Musikalische Begleitung

Als Schüler und Student war Musik immer dabei, wenn ich lernte oder las. Das gewöhnte ich mir ab, als mein Schreiben professioneller wurde und ich irgendwann begriff, dass die Musik mich nur ablenkte und der „nervliche“ Aufwand an Konzentration unnötig groß war. Das war dem kreativen Prozess nicht gerade förderlich – und dem Kunstgenuss war es auch nicht zuträglich, die Musik nur nebenher laufen zu lassen.
Ich ging gerne in Konzerte, meine Frau Ruth immer dabei – wenn indische Musik geboten wurde, oder guter Jazz.

Dann kam die Schwerhörigkeit – und mit der Fähigkeit, „direkt“ zu hören, schwand die Lust an Konzerten. Auch Theaterbesuche reizten mich nicht mehr; das Abonnement bei den Kammerspielen wurde storniert. Und was sollte all dieser Aufwand, sich festlich anzuziehen und sich unter wildfremde Leute zu mischen –

Ruth und ich genossen es dafür ab da sehr, Konzerte auf DVD und Blu-ray zu hören. Tina Turner in Amsterdam als akustisches und optisches Spektakel ersten Ranges. Peter Gabriels phantastische Secret World, ebenfalls als Konzert-Aufzeichnung auf Blu-ray. Die Aufzeichnung der Inszenierung der Zauberflöte von Mozart in der Münchner Oper –

Von klassischer Musik hörten wir gerne die Mahler-Symphonien – den Pergolesi – den Vivaldi. Ansonsten vor allem indische Musik, guter Rhythm´n´Blues (von John Lee Hooker und Otis Redding – dessen „Sitting on the Top of the Bay“ war einer unserer vielen gemeinsamen Favoriten.)

Ruths Parkinson-Krankheit ab 2009 und dann ihr Tod 2016 ließen diese Lust an der Musik irgendwie erlöschen. Ab da schaute ich mir lieber Filme auf DVD und Blu-ray an – mit dem großen Flachbildschirm ist der Genuss kaum mehr von dem im Kino zu unterscheiden – und weniger aufwendig. Und Kino in Corona-Zeiten ist nicht mehr unbedingt erstrebenswert. Was erstaunlich ist, denn ich war ein ausgesprochener Kinonarr.

Die Wende: neue Hörgeräte

Das mit dem Musik-Hören hat sich überraschend wieder geändert, seit ich die neuen Hörgeräte habe die ich via Bluetooth direkt mit dem CD-Player und dem Fernseher koppeln kann – ein Kunstgenuss ohnegleichen – weil der Frequenzbereich nicht mehr durch Kopfhörer eingeschränkt ist, sondern dem normalen (gesunden) Hörbereich und Hörgenuss entspricht.

Lange Vorrede kurzer Sinn: Ich höre gerne wieder Musik. Manchmal auch, wenn ich am Blog arbeite. Dabei habe ich entdeckt, dass zu manchen Themen eine bestimmte Musik gut passt und den kreativen Prozess fördert*.

* Mein Tipp für Menschen mit Schreib-Blockaden: Eine passende Musik finden, welche die Lust am Schreiben stimuliert!

Begleit-Musik

Ich werde in Zukunft immer am Schluss eines Beitrags die Musik nenne, die seine Entstehung angeregt oder begleitet hat. Diesmal waren das zwei CDs:

Die CD Thimar des Anour Brahem Trios war ein Geburtstagsgeschenk meines Bruders Stefan. Sehr schöne arabisch-jazzige Musik mit Oud (Anour Brahem), Doppelbass (David Holland) und Sopransaxophon bzw. Bass-Klarinette (John Surman) – erinnert mich sehr an Jan Gabareks Auftritte mit dem indischen Geiger Shankar.
Und dann diese nervösen Be-Bop-Soli von Charlie Parker! Erstaunlich, was die Musiker in die damals üblichen drei Minuten hineinpressten, die von der Jukebox verlangt wurden. Heute sind Jazz-Stücke von zehn Minuten und länger fast schon die Regel. Das gigantische „Africa“ des John Coltrane Quartetts dauert 16:22 Minuten, „A Love Supreme“ insgesamt fast eine halbe Stunde.

Quellen
Anour Brahem Trio: Thimar . München 1998 (ECM Records).
Coltrane, John: Africa / Brass. USA 1961 (Impulse).
ders.: A Love Supreme. USA 1986 (MCA).
Parker, Charlie und Begleitung: Charlie Parker Masterworks 1946-1947. (USA 1947). Deutschland 1989 (Joker Tonverlag).

aut #1084 _ 2021-07-04/13:01


Beruf: Lektor

Die ominöse Dechiffriermaschine Lector, die im zweiten James-Bond-Filme (Liebesgrüße aus Moskau) eine wichtige Rolle spielt, hat außer dem Namen (und dass sie Texte „liest“ bzw. verschlüsselt und entschlüsselt) wenig mit der Tätigkeit eines menschlichen „Lektors“ zu tun. Aber immerhin: Auch Lektorinnen und Lektoren lesen – nämlich Manuskripte. Und sie müssen sie ebenfalls „entschlüsseln“ und bewerten: Nämlich ob sie ins nächste Verlagsprogramm passen und ob ihr Inhalt etwas taugt.
Als Buchautor ist man logischerweise auch Lektor – der allererste sogar. Das ist zugleich das Problem – denn man ist dabei leider befangen. Ein unabhängiger Lektor eines Verlags ist unabdingbar – weil der nämlich als „erster Leser“ zugleich die möglichen Reaktionen der potenziellen Käufer mit „auf dem Radar“ hat und vor allem die naturgemäße „Betriebsblindheit“ des Urhebers ausgleichen kann. –

Wie wird man Verlagslektor? Heute ist das längst ein normaler Studiengang an der Universität – in München zum Beispiel an der Ludwig-Maximilians-Universität am „Buchwissenschaftlichen Institut“. Es studieren dort überwiegend Frauen.
Wie bin ich in diesen Beruf hineingeraten, obwohl ich doch Psychologie studiert habe (was übrigens auch ein typischer Frauen-Beruf ist)?
Wie so vieles in meinem Leben ergab sich das durch Zufall und vor allem durch autodidaktisches Selbststudium. Nachdem ich 1968 mein Diplom als Psychologe in der Tasche hatte, wollte ich endlich Geld verdienen. Also ging ich zum Arbeitsamt (wie das damals noch hieß) und erkundigte mich nach einer Stelle als Psychologe. Ich hatte deutlich den Eindruck, dass meine Frage dem zuständigen Sachbearbeiter recht naiv erschien, denn er meinte nur trocken:
In München gibt es derzeit 600 arbeitslose Psychologen.“

Ich bedankte mich, ging und fragte mich: Was habe ich denn sonst noch gelernt, was kann ich – was würde ich gerne tun?
Sofort fiel mir das Bücherschreiben und überhaupt das Schreiben ein. Ich weiß nicht mehr, wie ich auf den Zeitschriftenverlag „Kindler & Schiermeyer“ kam und deren neues Projekt Jasmin – die Zeitschrift für das Leben zu zweit (eine deutsche Variante der amerikanischen Frauenzeitschrift Cosmopolitan). Wahrscheinlich hatte ich in der Süddeutschen darüber gelesen. Ich rief an, hatte bald ein Vorstellungsgespräch – und Anfang 1968 trat ich meine erste Arbeitsstelle in der Vorbereitungs-Redaktion für Jasmin an: als Redakteur. Aber eigentlich war mein Arbeitsplatz das, was man „Lektorat“ nannte. Dort musste ich die zahlreichen Übersetzungen vergeben (was unter anderem meiner ersten Frau Elke eine stetig tröpfelnde Flut lukrativer Auftrage bescherte, weil sie schnell und zuverlässig sowohl englische wie französische Texte übertragen konnte*. Aber ich versorgte auch etliche andere Übersetzerinnen mit Aufträgen – was mir später zugute kam, weil einige von ihnen Beiträge für meine Reader und Geschichten für meine Anthologien übersetzen konnten, wenn Elke das Pensum zu viel wurde).
Außerdem musste ich für andere Redakteure Texte begutachten und ausländische Bücher, welche Agenturen anboten; außerdem gehörten noch Recherchen in der Staatsbibliothek und anderen Quellen zu meinem Bereich. Eigentlich war ich das, was man „Mädchen für alles“ nennt. Nicht gerade der tollste Start ins Berufsleben für einen frischgebackenen Diplompsychologen – aber doch im Rückblick eine vielseitige Vorbereitung auf die nächste Arbeitsstelle, die nun ein echtes Lektorat in einem Buchverlag war.
Als ich Ende 1968 bei Jasmin kündigte (weil mir der Job dort auf Dauer zu eintönig war), stand mein Sinn überhaupt nicht irgendwas „Psychologischem“, sondern ich hielt bei den Stellenanzeigen gleich nach einem Buchverlag Ausschau. Von Piper, dem Verlag der Wahl (und praktischerweise nah bei unserer Wohnung in der Zieblandstraße nur wenige Minuten entfernt: in der Georgenstraße. Aber die wollten mich nicht (dafür haben sie 2005 mein Sachbuch → Das Drama der Hochbegabten als Taschenbuch nachgedruckt – in München läuft man sich, was Buchprojekte angeht, immer wieder über den Weg – ist es doch nach New York eine der wichtigen Verlags-Städte der Welt).
Gleich die dritte Bewerbung klappte dann: bei der Nymphenburger Verlagshandlung. Dort konnte ich dreifach punkten: natürlich mit meinem abgeschlossenen Psychologiestudium, aber vor allem mit meiner Tätigkeit als Mitarbeiter beim Selecta-Verlag und eben dem Jahr bei Jasmin.
Selecta war ein medizinischer Fachverlag, für den ich schon während des Studiums als Journalist tätig gewesen war – für technische naturwissenschaftliche und psychologische Themen (vor allem für die beiden ersten Bereiche ist Science-Fiction übrigens eine exzellente Vorbereitung!) Das war eigentlich ein typischer Studentenjob – aber doch weit mehr, weil es mit einer Ausbildung verbunden war. Diese war kein offizielles Volontariat; aber von den Fertigkeiten her, die man mir beibrachte und mich ausprobieren ließ, lief es genau auf das hinaus. Und dieser Studentenjob ermöglichte mir nach dem Studium dann immerhin die Arbeit als Lektor – s. oben.

