Nazi-Juristen nicht verstecken – sondern sichtbar machen

Aus meinen zwei Semestern Jura-Studium im Jahr 1960 (eingeklemmt zwischen einem Semester „Mathematik und Physik“ an der Technischen Hochschule und dem Psychologie-Studium an der LMU) sind mir die beiden voluminösen Standardwerke, um die es hier geht, nur zu vertraut gewesen. Jeder Jurastudent muss sie sich irgendwann kaufen – ich habe das (in Vorahnung meines baldigen „Hinwerfens“) damals zum Glück nicht getan.
Der Palandt (Kommentare zum Bürgerlichen Gesetzbuch) und der Schönfelder (Gesetzessammlung zum Bürgerlichen Recht) sind schon seit vielen Jahren unter Beschuss – weil beide Herausgeber in der Nazi-Zeit prominente Vertreter der Justiz des Dritten Reichs und ausgewiesene Antisemiten waren. Palandt ließ außer den Juden auch gleich noch die Frauen aus dem juristischen Betrieb ausschließen.

Die Wikipedia beleuchtet ausführlich die historische Belastung beider juristischen Standardwerke und meldet in lakonischer Kürze
° zum Palandt: „Neben seiner Popularität auf Grund der weiten Verbreitung gilt er als Grundstein im Rahmen der Juristenausbildung und ist in den meisten Bundesländern als Hilfsmittel im zweiten juristischen Staatsexamen zugelassen.
° Und zum Schönfelder: „… ist eine im Verlag C. H. Beck erscheinende Gesetzessammlung, die einige der wichtigsten Gesetzestexte des deutschen Bundesrechts enthält. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um Zivil- und Strafgesetze (bspw. BGB und StGB). Damit enthält der Schönfelder die zentralen Gesetze der ordentlichen Gerichtsbarkeit. […] Die Bedeutung des „Schönfelder“ wird seit Jahrzehnten in der Juristenausbildung dadurch gefestigt, dass er für angehende Juristen bereits während des Studiums und im Referendariat ein täglich benötigtes „Handwerkszeug“ darstellt.

Der renommierten Verlag Beck in München, für den beide Werke (weil jeder Jurist sie benötigt) so etwas wie eine „Lizenz zum Gelddrucken“ sind, weigert sich seit vielen Jahren beharrlich, die politisch enorm belasteten Herausgeber-Namen zu ändern. Vor allem beim Palandt ist das doppelt peinlich, weil der ursprüngliche Herausgeber Otto Liebmann (ein jüdischer Jurist und Verleger) und dessen Mitarbeiter auf üble Weise nicht nur ihrer Urheber-Rechte beraubt wurden, sondern auch noch systematisch der Vergessenheit anheim gegeben wurden.
Die Weigerung fiel dem Verlag wohl leichter, solange die Kritik aus der eher politisch „linken Ecke“ kam, also von den Grünen und den Sozialdemokraten, und man wohl annahm, dass Juristen eher der konservativen Mitte entstammen, der die „braune“ Vergangenheit der beiden Standardwerke traditionell nicht so wichtig ist (oder sogar, zumindest in der Nachkriegszeit mit ihrem Heer nazi-affiner Juristen, sehr willkommen war). Dies scheint sich nun zu ändern, weil der aktuelle Justizminister der bayrischen CSU ein „unverdächtiger“ Konservativer ist, der die Sachlage von einem Historiker untersuchen und neu begutachten lässt und damit Druck aus einer „anderen“ politischen Richtung auf den Verlag macht – wie ich einem aktuellen Zeitungsbericht (Steinen 2021) entnehme.
Höchste Zeit, meine ich, dass hier etwas geschieht – war doch gerade mal wieder (am 20. April) „Führers Geburtstag“, der in rechtsradikalen Kreisen wohl immer noch gefeiert wird – während das Münchner Stadtarchiv zum Gedenken an die Befreiung von den Nazi-Verbrechern durch die Amerikaner bei Kriegsende an eben diesem „30. April“ weiße Fahnen raushing – (ich bin da passenderweise vorbeigeradelt und habe das auf diese Weise zufällig mitbekommen – zunächst irritiert durch das Datum „30. April 1945“).

