Murmeltier-Tage

Vielleicht kennen Sie diesen Film ja gar nicht: Und täglich grüßt das Murmeltier (oder im amerikanischen Original: Groundhog Day). Ich würde ihn vermutlich auch nicht kennen, wenn einer meiner Söhne mich vor geraumer Zeit nicht begeistert darauf hingewiesen hätte: „Musst du dir unbedingt anschauen – das interessiert dich als Psychologen bestimmt!“

Leider habe ich den Film im Kino 1993 doch verpasst. Aber es gibt ja DVD und Blu-ray. Ich habe ihn mir also besorgt – und inzwischen bereits zehn Mal angeschaut. Woran man erkennen kann, dass er mir gefällt – sehr sogar. Vielleicht renne ich offene Türen ein, wenn ich jetzt erkläre. dass es sich um eine Geschichte handelt, bei der jemand (ein arroganter, beziehungsgestörter Wettermoderator) in eine Zeitschleife gerät, die ihn immer wieder in denselben Tag aufwachen lässt. Morgens um 06:00 Uhr. Als Phil (sehr überzeugend gespielt von Bill Murray) seine fatale Situation am zweiten Tag erkennt, hadert er zunächst mit seiner neuen Situation, rebelliert dagegen, versucht durch Suizid zu entkommen, stellt allerhand Unsinn an (Bankraub inklusive) – und tut Gutes. Rettet Menschenleben. Lernt Klavierspielen (hinreißend gegen Schluss die Szene, als er bei einer öffentlichen Veranstaltung Boogie Woogie spielt). Erst baggert er seine Mitarbeiterin und Produzentin Rita (Andie MacDowell) sehr egoistisch an. Aber sie bringt ihm – Murmeltiertag für Murmeltiertag – allmählich bei, dass das so nicht funktioniert – dass er sich sehr ändern muss. Und das tut er – lernt es auf die harte Tour.

Langer Vorrede kurzer Sinn: Der Film wurde inzwischen mehrmals von anderen Drehbuchautoren und Regisseuren variiert und hat sich zu einem richtigen Kult-Plot entwickelt (s. Filmographie unten). Es gibt ihn als rasantes Science-Fiction-Kriegs-Abenteuer (mit Tom Cruise und Emily Blunt (Edge of Tomorrow), als deutschen Krimi in der Tatort-Reihe (Murot und das Murmeltier) und ganz neu als Mischung aus Fantasy und SciFi mit der zusätzlichen Variante, dass eine zweite Person, die verzweifelte, gescheiterte Alkoholikerin-Schwester der Braut diesen verrückten Hochzeits-Tag ebenfalls immer neu erlebt (Palm Springs). (Was der Regisseur leider am Schluss vergeigt, als er nur den männlichen Protagonisten der Zeitschleife entkommen lässt – was geschieht mit ihr?)

Diese Filme sind alle sehenswert, weil sie mit ihrem sehr tiefgründigen gemeinsamen Thema (etwa: Sinn in einem als sinnlos erscheinenden Leben entdecken) zusätzlich zur „leichten Hand“ des Unterhaltungsfilm-Drehbuchautors auch eine Portion Interesse an Psychologie und Philosophie verlangen.

Damit ist es in Source Code zunächst nicht weit her (ein Soldat soll das Attentat auf einen Zug in immer neuen Varianten verhindern). Doch als die Geschichte Fahrt aufnimmt und man schließlich begreift, was mit diesem tapferen Helden tatsächlich los ist (was ich hier natürlich nicht verrate), bekommt auch dieser Action-Thriller eine gehörige Portion metaphysischer Tiefe.

Wer aufgibt ist tot inszeniert ein deutschen Familien-Melodram – und macht dies auch recht geschickt.
Gewissermaßen als Urformat des Plots könnte man Lola rennt mit der hinreißenden Franka Potente in ihrer zweiten großen Rolle einordnen – auch wenn hier dieselbe Geschichte eines sehr konfliktreichen Berliner Alltags von Tom Tywker nur dreimal variiert wird.

Der Murmeltier-Tag war jedenfalls 1993 die Initialzündung dieser neuen Filmidee. Die tiefe Wahrheit, die er transportiert – und der sich ja jeder Mensch irgendwann stellen muss – heißt ja:

Jeden Tag mache ich im Grund dasselbe, steh auf, putz mir die Zähne, wasch mich, frühstücke, arbeite (oder geh zur Schule oder was auch immer) und fall am Abend müde ins Bett – um am nächsten Morgen in nahezu denselben Tagesablauf hinein wach zu werden – und wozu das Ganze?

Die Antwort des Original-Films von Rami wie seiner Adaptionen ist ganz klar: „Mach das Beste daraus – mit immer neuen kleinen Variationen, die ein wenig deine Welt und die Welt um dich herum verändern und, wenn es gut geht, sogar ein wenig verbessern.“
Im Grunde das altrömische „Carpe diem – genieße den Tag“ – wenngleich etwas moderner und praxistauglicher.

Deswegen liebe ich vor allem diesen Ur-Film Groundhog Day: Weil er mir diese Antwort immer wieder gibt – wenn ich sie mal vergesse. Ein gutes Mittel gegen Depressionen – durch Besinnlichkeit und Entschleunigung.

Beispiele aus dem Alltag von Jedermann und Jederfrau

° Die immer (fast) gleichen Sitzungen einer Psychoanalyse.
° Die sehr ähnlichen Sitzungen vor den Bildschirmen beim Schreiben dieses Blog.
° Das öde Lernen für die Schule – jeden Tag (fast) das selbe.
° Jeden Tag muss Mutter für die Familie einkaufen und kochen.
° Jeden Tag muss Vater in die Firma gehen und für die Familie malochen.
° Jeden Tag muss (ein anderer) Vater für die Familie einkaufen und kochen.
° Jeden Tag muss (eine andere) Mutter in die Firma gehen und für die Familie malochen.

° Jeden Tag müssen Sie – ja was denn?

(Im nächsten Beitrag können Sie eine Kurzgeschichte von mir zum selben Murmeltier-Plot lesen: Was murmelt hier?
Vielleicht gefällt Sie ihnen. Aber schauen Sie sich den einen oder anderen dieser Filme trotzdem an.)

Begleitmusik
Ich könnte die im Ur-Murmeltiertag gespielte Musik nennen, vor allem den Boogie Woogie, den Bill Murray alias Phil zum Besten gibt – ganz wunderbar mitreißend. Aber aktuell ist es ein Konzert von Alicia Keys, das sie in der Sylvesternacht 20020-/21 in Los Angeles gab. Ich sah es zufällig dieser Tage auf ARTE-TV um Mitternacht. War erst begeistert von dieser Musikerin, ließ mich von ihrer guten Laune mitziehen, die sie versprüht – bis ich nach fünf Songs enttäuscht abschaltete. Corona-Zeiten hin und Maskenpflicht samt Abstandhalten her – so oberflächlich muss gute Unterhaltungsmusik nicht daherkommen. Das war weichgespülte Langeweile für ein Weltpublikum.
Dabei kommt diese Frau doch aus der R´n´B-Ecke! Wenn ich das vergleiche mit den Rockröhren der 1950er und 1960er Jahre, fällt sie gegen diese doch gewaltig ab: Ruth Brown, LaVern Baker, Aretha Franklin – oder die Jazz-Sängerin Dakota Staton, die bei dem legendären Newport Jazz-Festival 1958 so sophisticated „Sweet Georgia Brown“ und „All of me“ gesungen hat (enthalten in der Film-Doku Jazz an einem Sommerabend).
Alicia Keys ist zwar fraglos ein toller „Hingucker“, sehr sexy und eine wunderbare Entertainerin und klasse Sängerin – aber ihre Musik kannst du vergessen. Sagen mir meine Ohren jedenfalls.


Quellen
Murmeltier-Varianten
Barbakow, Max (Regie): Palm Springs. USA 2020.
Jones, Duncan (Regie): Source Code. USA 2010.
Liman, Doug (Regie): Edge of Tomorrow: Live Die Repeat. USA 2014.
Ramis, Harold (Regie): Und täglich grüßt das Murmeltier (Groundhog Day). USA 1993 (Columbia).
Tykwer, Tom (Regie): Lola rennt. Deutschland 1998 (Creative Pool).
Wagner, Stephan (Regie): Wer aufgibt ist tot. Deutschland 2016.
Zeitungsartikel
Hildebrand, Kathleen: „Die Faszination der Zeitschleife“. In: SZ #127 vom 07. Jun 2021, S. 11 (Feuilleton).
Musik
Keys, Alicia: Live in LA Sylvester 2020/2021. (BBC) – ARTE TV am 16. Juli 2021 um Mitternacht.
Stern, Bert (Regie): Jazz on a Summer´s Day. USA 1959. (Deutsche Fassung: Jazz an einem Sommerabend).

aut # 1090 _ 2021-07-16/18:39

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Abb: Lieferbare Bücher (Archiv JvS)

Lieferbare Bücher von Jürgen vom Scheidt – als Paperback, teilweise als E-Book

Kreatives Schreiben – HyperWriting (Sachbuch – Ratgeber). (Frankfurt am Main 1989_Fischer TB). München 2006-11 (Allitera Paperback). 215 Seiten – € 19,90 / ISBN 978-3-86520-210-9.
Kurzgeschichten schreiben (Sachbuch – Ratgeber). (Frankfurt am Main 1994_Fischer TB) München 2002-07 (Allitera). 91 Seiten. 9,90 €uro / ISBN 3-935877-57-9.
Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität (Sachbuch – Ratgeber). München März 2004 (Allitera) 176 Seiten – 18,00 €uro / ISBN 386520-043-5.
Blues für Fagott und Zersägte Jungfrau (Anthologie mit eigenen Geschichten). München 2005 (Allitera). 140 Seiten – € 12,90 / ISBN 3-86520-121-0.
Männer gegen Raum und Zeit (Roman – Leihbuchausgabe). Wuppertal-Barmen 1958 (Wieba). Überarb. Neuausgabe 2015 (vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 301 Seiten – 14,950 € / ISBN 978-3-9816951-2-0.  / Kindle-Ausgabe als E-Book: 2,99 €.
Sternvogel (Roman – Leihbuchausgabe). Minden 1962 (Bewin). Überarb. Neuausgabe 2017 (vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 190 Seiten – 9,00 € / ISBN 9 781 520 546032.

Brille zum Zeitunglesen?

