich auch wir Menschen bestehen, in explodierenden Supernovae ausgebrütet und ins Universum verstreut wurde – und das wir am Lebensende wieder dorthin zurückkehren, oder wie die Bibel es poetisch und sehr zutreffend umschreibt: „… Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück“ (Gen 3,19). In biblischen Zeiten wusste man nichts über die moderne kosmologische Wahrheit dieses Satzes. Heute könnte man es so formulieren:
„Aus Sternenstaub bist du geboren und zu Sternenstaub kehrst du zurück.“

Es war deshalb nur stimmig, dass seine Frau Susanne Paech das Ableben mit diesen bewegenden Worten mitteilte:
 „Herbert ist heute zu den Sternen gegangen.“

Abb. 7: Herbert W. Franke, 95jährig, im Mai 2022 bei der Eröffnung seiner Ausstellung „Visionär“ in Linz (Foto: Francisco Carolinum)

Quellen
Binnig, Gerd: Aus dem Nichts. München 1989 (Piper), S. 193.
Bögli, Alfred und Franke, Herbert W.: Leuchtende Finsternis.  Bern 1966 (Kümmerli und Frey, Geographischer Verlag).
Both, Sergius (alias Franke, Herbert W.): Wunderwaffen der Medizin. Stuttgart 1965 (Hobby Verlag).
Brackmann, Andrea: Extrem begabt. Stuttgart 2020 (Klett-Cotta).
Franke, Herbert W.: Der grüne Komet. München 1960 (Goldmann TB).
Ders.: Das Gedankennetz. München 1961. (Goldmann).
Ders.: Der Orchideenkäfig. München 1961. (Goldmann).
Ders.: Die Glasfalle. München 1962 (Goldmann).
Ders.: Die Stahlwüste. München 1962. (Goldmann).
Ders. (Pseudonym „Petrik Ombra“) (Hrsg.): Goldmanns Weltraum Taschenbücher. München 1964 ff.
Ders.: Der Elfenbeinturm. München 1965. (Goldmann).
Ders. (Pseudonym „Sergius Both“): Wunderwaffen der Medizin. Stuttgart 1965 (Hobby Verlag).
Ders.: mit → Bögli: Leuchtende Finsternis.  Bern 1966 (Kümmerli und Frey, Geographischer Verlag).
Ders.: „Der dunkle Planet“ (Erstveröffentlichung). In: Scheidt 1970.
Ders. (Hrsg.): Science Fiction Story-Reader Nr. 4. Übersetzungen von Charlotte Winheller. München 1975 (Heyne TB).
Ders.: „Im Strahlenregen“ (Hörspiel – erste gedruckte Fassung). In: Scheidt 1975.
Ders.: In den Höhlen dieser Erde. Hamburg 1978 (Hoffmann und Campe).
Ders.:  (interviewt von JvS): “ Erfahrungen eines Höhlenforschers – und wie man einer wird“. Bayrischer Rundfunk, Nachtstudio –
Sendung am 24. Aug 1979.
Ders.: Cyber City Süd. München 2005 (dtv premium).
Ders.: Flucht zum Mars. München 2007 (dtv TBH).
Hoffmann, Helmut W. (Pseudonym Hellmut Wolfram“): „Sechse treffen, sieben äffen“. In: Scheidt 1975.
Ombra, Petrik alias → Franke, Herbert W. (Hrsg.): Goldmanns Weltraum Taschenbücher.
Scheidt, Jürgen vom (Hrsg.): Das Monster im Park. München 1970 (Nymphenburger).
Ders.: (Hrsg.): Guten Morgen, Übermorgen. München 1975 (Ellermann).
Ders.:  „Im Spiegelkabinett“. In: Franke 1975.
Ders.: Rückkehr zur Erde. Pfaffenhofen 1977 (Ludwig), S. 81.
Ders.: Das Drama der Hochbegabten. München 2004 (Kösel).
Ders.: „Ad astra again“. In ANDRO-SF-Nachrichten, Vierteljahres-Magazin des SFCD Nr. 3 / 2022.
Wolfram, Hellmut → Hoffmann, Helmut W.

277 _ aut #1422 _ 2022-09-14 (2022-09-07/21:22)

Aiwanger: Grundeinkommen kommunistisch?

