Beruf: Lektor

Die ominöse Dechiffriermaschine Lector, die im zweiten James-Bond-Filme (Liebesgrüße aus Moskau) eine wichtige Rolle spielt, hat außer dem Namen (und dass sie Texte „liest“ bzw. verschlüsselt und entschlüsselt) wenig mit der Tätigkeit eines menschlichen „Lektors“ zu tun. Aber immerhin: Auch Lektorinnen und Lektoren lesen – nämlich Manuskripte. Und sie müssen sie ebenfalls „entschlüsseln“ und bewerten: Nämlich ob sie ins nächste Verlagsprogramm passen und ob ihr Inhalt etwas taugt.
Als Buchautor ist man logischerweise auch Lektor – der allererste sogar. Das ist zugleich das Problem – denn man ist dabei leider befangen. Ein unabhängiger Lektor eines Verlags ist unabdingbar – weil der nämlich als „erster Leser“ zugleich die möglichen Reaktionen der potenziellen Käufer mit „auf dem Radar“ hat und vor allem die naturgemäße „Betriebsblindheit“ des Urhebers ausgleichen kann. –

Wie wird man Verlagslektor? Heute ist das längst ein normaler Studiengang an der Universität – in München zum Beispiel an der Ludwig-Maximilians-Universität am „Buchwissenschaftlichen Institut“. Es studieren dort überwiegend Frauen.
Wie bin ich in diesen Beruf hineingeraten, obwohl ich doch Psychologie studiert habe (was übrigens auch ein typischer Frauen-Beruf ist)?
Wie so vieles in meinem Leben ergab sich das durch Zufall und vor allem durch autodidaktisches Selbststudium. Nachdem ich 1968 mein Diplom als Psychologe in der Tasche hatte, wollte ich endlich Geld verdienen. Also ging ich zum Arbeitsamt (wie das damals noch hieß) und erkundigte mich nach einer Stelle als Psychologe. Ich hatte deutlich den Eindruck, dass meine Frage dem zuständigen Sachbearbeiter recht naiv erschien, denn er meinte nur trocken:
In München gibt es derzeit 600 arbeitslose Psychologen.“

Ich bedankte mich, ging und fragte mich: Was habe ich denn sonst noch gelernt, was kann ich – was würde ich gerne tun?
Sofort fiel mir das Bücherschreiben und überhaupt das Schreiben ein. Ich weiß nicht mehr, wie ich auf den Zeitschriftenverlag „Kindler & Schiermeyer“ kam und deren neues Projekt Jasmin – die Zeitschrift für das Leben zu zweit (eine deutsche Variante der amerikanischen Frauenzeitschrift Cosmopolitan). Wahrscheinlich hatte ich in der Süddeutschen darüber gelesen. Ich rief an, hatte bald ein Vorstellungsgespräch – und Anfang 1968 trat ich meine erste Arbeitsstelle in der Vorbereitungs-Redaktion für Jasmin an: als Redakteur. Aber eigentlich war mein Arbeitsplatz das, was man „Lektorat“ nannte. Dort musste ich die zahlreichen Übersetzungen vergeben (was unter anderem meiner ersten Frau Elke eine stetig tröpfelnde Flut lukrativer Auftrage bescherte, weil sie schnell und zuverlässig sowohl englische wie französische Texte übertragen konnte*. Aber ich versorgte auch etliche andere Übersetzerinnen mit Aufträgen – was mir später zugute kam, weil einige von ihnen Beiträge für meine Reader und Geschichten für meine Anthologien übersetzen konnten, wenn Elke das Pensum zu viel wurde).
Außerdem musste ich für andere Redakteure Texte begutachten und ausländische Bücher, welche Agenturen anboten; außerdem gehörten noch Recherchen in der Staatsbibliothek und anderen Quellen zu meinem Bereich. Eigentlich war ich das, was man „Mädchen für alles“ nennt. Nicht gerade der tollste Start ins Berufsleben für einen frischgebackenen Diplompsychologen – aber doch im Rückblick eine vielseitige Vorbereitung auf die nächste Arbeitsstelle, die nun ein echtes Lektorat in einem Buchverlag war.
Als ich Ende 1968 bei Jasmin kündigte (weil mir der Job dort auf Dauer zu eintönig war), stand mein Sinn überhaupt nicht irgendwas „Psychologischem“, sondern ich hielt bei den Stellenanzeigen gleich nach einem Buchverlag Ausschau. Von Piper, dem Verlag der Wahl (und praktischerweise nah bei unserer Wohnung in der Zieblandstraße nur wenige Minuten entfernt: in der Georgenstraße. Aber die wollten mich nicht (dafür haben sie 2005 mein Sachbuch → Das Drama der Hochbegabten als Taschenbuch nachgedruckt – in München läuft man sich, was Buchprojekte angeht, immer wieder über den Weg – ist es doch nach New York eine der wichtigen Verlags-Städte der Welt).
Gleich die dritte Bewerbung klappte dann: bei der Nymphenburger Verlagshandlung. Dort konnte ich dreifach punkten: natürlich mit meinem abgeschlossenen Psychologiestudium, aber vor allem mit meiner Tätigkeit als Mitarbeiter beim Selecta-Verlag und eben dem Jahr bei Jasmin.
Selecta war ein medizinischer Fachverlag, für den ich schon während des Studiums als Journalist tätig gewesen war – für technische naturwissenschaftliche und psychologische Themen (vor allem für die beiden ersten Bereiche ist Science-Fiction übrigens eine exzellente Vorbereitung!) Das war eigentlich ein typischer Studentenjob – aber doch weit mehr, weil es mit einer Ausbildung verbunden war. Diese war kein offizielles Volontariat; aber von den Fertigkeiten her, die man mir beibrachte und mich ausprobieren ließ, lief es genau auf das hinaus. Und dieser Studentenjob ermöglichte mir nach dem Studium dann immerhin die Arbeit als Lektor – s. oben.