Als Psychologe wurde ich erst 1970 tätig, genauer: Als Drogenberater war dies gewissermaßen mein dritter Beruf – nein: mein vierter.

Mein allererster Beruf? Romanautor!

Genau genommen war mein allererster „Beruf“ Romanautor. Immerhin habe ich schon als Schüler zwei Romane nicht nur geschrieben, sondern auch veröffentlicht. Das genügt doch als Berufsnachweis, oder?

Und bei einem Romanautor macht es sich auf jeden Fall gut, wenn in seiner Vita zu lesen ist:
„… war einige Jahre in Kanada als Holzfäller und in Kalifornien als Goldgräber, dann auf Island als Pferdezüchter erfolgreich…

oder scheiterte – ist egal – Hauptsache Erfahrung in einem speziellen Metier oder noch besser: in mehreren. Die eben genannten – Holzfäller – Goldgräber – Pferdezüchter – stammen nicht aus meiner Vita – aber schon als Sechsjähriger war ich mit meinem Großvater auf dessen Baustellen und habe gesehen, was Maurer tun und wie die Zimmerleute einen Dachfirst errichten und all dies kann ich jederzeit aufschreiben und in eine Geschichte einbauen – so etwas vergisst man nicht. Und ich weiß außerdem, wie der Hufschmied ein Pferd beschlägt und wie man ein Wagenrad für einen großen Leiterwagen baut und wie man Kühe melkt – das hab ich schon als Dreijähriger von unserem Kindermädchen Else gelernt, einer Bauerntochter, die mir außerdem beibrachte, wie man im Herbst einen Kartoffelacker „nachliest“ und mit dem trockenen Kartoffelkraut ein richtiges Kartoffelfeuer anzündet und darin Kartoffeln brät – mit etwas selbstgestampfter (!) Butter und selbst gemachtem Käse eine kulinarische Köstlichkeit, die kein Witzigmann der Welt hinkriegt und kein Tantris-Feinschmeckerlokal, schon deshalb nicht, weil der Geruch des brennenden Kartoffelkrauts fehlt, der im Herbstnebel über das Feld kriecht….

Das tut jedem Roman gut: Lebens- und speziell auch Berufserfahrung. Und da ein Roman ja nicht nur eine Hauptfigur hat, sondern meistens ein ganzes Personal verschiedenster Figuren, ist Erfahrung mit vielen Berufen fast so etwas wie eine Grundvoraussetzung für einen Autor – selbst wenn er immer wieder gescheitert sein sollte (warum sonst wird er oder sie denn schließlich Autor?)

Was macht eine Lektorin?

Ein Verlagslektor (weiblich wie männlich) ist unter anderem für den Klappentext der von ihr / ihm betreuten Bücher und für die dort abgedruckte Kurz-Vita des Autors zuständig. Man macht eigentlich heutzutage mehr den Job eines Marketing- und Werbespezialisten als das, was ich noch als Lektor bei der Nymphenburger Verlagsanstalt zu tun hatte: den Text des eigentlichen Werkes betreuen (das machen heute meistens – schlecht bezahlte – Außenlektoren). Ich erinnere mich noch deutlich, dass eine meiner schwierigsten Aufgaben war, das sprachlich recht schwache Manuskript eines Tierarztes („wie man Krankheiten bei Pferden erkennt und behandelt“) in lesbares Deutsch zu übertragen – was durchaus lohnte, denn der Inhalt stimmte – und Pferdebücher waren (wie die renommierten Jazz-Bücher und vor allem der Jazz-Kalender) eine der zuverlässig sprudelnden Einkommensquellen des Verlags.
Weit mehr waren meine wissenschaftlichen Kenntnisse gefragt beim Super-Hit, auf den Verleger (und Chemiker) Spangenberg mit Recht sehr stolz war (und ich als Lektor natürlich ebenfalls), weil daran vier Nobelpreisträger beteiligt waren: Der Briefwechseln zwischen Albert Einstein und Max Born, mit Geleitwort von Bertrand Russell und Vorwort von Werner Heisenberg. Zu meiner Tätigkeit als Lektor gehörte diesbezüglich auch der Briefwechsel mit den noch lebenden Beteiligten bzw. ihrer Mitarbeitern.
Spangenberg war ein findiger Kopf. Er suchte ständig nach Wissenschaftlern, die an interessanten Themen arbeiteten und publizierte diese in der neu gegründeten Sammlung Dialog, deren Betreuung meine Hauptaufgabe wurde. Solche „direkten“ Manuskripte waren preiswerter zu erstehen als ausländische Werke, die erst noch teuer übersetzt werden mussten (was zudem zeitraubend war).

In der Sammlung Dialog konnte ich später übrigens zwei Jahre ein eigenes Buch publizieren: Einen Reader, der interessante Texte von Psychoanalytikern über ihre Arbeit versammelte und entsprechend den Titel → Psychoanalyse trug, mit der Unterzeile: Selbstdarstellung einer Wissenschaft“. Auf diese Weise entstanden briefliche Kontakte zu einem Dutzend führender Fachleute.

Besonders stolz war ich jedoch auf ein Buch, das ich in den Verlag holen konnte: Die Autobiographie des indischen Musikers Ravi Shankar (die bestens zum Jazz-Programm passte). Meine erste Frau Elke übersetzte das Buch und ich stellte die Discographie aktueller indischer Musik zusammen – eine wunderbare Gemeinschaftsarbeit, die außerdem dazu führte, dass ich Ravi Shankar nach einem Konzert in Frankfurt nicht nur die frisch gedruckte deutsche Ausgabe überreichen konnte – sondern mit ihm und seinen beiden Begleitmusikern (Tablas und Tamboura – die Namen weiß ich leider nicht mehr) anschließend) zum Essen samt entspanntem Gespräch gehen durfte.

Ravi Shankars Autobiographie My Music – My Life (Nymphenburger Verl.hdl 1969)

In der Klappentext-Vita meines ersten eigenen Romans stand zunächst gar nichts – weil ich damals Schüler war und der Verlag die Leser nicht gleich mit so einer Nicht-Vita konfrontieren wollte. Aber im Lauf der Zeit kam so einiges an Berufserfahrung zusammen, denn ich war:

° Reiseleiter (in die Türkei – später ähnlich mit meinen Schreibgruppen im Wallis, mit denen ich ja auch Bergwanderungen unternahm).
° Verkäufer von Geldanlagen (schon als Student vertrieb ich amerikanische Investment-Fonds, hatte sogar sechs Mitarbeiter – Trainees – die für mich tätig waren).
° Yogalehrer (u.a. für den Kreisjugendring und die Sporthochschule in München).
° Rundfunksprecher (ich sprach meine eigenen Texte – bekam dafür eine richtige Anleitung und viel „learning by doing“).
° Interviewer im Bayrischen Rundfunk.
° Drogenberater.

Für alle diese Tätigkeiten hatte ich keine richtige „Ausbildung“ – aber gute Mentoren und das meiste brachte ich mir autodidaktisch selbst bei – wie mit 17 das Romanschreiben.

