Begegnungen mit Thomas Schlück

Eben aus dem Briefkasten geholt: Die Neuausgabe des berühmten Starmaker von Olaf Stapledon in der Übersetzung von Thomas Schlück. Der Sternenschöpfer ist kein Roman im üblichen Sinn, wird aber als eines der meistgerühmten erzählenden Werke des Science-Fiction gehandelt, als die bis heute großartigste Vision einer geistigen Reise durch Raum und Zeit unseres Universums.
Viele bekannte Autoren beziehen sich auf diese visionäre Schilderung, sowohl innerhalb der SF-Szene wie außerhalb im literarischen Mainstream:
Brian W. Aldiss, Isaac Asimov, Jorge Luis Borges, Arthur C. Clarke, Doris Lessing, Carl Sagan und Virginia Woolf hat Stapledon stark beeindruckt und in mehreren Fällen in ihrem Werk beeinflusst.

In Hans Freys Buch → Optimismus und Overkill wird Thomas Schlück zweimal kurz erwähnt (S. 92 und S. 396). Schade, dass ihm in Kapitel 5 („Personalia I“) kein eigener Beitrag spendiert wurde, denn er war in seiner aktiven Zeit (etwa zwischen 1965 und 2010) unverzichtbar für das Entstehen und Gedeihen der deutschen SF-Szene ab den 1960er Jahren – aber eben im Hintergrund. Damals hatte er den großen Mut, eine Stelle als Mitarbeiter bei einer Bank aufzugeben und die erste auf Science-Fiction spezialisierte Literaturagentur in Deutschland nicht mehr nur nebenbei, sondern fulltime aufzubauen.

Ohne seine Hilfe bei der mit viel kleinteiliger Fizzel-Arbeit verbundene Rechte-Beschaffung (vor allem in den USA und England) wären meine fünf SF-Anthologien nie zustande gekommen, als erste das Das Monster im Park (1970) und bald darauf Liebe 2002 (1971). Damals, in den 1970er Jahren, gab es ja weder das Internet mit Wikipedia und Google (zum Recherchieren) noch den flotten sekundenschnellen E-Mail-Austausch oder das Smartphone, wo man mittels WhatsApp oder FaceTime (beim I-Phone) den Gesprächspartner sogar sehen kann – noch dazu kostenlos. Heute 2022 eine Selbstverständlichkeit, damals pure Science-Fiction. Man musste einen Brief schreiben und dann warten, warten, warten … bis von jenseits des Kanals oder gar des großen Atlantiks Antwort per Brief zurückkam (oder vielleicht auch mal per Telefon – damals ins Ausland sauteuer!)

Eine Pionierarbeit war es auch von Thomas, den Starmaker zu übersetzen, damit erstmals Stapledon überhaupt einem deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen und damit den Lesern von Robert Heinlein und Perry Rhodan ein selbst innerhalb der SF sehr exotisches Werk eines ihnen noch völlig unbekannten Autors vorzustellen, das auch von einem Alien hätte stammen können.
Die erste Ausgabe erschien 1966 bei Heyne – eben ist sie wieder vom rührigen SF-Spezialverlag Dieter von Reeken neu aufgelegt worden (s. unten den Auszug aus dem Rückentext).

Begegnungen

Was meine Begegnungen mit Thomas angehen, so waren sie – wie man heute sagen würde – überwiegend virtueller Natur. Persönlich trafen wir uns wohl gelegentlich bei SF-Meetings (bei den SF-Oldies in Unterwössen ?), nach meiner Erinnerung nur einmal länger persönlich, als ich ihn irgendwann in den 1970ern in Garbsen bei Hannover besuchte, vermutlich bei einer Reise nach Vlotho an der Weser, wo ich im Jugendhof Seminare abhielt und Hannover sowieso der Umsteigebahnhof war.
(Die Agentur hat Thomas vor einigen Jahren an seinen Sohn übergeben.)

Star Maker (1937)

Nun noch einige Hinweise zu Stapledons Buch (Auszug aus dem Rückentext 2022):

Olaf Stapledon wurde 1886 in der Nähe von Liverpool geboren. Nachdem er das Balliol-College in Oxford besucht hatte, begann er im Schifffahrtsbüro der Familie in Port Said (Ägypten) zu arbeiten. Diese Erfahrungen und seine Mitarbeit in einer Ambulanzeinheit während des Ersten Weltkriegs beeinflussten seine Vorstellungen von „wahrer Gemeinschaft“ und Pazifismus. 1925 promovierte er in Philosophie an der Universität Liverpool, 1929 erschien sein erstes Sachbuch, A Modern Theory of Ethics. 1930 folgte sein erster Roman, Last and First Men, der von Zeitgenossen wie Arnold Bennett und J. B. Priestley gelobt wurde. Es folgten weitere Sachbücher und einige Erzählungen, die der Science Fiction zugeordnet werden können: Last Men in London (1932), Odd John (1935) und vor allem Star Maker (1937). Stapledon schrieb und lehrte an der Universität Liverpool bis zu seinem Tod im Jahr 1950.
Star Maker ist kein Roman, sondern im Wortsinn eine Erzählung: Das Werk enthält so gut wie keine Dialoge, sondern eben den erzählten Bericht eines Menschen über eine imaginäre Reise durch das gesamte Universum bis hin zum „Sternenschöpfer“, der kein väterlicher Gott der Liebe ist, sondern eine Kraft, die immer neue Sterne und Universen schafft, ohne mit dem Werk „zufrieden“ zu sein.

Hochbegabung und Genialität
Last and First Men spannt den Erzählbogen über 18 (!) Menschheiten und ähnelt von der Schreibweise und Perspektive dem Starmaker, ist aber nicht so radikal „long view“ und „distant view“ . Last Men in London variiert dies noch einmal.
Als „technischer Prophet“ in der Art eines Jules Verne oder Hans Dominik taugt Stapledon nicht: Er hat weder die Entwicklung der Atomenergie und Atombombe noch die Computer und das Internet geahnt samt dem, was heute als Digitalisierung und Globalisierung gehandelt wird. Aber geradezu gruslig ist in Last and First Men seine Vision eines „100 jährigen Kriegs“ zwischen den USA und China.
Stapledon hat übrigens auch zwei sehr interessante konventionelle SF-Romane geschrieben, die sich mit Genialität und Hochbegabung befassen: Odd John (über eine Mutation innerhalb der Menschheit, die jedoch erkennt, dass die „normalen Menschen“ sie nie akzeptieren werden und sich deshalb selbst auslöscht – ein Motiv, das zum Beispiel in den Superhelden-Filmen der Serie über die X-Men variiert wird) und einen superklugen Hund namens Sirius.

Quellen
Frey, Hans: Optimismus und Overkill. Berlin 2022 (Memoranda). Klappenbroschur 538 Seiten – 26,90 €.
Scheidt, Jürgen vom (Hrsg.): Das Monster im Park. München 1970 (Nymphenburger).
ders. (Hrsg.): Liebe 2002. Frankfurt a.M. (Bärmeyer & Nikel).
ders.: „Achtzehn Supermenschheiten: Olaf Stapledons Visionen über die Entwicklung der Menschheit“. In: Planet Nr. 6 / April 1970 (München).
Schlück, Thomas: Übersetzung 1966 / 2022 von: → Stapledon 1937.
Stapledon, Olaf: Last and First Men. London 1930.
ders.: Star Maker. London 1937. – Ü: Th. Schlück München 1966 (Heyne). Neuausgabe Lüneburg 2022 (Dieter von Reeken), Paperback, 243 Seiten _ 17,50 € _  ISBN 978-3-945807-67-5.
ders.: Odd John. London 1935.
ders.: Sirius. London 1944.

aut #1275 _ 2022-04-15/16:23

MultiChronie als Dilemma

Das Leben bringt ständig neue Einflüsse, zu denen wir Stellung nehmen müssen, sollen, können – oder die Erinnerungen in uns auslösen. Das zwingt uns auch ständig zur Auswahl:

Was ist wichtig?
Worauf muss ich reagieren?
Wo öffnen sich neue Möglichkeiten, denen ich nachgehen müssen?

Um in der von mir sehr geschätzten Metapher vom → „Yrrinthos des Lebens“ zu argumentieren: Welchen neuen Pfaden in diesem Dschungel der Möglichkeiten folge ich?

