~American Graffiti – reloaded

Warum habe ich mir diesen Film von George Lucas wieder einmal angeschaut? Das hat viel damit zu tun, dass ich dank der neuen Hörgeräte meine Lebensqualität und speziell auch den Genuss von Musik enorm steigern konnte: Es macht einen deutlichen Unterschied, ob man Musik in einem Film oder von CD über die Kopfhörer (um die Nachbarn nicht zu plagen) in die Hörgeräte gespielt bekommt oder direkt via Bluetooth den Sound in den Hörgeräte empfängt – mit dem vollen Umfang an Tonqualität.

Der eigentliche Anlass, American Graffiti wieder einmal anzuschauen, kam von der Beschäftigung mit dem Party-Fanzine C. C. Rider, an dem ich als 18jähriger mitgearbeitet habe und das genau der Situation der Jugendlichen im Film entspricht. Die sind um die siebzehn und feiern das Ende ihrer Schulzeit – anderntags gehen einige von ihnen aufs College und wechseln damit gewissermaßen in die nächste Lebensphase – von der Jugend ins Erwachsenenalter.

Abb. 1: Jugend wird erwachsen – in einer Septembernacht 1962 (Quelle: Universal Pictures)

Der andere Grund, gerade diesen Nostalgie-Film wieder mal anzuschauen, war die Enttäuschung mit einem ganz anderen Film vom selben Regisseur, für den dieser viel wesentlich mehr Ruhm geerntet hat – und dessen Rechte samt „Idee-Universum“ und Nebenrechten Lucas vor einigen Jahren für satte vier Milliarden Dollar an die Disney-Corporation verkauft hat: Krieg der Sterne.

Letzteres ist ein Märchen (Science-Fiction würde ich das trotz der vielen Raumschiffe und Superwaffen und Roboter heute nicht nennen), das offenbar das „Magische Alter“ in unzähligen Kinogängern angesprochen hat. Vor allem aber ist es eine deutliche Flucht aus der Realität. American Graffiti, der zweite Film von Lucas (nach der sehr düsteren und grimmigen Dystopie THX 1138) hingegen ist ganz im Gegenteil der Wirklichkeit zugewandt und beleuchtet vielschichtig den Moment des Coming of Age von vier Jugendlichen in einer Nacht der Jahres 1962 – mit seinen über 40 Musiktiteln zugleich so etwas wie ein Panorama des Rock´n´Roll-Zeitalters.

Auffällig ist, dass im Film nur Weiße auftauchen. Es gibt keinen einzigen Schwarzen – bis auf den geheimnisvolle DJ „Wolfman Jack“, der von seiner versteckten Radiostation die Nacht beschallt und über den eines der Mädchen der Clique fragend sagt: „Soll das nicht ein Neger sein?“ Erzähltechnisch gesehen ist Wolfman Jack der „Fremde“ der Geschichte – geheimnisvoll, rätselhaft, bis auf eine kurze Szene unsichtbar – und doch mit seinen Durchsagen und kleinen Geschichten und vor allem mit seinen angespielten Pop-Songs von enormem Einfluss auf die Protagonisten*.

*Gewissermaßen die versteckte Ironie des Films, der die Schwarzen ja so überdeutlich ausblendet: Fast alle diese Songs wurden von schwarzen Musikern gespielt oder erfunden, so wie der ganze Rock´n´Roll aus dem Rhythm´n´Blues der Black Community entstanden ist: Chuck Berry und Bo Diddley und Howlin´ Wolf (das Vorbild für Wolfman Jack?) und wie sie alle heißen.
Der elektrisierende Song von American Graffiti, den man gleich zu Beginn hört, ist allerdings lupenreiner weißer Rock´n´Roll: „Rock around the Clock“ von Bill Haley and the Comets**.

