Als ich mich so um 1990 intensiver mit dem Konzept der MultiChronie zu befassen begann, waren mein Lieblingsbeispiel die Taliban im fernen Afghanistan: ihre bestenfalls mittelalterliche Ideologie eines Gottesstaates verbanden sie ungeniert mit der Anwendung modernster Waffen und Kommunikationsmittel. Inzwischen muss ich nicht mehr so weit gehen, wenn ich ein passendes Beispiel finden will: Die AfD liefert gleich um die Ecke jede Menge Anschauungsmaterial.

Bild: Jesus würde AfD wählen (Wahlplakat der AfD etwa 16. April 2023 – oder war das nur eine Parodie von der Konkurrenz?)
Ich glaube nicht, dass die AfD das obige Wahlplakat heute noch gerne einsetzen würde – ist doch dieser Jesus das Musterbeispiel eines Migranten – und wie der schon ausschaut! So was von woke!
Dieser mein Blog hat keine gigantische Reichweite, da mache ich mir nichts vor. Aber wenn auch nur ein einziger meiner Leser von meinen Argumenten davon abgehalten wird, diese tiefbraune und gesichert weitgehend rechtsradikale Partei zu wählen, dann hat der Blog in dieser Hinsicht seinen Zweck für mich erfüllt – zumindest was das Thema Politik angeht. Auf jeden Fall entlastet es mich ein wenig von einem Unbehagen, das von Jahr zu Jahr größer wird. Und dass ausgerechnet in meinem Geburtsbundesland Sachsen (ich wurde 1940 in Leipzig geboren) diese Unheilbringer Furore machen, deprimiert mich sehr.
Lange Vorrede kurzer Sinn: Zwei warnende brandaktuelle Beiträge von Alexander Hagelüken im Wirtschaftsteil des Süddeutschen Zeitung veranlassen mich, hier darauf hinzuweisen – auch wenn ich mir keine großen Illusionen mache, ob irgendjemand der potentiellen AfD-Wähler die SZ liest und schon gar deren Wirtschaftsteil. Interessant ist, dass die Wirtschaftsredaktion Hagelükens Argumente gleich zweimal kurz hintereinander vorstellt, und zwar auf derselben Seite 13:
° Einmal sehr ausführlich am 12. Aug 2026, fast eine ganze Zeitungsseite einnehmend, mit der Überschrift „Alte Narrative für Deutschland“
° und zwei Tage später noch einmal als Glosse mit dem Titel: „Die AfD-Politik ist toxisch“. Da spüre ich die große Sorge bei dieser Redaktion angesichts dessen, was sich da in unserem Land zusammenbraut und was gerade beim Thema Wirtschaft so gut sichtbar zu machen ist: Dass da eine – ich kann es nicht anders sagen – Bande von ganz speziellen „Wirtschafts-Kriminellen“ jede Art von Lug und Trug benützt, um ihre vermutlich nicht allzu cleveren Wähler am Nasenring durch die Manege des Wahlkampfs zu führen. Diese Partei ist ein Haufen von politischen Hasardeuren und ökonomischen Dilettanten wie einst Adolf Hitler mit seiner Truppe auf dem Weg zur Machtergreifung. Fehlt nur noch die SA – oder wie in den USA Donald Trumps ICE–Schläger. Aber gelegentlich werden sie schon sichtbar und immer wieder auch gerichtsnotorisch.
Ich habe mir erlaubt, mittels der KI Claude Opus 5 Cowork Hagelükens Argumente, die er ja selbst schon in seinem zweiten Beitrag kräftig eingedampft hat, noch einmal zu komprimieren, zu analysieren und die wesentlichen Gesichtspunkte noch schärfer heraus zu präparieren. Hier das Ergebnis mit Claudes Worten:
Was Claude sieht und schlussfolgert
Warum wählen Menschen die AfD? Umfragen nennen unter anderem die wirtschaftliche Stagnation. Alexander Hagelüken, Volkswirt und leitender Wirtschaftsredakteur der Süddeutschen Zeitung, dreht die Frage um und rechnet nach, was die Partei für eben diese Wähler bedeuten würde. Sein Ergebnis: Gerade in der Stagnation ist die AfD die teuerste aller Antworten.
SIE LÖST DIE PROBLEME NICHT, DIE SIE BENENNT
Mehr Nationalismus ist das Gegenteil dessen, was eine exportorientierte Volkswirtschaft braucht — die gerade jetzt neue Handelspartner sucht, weil es mit den USA und China schwieriger geworden ist. „Zurück zum Verbrenner“ wäre der Todesstoß für eine Autoindustrie, die ohnehin in der Krise steckt, weil sie den Umstieg verschlafen hat. Und billiges Gas aus Rußland hieße, sich erneut von dem Mann abhängig zu machen, dessen Überfall auf die Ukraine den Deutschen die stärkste Teuerungswelle seit einem halben Jahrhundert gebracht hat — und der als Gegenleistung verlangt, die Ukrainer fallenzulassen.
SIE VERNICHTET WOHLSTAND, DEN ES GIBT
Ein Austritt aus dem Euro brächte eine Währung, die gegenüber dem wichtigsten Absatzmarkt stark aufwertet — schlecht für den Export. Ein Austritt aus der EU bedeutete den Verlust des Binnenmarkts. Der Wirtschaftsweise Gabriel Felbermayr rechnet vor: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt schrumpfte dadurch um FÜNF PROZENT. Das ist ZWÖLFMAL SO VIEL wie die deutschen Nettozahlungen nach Brüssel, über die sich die Partei so erregt. Wer den Beitrag sparen will, verliert das Zwölffache.