Als ich Ende August dieses Jahres 2022 beim Zappen eine Sendung bei TV München auf den Bildschirm bekam, ereiferte sich in einem Interview der bayrische Politiker und derzeit Bayerns Wirtschaftsminister in einem Zusammenhang, an den ich mich nicht mehr erinnere, über die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens:
„Das ist kommunistisch“.

Da hat ein sicher nicht dummer Politiker (immerhin  Bundes- und bayerischer Landesvorsitzender der Freien Wähler) was doch recht Dummes von sich gegeben. Wer sich nur ein wenig ernsthafte mit dem Thema „Bedingungsloses Grundeinkommen“ befasst, weiß nämlich, dass es hier um weit mehr geht, als um ideologisches Geplänkel und schon gar nicht um – pfui bäh – über etwa „kommunistisches“.
Ich bin ganz sicher kein Kommunist, halte diese linksextreme Ideologie für hoch gefährlich und vor allem – wie das rechtsextreme Spiegelbild des Faschismus – für geschichtlich total gescheitert (nicht einmal die Chinesen glauben noch an den Kommunismus – außer aus historischen Gründen und damit sie ihre Staatspartei nicht umbenennen müssen).
Aber beim Grundeinkommen geht es um etwas völlig anderes. Es geht darum, die total veränderte, in vielen Fällen bereits durch Automation, Roboter und KI-Software ergänzte und sogar zum Teil bereits ersetzte Arbeitswelt neu zu bewerten und die Menschen anders an der Wertschöpfung teilhaben zu lassen.

Einige Beispiele

Es gibt in Deutschland Hunderttausende sehr kreativer Menschen, die in „prekären“ (= schlecht bezahlten und entsprechend später schlecht berenteten) Berufen arbeiten: Fotographen, Musiker, Journalisten, Schriftsteller, Maler, Regisseure, Bühnenarbeiter, Messeausstatter –  allesamt (wie das heute in Corona-Zeiten heißt) „Solo-Selbständige“. Also all die, welche unsere Kultur Tag für Tag neu schaffen und am Laufen halten.
Zu den prekären Berufen gehören übrigens auch die Psychologen und Psychotherapeuten und unzählige freiberufliche Pädagogen und Privatdozenten und viele akademische Hilfskräfte. Warum beispielsweise die Psychotherapeuten? Weil sie nach abgeschlossenem Studium enorm viel Geld in Weiterbildung und Spezialisierung investieren müssen, was sich später im Beruf kaum mehr hereinholen lässt.
Für alle diese Menschen wäre das Grundeinkommen ein Segen. Und der würde ganz direkt auf die ganze Gesellschaft ausstrahlen.

Aber auch für all die vielen Hilfskräfte, die unsere Gesellschaft am Laufen halten, wäre das toll: Kassiererinnen im Supermarkt, Pflegekräfte – und ja: vor allem viele Frauen und da speziell wieder die alleinerziehenden Mütter (40 Prozent von ihnen beziehen Sozialhilfe – SZ vom 16. März 2019).

In all den genannten kreativen Berufen gibt einige wenige Spitzenverdiener. Das sind die, über welche in den Medien berichtet wird, was ihren Wert und damit ihr Einkommen weiter erhöht. Aber geschätzte 95 wenn nicht gar 99 Prozent all dieser Berufe, die unsere Kultur und Gesellschaft prägen, gehören nicht dazu. Das hat schon Carl Spitzweg mit seinem gar nicht lustigen „Armen Poeten“ denkwürdig charakterisiert und verewigt.

Ein Bedingungsloses Grundeinkommen ist keine kommunistische Ideologie – und wenn es Teil davon wäre, dann der einzige, der beachtenswert ist. Wer mehr darüber erfahren will, findet alles nötige in diesen drei lesenswerten Büchern:

1000 € für jeden von Götz Werner und Adrienne Goehler ist eine sehr differenzierte und fundierte Studie über Sinn und Wesen dieser Idee. Götz Werner ist der Gründer der „dm“-Drogeriemärkte, ein knallharter Geschäftsmann und erfolgreicher Kapitalist – und ganz sicher keiner „kommunistischen Umtriebe“ verdächtig. „1000 € für jeden“ meint wörtlich genau dies: Jeden Monat für jeden Bundesbürger tausend €uro aufs Konto, ein Leben lang. Erstmal eine schöne Utopie. Aber wie ließe sich die vielleicht doch verwirklichen? Im Buch steht alles drin, Herr Aiwanger!