Mein Studium der Psychologie war ja mehr ein „Breitband-Schnuppern“ in viele Themenbereiche (gab mir allerdings für meine spätere Autorentätigkeit viele Anregungen mit und vor allem das Wissen, was man wo findet, wie man recherchiert, wie man ein Thema aufbereitet und wie man kritisch an ein Thema rangeht).
Eine richtige berufliche Ausbildung bekam ich erst in den Jahren, in denen ich mittels Themenzentrierter Interaktion (TZI) lernte, wie man Seminare anders als auf der Universität leitet – nämlich teilnehmerorientiert. Das habe ich während etwa fünf Jahren intensiv gelernt und mit einem Diplom abgeschlossen – das Beste, was mir im Leben passieren konnte (nicht zuletzt, weil ich dabei meine spätere Frau und Kollegin und Mitarbeiterin Ruth kennenlernte).

Diese TZI-Seminare mit dem bereits vertrauten Schreiben zu kombinieren – das war dann wieder eine autodidaktische Eigenschöpfung: Creative Writing, nannte man das damals in den USA – für Deutschland war das etwas Neues. Aber das sind weitere Geschichten – die sollen ein andermal hier im Blog erzählt werden.

Fazit: Ich habe viele Berufe gelernt und ausgeübt – etwas Besseres kann einem nicht passieren, wenn man Geschichten schreiben will. Aber das mit dem Lektor ist eine Tätigkeit, die irgendwie in alle anderen hineinwirkt, zumindest wenn sie mit Texten verbunden sind: lesend – schreibend – evaluierend.
Dieser Tage begleite ich eine Frau dabei, ihr interessantes Leben in Buchform zu fassen – erst jetzt wird mir bewusst, dass ich da wieder als Lektor tätig bin – wie 1968/69 – und natürlich letztlich auch bei meinen eigenen Buch-Projekten.

* Als die Memoiren des französischen Generals de Gaulle erschienen, wollte die Redaktion das „Leben zu zweit“ des französischen Präsidenten und seiner Gattin zu einem Artikel verarbeiten und brauchte dafür „vorgestern“ eine Roh-Übersetzung ins Deutsche. Genau das Richtige für Elke, das das komplette Buch über Ostern 1968 in Partien übersetzte, die ich Kapitel für Kapitel dem zuständigen Redakteur überbrachte. Mit Eilzuschlag brachte das für etwa eine Woche Arbeit ein Honorar von 4.000 Mark – nicht schlecht für den Start in eine junge Ehe. Ich bekam damals ein monatliches Gehalt von 1.500 Mark.

Quellen
Born, Max und Albert Einstein: Briefwechsel 1916-1955. Kommentiert von Max Born. München 1969 (Nymphenburger).
Scheidt, Jürgen vom: Psychoanalyse. Selbstdarstellung einer Wissenschaft. München 1975 (Nymphenburger).
Shankar, Ravi: Meine Musik, mein Leben. (New York 1968_My Music – My Life) München 1969 (Nymphenburger).
Young, Terence (Regie): Liebesgrüße aus Moskau. (From Russia with Love) Great Britain 1963 (United Artists).

aut #1082 : 2021-07-03/20:57

Bücher Schutzumschläge Klappentexte

In der Urzeit des Buchgewerbes bestand die Standardausgabe eines Werkes aus
° dem eigentlichen Buch (in der Regel als Hardcover mit Ganzleinen auf holzfreiem Papier oder – in der edleren und somit teureren Ausgabe – mit Ledereinband – oder – noch edler – auf handgeschöpftem Bütten gedruckt und handnummeriert)
° und einem farbigen Schutzumschlag.
So war es zumindest in Deutschland. Französische Bücher hatten in der Regel noch keinen festen Umschlag, und mussten erst mühsam „aufgeschnitten“ und gebunden werden; doch das entdeckte ich erst später.
Und „Urzeit“ heißt: Im ersten Jahrzehnt meines eigenen Lebens, also 1940-1950, habe ich das in meiner geliebten Buchhandlung „Marie Kolb“ so erlebt, für die ich als Achtjähriger Knirps Zeitungen auszutragen begann und es nach getaner „Kinderarbeit“ (natürlich nach der Schulzeit) ungemein genoss, in einer Ecke des Ladens in einem der zum Verkauf stehenden Bücher zu schmökern.
Neben diesen „normalen“ Büchern gab es noch die sogenannten Leihbücher. Sie gab es auch in der erwähnten Form als Hardcover mit Schutzumschlag, die man käuflich erwerben konnte (zum Beispiel als Belegexemplare für den Autor oder einige Sammler). Aber weit wichtiger war eine Spezialausgabe ohne beweglichen Schutzumschlag; dieser war vielmehr vorne und hinten fest auf den Buchdeckel gedruckt, der nicht aus mehr oder minder edlem Leinen bestand oder gar aus Schweinsleder, sondern aus schnöder dicker Pappe. Noch wichtiger war ein Schutzüberzug des Umschlags aus Kunststoff, Supronyl genannt – wichtig deshalb, weil diese Bücher gut ein Dutzend mal und mehr den Leser wechselten und am Ende dieser langen Reise möglichst auch noch verkauft werden sollten.
Hier der Schutzumschlag meines ersten Buches:

Bei der Supronyl-Ausgabe entfielen die (ausklappbaren) schmalen Flügeltexte, dementsprechend als Klappentext bezeichnet. Wie oben zu sehen, war rechts eine Inhaltsangabe des Werks abgedruckt und links in der Regel ein Foto des Autors samt Vita.

Der Autor dieses Romans, also ich, war ein siebzehnjähriger (beim Schreiben) bzw. achtzehnjähriger (bei Erscheinen) Schüler, der noch keinen Lebenslauf aufzuweisen hatte – welche Tatsache die Leser des Buches nicht unbedingt kennen sollten. Deshalb fehlt die Vita – sie wurde durch die Werbung für ein anderes Buch ersetzt. Dieses stammte (Zufall oder Absicht?) von meinem damaligen Agenten Wolf Detlef Rohr.
Ob dessen Todesstrahlen besser waren als meine Männer kann ich im Nachhinein nicht beurteilen. Ich bezweifle es, denn Rohr war ein routinierter Dutzendschreiber, der so ziemlich jeden Monat so eine Schwarte in seine Schreibmaschine hämmerte. Ich weiß nur noch, dass meine Lesehunger, speziell in Sachen Science-Fiction, so groß war, dass ich jeden Roman dieses Genres nur zu gern verschlungen habe und dass ich auch noch nicht das kritische Werkzeug zur Beurteilung der „literarischen“ Qualität hatte; das wuchs mir erst später allmählich zu.

Aber solche Überlegungen waren 1957/58 für mich ohnehin unerheblich – mir ging es darum, endlich auch ein eigenes Werk gedruckt im Schrank zu stehen haben. Immerhin gab mir damals Lothar Heinecke, der so etwas wie ein älterer Mentor für mich wurde, so manchen guten Lese-Tipp (qualitativ gute SF-Autoren wie Robert Heinlein und Alfred Bester sowie „normale“ Literatur von angesagten Größen wie Ernest Hemingway und Albert Camus), was sicher meine literarischen Ansprüche steigerte und bestimmt auch meinem zweiten Roman Sternvogel zugute kam.

Der Vollständigkeit halber sei hier noch aus dem „Innenleben“ meiner Männer das Signet der Leihbücherei abgedruckt, das später über Amazon secondhand in meinen Besitz kam. Dokumentiert ist damit zum einen der offizielle Verkaufspreis: 6,80 Deutsche Mark (das war verglichen mit anderen Büchern angemessen). Aber weit wichtiger war die Zahl der Ausleihen: bei Neuerscheinungen 40 Pfennige für eine Leihwoche, dann 30 Pfennige und – für geduldig wartende Leser* am Ende der Schlange – 20 Pfennige.

* Gendern muss man das wohl nicht: Science-Fiction wurde damals ganz sicher nur von Männern und Buben gelesen – Frauen und Mädchen lasen Liebesromane. (Das dürfte, mit wenigen Ausnahmen, heute nicht viel anders sein, zumindest was die technikbetonte SF angeht – oder?)

Solche „Leihbücher“, die man nur in speziellen „Leihbüchereien“ bekam, waren eine typische Erscheinung der Nachkriegszeit mit ihrem Hunger nach erschwinglicher Literatur. Ihr Ende kam Ende der 1940er Jahre, als der Rowohlt-Verlag erst seine billigen „Rotationsromane“ im Zeitungsformat auf den Markt brachte und dann mit dem aus Amerika importierten Taschenbuch-Format Furore machte. Interessanterweise war eine der ersten Ausgabe von „RoRoRo“ ein Zukunftsroman: Die Zeitmaschine von Herbert George Wells. Sie hat heute noch einen Ehrenplatz in meiner Bibliothek – nicht als (deutsche) Erstausgabe von 1951, aber immerhin aus der Folgeauflage (51. bis 63. Tausend) von Oktober 1956.

