_Der Archivar der Zukunft 2

(Teil 1 der Geschichte finden Sie hier Archivar der Zukunft. Und hier geht es weiter:)

„Institut für Zukunftsberatung“, murmelte er selbstvergessen, „noch nie davon gehört.”

Zumindest konnte er sich nicht daran erinnern, eine Meldung oder einen Bericht über dieses ominöse Institut in einer der Hängemappen abgelegt, pardon: eines der Tiere seines Zoos mit solcher Nahrung gefüttert zu haben. Vielleicht wurde er bei den Delphinen fündig, was hieß: bei den Futurologen?

Er zog die betreffende Mappe aus dem Hängekorb, blätterte die säuberlich aufgeklebten und chronologisch sortierten Clippings durch, deren jüngstes immer zuvorderst stand. Fehlanzeige. 

Eine gewisse Verwirrung überkam ihn. Wie er es immer in diesem höchst unangenehmen Zustand zu tun pflegte, flüchtete er sich in Erinnerungen. Die andere Möglichkeit in so einem Fall wäre gewesen, im Archiv zu kramen oder noch nicht einsortierte Clippings einzusortieren oder unaufgeklebte aufzukleben oder unsignierte zu signieren oder obsolet gewordene, von den Zeitläufen überholte Einträge zu eliminieren. Aber an diesem verwirrenden Morgen erinnerte er sich. Da stieg er gewissermaßen in die inneren Archive seiner höchstpersönlichen Vergangenheit hinab. Er sah seinen Vater vor sich, im Wohn- und zugleich Arbeitszimmer. Tische, Stühle, Sofa, Schrank waren übersät mit wirren Häufchen von Briefen, Notizen und vor allem Zeitungsausschnitten. 

Der Vater hatte wohl gerade den Raum verlassen. Das Fenster stand weit auf, mit Blick auf den See, den der Föhnsturm aufwühlte. Ehe der kleine Hiernymos die drohende Gefahr erkennen und die Tür hinter sich schließen konnte, war der Sturm durch den Raum gefaucht, hatte sämtliches Papier hochgewirbelt und wie ein riesiger Staubsauger das meiste davon hinaus ins Freie gerissen. Er rannte, den Knall der Tür noch im Ohr, zum Fenster, starrte hinaus auf das weiße Gewimmel, das wie ein Schwarm seltsam flacher Möwen den schorfigen Abhang hinabsegelte und sich auf die wildschäumenden Wogen senkte. Die Schläge, die er als Belohnung für seine damalige Unachtsamkeit empfangen hatte, schmerzten ihn heute noch.

Angestrengt zwang sich Dr. Pigertaber, die Vergangenheit wieder loszulassen und in die Gegenwart zurückzukehren. Er wußte, warum er Archivar geworden war, wußte es in diesem Augenblick ganz genau. Er wollte beweisen, daß er mit ausgeschnittenem Papier sorgsam umgehen konnte und vor allem: daß er es, ordnend und zielstrebig, besser konnte als sein Vater. 

Er hatte schon bald nach dem unliebsamen Zwischenfall, kaum in der Pubertät, begriffen, daß sein Vater in all dem Papier nach etwas suchte, vor allem in den kopierten Seiten aus Büchern, die er gerade las, und in den Zeitungsausschnitten. Aber wonach suchte er? 

Nach irgendwelchen geheimnisvollen Zusammenhängen? In einem Puzzlespiel, dessen Entwurf ihm, dem Sohn, nicht bekannt war? Der Vater hatte nie darüber gesprochen. Und als Pigertaber nach seinem Tod die Papiere sichtete, in der Hoffnung, Aufschluß zu finden, Hinweise, vielleicht sogar des Rätsels Lösung, hatte er bald frustriert erkennen müssen, daß es vermutlich gar keine Lösung gab. Nicht einmal ein Rätsel. Der Vater war wahrscheinlich einfach ein von seinem Schnippelzwang besessener Neurotiker gewesen. 

In einem Anfall von Wut hatte Pigertaber junior (wie er eine Weile hieß) damals die ganzen Fetzen dieser nutzlosen väterlichen Existenz vernichtet – um dann Jahre darauf, während seines Studiums der Philosophie, plötzlich zu entdecken, daß er selbst die Marotte des Sammelns von Informationen entwickelte. So wie der Vater vom Verkauf von Büromöbeln den Lebensunterhalt der Familie bestritt und seine ganze freie Zeit den Papieren widmete, so lebte er, der Sohn, vom Verkauf von Computern. Bis die unverhoffte Erbschaft von einem fernen Verwandten ihn von dieser Fron erlöste. 

Es war nicht lange danach (seine Frau und die Kinder hatten ihn mit der Hälfte der geerbten Beute längst verlassen), als er doch noch das Geheimnis des Vaters enthüllte. Weil er es bei sich selbst wiederfand. Er sammelte all diese Informationen zunächst einem dunklen, völlig unbewußten Trieb folgend. Aber es gab auch eine zunehmend bewußter werdende Komponente bei all der dranghaften Aktivität, die sich durch nichts bremsen ließ: Er erhoffte sich davon, dem Sinn der Welt auf die Spur zu kommen, der Handschrift, der persönlichen Signatur des Weltgeistes gewissermaßen, der sich – so seine immer klarer werdende Gewissheit – auf irgendeine Art in den Ereignissen dieser Welt manifestierte. 

Und wenn man die Nachrichten über diese Ereignisse zusammentrug, wenn man es schaffte, sie richtig zu analysieren und schließlich auf passende Weise miteinander in Beziehung zu setzen, dann würde ihm, dessen war er sich gewiss, die Botschaft des Weltgeistes und damit zwangsläufig auch der Sinn der Welt enthüllt. Und damit auch der Sinn seines eigenen kleinen Lebens. 

Diese stickige, staubige Luft in dem engen Raum! Er stürzte zum Fenster hin und riß beide Flügel weit auf. Draußen tobte der Föhnsturm, wühlte das schmutziggraue Wasser des Sees auf. Zwei Möwen segelten mit spitzen Schreien dicht über die Gischt. 

Die Tür, durchfuhr es ihn, er hatte die Tür nicht geschlossen! Wie damals, mehr als dreißig Jahre zuvor!

Der Föhnsturm tobte herein, packte jedes lose Blatt, riss sogar die Hängemappen aus den Hängetrögen, leerte ihre sorgsam sortierten Clippings hohnvoll in den Raum, riss sie dann in wilden Tänzen hoch. Spiralen aus flatterndem Weiß erhoben sich, mit Druckerschwärze gesprenkelte Vogelschwärme, die ihn wild umkreisten, mit spitzen Krallen nach ihm schlugen und endlich in wahnwitziger Flucht hinaus ins Freie tobten, über den Steilhang ins zuckende Brodeln des Sees. 

Ach, wenn es doch so wäre, durchzuckte ihn ein Gedanke aus rebellischen Tiefen. Doch er versiegelte sogleich wieder den Abgrund, den die Erinnerung aufgerissen hatte, schloss das Fenster wieder und ließ den erschrockenen Blick, der langsam ruhiger wurde, über die verschlossene Tür gleiten, über die wohlgefüllten Regale mit ihren sorgsam in Klarsichtfolie verpackten bunten Buchrücken, über die Straßen mit Hängetrögen, in denen die Hängemappen-Hundertschaften ihre Clippings bargen, Tausende und Abertausende von ihnen. 