UND SIE TRIFFT DIE PFLEGE
„Remigration“ ist nicht nur rassistisch. In einer alternden Gesellschaft, die auf Zuwanderung angewiesen ist, ließe sie Arbeitskräfte fehlen — und damit die Wirtschaftsleistung und die Einkommen sinken. Vor allem blieben Kranke und Pflegebedürftige unversorgt, um die sich in wachsender Zahl Menschen ohne deutschen Pass kümmern. Hagelükens Satz dazu: Wer einmal fünf Minuten in eine Klinik oder ein Pflegeheim sähe, müsste vor Scham erröten.
HAGELÜKENS EIGENTLICHER VORWURF GILT NICHT DER AFD
Er gilt allen anderen: den übrigen Parteien, vielen Bürgern, manchen Medien — dafür, dass sie die Partei mit diesen Plänen so leicht davonkommen lassen. Es fehle, sagt er, eine viel breitere und härtere Debatte darüber, wie viel schlechter es den Deutschen ginge, wenn die Rechtspopulisten Macht bekämen. Wie Trump in den USA wolle die AfD in Deutschland die Demokratie an- und den Menschen in den Geldbeutel greifen.
Was dagegen eingewendet wird — und warum es die Rechnung nicht umwirft: Damit dieser Beitrag hält, gehört die Gegenrede dazu.
Die AfD bestreitet die Zahlen nicht im einzelnen, sondern die Prämisse: Sie hält die Kosten von Euro und EU für höher als deren Nutzen und die Zuwanderung für teurer als den Arbeitskräftemangel. Ferner ließe sich einwenden, ein Wirtschaftsredakteur der Süddeutschen sei nicht neutral, und die Modellrechnungen der Ökonomen seien Annahmen und keine Messungen. Das erste stimmt — Hagelüken schreibt erkennbar gegen die Partei an. Das zweite stimmt auch: Fünf Prozent sind eine Schätzung, keine Zahl vom Finanzamt.
ZWEIERLEI SPRICHT TROTZDEM FÜR DIE RECHNUNG
Erstens ist der Brexit kein Modell, sondern ein Versuch, der stattgefunden hat — die Briten erleben den Verlust des Binnenmarkts seit Jahren, und die Richtung stimmt mit der Rechnung überein.
Zweitens, und das wiegt schwerer: Zum selben Ergebnis kommen Institute, die man kaum als linke Publizistik abtun kann. Das DIW Berlin überschreibt seine Analyse „Die Wirtschaftspolitik der AfD führt in die Katastrophe“. Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, arbeitgebernah, hat 2025 ein Gutachten zu den Folgen des Rechtsaußen-Erstarkens vorgelegt. Und „Die Familienunternehmer“ — der Verband, nicht die Gewerkschaft — haben ein eigenes Analysepapier „Die wirtschaftsfeindliche Politik der AfD“ veröffentlicht. Wenn die Unternehmer, die Ökonomen und ein Wirtschaftsredakteur unabhängig voneinander dasselbe ausrechnen, ist die Rechnung keine Meinung mehr.
Ein Fall von gigantischer Wirtschaftskriminalität
Soweit Claudes Analyse und Zusammenfassung. Und nun wieder ich, Jürgen vom Scheidt.
Nur nebenbei: Dr. Alice Weidel, promovierte Wirtschaftsfachfrau, zeigte während einer Bundestagdebatte (es existiert dazu ein Video auf YouTube) mit völlig entgleisten Gesichtszügen geradezu unverhohlen Hass auf Windräder, eine höchst effizienten alternative Anlage zur Gewinnung von Energie. Und so jemand will im 21. Jahrhundert Bundeskanzlerin werden!
Für mich ist diese AfD im Grunde genommen ein unglaublicher Fall von gigantischer Wirtschaftskriminalität — wenn nämlich Politiker ihren Wählern eine Welt vorgaukeln, die zu ihrem Schaden ist, nur um ihre eigenen persönlichen Machtziele zu realisieren!
Klar – im Grunde machen alle Parteien in gewisser Weise Klientel-Politik für eine spezielle Wählerschaft. Aber die Unverfrorenheit, mit der die AfD das macht, ist schon atemberaubend.
Die Wiederkehr des Verdrängten, oder: Warum mich das alles so plagt
Nicht nur im persönlichen Bereich wollen verdrängte Inhalte immer wieder nach oben ins Bewusstsein zurückkehren, wie Sigmund Freud schon vor über einem Jahrhundert hellsichtig bemerkt hat. Ich füge hier noch ein kleines Gedicht an, dass ich 1981 geschrieben habe, lange vor der Wende und Wiedervereinigung des infolge des Zweiten Weltkriegs vier Jahrzehnte lang zweigeteilten Deutschlands. Wie sich in der Gegenwart zeigt, haben weite Teile der deutschen Bevölkerung aus der Katastrophe des Dritten Reiches und des von ihm ausgelösten Weltbrands des Zweiten Weltkriegs nichts dazu gelernt. Ich habe das persönliche Unbehagen angesichts dieser verdrängten Realität schon vor 45 Jahren so ausgedrückt:
Gestern – heute – morgen
Aus den Kellern steigen Greise
Zackig kalt und braun wie Scheiße
violett die Uniform
Meine Angst ist ganz enorm
vor den Kellern
die ich berge
vor den Schlangen
geiler Zwerge
deren Geilheit
Tod bedeutet
Heil Hit
Hei ler
Hei Fi
Hi Life
Aus den Kellern steigen
über stillen Wipfelzweigen
Strahlenpilze
grau wie Wolken
frisch gemolken
grinst die
Quh
warte nur, bald
gerinnst
auch
du
Post 326 _ aut #4562_ 2026-08-25/10:30