Das ist neu. Bis vor einem Vierteljahr konnte ich mühelos noch sehr kleine Schrift der Größe „3.0“ lesen. Jetzt habe ich Mühe, zwei Spalten der Süddeutschen auseinander zu halten – sie fließen leicht ineinander.
Meine beiden Augen waren schon immer sehr verschieden – das linke sehr schwach und leicht schielend. Jetzt im Alter fällt es dem rechten Augen wohl schwerer, die Dominanz zu halten.

Gut, eine Brille wird das ausgleichen. Aber die neue Situation hat eine alte Erinnerung wieder hochgespült, die mit meiner Mutter zu tun hat. Ich war zwölf, als sie in Hof mit mir beim Augenarzt war (Warum? Hatte ein Lehrer etwas bemerkt?)

Als der Herr Doktor sagte, ich bräuchte eine Brille, sagte meine Mutter nur sinngemäß: „Nein, der braucht keine Brille“. Und das war´s.

Hatte ich vorher immer in der hintersten Bank gesessen (schon, weil man dort so gut schwätzen und heimlich Schundheftchen lesen und irgend welchen Blödsinn machen konnte – was ADHS-Kinder halt so treiben) – setzte ich mich bei der nächsten Möglichkeit (wahrscheinlich im Herbst 1954 beim Übertritt in die vierte Klasse der Oberrealschule) ganz nach vorne in die erste Bank – weil ich nur dort deutlich sehen konnte, was der Lehrer an die Tafel schrieb. Ohne Brille. Die Mutter hatte das ja blockiert.

Nach dem Umzug nach München war eine meiner ersten Aktionen der Gang zum Augenarzt und dann zum Optiker – um endlich eine Brille zu bekommen und klar sehen zu können. Ich hab´s zweimal mit Kontaktlinsen versucht – aber das war nichts für meine empfindlichen Augen. Es war so etwas wie ein erster Akt der Rebellion gegen Mutters magische Macht.

Dass ich offenbar zusätzlich eine Allergie hatte, die sich bei Pollenflug als unerträgliches Jucken in den Augen auswirkte, begriff ich erst viele Jahre später – zufällig. Heuschnupfen in den Augen – wer denkt denn an sowas! Das hätte mich jedenfalls 1964 fast am Bestehen des Vordiploms in Psychologie gehindert – weil dieses Jucken in den Augen mich mehr als irritierte und vor allem massiv beim Lesen und Lernen behinderte- vor allem, weil kein Arzt und auch nicht die Spezialisten in der Zenker´schen Augenklinik herausfand, was es war, was mich da plagte. „Neurasthenie“ – war eine der hilflosen Diagnose. Danke. Das half – nämlich keinen Arzt mehr diesbezüglich zu konsultieren.
Die richtige Diagnose fand ich tatsächlich rein zufällig gut zwanzig Jahre später selbst, als ich mit meiner Frau Ruth im Frühling bei einer Wanderung im Allgäu eine blühende Wiese überquerte – und „wush“ begannen meine Augen zu jucken, als hätte man mir eine ätzende Flüssigkeit hineingeträufelt. Als ich auf der anderen Seite die Wiese verließ – war das Jucken wie weggeblasen. Ich überprüfte das – betrat die Wiese – „wush!“ Verließ das wunderschöne Blütenmeer wieder – „weg“.

Das war´s. Selten habe ich eine so klare Demonstration einer medizinischen Realität erlebt.

Doch zurück nach 1956 und den Anpassung der ersten Brille. Es war wie ein optisches Wunder: Nach vier Jahren endlich klar zu sehen. Im Kino alles mitzubekommen – für mich Kino-Freak schon Wunder genug.

Es war allerdings ein Preis zu zahlen: Mit Brille bist du plötzlich sehr verletzlich. Das erlebte ich auf drastische Weise, als ich auf dem Oktoberfest in eine Schlägerei geriet, bei der man mir als erste die Brille vom Kopf schlug – die wahrscheinlich der Auslöser für die Aggression war. Ich hab´s überlebt – indem ich wegrannte.

Als mein Psychoanalytiker so um 1970 mal unbedacht sagte, er möge keine Leute mir Brille – dachte ich: Schau mal an. Der Herr Doktor – von wegen Abstinenzregel! Vielleicht lag es daran, dass ich die Brille stets schon beim Betreten der Praxis abnahm und im Futteral verstaute – und er mich vielleicht nie mit Brille gesehen hat. Oder es war ein saftiges Stück spontaner Gegenübertragung, was ihm da entfuhr (denn ich muss ein sehr nerviger Patient gewesen sein, der seine gerade göttliche Geduld sicher mehr als strapaziert hat). Schwamm drüber. Heute, im Rückblick, kommt mir das fast so vor, als sei das eine seltsame Wiederholung jener Macht gewesen, die meine Mutter auf mich als Zwölfjährigen ausübte: „Der braucht keine Brille.“ Punktum. (Vielleicht kann ein Psychoanalytiker etwas mit dieser Erklärung anfangen – mir macht sie Sinn. Man wird immer wieder mit seinen Schwachen und Obsessionen konfrontiert – weil man sein inneres Leben um sie herum aufbaut – um sie auszugleichen, oder zu bändigen – los wird man sie nie.)

Meine Augen haben mich immer beschäftigt. Wenn möglich, nehme ich meine Brille sofort ab. Im Fitness-Studio oder wo auch immer – runter mit der Brille. Beim Lesen – runter mit der Brille –

Halt, das hat sich ja jetzt geändert. Ich brauche eine Lesebrille. Na ja. Was soll´s. In meinem Alter.

Lange hat mich dir heimliche Furcht beschäftigt, ich könnte einst blind werden – wie John Milton, dem das in der Mitte seines Lebens geschah. Als ich sein Sonnet „On his Blindness“ als Achtzehnjähriger im Englischunterricht übersetzte, war der Studienrat Feldhütter aus Tutzing nicht sehr zufrieden damit – aber für mich war es eine sehr gelungene Übertragung (das ist jetzt wörtlich gemeint – und nicht psychoanalytisch).

When I consider how my light is spent – ere half my days /
In that dark world and wide…“


Ich kann es noch immer auswendig – in beiden Sprachen. Dieses Schicksal ist mir bisher erspart geblieben (anders als meinem frühesten Kindheitsfreund Dietmar). Stattdessen hat es mich zu meiner Kurzgeschichte „Blindheit“ inspiriert – die bisher am meisten nachgedruckt wurde, in fünf Sprachen übersetzt ist und mir für diese zehn Druckseiten ein beachtliches Honorar eingebracht hat – mehr als 4.000 Mark, schätze ich.

Als Jugendlicher und noch als Student habe ich die Brille beziehungsweise die Kurzsichtigkeit gerne versteckt – etwa in Gestalt einer schicken Sonnenbrille (mit korrigierten Gläsern). Das so zum Beispiel so aus:

Es gibt auch Vorteile

Als ich dann 1956 in München die erste Brille bekam, war dies auch das Ende meines Bubentraums, Testpilot und „Weltraumfahrer“ zu werden. Mit Brille undenkbar. Die Konsequenz: Weltraumfahrten „auf dem Papier“ (in Gestalt eigener SF-Romane) und später auch die „Weltraumflüge nach innen“, zu denen Rauschdrogen der nötige Treibstoff sind. Aber das ist ein anderes Kapitel, das zum Beispiel hier aufgeblättert wird.

MultiChronalia

Die Brille – gleich welche – und die damit verbundene Kurzsichtigkeit ist so etwas wie ein Leitfossil in meiner persönlichen Archäologie und verbindet viele Zeitschichten:
1952 die Machtdemonstration von Mutter („Der braucht keine Brille“). 1953 folgende die zunehmende Wendung „nach innen“ wegen zunehmender Kurzsichtigkeit. 1956 das Aufbegehren gegen das mütterliche Verdikt durch die Anschaffung einer Brille – was zugleich die „Wendung nach innen“ verstärkt und letztlich das Schreiben als Ausdrucksform begünstigt – aber andrerseits das Ende des „Astronauten-Traums“ bedeutet.
Ab 1959 wird die Sonnenbrille zum schicken Accessoire, das die Chancen beim anderen Geschlecht vergrößert (dachte Mann sich jedenfalls).
Zeitsprung in die Gegenwart des Juli 2021: Die Lesebrille als neue Variante, die Fernbrille und Computer-Arbeitslesebrille ergänzt. Nun sind es deren drei.

aut #1096 _ 2021-07-14/21:20

Ravi Shankar: Eintauchen in die indische Musik

Über Cannabis und das Kiffen lässt sich vieles sagen – Positives und Negatives. Ich habe beides erfahren.
Das Negative zuerst: Ich habe als Student zu lange und zu viel gekifft, missbrauchte Marihuana und Haschisch als – leider untaugliches – Selbst-Medikament, um meine neurotischen Probleme zu „behandeln“. Vor allem aber setzte ich viele Joints dafür ein, mein ADHS zu bändigen (von dem ich damals keine Ahnung hatte, was das ist und dass dieses „Zappelphilipp-Syndrom“ mich schon seit frühester Kindheit begleitet hat und Teil meiner psychosomatischen Konstitution ist. Darüber andernorts in diesem Blog mehr → li ADHS*).

* Diese Signatur „→ li“ bedeutet: Hier irgendwann einen Link auf einen separaten Beitrag einfügen, der erst noch zu schreiben ist.

Und hier das Positive:
Klassische europäische Musik erschließt sich einem nur, wenn man sich auf Opern und Symphonien und Fugen und so weiter einlässt, viele Beispiele hört, am besten selbst ein Instrument spielt und sich ein Repertoire verfügbarer Stücke erarbeitet – aktiv musizierend oder passiv Musik genießend. Und noch besser ist es, wenn man verständige Lehrer und Mentoren hat, die einem so manchen Weg durch diesen ja eigentlich sehr fremdartigen Dschungel erschließen – denn Musik kommt in der Natur nicht vor (vom Vogelgesang mal abgesehen), sondern ist immer ein von Menschen gemachtes Kunstprodukt, das man sich mit intensiver geistiger Arbeit aneignen und erschließen muss.

Die Europäische Klassik, wie ich sie mal nennen will, erschloss sich mir schon früh, wie in wohl den meisten gutbürgerlichen Familien, durch Musikunterricht und das entsprechende Schulfach Musik. Mich triezte drei Jahre lang der musikpädagogisch sehr unterbelichtete und vor allem leider sehr ungeduldige Kantor Peter in Rehau am Klavier – der in mir einen lernunwilligen, bockigen, „faulen“ Schüler heranzog – der eines Tages froh war, dieser sinnlos erlebten Fron entronnen zu sein. Eigentlich schade – ich habe das später bedauert; und genieße es heute sehr, wenn einer meiner Söhne, Nichten oder Neffen oder Enkel live oder bei Videokonferenzen Klavier oder Cello spielen und dergleichen mehr.