Wenn man schreibt, vor allem wenn man Tagebuch führt oder blogt, entsteht das, was ich als „multiChronales Dilemma“ bezeichne: Ich türme eine immer größere Halde von Einfällen auf, die ich eigentlich nicht bewältigen kann. Aktuelle Beispiele:

Am Vorabend lief im Fernsehen eine Doku über Indien, die lebhafte Erinnerungen in mir auslöste:
° an meinen → Yogalehrer Max Kirschner,
° an meine eigene Indienreise 1975/76,
° an meine eigene Tätigkeit als Yogalehrer,
° an mein Buch über Yoga,
° an Ursula von Mangoldt vom Verlag O.W. Barth…

Aber diese Erinnerungen waren kaum rudimentär notiert, als es schon weiterging mit anderen Gedanken:

° Bloggen als Erweiterung der Erzähltechnik „Stream of Consciousness (im Ulysses von Joyce) zu dem, was ich ab jetzt „Stream of Self-Consciousness“ nennen möchte.
° Der Verlust der griechischen Wurzeln von Wörtern wie „Photographie“ (jetzt: Fotografie) und „Phantasie“ (jetzt: Fantasie“) und was das multiChronal bedeutet.
° Science-Fiction-Romane, die ihren Anfang in meinen Roman-Werkstätten genommen haben und inzwischen veröffentlicht sind.
° Letzteres hat auch zu tun mit der Lektüre von Hans Freys Buch (s. nxt) und meinem Wiedereintritt in den Science Fiction Club Deutschland (SFCD) dieser Tage.
° Reflexionen zu dem Sachbuch Optimismus und Overkill von Hans Frey, das ich sehr begeistert gelesen und gerade beendet habe.
° Das SF-Fandom und die Lust am Schreiben (s. Frey, S. 96: „Fanzines“) und was das m.E. mit Hochbegabung zu tun hat.
° Zur Meta-Ebene meines glü-Roman-Projekts: Ulrich Lauffner entdeckt beim Erfassen und Analysieren von Jan Wolfarts Vorlass viele Ähnlichkeiten mit der eigenen Biographie (nicht ahnend, dass er in Wirklichkeit ein Enkel von JW ist.)
° Sehr symbolisch: Am Stauwehr im Englischen Garten (wo ich so gerne sitze – war erst gestern wieder dort) zweigt vom Eisbach („Strom des Lebens“) der Schwabinger Bach ab („Stream of Self-Consciousness“ – s. oben).

Abb. 3: Der Blogger an seinem Lieblingsplatz im Englischen Garten (Archiv JvS)

° Ergänzender Blog-Beitrag: „Science-Fiction als multiChronales und polyMundales Dilemma“.

Okay: Das ist jetzt alles wenigstens mit Schlagworten in meinem „Logbuch“ erfasst (und nun auch hier im Blog dokumentiert – auch als Anregung für andere Blogger und Autobiographen). Jetzt will ich aber noch wissen, wie dieser australische Historiker heißt, der durch die TV-Sendung führte. Ich gebe also bei Google ein:  „indien doku im tv

– und erhalte sofort – oh Wunder der modernen Digitalisierung – diese Auskunft:
Der Historiker ist Christopher Clark (von dem habe ich bereits eine interessante, aber sehr kontroverse diskutierte Reihe über deutsche Geschichte gesehen). Und diesen Pressetext zur Doku finde ich bei ZDF neo:

Indien ist das Land der Länder, voller Wunder und Mythen. Der Film zeigt die Highlights des UNESCO-Weltkulturerbes zwischen Mumbai und dem Himalaja, vom Tadsch Mahal zu den Burgen Rajasthans. Eine Vielfalt von Sprachen, Völkern und Religionen: Moderator Sir Christopher Clark geht anhand der legendären Bauten, Landschaften, Sitten und Gebräuche der Frage nach, was die 1,4 Milliarden Menschen Indiens zusammenhält. […] und der Tadsch Mahal in Agra ist gar eines der berühmtesten Bauwerke der Welt.
Unweit des Tadsch Mahal erkundet Christopher Clark einen weiteren weltberühmten indischen Schatz: das Yoga. Ein Experte und Lehrer dieser uralten indischen Errungenschaft erklärt ihm, warum der Mensch ein Reisender ist. Als sich die Engländer vor 300 Jahren in Indien festsetzten, brachten sie die europäische Kultur mit. Und später Handel, Industrie, Bahnhöfe und Züge. Der Victoria-Terminus, ein im viktorianisch-gotischen Stil erbauter riesiger Bahnhof in Mumbai, ist ein lebendiges Beispiel für diese Epoche. Clark fährt von hier aus in den Nordosten des Landes, an den Fuß des Himalaja. In der Kalka-Shimla-Bahn, einer von den Engländern gebauten Schmalspurbahn in die Berge, erlebt er spektakuläre Aussichten auf Schluchten und Wasserfälle und das Vorgebirge des Himalaja.

Was im zitierten Text des Senders nicht erwähnt wird, ist das Wunder von Fatepur sikri – dieser mitten in einer Wüste erbauten Regierungsresidenz, die aus Mangel an Wasser bald wieder aufgegeben wurde; für mich einer der eindrucksvollsten Orte meiner eigenen Reise.
Leider habe ich den Anfang dieser Sendung verpasst (Benares / Varanasi und die Insel Elephanta vor der Megacity Mumbai, wo ich 1975 ebenfalls war → Foto) – aber das kann ich ja via Mediathek von ZDF neo nachholen. Das mache ich gleich heute Abend (auch so eine wunderbare neue Technologie: dieses Streaming). Das ist eines eigenen Blog-Beitrags wert – irgendwann.

Abb. 4: Der tanzende Shiva auf der Insel Elephantine vor Bombay (Archiv: JvS)

Jetzt, wo ich all dies getippt habe, was durch den Historiker Christopher Clark angeregt wurde, wird mir um einen bewusst, dass Geschichte mein Lieblingsfach in der Schule war – und dass in meinem Roman-Projekt glü die neue (zusätzliche) Figur des „Ulrich Lauffner“ ein Historiker ist, der gerade sein Studium abgeschlossen hat, als er von der geheimnisvollen „Stiftung Schreiben“ in München-Bogenhausen den Auftrag erhält, die Biographie eines gewissen „Jan Wolfart“ zu schreiben, der für den Friedensnobelpreis gehandelt wird. (Keine Bange, falls Ihnen dieser Name nichts sagt – er ist eine Erfindung von mir.)

Wo blogge ich nun weiter?

° Eigentlich müsste ich einen ganz anderen Beitrag schreiben, und zwar über „Galaktische Kaiserreiche“ – für den Stammtisch der Phantasten, wo ich hierüber einen Vortrag gehalten und leichtsinnigerweise schriftliche Fassung versprochen habe. Aktuelle Assoziation:
Cäsar → Kaiser → Zar (Bezug zu Putin, der sich deutlich als Nachfolger Stalins und der Zaren sieht).
° Und dann wäre da noch der schon lange geplante Beitrag zu den Labyrinthen, Irrgärten und Yrrinthi, den ich betitle als: „Labyrinthisches Sammelsurium“ (ergänzen: Minotauros im kürzlich gesehenen Fantasy-Film Percy Jackson: Diebe im Olymp).
° (Am Vortag:) „Prokrastination: Drei Minuten – oder 180 Sekunden?“ (Artikel in der Südd. Zeitung, der mich zu eigenen Überlegungen angeregt hat.)
° Schließlich ist da noch das, was ich am Vortag im Englischen Garten beim besagtem Stauwehr zum Sinn des Lebens notiert habe
° und dazu an die (grob geschätzt) 50 Anmerkungen, Ergänzungen, Korrekturen zu Hans Freys Tour de Force über die deutsche SF-Szene „von den Anfängen der BRD bis zu den Studentenprotesten 1945-1968“ (s. oben) –
° was wiederum die noch auszuarbeitende Skizze „Fünf steile Thesen zur Science-Fiction“ auslöste.
° Und was ist mit der Neuausgabe von Stapledons Starmaker in der Übersetzung von Thomas Schlück, welche dieser mir eben zugeschickt hat? Da wäre doch ein Beitrag „Begegnungen mit Thomas Schlück“ fällig!

Wofür entscheide ich mich angesichts dieser Fülle?

Und vor allem: Warum nenne ich das eigentlich „MultiChronales Dilemma“ und nicht „Multi-Thematisches Dilemma“ (was es ja deutlich ebenfalls ist)?
Ich bezeichne dies so, weil die einzelnen Einfälle in mehreren Zeitschichten hin- und herspringen: Zum Beispiel von der aktuellen TV-Doku über Indien am 11. April 2022 zu meiner Indienreise 1975/76 zu Max Kirschner, den ich 1974 kennenlernte und zu dessen Zeit 1946, als er in Indien interniert war, sowie zu meinem Interview mit ihm über „Yoga“ für den Bayrischen Rundfunk (Sendung: 03. Nov 1978).