Gewissermaßen der „kleine Bruder“ des Leihbuchromans waren die Heftromane – gerne auch als „Schundheftchen“ bezeichnet. Es gab sie mit Originalausgaben und als Zweitverwertung von Leihbüchern. Damit war das Ende der „Wertschöpfungskette“ noch keineswegs erreicht. Für meinen zweiten Roman Sternvogel sei dies dokumentiert mit der dritten Ausgabe als Taschenbuch (mit anderem Titel und unter Pseudonym „Thomas Landfinder“). Dazu gesellte sich 2017 eine Neuausgabe als Paperback plus – ganz up to date – als paralleles E-Book:

Wer sich mehr für diese ganz spezielle Schmuddelecke der Leihbücher und Heftromane interessiert, dem empfehle ich die Bücher von Heinz Jürgen Galle und Jörg Weigand:

Quellen
Galle, Heinz J.: Groschenhefte. Frankfurt am Main _ Berlin 1988 (Ullstein TB).
ders.: Wie die Science Fiction Deutschland eroberte. Lüneburg 2008 (Dieter von Reeken).
Weigand, Jörg: Abenteuer Unterhaltung. Lüneburg 2018 (Dieter von Reeken).
ders.: Träume auf dickem Papier: Das Leihbuch nach 1945 – ein Stück Buchgeschichte. Bonn 2018 (Nomos).
ders.: Die Autoren der utopisch-phantastischen Leihbücher. Lüneburg 2020 (Dieter von Reeken).

aut # 1081 _ 2021-07-02/20:55

Der Duft des Jasmin

Im ersten Teil dieses Beitrags hatte ich aus meiner Zeit 1969 als Lektor im Verlag der Nymphenburger Verlagshandlung einen interessanten Merksatz des Verlegers Bertold Spangenberg erwähnt: Bücher sind durch Druck entwertetes Papier. Nun ist es angebracht, auch das dort angedeutete zweite Diktum des Verlegers zum Besten zu geben. Er äußerte diesen Satz, ich werde es nie vergessen, bei unserem ersten Gespräch nach meiner Bewerbung in der alten Villa an der Hubertusstraße, nahe dem Schloss Nymphenburg*. Da saß hinter dem Schreibtisch mit den vielen Projekt-Mäppchen für einen Moment nicht der Verleger, sondern der Chemiker Spangenberg:

„Wussten Sie, dass der Duft des Jasmin dieselbe chemische Zusammensetzung hat wie die menschlichen Fäkalien?“

Draußen vor dem Arbeitszimmer blühte diese wunderschöne Pflanze gerade und kündigte den Frühling an. Ich dachte (psychoanalytisch geschult, wie ich war): Aha, ein Mann mit analem Charakter. Und ja, er war ein wenig zwanghaft mit seinen vielen Mäppchen, was Sigmund Freud sicher dem „analen Charakter“ zugeordnet hätte.
Doch wir kamen gut mit einander aus in diesem Jahr und sind uns später immer wieder begegnet – bei gemeinsamen Buch-Projekten für den Verlag, meinerseits nun als freier Mitarbeiter – und bei Sitzungen des Verwaltungsrats der VG Wort (für die wir beide ehrenamtlich tätig waren) – ich als einer der Autoren und er als einer der Verleger.
(Und wenn ich mich heute in meinem Arbeitszimmer so umschaue und all die vielen Hängemappen sehe, die da herumliegen, muss ich schmunzeln, ziehe respektvoll meinen Hut, denke an Berthold Spangenberg und bin mir dessen bewusst: ohne einen Schuss „analen Zwangs-Charakter“ kann man gar keine Bücher machen – weder als Autor noch als Verleger. Und der Duft von Jasmin ist einfach betörend, gleich wie er biochemisch entsteht.)

Abb: Die weiße Farbe des Jasmin und das klare sternförmige Aussehen fallen sofort ins Auge – und dazu dieser Duft! (Photo by Ricardo Ortiz on Pexels.com)

Und was meinen damaligen Ko-Autor und Psychologen-Kollegen Wolfgang Schmidbauer angeht, just noch so ein Zufall: In der gestrigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung stand ein Interview mit ihm über die psychischen Folgen der Corona-Pandemie.
„Passt scho“, kann man da nur bayrisch anmerken.

(Manchmal findet sich für so einen Zufall allerdings eine einfache Erklärung – wie für diesen hier eben.)

* – na ja – es sind schon einige Kilometer Luftlinie bis zum Schloss – aber der Verlagsname stellte diesen Zusammenhang sehr bewusst her.

aut #1079 _ 2021-07-02 / 13:09

„Herr Aiwanger: Nehmen Sie Ihren Ministerhut und gehen Sie…

… zurück in Ihren niederbayrischen Wahlkreis, dem Sie sich so verbunden fühlen. Ich kann nur hoffen, dass es dort möglichst viele Menschen gibt, die für die Impfung gegen Corona sind und sich wie ich darüber aufregen, dass Sie, Herr Aiwanger, ihr Ministeramt so missbrauchen.

Sie missbrauchen Ihre herausragende politische Stellung, um ihre höchst persönliche Meinung zur Impfung lauthals rauszuplärren wie so manchen anderen Unsinn aus Ihrer Ecke.

Wegen Leuten wie Ihnen müssen wir unter Umständen noch in zehn Jahren FPP2-Masken tragen, wenn wir uns in der Öffentlichkeit bewegen. Denn erst wenn gut 80 Prozent der Bevölkerung geimpft sind, wird die Wucht der Pandemie – vielleicht – gebrochen sein.

Warum stemmen Sie sich so halsstarrig gegen diese Einsicht?

Oder haben Sie gar nicht begriffen, worum es bei dieser Impfung gegen den Corona-Virus geht?

Als Privatmann können Sie denken und reden, was Sie wollen – und vieles davon sogar tun. Und Sie können Ihre Unbildung und Ihr Nichtwissen gerne an jedem Stammtisch und in jedem Bierzelt Bayerns zur Schau stellen.

Aber als Minister im bayrischen Kabinett haben Sie eine Vorbildfunktion – die Sie ja sonst sehr gerne für Ihre anderen Ideen nützen: Ich denke  da nur an das „Messer“, das jeder bayrische Mann in seiner Lederhose bei sich tragen sollte – dürfte – könnte. Als Bub in der Pubertät habe ich auch mal so gedacht.

Aber Sie sind kein pubertierender Lausbub mehr, oder?

Sebastian Beck, Journalist der SZ, hat es auf den Punkt gebracht:

„Ausgerechnet der stellvertretende Ministerpräsident konterkariert die Bemühungen der Staatsregierung, die Pandemie einzudämmen. Das ist keine Privatsache, sondern eine gefährliche Ansage.“

Abb: Messehalle Riem April 2021: So viele Menschen sind impfwillig – man sollte sie nicht bremsen (Archiv JvS)

(Vergleiche auch den Beitrag → Lasst euch impfen!)

Quelle
Beck, Sebastian: „Der Pate der Impfgegner“. In: Südd. Zeitung online vom 01. Juli 2021.

aut #1078 _ 2021-07-02/09:35

Zufall: einfach erklärt

Im Beitrag „Bücher sind durch Druck entwertetes Papier“ erwähne ich am Schluss einen verblüffenden Zufall: Ich erinnerte mich an meinen Kollegen Wolfgang Schmidbauer – und zufällig stand am Tag zuvor ein Interview mit ihm in der Zeitung.

Wenn ich aber die zeitliche Reihenfolge umdrehe, könnte es ganz einfach und gar nicht mehr so „zufällig“ sein, wie beide Ereignisse zusammenhängen:

° Dadurch, dass ich gestern (Freitag 25. Juni 2021) in der SZ das Interview mit WS las
° begann sich mein Unbewusstes (mein Gehirn) an die Zeit damals von 1970 zu erinnern, als Wolfgang und ich uns zusammentaten, um das Handbuch der Rauschdrogen zu schreiben. Ich kannte ihn seit dem Studium, als er mich etwa 1964 an die Redaktion der Medizin-Zeitschrift Selecta vermittelte, für die er schon länger publiziert hatte.
Unsere Wege haben sich immer wieder gekreuzt. Zum Beispiel haben wir nach Erscheinen des Handbuchs bei einem Kongress des Verbandes Deutscher Schriftsteller (VS) in Berlin 1972 gemeinsam den Fest-Vortrag gehalten.

Angeregt durch diese Erinnerungstour (die aber ohne mein bewusstes Erleben ablief) hatte ich dann heute früh beim Erwachsen diesen Satz im Kopf:

Bücher sind durch Druck entwertetes Papier„.