Vor allem bei Curt Henderson wird diese Nacht zu einer richtigen Heldenreise, bei der er sich mit Witz und Verstand gegen die aggressiven Übergriffe der Pharaos (einer kleinen Gang von Kleinkriminellen) durchsetzen muss – aber auch ein Ventil finden will für seine Sehnsucht nach einem weiblichen Gegenüber (die geheimnisvolle „Blondine“ in ihrem Ford Thunderbird).
Aus der Retrospektive wird klar, dass dieser Curt Henderson (wie der ganze Film) eine autobiographische Aufarbeitung von Georg Lucas eigener Jugend ist: Im Nachspann des Films erfährt man, dass Henderson Schriftsteller wird).
Das Cruising mit den Autos durch die nächtliche Stadt, samt abschließendem, hochgefährlichen Wettrasen, das in einem beinahe tödlichen Unfall endet, bringt sowohl des Thema „Aggression“ auf neue Weise noch einmal ins Spiel (s. oben die „Pharaos“) als auch den Aspekt der modernen Technik – in den späteren Filmen aus dem Star Wars-Universum werden diese „Autos“ dann durch super-futuristische Raumschiffe mit Überlicht-Antrieb ersetzt – deren Insassen jedoch im Grunde nichts anderes sind als abenteuerlustige Jugendliche auf ihrer Heldenreise sind wie Luke Skywalker und – der etwas ältere – Han Solo. Die Aggressivität in Form von interstellaren Kriegen wächst damit ebenfalls gewaltig an.

MultiChronalia
Der Film selbst wirkt mit seiner kleinstädtischen Idylle wie aus der Zeit gefallen. Er spielt zwar im September 1962, wurde jedoch ein Jahrzehnt später gedreht und kam 1973 in die Kinos (wo er, für den Oscar immerhin nominiert, ein großer erster Erfolg für Lucas wurde). Der Abspann nennt jedoch Entwicklungen in der Zukunft nach dieser idyllischen Nacht, die ganz anderes andeuten:
John Milner wird von einem betrunkenen Autofahrer im Dezember 1964 überfahren.
Terry Fields wird seit einem Einsatz bei An Loc im Dezember 1965 als vermisst gemeldet.
Steve Bolander ist Versicherungsmakler in Modesto/Kalifornien.
Curt Henderson ist Schriftsteller und lebt in Kanada.

Das Schlüsselwort ist „An Loc“ – es steht für den schrecklichen Vietnam-Krieg (erste Scharmützel 1955, ruhmloses Ende für die USA 1975), der nicht nur Amerika sehr verändert hat.
Henderson ist wohl ein Reflex auf Lucas´ eigene Karriere als Schriftsteller (bzw. Drehbuchautor und Regisseur), die ihn 2012 durch den Verkauf seiner sämtlichen Rechte am Star Wars-Universum zum Milliardär gemacht hat – wovon die meisten Schriftsteller allerdings nicht einmal träumen können.

Ich habe diese „wilde“ Jugendzeit nicht in der damals wirklich sehr schlafmüpfigen Kleinstadt Rehau erleb (wo man von solchen Jugendlichen mit Auto nicht sah – da war ein eigenes Fahrrad oder vielleicht ein Moped schon das höchste der „motorisierten Gefühle“). Aber der Umzug im März 1956 in die Großstadt München brachte mit voller Wucht die Rock´n´´Roll-Zeit auch in mein Leben.
Die Schlüsselerfahrung war für mich allerdings schon ein Jahr zuvor der Film Blackboard Jungle (dt. Die Saat der Gewalt) gewesen, der mit diesem unglaublich intensiven Song „Rock around the Clock“** von Bill Haley and the Comets beginnt. Diesen Film muss ich noch in der Rehauer Zeit gesehen haben. Er kam 1955 auch in Deutschland in die Kinos, und ich weiß noch genau, dass ich ihn in der Nachbarstadt Hof im Capital Kino“ anschaute (wo später viele Jahre die „Hofer Film-Festspiele“ ihr Zentrum hatten – für die mein Freund Alfred Hertrich, rein zufällig, die Werbeplakate entworfen hat).
Ende 1956 schafften meine Eltern eine Musiktruhe an, auf der wir ab da auch Platten spielen konnten. Bill Haleys „Rock around the Clock“ war die allererste eigene Schallplatte, die ich in München gekauft habe – damals noch als 78er Vinyl (oder „Schellack“ wie das damals hieß). Die zweite Platte war von Louis Armstrong und richtig „schwarzer“ Jazz: Die „New Orleans Function“ auf Füllschriftplatte mit 45 Umdrehungen – das Neueste vom Neuen.