Mein nächster Beitrag hier im Blog wird zeigen, welches Thema ich als nächstes ausgewählt habe. Und alle anderen erwähnten Ideen kommen auch noch dran. Irgendwann. On the run…

aut 1273_ 2022-04-16/16:34 [2022-04-12/17:30]

„Optimismus und Overkill“ – eine Geschichte der Science-Fiction…

… in der jungen Bundesrepublik. Ein großartiges Buch, dem ich gleich vorab ein dickes Lob spenden will, obgleich ich es noch nicht ganz gelesen habe. Aber viele Details überzeugen mich bereits.
Und wem würde nicht angesichts des aktuellen Kriegs von Massenmörder Putin gegen die Ukraine und seinen nicht leicht dahin gesagten Drohungen mit Atomschlägen die Aktualität dieses scheinbar so akademisch daherkommenden Buches auffallen, vor allem das zweite Stichwort des Titels: „Overkill„. Das bezieht sich auf die Atomkriegsängste der 1950er und 1960er Jahre, welche die Science-Fiction jener Jahre sehr geprägt haben und natürlich auch die Politik überall in der Welt – und die nun urplötzlich sehr gegenwartsnah sind und gar nicht „Science Fiction„.

Abb.: Ausschnitt des Titelbilds zu Hans Feys Kompendium (Memoranda-Verlag Berlin 2022)

Die Zeitspanne von „1945 bis 1968″ deckt gut auch die Jahre ab, in denen ich für SF empfänglich und zum SF-Aficionado“ wurde. Die Bezeichnung „SF-Fan“ habe ich nur ganz zu Beginn auf mich angewendet, als ich 1955 Mitglied im SFCD wurde.
Ich bin auch heute, nach langer Pause (von 1962 bis 2021) wieder Mitglied geworden – nicht zuletzt weil dieses Buch von Hans Frey mich wieder mit den frühen Wurzeln meiner Begeisterung für diese Literaturgattung in Verbindung gebracht hat, vor allem mit den Themen und Menschen, die mir vieles gegeben und mich geprägt haben.
Das ich im Buch mehrfach selbst genannt werde als Teil dieser Epoche und dieses Genres, hat mir verständlicherweise geschmeichelt – wem ginge das nicht so. Aber dies soll nicht meinen kritischen Blick trüben, den ich jedem Buch gegenüber erst einmal habe.

Ich werde dieses Kompendium demnächst noch ausführlich würdigen, sobald ich es ganz gelesen habe. Aber ich verrate kein Geheimnis, dass es mir schon beim Öffnen des Päckchens richtig Freude gemacht hat – eben weil es von der Science-Fiction handelt, diesem „blauen Faden“ meines Lebens. Das umfangreiche Paperback (538 Seiten! – und dies als dritter Teil von geplanten fünf Bänden) überzeugt sofort durch seine Ästhetik, die umfangreiche Bebilderung und überhaupt durch die ganze äußere wie innere Erscheinung – gut lesbar, übersichtlich, bei aller Fülle der Details den Leser nicht erschlagend, weil bestens gegliedert.
Man merkt dem Buch an, dass Hardy Kettlitz vom jungen Memoranda-Verlag sich auf dieses verlegerische Abenteuer nicht nur mit großem Enthusiasmus eingelassen hat, sondern auch mit viel Erfahrung und vor allem Begeisterung für das Genre „Science-Fiction“.
Diesem Literatur-Genre bin ich selbst immer wieder auch äußerst kritisch gegenüber gestanden – aber ich habe ihm und seinen Protagonisten (den Autoren der Geschichten wie den Figuren darin) letztlich so viel zu verdanken wie sonst keinem kulturellen Einfluss – von der Psychoanalyse einmal abgesehen.(aber das ist „eine andere Geschichte, die soll ein andermal erzählt werden“ – wie Michael Ende das so einmal so wunderbar formuliert hat).*

* Gar nicht sf-mäßig modern war übrigens die Lieferung dieses Buches. Es kam nicht per Drohne bei mir zum Fenster herein, sondern ich musste mit dem Abholschein des Postboten (dessen Klingel ich wohl überhört habe), zu einer 20 Strampelminuten entfernten Post-Station in einem Geschäft radeln und das Buch dort am nächsten Tag abholen. Nun ja, um so kostbarer wurde auch dadurch der Inhalt.

Was mich jedenfalls gleich zu Beginn der Lektüre (die ich im Café sofort begonnen habe) positiv einstimmte, war nach dem besonnen abwägenden Vorwort von Hans Frey die kleine Zeittafel zur Einstimmung. Die hätte ich mir als Anhang gerne noch ausführlicher gewünscht (weil nichts den Leser besser in eine Thema reinbringt, als so ein chronologisches Aufblättern) – aber das sehr ausführliche Register entschädigt dafür.
Mehr zu diesem Buch, wie erwähnt, demnächst.

Meine Sympathien hat Frey auch sofort bekommen, als ich nachschaute, ob und wie er Anton M. Kolnbergers Auf unbekanntem Stern perzipiert hat. Was er da – sehr positiv – schreibt, hätte ich für dieses mein allererstes und bis heute Lieblings-Buch (nicht nur innerhalb des SF-Genres) nicht anders formuliert. Er steuert sogar noch Hintergrundwissen zum Autor bei, das ich nicht kannte. Vielen Dank!

Quelle
Frey, Hans: Optimismus und Overkill. Berlin 2022 (Memoranda). Klappenbroschur 538 Seiten – 26,90 €.
Kolnberger, Anton M.: Auf unbekanntem Stern. Nürnberg 1948 (Die Egge).

Abb. 2: Das komplette Titelbild (Memoranda-Verlag Berlin 2022)

aut #1270_2022-04-07/15:33

E-Autos: Schon wieder eines gesehen und Freude…

… kommt auf. Ja, seit ich entdeckt habe, dass E-Autos durch das Kennzeichen mit dem „E“ am Schluss erkennbar sind, achte ich darauf, wenn ich zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs bin. Das sind natürlich nur flüchtige Momentaufnahmen und überhaupt nicht repräsentativ. Aber vor allem, wenn gerade ein Benzin- oder Dieselstinker seine giftigen Abgasschwaden vor mir ausbreitet, spüre ich echte hoffnungsvolle Freude, wenn ich so ein „E“ entdecke (vor einigen Wochen waren es sogar gleich deren 13 auf dem Weg von zuhause zum Café „Rigoletto“).

Abb.: Da kommt Freude auf: ein E-Auto in der Nachbarschaft, gleich um die Ecke entdeckt und noch ein wenig eingeschneit vom April (Archiv JvS 2022-04-02)

Das hat mich zu diesem kleinen Dialog mit Google inspiriert:

„Google: Wie viele Elektroautos gibt es in Deutschland?“
„Die Anzahl an zugelassenen Elektroautos betrug am 1. Januar 2022 rund 618.500… Pkw mit ausschließlich elektrischer Energiequelle (BEV).“
„Und wie viele Autos überhaupt gibt es in Deutschland?“
„Um 1,1 Millionen Fahrzeuge erhöhte sich der Bestand im Vergleich zum Vorjahresstichtag und wies am 1. Januar 2021 rund 66,9 Millionen in Deutschland zugelassene Fahrzeuge auf (+1,6 %).“

Kommentar überflüssig. Bin mal gespannt, wie das in zehn Jahren aussieht (falls ich das noch erleben sollte – ich bin ja schon 82). Aber der Mensch lebt bekanntlich (auch) von der Hoffnung.

Freuen darf man sich ja inzwischen in einer Großstadt wie München auch (wieder!) über Elektrobusse, die einem keinen Dieselgestank ins Gesicht pusten, wenn man hinter ihnen her radelt. Und die Post rüstet endlich wieder um auf E-Lieferwagen. Auf  diesem Gebiet war der Gelbe Riese früher mal vorbildlich; ich erinnere mich noch an meine ersten Jahre in München in den späten 1950er Jahren, als noch viele dieser Paketautos leise und menschen- wie umweltfreundlich herumfuhren.

Es sind natürlich auch viele umweltfreundliche E-Autos überflüssig wie ein Kropf am Hals. So wie ja kaum jemand wirklich eine Riesenjacht für 200 Millionen Dollar braucht wie so mancher Milliardär in Russland oder anderswo. Oder Raumschiffe, die einen künftigen Mond und Mars-Tourismus etablieren wollen und die größten Luftverpester alles Zeiten sind. (Ja, auch war als Jugendlicher begeistert von Raumfahrt; war ich auch von Atomenergie. Wenn schon, dann Raumfahrt, die unser Wissen vom Universum erweitert wie die ISS und das Hubble-Teleskop und das Kepler.)

Übrigens: Ich habe vor 45 Jahren mein letztes Auto verkauft – und es nie bereut. Geht auch mit drei Kindern bestens, sogar für Ferienreisen. Ich würde mir heute nicht einmal ein E-Auto kaufen. Aber die Technologie ist okay.
Ich hätte da auch noch einen Vorschlag, wie man sehr rasch das Umsteigen von der Verbrennertechnologie auf die E-Mobilität fördern könnte: Jeder Autobesitzer müsste qua Gesetz nach dem „Verursacher-Prinzip“ dazu verpflichtet werden, ab sofort die Abgase seinen Fahrzeugs nicht mehr in die Umwelt abzulassen, sondern nur noch ins Innere seines eigenen Wagens.

