„Ozapft is“ – Oktoberfest 2022

Wer lieber einen Joint raucht, ist empört, dass die CSU heftig gegen die Legalisierung von Cannabis wütet – aber sich enthusiastisch stark macht für „das größte Besäufnis der Welt“, wie es jemand mal kritisch genannt hat. Klar, da geht es ja nicht nur um den Ausschank von 7,85 Millionen Liter Bier (= 471 013 Liter reiner Alkohol) an 6,5 Millionen Menschen (Stand 2019) und somit um einen großen Wirtschaftsfaktor der Stadt München: 448 Millionen Euro Gesamtumsatz auf der Wiesen – mit Übernachtungen etc etc geschätzte eine Milliarde Euro in diesen zwei Wochen. Dafür kann man sich schon stark machen.

Aber die „Wiesn“ ist ja viel mehr – auf jeden Fall „Brot und Spiele“ vom Feinsten – oder vom lautesten, je nach Geschmack. Da haben die Münchner wirklich etwas gelernt von den Römern der Antike und die vielen italienischen Besucher (vier von 100 Wiesn-Besuchern) wissen das sicher auch zu schätzen.

Abb. 1: Das sieht man nur vor Beginn des Rummels: Jede Menge Polizisten, die im Gänsemarsch zu ihrem Einsatz anrücken (Archiv JvS 2013)

Als ich diesen Beitrag Mitte 2021 vorbereitet habe, diskutierte man ernsthaft, ob man auf die „Wies´n“ möglicherweise nur Geimpfte lassen sollte. Der Aufschrei in den Medien war gewaltig. Man wollte sich doch „das größte Besäufnis“ nicht von ein paar Hypochondern vermiesen lassen!
Nun ist der Rummel seit Freitag 16. September 2022, also im Gange wie eh und je seit 1810, also seit nunmehr 210 Jahren (mit ein paar kriegsbedingten Lücken) . Auf mich wird man dort verzichten müssen – nicht nur wegen Corona. Ich mag diesen Höllenlärm und das Geschubse und Gedrängel schon lange nicht mehr.
Aber mir ist auch klar, dass nach den berührungsfeindlichen Lockdowns von 2020 und 2021 ohne Oktoberfest und manche andere Festivität das Bedürfnis vieler Menschen nach ausgelassenem Feiern groß ist. Und wenn man Kinder hat, dann muss man da halt eh mal hin, zumindest als Münchner und mindestens einmal.

Man könnte ja auch den Geldbeutel zulassen und den Verstand einschalten, der einem sagen muss: Sehr sinnvoll ist das nicht. Aber beim Einlass zur Wies´n wird ja kein Intelligenztest verlangt.
Klar, dass sich unzählige der vermutlich wieder 6,5 Millionen Wiesenbesucher mit Corona infizieren werden, das ist unvermeidlich und entspricht der Erfahrung, die man in den beiden vergangenen Jahren noch mit jedem größeren Festgedränge gemacht hat.
Kann man zur Kenntnis nehmen und den Rummel dann meiden – oder man ignoriert die Bedenken mit einem Achselzucken und denkt sich: „Wird schon schiefgehen – was soll´s“ oder ähnlichem Aberglauben. Aber das hat ja auch ein Gutes: Je mehr Menschen sich infizieren (und das einigermaßen gesund überleben), umso besser ist die Durchseuchungsrate. Naturexperiment, nennt man das in der Forschung: Wenn es einfach passiert und man hinterher in aller Ruhe auswerten kann, was geschehen ist.

MultiChronalia

MultiChronie ist eine sehr heilsame Angelegenheit, weil sie einem immer wieder hilft, zu bestimmten Themen frühere Erlebnisse zu erinnern und diesen ganz speziellen Zeitfaden zu aktivieren – was nach meiner Erfahrung der ganzen Persönlichkeit und dem Selbstgefühl gut tut. Nun also das Thema „Oktoberfest“. Was sind meine diesbezüglichen MultiChronalia?

