Ravi Shankar: Eintauchen in die indische Musik

Über Cannabis und das Kiffen lässt sich vieles sagen – Positives und Negatives. Ich habe beides erfahren.
Das Negative zuerst: Ich habe als Student zu lange und zu viel gekifft, missbrauchte Marihuana und Haschisch als – leider untaugliches – Selbst-Medikament, um meine neurotischen Probleme zu „behandeln“. Vor allem aber setzte ich viele Joints dafür ein, mein ADHS zu bändigen (von dem ich damals keine Ahnung hatte, was das ist und dass dieses „Zappelphilipp-Syndrom“ mich schon seit frühester Kindheit begleitet hat und Teil meiner psychosomatischen Konstitution ist. Darüber andernorts in diesem Blog mehr → li ADHS*).

* Diese Signatur „→ li“ bedeutet: Hier irgendwann einen Link auf einen separaten Beitrag einfügen, der erst noch zu schreiben ist.

Und hier das Positive:
Klassische europäische Musik erschließt sich einem nur, wenn man sich auf Opern und Symphonien und Fugen und so weiter einlässt, viele Beispiele hört, am besten selbst ein Instrument spielt und sich ein Repertoire verfügbarer Stücke erarbeitet – aktiv musizierend oder passiv Musik genießend. Und noch besser ist es, wenn man verständige Lehrer und Mentoren hat, die einem so manchen Weg durch diesen ja eigentlich sehr fremdartigen Dschungel erschließen – denn Musik kommt in der Natur nicht vor (vom Vogelgesang mal abgesehen), sondern ist immer ein von Menschen gemachtes Kunstprodukt, das man sich mit intensiver geistiger Arbeit aneignen und erschließen muss.

Die Europäische Klassik, wie ich sie mal nennen will, erschloss sich mir schon früh, wie in wohl den meisten gutbürgerlichen Familien, durch Musikunterricht und das entsprechende Schulfach Musik. Mich triezte drei Jahre lang der musikpädagogisch sehr unterbelichtete und vor allem leider sehr ungeduldige Kantor Peter in Rehau am Klavier – der in mir einen lernunwilligen, bockigen, „faulen“ Schüler heranzog – der eines Tages froh war, dieser sinnlos erlebten Fron entronnen zu sein. Eigentlich schade – ich habe das später bedauert; und genieße es heute sehr, wenn einer meiner Söhne, Nichten oder Neffen oder Enkel live oder bei Videokonferenzen Klavier oder Cello spielen und dergleichen mehr.

Ich habe es später aus eigenem Antrieb noch mal mit Gitarre probiert, als mein Freund Alfred Hertrich Unterricht nahm und ich mich da dranhing. Ich gab das bald wieder frustriert auf (übte einfach nicht genug) – während er ein exzellenter Jazz-Gitarrist wurde – mit dem ich später gerne bei Lesungen aufgetreten bin (s. Foto).

Abb. 1: Lesung „Jazz und Poesie“ 1995 in Weiden ( v.l.n.r.) Ralph Bauer (Posaune), Wilfried Lichtenberg (Bass), Alfred Hertrich (Gitarre), Jürgen vom Scheidt (Mikrophon) (Archiv JvS)

Später, schon in München, nahm ich noch einmal einen Anlauf mit Gitarre-Unterricht. Und sogar ein drittes Mal. Es war beide Male ergebnislos.

Nicht gerade „Europäische Klassik“ waren die Schlager, die wir als Kinder und Jugendliche in den später 1940er und frühen 1950er Jahren im Radio hörten (einen eigenen Plattenspieler oder gar Fernsehen gab es noch nicht – das kam erst Ende 1956 nach dem Umzug nach München in die Familie). Aber wir sangen voller Inbrunst mit: „Das alte Haus von Rocky Docky“ und „In einer Nacht am Ganges…“ . Deutsche Originale und vor allem amerikanische Importe – am liebsten original auf „Rias Berlin“ oder im AFN.

Von ganz anderer Art war der Jazz, den ich erstmals 1954 oder 1955 kennenlernte, als mein Freund Klaus Schenk mir eine 45er Füllschriftplatte mit vier Stücken von Woody Herman and His Herd vorspielte. Ich war sofort „hooked“ – hing an der Angel dieser aufmüpfigen Negermusik (obwohl in diesem Fall von Weißen gespielt), die unseren Eltern überhaupt nicht gefiel. Der Rhythm´n´Blues, den mir nach dem Umzug nach München mein dortiger Freund Wolfie Baum (aus dem Science-Fiction Club) nahebrachte, war gewissermaßen die Schlager-Variante des Jazz – in der weißen Version Rock´n´Roll genannt. Was für eine Offenbarung gegenüber den als langweilig empfundenen Symphonien und diesen künstlich geschmetterten Arien der Opern und was sonst noch an Europäischer Klassik geboten wurde – alles brav „vom Blatt gespielt“!
Wieviel lebendiger war da der Jazz, der stets improvisiert und viel emotionaler, rhythmisch wilder und frecher war – mit Texten, die sehr sexuell aufgeladen waren (speziell im Double Talk der schwarzen Blues-Songs) und nicht so verklemmt, wie dieses „klassische Zeug“. Schon die Bezeichnung „Rock´n´Roll“ ist nichts anderes als eine unverblümte Beschreibung des Sex-Aktes (was wir Jugendlichen schnell begriffen haben).