„Alles in Ordnung“, seufzte er. In den Käfigen regte es sich schon und verlangte unruhig nach Nahrung. Steif bückte Dr. Hieronymos Pigertaber sich zu dem einen weißen Blatt herab, das am Boden lag und vorhin seinen Händen entfallen war. „Institut für Zukunftsberatung“ lasen seine kurzsichtigen Augen in grünen Buchstaben. Es war ein zartes Grün, das man Reseda nannte. Der Text unterhalb des dezenten Briefkopfes war in schwarzer Schrift gehalten, wahrscheinlich vom Drucker eines Computers hergestellt. Aber es war eindeutig ein persönlicher Brief, keine Dutzendware. Er begann zu lesen:

Sehr geehrter Herr Doktor Pigertaber:

Wir würden gerne persönlichen Kontakt mit Ihnen aufnehmen betreffs Ihres vielgerühmten Archivs. Wir befassen uns, wie Sie dem beigefügten Programm entnehmen können, mit einer neu entwickelten Disziplin, dem „Zukunfts-Management“, in dem wir sowohl Führungskräfte wie auch andere interessierte Personen mit der Möglichkeit einer bewußteren Gestaltung ihrer beruflichen und privaten Zukunft vertraut machen. Besonderes Gewicht legen wir dabei, wie Sie den einzelnen Seminarbeschreibungen entnehmen können … 

Es folgten etwas umständliche Ausführungen über die unbedingt nötige Balance zwischen den Fähigkeiten der beiden Gehirnhälften, nämlich sich auf die Zukunft sowohl rational analysierend wie auch intuitiv-visionär vorzubereiten. Kopfschüttelnd las Pigertaber weiter, dem selben Zwang folgend, der ihn auch keinen einzigen Zeitungsartikel aus der Hand legen ließ, ehe das letzte Wort von seinem Gehirn aufgesaugt war. Als er den abschließenden Absatz studiert hatte, fühlte er sich mehr verwirrt als aufgeklärt:

Hierbei ist natürlich, wie Sie sich vorstellen können, möglichst fundiertes Wissen um die laufenden Trends, positiver wie negativer Natur, unerlässlich. Wir stellen uns vor, daß Ihr Archiv und vor allem Ihr persönliches Wissen, das Sie in diesem Archiv gespeichert haben, für unsere Seminare von unschätzbarem Wert wären. Deshalb würden wir uns über eine Zusammenarbeit, in welcher Form auch immer, sehr freuen. 

Für einen ersten Kontakt wenden Sie sich bitte, Ihr eigenes Interesse vorausgesetzt, an unsere Mitarbeiterin, Frau Marlies Weber-Schindler. 

Mit vorzüglicher Hochachtung verbleibe ich

Dr. Justus Hohrainer, Direktor IfZF

Pigertaber ließ den Brief sinken, legte ihn langsam auf den langen Schreibtisch aus schwarz gebeizter Eiche. Eine Möglichkeit, sein Archiv tatsächlich zu nützen – davon hatte er immer geträumt, hatte dieser Möglichkeit aber nie eine echte Chance eingeräumt. Und nun war es tatsächlich soweit! Es war unfassbar. Eine gewisse Verwirrung überkam ihn. Als er nach einer Weile wieder zu sich kam, kratzte er sich nachdenklich am Kopf, der in all den Jahren nahezu kahl geworden war vom vielen Nachdenken und Archivieren. Langsam gruben seine Finger in seinen Taschen nach Streichhölzern. Dann holte er den Kanister mit Benzin, den er für diesen Fall der Fälle vorbereitet hatte, vor vielen Jahren schon. Sorgsam goss er die scharf riechende Flüssigkeit über den Käfigen und Aquarien aus, dem rebellischen Fauchen und Brüllen der Eingeschlossenen zum trotz. Er entzündete ein Streichholz, ein einziges nur, und ließ es über dem Areal der Raubtiere fallen. 

Er öffnete erneut das Fenster. Dann ging er, das flotte Knistern im Rücken, zur Tür hinaus, zum Haus hinaus, auf die Straße. Der Föhnsturm rüttelte an seiner Jacke, bis er sie befreit von sich warf. Immer weiter lief er die Straße entlang. Den nächsten Hügel hinauf und hinab. Bog in einen Weg durch Äcker ein. Lief den nächsten Hügel hinauf. Hinab. Bis er in die Wälder kam. Nicht ein einziges Mal wandte er den Blick zurück. 

(Geschrieben am 05. Juni 1990 / Erstmals abgedruckt Mai 2005 in meiner Anthologie Blues für Fagott und zersägte Jungfrau. –
04. Januar 2021: Gewidmet meinem Vater, der mich mit seiner Schnippelei ähnlich aufgeregt hat – wie ich später meine Frau Ruth, als ich selbst dieser „Schnippel-Manie“ verfallen war – deshalb auch ihr gewidmet mit einem großen: „Tut mir leid, dass ich dich damit genervt habe. Aber…“)

Zeitung lesen – Thesauros füttern

Sie denken wahrscheinlich, dazu muss man doch nicht extra was bloggen: Zeitung lesen. Das macht man doch einfach so. Aber ich kann nur sagen, dass das viele Menschen zwar gewohnt sind – aber manche eben nicht. Als Student habe ich mal bei einer Messe gejobbt. Bei einer der Pausen kam ich an einem Würstchenstand mit dem Würstlbrater und seiner Frau ins Gespräch – „einfach Leute“, wie man so sagt. Auf ihre Frage nach meinem Beruf („Student der Psychologie“) kam von dem Mann die Antwort: „Da müssen sie aber viele Bücher lesen – das wär nix für mich – ich krieg schon Kopfschmerzen, wenn ich die Bildzeitung lese.“

Aber ich will auf was anderes raus. Normalerweise lesen Sie Ihre Zeitung – und werfen diese dann in den Papiermüll. Ich lese ganz anders.
Zum einen: Für mich ist Zeitunglesen Teil meiner täglichen Arbeit. Das ist meine Form des „Lebenslangen Lernens“ und der Fortbildung (sollte man auch mit 80 noch ernsthaft betreiben – man weiß ja nie – wie alt man noch wird).
Zum anderen: Ich lese die Süddeutsche von hinten nach vorne und zwar sehr rasch. Ich scanne gewissermaßen erst den Bayern-Teil, dann den Lokalteil, die Beiträge zu den Stadtteilen, dann den München-Teil.
Das heißt: Zuallererst durchfliege ich rasch den Sport – nicht, weil mich Fußball oder dergleichen besonders interessiert (über Judo lese ich gerne was, weil ich selber mal trainiert habe). Aber im Sport-Teil suche ich nach Schlagzeilen, in denen der Begriff „Entschleunigung“ vorkommt – ist so eine Marotte von mir. Habe ich tatsächlich schon zweimal entdeckt, obwohl es beim Sport doch eigentlich immer ums Gegenteil geht: möglichst schneller zu rennen, oder höher, weiter zu springen – Rekorde zu brechen – also zu beschleunigen.

Wenn ich so etwas entdecke (kommt eher im Wirtschaftsteil oder im Feuilleton vor oder in der Politik), schneide ich den Artikel erst einmal aus. Richtig gelesen wird das alles in Ruhe später; das sind meistens an die zehn Artikel oder so.

Der dritte Schritt ist schon aufwändiger: Ich füge Clippings, die mich wirklich interessieren, meinem Archiv ein.

