Irrsinnig komisch

Ich stehe an der Kreuzung Schleißheimer-/Ecke Heßstraße vor der roten Ampel und warte auf mein Grün, das in geschätzten zehn Sekunden kommen wird. Mir gegenüber nähert sich eine ältere Frau auf dem Fahrrad der Kreuzung, bekreuzigt sich und fährt – noch immer bei Rot! – über die Ampel.
Ich breche in Gelächter aus und blicke ihr dabei in die Augen, als sie näherkommt. Ahnt sie, was da gerade in mir vorgeht – angesichts der Absurdität ihres Verhaltens? An ihrem Gesichtsausdruck kann ich das nicht ablesen. Aber danke, liebe Frau: Selten so gelacht!

Abb.: Obwohl die Ampel rot zeigt, volles Risiko, sich bekreuzigen und husch – über die Kreuzung – wird schon gutgehen, oder? (Archiv JvS)

MultiChronalia

(Mehr zur MultiChronie und den MultiChronalia finden sie hier.)

Jetzt, wo ich das niederschreibe – weil es einfach zu köstlich war und dem heutigen Tag so richtig einen absurd-komischen Kick verleiht – mache ich mir bewusst, wie komplex dieses doch eigentlich so belanglose Geschehen tatsächlich ist. Da hilft multiChronales Denken:

° Heute im Jahr 2022 n.Chr.*
° fährt eine vielleicht 1960 (?) geborene unbekannte Frau
° auf einem Fahrrad, das vielleicht aus dem Jahr 2010 stammt (genaues konnte ich nicht erkennen – war aber keinesfalls superneu oder gar ein E-Bike)
° über eine Kreuzungsampel, deren grundsätzliche Technologie der Verkehrsregelung aus den 1920er Jahren** stammt.
° Sie bekreuzigt sich, womit sie einem alten Aberglauben folgt, (wahrscheinlich ohne auch nur eine Sekunde über die Bedeutung dieser reflexartigen Geste aus dem Mittelalter ? nachgedacht zu haben),
° welcher Aberglaube auf dem religiösen Glauben an einen mythischen Religionsstifter namens Jesus und dessen Kreuzigung zurückgeht – wohl in der Hoffnung, dass dieser Heilsbringer mögliches Unheil durch das Bekreuzigen verhindert. („Ich weiß, dass mein Erlöser“ lebt, habe ich im Religionsunterricht wohl schon so um 1948 in der Volksschule und / oder im Kindergottesdienst auswendig lernen müssen – das vergisst man nie wieder.)

° Wobei ja im Gegensatz zur Biographie des islamischen Propheten Mohammed die Geburt und das Wirken von Jesus um das Jahr Null unserer Zeitrechnung keineswegs historisch gesichert sind, sondern nur eine Überlieferung ist– anfangs mündlich, erst sehr spät verschriftlicht***. Aber ist das auch „wahr“ – im Sinne von „tatsächlich geschehen“?

Es geht um Deutungshoheit

Noch eine Anmerkung zur bei uns im (christlich geprägten) Westen üblichen Datierungsweise: Dieses „v.Chr.“ oder „n.Chr.“ legt ja nicht nur fest, dass es einmal eine Persönlichkeit „Christus“ historisch tatsächlich gegeben hat (gewissermaßen als Realitäts- und Zeitanker) – sondern erhebt viel mehr auch und vor allem den Anspruch, dass die christliche Welt die Deutungshoheit über die gesamte Welt hat. So lange das Christentum die Religion der Kolonialmächte war (hier immerhin in den drei Varianten „oströmisch-orthodox“, ab dem Mittelalter „weströmisch-katholisch“ und etwa ab 1517 auch zunehmend „evangelisch-lutherisch“), war diese Datierungsweise einigermaßen berechtigt. Aber die Juden (die nie kolonisiert haben, jedoch enormen geistigen Einfluss auf die Weltgeschichte übten und noch immer üben: Karl Marx, Sigmund Freud, Albert Einstein seien hier stellvertretend genannt) verwenden eine völlig andere Zeitrechnung: basierend auf der Annahme, dass Gott die Welt im Jahr 3761 (v.Chr.) geschaffen hat, befinden wir uns somit aktuell im Jahr 5782.

Dem Islam (auch lange eine sehr erfolgreiche Kolonialmacht) zufolge sind wir im Jahr 1443.

Googeln Sie mal, welche Datierung die kommende Supermacht China verwendet, die schon etwa 4.000 Jahre auf dem „Buckel“ hat!

Sehr differenzierte Auskunft (z.B. zu Thailands, Koreas und Äthiopiens Zeitrechnung) gibt diese Website: Aktuelle Datumsangaben (UTC) in verschiedenen Kalendern.

Aber machen wir uns nichts vor: Spätestens seit das Internet existiert (gegründet 1968 als Arpa-Net, als Internet im heutigen Sinn als World Wide Web ab 1990) hat sich der (amerikanisch dominierte und englischsprachige) Westen kräftig durchgesetzt. Wir haben also aktuell das Internet-Jahr 32.

Und für mich ist es jetzt gleich „halb eins“, also Mittagszeit im Wonnemonat Mai und somit der richtige Moment, diesen Beitrag zu speichern, (Sicherheitskopie nicht vergessen!), den Computer abzustellen, zu entschleunigen und ein Nickerchen zu machen. Tschüs!

* Ja ich schreibe das jetzt wieder so wie bei uns allgemein üblich – das „nach der Zeitenwende“ („n.d.Zw“) oder ähnlich ist genauso der Gewohnheit geschuldet, letztlich ebenso gewöhnungsbedürftig und verweist ja indirekt auch nur darauf, dass ein gewisser „Jesus Christus“ als religiöser Erlöser diese „Zeitenwende“ herbeigeführt hat.
**  In Deutschland ging die erste Lichtzeichenanlage mit dem Verkehrsturm am Potsdamer Platz in Berlin am 15. Dezember 1924 in Betrieb. […]
Schon 1869, also vor 153 Jahren, wurde in London die erste Verkehrsampel aufgestellt. Rote und grüne Gaslichter zeigten den Fußgängern und Kutschern, ob sie die Kreuzung überqueren dürfen. Da die Ampel nach kurzer Zeit explodierte, wurde sie wieder abgeschafft. (Google)
*** Fast alles historische Wissen über [Jesus] stammt von seinen Anhängern, die ihre Erinnerungen an ihn nach seinem Tod weitererzählten, sammelten und aufschrieben. (Wikipedia: „Jesus von Nazaret“)
Trotz des nur kurzen öffentlichen Wirkens Jesu gibt es also von ihm zeitlich nähere biographische Darstellungen als von den meisten antiken Persönlichkeiten, z. B. wurde die früheste noch erhaltene Biographie über Augustus ein Jahrhundert nach dessen Tod von Sueton geschrieben, über Mohammed zwei Jahrhunderte nach dessen Tod von Ibn Hischām. (Wikipedia: „Evangelien“)

aut #1325 _ 2022-05-11/14:11 (2022-05-09/12:28)

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