Ich habe es später aus eigenem Antrieb noch mal mit Gitarre probiert, als mein Freund Alfred Hertrich Unterricht nahm und ich mich da dranhing. Ich gab das bald wieder frustriert auf (übte einfach nicht genug) – während er ein exzellenter Jazz-Gitarrist wurde – mit dem ich später gerne bei Lesungen aufgetreten bin (s. Foto).

Abb. 1: Lesung „Jazz und Poesie“ 1995 in Weiden ( v.l.n.r.) Ralph Bauer (Posaune), Wilfried Lichtenberg (Bass), Alfred Hertrich (Gitarre), Jürgen vom Scheidt (Mikrophon) (Archiv JvS)

Später, schon in München, nahm ich noch einmal einen Anlauf mit Gitarre-Unterricht. Und sogar ein drittes Mal. Es war beide Male ergebnislos.

Nicht gerade „Europäische Klassik“ waren die Schlager, die wir als Kinder und Jugendliche in den später 1940er und frühen 1950er Jahren im Radio hörten (einen eigenen Plattenspieler oder gar Fernsehen gab es noch nicht – das kam erst Ende 1956 nach dem Umzug nach München in die Familie). Aber wir sangen voller Inbrunst mit: „Das alte Haus von Rocky Docky“ und „In einer Nacht am Ganges…“ . Deutsche Originale und vor allem amerikanische Importe – am liebsten original auf „Rias Berlin“ oder im AFN.

Von ganz anderer Art war der Jazz, den ich erstmals 1954 oder 1955 kennenlernte, als mein Freund Klaus Schenk mir eine 45er Füllschriftplatte mit vier Stücken von Woody Herman and His Herd vorspielte. Ich war sofort „hooked“ – hing an der Angel dieser aufmüpfigen Negermusik (obwohl in diesem Fall von Weißen gespielt), die unseren Eltern überhaupt nicht gefiel. Der Rhythm´n´Blues, den mir nach dem Umzug nach München mein dortiger Freund Wolfie Baum (aus dem Science-Fiction Club) nahebrachte, war gewissermaßen die Schlager-Variante des Jazz – in der weißen Version Rock´n´Roll genannt. Was für eine Offenbarung gegenüber den als langweilig empfundenen Symphonien und diesen künstlich geschmetterten Arien der Opern und was sonst noch an Europäischer Klassik geboten wurde – alles brav „vom Blatt gespielt“!
Wieviel lebendiger war da der Jazz, der stets improvisiert und viel emotionaler, rhythmisch wilder und frecher war – mit Texten, die sehr sexuell aufgeladen waren (speziell im Double Talk der schwarzen Blues-Songs) und nicht so verklemmt, wie dieses „klassische Zeug“. Schon die Bezeichnung „Rock´n´Roll“ ist nichts anderes als eine unverblümte Beschreibung des Sex-Aktes (was wir Jugendlichen schnell begriffen haben).

Doch nun zur indischen Musik. Klar, es gibt auch indische Schlager, die nicht anders sind als die europäischen und amerikanischen Hits – meistens nah am Kitsch und in Melodie und Rhythmus immer recht schlicht und oberflächlich eingängig wie überall auf der Welt (wie ich bei meiner Indienreise ständig mitbekam). Aber dann sind da noch die Ragas und die Dhunes und die Talas – Melodien und Rhythmen, von denen nur das Grundgerüst vorgegeben ist, auf dem dann stundenlang improvisiert wird. Dies geschieht mit einer virtuosen Meisterschaft, die für den Kenner gewissermaßen die Brücke darstellt
° zwischen der konzertanten Tiefe und Komplexität und Reife der europäischen Musik (etwa in Mahlers Symphonien, die ich sehr schätze, oder in einer Oper wie der Zauberflöte – die einzige Oper, die mir etwas bedeutet) auf der einen Seite
° und auf der anderen Seite der spontanen improvisierten Lebendigkeit des Jazz.

Die indische Musik hat allerdings eine Eigenschaft, die es dem ungeübten Europäer schwer macht, in sie einzutauchen und sie zu genießen: Das sind die Mikrotöne, die eine Differenziertheit der Melodien ermöglichen, die das „europäische Ohr“ wie Glissandi wahrnimmt. Außerdem hat jede Raga ein ganz spezielles Thema, erzählt sie eine ganz eigene Geschichte und erzeugt im Hörer eine genau umspielte Stimmung wie (erfundenes Beispiel) „das heimliche Treffen der lange getrennten Liebenden in einer Nacht im Monsun, während es draußen regnet“.
Dazu kommt das ständige Raunen der Tamboura (was ungefähr dem Basso continuo der europäischen Musik und der Basslinie im Jazz entspricht) und vor allem die Tabla-Begleitung mit ihrer eigenen, höchst differenzierten Trommelsprache und das sich unaufhörlich bis zu einem furiosen Höhepunkt steigernde Tempo – das man weder im Jazz noch in der europäischen Musik findet – allenfalls im spanischen Flamenco (der wohl irgendwann aus Indien von wandernden Ziganes eingeführt wurde).

Psychologisch gesehen bringt einem eine Raga die frühe tiefe emotionale Beziehung zur Mutter wieder nah – während die Rhythmik den Vater darstellt – so meine Deutung dieser Musik.

Langer Rede kurzer Sinn: Es ist wahnsinnig schwer für einen Europäer, sich auf diese fremdartige indische Musik einzulassen. Es sei denn, man hat einen kundigen Begleiter, der das Zaubermittel kennt: Einen Joint. Das THC in der Haschischpfeife oder in der Marihuana-Zigarette sorgt für die nötige Entschleunigung und öffnet im Gehirn die speziellen Hörfähigkeiten – und dann ist man plötzlich drin und hört nicht mehr ein vorbeirauschendes Glissando, sondern erfährt die Melodie der Sitar als wunderbares Gewebe von Tönen, das auf vielfältige Weise die klare, aus etwa einem Dutzend Tönen bestehende Raga umspielt und nach und nach ein unfasslich komplexes musikalisches Gebilde schafft – das – obwohl nur von einem einzigen Instrument erzeugt – die Vielschichtigkeit einer Symphonie oder eines Jazz-Stücks erreicht und sogar übertrifft – wenn man sich darauf einlässt.

Das geht natürlich auch ohne Joint – indem man sich geduldig über lange Zeit in diese fremde musikalische Welt einhört. Aber mit einem Joint geht es „ruck zuck“ (das „sich Einlassen“ mal vorausgesetzt).

Es gibt großartige Flöten-Ragas und welche mit der Shenai oder der indischen Geige gespielte und ganz speziell die gesungenen Darbietungen – dazu die einzigartigen Tanzkünste Indiens. Ist die Tür des Verstehens erst einmal offen, macht sie ein ganzes kulturelles Universum zugänglich. Dazu noch die „Körper-Kunst“ des Yoga. Und eine Reise nach Indien

Hat sich die Tür durch einen Joint erst einmal geöffnet – kann man in diese musikalische Welt später auch ohne THC immer wieder eintreten. So habe ich es jedenfalls 1963 erlebt (und bin meinem damaligen „Begleiter“ D.H. noch heute dankbar für diesen Joint und diese allererste Raga, in die ich in seiner damaligen Wohnung an der Dachauerstraße eintauchen durfte.)

Quellen
Shankar, Ravi (Sitar): Music of India: Ragas and Talas (Rupak Tal / Raga Madhu Kauns / Raga Yogija / Dhun). USA 1959 (World Pacific #1431). Begleitung: Alla Rakha (Tablas).
ders.: Meine Musik – mein Leben. (New York 1968 _ Simon & Shuster). München 1968 (Nymphenburger Verlagshandlung) – Übersetzung: Elke vom Scheidt – Discographie: Jürgen vom Scheidt.

aut #1094 _ 2021-07-12/14:55

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Große Sommer-Schreibwerkstatt. 30. Juli bis 04. August 2021 – leider ausgebucht. Wiederholung:
Große Sommer-Schreibwerkstatt. 17. bis 22, September – noch sechs Plätze frei.
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Lieferbare Bücher von Jürgen vom Scheidt – alle Paperback, teilweise auch E-Book

Kreatives Schreiben – HyperWriting (Sachbuch – Ratgeber). (Frankfurt am Main 1989_Fischer TB). München 2006-11 (Allitera Paperback). 215 Seiten – € 19,90 / ISBN 978-3-86520-210-9.
Kurzgeschichten schreiben (Sachbuch – Ratgeber). (Frankfurt am Main 1994_Fischer TB) München 2002-07 (Allitera). 91 Seiten. 9,90 €uro / ISBN 3-935877-57-9.
Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität (Sachbuch – Ratgeber). München März 2004 (Allitera) 176 Seiten – 18,00 €uro / ISBN 386520-043-5.
Blues für Fagott und Zersägte Jungfrau (Anthologie mit eigenen Geschichten). München 2005 (Allitera). 140 Seiten – € 12,90 / ISBN 3-86520-121-0.
Männer gegen Raum und Zeit (Roman – Leihbuchausgabe). Wuppertal-Barmen 1958 (Wieba). Überarb. Neuausgabe 2015 (vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 301 Seiten – 14,950 € / ISBN 978-3-9816951-2-0.  / Kindle-Ausgabe als E-Book: 2,99 €.
Sternvogel (Roman – Leihbuchausgabe). Minden 1962 (Bewin). Überarb. Neuausgabe 2017 (vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 190 Seiten – 9,00 € / ISBN 9 781 520 546032.

°Die Wunderheilung (Story)

Sie wollte sich heilen lassen – aber der Analytiker gab ihr weit mehr

Die Frau nahm in dem ihr zugewiesenen Stuhl Platz. Es war ein sehr unbequemer Stuhl, auf dem man es nicht lange aushielt; man musste dann entweder bald wieder gehen – oder sich auf der Couch gleich dahinter niederlassen.

Der Psychoanalytiker schaute die Frau sehr lange schweigend an (so kam es ihnen beiden jedenfalls vor).

„Ich kann Sie nicht behandeln“, brach der Analytiker endlich das Schweigen.