Ich habe meinem Vater früher irritiert zugeschaut, wenn er etwas aus der Zeitung „schnippelte“ (wie der Rest der Familie das abschätzig nannte). Irgendwann warf er die Schnipsel weg. Und begann anderntags bei einer neuen Zeitung von vorne. Das erschien mir irgendwie so sinnlos. In seinen Kopf konnte ich ja nicht reingucken. Ich hätte als Schülern nicht im Traum gedacht, dass ich das später ähnlich machen würde. Nur hatte ich da schon ein Archiv, in dem ich diese Zeitungsausschnitte nach Themen geordnet in Hängemappen einsortierte, zur allfälligen Verwendung bei einem der Text-Projekte, die ich bearbeitete. Das war gewissermaßen außer meinen eigenen Gedanken und Recherche-Ergebnisse wie Zitaten aus Büchern anderer Autoren, so etwas wie mein Rohmaterial – Bausteine für die papierenen Gebäude, die allmählich Gestalt als Buchmanuskripte annahmen. Wenn es gut ausging. Vieles war natürlich irgendwann veraltet oder sonstwie überholt, wahrscheinlich sogar das meiste. Aber das weiß man ja vorher nicht. Jedenfalls häuft sich da doch aus der Zeitungslektüre allmählich einer richtiger Schatz an Informationen an – weshalb man so ein Hängemappen-Archiv zu Recht als „Thesauros“ bezeichnet, was, aus dem Griechischen stammend , wörtlich heißt: „Schatz aus Gold“. Das erste Mal sah ich so einen „Goldschatz“ (in Form von an die tausend Hängemappen in einem großen Registerschrank) im Forschungsinstitut des Biokybernetikers Frederik Vester. Tief beeindruckt wusste ich bald: Sowas will ich auch mal haben. Habe ich auch inzwischen. Mit tun nur meine Nachkommen leid, die das alles nach meinem Tod entsorgen müssen. Aber das ist deren Problem – ich schnipple weiter und sammle und archiviere – und verstehe meinen Vater ein wenig besser.)

Wie so eine Clipping-Manie in Extremform aussehen könnte, das habe ich in einer Kurzgeschichte dramatisiert. Sie ist enthalten in meiner Anthologie Blues für Fagott und zersägte Jungfrau und hat den Titel: Der Archivar der Zukunft„.

039 _ aut # 831 _ 2021-01-31 / 20:44

_Der Archivar der Zukunft 1

Seien Sie bitte nicht enttäuscht, wenn ich Ihnen hier nur den Anfang dieser Kurzgeschichte anbiete – gewissermaßen als Appetithappen. Aber den Rest der Geschichte finden Sie in meiner Anthologie Blues für Fagott und zersägte Jungfrau (Enttäuscht? Dann schaue Sie bitte an den Schluss dieses Beitrags!). Und so fängt sie an:

Dr. Hieronymos Pigertaber betrat das Archiv, wie jeden Morgen. Es war sein Archiv. Für sich hatte er es eingerichtet, vor vielen Jahren. Nur für sich, ganz seinen Neigungen und Interessen folgend. Eine Zeit lang war er verheiratet gewesen, hatte drei oder vier Kinder gehabt (er wußte das nicht mehr so genau, es war schon einige Jahrgänge der Süddeutschen Zeitung und anderer Journale her, die er auswertete). Aber Frau und Kinder hatten ihn irgendwann verlassen, und er war – nach anfänglicher Bestürzung über das plötzliche Alleinsein – mehr und mehr froh darüber, sich ganz der Fütterung und Dressur seines Archivs widmen zu können. 

Ja, so nannte er es bei sich: Fütterung und Dressur. Das Archiv war in den Jahrzehnten zu einer Art Zoo geworden. Jedes der Themen, für die er Material, nein: Nahrung sammelte, war einer Tiergattung zugeordnet. Da gab es zum Beispiel die gefährlichen Themen: Unfallgefahren, Aids und andere schreckliche Krankheiten, Erdbeben, Terrorismus, Krieg und Revolution. All das eben, wovor er Angst hatte.

Die Hängemappen, in denen er solches säuberlich signiert, datiert und auf weiße DIN A 4-Blätter aufgeklebt verwahrtee, trugen nicht nur kleine weiße Schildchen in durchsichtigen Plastikreitern, auf denen „Atombombe” und „Tsunami” und „Amoklauf” und „Kriminalität” stand – nein: Sie trugen auch noch eine heimliche Bezeichnung, die nirgends notiert war, eine Bezeichnung, die nur sein Gehirn kannte.

Terrorismus zum Beispiel, das war der Tiger. Und wenn er eine schreckliche Meldung über die weitere Eskalation des Kokainmissbrauchs in den USA oder in der Bundesrepublik fand, dann fütterte er damit den Weißen Hai. Berichte über die Mafia landeten bei den Kobras, eine bewaffnete Invasion von PLO-Freischärlern in Israel oder von israelischen Soldaten im Libanon war Leibspeise der Elefanten

Machten die Sowjets etwas Schreckliches in Afghanistan oder die Briten auf den Falkland-Inseln oder die Amerikaner im Irak, so warteten bereits die Wale auf ihr Futter. Noch größere Tiere gab es nicht in seinem Zoo. (Die gab es nur in seiner Phantasie – und wie es sie dort gab!)

Dafür gab es jede Menge kleinere Tiere. Zum Beispiel die Piranhas! Das waren zum Beispiel Autofahrer, die betrunken kleine Kinder oder alte Leute an Zebrastreifen und in 30-Kilometer-Zonen überfuhren. Eines seiner Lieblingstiere, unablässig mit Kohlblättern gefüttert, war die Napfschnecke. In der mit ihrem Namen versehenen Hängemappe wurde alles archiviert, was Politiker Bemerkenswertes von sich gaben und entschieden, vor allem aber die Fettnäpfchen-Akrobatik eines ehemaligen Bundeskanzlers. 

An dem Morgen, als Dr. Hieronymos Pigertaber zum tausendsten Mal die „Papierwüsten“ betrat (wie er das Archiv in einem Anflug von sarkastischer Selbstkritik auch schon mal nannte), da war etwas anders geworden. Er hatte einen Auftrag bekommen. Ein „Institut für Zukunftsberatung“, von dem er noch nie zuvor etwas gehört hatte, machte ihm ein Angebot. Er wußte nicht, wie sie ausgerechnet auf ihn gestoßen waren unter all den vielen möglichen Archivaren. 

„Institut für Zukunftsberatung“, murmelte er selbstvergessen, „noch nie davon gehört.”

(Neugierig geworden, wie es weitergeht? Die Fortsetzung finden Sie meiner Anthologie Blues für Fagott und zersägte Jungfrau – München 2005, Allitera-Verlag. Als Paperback und als E-Book jederzeit lieferbar.

Aber ich will nicht gemein sein und Sie in Kosten stürzen. Weil sie so brav meiner Erzählung bis hierher gefolgt sind, finden Sie den zweiten Teil der Geschichte auch gleich hier im Blog: Archivar der Zukunft (Forts.)

Corona-Phantasien im neuen Jahr 2021

Die Schutzimpfung läuft an. Aber auch wenn man sie irgendwann bekommt – eine 100%ige Lösung dürfte das kaum sein. Zu viele rücksichtslose Menschen laufen durch die Welt, die das Virus weitergeben. Aber dauernd mit den grünen oder weißen Stoffmasken rumlaufen – das ist es doch auch nicht, oder? Wenn diese Masken wenigstens durchsichtig wären!
aber ich habe noch andere Phantasien und Wünsche. was Corona angeht.