Daraus entwickelte ich den vorangehenden Post – und wunderte mich dann über diesen „Zufall“, dass ich am Vortag jenes Interview gelesen hatte.

Es gibt auch andere Zufälle, bei denen sich solche einfachen Erklärungen nicht herleiten lassen – etwa der „kosmische Zufall“, dass der Erdenmond gerade die richtige Größe und den richtigen Abstand von der Erde hat, um für Jahreszeiten, Ebbe und Flut, den monatlichen Menstruationszyklus der Frauen und manches mehr zu sorgen.

Oder dieser Lottogewinn von genau → 6.666 € am 22.02. 2002, der mir selbst zugefallen ist. Aber diesen Beitrag muss ich erst noch schreiben.

Abb: Zufall lässt sich manchmal ganz einfach erklären. Aber immer wieder kreuzen sich zwei Lebenslinien und das kann eine kurze Verblüffung hervorrufen (blaue Linie 1) – oder sehr tiefgreifende Auswirkungen haben (blaue plus rote Linie vereinigen sich zu 1+2). (Archiv: JvS)

MultiChronalia
Eine eindrucksvolle Variante von MultiChronie: Im Gehirn bzw. im Unbewussten liegen viele Zeitschichten mit ähnlichen Inhalten und Bedeutungen nah bei einander, obwohl manchmal Jahre dazwischen liegen – im konkreten Fall
° zwischen 1964 (als ich Wolfgang erstmals aufgrund eines Aushangs im Psychologischen Institut kennenlernte („Mitarbeiter für Medizinzeitschrift gesucht“ o.ä.),
° unserer Zusammenarbeit beim Handbuch der Rauschdrogen ab 1970
° und schließlich dem Interview in der SZ am Vortag des 25. Juni 2021.

aut #1070 _ 2021-06-26/19.00

„Bücher sind durch Druck…

… entwertetes Papier“. Dies ist einer der beiden Sätze, die der Verleger Bertold Spangenberg von der Nymphenburger Verlagshandlung geäußert hat, während ich 1969 bei ihm als wissenschaftlicher Lektor tätig war und die sich mir tief eingeprägt haben.

Die Begegnung mit diesem eindrucksvollen Mann hat mir vieles gegeben. Auch nach meinem „Mondflug-Jahr“ bei ihm im Verlag haben wir noch oft zusammengearbeitet, weil ich bei der Nymphe (wie wir den Verlagsnamen abkürzten, der vom Standort im Münchner Stadtteil Nymphenburg rührte) meine ersten eigenen „richtigen Bücher“ veröffentlicht habe.

Es gab zwar zuvor schon meine beiden Romane → Männer gegen Raum und Zeit und → Sternvogel – aber das waren auf billiges holzhaltiges Papier gedruckte Leihbücher, die eher in die Schmuddelecke des Verlagswesens gehörten als in die seriöse Bücherwelt, die in den Feuilletons der Medien Beachtung fanden und als „richtige Literatur“ eingeordnet wurden.

„Bücher sind durch Druck entwertetes Papier“ besagt genau dies: Solange die „Rohbögen“ noch nicht mit Text welcher Art auch immer bedruckt worden sind, stellen sie ein kostbares Gut dar, das man notfalls an einen anderen Verlag oder eine Druckerei weiter veräußern kann. Erst wenn sie durch den Druck gewissermaßen ihren „Aggregatzustand“ geändert haben, sind sie etwas völlig Neues:
Ein Roman, ein Sachbuch, eine Anthologie mit Gedichten oder Kurzgeschichten, ein Reader mit Artikeln zu einem Thema wie → „Psychoanalyse“. In dieser neuen Form können sie
° ein Riesenerfolg mit Millionenauflage werden
° oder wie Blei in den Buchhandlungen liegenbleiben, bei der nächsten Inventur ausgemustert und als Remittende an den Verlag zurückgeschickt, allenfalls noch als Ramschware billig verhökert (wovon der Autor keinen Cent mehr als Honorar bekommt) – eben als „durch Druck entwertetes Papier“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Papier, egal in welcher Erscheinungsform, bedruckt oder unbedruckt, so rar geworden, dass man ein neues Buch in den Läden nur für einige Kilo Altpapier zusätzlich zum Buchpreis bekam. Mein allererstes selbst erworbenes Buch Auf unbekanntem Stern von → Anton M. Kolnberger wird mich immer an diese Tatsache erinnern.

Für die Nymphe habe ich zusammen mit → Wolfgang Schmidbauer das → Handbuch der Rauschdrogen geschrieben. Die Idee dazu stammte vom Verleger, der von Haus aus eigentlich Chemiker war und in der turbulenten Nachkriegs-Mangelzeit das Glück hatte, eine der kostbaren Lizenzen für die Gründung einer Zeitschrift (Der Ruf) und eines dazugehörigen Verlags zu bekommen – und somit auch die Lizenz zum Erwerb des nötigen Papiers.
Parallel zum Drogen-Handbuch stellte ich meine erste Anthologie zusammen: → DAS MONSTER IM PARK.

Beide Bücher wurden ein großer Erfolg:
° Das Handbuch von 1971 bis 2004 – also über 33 Jahre hinweg – in elf immer wieder neu bearbeiteten und aktualisierten Ausgaben, mit einer Gesamtauflage, die ich im Rückblick nur schätzen kann auf mehr als 150.000 – also das, was man einen Longseller nennt.
° Das Monster erschien ebenfalls in mehreren Auflagen bei der NyV, dann als Taschenbuch bei dtv in vier Auflagen und beim Bertelsmann-Lesering.

Zu den Büchern, die ich als Lektor initiierte und betreute, gehörte die Autobiographie Meine Musik – mein Leben des weltberühmten indischen Musikers Ravi Shankar, der viel bekannter als „Guru der Beatles“ wurde (obwohl seine eigenen Ragas mindestens so wichtiges Kulturgut sind, wenn auch finanziell sicher nicht so erfolgreich). Übersetzt hat das Buch übrigens meine erste Frau Elke – die Discographie habe ich zusammengestellt.
Als SF-Aficionado bin ich auch stolz darauf, den exzellenten Roman Flowers for Algernon von Daniel Keyes (1927-2014) nach Deutschland geholt zu haben. Die Fassung als Kurzgeschichte wurde sowohl mit dem Hugo- als auch dem Nebula-Award ausgezeichnet, die erweiterte Langfassung bekam 1966 ebenfalls den Nebula und wurde verfilmt. Diese Verfilmung mit dem – leider sehr nichtssagenden – Titel Charly kam 1969 auch in die deutschen Kinos.
Letzteres war einer der beiden Gründe, dass Spangenberg den Roman für die NyV ankaufte (wodurch die Originalausgabe bei einer Aufräumaktion im Lektorat in meinen Besitz kam – leider nicht vom Autor signiert).
Der zweite Grund war einer dieser wunderbaren Zufälle: Die Filmmusik schrieb und spielte Ravi Shankar. Davon versprach sich der Verleger einen positiven Effekt sowohl für den Charly-Roman als auch für die parallel erscheinende AutoBio von Ravi Shankar. Dieser Effekt trat wohl auch ein, nicht zuletzt weil die damals sehr florierende Zeitschrift twen einen Bericht über den Film und die beiden Bücher brachte, nachdem ich in der Redaktion das Interesse dafür geweckt hatte.

Flowers for Algernon (Charly) handelt übrigens von der tragischen Geschichte eines schwachsinnigen jungen Mannes namens Charly, der durch ein wissenschaftliches Experiment für kurze Zeit zum hochbegabten Genie wird – und auf dem Höhepunkt seiner Karriere erkennen muss, welches Schicksal ihm blüht: Seine eigenen Experimente mit einer Labormaus namens Algernon legen nahe, dass auch seine eigenen geistigen Hochleistungen wieder auf das Anfangsstadium der Schwachsinnigkeit zurückfallen werden.

Forts. → Der Duft des Jasmin

Quellen
Keyes, Daniel: Flowers for Algernon. (New York 1959/1966 _ Hartcort, Brace and World). München 1970 (Nymphenburger Verlagshandlung).
Nelson, Ralph (Regie): Charly (Flowers for Algernon). USA 1968 – nach dem Roman von Daniel Keyes.
Scheidt, Jürgen vom (Hrsg.): Das Monster im Park. Erzählungen von Wernher von Braun bis Arthur C. Clarke. München 1970 (Nymphenburger Verlagshandlung).
Schmidbauer, Wolfgang und Jürgen vom Scheidt: Handbuch der Rauschdrogen. (München 1971 ( Nymphenburger Verlagshandlung) 11. Ausgabe 2003. Parallele Taschenbuch-Ausgabe Frankfurt am Main Nov 2004 (S. Fischer).
Schmidbauer, Wolfgang (Interview: Fries, Carolin): In: Südd. Zeitung Nr. 143 vom 25. Juni 2021, S. R08 (Lokales).
Shankar, Ravi: Meine Musik, mein Leben. (New York 1968 _ My Music – My Life) München 1969 (Nymphenburger Verlagshandlung ).

aut #1069 _ 2021-06-26/14:22

_STERNVOGEL

Dies ist eine erste Annäherung an mein zweites Buch – ausgelöst von meinem Beitrag zum C. C. Rider. Die darin erwähnte und mit einem kurzen Kapitel gewissermaßen „vorveröffentlichte“ Science-Fiction Sternvogel war der erste Anlauf zu meinem zweiten Roman. Was ich da im November 1958 in die Erika meines Vaters hämmerte, war inspiriert von den graphischen Experimenten des Autors Alfred Bester in seinen Romanen The Demolished Man und Tiger! Tiger!, die im amerikanischen SF-Magazin Galaxy in den 1950er Jahren als Serials erschienen sind.