„Warum können Sie mir nicht helfen, Herr Doktor?“

„Soll ich ehrlich sein?“

„Ich bitte darum. Deshalb bin ich ja zu Ihnen gekommen – weil ich Ehrlichkeit brauche – so dringend wie ein Verdurstender in der Wüste -„

“ – das Wasser?“

Sie nickte. „Warum nicht? Warum wollen Sie mich nicht behandeln?“

Er räusperte sich, rutschte verlegen auf seinem Stuhl herum, wenn auch kaum merkbar und sehr kontrolliert. Er nahm den Kalender in die Hand, als hätte er es sich anders überlegt. Dann legte er den Kalender wieder zurück auf das kleine runde Beistelltischchen. Er schüttelte den Kopf. „Nein, es geht nicht.“

„Weshalb, Herr Doktor!“

„Weil Sie eine sehr schöne und sehr begehrenswerte Frau sind. Außerdem sind Sie dazu noch -„

„Was denn?“

„Sehr intelligent. Ich habe im Internet ein wenig recherchiert – ihre Liste von Publikationen ist so beeindruckend wie die ihrer akademischen Titel. Und außerdem -„

„Was außerdem?“

„Außerdem sind Sie auch noch sehr wohlhabend – stammen zumindest aus einer sehr reichen Familie -„

„Na und?“

„Das ist das Problem – Zumindest was die beiden ersten Punkte angeht, ist das ein Problem – für mich jedenfalls -„

„WARUM!“

„Ganz einfach. Ich kann schönen, begehrenswerten Frauen nicht widerstehen. Ich würde mich in Sie verlieben. Das geht einfach nicht.“

„Jetzt reden Sie sehr offen mit mir – wo bleibt da die Asbtinenzregel?“

„Sie wollen doch Offenheit, oder?“

Sie nickte heftig. „Aber warum können Sie mich denn deshalb nicht behandeln? Das wäre doch eine geradezu ideale Voraussetzung für eine Psychotherapie -„

„Nein. Ganz im Gegenteil. Und das wissen Sie genauso gut wie ich. Oder wollen Sie mir weismachen, Sie hätten während Ihres Psychologiestudiums, das Sie mit Bestnote abgeschlossen haben und nach Verfertigung einer Dissertation über Möglichkeiten und Grenzen der psychoanalytischen Heilbehandlung, für die Sie summa cum laude bekamen -„

„Sie sind bestens informiert, Respekt -„

“ – Ja – und da wollen Sie so tun, als wüssten Sie nichts von Übertragungsgefühlen und Gegenübertragungen und wie das funkt zwischen Patientin und Analytiker und wohin sich das entwickeln könnte -„

Könnte, Herr Doktor, könnte -„

„Nein. Es könnte nicht – es würde – Frau Doktor -„

„Aber -„

„Kein aber. Die Antwort ist: Nein. Definitiv: Nein.“

„Auch nicht als Analysandin – im Rahmen einer Lehranalyse?“

„Dann erst recht nicht. Der Supervisor würde davon erfahren. Und bald wüsste es das ganze Institut und weiß der Himmel, wer sonst noch alles -„

„Aber es gibt doch eine ärztliche Schweigepflicht, die auch für Psychoanalytiker verpflichtend ist!“

„Ach ja? Soll ich Ihnen mal aufzählen, was in dieser Hinsicht alles schon gelaufen ist – und dass beispielsweise Sabine Spielrein, Carl Gustav Jungs kleine Gespielin, nicht die erste und letzte Patientin war, auf die ein Therapeut abgefahren ist – – und dass das inzwischen alle Welt längst weiß?“

Wieder sickerte das Schweigen aus den Wänden (so kam es jedenfalls beiden vor), in die schon so viele Wörter und so viel beredtes Schweigen hineingesickert waren.

„Ich muß also weiterhin krank bleiben, nur weil Sie sich weigern -„

„Nicht ich weigere mich, genau genommen, sondern Sie selbst tun das.“

„Ich? In welcher Hinsicht sollte ich mich weigern?“

„Gesund zu werden! Es bedarf nur dieser einen und einzigen Entscheidung: Ich möchte gesund werden.“

„Aber das will ich doch – um alles in der Welt -„

„Es bedarf zwar nur dieser einen wesentlichen Entscheidung – aber sie ist die schwerste von allen. Zu viel Krankheitsgewinn steht dem im Wege. Und Reichtum und hohe Intelligenz und Schönheit – das sind riesige Hürden auf dem Weg, alte Gewohnheiten aufzugeben. Aber mit alledem erzähle ich Ihnen ja nichts Neues. Sie haben es in Ihrer Dissertation seitenweise selbst ausgeführt.
Nein. Es bleibt beim Nein.“

Sie schwiegen beide wieder eine ganze Weile. Der Sand war aus der 55-Minuten-Uhr schon fast nach unten durchgelaufen, als sie aufstand, eine Zweihundert-€uro-Note aus ihrer Brieftasche zog und sie auf dem Beistelltischchen ablegte. Sie zögerte. Dann nahm sie den Schein zurück und gab ihn dem Analytiker direkt in die Hand.

„Danke“, sagte sie und schaute ihm tief in die Augen.

„Danke meinerseits“, gab er lächelnd zurück.

„Es geht mir jetzt schon viel besser als am Beginn unseres Gespräch. Meine Migräne hat sich wie in Nichts aufgelöst -„

„Oh -„

„Doch, ja. Als ich kam, hatte ich rasende Kopfschmerzen. Aber ich habe bewusst keine Tablette genommen. Wollte sehen, ob das etwas Psychodynamisches ist und sich vielleicht durch unser Gespräch auflöst.“

„Und – hat es das?“

„Offensichtlich. Es war die Festigkeit und Klarheit, die ich bei Ihnen gespürt habe. Alle Leute, die ich kenne – die ich an mich heranlasse – sie schmeicheln mir entweder, oder sind zu abweisend -„

„Hm -„

„Vielleicht haben Sie mich ja sogar eben geheilt. Vor allem haben Sie der Versuchung widerstanden, mich tausend Stunden lang finanziell ordentlich zu melken, wie eine Milchkuh. Das wird Ihnen nicht leicht gefallen sein. Ich weiß, dass Sie zur Zeit nur wenige Patienten haben. Psychoanalyse ist nicht mehr der Renner wie vor Jahrzehnten noch -„

„Oh – Sie haben sich aber ebenfalls gut informiert.“

„Das war ich mir schuldig. Aber ich merke, daß Sie mir wirklich sehr geholfen haben.“

„Fast eine Wunderheilung -„

„Es wird sich zeigen, ob das hält. Oder ob das nur der Übertragungsliebe zu schulden ist. So nennt man das doch, oder?“

„Na klar. Steht doch so deutlich in Ihrer Dissertation, in Kapitel drei, wenn ich es recht erinnere.“

Sie lachte hell auf. „War doch alles nur abgeschrieben. Aber jetzt habe ich eine echte Erfahrung gemacht – eine eigene Erfahrung.“

„Und die wäre?“

„Daß man Zuneigung wirklich nicht kaufen kann. Zuwendung aber schon. Sie waren mir in dieser Stunde sehr zugewandt. Ich glaube, das habe ich noch nie wirklich erlebt – oder jedenfalls schon sehr lange nicht.“

„Unsere Zeit -„

„Ja, ich weiß. Der nächste Patient – Falls ich Ihre Hilfe noch einmal brauchen sollte -„

„In Notfällen immer. Aber ich denke nicht, dass es nötig sein wird.“ Er reichte ihr ein Papiertaschentuch aus der Packung auf dem Beistelltischchen. Sie nahm es und ging.

Ende

Abb: So könnte es abgelaufen sein… (Photo by cottonbro on Pexels.com)

aut 1089 _ 2021-07-09/ 13:02  

Traum vom liebenden Kind

Ein Kind kommt nicht „leer“ auf die Welt. Es hat neun Monate lang eine intensive Beziehung zu seiner Mutter erlebt und diese wird nach der Geburt fortgesetzt – wenngleich nun anders. Die „Nabelschnur“ ist ab da die liebevolle Suche nach Nähe der Mutter. In dieses Muster werden der Vater eingefügt und – falls schon vorhanden – Geschwister und wer sonst noch häufig auftaucht im Leben des Neugeborenen.

Soweit – so trivial. Soweit – so abstrakt – abrufbares psychologisches Wissen. Wobei zu ergänzen wäre, dass man gerade in diesem Beispiel deutlich erkennen kann, wie missverständlich es war, als Sigmund Freud in seinem Bemühen um „Naturwissenschaftlichkeit“ die Menschen als „Objekte“ bezeichnete und damit gewissermaßen neutralisierte. Eine Mutter (oder ein Vater), dem ein Kind so seine Liebe schenkt, ist kein lebloses „Objekt“, sondern ein sofort reagierendes „Subjekt“. Es entsteht von Anfang an, eine vielschichtige dynamische Wechselbeziehung, die sich (im Sinne der Kybernetik) ständig verstärkt oder abschwächt.

Heute früh bin ich mit einem Traum aufgewacht, der mir die Realität vor Augen geführt hat, wie das damals gewesen sein muss, als meine eigenen drei Kinder auf die Welt kamen: Wie sie mich liebevoll angeschaut – und dadurch in mir die Liebe zu ihnen geweckt haben. Ein überwältigendes Gefühl – abgespeichert in den Tiefen meiner Erinnerungsspeicher – und heute Morgen plötzlich in aller Intensität da.

Während ich der langsam wieder verblassenden Traumszene noch nachsann – begriff ich plötzlich, wie es meinem Vater zumute gewesen sein muss, der das nie richtig erlebt hat, weil er irgendwo in Europa in Hitlers Auftrag Krieg führte gegen Menschen, die das genauso wenig wollten wie er. Er war zwar einige Tage nach meiner Geburt im Februar 1940 auf Heimaturlaub kurz in Leipzig – aber so ein flüchtiger Moment kann keine tiefe, stabile Beziehung aufbauen. Das nächste Mal habe ich ihn, ebenfalls nur für einige Tage, an Ostern 1943 erlebt, wieder auf Heimaturlaub.
Richtig nachhause kam er erst im Juli 1945, nach kurzer Gefangenschaft bei den Amerikanern.

Aber für einen fünfjährigen Jungen und einem da bereits 38 Jahre alten Vater ist es enorm schwer, eine unbelastete intensive Beziehung aufzubauen. Doppelt schwer vor allem, weil der Vater ab da ja auch immer wieder – teils für Monate – verschwunden war, wenn er irgendwo in Deutschland endlich Arbeit als Kellner gefunden hatte: 1946 in einem Café in Wuppertal – 1947 auf Sylt im britischen Offizierskasino (das umfunktionierte Kurhaus von Kampen) – 1948 in Garmisch bei den Amerikanern im „Casa Carioca“.

Danach machte er sich als Handelsvertreter selbständig – und war wieder die ganze Arbeitswoche über „verschwunden“ – fuhr am Montagvormittag weg (manchmal schon am Sonntagabend) und kam meistens spät abends am Freitag heim (manchmal auch erst am Samstagmittag).