1. Durchsichtige Stoffmasken
Die Klarsichtmasken aus Plastik (Visiere), die derzeit angepriesen werden, taugen nichts. Sie schützen nicht gut – und sie sehen furchtbar aus. Was ich mir wünsche, sind zuverlässig dichte Stoffmasken, die nahezu transparent sind. Und siehe da: So ein Produkt ist bereits in Arbeit. Es wird im Internet folgendermaßen angepriesen:
In der Schweiz wird eine vollständig transparente OP-Maske aus dichten, organischen Polymeren entwickelt, die die Kommunikation zwischen Arzt, Praxispersonal und Patient verbessern soll.
Diese Masken sollen sogar leicht zu kompostieren sein. Auf einem Werksfoto sieht man dies:

Atemschutzmaske aus stoffähnlichem Vlies (Empa, Schweiz)

Das sieht doch gut aus. Das scheint eine brauchbare und akzeptable Lösung zu sein. Bin gespannt, wann man das kaufen kann. Und noch eine Phantasie habe ich; die ist schon richtig Science-Fiction:

2. Tagsichtgerät für Aerosole
Nach Art der Nachtsichtgeräte (die mit dem mysteriösen grünen Schimmer) – aber für den Tag, und zwar um die Aerosole sichtbar zu machen, welche die Menschen um einen herum aussenden sollte es eine technische Hilfe geben, die einem hilft, sich unter den Menschen sicher zu bewegen – die ja alle potentielle „Virenschleudern“ und Superspreader sind. Ein „Tagsichtgerät“ gewissermaßen. Das würde schon mal helfen, solchen „Wölkchen“ aus dem Weg zu gehen, gleich ob sie mit Covid-19 geladen sind oder nicht. Und wer weiß: Vielleicht lässt sich sogar eine zusätzliche Technologie dranhängen, welche Covid-19 identifizieren kann – oder welcher Virus gerade „unterwegs“ ist.
Das Teil müsste klein und wie eine normale Brille tragbar sein, oder als Aufsatz zu einer normalen Fernbrille.
Auslöser dieser Gedanken: Als ich heute im Englischen Garten lief, roch ich noch eine ganze Weile den Parfümduft einer Frau, die mir eben entgegengekommen war. Ein sehr angenehmer Duft – der mir aber auch bewusst machte, dass er Teil eines Aerosolwölkchens war, das diese Frau umgab – das eben auch weniger Angenehmen transportieren könnte. (Ja, wir leben in furchtbaren Zeiten, die solche Assoziationen auslösen.)

3. Bedingungsloses Grundeinkommen
‚Je länger die Pandemie anhält (und sie wird noch lange anhalten – immer neue Mutationen des Virus kündigen es an), um so mehr berufliche Existenzen werden durch den Lockdown zerstört, sei es einen Großen Lockdown (wie um die Jahreswende 2020/21) oder durch eine Reihe von Lockdown light. Das sind alles Leute , vor allem in den prekären Berufen, die nicht gut abgesichert sind und kaum Rücklagen bilden können. Aktive Männer und Frau, die einigermaßen selbstbestimmt zurechtkamen und jetzt aus der Wirtschaft rausfliegen. Die Corona-Soforthilfen sind kurzfristig schützende Pflaster; die immer tiefer werdenden finanziellen Wunden heilen sie nicht. Also um Sozialhilfe betteln? Suizid?
Die Soforthilfen waren der erste richtige Schritt in die richtige Richtung. Es ist unendlich viel Geld vorhanden. Die wirkliche Lösung ist für mich nur das, was schon seit geraumer Zeit als „Helikoptergeld“ ein wenig zu flapsig diskutiert wird – aber als Bedingungsloses Grundeinkommen m.E. die einzige sinnvolle Lösung darstellt. Wären da nicht (vor allem bei der SPD und Kreisen der Konservativen Parteien) ideologische Bedenken – die längst überholt sind. Leute – wir sind im Dritten Jahrtausend – und nicht mehr im 19. Jahrhundert mit seinem damals durchaus verständlichen Arbeitsethos. Es sind ja nicht nur die für die Gesellschaft so wertvollen und skandalös schlecht bezahlten kreativen (= prekären) Berufe, welche die Kultur am Laufen halten – es sind insbesondere die alleinerziehenden Mütter (und Väter), die für einen immer größer werdenden Anteil der nächsten Generation sorgen und das jetzt unter den erschwerten Bedingungen der Pandemie mit Home Office und Home Schooling.
Tausend Euro jeden Monat einfach so aufs Konto als finanzielle Grundversorgung und mit den Alleinerziehenden und ihren Kindern anfangen – und mit den Soloselbständigen weitermachen (wozu gibt es die Künstlersozialkasse?) – das sollte doch machbar sein! Götz Werner hat´s vorgerechnet und Jan Bohmeyer probiert es ganz praktisch mit seinem Verein. Einfach mal die Bücher der beiden lesen!

Und dann noch diese Wünsche
Was mir persönlich sehr abgeht, ist der Besuch im Fitness-Studio zweimal die Woche. Aber das wird wohl noch eine Weile „Phantasie“ bleiben.

Hoffentlich bald keine „Phantasie“ mehr: Ein echter medizinisch-pharmakologischer Durchbruch, der zu einem zukunftssicheren Impfschutz führt – so wie 1963 die Schluckimpfung der Kinderlähmung den Garaus machte – auch wenn es vorher erst einmal eine Katastrophe mit schlechtem Material gab . (Das haben die Impfgegner leider vergessen – oder nie gehört. Oder sie haben nur das mit der „Katastrophe“ eingespeichert – nicht, dass die allermeisten Impfungen gut verliefen – genau wie die gegen Pocken und Masern.


Quellen
Bohmeyer, Michael und Claudia Cornelsen: ). Was würdest du tun? [mit 1000 € Grundeinkommen] Berlin
2019 (Econ Paperback).
Uhlmann, Berit: „Lehren aus einer Katastrophe“ (Kinderlähmung<„: In: Südd. Zeitung Nr. 02 vom 04. Jan
2021.
Werner, Götz und Goehler, Adrienne: 1000 € für jeden. München 2010 (Econ Paperback).

Einsamkeit kennt viele Wege

Es gibt viele Pfade, die in die Einsamkeit hineinführen. Aber es gibt auch Pfade, die aus Einsamkeit herausführen. Vor allem gilt: Einsamkeit ist nicht an den sozialen Status gebunden. Es gibt den einsamen Single (der gewissermaßen die Standardausgabe ist) ebenso wie die verwitwete alte Frau und die verbitterte Ehegattin, die in ihrer kaputten Beziehung verelendet, neben einem wortkargen Workaholic.
Letzteren bezeichne ich als Krypto-Single – als „verborgenen Single“. Und zwar deshalb, weil er scheinbar in seinen familiären Beziehungen gut aufgehoben ist, aber in Wahrheit innerlich vereinsamt ist und sich am wohlsten am See beim Fliegenfischen fühlt oder im Hobbykeller bei seiner Spielzeugeisenbahn.

Und es gibt die 97jährige Gerda May, die zufrieden in ihrem Wohnsimmer sitzt und der interviewenden Reporterin erzählt, sie „lebe zwar allein, aber einsam fühle sie sich nicht“. (Scherf 2021)

In Zweisamkeit geschriebener Ratgeber (München 1984 – Heyne Verlag)

Die Corona-Krise hat das alles noch deutlich verstärkt und noch schlimmer wurde es gegen Jahresende 2020, als das Wort „Einsamkeit“ in den Medien noch häufiger auftauchte: „Während der Feiertage ist der Krisendienst Psychiatrie besonders gefragt. Vielen Anrufern machen familiäre Konflikte oder Einsamkeit zu schaffen.“ (Freymark 2020)

Ich behaupte jetzt mal nach vielen Jahren der Beschäftigung mit diesem Thema, das ich in alle seinen Facetten auch selbst kenne: Einsamkeit ist vor allem ein seelischer Zustand „im Kopf“. Deshalb fühle ich mich heute als Witwer zwar allein – aber nicht einsam. Denn zum einen habe ich in meinem Leben viele lebendige Beziehungen aufgebaut, die ich bewusst pflege – und zum anderen bin ich voller früherer Erfahrungen von Nähe und Bedeutung, die auch in Corona-Zeiten nicht verblassen, sondern eher noch an Intensität und Bedeutung gewinnen.

