Begegnung mit einem Baum: WuTang

(Nein, ich war an diesem Abend nicht bekifft, war ich schon seit 40 Jahren nicht mehr. Ich war nur phantasievoll. Und open-minded.)

Wenn du reden könntest, großer Baum – wenn du einen Namen hättest –

Du könntest mich WuTang nennen.

Was denn – du sprichst? ein Baum?

Ja.

Klingt irgendwie chinesisch – WuTang –

Mag schon sein.

Warum soll ich dich so nennen?

Du sollst nicht – du kannst.

Ich weiß nicht so recht – ein Baum kann doch nicht reden.

Wenn du meinst.

Nein, das geht nicht, Bäume reden nicht – das hat dir mein Bauch telefoniert.

Oder ich Baum habe es dir geflüstert.

Im Herr der Ringe können Bäume reden und laufen und sogar Krieg führen –

Kann ich alles nicht. Ich kann nur stehen und wachsen. Seit mehr als 200 Jahren stehe und wachse ich. Aber meine mir angemessene Größe habe ich längst erreicht. Ich weiß, dass Wachstum eine Grenze hat. Mehr sage ich dazu nicht.

Redest du wirklich mit mir – WuTang?

Ja – wenn du mich WuTang nennst.

Verstehe. Ist ein wenig einsam hier, nicht wahr?

Fühlst du dich einsam? Ich nicht. Da sind all die Menschen, die sich wie du hier auf die Bank setzen und schwätzen und fotografieren und staunen. Da sind die Vögel, die mir was erzählen. Da rauscht der Fluss vorbei – Bist du einsam?

Eigentlich nicht. Naja, manchmal schon. Seit meine Frau Ruth gestorben ist – aber ich komme gut zurecht. Hab Kontakt mit vielen Menschen. Und bin schon immer sehr selbstgenügsam gewesen. Lese gerne, kann mich in ein Buch verlieren, oder einen Film –

Oder mit einem Baum reden –

Moment mal – du hast doch das Gespräch begonnen.

Hab ich das?

So sieht es für mich aus – oder soll ich sagen: So hört es sich an?

Ich kann noch etwas, Mensch, während ich hier stehe. Ich kann dem Fluss zuhören, der seit Tausenden von Jahren von den Bergen kommt und mir von dort oben erzählt und von dem, was er unterwegs erlebt und mitnimmt. Viel braune Muttererde zur Zeit, die der Regen der letzten Tage weggeschwemmt hat. Viel Leid unter den Menschen transportiert der Fluss an mir vorbei. Aber in einigen Tagen bin ich wieder klar und durchsichtig. Sagt der Fluss. Wie all die Jahrtausende zuvor.

Hier bei dir ist gut zur Ruhe kommen, WuTang. Am Stauwehr im Englischen Garten hinter dem Haus der Kunst. Danke!

Gern geschehen. Kannst ja mal wiederkommen.

Mache ich, WuTang. Ach noch was, da kommt mir eine Idee. Wenn ich mal tot bin – dürfte ich meine Asche hier an deinen Wurzeln verstreuen lassen?

Muss nicht unbedingt sein. Ich kann mich ja nicht dagegen wehren. Der nächste Wind pustet das eh weg. Aber du könntest deine Überreste ja gleich in den Eisbach streuen lassen – ist eine saubere Lösung. Wenn die Friedhofsverwaltung das erlaubt.

Das wird sie wohl nicht tun. Es sei denn, wir nennen es Seemannsbestattung –

Du – ein Seemann?

Nein. Lassen wir das. Ich wollte mich eh kompostieren lassen, sobald das technisch auch bei uns möglich ist.

Deine Angelegenheit. Mensch.

Nichts für ungut, Baum. Und Guten Abend, WuTang.

Dazu sag ich jetzt nichts mehr. Du willst eh das letzte Wort behalten, ich kenne dich.

aut #1102 _ 2021-07-19/12:18

Ein Kommentar zu “Begegnung mit einem Baum: WuTang

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