Perspektivenwechsel – vom Kind zum Vater

Das ist die eine Seite – wie ich sie als Kind erlebt habe und die zu einer lebenslangen „Suche nach dem Vater“ führte, die unsere Beziehung sehr schmerzhaft mit starken Zügen von Trauer, Wut, ja hassvoller Ablehnung (als unbewusste Bestrafung?) versah – besonders schmerzhaft, weil mein Vater ja auch viel gab und sich immer wieder sehr bemühte: wenn er mir das Schwimmen und tauchen beibrachte und später das Autofahren, mir den nächtlichen Sternhimmel erschloss, englische Vokabeln schon mir Siebenjährigen in Kampen mit Vokabelkärtchen nahebrachte und damit die Liebe zu dieser Fremdsprache weckte. Oder wenn er mich in den Ferien mit auf Geschäftsreise nahm und mir dabei viel Nähe zeigte und viel von der Welt zeigte. Aber es fehlte eben etwas ganz tief unten im emotionalen Fundament, das gleich zu Beginn des Lebens gelegt wird.

Wie eine „Insel“ in diesem ständigen Suchen und Verlieren war die drei Monate auf Sylt, wo mein Vater zwar arbeitete – aber auch viel Zeit für seine Familie und speziell für mich hatte. Drei Monate waren wir dort in den Ferien – ich mit der Sondergenehmigung und der Auflage, in Kampen mit den „Friesenkindern“ sechs Wochen in die Schule zu gehen – denn die Ferien dauerten ja offiziell nur sechs Wochen und nicht drei Monate. Für mich waren das trotzdem drei Ferienmonate in einem der schönsten Sommer meines Lebens.

Der Traum von heute morgen zeigte mir schlagartig, was ich noch nie zuvor so gesehen habe: Dass genau dieser liebevolle Blick und die tiefe Zuwendung, die dieses Kind mir schenkt – meinem Vater gefehlt haben muss, als sein erstes Kind auf die Welt kam. Eine richtige einigermaßen normale Vater-Sohn-Beziehung gab es für ihn erst 1949, als mein jüngerer Bruder Stefan auf die Welt kam.

Mein Leben lang war ich auf der „Suche nach dem Vater, den ich nie so richtig gehabt habe“ – nun weiß ich, dass es umgekehrt bei ihm ähnlich gewesen sein muss.

Aber darüber wurde nie gesprochen – das wurde wohl auch nur sehr vague erlebt und blieb unbewusst. Aber dank diesem Traum weiß ich es nun. Das Kind im Traum war etwa so alt wie Jonas oben auf dem Bild – etwa halbjährig. Es war jedoch bei aller Vertrautheit und Nähe zugleich irgendwie unbekannt, als es mir diesen Blick und diese zärtliche Umarmung voller Zuneigung und Zuwendung schenkte. C.G. Jung hätte das wohl als „Archetyp des ewigen Kindes“ bezeichnet – „fremd und vertraut zugleich“ – ein seltsames Oxymoron, das aber diesen Moment exakt beschreibt in all seiner Widersprüchlichkeit.

Mein Vater hat von diesen meinen späten Erkenntnissen nichts mehr – obwohl zwischen uns beiden gegen Ende seines Lebens, als er schon in meinem heutigen Alter war, eine zaghafte, wortlose Annäherung stattfand, die die vorherige Distanz zu überwinden begann. Einmal – da war er schon im Pflegeheim – wollte er mit dem Rollstuhl durch die ebenerdige Tür in den Garten und hatte Mühe damit. Er ließ es wortlos zu, dass ich ihn hinausschob. Das wäre vorher von ihm irgendwie mit einer Entschuldung oder einem trotzigen „Das schaff ich schon noch selber!“ abgewehrt oder sonstwie entwertet worden. Dieses wortlose, fast liebevolle Geschehenlassen war ein großes Geschenk von ihm, das mich noch heute, in der Erinnerung, tief berührt.

Ein wunderbarer Traum heute Morgen – so als wäre ich mittels Zeitreise gleichzeitig zurück an den Anfang meines eigenen Lebens gereist – und hätte meinem Vater diese Zuwendung des eben auf die Welt gekommenen Kindes geschenkt, die er in Warhheit von mir nie bekommen konnte.

MultiChronalia
Der Traum ist, wie alle Träume, vielschichtig, auch was die darin vorkommenden Lebensphasen angeht. Da ist der Anfang meines Lebens 1940 – da sind die ersten Begegnungen mit dem Vater 1943 – dann ab 1945. Der wunderbare Sommer 1947 auf Sylt. Dann die späteren Jahre mit den eigenen Kinder – speziell 1982, als das Foto oben entstanden ist. Und nun die Gegenwart vom 08. Juli 2021, in der der Traum geträumt wurde – wohl ausgelöst von Tagesresten: vor zwei ‚Tagen ein Treffen mit meinem Bruder Stefan (Schwimmen im Starnberger See und ein langes Gespräch über Familiengeschichten – speziell auch über meinen Vater); gestern Telefonate mit meinen Söhnen Jonas und Gregor.

Begleit-Musik

Mehr zufällig schaute ich am Abend nach diesem Beitrag den postapokalyptischen Action-Film Mad Max II: Thunderdome – mit Mel Gibson („Forever Young“) in der Hauptrolle. Und mit einer toll agierenden Tina Turner in ihrer ersten und einzigen Filmrolle*: als Wüstenkönigin in einer untergegangenen Zivilisation „nach unserer Zeit“ (nicht durch die Klimakatastrophe untergegangen sondern durch einen Atomkrieg – makes no difference!). Tina singt auch den mitreißenden Titelsong „Thunderdome“ mit den eingängigen Zeile „We don´t need another hero“ – die alle Heldenreisen in Frage stellt.

* Sie hat jedoch großartige Auftritte in Konzertmitschnitten wie der DVD Tina Turner in Amsterdam.

aut #1088 _ 2021-07-08/11:38

Unser nächstes Seminar

Große Sommer-Schreibwerkstatt vom 30. Juli bis 04. August 2021 – leider ausgebucht. Wiederholung:
Große Sommer-Schreibwerkstatt. 17. bis 22, September – noch sechs Plätze frei.
Anmeldung → hier

Lieferbare Bücher von Jürgen vom Scheidt – alle als Paperback, teilweise auch als E-Book

Kreatives Schreiben – HyperWriting (Sachbuch – Ratgeber). (Frankfurt am Main 1989_Fischer TB). München 2006-11 (Allitera Paperback). 215 Seiten – € 19,90 / ISBN 978-3-86520-210-9.
Kurzgeschichten schreiben (Sachbuch – Ratgeber). (Frankfurt am Main 1994_Fischer TB) München 2002-07 (Allitera). 91 Seiten. 9,90 €uro / ISBN 3-935877-57-9.
Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität (Sachbuch – Ratgeber). München März 2004 (Allitera) 176 Seiten – 18,00 €uro / ISBN 386520-043-5.
Blues für Fagott und Zersägte Jungfrau (Anthologie mit eigenen Geschichten). München 2005 (Allitera). 140 Seiten – € 12,90 / ISBN 3-86520-121-0.
Männer gegen Raum und Zeit (Roman – Leihbuchausgabe). Wuppertal-Barmen 1958 (Wieba). Überarb. Neuausgabe 2015 (vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 301 Seiten – 14,950 € / ISBN 978-3-9816951-2-0.  / Kindle-Ausgabe als E-Book: 2,99 €.
Sternvogel (Roman – Leihbuchausgabe). Minden 1962 (Bewin). Überarb. Neuausgabe 2017 (vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 190 Seiten – 9,00 € / ISBN 9 781 520 546032.

Werbung in eigener Sache

Dieser Blog ist im Prinzip werbefrei. Aber ich werde in Zukunft am Schluss der Beiträge einen kleinen Kasten einfügen, in dem ich auf meine lieferbaren Bücher hinweise und auf das aktuelle Schreibseminar-Angebot. Und so wird das aussehen:

Unser nächstes Seminar

Große Sommer-Schreibwerkstatt vom 30. Juli bis 04. August 2021 – leider ausgebucht. Wiederholung:
Große Sommer-Schreibwerkstatt 2 vom 17. bis 22, September – noch vier Plätze (von zehn) frei.
Anmeldung → hier

Abb: Lieferbare Bücher (Archiv JvS)

Lieferbare Bücher von Jürgen vom Scheidt – alle Paperback, teilweise auch E-Book

Kreatives Schreiben – HyperWriting (Sachbuch – Ratgeber). (Frankfurt am Main 1989_Fischer TB). München 2006-11 (Allitera Paperback). 215 Seiten – € 19,90 / ISBN 978-3-86520-210-9.
Kurzgeschichten schreiben (Sachbuch – Ratgeber). (Frankfurt am Main 1994_Fischer TB) München 2002-07 (Allitera). 91 Seiten. 9,90 €uro / ISBN 3-935877-57-9.
Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität (Sachbuch – Ratgeber). München März 2004 (Allitera) 176 Seiten – 18,00 €uro / ISBN 386520-043-5.
Blues für Fagott und Zersägte Jungfrau (Anthologie mit eigenen Geschichten). München 2005 (Allitera). 140 Seiten – € 12,90 / ISBN 3-86520-121-0.
Männer gegen Raum und Zeit (Roman – Leihbuchausgabe). Wuppertal-Barmen 1958 (Wieba). Überarb. Neuausgabe 2015 (vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 301 Seiten – 14,950 € / ISBN 978-3-9816951-2-0.  / Kindle-Ausgabe als E-Book: 2,99 €.
Sternvogel (Roman – Leihbuchausgabe). Minden 1962 (Bewin). Überarb. Neuausgabe 2017 (vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 190 Seiten – 9,00 € / ISBN 9 781 520 546032.

Begleitmusik
Bob Marley and the Wailers: Kaja. (1978).
Die „heilige“ Marihuana-Pflanze auf dem rückwärtigen Cover unterstreicht es: Relaxte Kiffer-Reggaes mit viel Sonnenschein-Gemütlichkeit.  Und dann war da noch die Rückbindung an den Rastafari-Kult, der sich auf Haile Selassie I., den letzten Kaiser von Äthiopien und somit auf afrikanische Wurzeln bezog.
Aber Vorsicht – diese Musik (Ska) war weit vielschichtiger. Ihre Texte transportierten aufmüpfige Kritik an den politischen Zuständen in Jamaika. Marleys Lebensgeschichte ist schon als Kurzfassung in der Wikipedia lesenswert und aufschlussreich. 
Ihre Herkunft kann diese Musik nicht leugnen: Den Rhythm´n´Blues der schwarzen Nordamerikaner, der von New Orleans über das Meer herüberwehte und eifrig gecovert und kreativ umgeformt wurde.