Wirklich arm dran und versunken in tiefer Einsamkeit war ich als Student – oft unglücklich verliebt und noch nicht in einer stabilen eigenen Welt zuhause.

In dem Ratgeber Wege aus der Einsamkeit habe ich das komplexe Thema zusammen mit meiner zweiten Frau Ruth mit dem Bild des Labyrinths beschrieben. Genau genommen waren es 13 Labyrinthe mit Farben von „gelb“ bis „violett“. Das Einstiegskapitel finden Sie hier im Blog als Auszug: Was ist das eigentlich: Einsamkeit?

Ergänzen möchte ich das mit diesem aktuellen Tipp, der sich für mich sehr bewährt hat: Wir sind erfüllt von vielen inneren Figuren – abgespeicherten Erfahrungen mit anderen Menschen, aber auch Teilpersönlichkeiten, die wir selbst sind oder mal waren – das Innere Kind ist eine davon. In Träumen begegnen sie uns sehr leibhaftig – so als würden sie real existieren.
Sie sind auch real – aber eben nur in unserer Vorstellung. Das wird sofort anders, wenn wir in direkten Kontakt mit ihnen treten: Am einfachsten geht das, in dem, was ich als „Simulierten Dialog“ bezeichne – und zwar in schriftlicher Form. Ein Beispiel ist hier im Blog nachzulesen: der Dialog mit dem vergehenden Jahr 2020 .

Bibliographie
Freimark, Linus: „Deutlich mehr Hilfe gebraucht“. In: Südd. Zeitung Nr. 299 vom 28. Dez 2020, S. R06. May, Gerda (interviewt von Scherf, Martina: „Sie wollten nur leben“. In: Südd. Zeitung Nr. 1 vom 02. Jan 2021, S. R04.
Scheidt, Jürgen vom und Ruth Zenhäusern: Wege aus der Einsamkeit. München 1984 (Heyne TB).

„Hau in die Tasten!“

Ein wunderbarer Film bietet die perfekte Lösung für alle Schreibblockaden in einem Satz an: „Hau in die Tasten“ faucht der Schriftsteller Forrester (Sean Connery) den jungen Schwarzen Jamal an, als der nur sehr zögernd beginnt, auf Forresters Schreibmaschine einen Text zu schreiben.

Forrester gefunden heißt der Film, der dem alten Schotten eine der schönsten Charakterrollen seiner erstaunlichen Karriere beschert hat: vom Darsteller des jungen „James Bond“ hin zum Mentor eines Sechszehnjährigen, dem er in der Bronx den Mut zum eigenen Schreiben stärkt: „Hau in die Tasten!“

aut #651 _ 2021-03-15/19:30 Mon

Das Kind Der Krieg Der Tod

In Leipzig am 07. Februar 1940 geboren, verbrachte ich dort die ersten beiden Lebensjahre mit meiner Mutter und dem Kindermädchen Else in einer Mietwohnung am Wangerooger Weg 6. Mein Vater war im Krieg – wie fast alle Männer. Ab Ende 1940 kamen die ersten Bombenangriffe, die immer heftiger wurden, sodass meine Mutter sich entschloss, diese Wohnung zu verlassen und zurück in ihren früheren Wohnort Rehau zu gehen, zu ihren Eltern. Man nannte dies damals Evakuierung.

Ob dieses Portrait von mir noch in Leipzig oder schon in Rehau angefertigt wurde, ist unbekannt. Die Künstlerin, Irene Born, war mit der Schwester Elisabeth („Lis“) meiner Mutter befreundet. Tante Lis machte damals eine Schreinerlehre in Rehau und lebte deshalb ebenfalls in der Wohnung ihrer Eltern.

Abb.1: Jürgen vom Scheidt – etwa zweijährig (Künstlerin: Irene Born 1942)

Was die Datierung dieses Bildes angeht, so gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Zum einem mein zweiter Geburtstag am 07. Februar 1942 – oder vielleicht als Geschenk der Schwester Lis Hertel an meine Mutter Marie vom Scheidt, geb. Hertel, zu deren 28. Geburtstag am 19. Februar 1942.

Aufgewachsen im Matriarchat
Warum ich dieses idyllische Bild hier präsentiere? Weil es so etwas wie die friedliche Oberfläche von etwas völlig anderem darstellen. 1942 war der Zweite Weltkrieg in vollem Gange, angezettelt von Diktator Adolf Hitler und seinen nationalsozialistischen Mörderbanden. Ich bin in Rehau aufgewachsen in einem Haus, in dem sieben Frauen lebten und das Leben am Laufen hielten: Im Ersten Stockwerk meine Mutter Marie, deren Schwester Elisabeth, beider gemeinsame Mutter Betty Hertel (geb. Kropf). Im zweiten Stock die Frau Annemie von Onkel Karl (dem Bruder meiner Mutter und von Tante Lis) und Annemies Mutter, die „Omi Unglaub“. Unten im Hauseingang hatte das Dienstmädchen Else ihr Zimmer und ab und zu kam ein Kindermädchen (?), das mich spazierenfuhr.  Und dann lebte im Erdgeschoss. neben dem Architekturbüro des Großvaters, noch die Frau Funke, ähnlich alt wie Großmutter.  Ich liebte sie sehr und wollte immer bei ihr sein, rief „Unke, Unke“, wenn ich zu ihr wollte – einmal zu schnell, denn ich stolperte und stürzte kopfüber die Treppe aus hellgrauem Granit hinunter – hat meinem biegsamen Kinderkörper und meinem Kopf aber wohl nichts geschadet. Ich habe also schon sehr früh das „Fallen“ gelernt und konnte da als Student dann im Judotraining bei den Fallübungen von Judoka Aigner gut anknüpfen – was mir noch später bei diversen Stürzen mit dem Fahrrad sehr geholfen hat – zuletzt vor zwei Monaten, da war ich schon achtzig – aber das Fallen kann ich offenbar immer noch recht geschickt…

Und wo waren all die Männer? Natürlich waren sie „im Krieg“ zu jener Zeit – oder sollte ich besser schreiben: „unnatürlich“? Mein Vater, Onkel Karl und sogar mein Großvater (der schon im Ersten Weltkrieg in der größten Scheiße gekämpft hatte: in Douaumont bei Verdun) waren irgendwo dort draußen  „an der Front“. Mein Vater kämpfte damals vermutlich in Holland, Onkel Karl und Großvater in der Ukraine.
WAS HATTEN DIE DEUTSCHEN SOLDATEN DORT ZU SUCHEN?!

Mein Großvater Karl Hertel, Jahrgang 1880, meldete sich als aktiver Offizier im Majorsrang 1941/42 freiwillig erneut zum „Dienst an der Waffe“. Er mochte diesen „Anstreicher“ nicht, diesen Gefreiten Adolf Hitler (im Gegensatz zu meinem Vater, der als junger Mann ein „glühender Nazi“ gewesen ist). Aber er war loyaler Bürger. Und er war
° zum einen lieber Soldat als Architekt und er war als Offizier der Reserve und als Mitglied des deutschnationalen Stahlhelm ein echter Untertan, der tat, was man ihm befahl;
° und zum anderen ertrug er nicht das schreckliche Sterben seiner todkranken Frau Betty, die an Magen, Brust- und Kehlkopfkrebs litt .
Dann schon lieber das Sterben an der russisch-ukrainischen Front (wie mir Tante Lis Jahrzehnte später einmal als den wahren, tieferen Grund seiner Teilnahme an diesem zweiten Weltkrieg plausibel machte).

