Der Weltgeist als Spottdrossel

Zufälle gibt´s, die sehen aus, als würde da irgendwo im Universum eine rätselhafte Instanz antworten (Weltgeist, nannte Hegel das). Und manchmal, wenn auch sehr selten, ist diese Antwort regelrecht spöttisch. So war es jedenfalls, als eine gute Bekannte aus Schreibseminar-Tagen mich aufgrund meiner Meinung zum Krieg gegen die Ukraine (zum Beispiel dass man die kräftig mit Waffen unterstützen müsse) und speziell meines zornigen Blog-Eintrags Rohe Weihnacht – für Putin auf eine „andere Meinung“ zum Krieg hinwies von einem ehemaligen Brigadegeneral namens Erich Vad.

Der Mann war mir kein Begriff. Wer begreift also mein Erstaunen, als ich am Tag nach Erhalt dieser E-Mail (also heute) im Streiflicht der Süddeutschen Zeitung sehr ausführliche Auskunft über diesen General bekomme:

Abb.: 1 War dieser Zeitreisende in Wirklichkeit General Vad – oder (Abb. 2) nahm er diese Gestalt an? (Copyright s. Quellen)

„Der ehemalige Brigadegeneral der Bundeswehr Erich Vad, gern gesehener TV-Gast, darf als führend gelten in der Kunst der Fehlanalyse. Er sagte den Untergang der Ukraine in den ersten Kriegstagen voraus („Militärisch gesehen ist die Sache gelaufen“), das Scheitern ihrer Gegenoffensiven, den Fall der Stadt Odessa und manche weitere Entwicklung, deren Gegenteil sich umgehend einstellte. Wie Historiker wissen, haben verblüffend ähnliche Expertisen den Gang der Weltgeschichte geprägt. Es kann daher nicht länger ausgeschlossen werden, dass es sich bei Erich Vad um einen zeitreisenden Experten handelt: Gekleidet in Spanische Tracht sagt er 1618 dem Kaiser, der Dreißigjährige Krieg werde binnen weniger Tage enden, da die Eskalationsmacht der Katholischen Liga überwältigend sei. Erich Vad, nun in Toga, belehrt 216 v. Chr. den römischen Senat, man müsse den Karthager Hannibal bei Cannae durch die Masse der Legionen einfach erdrücken, Erich Vad 1812 am Kaminfeuer im Chateau de Malmaison zu Napoleon: Seid Ihr erst in Moskau, gehört Euch die Welt. Nachzuweisen ist immerhin: Erich Vad war in seiner aktiven Zeit beratend in Angela Merkels Kanzleramt tätig.“

Der manchmal subtile und gelegentlich (s. oben) auch deftige Spott ist das Markenzeichen des Streiflichts. Aber da ist nicht nur dieser – wie immer sehr seltsame und rätselhafte – einfache Zufall im Spiel, diesmal in gewissermaßen „dialogischer Form“ (hier meine Frage – da die Antwort der Kolumne) – sondern es gibt gleich noch einen zweiten Zufall in diesem Zusammenhang:

Am Vortag (Montag der 16. Jan 2023) traf sich der Stammtisch der Phantasten, bestehend aus Freunden der Science-Fiction und der Fantasy. Das Thema war, diesmal ohne Vortrag, eine offene Diskussion darüber, was die immer „stärker“ werdenden Varianten von Künstlicher Intelligenz (KI) mit uns machen,: „“Wie halte ich es mit der Künstlichen Intelligenz?“
Spätestens seit Jack Williamsons The Humanoids ist das Wirken solcher potenzieller, dem Menschen überlegener Super-Intelligenz (eventuell sogar mit Bewusstsein) Thema der SF, in jüngster Zeit immer intensiver. Im Gespräch kamen wir auch auf die „Sandkasten-Spiele“ der Militärs zu sprechen – eine Urform der KI-Simulation von kriegerischen Auseinandersetzungen (ähnlich wie das Schach), mit dem angehende Offiziere lernen, Gefechte darzustellen und durchzuspielen. Ein wunderbares Beispiel ist die SF-Story War Games“ von Christopher Anvil. Und womit beginnt die oben zitierte Kolumne ?