Mein erster Wies´n-Besuch war mit hoher Wahrscheinlichkeit 1956, also bald nachdem wir von der oberfränkischen Kleinstadt Rehau in die bayerische Landeshauptstadt umgezogen waren. Daran habe ich jedoch keinerlei Erinnerungen.
Sehr genau erinnere ich mich daran, wie ich zwei oder drei Jahre später voller Zorn auf die Menschen, egal wer, grimmig entschlossen das Haus verließ und mich auf den Weg zum Oktoberfest machte, um mich dort mit wem auch immer zu prügeln. Daraus wurde dann nichts, vor allem, weil mein Zorn längst verraucht war, als ich endlich die Trambahn nahe der Wies´n verließ (die U-Bahn gab es damals noch nicht).
Sehr klar und zudem recht schmerzhaft sind meine Erinnerungen an einen Besuch des Rummels an einem Abend im Oktober 1961, als ich in eine Schlägerei unter Jugendlichen geriet. Da schlenderte ich geruhsam mit meinem Klassenkameraden Dieter S. durch die Menge. Ich bemerkte, dass vor mir einige Burschen und Mädchen auf einen einzelnen anderen Jugendlichen einschlugen. „Komm, dem helfen wir“, sagte ich spontan zu Dieter und lief zu der johlenden Meute. Dort entdeckte man mich sofort als nächstes potenzielles Opfer. Eines der Mädchen schrie: „Der kunnt a oane braucha“, will sagen: eine Ohrfeige oder was ähnliches. Und schon ließen sie von dem Opfer ab und kamen auf mich zu. (Hier muss ich einschieben, dass ich 1,84 Meter groß bin, damals an die 80 Kilo wog und mit auffällig weißem Wollpullover und Brille wohl den perfekten Blitzableiter für testosterongeladene Burschen abgab. Und mit meine 21 Jahren war ich auch schon ein wenig erwachsener als sie, dachte ich.)
Wo war Dieter, der mir sicher helfen würde? Der war spurlos verschwunden! Einer der Rambos hatte, wie ich deutlich sah, einen Schlagring übergestreift. Da packten mich schon links und rechts zwei Kerle und der mit dem Schlagring stürmte auf mich zu. (Hier muss ich weiterhin einschieben, dass ich damals zweimal die Woche ins Judotraining ging und schon ein wenig Erfahrung damit hatte, wie man Schläge abwehrt und auch selbst welche platzieren kann; sehr effizient ist ein Handkantenschlag aufs Schlüsselbein, das dann schmerzhaft bricht, oder noch besser gegen den Kehlkopf und dann der Tritt ins Gemächte). Ich war wie in Trance, schätzte meine Chancen gegen diese etwa fünf Burschen positiv ein, schüttelte die beiden, die mich von hinten an den Oberarmen festhielten, wie lästiges Ungeziefer ab und war kurz davor, den Anführer mit dem Schlagring einen bösen Tritt und Schlag zu verpassen –
– als mein übriges Gehirn blitzschnell verstand, dass ich da eine ganz üble Verletzung verursachen könnte, eventuell (Kehlkopf!) sogar den Gegner töten würde (wovor uns Judoka Aigner nachdrücklich gewarnt hatte) –
Also Rückzug! Umschalten in Panikmodus, Flucht – unter Zurücklassung eines Halbschuhs, die heruntergestoßene Brille erwischte ich gerade noch, und nichts wie weg. Ich rannte durch die dichte Menge und tauchte buchstäblich darin unter – wie man das in jedem besseren Krimi sehen kann. Irgendwann saß ich, mit nur einem Schuh und ziemlich erschöpft, in der Tram und zockelte nachhause. Ende der Vorstellung.

Aber das Ganze hatte sich gut in mein Gedächtnis eingebrannt und ließ sich 1975 mühelos abrufen, als ich meinen Roman Der geworfene Stein schrieb und dafür genauso eine Szene brauchte: Ein Schlägerei auf dem Oktoberfest. Kann man dort nachlesen, in Kapitel 35. Das kleine Oktoberfest-Abenteuer hatte also auch sein Gutes, letztes Endes. Irgendwas muss man als Autor ja erleben, um es dann auf dem Papier erzählen zu können. Und wohlan – hier im Blog kann ich gleich noch einmal davon berichten. Fühlt sich richtig gut an, diese Erinnerung: Allein gegen fünf Gegner! Vow!

Es dürfte 1977 gewesen sein, als ich mit meinen beiden Kindern auf die Wies´n ging. Das muss man ein paar Mal machen – bis sie alt genug sind und das lieber ohne Eltern unternehmen. Gregor war gerade sieben und Maurus fünf. Vorsorglich schärfte ich den beiden beim Betreten des Festgeländes ein, dass „wir uns genau hier beim  Riesenrad wieder treffen, falls wir uns aus den Augen verlieren“. Das ist am Nachmittag nicht so wild wie am Abend, wenn die Menge wirklich nahezu undurchdringlich ist. Aber meine väterliche Fürsorge löste bei Maurus geradezu Panik aus, und ich hatte Mühe ihn zu beruhigen. Ein paar Fahrten mit einem der Schaugeschäfte lösten dann alles in Wohlgefallen auf – aber diesen Moment des Erschreckens habe ich nicht vergessen.