Sollte es demnächst doch wenigstens zu einem Tempolimit und zu autofreien Sonntagen (der großen Errungenschaft 1973 dank der damaligen Ölkrise) kommen: Danke, Herr Putin, für Ihren netten Krieg in der Ukraine und die dadurch entstehende Bedrohung unserer Treibstoffversorgung. Eine deutsche Regierung würden das sonst nie von selbst hinkriegen, nicht einmal mit den Grünen, die ja sonst einen erstaunlich guten Job machen, seit sie mit an der deutschen Macht sind.

PS: Wie ich an einer Ladestation inzwischen entdeckt habe, gibt es auch E-Autos, bei deren Kennzeichen das „E“ fehlt; das sind wohl ältere Anmeldungen. Und das „H“ bei anderen Kennzeichen (auch am deren Ende) steht wohl für „hybrid“, also für ein E-Auto mit zusätzlicher Brennstoffzelle o.ä.

aut 1264_ 2022-04-13 <2022-04-02/20:01>

Begehbares Labyrinth in Bürchen (Wallis)

Das hier beschriebene Labyrinth war eine Utopie, die ich 2002 verwirklicht habe. Ein lange gehegter Traum.
Inzwischen gibt es die Struktur nicht mehr. Ihre Beseitigung (die ich als Vernichtung erlebt habe) war für mich wie der Tod eines geliebten Menschen. Aber so ist es nun mal im Leben: Nichts ist für die Ewigkeit. Dieses Labyrinth hat immerhin von 2002 bis 2012 existiert, wurde von mir in meine Seminare „Wandern und Schreiben“ einbezogen und auch von zufällig vorbeikommenden Passanten genützt. Eine Schautafel (gespendet vom einstigen Schmidmärt) informierte über dieses Gebilde und wie man es meditierend nützen kann. Zum Beispiel indem man sich ein  passendes Thema sucht und einen Stein. Während man gemächlich (entschleunigt!) vom Eingang hin und her mäandernd zum Kern in der Mitte läuft, kann man über das Thema meditieren und  nach der Lösung des Problems suchen. Den Stein kann man dann als symbolische Geste im Zentrum ablegen – und sich einen anderen Stein von dort mitnehmen, der einen Neustart symbolisiert.
Ich habe das oft gemacht. Es funktioniert wunderbar – vor allem wegen der phantastisch schönen Umgebung des Schweizer Hochgebirges.
Das ist nun alles Geschichte. Aber mit dieser Dokumentation möchte ich dieses Jahrzehnt noch ein wenig „verlängern“.
(S. auch den Beitrag Birkenlabyrinth forever .)

Die Beiträge für einen Blog sind ja meistens eher intellektueller Art – will sagen: Man beobachtet, zitiert, macht sich so seine Gedanken, stellt Querverweise her, abstrahiert, theoretisiert …
Aber das Labyrinth ist nicht nur ein Symbol und eine mythologische Überlieferung (wenn auch mit starken Verbindungen in die Gegenwart): Ein Labyrinth kann man auch als ganz konkrete Struktur aus Steinen oder ähnlichem Material auf dem Boden auslegen und dann darin herumlaufen. Wenn das zudem einen künstlerischen Anspruch hat sowie für die Öffentlichkeit und eine gewisse Dauer gedacht ist und sich zudem noch unter freiem Himmel befindet – nennt man das LandArt.
Man kann in so ein Labyrinth hineingehen, kann über eine Frage, ein Problem meditieren. Schon seit vielen Jahren hatte ich die Idee, an einem schönen Ort selbst einmal so ein Labyrinth auszulegen. Drei Jahrzehnte fuhr ich jedes Jahr mindestens einmal in ein Dorf im Wallis, mitten im Schweizer Hochgebirge, aus dem der väterliche Zweig der Vorfahren meiner Frau Ruth stammt: CH-3935 Bürchen. Wie an vielen solchen Bergorten werden die Wiesen längst nicht mehr so bewirtschaftet, wie früher. Da müsste es doch möglich sein, dachte ich mir, dass man auf einer von ihnen …

Ich trug also 2001 dem örtlichen Tourismusverein meine Idee vor, auf so einer Wiese ein Begehbares Labyrinth mit Steinen auszulegen, so richtig großflächig und auf Dauer. Ich war selbst überrascht von der großen positiven Resonanz. Im Jahr darauf fand sich eine Wiese am Rand von Bürchen (Abb. 2), in zehn Minuten vom Dorfkern aus erreichbar und trotzdem abgeschieden genug für stille Selbsterfahrung. Mit einem phantastischen Rundblick auf das Bietschhorn, das hier die Gegend bestimmt (Abb. 6). Der örtliche Bauunternehmer erlaubte, von einem großen Steinhaufen, der sich – praktischer Zufall – nur ein paar Schritte von der Wiese entfernt befand, die nötigen rund tausend Steine zu holen. Die Schreinerei Lehner spendete nicht nur das Sägemehl, das zum Vorzeichnen der Struktur nötig war, sondern brachte den Kasten mit den Sägespänen auch gleich vor Ort, samt einer hohen Leiter für das Foto-Shooting. Auch sonst bekam ich jede Unterstützung der Einheimischen.

Blieb noch, Helfer für das Auslegen der Steine zu rekrutieren. Ich präsentierte mein Anliegen in der Dorfschule und fand sofort Zustimmung beim Lehrer, Herrn Werlen. Und nachdem ich den elf-/zwölfjährigen Buben und Mädchen die Brücke zum Thema über das Labyrinth bzw. den Irrgarten in dem Roman Harry Potter und der Feuerkelch gebaut hatte (den sie offenbar alle kannten), waren sie begeistert bereit, mir zu helfen. Zwei Tage später, am 5. September 2002, machten wir uns an die Arbeit. Am 13. September  wurde das fertige Labyrinth im Rahmen einer kleinen Feier mit einem Apéro eingeweiht. Seitdem kann man es jederzeit begehen. Ein ausführlicher Beitrag in der regionalen Zeitung Walliser Bote informierte über das Ganze.

Und hier muss ich mich korrigieren: Seitdem konnte man es jederzeit begehen, denn Stand heute, 31. März 2022, gibt es dieses wunderbare Gebilde nicht mehr. Es existiert zwar noch bei Google Earth (→ Birkenlabyrinth forever) als Hinweis – aber „die Steine wurden entfernt“, wie mir das Tourismusbüro von Bürchen auf Nachfrage lapidar mitteilte.

Aber hier tu ich mal so, als existiere das Birkenlabyrinth noch immer:

Das fertige Gebilde ist mehr als 500 Meter lang, wenn man den Weg hinein zum Kern UND wieder hinaus zum Ausgang/Eingang zählt. Der Gang ist rund 1,50 m breit; die Fläche der Anlage beträgt 450 qm. Einen besonderen Kick erlebt man, weil die Wiese leicht schräg ist und man also nicht nur die typische Pendelbewegung beim Begehen eines Labyrinths kretischen Stils (mit nur einem Gang) vollzieht, sondern auch den Wechsel des Hinauf und Hinab (oder wie die Oberwalliser sagen: „Ambrüf un am Bri“).

Einige Bilder

Die Fotos (alle selbst gemacht) dokumentieren die Entstehungsgeschichte des Birken-Labyrinths (das so heißt, weil es sich inmitten vieler Birken befindet und weil der Ort Bürchen seinen Namen von eben diesem Baum ableitet: birchu) und sich die Struktur passenderweise am Birken-Lehrpfad der Gemeinde befindet und dort integriert wurde, samt Schautafel.
Bei nächster Gelegenheit sollte ich mal Bilder aus der Luft machen, auf denen man die Struktur der Anlage besser erkennt (ich weiß schon, wer mich vom Flugplatz Raron in seiner Einmotorigen hochfliegen kann). Die Leiter, von der aus ich am Rand der Wiese fotografierte, war gerade mal drei Meter hoch und verdammt wackelig. Aber ich denke, man sieht, worum es geht.*

* So ein Luftbild bzw. Satellitenbild existierte lange, wenn man den Ort bei Google Earth ansteuerte.

Zunächst einmal, gezeichnet, der schematische Anblick des Labyrinths, wie man es von oben aus der Luft sehen würde. Üblicherweise befindet sich der Eingang unten rechts – wegen der Lage der Wiese musste ich die Struktur jedoch spiegeln, sodass sich der Eingang jetzt, wie in der Zeichnung, unten links befindet.

Abb. 1: Schematischer Anblick des Labyrinths aus der Vogelperspektive (gezeichnet). 
Abb. 2: Blick auf die Wiese nahe dem Walliser Dorf CH-3935 Bürchen – die mit Steinen ausgelegte Struktur ist deutlich zu erkennen.