Was würdest Du arbeiten, wenn du nicht musst? (herausgegeben von Susanne Risch) stellt einige der vielen Dutzend Beiträge vor, die ursprünglich im renommierten Wirtschafts-Magazin brandeins erschienen sind – ganz gewiss auch keine „kommunistische Hauspostille“, sondern eine grundsolide „kapitalistische“ Zeitschrift, die jedoch auch so manches liebgewonnene kapitalistisches Thema wie die Arbeit genauer unter die Lupe nimmt. (Alle betreffenden Artikel findet man über die Suchfunktion der Website von brandeins: https://www.brandeins.de/ )

Der interessanteste Titel ist für mich die Studie von Michael Bohmeyer und Claudia Cornelsen Was würdest du tun? – nämlich mit besagten 1000 € Grundeinkommen. Bohmeyer hat 2014 den Verein Mein Grundeinkommen gegründet, der sich ganz praktisch der Realisierung dieser Utopie widmet. Die Idee ist ganz einfach: Mit den Mitgliedsbeiträgen wird der gemeinnützige Verein am Laufen gehalten – aber man kann zusätzlich in einen „Lostopf“ spenden, aus dem inzwischen jeden Monat an die 30 (!dreißig!) solcher Grundeinkommen à 1.000 € monatlich für ein Jahr ausgeschüttet werden – immerhin 12.000 €. Als Gewinn muss das nicht versteuert werden. Damit lässt sich schon etwas anfangen, zum Beispiel eine neue berufliche Grundlage überdenken und auch realistisch starten.
Die bisherige Bilanz ist beachtlich:

313.128 Menschen haben bisher 1.238 Grundeinkommen à 12.000 € Gesamtwert finanziert.

Details findet man auf der Website des Vereins. https://www.mein-grundeinkommen.de/
(Ich bin dort selbst seit 2017 Mitglied, und zahle monatlich 15 € ein: 10.00 € in den Grundeinkommenstopf und 5.00 € Spende an den Verein. Gewonnen habe ich bisher noch nicht – aber bei etwas mehr als 300.000 Crowdhörnchen, die aufgrund ihrer Lostopf-Zahlung am monatlichen Gewinnspiel teilnehmen, ist die Chance auf ein solches Grundeinkommen doch recht hoch – jedenfalls wesentlich höher als beim Lottospielen. Aber es geht auch nicht so sehr ums „gewinnen“, sondern um die Unterstützung eienr großartigen Idee, die hier ganz buchstäblich praktisch durchgespielt wird.)

Bohmeyer und Cornelsen haben 24 Gewinner dieses erwähnten Losverfahrens ausgiebig interviewt und sind im dritten zu erwähnenden Buch zu überraschenden Ergebnissen gekommen – man ist versucht, zu sagen: zu sensationellen Funden. In Zukunft wird über das Thema nur mitreden können, wer dieses Buch gelesen hat. (Ein Spezialthema, das darin noch fehlt: Wie sich das BGE auf das Gesundheitssystem der Bevölkerung auswirken und was dies an Soziallasten sparen würde.)
Wie eine Art vorweggenommenes Ergebnis dieser Recherche heißt es gleich zu Beginn des Buches:

„Wir sind zehn Tage durch Deutschland gereist und haben Interviews mit Menschen geführt, die versuchsweise für ein Jahr ein Bedingungsloses Grundeinkommen beziehen. In den Gesprächen haben wir Dinge erfahren und Sätze gehört, von denen wir niemals zuvor gedacht hätten, dass wir sie hören würden, geschweige denn, dass sie irgendetwas mit Grundeinkommen zu tun haben könnten.“
Die Interviews haben alle Argumente, die üblicherweise gegen das Bedingungslose Grundeinkommen vorgetragen werden, widerlegt: das Hängematten-Argument, das Müllmann-Argument, das Inflations-Argument. Obwohl: „widerlegt“ ist das falsche Wort. Präziser müsste es heißen: In den Gesprächen wurde deutlich, dass die üblichen kritischen Fragen irrelevant sind:
° Wer geht denn dann noch arbeiten?
° Legen sich dann nicht alle Menschen in die Hängematte?
° Wer macht dann die Arbeiten, zu denen keiner Lust hat? Wer kümmert sich zum Beispiel um die Müllabfuhr?
° Wird nicht alles teurer, weil Menschen mit Grundeinkommen mehr Geld ausgeben?