Abb. 1: So stellte ich mir den Anfang meines Romans Sternvogel vor – inspiriert von Alfred Bester (Archiv JvS)

In der gedruckter Ausgabe hat ein übereifriger Setzer diesen wilden Anfang brav linksbündig geordnet – was ich leider erst bemerkte, als das fertige Leihbuch vor mir lag.

Abb. 2: Im Leihbuch wurde das graphische Experiment leider vom Setzer „geordnet“ und somit verhunzt (Archiv JvS)

Und so sieht das in Alfred Besters Roman The Demolished Man aus, wenn sich Telepathen auf einer Esper-Party unterhalten:

Abb. 3: Wenn sich Telepathen unterhalten, könnte dass so aussehen wie in Alfred Besters The Demolished Man (1955)

Besters Telepathen-Roman machte SF-Geschichte. In der nach meiner Auffassung immer noch besten SF-TV-Serie Babylon 5 würdigt ihn der Drehbuch-Autor J. Michael Straczynski, indem er einen gewissen „Bester“ (ohne Vornamen) zum intriganten Chef der gefürchteten Telepathen-Jäger des PSI-Corps machte.

(Forts. folgt)

Quellen
Bester, Alfred: The Demolished Man (New York 1953). London 1954 (The Science Fiction Book Club).
ders.: Tiger! Tiger! (New York 1956). London 1958 (The Science Fiction Book Club.
Scheidt, Jürgen vom : Sternvogel. Minden 1962 (Bewin). Überarbeitete u. ergänzte Neuausgabe Frankfurt a.M. 2017 (vvs-Verlag Schladt).
Straczynski , J. Michael (fast alle Drehbücher und gelegentlich Regie): Babylon 5. TV-SF-Serie. USA 1993-1998 (110 Episoden).

aut #247 _ 2021-06-13:30

Zeugnis unserer Jugendkultur 1958: C. C. Rider

(WanderPost – Nachtrag 24. Juni 2021: Der komplette Text des C. C. Rider wurde inzwischen digitalisiert und steht demnächst als pdf-Datei zur Verfügung – bei Interesse bitte E-Mail an mich: jvs@hyperwriting.de)

Das Handwerk des Schreibens kann man auf viele Arten lernen. Sieht man mal von den Erfahrungen mit Aufsätzen und anderen Textformen in der Schule ab, beginnt das häufig mit einem Tagebuch. Selten notiert jemand schon als Kind erste Geschichten aus eigenem Antrieb (wie Joanne „Harry Potter Rowling) – was ich übrigens als ein deutliches Merkmal für Hochbegabung deuten würde.
Aber mehr Spaß macht es, wenn man zusammen mit anderen schreibt – nicht in der Schulklasse, weil man muss – sondern weil man das aus eigenem Antrieb möchte. Schülerzeitung sind da inzwischen eine gängige Gelegenheit. Aber bevor ich 1958/59 bei unserer Schülerzeitung Giselaner mitmachte (an der Gisela-Oberrealschule in München), waren das für mich etwas früher bereits drei andere Hobby-Publikationen:
° ANDROmeda (die monatliche Vereinsschrift des Science-Fiction Club Deutschland. SFCD),
° der C. C. Rider (eine Art Party-Zeitung unseres Cool Circle)
° und Munich Round Up (ein Fanzine der Münchner Gruppe des SFCD).

Abb. 1: Die Single „C. C. Rider“ von Chuck Willis ist leider nicht mehr in meinem Archiv – aber ungefähr zur selben Zeit war „School Day“ von Chuck Berry ebenfalls top in den Charts – und passt vom Thema „Schule“ bestens zu der Welt, in der wir uns damals bewegten, als unsere Party-Fanzine erschien (Archiv JvS).

Man kann solche frühen literarischen Geh-Versuche gar nicht hoch genug bewerten, weil sie vielerlei bewirken:

  • Man motiviert man sich gegenseitig („Wann hast du deine Buchbesprechung fertig – schaffst du das noch bis Samstag ins nächste Heft?“).
  • Man regt man sich gegenseitig an, spielt sich Themen-Bälle zu, nennt sich interessante Lektüren oder Musik-Beispiele; und
  • Nicht zuletzt lernt man auf diese Weise, so ganz nebenbei, fremde wie eigene Texte auch kritisch zu betrachten – und vor allem Kritik auszuhalten, ohne gleich beleidigt zu sein.
  • Doch last but not least hat man beim gemeinsamen Schreiben vor allem immer schon ein Publikum dabei – da schreibt man anders als wenn man nur zuhause etwas ins Tagebuch notiert. (Und wenn man anhand von amerikanischen Songs und SF in der Originalsprache auch noch aktuelles English lernt, ist das ja auch kein Schaden.)

Diese frühen Erfahrungen gemeinsamen Schreibens sind ganz sicher auch die Wurzeln meiner späteren Schreib-Seminare gewesen. Dass so etwas (literarisches Schreiben, journalistisches Schreiben, Schreib-Seminare leiten) ein bzw. zwei Jahrzehnte später meine Brotberufe werden würden, hätte ich mir damals in den späten 1950er Jahren allerdings nicht vorstellen können – da stand mehr so etwas wie Testpilot, Weltraumpilot, Robotpsychologe auf dem Wunschzettel mit den Berufsträumen.

Abb. 2: C.C.Rider Nr. 6 von Okt/Nov 1958 – leider die letzte Ausgabe (Zeichnung: Wolfgang Baum / Archiv JvS)

Bei alledem kommt einer kleine Postille eine ganz besondere Bedeutung zu, die ich zusammen mit meinem Freund Wolfgang Baum mit Texten füllte (wobei andere Mitglieder unseres damaligen Party-Clubs Cool Circle gelegentlich auch etwas beitrugen – wenn man sie nur genügend triezte): der C. C. Rider. Der Name rührt von einem Blues-Song von Chuck Willis her, der damals im amerikanischen Soldatensender AFN gespielt wurde und in der Race-Abteilung des Billboard ziemlich hoch kletterte.

Diskriminierung der Schwarzen in den USA ist nichts Neues

Race-Abteilung? Ja, das gab es damals. Das war eine spezielle Chart für Songs der schwarzen Bevölkerung der USA, die man fein säuberlich aus der offiziellen weißen Schlager-Chart des Musik-Fachmagazins Billboard auslagerte und umgangssprachlich R´n´B (für Rhythm´n´Blues) nannte oder – schön diskriminierend – Race Music.
Bei uns in Deutschland war das die Negermusik, mit der unsere Eltern alles benannten, was nach Jazz klang, was also laut und sehr rhythmisch war und vor allem „amerikanisch“ – aber eben nicht so nett wie die eingängigen Schmalz-Songs eines Bing Crosby oder Pat Boone oder Frank Sinatra.

Die Diskriminierung der Schwarzen war damals, in den 1950ern, noch viel heftiger als heutzutage, es gab ständig Lynchmorde und Übergriffe der (weißen) Polizisten gegen Schwarze waren an der Tagesordnung – kein Wunder bei einer inoffiziellen Apartheits-Politik, die vor allem in den Südstaaten sehr offiziell Weiße und Schwarze von einander separierte.
(Der bekannte R´n´B- und Rock´n´Roll-Sänger Chuck Berry hat das in seiner Autobiographie nicht nur inhaltlich, sondern auch literarisch sehr eindrucksvoll geschildert.)