Nicht „streichen“ – sondern „herausstreichen“

Ich meine, dass die „Streichung“ solcher belasteten Herausgeber-Namen ebenso wenig bringt wie die Ersetzung von ähnlich belasteten Straßennamen (von Trotha-Straße und Meiser-Straße in München) und Schul-Namen (Wernher von Braun-Gymnasium in Friedberg*) durch „unbelastete“ Namensgeber. Vielmehr sollte man die Gelegenheit nützen, auf das Unrecht, das mit den alten Namen verbunden ist, und auf diese ganze „braune“ Vergangenheit und ihre Verbrechen hinweisen. Warum nicht den Palandt „Palandt“ sein lassen und den Schönfelder eben „Schönfelder“ – und auf dem rückwärtigen Umschlag in einem kleinen, aber gut formulierten Kasten, die historische und politische Belastung sichtbar machen?

* Wernher von Braun hat ja mit seiner Saturn-Rakete nicht nur die Amerikaner auf den Mond gebracht, sondern war im Dritten Reich maßgeblich verantwortlich für die Entwicklung der Raketen, die London und Coventry und andere Städte in Schutt und Asche legte, unzähligen Menschen den Tod brachten – und schon bei ihrer Herstellung durch Zwangsarbeiter unzählige Todesopfer forderten, von seinem Rang als SS-Offizier mal ganz abgesehen – wie Rainer Eisfeld akribisch nachgewiesen hat.

MultiChronalia

München, meine Heimatstadt seit 1956, taucht in diesem Beitrag nicht zufällig so oft auf – war es doch im Dritten Reich die (von den Münchner Bürgern und Stadträten gerne so gesehene) „Hauptstadt der (braunen) Bewegung“.
Als ich 1960 Jura studierte, war ein prominenter Alt-Nazi noch immer aktiv mit Vorlesungen zum Staatsrecht und sogar als Kultusminister (für die CSU): Theodor Maunz. Nach dem Bekanntwerden seiner NS-Vergangenheit trat er als Minister zurück und publizierte bis zu seinem Tod – u. a. anonym in der rechtsradikalen National-Zeitung.

Dass Umbenennungen auch „nach hinten“ losgehen können, zeigte die Änderungen eines Straßennamens in München gleich beim Königsplatz (den die Nazis einst während ihres Tausendjährigen Reiches zu gerne in „Adolf-Hitler-Platz“ umbenannt hätten):
Aus der „Bischof Meiser“-Straße machte man 2010 eine „Katharina von Bora“-Straße (nach dem Geburtsnamen von Martin Luthers Ehefrau), weil Bischof Meiser, erster Landesbischof der Evangelischen Kirche in Bayern, sich im Dritten Reich mit antisemitischen Äußerungen „beliebt“ gemacht hatte. Blöderweise war nicht nur Martin Luther ein Antisemit (zumindest der späte Luther sieht in den Juden Christusfeinde und ruft unverhüllt zu Pogromen auf) – sondern seine Ehegespons hat ihn noch deutlich übertroffen: Sie gibt den Juden die Schuld an Luthers körperlichem Zusammenbruch in Eisleben, der zu seinem Tod am 18. Februar 1546 führte. (Graf 2010).

Quellen
Eisfeld, Rainer: Mondsüchtig. Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt aus dem Geist der Barbarei. Paperback, 2012.
Graf, Friedrich: „Meiserstraße in München: Heikle Umbenennung“. In: Südd. Zeitung online vom 05. März 2010.
Palandt, Otto W. (Hrsg.): Bürgerliches Gesetzbuch (Kommentare). München (Beck Verlag).
Schönfelder, Heinrich (Hrsg.): Deutsche Gesetze. München (Beck-Verlag).
Steinke, Ronen: „Justizminister will Nazi-Namen tilgen“. In: Südd. Zeitung Nr. 106 vom 10. Mai 2021, S. R10 (Bayern-Teil).

aut #961 _ 2021-05-11/11:49

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