Großvater in der Ukraine

Abb. 2: Der Offizier vorne (4. v. li.) in der Mitte ist Großvater Karl Hertel sen. im Rang eines Majors – Standort vermutlich Dnjepropetrowsk / Ukraine 1941 (Archiv JvS)

Seltsam: Der Großvater läuft 1941 vor dem Sterben seiner Frau davon – der Enkel (ich) muss das miterleben. Ich habe an Sterben und Tod meiner Großmutter keinerlei Erinnerungen. Sie starb Ende 1942 qualvoll, weil es kaum schmerzlindernde Medikamente gab (es war ja Krieg mit Mangelwirtschaft), gepflegt von ihren Töchtern und meinem Kindermädchen Else, die dann zugleich Haushaltshilfe war (oder Dienstmädchen, wie man das damals nannte). Oma starb in ihrem Schlafzimmer in der selben Wohnung, wo ich im Zimmer nebenan spielte.
An Sylvester 1942 starb noch jemand in diesem Haus: mein Cousin Heinz Hertel, mein bester Freund „Heinzele“. Er starb, weil die Frauen im Haus irgendwoher echten Bohnenkaffee aufgetrieben hatten und den zum Jahreswechsel unbedingt trinken wollten. Heinzele wollte auch „Kaffee“ und bekam ihn. Eine rätselhafte Reaktion seines Blutes reagierte tödlich auf das Coffein – er starb in den nächsten Tagen*.

* Makabre Auswirkung: Wie Onkel Karl, Heinzeles Vater, mir viele Jahre später einmal erzählte, hat ihm der Tod des Ersdtgeborenen damals vermutlich das Leben gerettet. Er bekam nämlich zur Beerdigung Heimaturlaub – als er in die Ukraine zu seinem Batallion zurückkehrte, war dieses vom russischen Gegner fast völlig vernichtet worden.

Ja, der Tod war sehr präsent im Haus Bahnhofstraße 15 in Rehau in meinem zweiten Lebensjahr. Indirekt war er zudem sicher ständig gegenwärtig in der Sorge und den Ängsten der Frauen um ihre Männer draußen irgendwo in Europa im Krieg.

Habe ich die Bombenangriffe in Leipzig miterlebt? Wenn später, in den 50er Jahren, am Mittwoch um 12:00 Probealarm war, fuhr mir das immer durch und durch. Das ging mir noch in München so, am Gisela-Gymnasium. Ich habe den Fliegeralarm während des Krieges sicher auch in Rehau immer wieder mit erlebt. Dort wurde nie bombardiert – aber die Bomberschwärme der Alliierten flogen hoch oben am Himmel über den Ort – Richtung Berlin, Dresden. Leipzig – oder nach München. Das wusste man. Das bekam man auch als Kind schon mit, da habe ich keine Zweifel.

Rehau war den ganzen Krieg über eine Idylle. Wäre nicht im Mai 1945 noch im letzten Augenblick von einem amerikanischen Panzer die Roth´sche Holzwollfabrik am Hofer Berg in Brand geschossen worden – Rehau hätte keinen einzigen Kratzer in diesem Krieg abbekommen.
Aber in meinen Träumen jener Kriegstage in Rehau muss ich mitten drin gewesen sein in diesem Inferno. Meine Mutter ging gerne ins Kino, in „Lichtspieltheater“ vom Otto Strobel. Doch einmal  musste man sie mitten aus der Vorstellung nachhause holen, weil ich vom Kindermädchen nicht zu beruhigen war und nicht aufzuwecken aus einem Albtraum, in dem ich von brennenden Häusern und von den „Fiechern“ phantasierte – meinem Kinderwort für die Flieger, die ihre schreckliche Fracht oben am Nachthimmel transportierten.

Den Tod habe ich auch noch an anderer Stelle sehr direkt erlebt: Ende 1944 / Anfang 1945 stand im Rehauer Bahnhof auf dem Abstellgleis ein Verwundetentransport. Meine Mutter und Else trugen dort einen großen Kupferkessel mit dampfendem Glühwein hin. Und mich nahmen sie mit. In diese Waggons. Voller Schwerverletzter, Sterbender. Ich sehe die bandagierten Gliedmaßen und Köpfe heute noch – alles andere ist ausgeblendet.
Warum hat meine Mutter das getan? Weil sie sich selbst fürchtete – weil sie jemanden „dabei haben“ wollte? Eines der Rätsel meines Lebens, die ich nie verstehen und lösen werde.

aut #771 _ 28. Dez 2020 / 15:06

Anführer sein

Als Seminarleiter bin ich naturgemäß das, was man als „Anführer“ einer Gruppe bezeichnet. Was einen guten Anführer auszeichnet, habe ich im Sommersemester 1962 als Student bei Frau Dr. Neuwirth in der Vorlesung „Methoden der empirischen Sozialforschung“ gelernt. (Ja, ich habe mein Archiv gut in Schuss.) Es stand in dem Buch The Human Group von George C. Homans.
Der Beitrag, der mich darin, vor allem beeindruckte, handelte von einer Jugendgang und wie deren Anführer seinen Status bekam und erhielt: Wenn die Gruppe zum Kegelspielen ging, war er nicht etwa der beste Kegler, und schon gar nicht immer, sondern er spielte im Mittelfeld – nicht besonders gut, aber auch nicht besonders schlecht. Es war diese Kontinuität, bei der er den besten Keglern der Gruppe den Vorrang ließ – aber doch seine Kompetenz zeigte und das über einen längeren Zeitraum. Solche Leute sind in Kleingruppen beliebt, weil sie zwar selbstbewusst sind und sich etwas trauen („gute Kegler“) – aber sich nicht ständig egomanisch vordrängeln (wie ein gewisser amerikanischer Präsident, der endlich abgewählt wurde und dessen Namen ich nicht mehr nennen will).

Als ich diese empirische Studie in diesem Buch las, wurde mir etwas bewusst, was ich selbst als Kind falsch gemacht habe. Wenn es raus in den Wald zum Spielen ging, wollte ich immer der Anführer sein. Die Wünsche der anderen in der Gruppe waren mir egal – war ich doch „der Enkel vom Architekt Hertel“ mit entsprechendem Selbst- und Elitenbewusstsein. Das kam bei den anderen Kindern nicht immer gut an. Darüber gab es sogar echten Streit und teils heftige körperliche Auseinandersetzungen. Im Verlauf einer dieser Rangeleien haute ich etwa 1950 (also zehnjährig) wutentbrannt meinem aktuellen Rivalen (Dieter Wiltscheck, ein Flüchtlingskind) meine martialische Anführer-Keule über den Schädel – und rannte davon. Dieter musste einige Tage das Bett hüten, mit einer mords Beule am Kopf und entsprechenden Schmerzen. Und ich musste bei der Flüchtlingshalbfamilie antreten (Mutter und zwei Halbwaisen, der Vater im Krieg gefallen) und mit einem großen geräucherten Schinken und verlegen gemurmelten Entschuldigungen Abbitte leisten. Die Entschuldigung wurde mir gewährt – was sonst sollte eine Flüchtlingsfamilie in einem Ein-Zimmer-Notquartier über dem Rehauer Lichtspieltheater sonst tun.