Die Erfahrungen und Erlebnisse, die wir von den Grundeinkommens-Pionieren erzählt bekamen, waren so anders, so vielfältig und facettenreich, dass klar ist: Ein Bedingungsloses Grundeinkommen wirft in der Praxis ganz andere Fragen auf, als man sich in der Theorie ausdenken kann. (S. 13/14)

Und am Ende des Buches erfahren wir:

„Dann können sie viel besser Teil von etwas Größerem sein. Das lehren uns die Geschichten von Matondo und all den anderen.
Teil von etwas Größerem zu sein heißt nicht, im Kaninchenzüchterverein den Vorsitz zu übernehmen, sondern das, was Olga uns gesagt hat: dass sie Kraft für Konflikte hat, dass sie nicht wegguckt und nicht mehr weggucken kann. Dass die Gewinnerinnen und Gewinner ihre Ehe wieder ins Blickfeld nehmen, ihre Kinder wahrnehmen, wie sie sind, und sich im Alltag und im direkten Umfeld engagieren.
Dieses Gemeinschaftsgefühl haben wir bei unseren Interviews nur in Mikro-Momenten erspürt, aber möglicherweise ist dieser verbindende Geist mächtiger als jede Gewerkschaft oder Partei. Immerhin haben wir bei Mein Grundeinkommen inzwischen über eine Million »User«, also Menschen, die sich mit der Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens verbunden fühlen – das sind etwa genauso viele Menschen, wie die im Bundestag vertretenen Parteien zusammen an Mitgliedern haben.
»Es ist die Pflicht eines jeden Lebewesens, mit seinem Leben, seinem Reichtum, seiner Intelligenz und seinen Worten zum Wohl anderer tätig zu sein.« Dieses hinduistische Zitat schickte uns der Chemisch-Technische Assistent Shijar aus Minden, nachdem er ein Grundeinkommen gewonnen hatte. Für ihn bedeutet das, etwas für seinen spirituellen Fortschritt zu tun. Er glaubt, dass mit Bedingungslosem Grundeinkommen die Kriminalität in Deutschland sinken und die Lebensqualität aller steigen würde. »Durch weniger Sorgen und Stress würden die Menschen friedlicher werden, erst dann kann es eine glückliche Gesellschaft geben.«
Bestes Beispiel dafür ist Petra, die mit Grundeinkommen eben doch nicht AfD wählt. Die Krankenschwester Olga macht jetzt bei politischen Diskussionen den Mund auf und geht wieder wählen. Die Lehrerin Viola schaut sich um, in welcher politischen Organisation sie jetzt eine Heimat finden kann. (S. 268)

Also, Herr Aiwanger: Nicht gleich drauf losplappern, sondern erst mal informieren, was Sache ist.

(Siehe auch hier im Blog den Beitrag Dummes Gerede von klugen Leuten )

Quellen
Bohmeyer, Michael und Claudia Cornelsen: ). Was würdest du tun?  [mit 1000 € Grundeinkommen] Berlin 2019 (Econ Paperback).
Risch, Susanne (Hrsg.): Was würdest Du arbeiten, wenn du nicht musst?. Hamburg 2018. (edition brandeins).
Werner, Götz und Goehler, Adrienne: 1000 € für jeden. München 2010 (Econ Paperback).

aut #1421_274 _2022-09-04/13:44

Meine lieferbaren Bücher:
Sachbücher:
Kreatives Schreiben – HyperWriting. (Frankfurt am Main 1989). München 2006-11 (Allitera ). 215 Seiten Paperback.  € 19,90
ISBN 978-3-86520-210-9 .
Kurzgeschichten schreiben. (1994) München 2002-07 (Allitera). 91 Seiten. 9,90 €uro / ISBN 3-935877-57-9.
Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität. München März 2004 (Allitera) 176 Seiten – 18,00 €uro
ISBN 386520-043-5.
Belletristik:
Männer gegen Raum und Zeit  (Roman). Wuppertal-Barmen 1958 (Wieba).  Überarb. Neuausgabe 2015 (vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 301 Seiten – 14,95 € / ISBN 978-3-9816951-2-0.  / Kindle-Ausgabe als E-Book: 2,99 €.
Sternvogel (Roman). Minden 1962 (Bewin) überarb. Neuausgabe: vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 190 Seiten.
ISBN 9 781 520 546032 9,00 €.
Blues für Fagott und Zersägte Jungfrau. München 2005 (Allitera). 140 Seiten – € 12,90 / ISBN 3-86520-121-0.