Als Psychologe wurde ich erst 1970 tätig, genauer: Als Drogenberater war dies gewissermaßen mein dritter Beruf – nein: mein vierter.

Mein allererster Beruf? Romanautor!

Genau genommen war mein allererster „Beruf“ Romanautor. Immerhin habe ich schon als Schüler zwei Romane nicht nur geschrieben, sondern auch veröffentlicht. Das genügt doch als Berufsnachweis, oder?

Und bei einem Romanautor macht es sich auf jeden Fall gut, wenn in seiner Vita zu lesen ist:
„… war einige Jahre in Kanada als Holzfäller und in Kalifornien als Goldgräber, dann auf Island als Pferdezüchter erfolgreich…

oder scheiterte – ist egal – Hauptsache Erfahrung in einem speziellen Metier oder noch besser: in mehreren. Die eben genannten – Holzfäller – Goldgräber – Pferdezüchter – stammen nicht aus meiner Vita – aber schon als Sechsjähriger war ich mit meinem Großvater auf dessen Baustellen und habe gesehen, was Maurer tun und wie die Zimmerleute einen Dachfirst errichten und all dies kann ich jederzeit aufschreiben und in eine Geschichte einbauen – so etwas vergisst man nicht. Und ich weiß außerdem, wie der Hufschmied ein Pferd beschlägt und wie man ein Wagenrad für einen großen Leiterwagen baut und wie man Kühe melkt – das hab ich schon als Dreijähriger von unserem Kindermädchen Else gelernt, einer Bauerntochter, die mir außerdem beibrachte, wie man im Herbst einen Kartoffelacker „nachliest“ und mit dem trockenen Kartoffelkraut ein richtiges Kartoffelfeuer anzündet und darin Kartoffeln brät – mit etwas selbstgestampfter (!) Butter und selbst gemachtem Käse eine kulinarische Köstlichkeit, die kein Witzigmann der Welt hinkriegt und kein Tantris-Feinschmeckerlokal, schon deshalb nicht, weil der Geruch des brennenden Kartoffelkrauts fehlt, der im Herbstnebel über das Feld kriecht….