 

Abb. 1: Bob Marley auf dem Cover von „Kaja“ / Abb. 2: Rückseite des Platten-Covers, das die vielgeliebte „Mary Jane“ feiert (Island Records 1978 / Archiv JvS)

MultiChronalia

Hübscher Zufall: Die Plattenfirma Island Records (bei der Marleys LP anno 1978 erschienen ist) gehörte ursprünglich Richard Branson, der unter anderem mit dieser Firma sein Vermögen aufbaute und sich dieser Tage (14. Juli 2021) als erster Milliardär den ersten Flug in den Weltraum mit seinem eigenen Unternehmen Virgin Galactic gegönnt und damit seine Milliardärs-Kollegen und Weltraum-Konkurrenten Jeff Bezos (Amazon) und Elon Musk (Tesla) ausmanövriert hat.

aut #1068 _ 2021-07-06/13:10

Musikalische Begleitung

Als Schüler und Student war Musik immer dabei, wenn ich lernte oder las. Das gewöhnte ich mir ab, als mein Schreiben professioneller wurde und ich irgendwann begriff, dass die Musik mich nur ablenkte und der „nervliche“ Aufwand an Konzentration unnötig groß war. Das war dem kreativen Prozess nicht gerade förderlich – und dem Kunstgenuss war es auch nicht zuträglich, die Musik nur nebenher laufen zu lassen.
Ich ging gerne in Konzerte, meine Frau Ruth immer dabei – wenn indische Musik geboten wurde, oder guter Jazz.

Dann kam die Schwerhörigkeit – und mit der Fähigkeit, „direkt“ zu hören, schwand die Lust an Konzerten. Auch Theaterbesuche reizten mich nicht mehr; das Abonnement bei den Kammerspielen wurde storniert. Und was sollte all dieser Aufwand, sich festlich anzuziehen und sich unter wildfremde Leute zu mischen –

Ruth und ich genossen es dafür ab da sehr, Konzerte auf DVD und Blu-ray zu hören. Tina Turner in Amsterdam als akustisches und optisches Spektakel ersten Ranges. Peter Gabriels phantastische Secret World, ebenfalls als Konzert-Aufzeichnung auf Blu-ray. Die Aufzeichnung der Inszenierung der Zauberflöte von Mozart in der Münchner Oper –

Von klassischer Musik hörten wir gerne die Mahler-Symphonien – den Pergolesi – den Vivaldi. Ansonsten vor allem indische Musik, guter Rhythm´n´Blues (von John Lee Hooker und Otis Redding – dessen „Sitting on the Top of the Bay“ war einer unserer vielen gemeinsamen Favoriten.)

Ruths Parkinson-Krankheit ab 2009 und dann ihr Tod 2016 ließen diese Lust an der Musik irgendwie erlöschen. Ab da schaute ich mir lieber Filme auf DVD und Blu-ray an – mit dem großen Flachbildschirm ist der Genuss kaum mehr von dem im Kino zu unterscheiden – und weniger aufwendig. Und Kino in Corona-Zeiten ist nicht mehr unbedingt erstrebenswert. Was erstaunlich ist, denn ich war ein ausgesprochener Kinonarr.

Die Wende: neue Hörgeräte

Das mit dem Musik-Hören hat sich überraschend wieder geändert, seit ich die neuen Hörgeräte habe die ich via Bluetooth direkt mit dem CD-Player und dem Fernseher koppeln kann – ein Kunstgenuss ohnegleichen – weil der Frequenzbereich nicht mehr durch Kopfhörer eingeschränkt ist, sondern dem normalen (gesunden) Hörbereich und Hörgenuss entspricht.

Lange Vorrede kurzer Sinn: Ich höre gerne wieder Musik. Manchmal auch, wenn ich am Blog arbeite. Dabei habe ich entdeckt, dass zu manchen Themen eine bestimmte Musik gut passt und den kreativen Prozess fördert*.

* Mein Tipp für Menschen mit Schreib-Blockaden: Eine passende Musik finden, welche die Lust am Schreiben stimuliert!

Begleit-Musik

Ich werde in Zukunft immer am Schluss eines Beitrags die Musik nenne, die seine Entstehung angeregt oder begleitet hat. Diesmal waren das zwei CDs:

Die CD Thimar des Anour Brahem Trios war ein Geburtstagsgeschenk meines Bruders Stefan. Sehr schöne arabisch-jazzige Musik mit Oud (Anour Brahem), Doppelbass (David Holland) und Sopransaxophon bzw. Bass-Klarinette (John Surman) – erinnert mich sehr an Jan Gabareks Auftritte mit dem indischen Geiger Shankar.
Und dann diese nervösen Be-Bop-Soli von Charlie Parker! Erstaunlich, was die Musiker in die damals üblichen drei Minuten hineinpressten, die von der Jukebox verlangt wurden. Heute sind Jazz-Stücke von zehn Minuten und länger fast schon die Regel. Das gigantische „Africa“ des John Coltrane Quartetts dauert 16:22 Minuten, „A Love Supreme“ insgesamt fast eine halbe Stunde.

Quellen
Anour Brahem Trio: Thimar . München 1998 (ECM Records).
Coltrane, John: Africa / Brass. USA 1961 (Impulse).
ders.: A Love Supreme. USA 1986 (MCA).
Parker, Charlie und Begleitung: Charlie Parker Masterworks 1946-1947. (USA 1947). Deutschland 1989 (Joker Tonverlag).

aut #1084 _ 2021-07-04/13:01


Beruf: Lektor

Die ominöse Dechiffriermaschine Lector, die im zweiten James-Bond-Filme (Liebesgrüße aus Moskau) eine wichtige Rolle spielt, hat außer dem Namen (und dass sie Texte „liest“ bzw. verschlüsselt und entschlüsselt) wenig mit der Tätigkeit eines menschlichen „Lektors“ zu tun. Aber immerhin: Auch Lektorinnen und Lektoren lesen – nämlich Manuskripte. Und sie müssen sie ebenfalls „entschlüsseln“ und bewerten: Nämlich ob sie ins nächste Verlagsprogramm passen und ob ihr Inhalt etwas taugt.
Als Buchautor ist man logischerweise auch Lektor – der allererste sogar. Das ist zugleich das Problem – denn man ist dabei leider befangen. Ein unabhängiger Lektor eines Verlags ist unabdingbar – weil der nämlich als „erster Leser“ zugleich die möglichen Reaktionen der potenziellen Käufer mit „auf dem Radar“ hat und vor allem die naturgemäße „Betriebsblindheit“ des Urhebers ausgleichen kann. –

Wie wird man Verlagslektor? Heute ist das längst ein normaler Studiengang an der Universität – in München zum Beispiel an der Ludwig-Maximilians-Universität am „Buchwissenschaftlichen Institut“. Es studieren dort überwiegend Frauen.
Wie bin ich in diesen Beruf hineingeraten, obwohl ich doch Psychologie studiert habe (was übrigens auch ein typischer Frauen-Beruf ist)?
Wie so vieles in meinem Leben ergab sich das durch Zufall und vor allem durch autodidaktisches Selbststudium. Nachdem ich 1968 mein Diplom als Psychologe in der Tasche hatte, wollte ich endlich Geld verdienen. Also ging ich zum Arbeitsamt (wie das damals noch hieß) und erkundigte mich nach einer Stelle als Psychologe. Ich hatte deutlich den Eindruck, dass meine Frage dem zuständigen Sachbearbeiter recht naiv erschien, denn er meinte nur trocken:
In München gibt es derzeit 600 arbeitslose Psychologen.“

Ich bedankte mich, ging und fragte mich: Was habe ich denn sonst noch gelernt, was kann ich – was würde ich gerne tun?
Sofort fiel mir das Bücherschreiben und überhaupt das Schreiben ein. Ich weiß nicht mehr, wie ich auf den Zeitschriftenverlag „Kindler & Schiermeyer“ kam und deren neues Projekt Jasmin – die Zeitschrift für das Leben zu zweit (eine deutsche Variante der amerikanischen Frauenzeitschrift Cosmopolitan). Wahrscheinlich hatte ich in der Süddeutschen darüber gelesen. Ich rief an, hatte bald ein Vorstellungsgespräch – und Anfang 1968 trat ich meine erste Arbeitsstelle in der Vorbereitungs-Redaktion für Jasmin an: als Redakteur. Aber eigentlich war mein Arbeitsplatz das, was man „Lektorat“ nannte. Dort musste ich die zahlreichen Übersetzungen vergeben (was unter anderem meiner ersten Frau Elke eine stetig tröpfelnde Flut lukrativer Auftrage bescherte, weil sie schnell und zuverlässig sowohl englische wie französische Texte übertragen konnte*. Aber ich versorgte auch etliche andere Übersetzerinnen mit Aufträgen – was mir später zugute kam, weil einige von ihnen Beiträge für meine Reader und Geschichten für meine Anthologien übersetzen konnten, wenn Elke das Pensum zu viel wurde).
Außerdem musste ich für andere Redakteure Texte begutachten und ausländische Bücher, welche Agenturen anboten; außerdem gehörten noch Recherchen in der Staatsbibliothek und anderen Quellen zu meinem Bereich. Eigentlich war ich das, was man „Mädchen für alles“ nennt. Nicht gerade der tollste Start ins Berufsleben für einen frischgebackenen Diplompsychologen – aber doch im Rückblick eine vielseitige Vorbereitung auf die nächste Arbeitsstelle, die nun ein echtes Lektorat in einem Buchverlag war.
Als ich Ende 1968 bei Jasmin kündigte (weil mir der Job dort auf Dauer zu eintönig war), stand mein Sinn überhaupt nicht irgendwas „Psychologischem“, sondern ich hielt bei den Stellenanzeigen gleich nach einem Buchverlag Ausschau. Von Piper, dem Verlag der Wahl (und praktischerweise nah bei unserer Wohnung in der Zieblandstraße nur wenige Minuten entfernt: in der Georgenstraße. Aber die wollten mich nicht (dafür haben sie 2005 mein Sachbuch → Das Drama der Hochbegabten als Taschenbuch nachgedruckt – in München läuft man sich, was Buchprojekte angeht, immer wieder über den Weg – ist es doch nach New York eine der wichtigen Verlags-Städte der Welt).
Gleich die dritte Bewerbung klappte dann: bei der Nymphenburger Verlagshandlung. Dort konnte ich dreifach punkten: natürlich mit meinem abgeschlossenen Psychologiestudium, aber vor allem mit meiner Tätigkeit als Mitarbeiter beim Selecta-Verlag und eben dem Jahr bei Jasmin.
Selecta war ein medizinischer Fachverlag, für den ich schon während des Studiums als Journalist tätig gewesen war – für technische naturwissenschaftliche und psychologische Themen (vor allem für die beiden ersten Bereiche ist Science-Fiction übrigens eine exzellente Vorbereitung!) Das war eigentlich ein typischer Studentenjob – aber doch weit mehr, weil es mit einer Ausbildung verbunden war. Diese war kein offizielles Volontariat; aber von den Fertigkeiten her, die man mir beibrachte und mich ausprobieren ließ, lief es genau auf das hinaus. Und dieser Studentenjob ermöglichte mir nach dem Studium dann immerhin die Arbeit als Lektor – s. oben.