Sendepause beendet

Das ist der Kardinalfehler der digitalen Welt: Keine Sicherheitskopie anzufertigen. Hab ich leider vergessen, nachdem ich in meiner Datenbank für den Blog viele Änderungen und Ergänzungen vorgenommen hatte. Mindestens einen Monat lang hatte ich das nicht getan. Und dann war die Datenbank plötzlich kaputt: Ich kam nicht mehr in meine Einträge hinein. Also musste ich viel Arbeit für die Reparatur hineinstecken und viele Flüche ausstoßen…

Abb.: Der Blogger während der „Sendepause“ im Englischen Garten an seinem Lieblingsplatz beim Stauwehr hinter dem Haus der Kunst (fotografiert am 12. März 2022 von einem unbekannten indischen Touristen)


Der größte Fehler bei alledem war jedoch, dass ich den Rettungsversuch hastig unternahm. Hätte ich doch bloß den weisen Rat von Ruth Cohn befolgt, die 1979 kurz vor Schluss eines fünftägigen Workshops* die Hektik beruhigte (weil alle noch was „ganz Wichtiges“ sagen wollten) , indem sie ganz gelassen meinte:

„Wir haben nur noch wenig Zeit – lasst uns deshalb langsam machen.“

Eine meiner wichtigsten Erfahrungen mit Entschleunigung! Und nun, 43 Jahre danach, wieder einmal ein Lehrstück in (leider versäumter) Gelassenheit – s. oben.

Aber diese „Sendepause“ des Blog von fast einem Vierteljahr hat noch andere, gravierendere Gründe: Zwei Wegbegleiter meines Lebens sind in dieser Zeit gestorben und zeigten mir überdeutlich: „Die Einschläge kommen näher“:
° Dietmar Sammet kannte ich seit der ersten Volksschulklasse. Dann verloren wir uns fast 50 Jahre aus den Augen – um uns auf Umwegen wieder zu finden und uns ab da regelmäßig zum Gedankenaustausch zu treffen und um gemeinsame Kindheitserinnerungen aufzufrischen. Um Juni 2022 ist Dietmar 80jährig gestorben.
° Ein völlig anderer Weggefährte, dem ich viel zu verdanken habe, war Herbert W. Franke. Ich lernte ihn 1958 im Science-Fiction-Club Deutschland (SFCD) kennen und habe dann ab 1962 als Student viel von ihm gelernt und eine Weil ihm zugearbeitet. Er wurde im Mai dieses Jahres 95 und starb kurz danach an den Folgen eines Sturzes.

Ich habe viel an beiden Nachrufen gearbeitet, die ich demnächst hier im Blog veröffentlichen werde.
Außerdem habe ich viel Zeit in einen Essay investiert, den ich für das Club-Magazin des SFCD verfasst habe, dem ich Anfang dieses Jahres wieder beigetreten bin. Es war mir wichtig, meine Gründe dafür genau anzuschauen und zu dokumentieren, was ich diesem Club und der SF-Literatur damals wie heute an vielfältigen Anregungen und Begegnungen zu verdanken habe. Das nahm ebenfalls viel Zeit in Anspruch.

Aber nun kann ich mich wieder dem Blog widmen, der wirklich seit Mai einer „Sendepause“ verfiel. Diese löst sich nun langsam wieder. Ich möchte ja jede Woche etwa drei Beiträge posten und dadurch nicht zuletzt die Arbeit an meiner Autobiographie vorantreiben. Dazu gehören auch Tipps für andere Schreiber, die ich ab nun auch wieder selbst besser beherzigen möchte, wie die eingangs an mich selbst gerichtete Mahnung (obwohl Sie die sicher schon x-mal gelesen oder gehört haben):

Machen Sie regelmäßig Sicherheitskopien von Ihren Texten!