Das tut jedem Roman gut: Lebens- und speziell auch Berufserfahrung. Und da ein Roman ja nicht nur eine Hauptfigur hat, sondern meistens ein ganzes Personal verschiedenster Figuren, ist Erfahrung mit vielen Berufen fast so etwas wie eine Grundvoraussetzung für einen Autor – selbst wenn er immer wieder gescheitert sein sollte (warum sonst wird er oder sie denn schließlich Autor?)

Was macht eine Lektorin?

Ein Verlagslektor (weiblich wie männlich) ist unter anderem für den Klappentext der von ihr / ihm betreuten Bücher und für die dort abgedruckte Kurz-Vita des Autors zuständig. Man macht eigentlich heutzutage mehr den Job eines Marketing- und Werbespezialisten als das, was ich noch als Lektor bei der Nymphenburger Verlagsanstalt zu tun hatte: den Text des eigentlichen Werkes betreuen (das machen heute meistens – schlecht bezahlte – Außenlektoren). Ich erinnere mich noch deutlich, dass eine meiner schwierigsten Aufgaben war, das sprachlich recht schwache Manuskript eines Tierarztes („wie man Krankheiten bei Pferden erkennt und behandelt“) in lesbares Deutsch zu übertragen – was durchaus lohnte, denn der Inhalt stimmte – und Pferdebücher waren (wie die renommierten Jazz-Bücher und vor allem der Jazz-Kalender) eine der zuverlässig sprudelnden Einkommensquellen des Verlags.
Weit mehr waren meine wissenschaftlichen Kenntnisse gefragt beim Super-Hit, auf den Verleger (und Chemiker) Spangenberg mit Recht sehr stolz war (und ich als Lektor natürlich ebenfalls), weil daran vier Nobelpreisträger beteiligt waren: Der Briefwechseln zwischen Albert Einstein und Max Born, mit Geleitwort von Bertrand Russell und Vorwort von Werner Heisenberg. Zu meiner Tätigkeit als Lektor gehörte diesbezüglich auch der Briefwechsel mit den noch lebenden Beteiligten bzw. ihrer Mitarbeitern.
Spangenberg war ein findiger Kopf. Er suchte ständig nach Wissenschaftlern, die an interessanten Themen arbeiteten und publizierte diese in der neu gegründeten Sammlung Dialog, deren Betreuung meine Hauptaufgabe wurde. Solche „direkten“ Manuskripte waren preiswerter zu erstehen als ausländische Werke, die erst noch teuer übersetzt werden mussten (was zudem zeitraubend war).

In der Sammlung Dialog konnte ich später übrigens zwei Jahre ein eigenes Buch publizieren: Einen Reader, der interessante Texte von Psychoanalytikern über ihre Arbeit versammelte und entsprechend den Titel → Psychoanalyse trug, mit der Unterzeile: Selbstdarstellung einer Wissenschaft“. Auf diese Weise entstanden briefliche Kontakte zu einem Dutzend führender Fachleute.

Besonders stolz war ich jedoch auf ein Buch, das ich in den Verlag holen konnte: Die Autobiographie des indischen Musikers Ravi Shankar (die bestens zum Jazz-Programm passte). Meine erste Frau Elke übersetzte das Buch und ich stellte die Discographie aktueller indischer Musik zusammen – eine wunderbare Gemeinschaftsarbeit, die außerdem dazu führte, dass ich Ravi Shankar nach einem Konzert in Frankfurt nicht nur die frisch gedruckte deutsche Ausgabe überreichen konnte – sondern mit ihm und seinen beiden Begleitmusikern (Tablas und Tamboura – die Namen weiß ich leider nicht mehr) anschließend) zum Essen samt entspanntem Gespräch gehen durfte.