Abb. 3: Ohne die vielen Steine auf diesem Haufen linkerhand wäre das Werk nicht gelungen – Dank an den örtlichen Bauunternehmer Leo Gattlen.

Abb. 4: Die Schülerinnen und Schüler der Bürchner Grundschule, die fleißig Steine in ihren Kraxen schleppten.

Abb. 5 : Bei der Einweihung am 13. September 2002 liefen alle Anwesenden mal durch das Labyrinth – rechts Lehrer Werlen.

Abb. 6: Blick auf das majestätische Bietschhorn im Abendlicht, wie man es vom Labyrinth aus sieht.

Abb. 7: Robert Jez, bildhauernder Seminarteilnehmer aus Wien, schlug 2004 aus einem Felsbrocken diese rätselhafte Figur, die zum „Hüter des Labyrinths“ ernannt wurde.

aut #324_2022-04-01/11:55 (2008-06-08/11.02)

Birkenlabyrinth forever

Das verblüfft mich jetzt aber: Obwohl die Gemeinde das Labyrinth 2012 von der Wiese entfernt hat – ist es bei Google Earth noch immer verzeichnet. Wenn man dort „CH-3935 Bürchen“ eingibt – wird es neben dem Ortsnamen angezeigt. Leider ist das Satellitenfoto (auf dem früher das Labyrinth wegen seiner beachtlichen Größe deutlich erkennbar war) aktualisiert worden. Man sieht nun zwar so etwas wie „Rillen“ auf dieser Weise – aber sie verlaufen nicht labyrinthisch mäandernd, sondern parallel – so als hätte man die Wiese frisch gemäht.
Schade.
Aber doch ein später Triumph und Lohn für die viele Arbeit, die ich 2002 mit dieser Schulklasse und den anderen Helfern in das Auslegen der mehr als 1000 Steine investiert habe.
Nun ist nichts im Universum ewig, schon gar nicht etwas Menschengemachtes wie Google Earth (oder eben das originale Birkenlabyrinth).
Und nun die verblüffende Virtualität (wie ich das nennen möchte, weil das Birkenlabyrinth ja realiter nicht mehr existiert, sondern eben nur noch virtuell, in Form von Hinweisen und Bildern), die ich zunächst mit drei Bildern von Google Earth illustrieren möchte, die erst von sehr fern nicht etwa den Ortsnamen, sondern nur den Hinweis „Birkenlabyrinth von Bürchen“ zeigen:

Abb. 1: Das Birkenlabyrinth von Bürchen – aus größer Höhe (Google Earth Image © 2022 Maxar Technologies)

Zoomt man näher, wird zusätzlich der Ortsname „3935 Bürchen“ angezeigt:

Abb. 2: Das Birkenlabyrinth – näher mit Ortsname (Google Earth Image © 2022 Maxar Technologies)

Und zoomt man nochmals näher – sieht man leider nicht das ursprüngliche Labyrinth mit dem typisch mäandernden Gang – sondern nur noch gemähte Wiese, aber eben mit dem Hinweis auf das „Birkenlabyrinth“:

Abb.3: Das Birkenlabyrinth – sehr nah – aber leider ohne Labyrinthstruktur (Google Earth Image © 2022 Maxar Technologies)

Wie ich höchst erstaunt bei einer Google-Recherche herausfand, lässt sich eine Fotografin namens Carole Drake ein Foto „meines“ Birkenlabyrinths sogar bezahlen (s. unten die Resultate der Recherche).

MultiChronalia

Wann habe ich zum ersten Mal Kontakt mit dem Thema „Labyrinth“ bekommen? Ich war acht Jahre alt, als ich für die Buchhandlung „Marie Kolb“ in Rehau Zeitungen und Lesezirkel austrug und mir damit Taschengeld verdiente. Zusätzlich durfte ich, soviel ich lustig war, in den Büchern schmökern, die dort zum Verkauf angeboten wurden. Ursprünglich (1948 also) war dieser Laden noch geradezu winzig und befand sich oben beim Perlenbach, zwischen Maxplatz und Stauwehr zu Höllbach/Schwesnitz)* und wurde dann um 1950 vorverlegt zur Bahnhofstraße, entsprechend vergrößert.

Das erste Buch, das ich damals fasziniert auf diese Weise in einer Ladenecke sitzend erkundete und mir dann als Weihnachtsgeschenk wünschte (und Heiligabend 1948 auch erhielt), war Auf unbekanntem Stern von Anton M. Kolnberger (ich besitze und schätze es noch heute). Als ich kürzlich, also Anfang März 2022, wieder darin las, entdeckte ich, dass dort an drei Stellen – auf diesem fremden Planeten! – von „Labyrinth“ die Rede ist und einmal von „Daidalos“ (der ja die zentrale Figur der Labyrinthiade ist).

* Thorsten von Wurlitz hat diese Ecke von Rehau, die für meine Kindheit so wichtig war, sehr detailliert in seinem Rehau-Krimi Perlenbachmuschel von 2014 beschrieben!

Aus der Buchhandlung Kolb stammte ganz sicher auch ein anderes Weihnachtsgeschenk, das ich drei Jahre später (also 1951) von meinem Onkel Karl, dem Bruder meiner Mutter, bekam: Götter, Gräber und Gelehrte von C.W. Ceram. Darin las ich dann erstmals bewusst vom kretischen Labyrinth – im achten Kapitel „Der Faden der Ariadne“.

Ich kürze das jetzt ab, denn nun müsste ich eine wahre Sturzflut von Einfällen hier notieren, was ich nicht möchte. Zwei ganz wichtige Stationen sind jedenfalls mit Hermann Kern verbunden, dem damaligen Direktor des Münchner Haus der Kunst:
° Anknüpfend an sein grundlegendes Werk Labyrinthe interviewte ich ihn für den Bayrischen Rundfunk (Sendung am 27. Mai 1983),
° woraus bald darauf die Zusammenarbeit mit Kern bei der von ihm initiierten Labyrinth-Tagung in der Evangelischen Akademie Tutzing (29. Okt – 3. Nov 1983) entstand (mein Anteil war gemeinsame Planung und das Angebot eines integrierten Schreib-Nachmittags zum Thema).

Als ich 2002 dann das „Begehbare Birkenlabyrinth von Bürchen“ mit einer Schulklasse realisierte, war dies so etwas wie eine Krönung dieser wirklich lebenslangen Beschäftigung mit der Labyrinthiade. Zwar wurden 2017 leider leider „die Steine entfernt“, wie ich bei einer Nachfrage 2020 vom Tourismus-Büro erfuhr – aber wie dieser Beitrag hier dokumentiert besteht erstaunlicherweise virtuell das Gebilde noch immer (und wird auch in meinem Roman-Projekt glü eine wichtige Rolle spielen). 

Wie sagt man? „Tempi passati“ (so die Italiener) – „The times they are a changin!“ (Boby Dylan) – aber „Birkenlabyrinth forever“ (me myself and I).

Quellen
Ceram, C.W.: Götter Gräber und Gelehrte. Hamburg 1949 – 2. Aufl 1951 (Rowohlt).
Kern, Hermann: Labyrinthe. Regensburg 1982 (Prestel).
Kern, Hermann (im Interview mit Jürgen vom Scheidt): „Labyrinthe“. München 27. Mai 1983 (Sendung im Bayr. Rundfunk).
Kolnberger, Anton M.: Auf unbekanntem Stern. Nürnberg 1948 (Egge-Verlag).
Wurlitz, Thorsten von (= Torsten Küneth): Flusspermuschel. Rehau 2014 (Burg-Verlag).

Google-Recherche “ Birkenlabyrinth“ am 30. März 2022, 19:15 Uhr:
(Ungefähr 375 Ergebnisse – 0,70 Sekunden)
Das verblüfft mich jetzt aber mächtig: Wenn ich bei Google nur das Suchwort „Birkenlabyrinth“ eingebe erscheinen folgende Items (jemand verdient sogar Geld mit Fotos des Originals, das ich ersonnen und 202 realisiert habe. Aber so ist das ganz nun quasi“ unsterblich geworden: „Birkenlabyrinth forever“):

Nr. 100: Begehbares Birkenlabyrinth in Bürchen (Wallis)https://scilogs.spektrum.de › labyrinth-des-schreibens

Tradi #2 – Ehemals Birkenlabyrinth – Geocachinghttps://www.geocaching.com › seek › cache_details

31.05.2012 — Was im hellgrauen Listing beschrieben wird, ist Geschichte. Das Birkenlabyrinth wurde aufgehoben und das Feld wird wieder landwirtschaftlich …

Birken-Labyrinth (3935 Bürchen VS)https://www.labyrinth-international.org › labyrinth-buer…

Birken-Labyrinth (3935 Bürchen VS). Design und Baujahr, kretisch / 2002. Durchmesser und Weglänge, 25 m / 500 m. Standort / Wegbeschreibung, Mehr Informationen …

Birkenlabyrinth | Serie ° Birken | Helen Becker | Flickrhttps://www.flickr.com › Helen Becker › Birkenlabyrinth

Birkenlabyrinth. Serie ° Birken. Done. Show your appreciation with the gift of Flickr Pro. Error loading comments. Retry. 1,623 views. 10 faves. 1 comment.