Als Psychologe wurde ich erst 1970 tätig, genauer: Als Drogenberater war dies gewissermaßen mein dritter Beruf – nein: mein vierter.

Mein allererster Beruf? Romanautor!

Genau genommen war mein allererster „Beruf“ Romanautor. Immerhin habe ich schon als Schüler zwei Romane nicht nur geschrieben, sondern auch veröffentlicht. Das genügt doch als Berufsnachweis, oder?

Und bei einem Romanautor macht es sich auf jeden Fall gut, wenn in seiner Vita zu lesen ist:
„… war einige Jahre in Kanada als Holzfäller und in Kalifornien als Goldgräber, dann auf Island als Pferdezüchter erfolgreich…

oder scheiterte – ist egal – Hauptsache Erfahrung in einem speziellen Metier oder noch besser: in mehreren. Die eben genannten – Holzfäller – Goldgräber – Pferdezüchter – stammen nicht aus meiner Vita – aber schon als Sechsjähriger war ich mit meinem Großvater auf dessen Baustellen und habe gesehen, was Maurer tun und wie die Zimmerleute einen Dachfirst errichten und all dies kann ich jederzeit aufschreiben und in eine Geschichte einbauen – so etwas vergisst man nicht. Und ich weiß außerdem, wie der Hufschmied ein Pferd beschlägt und wie man ein Wagenrad für einen großen Leiterwagen baut und wie man Kühe melkt – das hab ich schon als Dreijähriger von unserem Kindermädchen Else gelernt, einer Bauerntochter, die mir außerdem beibrachte, wie man im Herbst einen Kartoffelacker „nachliest“ und mit dem trockenen Kartoffelkraut ein richtiges Kartoffelfeuer anzündet und darin Kartoffeln brät – mit etwas selbstgestampfter (!) Butter und selbst gemachtem Käse eine kulinarische Köstlichkeit, die kein Witzigmann der Welt hinkriegt und kein Tantris-Feinschmeckerlokal, schon deshalb nicht, weil der Geruch des brennenden Kartoffelkrauts fehlt, der im Herbstnebel über das Feld kriecht….

Das tut jedem Roman gut: Lebens- und speziell auch Berufserfahrung. Und da ein Roman ja nicht nur eine Hauptfigur hat, sondern meistens ein ganzes Personal verschiedenster Figuren, ist Erfahrung mit vielen Berufen fast so etwas wie eine Grundvoraussetzung für einen Autor – selbst wenn er immer wieder gescheitert sein sollte (warum sonst wird er oder sie denn schließlich Autor?)

Was macht eine Lektorin?

Ein Verlagslektor (weiblich wie männlich) ist unter anderem für den Klappentext der von ihr / ihm betreuten Bücher und für die dort abgedruckte Kurz-Vita des Autors zuständig. Man macht eigentlich heutzutage mehr den Job eines Marketing- und Werbespezialisten als das, was ich noch als Lektor bei der Nymphenburger Verlagsanstalt zu tun hatte: den Text des eigentlichen Werkes betreuen (das machen heute meistens – schlecht bezahlte – Außenlektoren). Ich erinnere mich noch deutlich, dass eine meiner schwierigsten Aufgaben war, das sprachlich recht schwache Manuskript eines Tierarztes („wie man Krankheiten bei Pferden erkennt und behandelt“) in lesbares Deutsch zu übertragen – was durchaus lohnte, denn der Inhalt stimmte – und Pferdebücher waren (wie die renommierten Jazz-Bücher und vor allem der Jazz-Kalender) eine der zuverlässig sprudelnden Einkommensquellen des Verlags.
Weit mehr waren meine wissenschaftlichen Kenntnisse gefragt beim Super-Hit, auf den Verleger (und Chemiker) Spangenberg mit Recht sehr stolz war (und ich als Lektor natürlich ebenfalls), weil daran vier Nobelpreisträger beteiligt waren: Der Briefwechseln zwischen Albert Einstein und Max Born, mit Geleitwort von Bertrand Russell und Vorwort von Werner Heisenberg. Zu meiner Tätigkeit als Lektor gehörte diesbezüglich auch der Briefwechsel mit den noch lebenden Beteiligten bzw. ihrer Mitarbeitern.
Spangenberg war ein findiger Kopf. Er suchte ständig nach Wissenschaftlern, die an interessanten Themen arbeiteten und publizierte diese in der neu gegründeten Sammlung Dialog, deren Betreuung meine Hauptaufgabe wurde. Solche „direkten“ Manuskripte waren preiswerter zu erstehen als ausländische Werke, die erst noch teuer übersetzt werden mussten (was zudem zeitraubend war).

In der Sammlung Dialog konnte ich später übrigens zwei Jahre ein eigenes Buch publizieren: Einen Reader, der interessante Texte von Psychoanalytikern über ihre Arbeit versammelte und entsprechend den Titel → Psychoanalyse trug, mit der Unterzeile: Selbstdarstellung einer Wissenschaft“. Auf diese Weise entstanden briefliche Kontakte zu einem Dutzend führender Fachleute.

Besonders stolz war ich jedoch auf ein Buch, das ich in den Verlag holen konnte: Die Autobiographie des indischen Musikers Ravi Shankar (die bestens zum Jazz-Programm passte). Meine erste Frau Elke übersetzte das Buch und ich stellte die Discographie aktueller indischer Musik zusammen – eine wunderbare Gemeinschaftsarbeit, die außerdem dazu führte, dass ich Ravi Shankar nach einem Konzert in Frankfurt nicht nur die frisch gedruckte deutsche Ausgabe überreichen konnte – sondern mit ihm und seinen beiden Begleitmusikern (Tablas und Tamboura – die Namen weiß ich leider nicht mehr) anschließend) zum Essen samt entspanntem Gespräch gehen durfte.

Ravi Shankars Autobiographie My Music – My Life (Nymphenburger Verl.hdl 1969)

In der Klappentext-Vita meines ersten eigenen Romans stand zunächst gar nichts – weil ich damals Schüler war und der Verlag die Leser nicht gleich mit so einer Nicht-Vita konfrontieren wollte. Aber im Lauf der Zeit kam so einiges an Berufserfahrung zusammen, denn ich war:

° Reiseleiter (in die Türkei – später ähnlich mit meinen Schreibgruppen im Wallis, mit denen ich ja auch Bergwanderungen unternahm).
° Verkäufer von Geldanlagen (schon als Student vertrieb ich amerikanische Investment-Fonds, hatte sogar sechs Mitarbeiter – Trainees – die für mich tätig waren).
° Yogalehrer (u.a. für den Kreisjugendring und die Sporthochschule in München).
° Rundfunksprecher (ich sprach meine eigenen Texte – bekam dafür eine richtige Anleitung und viel „learning by doing“).
° Interviewer im Bayrischen Rundfunk.
° Drogenberater.

Für alle diese Tätigkeiten hatte ich keine richtige „Ausbildung“ – aber gute Mentoren und das meiste brachte ich mir autodidaktisch selbst bei – wie mit 17 das Romanschreiben.

Mein Studium der Psychologie war ja mehr ein „Breitband-Schnuppern“ in viele Themenbereiche (gab mir allerdings für meine spätere Autorentätigkeit viele Anregungen mit und vor allem das Wissen, was man wo findet, wie man recherchiert, wie man ein Thema aufbereitet und wie man kritisch an ein Thema rangeht).
Eine richtige berufliche Ausbildung bekam ich erst in den Jahren, in denen ich mittels Themenzentrierter Interaktion (TZI) lernte, wie man Seminare anders als auf der Universität leitet – nämlich teilnehmerorientiert. Das habe ich während etwa fünf Jahren intensiv gelernt und mit einem Diplom abgeschlossen – das Beste, was mir im Leben passieren konnte (nicht zuletzt, weil ich dabei meine spätere Frau und Kollegin und Mitarbeiterin Ruth kennenlernte).

Diese TZI-Seminare mit dem bereits vertrauten Schreiben zu kombinieren – das war dann wieder eine autodidaktische Eigenschöpfung: Creative Writing, nannte man das damals in den USA – für Deutschland war das etwas Neues. Aber das sind weitere Geschichten – die sollen ein andermal hier im Blog erzählt werden.

Fazit: Ich habe viele Berufe gelernt und ausgeübt – etwas Besseres kann einem nicht passieren, wenn man Geschichten schreiben will. Aber das mit dem Lektor ist eine Tätigkeit, die irgendwie in alle anderen hineinwirkt, zumindest wenn sie mit Texten verbunden sind: lesend – schreibend – evaluierend.
Dieser Tage begleite ich eine Frau dabei, ihr interessantes Leben in Buchform zu fassen – erst jetzt wird mir bewusst, dass ich da wieder als Lektor tätig bin – wie 1968/69 – und natürlich letztlich auch bei meinen eigenen Buch-Projekten.

* Als die Memoiren des französischen Generals de Gaulle erschienen, wollte die Redaktion das „Leben zu zweit“ des französischen Präsidenten und seiner Gattin zu einem Artikel verarbeiten und brauchte dafür „vorgestern“ eine Roh-Übersetzung ins Deutsche. Genau das Richtige für Elke, das das komplette Buch über Ostern 1968 in Partien übersetzte, die ich Kapitel für Kapitel dem zuständigen Redakteur überbrachte. Mit Eilzuschlag brachte das für etwa eine Woche Arbeit ein Honorar von 4.000 Mark – nicht schlecht für den Start in eine junge Ehe. Ich bekam damals ein monatliches Gehalt von 1.500 Mark.