Eine Reise zurück in die 1950er

In dem Film Zurück in die Zukunft werden wir mittels Zeitreise genau in diese Jahre zurückgeführt – die damals sehr „neue“ wilde Musik inbegriffen. Ein anderer Film – Blackboard Jungle – stürzte das Publikum mit Bill Haleys „Rock around the clock“ in der ersten Minute gleich mitten hinein in diese jugendrebellische neue Epoche. Und dann dieser lässig-widerspenstige junge Held James Dean in Denn sie wissen nicht was sie tun, der oben auf der Leinwand fraglos einer von uns war und das tat, was wir nur phantasierten: Gegen die „Alten“ so richtig aufbegehren. (Und dessen tragischer Unfalltod ihn zusätzlich in den Legenden-Himmel erhob.)
Auch dies ist jetzt wie eine Zeitreise – sich an diese Epoche zu erinnern. Die Musik, die manche von uns Jugendlichen gerne hörten, transportierte viel Aufmüpfiges, womit wir uns den Eltern gegenüber erstmals in der Geschichte der Menschheit eine eigene „Jugendkultur“ schufen – ohne zu wissen, was das war und später von Soziologen so benannt werden würde: Mit Crew Cut, Blue Jeans und Bluesuede Shoes (aber bitte mit richtig laut klappernden „Hufeisen“ an den Absätzen) – mit eigenen Filmen (James Dean war einer unserer Rebellen) – mit eigenem Tanzstil (Boogie Woogie, Jitterbug – nicht das langweilige Walzer-Zeug und der Cha-cha-cha aus der Tanzstunde).

Für manche von uns spielte da auch die Science-Fiction-Literatur eine „abgrenzende“ Rolle – wie alle unsere Hobbies und Gewohnheiten und Vorlieben, die vor allem eine Funktion hatten: Sie war „unser eigenes“ – schon deshalb, weil die Erwachsenen nichts davon verstanden und es im Idealfall sogar heftig bekämpften: bei den Mädchen die Petticoats und bei uns Buben die „Röhrenhosen“. Das alles half, eine eigene soziokulturelle Position zu finden – und dabei nicht zuletzt allmählich auch zu entdecken, wie belastet die Vergangenheit unserer Eltern aussah, die in der Nazi-Diktatur aufgewachsenen waren und diese meistens tatkräftig gefördert hatten.

All das spiegelt sich in den gerade mal sieben Ausgabe des C. C. Rider sehr deutlich wider. Als ich ihn nach vielen Jahren mal wieder durchblätterte, wurde mir bewusst, wie wichtig es war, das damals aktiv mitzugestalten – lange bevor dann ein Jahrzehnt später die 68er sich in Bewegung setzten, lauthals gegen den Vietnam-Krieg demonstrierten, sich in den Universitäten gegen den „Muff von tausend Jahren unter den Talaren“ (mit noch verdammt viel „brauner Vergangenheit“) zu wehren begannen.

Dabei haben wir eigentlich nichts anderes gemacht, als uns gerne tanzend am Wochenende bei den Parties zu dieser tollen „anderen“ Musik zu bewegen, zu flirten, zu schmusen, uns zu verlieben (und enttäuscht zu werden) – und was man halt mit 18 so alles macht und denkt und träumt.

Jetzt ist eines der drei „überlebenden“ Originale dieser damals mühsam mit der Schreibmaschine vervielfältigten Zeitschrift beim „Archiv der Jugendkulturen“ gesichert, die Inhalte sind digitalisiert und vielleicht kann sogar das Deutsche Jugend Institut (DJI) etwas damit anfangen – ist es doch ein sehr direkter offener Blick, den wir Jugendlichen damals auf die uns umgebende Welt der Erwachsenen schriftlich dokumentiert haben. Wir haben ja nicht nur im Saturday Night Fever getanzt und am „Blue Monday“ mit Fats Domino unsere Enttäuschung über ein missglücktes Liebesabenteuer bejammert – wir sind auch zusammen in Kino-Vorstellungen wie Flucht in Ketten gegangen, haben die amerikanischen Jugendlichen der High School im Perlacher Forst getroffen (wo sich das gut abgeschirmte „Ghetto“ der US-Besatzungsmacht befand) zum Basketballspielen und zum gemeinsamen Besuch eines Fußball-Spiels im Stadion der 1860er an der Tegernseer Landstraße. Wir sind auch in Ausstellungen gegangen und haben uns dabei unsere (oft sehr kritischen) Gedanken über die Welt gemacht, in die wir da hineingewachsen sind.

Im C. C. Rider haben wir eigene Gedichte veröffentlicht und ich schrieb darin sogar den Anfang meines späteren zweiten Romans Sternvogel.

In der oben erwähnten Club-Zeitung ANDROmeda des SFCD konnte ich nicht nur meine allererste Kurzgeschichte publizieren, sondern erfahren, was es bedeutet, von Älteren gefördert zu werden (s. hierzu auch meine Begegnung mit Lothar Heinecke hier im Blog).
Und Munich Round Up (kurz MRU) wurde dann so etwas wie eine „erwachsenere“ Variante des C. C. Rider – wenngleich sehr unter dem Einfluss der aufmüpfigen, kulturkritischen und sehr amerikanisch-popkulturellen Jugendzeitschrift Mad.
In MRU schrieb ich mit fünf anderen SF-Freunden die wilde Space Opera -li- Das Unlöschbare Feuer und die Anfänge meines bereits dritten Romans -li- Der geworfene Stein.

Jedenfalls haben wir, die daran Beteiligten, sowohl im C. C. Rider wie in MRU wie besessen von einem geheimnisvollen Virus geschrieben, geschrieben, geschrieben und auf diese Weise unsere Schreibtalente entwickelt.

Was will man mehr von Jugendsünden!

Abb. 3: Wer dieser geheimnisvolle „jay jay jay“ wohl war? Versuch in konkreter Poesie in Ausgabe Nr. 6 des C. C. Rider (Archiv JvS)

Nachgedanke

Von der Intention und den Inhalten her war dieser C. C. Rider eigentlich so etwas wie ein Vorläufer dessen, was man heute als Blog bezeichnet – nur eben nicht digital im Internet mit Auflage unbegrenzt, sondern analog als mehrfach handgetipptes „Manuskript mit Durchschlägen“ mit Auflage maximal 30.

Auf YouTube findet man einige Filme, die den Zeitgeist jener Tage sehr lebendig rüberbringen über die Stichworte „American Forces Network“ und „Mal Sondock“ (ein sehr bekannter Diskjockey von AFN Munich, den wir vom cool circle mal „life“ im Studio besucht haben und mit dem wir danach viele Jahre befreundet waren).

Quellen
Berry, Chuck: Chuck Berry: Die Autobiographie. (1987). München 1995 (Piper – Schott TB)
Brooks, Richard (Regie): Die Saat der Gewalt (Blackboard Jungle). USA 1955.
Ray, Nicholas (Regie): Denn sie wissen nicht, was sie tun. USA 1955.
Zemeckis, Robert (Regie): Zurück in die Zukunft I (Back to the Future I). USA 1985 (Universal).

Filme auf YouTube:
NN: The Story Of American Forces Network (AFN) – The Big Picture
NN: Mal Sondock – Die Radiolegende im Interview

aut #935 _ 2021-06-24/12:15 [ur: 2021-05-06/09:37

Erholsamer Tag am Starnberger See

Müsste ich mir einen Platz im Universum ausdenken, der für mich so etwas wie das mystische „Paradies“ verkörpert, dann wäre das am Starnberger See – vor allem das Westufer zwischen Possenhofen und Tutzing – mit der Roseninsel als Highlight.
Das Wetter muss natürlich mitspielen – und das war gestern optimal, mit rund 30 Grad und einer Wassertemperatur von gefühlten 20°. Also nichts wie reinspringen und das kühlende Nass genießen.

Es war für dieses Jahr mein erster Ausflug zum See. Wenn alles zusammenpasst, ist das wie ein Tag Urlaub. Ist aber immer auch „Arbeitsurlaub“, denn nirgends kann ich meine Gedanken besser streifen lassen und doch fokussieren wie hier am See.

Was nervt, sind die Masken, die man sowohl in der S-Bahn zwischen Hauptbahnhof München und Starnberg tragen muss und dann wieder auf dem Schiff von Starnberg nach Possenhofen. Aber da dies alle Menschen betrifft, betrifft es eben auch mich. Man gewöhnt sich ja an vieles. Bei den ersten Masken-„Bällen“ im Frühjahr 2020 war das noch anders – da kamen alte Schrecken wieder hoch, die ich hier im Blog notiert habe: → Atemnot.

Ich bin sehr gespannt, wie sich das liest, wenn ich in vielleicht zehn Jahren wieder an dieser Stelle im Blog lande – so rein zufällig oder auch gezielt. Es könnte ja sein, dass uns – trotz Impfungen – die Marken bleiben, weil das Corona-Virus ständig weitermutiert.