Betula – Birkenlabyr… Stockfoto von Carole Drake, Bild: 1355945https://www.gapphotos.de › imagedetails › view=betula…

Betula – Birkenlabyrinth mit gemähtem Weg durch langes Gras… Bild:1355945 – Stockfoto von GAP Gardens Garten- und Pflanzenfotografie.

Bürchen im Wallis – HyperWritinghttps://hyperwriting.de › 2021/02/11 › burchen-im-wallis

11.02.2021 — Das Steinlager des Bauunternehmers Leo Gattlen, das wir als Material für das Birken-Labyrinth verwenden durften (Archiv: JvS).

Aktivitäten – chalet suonhttps://www.suon.ch › …
… bis 9 Jahre fahren auf allen Ski-Anlagen gratis; Animationsprogramme (Bastelnachmittage, T-Shirt malen, Tischtennis, Dorfführungen); Birkenlabyrinth

aut #1260 _ 2022-03-30/11:29

Ehrentempel der Nazi und Putin-Krieg

Der aktuelle Putinsche Angriffskrieg auf die Ukraine hat das „Unternehmen Barbarossa“ 1942 von Hitler und seinen Mordgesellen wieder ins Gedächtnis gerufen. Beim Rest des (vom Königsplatz aus gesehen) linken „Ehrentempels“, welchen die Nazi ihren „Märtyrern“ vom Novemberputsch 1923 errichtet hatten*, wurde vom NS-Dokumentationszentrum gleich daneben mit einer Installation „Schutt und Ehre“ nachhaltig daran erinnert, was die NSDAP während ihrer Schreckensherrschaft nicht nur in München angerichtet hat – und was nun von Putin in Russland selbst und in dem wieder überfallenen Nachbarland Ukraine erneut durchexerziert wird.
*  den die Amerikaner 1947 in die Luft sprengten, samt seinem „Zwilling“ rechterhand.

Ein Bericht im Lokalteil der SZ hat auf diese Installation aufmerksam gemacht. In meiner Nachbarschaft, hier in der Maxvorstadt München, haben sich die Nazi während des Dritten Reichs in ihrem Größenwahn am liebsten breitgemacht – zwischen Feldherrnhalle und Königsplatz. Siebzig Jahre hat es nach Kriegs- und Nazi-Ende gedauert, bis sich München, die einstige „Hauptstadt der Bewegung“, dazu durchringen konnten, endlich 2015 das NS-Dokumentationszentrum (linkes Bild) zu eröffnen, das an den NS-Terror und den Größenwahn seiner Rädelsführer und Handlanger erinnert, speziell in Bayerns Landeshauptstadt. Das passt bestens zum noch immer existierenden „Führerbau“, der nach dem Krieg zur „Staatlichen Hochschule für Musik“ umfunktioniert wurde (rechtes Bild).

Der wild überwucherte Rest des Ehrentempels (Mitte) soll nun mit seinen etwas rätselhaften Luftballons und den symbolischen Rettungsringen daran erinnern, was Putin uns aktuell vor Augen führt: „Das Böse ist immer und überall“ (so der Refrain im Song „Ba-Ba-Banküberfall“ von 1986 der österreichischen Kult-Band Erste Allgemeine Verunsicherung).

MultiChronalia

All das zusammen ist eindrucksvolles Beispiel für das, was ich MultiChronie nenne: Die Gleichzeitigkeit von Ereignissen draußen in der Welt und gleichzeitig im Bewusstsein des Erinnernden (in diesem Fall: ich, JvS) aus ganz verschiedenen Zeitschichten:

Da ist in der Gegenwart des März 2022 der Artikel in der SZ anlässlich dieser Installation (s. mittleres Bild), die wohl nicht zufällig jetzt eingerichtet wurde, da (mit dem Motto „Schutt und Ehre“) die unsäglichen Kriegsgräuel in der Ukraine an die Bombennächte in München in den Kriegsjahren 1942-1945 erinnern. Das veranlasst mich zum Fotografieren.
Mein Gedächtnis fügt dem noch hinzu, dass im März 1956, als ich nach München umzog, im Haus nebenan in der Heßstraße noch ein leergeräumtes Trümmergrundstück existierte (auf dem ein italienischer Künstler seltsame, sehr hässliche Werkstücke aus Zement und Kieselsteinen bastelte) – während die notdürftig leergeräumte Ruinenbrache direkt gegenüber (vor der Alten Pinakothek) unser Spielplatz war. Von dem wurden wir vertrieben, als dort die Technische Hochschule (heute TU) 1958 einen Parkplatz einrichtete – der wiederum dem Neubau der heutigen Neuen Pinakothek weichen musste (1971 eröffnet – und derzeit im Renovierungs-Dornröschenschlaf).

Quelle
Kramer,, Lea: „Rettungsringe gegen das Vergessen“. In: SZ Nr. 60? vom 24. Mrz 2022, S. R04 (München-Teil).

aut #1259 _ 2022-03-30/13:49

Puzzle meines Lebens

Man kann die vielen Erinnerungs-Bruchstücke des eigenen Lebens auf mancherlei Arten organisieren:
° chronologisch in einer Zeittafel,
° alphabetisch (nach Themen – s. die Kategorienwolke dieses Blogs),
° als Cluster oder
° als Organigramm.

Abb. 1: Das Leben als Puzzle – könnte künstlerisch-symbolisch gestaltet so aussehen (Photo by Magda Ehlers on Pexels.com)

Aber zunächst einmal ist das ein wirres Durcheinander von Puzzle-Teilen, die erst identifiziert und eingeordnet werden müssen. Das ist dann ein sehr aufwendiger, viel Zeit beanspruchender kreativer Prozess und wie Karl Valentin es einmal unübertrefflich in einem anderen Zusammenhang gesagt hat: „Kunst ist schön – aber macht viel Arbeit.“
Dieses Durcheinander bildet mein Blog ab, wo ich die Einfälle so notiere, wie sie eben „einfallen“ – angeregt dieser Tage etwa durch den Ukraine-Krieg.
Aktuell gibt es in meiner Datenbank 1.250 Datensätze, aus denen bisher hier im Blog 256 Beiträge und 54 noch nicht veröffentlichte Entwürfe entstanden sind. Klingt nach viel – ist aber vermutlich kaum die Hälfte der Ereignisse, die mein Leben ausmachen.

Vielleicht ist mein Vorgehen in punkto Autobiographie für manchen Leser dieses Blog Anregung, sich selbst an so eine Arbeit der „Selbstvergewisserung“ zu machen. Es lohnt sich!

Die alphabetische Anordnung wird durch die Kategorienwolke erleichtert, die den Blog dynamisch, sich ständig verändernd, begleitet. Hier mal in ungewohnter Perspektive, horizontal:

Abb. 2: Die Kategorien-Wolke in ungewöhnlicher Perspektive – und als alphabetisch organisiertes Puzzle (Archiv JvS 2020)

In jedem Leben gibt es sog. Schlüsseljahre – in denen sich wichtige Ereignisse häufen oder Weichen gestellt werden – etwa durch einen Unfall (wie bei mir im März 1953, in welchem Jahr aber auch noch ganz andere wichtige Ereignisse stattfanden).
Die rot markierten Jahr oben in der Mitte des folgenden Bildes haben nur indirekt mit meinem eigenen Leben zu tun, das ja erst 1940 begonnen hat:

1816 fand am Genfer See jenes denkwürdige Ereignis statt, bei dem vier Autor*innen sich zu dem zusammenfanden, was ich als „erste Schreib-Werkstatt“ bezeichne und während dem Mary Wollstonecraft-Shelley* ihren berühmten Roman Frankenstein begann, der zugleich als Beginn der Science-Fiction-Literatur gilt. (Brian Aldiss sieht dies so – für mich ist das schon früher mit der Geschichte vom genialen Erfinder Daidalos und dem Labyrinth geschehen.)
* Die drei anderen Autoren waren Lord Byron, dessen Leibarzt und Autorenkollege John Polidori (der damals die erste Vampir-Geschichte schrieb – Vorbild für Bram Stokers Dracula) und Marys Mann Percy Bysshe Shelley.

1895 hat Sigmund Freud seinen Irma-Traum aufgeschrieben und gedeutet, der zugleich so etwas wie der Startschuss zur Psychoanalyse ist und viel mit Freud Kokain-Selbstversuchen 1884-86 zu tun hat (Scheidt 1973). Diese „Traum-Entfaltung“ (wie ich es nenne) zeigte nicht nur eine neue Möglichkeit, (eigene) Träume zu verstehen, sondern ist mit dieser Methode der „Freien Assoziation“ wichtiges Werkzeug des Kreativen Schreibens geworden.

