Der Regent steigert die Lebensqualität

(Recycelt von der Hobby-Seite der Süddeutschen Zeitung des 23. Juli 1983.)

Die Internationale GartenAusstellung IGA ist längst Geschichte. Auch Frederic Vester ist seit vielen Jahren tot – er lebte von 1925 bis 2003 und war einer der ideenreichsten Menschen, die mir je begegnet sind. Wenn ich jemals einem nicht nur hochbegabten, sondern mit seiner gedanklichen Weite und Zukunftsoffenheit höchstbegabten Menschen begegnet bin – dann ist er das. Direkt oder indirekt hat er mich immer wieder beeinflusst – nicht nur durch das im Folgenden vorgestellte Spiel (das längst seine eigene Weiterentwicklung ins Digitale erfahren hat), sondern durch seine Sachbücher über Kybernetik, über Denken Lernen und Vergessen und vor allem seine quicklebendigen Fernsehsendungen – die ihn zu einem unvergesslichen Vorläufer von Harald Lesch machen.

Ich verdanke ihm ganz praktisch auch die Anregung, mir einen Thesauros einzurichten – ein Hängemappen-Archiv (natürlich verbunden mit einer digitalen Datenbank). Ich sehe Vester noch vor mir, wie er mir voll berechtigtem Stolz ungefähr 1980 im Eingangsbereich seiner damaligen Studiengruppe für Biologie und Umwelt nahe dem Sendlingertorplatz in München den gewaltigen Metallkasten vorführte, in dessen acht ausziehbaren Schubladen jeweils mindestens hundert Hängemappen mit den Themen hingen, die seinen weitschweifenden Geist interessierten. Einige Jahre später stand in meinem Arbeitszimmer in der Seestraße ein ebensolcher Korpus, auf den ich nicht minder stolz war.

Wie es unter Menschen mit ähnlicher Interessenlage üblich ist, förderten wir einander – er, der Ältere und Erfahrenere, indem er mich das eine oder andere Mal als Gast in eine seiner Wissenschafts-Sendungen einlud – und ich, indem ich ihn später für das Nachtstudio des Bayrischen Rundfunks interviewte (09. März 1990 – nachgedruckt in meinem Reader Konzepte für die Zukunft.

Faksimile meines Artikels von 1983 (Südd. Zeitung / Archiv JvS)

Frederic Vesters Ökolopoly– Neuland des Spielens und Denkens

Hat es Sie auch schon einmal in den Fingern gejuckt, als Kanzler an den Schalthebeln der Macht zu sitzen? Auf der IGA haben Sie (im Umwelt-Pavillon beim Feucht-Biotop) Gelegenheit dazu, in Form eines Simulationsspiels. Sie geben einem kleinen Computer Ihre Werte für die Steigerung (oder Drosselung) der Güterproduktion ein, beachten auch die Sanierung der Umwelt, die Lebensqualität der Landesbewohner, das Wachsen (oder Sinken) der Bevölkerungszahl.

Als ich das erste Mal Kanzler spielte, erhielt ich am Ende meiner Regierungszeit im Lande ,,Kybernetien“ folgende Bewertung durch den Computer: „Die Lebensqualität in Kybernetien ist äußerst gering. Ihren Leuten geht es sehr viel schlechter als das letzte Mal…“

Ich habe mich dann mächtig angestrengt, entwickelte neue Strategien – und bekam in der Tat bessere Noten: „Die Lebensqualität ist jetzt fantastisch.“

Vor mir auf dem Tisch liegt nun ein Spiel, mit dem Sie genau wie mit dem IGA-Computer Regierungsstrategien durchspielen können. Soviel vorweg: Es ist dies das erste Spiel, das sowohl meine erwachsene Intelligenz wie meinen kindlichen Spieltrieb gleichermaßen anspricht und zufriedenstellt.

Entwickelt wurde es von dem bekannten Münchner Kybernetiker und Umwelt-Experten Frederic Vester, der auch das eingangs erwähnte Computer-Programm Es lebe Kybernetien entwickelt hat, gewissermaßen als Modell für dieses neuartige Spiel. Eigentlich ist es eine Art Rechenmaschine, und Vester nennt es, mit berechtigtem Stolz, den „ersten Papier-Computer“. Worum geht es?

In seinem Buch Neuland des Denkens hat Vester mit vielen einleuchtenden Beispielen nachgewiesen, dass unsere herkömmliche Art, Probleme zu lösen, für unsere immer komplizierter werdende Welt nicht mehr ausreicht. Ein Politiker, der zum Beispiel eine neue Schule oder ein Kraftwerk in die Landschaft stellen möchte, übersieht leicht, dass außer den unmittelbar abzusehenden Folgen (Geldbedarf, Arbeitsplätze usw.) solche Entscheidungen auch eine Fülle indirekter Nachwirkungen hat. Eine zu große Schule kann Kinder und Lehrer einander so entfremden, dass dies eine Generation später noch ungeahnte seelische, soziale und kulturelle, damit letztlich aber immer auch drastische finanzielle Folgen hat Im Spiel Ökolopoly bietet Vester uns eine faszinierende Möglichkeit, auf lockere und höchst unterhaltsame Weise über solche Probleme nicht bloß nachzudenken, sondern sie unmittelbar spielend immer wieder einzuüben.