Als Trommler voranmarschieren und den Ton angeben – das ist es (Privat 1943 – J v Sch dreijährig)

Ein andermal ging es ähnlich brutal zur Sache, etwa zwei Jahre später. Ein Nachbarjunge (Wolfgang Sack, ein Jahr älter als ich) machte mir wieder den „Anführer“ bei irgendeinem der vielen Spiele unter Nachbarkindern streitig. Wutentbrannt (den Jähzorn habe ich astrein von meinem Vater geerbt oder abgeguckt) packte ich ihn und rieb seinen Kopf an einer einem rauhverputzten Mäuerchen neben der Städtischen Sparkasse rauf und runter, bis seine Schwarte blutete. Dann rannte ich davon. Die anderen brüllend hinter mir her. Ich mit einem großen Schwung aufs Schuppendach vom Bauhof meines Großvaters Hertel (ja, eben der) und von oben auf meine Verfolger heruntergeifernd und spottend. Als mir Klaus Schenk bedrohlich nachkommen wollte, warf ich ihm in meiner Not von oben (aus gut zwei Metern Höhe) einen Ziegelstein auf den Schädel, der da zur Beschwerung der Dachpappe lag. Was für ein Massel hatten wir beide, dass ich ihn dabei nicht totschlug – da hätte nur die Kante des Ziegels seine Fontanelle treffen müssen!
So kam er mit heulender Blessur davon – und ich zog ab. Da hat nie ein Erwachsener eingegriffen; sein Vater war immerhin Rechtsanwalt. Heute stünde so etwas (und noch so mancher andere Bubenstreich, von dem ich vielleicht ein andermal berichte) auf der Titelseite der Bildzeitung. (Wie der Vorfall, als wir den Lehrer des Schuldirektors Lange an den Marterpfahl banden und mit unseren feststehenden Messer nach ihm warfen – hat er auch überlebt, mit einer blutenden Fleischwunde an der Wade – der Vorfall wurde nie zur Sprache gebracht. Doch darüber vielleicht ein andermal mehr – weil das auch so ein Lehrstück in Sachen „Coming of Age“ war.)

Mit Klaus Schenk hat sich nach diesem Vorfall übrigens eine lang anhaltende Freundschaft entwickelt. Wir machten ausgedehnte Spaziergänge in der Umgebung von Rehau, philosophierten über Gott und die Welt und trösteten uns gegenseitig über unsere Migräneattacken. Klaus, ein Jahr älter, hat mir 1954 die Tür zum Jazz aufgemacht – mit der Füllschriftplatte „Woody´ín with Woody“ von Woody Herman and his Herd. Was für eine großartige musikalische Welt hat sich mir da geöffnet und ist mir bis heute, 66 Jahre später, erhalten geblieben.

Solche Erlebnis haben mir nachhaltige Lektionen erteilt. Die wurde allerdings erst sehr viele Jahre später wirksam, als ich während der TZI-Ausbildung begriff und mühsam lernte, wie man sich in Gruppen „anständig“ und vor allem erfolgreich verhalten muss, wenn man ein echter Anführer sein will: Nämlich sich vor allem um die Belange der anderen zu kümmern und die eigenen Belange (ein wenig) zurückzustellen. Als Leiter der Gruppe immer auch Teilnehmer zu sein – und den Teilnehmern immer wieder Leiterfunktionen zu überlassen. Meine Frau Ruth war diesbezüglich ein Naturtalent – ich musste mir erst den „Enkel vom Architekt Hertel“ abschminken. Aber in mehr als tausend Seminaren habe ich das Üben können.

Bibliographie
Hermann, Woody (Woodrow Charles Herman ): Woody´in with Woody (das muss eine Auskoppelung auf Füllschriftplatte aus der Longplay „Men from Mars“ von 1954 oder „Swinging with the Woodchoppers“ von 1950 gewesen sein).
Homans, George C.: The Human Group. (1950).

_WEGE AUS DER EINSAMKEIT

Dieses Buch haben Ruth und ich 1982 gemeinsam geschrieben. Das war ein sehr mühsames Unterfangen, weil wir beide zwar sehr genau wussten, was Einsamkeit ist und sein kann – aber gerade durch unsere gemeinsame Beziehung mit unserem gerade geborenen gemeinsamen Kind Jonas, also in einem sehr quirligen Dreieck, immer wieder Mühe hatten, uns „einsam zu fühlen“ und diesem doch sehr speziellen Zustand nachzuspüren.

Titelbild meines Taschenbuchs Wege aus der Einsamkeit (München 1984, Heyne-Verlag / Grafikdesign Frank Wöllzenmüller)

Das Buch ist schon lange vergriffen. Seit Ruth gestorben ist, bekommt das Thema für mich jedoch als „Alters-Single“ und Witwer nach vielen Jahren wieder völlig neue Bedeutung. Inzwischen gäbe es auch noch einiges dazu zu sagen und ich sollte es vielleicht überarbeiten und neu veröffentlichen. Hier sei immerhin eines der Kapitel daraus vorgestellt. Nicht aus dem zweiten Teil, welcher mit der Metapher des Labyrinths spielt, sondern eine Art Standort und Begriffsbestimmung gleich zu beginn (die genannten Zahlen müssen natürlich aktualisiert werden, stimmen aber ungefähr auch für 2021:

Was ist das eigentlich: Einsamkeit?

Als wir mit den Vorarbeiten zu diesem Buch begannen, waren wir – wie wahrscheinlich die meisten Menschen – dieser Meinung: Einsamkeit ist eben Einsamkeit. Es gibt gewissermaßen nur eine einzige Qualität dieses so quälend erlebten Zustandes. Eine schreckliche Gemütsverfassung, die man möglichst meiden sollte. Und aus der man, sollte man unversehens einmal hineingeraten sein, möglichst bald wieder herauskommen muss. Einsamkeit also gleichsam eine gefährliche Krankheit …
Zu unserem eigenen Erstaunen entdeckten wir dann aber zwei verblüffende Sachverhalte:

  • Es gibt viele Formen von Einsamkeit, viele Qualitäten, deren jede ihre eigenen Inhalte hat und ihre eigenen Probleme mit sich bringt.
  • Es ist gar nicht die Einsamkeit, die so leidvoll ist – vielmehr leiden die Menschen, die sich quälend einsam fühlen, unter etwas, das wir Abgespaltensein nennen: abgespalten von den Menschen und Dingen in der Umgebung, abgespalten von den eigenen Gefühlen oder – schrecklichster Zustand von allen – abgespalten von der Außenwelt und von der Innenwelt zugleich.

Diese beiden Entdeckungen versuchen wir in den folgenden Kapiteln mit einem Vergleich auszudrücken: Einsamkeit ist wie eine Reihe von Labyrinthen. Im Bild des Labyrinths ist zum einen die qualvolle Verwirrung enthalten, die dieser Zustand ”Einsamkeit” impliziert.
Die Tatsache, dass es verschiedene Färbungen von Einsamkeit gibt, wollen wir dadurch ausdrücken, dass wir eine Vielzahl von Labyrinthen beschreiben – exakt dreizehn an der Zahl, jedes gekennzeichnet durch eine andere Farbe.

Da man unter einem Labyrinth üblicherweise eine Art Gebäude oder sonst eine kunstfertige Anlage versteht, in der man eingesperrt seinem Schicksal ausgeliefert ist, wird in diesem Bild auch das ausgedrückt, was wir ”Abgespaltensein in der Einsamkeit” nennen.

Wie sind wir überhaupt auf dieses Thema ”Wege aus der Einsamkeit” gestoßen?

Der unmittelbare Anlass waren die vielfältigen Erfahrungen in der ”Beratungsstelle für Alleinlebende”, die wir 1979 Jahren in München aufgebaut haben (die es aber 2021 längst nicht mehr gibt). In Hunderten von Beratungsgesprächen und – kürzeren oder längeren – Telefonkontakten sowie in weit über tausend Briefen stießen wir immer wieder auf die Einsamkeit als zentrales Problem der Alleinlebenden.

