Erfand Daidalos den Roboter?

Eigentlich müsste hier jetzt die Mini-Serie zum SelbstTest „Bin ich hochbegabt?“ weitergehen. Aber ich muss erst noch eine Bringschuld für den Stammtisch der Phantasten einlösen. Die hat allerdings viel mit „Hochbegabung“ zu tun – ging es doch bei unserem letzten Treffen (vorsichtshalber wieder online) um das Thema:

Die Zukunft des Homo Sapiens – Gedanken zum Homo Superior und zu Posthumanismus.

Ich hatte die Ehre, das zu moderieren. Im Verlauf der lebhaften Diskussion „als Schwarmintelligenz“ wies ich darauf hin, dass sich schon die „alten Griechen“ vor gut dreitausend Jahren in Zusammenhang mit der Gestalt des sagenhaften Erfinder-Genies Daidalos allerlei technische Erfindungen ausgedacht hatten:
„Die künstlichen Flügel (mit dem Daidalos und seinem unglückseligen Sohn Icaros die Flucht aus dem Labyrinth-Gefängnis gelang), den ersten Klon (Minotauros als Zwitterwesen von Stier und Mann), das rätselhafte Verwirrbauwerk Labyrinth und sogar den ersten Roboter, der schützend die Insel Kreta umkreiste.“

Als unser Abend beendet war und ich wieder allein dasaß, wurde ich unsicher: Hat tatsächlich Daidalos diesen Roboter erfunden? Es geht nichts über ein gutes Archiv, in dem auch Sachverhalte verzeichnet sind, die nicht in der Wikipedia stehen oder (noch) nicht gegoogelt werden können. Aber es war wieder einmal der Archivar Zufall, der den richtigen Fund zutage förderte:
Bei meinen Recherchen zu dem Beitrag über Ravi Shankar hier im Blog war mir auch ein Artikel in dem einstigen sci-fi- und zukunftsaffinen Magazin Planet in die Hände gefallen, in dem ich im Sommer 1969 eine Kurz-Biographie über diesen indischen Sitar-Meister veröffentlicht hatte (demnächst hier im Blog recycelt unter →li Die Farben des Geistes).

In diesem Heft war auch ein Artikel von Georg Jappe nachgedruckt mit dem Titel (man glaubt es kaum) „Dädalos erfand den Roboter“. Ich zitiere daraus:

Aristoteles berichtet, Demokrit erzähle, es habe Dädalos Quecksilber in eine hölzerne Venus gegossen, worauf diese von selbst habe gehen können; denn die unteilbaren Kügelchen, einmal angestoßen, zögen den ganzen Körper mit sich, da sie ihrer Natur nach niemals zur Ruhe kommen könnten. Die klassische Philologie hat solche immer wieder auftauchenden Berichte von technischen Wunderdingen lange Zeit für Fabeln gehalten. So bringt auch die berühmte Voßsche Übertragung von Homer das Wort „Automaten“ nicht, obwohl es bei Homer, im 18. Gesang der Ilias, zum ersten Mal erscheint. Wörtlich heißt es dort von der Arbeit des Hephaistos bei Vers 373:
„Dreifüße machte er, zwanzig in allem, die an der Wand des wohlgebauten Saals zu stehen hatten. Unter jeden Boden machte er goldene Räder, so daß die Automaten heimlich in die göttliche Versammlung rollten und wieder zum Hause zurückkehrten, ein Wunder anzuschauen.“
Erst als man den Hellenismus wiederentdeckte und auch die technischen Abhandlungen studierte (und die meisten waren, wie die zahlreichen Übersetzungen zeigen, den Arabern und der Renaissance wohlbekannt), erschienen diese „Wunderberichte“ in einem ganz anderen Licht. Denn die Alexandriner konnten sehr genau darlegen, wie die Statuen von Isis und Osiris Milch und Wein aufs Feuer gossen, wie Kybele Milch gab, wenn man ein Opferfeuer vor ihr entzündete, oder wie die ägyptischen Priester zum Erstaunen des Volkes die Tempeltüren automatisch aufgehen ließen. Wenn Homer und der Vorsokratiker Demokrit als Erfinder Figuren aus mythologischer Zeit nennen, so verweisen sie damit nicht ins Reich der Fabel, sondern in minoisch-ägyptische Zeiten, die für die Griechen schon legendäre Vorzeit waren. […]
Demokrits Beschreibung, durch Aristoteles erhalten, ist völlig exakt: der Mechanismus ist durch chinesische Puppen nachprüfbar. Das Quecksilber, das in zwei inneren Kanälen fortwährend den Schwerpunkt verlagert, läßt eine einmal angestoßene Puppe die Treppe heruntersteigen und sogar gezielte Purzelbäume schlagen.

Soweit, so gut – aber das war nicht das, was ich erinnert hatte! Was war mit dieser menschenähnlichen eisernen Kampfmaschine, die Kreta einst schützend umkreist haben soll? Auch da wurde ich, gleich an obiges Zitat anschließend, bei Jappe fündig:

Der eherne Koloß Talos, den Hephaiistos schmiedete und der Kreta bewachte, wurde, wie Apollonios Rhodios und Apollodorus ausführlich schildern, von Medea besiegt:, indem sie den Zapfen herauszog und das „Götterblut“ aus der vom Nacken zum Knöchel gespannten Ader herausfloß. Auch Talos konnte sich „wirbelnd“ fortbewegen.

Quellen
Jappe, Georg: Dädalos erfand den Roboter. In: Planet Nr. 2 vom Juli/August 1969, S. 55-61. (Nachdruck aus Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29. Mai 1967.)
Schedit, Jürgen vom: Die Farben des Geistes: Das Leben des Ravi Shankar. In: Planet Nr. 2 vom Juli/August 1969, S. 121-121.

aut #1099 _ 2021-07-23/19:01


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