Es ist ein Spiel mit und um ökologische Zusammenhänge – daher Ökolopoly. Also genau im Gegensatz zum bekannten Monopoly, wo es ja um nichts anderes geht, als möglichst rasch und möglichst viel Reichtümer anzuhäufen, und zwar auf Kosten aller anderen (Mitspieler), soll hier bei Vester berücksichtig werden, was aus den Prozessen erwachsen kann, die ich bei meinen Spielentscheidungen in Gang setze. Die Variationen des Spiels sind nahezu unbegrenzt. Wer mit den von Vester angebotenen Werten auf den neun (einander beeinflussenden) Zahlenscheiben nicht zufrieden ist, kann auf der Rückseite seine eigenen Ziffern eintragen und neue Strategien des „Regierens“ entwickeln – buchstäblich ein Spiel ohne Grenzen.

Das Spiel besteht aus einem – durch den Graphiker Peter Schimmel sehr ansprechend gestalteten – vierfarbigen Spielbrett, das man zusammenklappen kann. Vor dem Inbetriebnehmen muss man die Zahlenscheiben und einen roten Zeiger für die „Regierungsjahre“ montieren. Das dauert knappe zehn Minuten.

Diese Mechanik ist sehr haltbar und gut durchdacht; einmal montiert, bleibt das Spiel so wie es ist. Jede Drehung an einer der Scheiben (die durch Pfeile mit den Werten anderer Scheiben verknüpft sind) verändert mehrere Zahlenwerte: Wenn ich beispielsweise die ,,Produktion“ erhöhe, erhalte ich zwar mehr Aktionspunkte (z. B. Geld) fürs nächste Spiel – aber gleichzeitig steigt die Umweltbelastung, diese mindert die Lebensqualität, und so weiter. 31 Ereignis-Karten sorgen für weitere Abwechslung im Spielverlauf.

Trotz all dieser auf der Hand liegenden Qualitäten fand sich bisher kein Verlag, der das Spiel vertreiben möchte – Vester hat auf eigene Kosten 10 000 Exemplare produziert. Im Handel wird das Spiel, nach der IGA, etwa DM 42 kosten (was seiner Ausstattung ohne weiteres, angemessen ist). Auf der IGA bekommt man es zum Einführungspreis von DM 22,- (davon sind DM 2,- eine Spende für den Naturschutz-Fonds).

Vom Spiel angeregt, bekommt man dann leicht Interesse an den Büchern Vesters, von denen ich hier nur noch sein originelles Fenster-Bilderbuch Der Wert eines Vogels und Unsere Welt – ein vernetztes System (Begleitband der gleichnamigen Wanderausstellung) empfehlen möchte. Öko-Freaks und Kybernetik-Fans finden übrigens in der – leicht fasslich geschriebenen, übersichtlichen Spielanleitung eine Reihe weiterführender Spiel-Ideen.

Geeignet ist das Spiel bereits für aufgeweckte Kinder etwa ab zehn – nach oben keine Begrenzung. Ich weiß aber auch von Sozialarbeitern und Hochschul-Seminaren, die es in der Ausbildung einsetzen.

(Ergänzung am 05. Mai 2021: Das Spiel in Karton-Version wurde später zu einem echten Computer-Spiel weiterentwickelt, das nun Ecopolicy heißt. Es ist erhältlich bei der Nachfolge-Gesellschaft der früheren Studiengruppe für Biologie und Umwelt. Auf deren Website findet man alle relevanten Details zu Frederic Vesters Leben , seinen Werken und seinem Spiel und vieles mehr.

Wenn er noch leben würde, hätte er sich längst mit dem Thema Klimawandel befasst und aufgezeigt, welche kybernetischen Regelkreise dabei eine zentrale Rolle spielen – und er wäre einer der lautstärksten Mahner geworden.

Frederic Vester (von seiner Website übernommen)

Quellen
Scheidt, Jürgen vom: „Der Regent steigert die Lebensqualität“. In: Südd. Zeitung vom 23. Juli 1983 (Hobby-Seite am Wochenende).
ders.: Konzepte für die Zukunft. Stuttgart München Landsberg 1990 (Bonn aktuell).
Vester, Frederik.: Denken Lernen und Vergessen. Stuttgart 1975 (Deutsche Verlagsanstalt).
ders: Neuland des Denkens – vom technokratischen zum kybernetischen Zeitalter. Stuttgart 1980 (Deutsche Verlagsanstalt).
ders.: Der Wert eines Vogels. München 1983 (Kösel).
ders.: Unsere Welt – ein vernetztes System. München 1983 (dtv).
ders.: Ökolopoly → Ecopolicy. München 1983 ff (Studiengruppe Biologie und Umwelt).
ders.: „Lernen für das Dritte Jahrtausend“ (Interview 1983 – s. Scheidt. J. vom: Konzepte für die Zukunft).

190?3 _ aut #942 _ 2021-05-04/19:13

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