Erholsamer Tag am Starnberger See

Müsste ich mir einen Platz im Universum ausdenken, der für mich so etwas wie das mystische „Paradies“ verkörpert, dann wäre das am Starnberger See – vor allem das Westufer zwischen Possenhofen und Tutzing – mit der Roseninsel als Highlight.
Das Wetter muss natürlich mitspielen – und das war gestern optimal, mit rund 30 Grad und einer Wassertemperatur von gefühlten 20°. Also nichts wie reinspringen und das kühlende Nass genießen.

Es war für dieses Jahr mein erster Ausflug zum See. Wenn alles zusammenpasst, ist das wie ein Tag Urlaub. Ist aber immer auch „Arbeitsurlaub“, denn nirgends kann ich meine Gedanken besser streifen lassen und doch fokussieren wie hier am See.

Was nervt, sind die Masken, die man sowohl in der S-Bahn zwischen Hauptbahnhof München und Starnberg tragen muss und dann wieder auf dem Schiff von Starnberg nach Possenhofen. Aber da dies alle Menschen betrifft, betrifft es eben auch mich. Man gewöhnt sich ja an vieles. Bei den ersten Masken-„Bällen“ im Frühjahr 2020 war das noch anders – da kamen alte Schrecken wieder hoch, die ich hier im Blog notiert habe: → Atemnot.

Ich bin sehr gespannt, wie sich das liest, wenn ich in vielleicht zehn Jahren wieder an dieser Stelle im Blog lande – so rein zufällig oder auch gezielt. Es könnte ja sein, dass uns – trotz Impfungen – die Marken bleiben, weil das Corona-Virus ständig weitermutiert.

Wie jedes Jahr zu Beginn der Wandersaison mache ich mir Sorgen, ob meine → Knie das auch diesmal durchstehen bzw. „durchgehen“ (wie ich es passenderweise nennen sollte). An so etwas habe ich vor 2008 noch nicht gedacht, als ich meine letzten Tagestouren im Hochgebirge des Schweizer Wallis gelaufen bin. Danach ist der Radius, in dem sich solche Touren bewegten, doch deutlich geschrumpft. Voriges Jahr (2020) lief ich noch von Possenhofen nach Tutzing. Das könnte dieses Jahr auch noch gehen. Aber gestern bin ich bescheiden geblieben und habe das erst mal getestet – mit einem kleinen Ausflug vom Dampfersteg in Possenhofen Richtung Süden – immer den wunderbaren Blick über den See auf die Werdenfelser Alpen im Ferndunst. Zur Roseninsel. Und wieder zurück. Mit den Wanderstöcken geht das recht gut.

Und vor allem: Rein ins Wasser. Es gibt da auf dieser Strecke einige ideale Plätze:

Abb. 1: Hier stört einen niemand… (Archiv JvS)

Und das ist der Blick nach Osten, zum anderen Ufer mit Berg und Leoni: Die Windräder erinnern daran, dass wir uns – bei aller Idylle – mitten in der tiefgreifendsten Transformation der Menschheitsgeschichte befinden, mit Klimawandel, Energiewende, Globalisierung und Digitalisierung – und eben auch einer Corona-Pandemie, die das alles paradoxerweise gleichzeitig enorm beschleunigt und auch wieder enorm abbremst. So eine kleine Wanderung bringt das bestens zusammen.

Abb. 2: Das Ostufer des Starnberger Sees bei Kempfenhausen: Beschauliche Segleridylle und Hightech-Windrotoren (Archiv JvS)

Und das hier lässt einen doch an den Amazonas denken – nicht an den Lieferdienst, der uns die Corona-Zeit erleichtert – sondern an den Flussgiganten in Südamerika:

Abb. 3: Könnte auch irgendwo am Amazonas sein – in Brasilien. Ist aber am Westufer des Starnberger Sees. (Archiv: JvS)

MultiChronalia
Zunächst zum Namen: Früher hieß das Gewässer „Würmsee“ (nach dem kleinen Fluss, der ihn im Norden Richtung Gauting -München verlässt) und danach wurde auch die „Würm-Eiszeit“ benannt. Vielleicht gefiel den Einheimischen die Nähe zum „Gewürm“ irgendwann nicht mehr? Jedenfalls wurde der zweitgrößte (nach dem Chiemsee) bayerische Gewässer 1962 offiziell in „Starnberger See“ umbenannt.
Was die verschiedenen Zeitschichten angeht, wäre natürlich interessant zu erfahren, wann denn dieser See entstanden ist und wie. Er ist ein Überbleibsel der Eiszeit, vor allem besagter Würm-Eiszeit. Wenn ich mich recht erinnere erzählt der Kapitän auf dem Schiff gleich zu Begin einer Fahrt jeweils, dass der See „vor 20.000 Jahren“ entstanden ist. Die Wikipedia gibt präzisere und zugleich sehr vague Auskunft: „Die Würm-Kaltzeit kann auf den Zeitraum von etwa 115.000 bis 10.000 Jahre vor heute datiert werden.“
Sei´s drum – der Hinweis auf die Eiszeit ist hilfreich, um zu erklären, warum man beim Baden auch jetzt im Sommer noch bibbert, wenn man reinspringt ins „kühle Nass“. –

Gibt es eine bessere Form der Entschleunigung als so eine Wanderung? Für mich ist der Starnberger See nicht nur deshalb so wichtig geworden, weil er von München aus so leicht erreichbar ist – mit der S-Bahn etwa eine halbe Stunde. Als wir 1956 von Rehau noch München zogen, war das alles noch viel mühsamer, als nur die Züge Richtung Garmisch über Starnberg fuhren, so alle zwei Stunden. Die S-Bahn hat Starnberg zum Vorort von München gemacht – hat beiden Städten nicht geschadet.