„In dieser Zeit der Wirren bildet das Expertentum den Leuchtturm des Wissens und der Übersicht. Expertinnen und Experten erklären den Menschen dann zum Beispiel, warum Deutschland ein unrettbarer Fall ist oder einfach nicht unterzukriegen sei. Eine Unterart bilden die Militärfachleute. Sie gelten in der Expertenfamilie als zwielichtige Onkel, die in ihrem Keller mit Plastikpanzern die Schlacht von Kursk 1943 nachspielten.“

Danke, Zeitgeist, auch für diesen subtilen Hinweis. Aber das ist noch nicht alles. Denn die in diesem Teil des Streiflichts erwähnte „Schlacht von Kursk“ im Sandkastenspiel war gewissermaßen der Anfang vom Ende des „Unternehmens Barbarossa“, mit dem Adolf Hitler die Sowjetunion zermalmen wollte und die Ukraine zur „Kornkammer Deutschlands“ machen samt ihrem gesamten Volk als Sklavenarbeitern für die Deutschen.

Am Anfang dieses Krieges 1941-1945, der ja wie eine Blaupause ist für Putins Überfall auf die Ukraine Ende Februar 2022 (wobei Putin dummerweise das desaströse Ende von Hitlers Überfall leider nicht auf sein Kriegsabenteuer bezieht) – am Anfang also dieser deutschen Barbarei sah ja alles sehr siegreich aus. Dies war wohl einer der Gründe, weshalb mein Großvater, damals Regimentskommandeur in Dnipropetrowsk, mir bei einem Urlaub (?) vom Kriegsabenteuer etwa 1943 diese Zungenbrecher-Wörter beibrachte: „Dnepr, Dnestr, Dnjepropetrowsk.“

Und was sehe ich gestern Abend, nach dem Phantasten-Treffen, in den Fernsehnachrichten? Schreckliche Bilder aus „Dnistr“ (eine andere Schreibweise von „Djestr“), das Putin mit Raketen beschießen lässt. So tolle Waffen hatten die Nazis und mein Großvater nicht – aber ihre Waffen waren schrecklich genug.

Ach ja, noch etwas nach diesem dreifachen Zufall: In den Romanen und Filmen der Science-Fiction sind Zeitreisen immer wieder ein beliebter Topos, auch bei unseren Diskussionen. Und was unterstellt das Streiflicht dem General Vad? Ich zitiere aus dem Zitat oben:

„Es kann daher nicht länger ausgeschlossen werden, dass es sich bei Erich Vad um einen zeitreisenden Experten handelt.“

Na bitte. Und vielen Dank, Weltgeist!

PS:
Eben fällt mir noch ein weiterer Zufall auf, nun allerdings „um einige Ecken entfernt“: In meiner Anthologie Das Monster im Park habe ich auch die Geschichte eines russischen Autors veröffentlicht, der in der heutigen Ukraine geboren wurde: in Dnjepropetrowsk. Er nannte sich seinem Heimatort entsprechend Anatolij Dneprow. Damals, 1941, wurde dieser Ort zum Standort meines Großvaters, des Regimentskommandeurs Major Karl Hertel. Als im Mai 1945 Deutschland kapitulierte, war Anatolij Dneprow (richtiger Name: Anatoliy Petrovych Mitskevitch) der Dolmetscher des sowjetischen Oberkommandierenden in Berlin. Seine Story „Die Insel der Krebse“ gilt als eine der besten und frühesten Visionen über Kybernetik und Künstliche Intelligenz.

Quellen
Anon: „Streiflicht“ (über General Vad). In: SZ Nr. 13 vom 17. Jan 2023, S. 01
Anvil, Christopher: Ware Games (Kriegsspiele). (1963 in Astounding SF). In: vom Scheidt 1970.
Dneprov, Anatolij: „Die Insel der Krebse“. (1958). In: vom Scheidt 1970.
Scheidt; Jürgen vom (Hrsg.): Das Monster im Park. München 1970 (Nymphenburger).
Pal, George (Regie): Die Zeitmaschine. USA 1960 (Metro Goldwyn Mayer).
Zemeckis, Robert (Regie): Zurück in die Zukunft II (Back to the Future II). USA 1985 (Universal).

287 _ #1486 _ 17. Jan 2023 / 19:46

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