Ravi Shankars Autobiographie My Music – My Life (Nymphenburger Verl.hdl 1969)

In der Klappentext-Vita meines ersten eigenen Romans stand zunächst gar nichts – weil ich damals Schüler war und der Verlag die Leser nicht gleich mit so einer Nicht-Vita konfrontieren wollte. Aber im Lauf der Zeit kam so einiges an Berufserfahrung zusammen, denn ich war:

° Reiseleiter (in die Türkei – später ähnlich mit meinen Schreibgruppen im Wallis, mit denen ich ja auch Bergwanderungen unternahm).
° Verkäufer von Geldanlagen (schon als Student vertrieb ich amerikanische Investment-Fonds, hatte sogar sechs Mitarbeiter – Trainees – die für mich tätig waren).
° Yogalehrer (u.a. für den Kreisjugendring und die Sporthochschule in München).
° Rundfunksprecher (ich sprach meine eigenen Texte – bekam dafür eine richtige Anleitung und viel „learning by doing“).
° Interviewer im Bayrischen Rundfunk.
° Drogenberater.

Für alle diese Tätigkeiten hatte ich keine richtige „Ausbildung“ – aber gute Mentoren und das meiste brachte ich mir autodidaktisch selbst bei – wie mit 17 das Romanschreiben.

Mein Studium der Psychologie war ja mehr ein „Breitband-Schnuppern“ in viele Themenbereiche (gab mir allerdings für meine spätere Autorentätigkeit viele Anregungen mit und vor allem das Wissen, was man wo findet, wie man recherchiert, wie man ein Thema aufbereitet und wie man kritisch an ein Thema rangeht).
Eine richtige berufliche Ausbildung bekam ich erst in den Jahren, in denen ich mittels Themenzentrierter Interaktion (TZI) lernte, wie man Seminare anders als auf der Universität leitet – nämlich teilnehmerorientiert. Das habe ich während etwa fünf Jahren intensiv gelernt und mit einem Diplom abgeschlossen – das Beste, was mir im Leben passieren konnte (nicht zuletzt, weil ich dabei meine spätere Frau und Kollegin und Mitarbeiterin Ruth kennenlernte).

Diese TZI-Seminare mit dem bereits vertrauten Schreiben zu kombinieren – das war dann wieder eine autodidaktische Eigenschöpfung: Creative Writing, nannte man das damals in den USA – für Deutschland war das etwas Neues. Aber das sind weitere Geschichten – die sollen ein andermal hier im Blog erzählt werden.

Fazit: Ich habe viele Berufe gelernt und ausgeübt – etwas Besseres kann einem nicht passieren, wenn man Geschichten schreiben will. Aber das mit dem Lektor ist eine Tätigkeit, die irgendwie in alle anderen hineinwirkt, zumindest wenn sie mit Texten verbunden sind: lesend – schreibend – evaluierend.
Dieser Tage begleite ich eine Frau dabei, ihr interessantes Leben in Buchform zu fassen – erst jetzt wird mir bewusst, dass ich da wieder als Lektor tätig bin – wie 1968/69 – und natürlich letztlich auch bei meinen eigenen Buch-Projekten.

* Als die Memoiren des französischen Generals de Gaulle erschienen, wollte die Redaktion das „Leben zu zweit“ des französischen Präsidenten und seiner Gattin zu einem Artikel verarbeiten und brauchte dafür „vorgestern“ eine Roh-Übersetzung ins Deutsche. Genau das Richtige für Elke, das das komplette Buch über Ostern 1968 in Partien übersetzte, die ich Kapitel für Kapitel dem zuständigen Redakteur überbrachte. Mit Eilzuschlag brachte das für etwa eine Woche Arbeit ein Honorar von 4.000 Mark – nicht schlecht für den Start in eine junge Ehe. Ich bekam damals ein monatliches Gehalt von 1.500 Mark.

Quellen
Born, Max und Albert Einstein: Briefwechsel 1916-1955. Kommentiert von Max Born. München 1969 (Nymphenburger).
Scheidt, Jürgen vom: Psychoanalyse. Selbstdarstellung einer Wissenschaft. München 1975 (Nymphenburger).
Shankar, Ravi: Meine Musik, mein Leben. (New York 1968_My Music – My Life) München 1969 (Nymphenburger).
Young, Terence (Regie): Liebesgrüße aus Moskau. (From Russia with Love) Great Britain 1963 (United Artists).

aut #1082 : 2021-07-03/20:57

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