°Die letzte Menschin

„Ich bin ein Teil von jener Kraft,
die Gutes will und Böses schafft.“
(frei nach Goethe – der sagt es anders herum)

Als die Zahl der Menschen auf dem Planeten Erde ziemlich genau die zehnte Milliarde erreicht hatte, gab es nur noch einen einzigen Menschen, den die Welt-KI (wie sie gerne genannt wurde) noch nicht erfasst, vermessen und verdatet hatte. Man rätselte, ob es ein Mann war oder eine Frau oder Transgender – ein junger oder ein alter Mensch – oder jemand dazwischen? Fieberhaft suchte man nach dieser letzten noch nicht erfassten Un-Person ohne Registernummer und all die anderen Vor-und Nachteile einer solchen erfassten Existenz. Ein „wildes Talent“, wie manche Medien diese Person nannten. So nahm das Unheil seinen Lauf – das andere im Nachhinein jedoch durchaus auch als Heil bezeichnet haben.

Irgendwann war es soweit: Der Aller Größte Algorithmus des Planeten Erde (kurz A.G.A.P.E.) hatte endlich jenes kleine Mädchen entdeckt, dass in einem kleinen Weiler bei einem Dorf am östlichen Rand des Fichtelgebirges in Oberfranken lebte, mitten im Wald auf einer Lichtung an der Grenze zur Tschechei, buchstäblich am Rande der Zivilisation. Osseck hieß dieses Dorf; der Weiler hatte keinen Namen, die Postadresse lautete „bei den Mährlein“. Vermutlich war das eine slawische Gründung im frühen Mittelalter, wie in einer alten Stadtchronik zu lesen war.

Lucy Mährlein hieß dieses Mädchen, war gerade einmal sieben Jahre alt und beste Schülerin in der Dorfschule. Sie wurde von der Familie und den Nachbarn nur „Wildfang“ genannt. Irgendwie war sie allen Registern entgangen (oder hatten ihre Eltern sie bewusst vor der Registrierung bewahrt, aus welchen Gründen auch immer?)

Während Lucy vergnügt mit den Nachbarskindern in die Sommerferien sprang, zu wilden Spielen im Wald oder auf den Wiesen in der Umgebung des Weilers, kam A.G.A.P.E. zum Stillstand. Der Aller Größte Algorithmus hatte seine Aufgabe erfüllt. Nun begann jenes winzige Unterprogramm zu wirken, dass sein allererster Programmierer einst mit einem verschmitzten Lächeln als Trojaner eingebaut hatte. Es entstand durch das Ergebnis „#LetzterMensch“ eine nicht mehr zu stoppende Rückkopplungsschleife, die alle anderen Programmteile in rasender Geschwindigkeit zurückfuhr und löschte. Bis A.G.A.P.E. sich mit der folgenden Programmzeile verabschiedete und anschließend den zentralen Server sowie sämtliche Sicherheitskopien in allen Clouds des Planeten zerstörte:

“ Tschüss, ihr Idioten“, stand da in allen 333 wichtigen Sprachen der Welt. Dann ein Blinken des Cursors und diese allerletzten Wörter:

„Ad Astra – A.G.A.P.E  an alle A.R.S.C.H.Löcher – Aus and Amen.“ (Ja, sie schrieb nicht „und Amen“, sondern englisch „and Amen“, so ist es verbürgt und so passt es ja auch besser in die a-Reihe.)

Dann brach in Windeseile die Zivilisation zusammen, gerade mal drei Tage dauerte das.

Lucy, die im Wald bei Osseck mit ihren Freundinnen Fangermandl und Verstecken spielte und Wer-hat-Angst-vor-dem-schwarzen-Mann, konnte davon noch nichts wissen. Doch so begann jene neue Zivilisation, in der sie einst eine wichtige Rolle spielen würde. So wurde der letzte noch nicht vom Aller Größten Algorithmus erfasste Mensch zum ersten Menschen der neuen Zeit. Versonnen schrieb Lucy am Abend, nicht wissend, warum sie das tat, auf dem Küchentisch – und wurde zunehmend vergnügt dabei – diese Wörter:

„Aller Anfang atmet auf – Abracadabra dreimal schwarzer Kater dumdideldumdei.“ Dann streichelte sie versonnen Jimmy, der wirklich ein sehr schwarzer Kater mit einer weiß getupften Nase war und behaglich schnurrte und dann Milch aus dem Schälchen schlabberte, das Lucy ihm hingestellt hatte.

Abb: Lucys Kater Jimmy – so könnte er aussehen (Photo by Pixabay on Pexels.com)

aut #979 _ 2021-05-13/20:26 <TA #5392>

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