Was uns dazu veranlasste, dieses Buch zu schreiben, war die hoffnungsvolle Erfahrung, dass man aus dem Labyrinth der Einsamkeit wieder herauskommt, wenn man sich darin genau umschaut und seine Eigenarten (auch seine Fallen!) gut genug kennt – und wenn man vor allem genügend Geduld mit sich selbst hat. Denn solche Labyrinthe sind in lebenslangem Eigenbau entstanden – man kann sie nicht in einigen Stunden Beratung, Therapie oder Selbsterfahrungsgruppe wieder einreißen. Ganz abgesehen davon, dass – wie wir noch zeigen werden – diese Einsamkeits-Labyrinthe und Einsamkeits-Irrgärten keineswegs nutzlos sind, sondern – ganz im Gegenteil – einen sehr tiefen Sinn haben.

Nicht unbedingt das gleiche: ‚allein‘ und ‚einsam‘

Einen großen Irrtum wollen wir gleich an dieser Stelle ansprechen und ausräumen. Viele Menschen glauben immer noch, dass ”allein sein” und ”einsam sein” dasselbe ist. Es gibt genügend Belege für Erfahrungen, wo Menschen extrem allein waren, aber sich keineswegs einsam fühlten, sondern ganz im Gegenteil geborgen und aufgehoben in einem größeren transzendenten Zusammenhang (s. hierzu das Kapitel über das ”Violette Labyrinth”).
Aber es ist auch eine nicht zu leugnende Tatsache, dass sehr viele Menschen sich ungeheuer einsam fühlen, sobald sie von der Arbeit nach Hause kommen und allein in ihren vier Wänden sitzen; vor allem am Wochenende überfällt dann so manchen der Koller.
Gegen solche Schwierigkeiten sind auch Verheiratete keineswegs gefeit: Am schlimmsten ist wohl die ”Einsamkeit zu zweit” (Erich Kästner).

Dennoch dürften Schwierigkeiten mit der Einsamkeit am häufigsten bei Alleinlebenden anzutreffen sein, weil diese viel brutaler mit ihrer Lebenssituation ”allein” konfrontiert werden. Da ist, Hund oder Katze einmal ausgenommen, niemand da, wenn sie abends nach Hause kommen, der in der Küche mit den Töpfen klappert, und da lacht oder schreit auch kein Kind.

Der Trend zum Alleinsein nimmt weiterhin drastisch zu. Allein 1982 wurden in der Bundesrepublik 108.000 Ehen geschieden; das heißt, dass in diesem Jahr mindestens 216.000 Menschen mehr oder minder plötzlich gezwungen waren, allein zu leben (falls sie es nicht vorzogen, gleich in die nächste Beziehung zu ”flüchten” – eine höchst fragwürdige Lösung der Einsamkeitsproblematik, wie man inzwischen weiß).

Das Thema dieses Buches ist der Zustand der Einsamkeit mit seinen vielfältigen Nuancen, und deshalb sprechen wir im Grunde alle Menschen an, gleich ob allein oder zu mehreren lebend. Denn: einsam sind wir alle immer wieder einmal. Ja mehr noch: die Einsamkeit gehört offensichtlich zur Grundverfassung des Menschen überhaupt, und damit sinnvoll umgehend zu lernen, dürfte eine der wichtigsten und wesentlichsten Aufgaben sein, die wir im Leben zufriedenstellend lösen müssen – wollen wir gleichermaßen zurecht kommen mit unserer Existenz.

Bibliographie
Scheidt, Jürgen vom und Ruth Zenhäusern: Wege aus der Einsamkeit. München 1984 (Heyne Verlag), Kap 1.1.

Karl Valentin und die prekären Berufe als Haiku

Prekäre Berufe – das sind all jene gemeinhin als „kreative Tätigkeiten“ bezeichneten „freien Berufe“ – die bei enormem Einsatz miserabel bezahlt werden – mit Garantie auf Altersarmut. Die Fotografen zählen dazu und die Jazzmusiker und die Kunstmaler und die Grafikdesigner –
Ja, und auch die Schriftsteller und Schreib-Seminarleiter sowie viele Journalisten – also Angehörige jener drei Berufe, die ich selbst ausübe (wobei der Journalist nur noch also Blogger auftritt – also gar nichts verdient).

„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“

Karl  Valentins viel zitiertes Bonmot hat ihm mit großer Sicherheit keinen einzigen Penny eingebracht – obwohl es inzwischen bestimmt unzählige Male zitiert worden ist, sich also andere Leute mit seinem kreativen Einfall schmücken (wie ich jetzt). Immerhin hat es mich zu eigener Kreativität angeregt, denn ich möchte es nun ergänzen und zugleich in ein Haiku verwandeln – was Valentis Ausspruch nahelegt, wenn man ihn in zwei Zeilen zerlegt:

„Kunst ist schön,
macht aber viel Arbeit.“

Das sind bereits fünf Silben – fünf Silben. Ergänzen wir diesen Zweizeiler durch eine dritte Zeile und fügen wir der zweiten Zeile das steigernde „meist sehr viel“ hinzu – und schon ist das ein Haiku:

Kunst ist manchmal schön,
 macht aber meist sehr viel Arbeit
– und wird schlecht bezahlt.“

(Zählen sie es ruhig nach: fünf Silben – sieben Silben – fünf Silben.)

Das ist der Fluch der kreativ-prekären Berufe: Sie werden in der Regel „schlecht bezahlt“. Dieser Blog ist ein passendes Beispiel: Er ist hoffentlich „schön“ (zumindest die Abbildungen sollten es sein), macht höllisch viel Arbeit – und bezahlt wird dafür gar nichts. Jedenfalls nicht direkt. Vielleicht lockt die Qualität und das Thema „Schreiben“ den einen Leser oder die andere Leserin in eines meiner Schreib-Seminare. Dann wäre der Blog immerhin PR, die sich finanziell bemerkbar macht.

Und jetzt noch das passende Bild von Spitzweg (aus der Wikipedia, die es aus vom heutigen Standort in der Neuen Pinakothek übernommen hat):

  • – – –

Tja, das geht leider nicht, weil WordPress das Bitmap-Format nicht akzeptiert. Macht aber nichts. Dieser „Arme Poet“ hart sich so tief ins kollektive Gedächtnis des Abendlandes eingeprägt, dass jeder einigermaßen Gebildete es inzwischen kennen dürfte. Und notfalls können Sie es sich ja in der Wikipedia anschauen: Einfach „Der arme Poet“ eingeben – und schon haben sie es. Carl Spitzweg hatte schlauerweise als Apotheker einen nicht-prekären Brotberuf und wäre später im Leben sicher auch als Kunstmaler gut zurechtgekommen. Im Gegensatz zu seinem weniger glücklichen Malerkollegen Vincent van Gogh, dessen Bilder zu Lebzeiten niemand haben wollte und die heute mit zig Millionen gehandelt werden. Pech gehabt. Das richtige Jahrhundert muss man eben auch erwischen oder einen reichen Gönner (oder eine reiche Frau). –

Jetzt hab ich es doch noch geschafft, das bmp-Format ins jpg-Format umzuwandeln, und hier ist er, der „arme Poet“ (den Spitzweg selbst nie als solchen bezeichnet hat – das machten erst seine biedermeierlichen Zeitgenossen und Nachfahren):

Carl Spitzweg: Der arme Poet (1839 – Neue Pinakothek)

Hoffentlich krieg ist jetzt keine Abmahnung von einem schlauen Rechtsanwalt. Aber bei mir ist nichts zu holen (s. oben „prekäre Berufe“).

Arbeitszeit für diesen Blog-Beitrag: 1Std 20 Min. Verdienst: niente.