Quellen
Born, Max und Albert Einstein: Briefwechsel 1916-1955. Kommentiert von Max Born. München 1969 (Nymphenburger).
Scheidt, Jürgen vom: Psychoanalyse. Selbstdarstellung einer Wissenschaft. München 1975 (Nymphenburger).
Shankar, Ravi: Meine Musik, mein Leben. (New York 1968_My Music – My Life) München 1969 (Nymphenburger).
Young, Terence (Regie): Liebesgrüße aus Moskau. (From Russia with Love) Great Britain 1963 (United Artists).

aut #1082 : 2021-07-03/20:57

Bücher Schutzumschläge Klappentexte

In der Urzeit des Buchgewerbes bestand die Standardausgabe eines Werkes aus
° dem eigentlichen Buch (in der Regel als Hardcover mit Ganzleinen auf holzfreiem Papier oder – in der edleren und somit teureren Ausgabe – mit Ledereinband – oder – noch edler – auf handgeschöpftem Bütten gedruckt und handnummeriert)
° und einem farbigen Schutzumschlag.
So war es zumindest in Deutschland. Französische Bücher hatten in der Regel noch keinen festen Umschlag, und mussten erst mühsam „aufgeschnitten“ und gebunden werden; doch das entdeckte ich erst später.
Und „Urzeit“ heißt: Im ersten Jahrzehnt meines eigenen Lebens, also 1940-1950, habe ich das in meiner geliebten Buchhandlung „Marie Kolb“ so erlebt, für die ich als Achtjähriger Knirps Zeitungen auszutragen begann und es nach getaner „Kinderarbeit“ (natürlich nach der Schulzeit) ungemein genoss, in einer Ecke des Ladens in einem der zum Verkauf stehenden Bücher zu schmökern.
Neben diesen „normalen“ Büchern gab es noch die sogenannten Leihbücher. Sie gab es auch in der erwähnten Form als Hardcover mit Schutzumschlag, die man käuflich erwerben konnte (zum Beispiel als Belegexemplare für den Autor oder einige Sammler). Aber weit wichtiger war eine Spezialausgabe ohne beweglichen Schutzumschlag; dieser war vielmehr vorne und hinten fest auf den Buchdeckel gedruckt, der nicht aus mehr oder minder edlem Leinen bestand oder gar aus Schweinsleder, sondern aus schnöder dicker Pappe. Noch wichtiger war ein Schutzüberzug des Umschlags aus Kunststoff, Supronyl genannt – wichtig deshalb, weil diese Bücher gut ein Dutzend mal und mehr den Leser wechselten und am Ende dieser langen Reise möglichst auch noch verkauft werden sollten.
Hier der Schutzumschlag meines ersten Buches:

Bei der Supronyl-Ausgabe entfielen die (ausklappbaren) schmalen Flügeltexte, dementsprechend als Klappentext bezeichnet. Wie oben zu sehen, war rechts eine Inhaltsangabe des Werks abgedruckt und links in der Regel ein Foto des Autors samt Vita.

Der Autor dieses Romans, also ich, war ein siebzehnjähriger (beim Schreiben) bzw. achtzehnjähriger (bei Erscheinen) Schüler, der noch keinen Lebenslauf aufzuweisen hatte – welche Tatsache die Leser des Buches nicht unbedingt kennen sollten. Deshalb fehlt die Vita – sie wurde durch die Werbung für ein anderes Buch ersetzt. Dieses stammte (Zufall oder Absicht?) von meinem damaligen Agenten Wolf Detlef Rohr.
Ob dessen Todesstrahlen besser waren als meine Männer kann ich im Nachhinein nicht beurteilen. Ich bezweifle es, denn Rohr war ein routinierter Dutzendschreiber, der so ziemlich jeden Monat so eine Schwarte in seine Schreibmaschine hämmerte. Ich weiß nur noch, dass meine Lesehunger, speziell in Sachen Science-Fiction, so groß war, dass ich jeden Roman dieses Genres nur zu gern verschlungen habe und dass ich auch noch nicht das kritische Werkzeug zur Beurteilung der „literarischen“ Qualität hatte; das wuchs mir erst später allmählich zu.

Aber solche Überlegungen waren 1957/58 für mich ohnehin unerheblich – mir ging es darum, endlich auch ein eigenes Werk gedruckt im Schrank zu stehen haben. Immerhin gab mir damals Lothar Heinecke, der so etwas wie ein älterer Mentor für mich wurde, so manchen guten Lese-Tipp (qualitativ gute SF-Autoren wie Robert Heinlein und Alfred Bester sowie „normale“ Literatur von angesagten Größen wie Ernest Hemingway und Albert Camus), was sicher meine literarischen Ansprüche steigerte und bestimmt auch meinem zweiten Roman Sternvogel zugute kam.

Der Vollständigkeit halber sei hier noch aus dem „Innenleben“ meiner Männer das Signet der Leihbücherei abgedruckt, das später über Amazon secondhand in meinen Besitz kam. Dokumentiert ist damit zum einen der offizielle Verkaufspreis: 6,80 Deutsche Mark (das war verglichen mit anderen Büchern angemessen). Aber weit wichtiger war die Zahl der Ausleihen: bei Neuerscheinungen 40 Pfennige für eine Leihwoche, dann 30 Pfennige und – für geduldig wartende Leser* am Ende der Schlange – 20 Pfennige.

* Gendern muss man das wohl nicht: Science-Fiction wurde damals ganz sicher nur von Männern und Buben gelesen – Frauen und Mädchen lasen Liebesromane. (Das dürfte, mit wenigen Ausnahmen, heute nicht viel anders sein, zumindest was die technikbetonte SF angeht – oder?)

Solche „Leihbücher“, die man nur in speziellen „Leihbüchereien“ bekam, waren eine typische Erscheinung der Nachkriegszeit mit ihrem Hunger nach erschwinglicher Literatur. Ihr Ende kam Ende der 1940er Jahre, als der Rowohlt-Verlag erst seine billigen „Rotationsromane“ im Zeitungsformat auf den Markt brachte und dann mit dem aus Amerika importierten Taschenbuch-Format Furore machte. Interessanterweise war eine der ersten Ausgabe von „RoRoRo“ ein Zukunftsroman: Die Zeitmaschine von Herbert George Wells. Sie hat heute noch einen Ehrenplatz in meiner Bibliothek – nicht als (deutsche) Erstausgabe von 1951, aber immerhin aus der Folgeauflage (51. bis 63. Tausend) von Oktober 1956.

Gewissermaßen der „kleine Bruder“ des Leihbuchromans waren die Heftromane – gerne auch als „Schundheftchen“ bezeichnet. Es gab sie mit Originalausgaben und als Zweitverwertung von Leihbüchern. Damit war das Ende der „Wertschöpfungskette“ noch keineswegs erreicht. Für meinen zweiten Roman Sternvogel sei dies dokumentiert mit der dritten Ausgabe als Taschenbuch (mit anderem Titel und unter Pseudonym „Thomas Landfinder“). Dazu gesellte sich 2017 eine Neuausgabe als Paperback plus – ganz up to date – als paralleles E-Book:

Wer sich mehr für diese ganz spezielle Schmuddelecke der Leihbücher und Heftromane interessiert, dem empfehle ich die Bücher von Heinz Jürgen Galle und Jörg Weigand:

Quellen
Galle, Heinz J.: Groschenhefte. Frankfurt am Main _ Berlin 1988 (Ullstein TB).
ders.: Wie die Science Fiction Deutschland eroberte. Lüneburg 2008 (Dieter von Reeken).
Weigand, Jörg: Abenteuer Unterhaltung. Lüneburg 2018 (Dieter von Reeken).
ders.: Träume auf dickem Papier: Das Leihbuch nach 1945 – ein Stück Buchgeschichte. Bonn 2018 (Nomos).
ders.: Die Autoren der utopisch-phantastischen Leihbücher. Lüneburg 2020 (Dieter von Reeken).

aut # 1081 _ 2021-07-02/20:55

Der Duft des Jasmin

Im ersten Teil dieses Beitrags hatte ich aus meiner Zeit 1969 als Lektor im Verlag der Nymphenburger Verlagshandlung einen interessanten Merksatz des Verlegers Bertold Spangenberg erwähnt: Bücher sind durch Druck entwertetes Papier. Nun ist es angebracht, auch das dort angedeutete zweite Diktum des Verlegers zum Besten zu geben. Er äußerte diesen Satz, ich werde es nie vergessen, bei unserem ersten Gespräch nach meiner Bewerbung in der alten Villa an der Hubertusstraße, nahe dem Schloss Nymphenburg*. Da saß hinter dem Schreibtisch mit den vielen Projekt-Mäppchen für einen Moment nicht der Verleger, sondern der Chemiker Spangenberg:

„Wussten Sie, dass der Duft des Jasmin dieselbe chemische Zusammensetzung hat wie die menschlichen Fäkalien?“

Draußen vor dem Arbeitszimmer blühte diese wunderschöne Pflanze gerade und kündigte den Frühling an. Ich dachte (psychoanalytisch geschult, wie ich war): Aha, ein Mann mit analem Charakter. Und ja, er war ein wenig zwanghaft mit seinen vielen Mäppchen, was Sigmund Freud sicher dem „analen Charakter“ zugeordnet hätte.
Doch wir kamen gut mit einander aus in diesem Jahr und sind uns später immer wieder begegnet – bei gemeinsamen Buch-Projekten für den Verlag, meinerseits nun als freier Mitarbeiter – und bei Sitzungen des Verwaltungsrats der VG Wort (für die wir beide ehrenamtlich tätig waren) – ich als einer der Autoren und er als einer der Verleger.
(Und wenn ich mich heute in meinem Arbeitszimmer so umschaue und all die vielen Hängemappen sehe, die da herumliegen, muss ich schmunzeln, ziehe respektvoll meinen Hut, denke an Berthold Spangenberg und bin mir dessen bewusst: ohne einen Schuss „analen Zwangs-Charakter“ kann man gar keine Bücher machen – weder als Autor noch als Verleger. Und der Duft von Jasmin ist einfach betörend, gleich wie er biochemisch entsteht.)

Abb: Die weiße Farbe des Jasmin und das klare sternförmige Aussehen fallen sofort ins Auge – und dazu dieser Duft! (Photo by Ricardo Ortiz on Pexels.com)

Und was meinen damaligen Ko-Autor und Psychologen-Kollegen Wolfgang Schmidbauer angeht, just noch so ein Zufall: In der gestrigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung stand ein Interview mit ihm über die psychischen Folgen der Corona-Pandemie.
„Passt scho“, kann man da nur bayrisch anmerken.

(Manchmal findet sich für so einen Zufall allerdings eine einfache Erklärung – wie für diesen hier eben.)

* – na ja – es sind schon einige Kilometer Luftlinie bis zum Schloss – aber der Verlagsname stellte diesen Zusammenhang sehr bewusst her.

aut #1079 _ 2021-07-02 / 13:09