Beide Jahre sind nicht direkt Teil meines Lebens – und haben doch sehr viel damit zu tun.

Abb. 3: Auch eine Möglichkeit: die wichtigsten Jahre als Cluster (Archiv JvS 2021)

Meine Autobiographie, für welche dieser Blog so etwas wie mein Sammelplatz ist, wird chronologisch angeordnet sei, aber auch als Anhang ein komprimiertes „ABC meines Lebens“ bekommen, plus eine Zeittafel, die einen groben Überblick vermittelt. Dazu immer wieder übergreifende (vernetzende) Themen-Blöcke etwa zur „Science-Fiction“ oder zu „Rauschdrogen“, den „Träumen“ und natürlich dem „Schreiben“, „Entschleunigung“, „Hochbegabung“.
All dies soll verbunden werden durch mein übergeordnetes Konzept der MultiChronie.

(Vielleicht sind dies ja auch brauchbare Tipps für Leser dieses Blogs, die ebenfalls an einer Autobiographie arbeiten.)

Quellen
Aldiss, Brian: Billion Year Spree. (1973) London 1975 (Corgi Press). Deutsch: Der Milliarden- Jahre-Traum. Bergisch-Gladbach 1990 (Bastei-Lübbe).
Freud, Sigmund: Die Traumdeutung. Wien 1990. Kap 3: „Der Traum von Irmas Injektion“.
Scheidt, Jürgen vom: Freud und das Kokain. München 1973 (Kindler – Geist und Psyche).

aut #1254 _ 2022-03-28/10:21

Comix sind selten „komisch“

Wieder mal war der Zufall im Spiel aus Auslöser für diesen Beitrag: Ein Freund schickte mir den „Nachdruck für Sammler“ eines kleinen Comic, den ich als Jugendlicher gerne gelesen und gesammelt habe: „Nick der Weltraumfahrer“ (Danke, Julius!)

Der Anlass war, dass dieser Freund mir ein eigenes Buch zugeschickt hatte, zu dem er meine Meinung hören wollte und zugleich wusste, dass ich sowohl an Comix wie auch an Science-Fiction und drittens noch am Thema „Labyrinth“ interessiert bin (netter Bestechungsversuch!).

Abb. 1: Piccolo-Comic von Hansrudi Wäscher aus dem Jahr 1953 oder 1954 (Lehning-Verlag)

Nick der Weltraumfahrer wurde Anfang der 1950er Jahre im schmalen Piccolo-Format veröffentlicht, das man bequem mit sich herumtragen konnte (und gut versteckt – die Erwachsenen verfolgten solchen Schund mit Argusaugen). In der Episode 84 wagt Nick sich auf einem fernen Planeten in ein „Labyrinth des Schreckens“.
Was habe ich diese Geschichten in den schmalen Comix als Dreizehn- oder Vierzehnjähriger geliebt und natürlich auch gesammelt!

Später habe ich deshalb sogar selbst einige Drehbücher für Comix geschrieben:
° 1964 für die Heftreihe Fix und Foxi (Rolf Kaukas einst eine recht erfolgreiche deutsche Konkurrenz für die amerikanische Weltmarke Mickey Mouse) einige Abenteuer von Mischa im Weltraum.
° 1979 als Geschichte für ein Sammelalbum zum Schoko-Riegel Orion.: „Wie Ori und Ion ihre Heimat Astron retten!“ (diese Sammelbilder und das ganze Projekt gediehen jedoch über einen ersten Entwurf (s. Abb. 4) nicht hinaus – und in diesem Beleg sind weder mein Freund Alfred Hertrich als Zeichner noch ich als Autor namentlich genannt.

Die Mischa-Geschichten wurden später separat noch einmal gesammelt veröffentlicht, wodurch ich an einen Beleg kam (im Heft aber nicht als Autor genannt bin). Leider haben meine Kopien der Drehbücher und Heft-Belege diverse Umzüge nicht überstanden – aber das vorliegende Album „Konterbande auf der Venus“ dürfte aus meiner Schreibmaschine stammen.
(Die Zeichner, die damals in Kaukas Wohn- und Arbeitsvilla in Geiselgasteig am südlichen Rand von München malochten, stammten aus Jugoslawien – die Entwürfe von Willi Johanns, früher mein unmittelbarer Nachbar in der Heßstraße, hatten leider keine Gnade beim Herausgeber gefunden – schade, denn Willi hatte ursprünglich den Kontakt zu Kauka vermittelt. Im selben Jahr hatte er einige atmosphärisch dichte Illustrationen zu meinem dritten Roman Der geworfene Stein angefertigt, der zunächst im SF-Fanzine Munich Round Up vorabgedruckt wurde – s. Abb. 4, 5 und 6).

MultiChronalia

Meine Erfahrungen mit Comix gehen aber noch weiter zurück. 1948 lernte ich die allerersten Beispiele dieses uramerikanischen Kulturbeitrags kennen (für das viele Kulturpessimisten jener Tage allerdings vehement die Bezeichnung „Kulturgut“ verweigert hätten*), und zwar in Form von Superman-Heften, die mein Vater (der damals in Garmisch für die Amerikaner im Casa Carioca kellnerte) von Offizieren der Besatzungsmacht geliehen bekam.

* Ich erinnere mich noch, dass man damals die GI´s – wohl nicht ganz zu Unrecht – für Analphabeten hielt, weil sie „nur“ diese Bildergeschichten lasen. Aber das entsprach auch sehr dem Dünkel der Bildungsbürger, die sich allemal für „etwas Besseres“ hielten – gerade, weil sie nicht lange vorher von eben diesen „Analphabeten“ besiegt worden waren.

Dazu gesellte sich bald Prinz Eisenherz (Anfang der 1950er Jahre in der einstigen Frankfurter Illustrierten), Nick Knatterton ab 1950 in der ebenfalls längst obsoleten deutschen Illustrierten Quick (Autor und Zeichner der sehr beliebten Serie war Manfred Schmidt).

Tarzan von Hal Foster war sagenhaft schön gezeichnet und erschien im vierfarbigen Kupfertiefdruck ab September 1952 (bis September 1958) im Mondial Verlag in Hamburg. Die ersten zehn Hefte ließ ich mir beim Buchhändler Winterling in Rehau zu einem richtigen Buch binden. Leider lieh ich das meinem Schul- und Wohnnachbarn Otto P. – der sie mir nie wieder zurückgab. Diese Hefte sind heute Tausende von €uro wert.

Ich liebte solche gezeichneten Geschichten. Deren Urvater war bekanntlich Wilhelm Busch, flankiert von vielen nicht minder phantasiereichen Kollegen in den um 1900 äußerst beliebten Fliegenden Blättern (die ich um 1950 bei der Tante eines Klassenkameraden im Haus gegenüber in der Rehauer Bahnhofstraße entdeckte und begeistert durchschmökerte.)

Mein Faible für das Comic-Genre ging so weit, dass ich mit meinem zeichnerisch sehr begabten Freund Alfred Hertrich (ein Jahr älter als ich) 1953 eigene Comics zu entwickeln begann:

° eine Weltraum-Saga (sicher beflügelt vom utopischen Helden Fulgor und von Nick der Weltraumfahrer), von Alfred nach meinen Vorschlägen in vornehmer sepiafarbener Tusche in Bilder umgesetzt;

° und ein Dschungel-Abenteuer in Farbe (inspiriert von Tarzan und Bomba der Dschungelheld und einem weiteren Piccolo-Comic namens Akim, der Sohn des Dschungels).

Beide Projekte gerieten zwar über die ersten zwei, drei Seiten nicht hinaus – aber sie waren fraglos für mich die ersten erzählerischen „Gehversuche“, aus denen sich später Kurzgeschichten und dann sogar ab 1957 eigene Romane zu entwickeln begannen.

Als Erwachsener verlor ich die Comix aus den Augen – da waren „richtige gedruckte Bücher“ und Filme interessanter. Aber als die Asterix-Hefte erschienen und die exzellent gezeichneten Zukunftsabenteuer um den wagemutigen Helden Storm (deren Lektüre ich mit meinen Kindern teilen konnte), war ich wieder dabei – und dann natürlich dieser wunderbaren Alben mit Little Nemos Abenteuern!

Es ist eine unglaubliche Erfolgsgeschichte dieses Genres, dass daraus die unzähligen Superhelden-Blockbuster unserer Tage wurden – die ja fast alle aus den konkurrierenden Verlagshäusern DC Comics und Marvel Comics stammen. Wozu eigentlich auch das ganze Universum um die SF-Serie Star Wars gezählt werden muss, die sich den Umweg über die gezeichneten Comix sparten und von George Lucas gleich in enorm erfolgreiche Kino-Märchen umgesetzt wurden (zu denen später flankierend natürlich auch Comic-Hefte erschienen sind).