* „Zur Philosophie, Geschichte und Methodik der TZI“. 5 Tage in CH-Hasliberg, Hotel Victoria. 15.-20. Juli 1979. Leitung: Ruth C. Cohn und Assistentinnen.

aut #1379_275 _ 2022-08-30/08:38

Anastasiia aus der Ukraine sucht Hilfe

Die Bänke beim Stauwehr im Englischen Garten waren alle besetzt. Nur neben einer jungen Frau war noch ein Plätzchen frei. Ich fragte, ob ich mich danebensetzen könnte, bekam ein freundliches Kopfnicken und begann meine Süddeutsche zu lesen. Als ich einen Artikel herausriss, schaute sie erstaunt.

„Oh, das brauche ich für mein Archiv“, antwortete ich, und so kamen wir ins Gespräch. Nach anderthalb Stunde wusste ich viel über Anastasiia und sie wusste viel über mich. Sie ist zwar schon lange vor dem aktuellen Krieg gegen ihre Heimat nach München gekommen – aber da gab es plötzlich, so ganz zufällig, eine gemeinsame Schnittmenge über die Tatsache, dass einst auch mein eigener Großvater als Aggressor 1941 in der Ukraine eingefallen war wie in diesem Februar Putin mit seiner Soldateska → Das Kind, der Krieg und der Tod .

Abb.: Anastasiia Vitkowska, August 2022

Ich bedankte mich schließlich für das Gespräch, verabschiedete mich und radelte heim. Aber nach einigen Minuten dachte ich: Der Frau könnte ich doch bei ihrer Suche nach einer Arbeit helfen, indem ich einen entsprechenden Beitrag in meinem Blog und in meinem Newsletter platziere.
Und hier ist Anastasiias Bitte um Hilfe:

Ich suche ab dem 1. September für ein paar Monate ein Zimmer in eurer schönen Stadt; am liebsten in einem Haus mit Garten. In einer Familie mit Kindern – das wäre ideal. Aber ich bin flexibel:
° Suchen Sie als älterer Mensch eine nette Gesellschafterin für einige Monate?
° Brauchen Sie Hilfe mit Ihren Kindern?
° Möchten Sie ihr Zuhause eine Weile mit einer Choreografin teilen, die auch gerne fotografiert und schreibt?

Was ich Ihnen anbiete:
Auf Ihre Kinder aufpassen oder Ihnen selbst Gesellschaft leisten, Tanzen beibringen. Oder mal was Leckeres Vegetarisches kochen. Zusammen etwas unternehmen. Ich hab gute Erfahrung mit Kindern.

Ich bin 31 Jahre alt und stamme aus der Ukraine. Vor sieben Jahren kam ich nach Deutschland.
Seit August 2022 arbeite ich bei der Diakonie als Übersetzerin für Flüchtlinge aus der Ukraine. Außerdem spiele ich als Animateurin mit Kindern bei Events und habe Erfahrung als Hostess bei Messen in München und Umgebung und als Dolmetscherin.
Meine wahre Leidenschaft ist das Tanzen. Ich unterrichte dies auch – ein eigenes Studio, das ich derzeit aufbaue, ist mein lang gehegter Berufstraum. Das ist nicht leicht, ich bin aber auf dem richtigen Weg zu meinen Zielen und Träumen.

Zu alledem bräuchte ich Unterstützung, aktuell vor allem für eine Übergnagslösung.

Ich spreche Deutsch, Ukrainisch, Russisch, Italienisch und Englisch und ich schreibe gerne Geschichten – aktuell nur für mich selbst, aber ich würde gerne auch veröffentlichen. Im September beginne ich an der Waldorfschule mein Studium als Eurythmie-Lehrerin. Außerdem fotografiere ich mit künstlerischen Ambitionen.

Demnächst heirate ich.

Aber vorher wäre eine Zwischenlösung betr. Wohnen und Arbeiten sehr willkommen.

Wenn Sie mich bei meinen Aktivitäten unterstützen, bin ich sehr dankbar. Ich freue mich auf Ihr Angebot per E-Mail: anastasiia.vitkovska@gmx.de

Herzliche Grüße
Anastasiia Vitkovska

aut #1420_274 _2022-08-27/14:54