Wie jedes Jahr zu Beginn der Wandersaison mache ich mir Sorgen, ob meine → Knie das auch diesmal durchstehen bzw. „durchgehen“ (wie ich es passenderweise nennen sollte). An so etwas habe ich vor 2008 noch nicht gedacht, als ich meine letzten Tagestouren im Hochgebirge des Schweizer Wallis gelaufen bin. Danach ist der Radius, in dem sich solche Touren bewegten, doch deutlich geschrumpft. Voriges Jahr (2020) lief ich noch von Possenhofen nach Tutzing. Das könnte dieses Jahr auch noch gehen. Aber gestern bin ich bescheiden geblieben und habe das erst mal getestet – mit einem kleinen Ausflug vom Dampfersteg in Possenhofen Richtung Süden – immer den wunderbaren Blick über den See auf die Werdenfelser Alpen im Ferndunst. Zur Roseninsel. Und wieder zurück. Mit den Wanderstöcken geht das recht gut.

Und vor allem: Rein ins Wasser. Es gibt da auf dieser Strecke einige ideale Plätze:

Abb. 1: Hier stört einen niemand… (Archiv JvS)

Und das ist der Blick nach Osten, zum anderen Ufer mit Berg und Leoni: Die Windräder erinnern daran, dass wir uns – bei aller Idylle – mitten in der tiefgreifendsten Transformation der Menschheitsgeschichte befinden, mit Klimawandel, Energiewende, Globalisierung und Digitalisierung – und eben auch einer Corona-Pandemie, die das alles paradoxerweise gleichzeitig enorm beschleunigt und auch wieder enorm abbremst. So eine kleine Wanderung bringt das bestens zusammen.

Abb. 2: Das Ostufer des Starnberger Sees bei Kempfenhausen: Beschauliche Segleridylle und Hightech-Windrotoren (Archiv JvS)

Und das hier lässt einen doch an den Amazonas denken – nicht an den Lieferdienst, der uns die Corona-Zeit erleichtert – sondern an den Flussgiganten in Südamerika:

Abb. 3: Könnte auch irgendwo am Amazonas sein – in Brasilien. Ist aber am Westufer des Starnberger Sees. (Archiv: JvS)

MultiChronalia
Zunächst zum Namen: Früher hieß das Gewässer „Würmsee“ (nach dem kleinen Fluss, der ihn im Norden Richtung Gauting -München verlässt) und danach wurde auch die „Würm-Eiszeit“ benannt. Vielleicht gefiel den Einheimischen die Nähe zum „Gewürm“ irgendwann nicht mehr? Jedenfalls wurde der zweitgrößte (nach dem Chiemsee) bayerische Gewässer 1962 offiziell in „Starnberger See“ umbenannt.
Was die verschiedenen Zeitschichten angeht, wäre natürlich interessant zu erfahren, wann denn dieser See entstanden ist und wie. Er ist ein Überbleibsel der Eiszeit, vor allem besagter Würm-Eiszeit. Wenn ich mich recht erinnere erzählt der Kapitän auf dem Schiff gleich zu Begin einer Fahrt jeweils, dass der See „vor 20.000 Jahren“ entstanden ist. Die Wikipedia gibt präzisere und zugleich sehr vague Auskunft: „Die Würm-Kaltzeit kann auf den Zeitraum von etwa 115.000 bis 10.000 Jahre vor heute datiert werden.“
Sei´s drum – der Hinweis auf die Eiszeit ist hilfreich, um zu erklären, warum man beim Baden auch jetzt im Sommer noch bibbert, wenn man reinspringt ins „kühle Nass“. –

Gibt es eine bessere Form der Entschleunigung als so eine Wanderung? Für mich ist der Starnberger See nicht nur deshalb so wichtig geworden, weil er von München aus so leicht erreichbar ist – mit der S-Bahn etwa eine halbe Stunde. Als wir 1956 von Rehau noch München zogen, war das alles noch viel mühsamer, als nur die Züge Richtung Garmisch über Starnberg fuhren, so alle zwei Stunden. Die S-Bahn hat Starnberg zum Vorort von München gemacht – hat beiden Städten nicht geschadet.

Wir hatten das Glück, schon 1957 in der Rambeck-Werft zwischen Starnberg und Percha ein kleines Wochenendhaus mit Liegeplatz und bald auch einem Segelboot zu erstehen (was nicht nur der Traum meines Vaters war, der das Segeln sehr genoss, am liebsten allein). Dieses Häuschen mit kleinem Garten und zwei Birken, zwischen denen man über dem Geräteschuppen eine Hängematte spannen konnte… Parties an vielen Wochenenden…

Hier habe ich viele Kapitel meiner ersten Bücher geschrieben: 1957 die Männer gegen Raum und Zeit, 1959 den Sternvogel. Und 1960 startete ich hier im Häuschen etwas ganz Verrücktes: Das erste Kapitel des Romans Das Unlöschbare Feuer. Die ersten Ideen kamen mir nach einem Jazz-Konzert mit Lionel Hampton zu mitternächtlicher Stunde auf dem Stachus in München, an einem Freitag. Am anderen Tag fuhr die Familie raus nach Starnberg. Die Reiseschreibmaschine hatte mein Vater immer dabei, für seine Spesenabrechnungen. Aber woher Schreibpapier nehmen – wenn in Starnberg die Geschäfte samstags am Mittag dichtmachen?
Die Lösung war ganz einfach (und hätte in der Frühphase der Corona-Pandemie so manchen unfreiwilligen Lacher ausgelöst): Eine Rolle Klopapier lässt sich problemlos in den Schlitten der Erika einspannen. Wenn man das geschickt macht, lässt sich tatsächlich der Anfang eines Romans auf diese Weise tippen. Aber nachdem das erste Kapitel auf diese merkwürdige Weise dokumentiert war, verlor ich die Lust, an der Geschichte weiterzuarbeiten. Bis mir irgendwann die wirklich bizarre Idee kam, diesen Anfang an jemanden zu schicken, von dem ich annehmen durfte, dass er die Aufforderung zum „Weiterspinnen“ nur zu gerne als Herausforderung annehmen würde: Jesco von Puttkamer, damals noch Student in Aachen, später Mitarbeiter bei Wernher von Braun, mit dessen Saturn-Rakete die amerikanischen Astronauten 1969 auf den Mond flogen. Jesco war nie in Starnberg – aber er spann den Erzählfaden weiter, schickte seine Fortsetzung mit meiner Klorolle weiter an jemand anderen aus dem Science-Fiction-Club – wahrscheinlich Walter Ernsting, der das nächste Kapitel ersann (und damals vielleicht die erste Idee für die später so erfolgreiche Heftserie Perry Rhodan dabei gebar? eine Serie, zu der Das unlöschbare Feuer fast so etwas wie die schon vorher geschriebene Parodie war). Nun waren es schon drei Kapitel, die noch mehrere Male zu jemand anderen wanderten – bis das Konvolut zu mir zurückkam, samt (inzwischen abgetippter und eingearbeiteter) Klorolle. Ich redigierte das Manuskript – und 1962 ist es tatsächlich als Buch erschienen: Das unlöschbare Feuer. Geboren im Konzertsaal des Deutschen Museums in München und vollendet am Starnberger See – wo sonst? –

Als meine Mutter 1973 tödlich verunglückte, ging die Starnberger Idylle irgendwie zu Ende – so als sei sie die Seele dieses Wochenend-Traums gewesen. 1975 verkaufte mein Vater das Häuschen und das Boot und zog mit seiner neuen Lebensgefährten eine Weile an den Chiemsee, mit neuem, größerem Boot. Aber für mich war das ein abgeschlossener Teil des Lebens, den ich genügend genossen habe und nicht besitzen muss. Es genügt, wenn ich irgendwo raus ans Ufer fahre und dort wandere – das „paradiesische Lebensgefühl“ ist sofort abrufbar.
Mein dritter Roman, Der geworfene Stein, ist – was für ein Zufall – 1975 im Verlag R.S. Schulz in Percha am Starnberger See erscheinen. Einige seiner Kapitel spielen an diesem See – etwa 100 Jahre in der Zukunft. Wenn Sie das lesen, werden Sie sich wundern, wie es 2050 dann dort ausschaut. Science-Fiction macht´s möglich. Es geht um Rauschdrogen und Kybernetik. An den Klimawandel, in den wir jetzt mit Karacho hineinfahren, oder an Corona habe ich damals, 1963, allerdings nicht gedacht, als ich die ersten Kapitel dieses Romans schrieb.

Quellen
Scheidt, Jürgen vom: Männer gegen Raum und Zeit (Leihbuchausgabe). Wuppertal-Barmen 1958 (Wieba).
ders.: Sternvogel. Minden 1962 (Bewin).
ders.: Der geworfene Stein. Percha 1975 (R.S. Schulz).
Upton, Munro (Sammelpseudonym: Walter Ernsting, Waldemar Kumming, Jesco von Puttkamer, Walter „Fux“ Reinecke, W.W. Shols und J. vom Scheidt): Das unlöschbare Feuer. Minden 1962 (Bewin).

aut #1054 _ 2021-06-18/12.21