Ja, ja zugegeben – vieles davon war und ist „Kinder-Kacke“. Aber so wie frühere Generationen mit erzählten Märchen und Mythen aufgewachsen sind (die ja auch meine Kindheit begleitet haben), so sind diese üppigen Bilderwelten doch eine wichtige Stimulation unserer eigenen Phantasie und Kreativität geworden – und den vielen Mist, der sich darunter befand, kann man ja getrost vergessen. Und im Mittelalter um 1450 waren die üppigen Fresken in den Kirchen die biblia paupera – die Bilderbibel der Armen, die nicht Lesen und Schreiben konnten – fraglos Vorläufer der heutigen Comix.

Richtig „komisch“ waren die meisten der Comix allerdings nicht – von Asterix (und Tim und Struppi) mal abgesehen. Und das meiste davon, das „komisch“ daherkam, war wie bei Mickey Mouse und Donald Duck (und Fix und Foxi) doch sehr bemüht witzig.

Fasse ich all dies zusammen, so erscheinen mir die Comix in ihrer Mischung von Bebilderung und (sehr sparsamen) Texten mit den typischen Sprechblasen wie die ideale Mitte zwischen den reinen Büchern (die aber manchmal sehr schön illustriert waren) und den bewegten und vertonten Welten der Kinofilme meiner Kindheit und Jugend (Fernsehen gab es damals ja noch nicht) und bestens geeignet, sich zu eigenen Geschichten anregen zu lassen.

Und wenn man ganz weit zurückgeht in der Menschheitsgeschichte: Sind nicht die ersten Höhlenmalereien vor 40.000 Jahren so etwas wie Vorläufer der modernen Bildergeschichten – die allesamt viel „sense of wonder“ transportieren. –

Eben wird mir bewusst: Bei diesem Blog bemühe ich mich ja, möglichst immer passende Illustrationen beizusteuern. Sicher eine Art „Nachwirkung“ meiner intensiven Comic-Erfahrungen.

aut #1208 _ 19. März 2022 / 18:00

Was will ich mit diesem Blog? (Zur Erinnerung)

Im Dezember versiegte der vorher recht fröhlich dahinströmende Fluss meiner Beiträge in diesem Blog:
26. Dezember 2021: „Muss warten: Hochbegabung“ (da wollte ich richtig loslegen mit diesem Thema).
16. Februar 2022: „Sternele seh´n“ – mein erstes Hobby (Astronomie) als Dreijähriger.
11. März 2022: Die Mikro-Story „Neuer Stern über dem Kreml“ – mein ingrimmiger Kommentar zu Putins irrsinnigem Krieg gegen die Ukraine – in Gestalt eines Science-Fiction-Märchens.

Abb.1: „Sternele seh´n“ hat mich schon als Kind fasziniert – Häufung von sieben (!) Planeten am 12. Feb 2022 (JvS Screenshot von der App NightSky)

Ich hoffe, dass die Beiträge nun wieder stetiger fließen, denn das Haupthindernis ist gemeistert: Das Loslassen der Seminare und das Umsteigen aufs Romanschreiben. Keine fremden Texte mehr begleiten – sondern mich nur noch den eigenen Geschichten widmen, wie das mein Traum als Jugendlicher war.
Damit ich richtig verstanden werde: Ich habe die Texte der Teilnehmer unserer Seminare immer gerne gehört, gelesen und begleitet. Aber jetzt ist, nach mehr als 40 Jahren, meine eigene Produktion wieder vorrangig – und das, was sich hoffentlich irgendwann zu meiner Autobiographie zusammenfügt und was ich hier im Blog Grabstein zu Lebzeiten nenne.

Noch ein anderes Hindernis ist beseitigt: Die Buchführung ist ab diesem Jahr viel einfacher (eben weil die Seminare wegfallen und alles, was damit verbunden war als „selbständiger Freiberufler mit psychologischer Praxis“: Marketing, Rechnungen schreiben, E-Mail-Verkehr, Räume anmieten und und und).
Als Schriftsteller muss ich keine Umsatzsteuer-Erklärung mehr machen. Alles wird viel einfacher.

Das ist der richtige Zeitpunkt, mal wieder anzuschauen, worum es mir in diesem Blog eigentlich geht (s. auch die Seite ABOut):
Zum einen sammle ich hier Material zu meiner Autobiographie. Dieser Erinnerungsprozess speist sich aus mehreren Quellen und ist sehr erratisch:
° Meldungen und Beiträge in den Medien zu mich interessierenden und mein Leben prägenden Themen wie „Labyrinth“, „Entschleunigung“, „Hochbegabung“, „Science-Fiction“, „Schreiben als vielgestaltiger kreativer Prozess“.
° Träume, die oft sehr rätselhafte Impulse liefern (auch wenn sie dem geübten Traum-Forscher ihre Geheimnisse irgendwann erschließen).
° Sonstige Anregungen, die sich aus Gesprächen oder E-Mails ergeben.
° Gezielte Recherche.

Zu letzterem bot der aktuelle Krieg gegen die Ukraine recht intensiven Anlass: Weltgeschichtlich ein zufälliges Ereignis – das aber ebenso zufällig mit meinen davon völlig unabhängigen Nachforschungen zu meinem Großvater Karl Hertel zusammenfiel, der 1941 mit Hitlers „Unternehmen Barbarossa“ als Kommandeur (im Majorsrang) eines Wehrmachts-Regiments in die Ukraine einmarschiert ist. Mit diesen Recherchen habe ich Anfang Februar begonnen. Putins „Unternehmen Barbarei“ (wie ich das am Anklang an Hitlers Überfall nicht nur auf die Ukraine nenne) hat dem plötzlich eine unvorhersehbare Aktualität verpasst.

Zufall auch des umfangreiche „Thema der Woche“ heute in der Süddeutschen Zeitung, das sich mit Putins Ukraine-Krieg befasst und dem schwierigen bis unmöglichen Unterfangen, in den Kopf des heutigen Zaren hineinzuschauen und herauszubekommen, was seine Absichten und Motive und nächsten strategischen Züge sein könnten – sehr treffend übertitelt als „Im Labyrinth“.

Labyrinthe sind ja eines meiner großen Lebensthemen, seit ich 1953 (dreizehnjährig), C.W. Cerams Sachbuch Götter Gräber und Gelehrte verschlungen habe und dort auf das faszinierende Kapitel über das kretische Labyrinth und den „Faden der Ariadne“ stieß. (Genau genommen kam dieses Zauberwort „Labyrinth“ bereits in meinem ersten eigenen Buch überhaupt vor, und das gleich dreimal, dazu der legendäre Erfinder und zugleich Gefangene dieser Konstruktion: Daidalos: Auf unbekanntem Stern von Anton M. Kolnberger.)

Abb. 2: Piccolo-Comic von Hansrudi Wäscher aus dem Jahr 1953 oder 1954 (Lehning-Verlag)

Zufälle gibt´s, die gibt´s nicht

Und wieder so ein Zufall: Vor einigen Tage schickte mir ein Freund (Danke, Julius!) einen recht betagten deutschen Weltraum-Comic im schmalen Piccolo-Format: Nick der Weltraumfahrer, der sich in Episode 84 auf einem fernen Planeten in ein „Labyrinth des Schreckens“ hineinwagt. Was habe ich diese Geschichten in den schmalen Comix als Dreizehn- oder Vierzehnjähriger geliebt und natürlich auch gesammelt.
Heute ist mir klar, dass weder des „Labyrinth“ des Herrn Putin noch das „Labyrinth“ des Weltraumfahrers Nick richtige Labyrinthe sind und auch keine „Irrgärten“ (weil weder in Putins Kopf noch auf jenem fernen gefährlichen Planeten so etwas wie ein „Garten“ existieren), sondern dass man das besser mit dem Kunstwort „Yrrinthos“ belegen sollte, was in meinem Verständnis eine verwirrenden Situation meint, in der man sich nur schlecht oder gar nicht zurechtfindet.

Quellen
Ceram, C.W.: Götter, Gräber und Gelehrte. Hamburg 1952 (Rowohlt), Kap. 8: „Der Faden der Ariadne“.
Kolnberger, Anton M.: Auf unbekanntem Stern. Nürnberg 1948 (Egge).
Kornelius, Stefan mit Nienhuysen, Frank und Wetzel, Hubert: „Im Labyrinth“. Südd. Zeitung Nr. 59 vom 12./13. Mrz 2022, S. 2.
Wäscher, Hansrudi: Nick der Weltraumfahrer _ Episode 84: Im Labyrinth (Hannover 1953 oder 1954). Nachdruck/Sammlerausgabe Schönau 1983 (Norbert Hethke Verlag).

aut #1205 _ 19. Mrz 2022/17:25 (12. März 2022/19:04)