1985 dann das schreckliche Attentat- bei dem ein Sprengsatz am 26. September beim Haupteingang 12 Menschen tötete und 221 verletzte, 68 davon schwer. Der bisher schwerste Terrorakt in der Geschichte der Bundesrepublik. Auch in diesem Jahr war ich nicht auf die Wiesn gegangen, vom Anschlag las ich anderntags in der Zeitung. Für viele Jahre nicht nur für mich ein Grund, nicht mehr zu diesem Rummel zu gehen.

Es dürfte so um 1990 gewesen sein, dass ich mal am Abend allein über die Wiesn bummelte, um das einfach wieder mal zu erleben – denn ein Erlebnis ist es auf jeden Fall. Ich verkniff mir Karussellfahrten, gönnte mir aber eine Portion Zuckerwatte, als Gehirnfutter, gewissermaßen, um mich dann aufmerksam beobachtend durch die Menge treiben zu lassen. Eine Menge, die von Viertelstunde zu Viertelstunde immer dichter wurde und mir zuletzt vorkam wie ein zähflüssiger Menschenbrei, durch den kaum mehr ein Vorankommen möglich war. Nichts wie heim! dachte ich nur noch, geriet fast ein wenig in Panik – wenn jetzt irgendwo was passiert – wie fünf Jahre zuvor!! Ging aber gut aus.

2005 war ich mit meinem Freund aus Volksschultagen Dietmar Sammet an einem sommerwarmen Herbstnachmittag zum Hendlessen bei einem der Festzelte. Dietmar hatte Gutscheine von Geschäftsfreunden, und die verzehrten wir nun in Form von halbem Brathendl, Wiesnbrezn und je einer Maß (und dann „noch a Maß“), außen in einem der Biergärten sitzend und froh, nicht drin im auch nachmittags schon recht heftigen Gewühl um Sitzplätze und Essen und Bier kämpfen zu müssen. Von unser Gespräch erinnere ich nichts mehr, aber es war, wie jedes unserer monatlichen Treffen, sicher recht angeregt in einer Mischung an Kindheitstage in Rehau und aktuelle Themen wie der Sicherheit der Öl- und Gasversorgung (er war in dieser Branche tätig – und ja, die Sicherheit der Öl- und Gasversorgung war damals ein sehr akademisches Thema.)

Abb. 8: Dieses „Labyrinth“ ist genau genommen ein Spiegelkabinett. (Archiv JvS)

Dann ging ich erst wieder 2013 zur Eröffnung der Wiesn, weil ich Fotos machen wollte und mir endlich mal am Samstagmittag den Einzug der Wiesnwirte mit ihren festlich geschmückten, von eindrucksvollen Pferdegespannen gezogenen Bierwagen anschauen wollte – einmal im Leben sollte man sich das schon gönnen. Und unbedingt fotografieren wollte ich das Schaugeschäft mit dem lockenden Namen „Labyrinth“ (was ja bekanntermaßen ein sehr verwirrendes Spiegelkabinett ist und mit einem kretischen Labyrinth rein gar nichts zu tun hat). Das gelang mir dann 2016, also drei Jahre später.

Und nun lese ich im Jahr 2022, gemütlich im Café „Rigoletto“ sitzend, im Lokalteil der Süddeutschen Zeitung, was es über das Oktoberfest in diesem dritten Corona-Jahr zu berichten gibt. Und ich erinnere mich an die Schlägerei vom Jahr 1961, die zum Glück gut ausging. Und an den Besuch im „Labyrinth“ schon lange vorher, den ich 1964 in einer Kurgeschichte mit dem Titel „Im Spiegelkabinett“ verarbeitet habe.

Quellen
Franke, Herbert W. (Hrsg.): Science Fiction Story-Reader Nr. 4. München 1975 (Heyne TB).
Kotteder, Franz: „Die woke Wiesn“. In: Südd. Zeitung Nr. 215 vom 17./18. Sep 2022, S. R 01.
Scheidt, Jürgen vom: „Im Spiegelkabinett“. In Franke 1975.
Ders.: Der geworfene Stein. Pecha 1975 (R.S. Schulz).

283 aut #1156 _ 19. Sep 2022 / 11:35

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