Solche erste Erfahrungen mit Musik prägen sich tief ein. Deshalb weiß ich auch noch genau, was meine erste Longplay war: „Joe Turner: Boss of the Blues“. Eine LP, die ich dieser Tage 2021 gerne immer wieder aufgelegt habe, nun als CD. Diese Platte „weihte“ ich auf meiner ersten eigenen Party ein, die ich 1959 zuhause mit Freunden und Freundinnen feiern durfte. Unsere eigene Rock´n´Roll-Zeit begann jedoch bereits früher – in einem neuen Stadtteil von Gauting bei München, wo viele junge Familien mit Kids in unserem Alter wohnten und wo der Cool Circle entstand mit seiner Party-Fanzine C. C. Rider. Das war 1958 – also vier Jahre vor der Nacht, in der American Graffiti spielt – aber mit nahezu identischer Musik.

** (Aus der Wikipedia:) Rock Around The Clock wurde dank der Einspielung im Film Blackboard Jungle weltweit zur Marseillaise der Teenager-Revolution […] Der Regisseur Richard Brooks hörte jedoch das Stück im Hause seines Hauptdarstellers Glenn Ford, dessen Sohn Peter ein Bill-Haley-Fan war, und entschied intuitiv, dass das Lied im Vorspann und noch einmal als Hintergrundmusik am Ende des Films Blackboard Jungle (Saat der Gewalt) eingespielt wurde.
Mit dieser Entscheidung wurde Rock Around The Clock bei der weltweiten Aufführung ein Erfolgshit und für die Nachkriegsjugend das Signal für eine neue, hauptsächlich auf sie ausgerichtete Musikepoche, der Rock’n’Roll trat seinen Siegeszug an. Die Plattenfirma Decca zog sofort nach und veröffentlichte den Titel im Sommer 1955 erneut als A-Seite. Der Clock-Song war, nicht zuletzt durch seine Wiederverwendung im gleichnamigen Columbia-Film Rock Around The Clock (Außer Rand und Band), 1955 und 1956 der Nummer-eins-Hit in den USA, Australien, Großbritannien, Deutschland (als einziger nicht-deutschsprachiger Titel des Jahres) und vielen europäischen Ländern. In Deutschland und England war „Rock Around The Clock“ die erste ausländische Platte, die über eine Million Mal verkauft wurde und mit einer „Goldenen“ Schallplatte ausgezeichnet wurde. Über die Jahre hinweg schaffte es Rock Around the Clock weltweit mehrmals, wieder in die Hitparaden zu kommen. Das Lied ist nach Elton Johns Candle in the Wind und Bing Crosbys White Christmas eine der meistverkauften Singles aller Zeiten. Man sprach bereits Ende der 1960er Jahre von annähernd 20 Millionen verkauften Tonträgern des DECCA-Originalsongs. Nach Aussagen von Marshall Lytle, der bei den Comets bis September 1955 den Bass spielte, wurde Rock Around The Clock bis zum 50-Jahr-Jubiläum im Jahre 2004 auf verschiedenen Tonträgern weltweit insgesamt über 200 Millionen Mal verkauft und hat damit gute Chancen, das am weitesten verbreitete Musikstück der Geschichte zu sein.

Ein viel später gedrehter Film, dessen Held auch ein Jugendlicher ist, inszeniert die Rolle der Musik der späten 1950er viel ehrlicher: mit dem Rhythm´n´Blues eines Chuck Berry (im Film versteckt hinter der Band seines fiktiven Cousins Marvin) und anderer schwarzer Musiker – aus denen später der Rock´Roll entstand dank weißer Sänger, die ihre schwarzen Vorbilder „plünderten“ und viel erfolgreicher in die Charts brachten: Elvis Presley und Bill Haley und wie sie alle hießen. Auch die Tanz-Szenen bei einem Schulfest sind sehr ähnlich denen in American Graffiti – in Zurück in die Zukunft.

Abb. 2: Zurück in die Zukunft spielt ein Jahrzehnt vor American Graffiti (Quelle: Universal Pictures)

Quelle
Lucas, George (Regie): American Graffiti. USA 1973.
Zemeckis, Robert (Regie): Zurück in die Zukunft I (Back to the Future I). USA 1985 (Universal)

aut #989 _ 2021-05-17/16:30

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