Wir hatten das Glück, schon 1957 in der Rambeck-Werft zwischen Starnberg und Percha ein kleines Wochenendhaus mit Liegeplatz und bald auch einem Segelboot zu erstehen (was nicht nur der Traum meines Vaters war, der das Segeln sehr genoss, am liebsten allein). Dieses Häuschen mit kleinem Garten und zwei Birken, zwischen denen man über dem Geräteschuppen eine Hängematte spannen konnte… Parties an vielen Wochenenden…

Hier habe ich viele Kapitel meiner ersten Bücher geschrieben: 1957 die Männer gegen Raum und Zeit, 1959 den Sternvogel. Und 1960 startete ich hier im Häuschen etwas ganz Verrücktes: Das erste Kapitel des Romans Das Unlöschbare Feuer. Die ersten Ideen kamen mir nach einem Jazz-Konzert mit Lionel Hampton zu mitternächtlicher Stunde auf dem Stachus in München, an einem Freitag. Am anderen Tag fuhr die Familie raus nach Starnberg. Die Reiseschreibmaschine hatte mein Vater immer dabei, für seine Spesenabrechnungen. Aber woher Schreibpapier nehmen – wenn in Starnberg die Geschäfte samstags am Mittag dichtmachen?
Die Lösung war ganz einfach (und hätte in der Frühphase der Corona-Pandemie so manchen unfreiwilligen Lacher ausgelöst): Eine Rolle Klopapier lässt sich problemlos in den Schlitten der Erika einspannen. Wenn man das geschickt macht, lässt sich tatsächlich der Anfang eines Romans auf diese Weise tippen. Aber nachdem das erste Kapitel auf diese merkwürdige Weise dokumentiert war, verlor ich die Lust, an der Geschichte weiterzuarbeiten. Bis mir irgendwann die wirklich bizarre Idee kam, diesen Anfang an jemanden zu schicken, von dem ich annehmen durfte, dass er die Aufforderung zum „Weiterspinnen“ nur zu gerne als Herausforderung annehmen würde: Jesco von Puttkamer, damals noch Student in Aachen, später Mitarbeiter bei Wernher von Braun, mit dessen Saturn-Rakete die amerikanischen Astronauten 1969 auf den Mond flogen. Jesco war nie in Starnberg – aber er spann den Erzählfaden weiter, schickte seine Fortsetzung mit meiner Klorolle weiter an jemand anderen aus dem Science-Fiction-Club – wahrscheinlich Walter Ernsting, der das nächste Kapitel ersann (und damals vielleicht die erste Idee für die später so erfolgreiche Heftserie Perry Rhodan dabei gebar? eine Serie, zu der Das unlöschbare Feuer fast so etwas wie die schon vorher geschriebene Parodie war). Nun waren es schon drei Kapitel, die noch mehrere Male zu jemand anderen wanderten – bis das Konvolut zu mir zurückkam, samt (inzwischen abgetippter und eingearbeiteter) Klorolle. Ich redigierte das Manuskript – und 1962 ist es tatsächlich als Buch erschienen: Das unlöschbare Feuer. Geboren im Konzertsaal des Deutschen Museums in München und vollendet am Starnberger See – wo sonst? –

Als meine Mutter 1973 tödlich verunglückte, ging die Starnberger Idylle irgendwie zu Ende – so als sei sie die Seele dieses Wochenend-Traums gewesen. 1975 verkaufte mein Vater das Häuschen und das Boot und zog mit seiner neuen Lebensgefährten eine Weile an den Chiemsee, mit neuem, größerem Boot. Aber für mich war das ein abgeschlossener Teil des Lebens, den ich genügend genossen habe und nicht besitzen muss. Es genügt, wenn ich irgendwo raus ans Ufer fahre und dort wandere – das „paradiesische Lebensgefühl“ ist sofort abrufbar.
Mein dritter Roman, Der geworfene Stein, ist – was für ein Zufall – 1975 im Verlag R.S. Schulz in Percha am Starnberger See erscheinen. Einige seiner Kapitel spielen an diesem See – etwa 100 Jahre in der Zukunft. Wenn Sie das lesen, werden Sie sich wundern, wie es 2050 dann dort ausschaut. Science-Fiction macht´s möglich. Es geht um Rauschdrogen und Kybernetik. An den Klimawandel, in den wir jetzt mit Karacho hineinfahren, oder an Corona habe ich damals, 1963, allerdings nicht gedacht, als ich die ersten Kapitel dieses Romans schrieb.

Quellen
Scheidt, Jürgen vom: Männer gegen Raum und Zeit (Leihbuchausgabe). Wuppertal-Barmen 1958 (Wieba).
ders.: Sternvogel. Minden 1962 (Bewin).
ders.: Der geworfene Stein. Percha 1975 (R.S. Schulz).
Upton, Munro (Sammelpseudonym: Walter Ernsting, Waldemar Kumming, Jesco von Puttkamer, Walter „Fux“ Reinecke, W.W. Shols und J. vom Scheidt): Das unlöschbare Feuer. Minden 1962 (Bewin).

aut #1054 _ 2021-06-18/12.21

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