Doch nun zur indischen Musik. Klar, es gibt auch indische Schlager, die nicht anders sind als die europäischen und amerikanischen Hits – meistens nah am Kitsch und in Melodie und Rhythmus immer recht schlicht und oberflächlich eingängig wie überall auf der Welt (wie ich bei meiner Indienreise ständig mitbekam). Aber dann sind da noch die Ragas und die Dhunes und die Talas – Melodien und Rhythmen, von denen nur das Grundgerüst vorgegeben ist, auf dem dann stundenlang improvisiert wird. Dies geschieht mit einer virtuosen Meisterschaft, die für den Kenner gewissermaßen die Brücke darstellt
° zwischen der konzertanten Tiefe und Komplexität und Reife der europäischen Musik (etwa in Mahlers Symphonien, die ich sehr schätze, oder in einer Oper wie der Zauberflöte – die einzige Oper, die mir etwas bedeutet) auf der einen Seite
° und auf der anderen Seite der spontanen improvisierten Lebendigkeit des Jazz.

Die indische Musik hat allerdings eine Eigenschaft, die es dem ungeübten Europäer schwer macht, in sie einzutauchen und sie zu genießen: Das sind die Mikrotöne, die eine Differenziertheit der Melodien ermöglichen, die das „europäische Ohr“ wie Glissandi wahrnimmt. Außerdem hat jede Raga ein ganz spezielles Thema, erzählt sie eine ganz eigene Geschichte und erzeugt im Hörer eine genau umspielte Stimmung wie (erfundenes Beispiel) „das heimliche Treffen der lange getrennten Liebenden in einer Nacht im Monsun, während es draußen regnet“.
Dazu kommt das ständige Raunen der Tamboura (was ungefähr dem Basso continuo der europäischen Musik und der Basslinie im Jazz entspricht) und vor allem die Tabla-Begleitung mit ihrer eigenen, höchst differenzierten Trommelsprache und das sich unaufhörlich bis zu einem furiosen Höhepunkt steigernde Tempo – das man weder im Jazz noch in der europäischen Musik findet – allenfalls im spanischen Flamenco (der wohl irgendwann aus Indien von wandernden Ziganes eingeführt wurde).

Psychologisch gesehen bringt einem eine Raga die frühe tiefe emotionale Beziehung zur Mutter wieder nah – während die Rhythmik den Vater darstellt – so meine Deutung dieser Musik.

Langer Rede kurzer Sinn: Es ist wahnsinnig schwer für einen Europäer, sich auf diese fremdartige indische Musik einzulassen. Es sei denn, man hat einen kundigen Begleiter, der das Zaubermittel kennt: Einen Joint. Das THC in der Haschischpfeife oder in der Marihuana-Zigarette sorgt für die nötige Entschleunigung und öffnet im Gehirn die speziellen Hörfähigkeiten – und dann ist man plötzlich drin und hört nicht mehr ein vorbeirauschendes Glissando, sondern erfährt die Melodie der Sitar als wunderbares Gewebe von Tönen, das auf vielfältige Weise die klare, aus etwa einem Dutzend Tönen bestehende Raga umspielt und nach und nach ein unfasslich komplexes musikalisches Gebilde schafft – das – obwohl nur von einem einzigen Instrument erzeugt – die Vielschichtigkeit einer Symphonie oder eines Jazz-Stücks erreicht und sogar übertrifft – wenn man sich darauf einlässt.

Das geht natürlich auch ohne Joint – indem man sich geduldig über lange Zeit in diese fremde musikalische Welt einhört. Aber mit einem Joint geht es „ruck zuck“ (das „sich Einlassen“ mal vorausgesetzt).

Es gibt großartige Flöten-Ragas und welche mit der Shenai oder der indischen Geige gespielte und ganz speziell die gesungenen Darbietungen – dazu die einzigartigen Tanzkünste Indiens. Ist die Tür des Verstehens erst einmal offen, macht sie ein ganzes kulturelles Universum zugänglich. Dazu noch die „Körper-Kunst“ des Yoga. Und eine Reise nach Indien

Hat sich die Tür durch einen Joint erst einmal geöffnet – kann man in diese musikalische Welt später auch ohne THC immer wieder eintreten. So habe ich es jedenfalls 1963 erlebt (und bin meinem damaligen „Begleiter“ D.H. noch heute dankbar für diesen Joint und diese allererste Raga, in die ich in seiner damaligen Wohnung an der Dachauerstraße eintauchen durfte.)

Quellen
Shankar, Ravi (Sitar): Music of India: Ragas and Talas (Rupak Tal / Raga Madhu Kauns / Raga Yogija / Dhun). USA 1959 (World Pacific #1431). Begleitung: Alla Rakha (Tablas).
ders.: Meine Musik – mein Leben. (New York 1968 _ Simon & Shuster). München 1968 (Nymphenburger Verlagshandlung) – Übersetzung: Elke vom Scheidt – Discographie: Jürgen vom Scheidt.

aut #1094 _ 2021-07-12/14:55

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