Begegnungen mit Thomas Schlück

Eben aus dem Briefkasten geholt: Die Neuausgabe des berühmten Starmaker von Olaf Stapledon in der Übersetzung von Thomas Schlück. Der Sternenschöpfer ist kein Roman im üblichen Sinn, wird aber als eines der meistgerühmten erzählenden Werke des Science-Fiction gehandelt, als die bis heute großartigste Vision einer geistigen Reise durch Raum und Zeit unseres Universums.
Viele bekannte Autoren beziehen sich auf diese visionäre Schilderung, sowohl innerhalb der SF-Szene wie außerhalb im literarischen Mainstream:
Brian W. Aldiss, Isaac Asimov, Jorge Luis Borges, Arthur C. Clarke, Doris Lessing, Carl Sagan und Virginia Woolf hat Stapledon stark beeindruckt und in mehreren Fällen in ihrem Werk beeinflusst.

In Hans Freys Buch → Optimismus und Overkill wird Thomas Schlück zweimal kurz erwähnt (S. 92 und S. 396). Schade, dass ihm in Kapitel 5 („Personalia I“) kein eigener Beitrag spendiert wurde, denn er war in seiner aktiven Zeit (etwa zwischen 1965 und 2010) unverzichtbar für das Entstehen und Gedeihen der deutschen SF-Szene ab den 1960er Jahren – aber eben im Hintergrund. Damals hatte er den großen Mut, eine Stelle als Mitarbeiter bei einer Bank aufzugeben und die erste auf Science-Fiction spezialisierte Literaturagentur in Deutschland nicht mehr nur nebenbei, sondern fulltime aufzubauen.

Ohne seine Hilfe bei der mit viel kleinteiliger Fizzel-Arbeit verbundene Rechte-Beschaffung (vor allem in den USA und England) wären meine fünf SF-Anthologien nie zustande gekommen, als erste das Das Monster im Park (1970) und bald darauf Liebe 2002 (1971). Damals, in den 1970er Jahren, gab es ja weder das Internet mit Wikipedia und Google (zum Recherchieren) noch den flotten sekundenschnellen E-Mail-Austausch oder das Smartphone, wo man mittels WhatsApp oder FaceTime (beim I-Phone) den Gesprächspartner sogar sehen kann – noch dazu kostenlos. Heute 2022 eine Selbstverständlichkeit, damals pure Science-Fiction. Man musste einen Brief schreiben und dann warten, warten, warten … bis von jenseits des Kanals oder gar des großen Atlantiks Antwort per Brief zurückkam (oder vielleicht auch mal per Telefon – damals ins Ausland sauteuer!)

Eine Pionierarbeit war es auch von Thomas, den Starmaker zu übersetzen, damit erstmals Stapledon überhaupt einem deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen und damit den Lesern von Robert Heinlein und Perry Rhodan ein selbst innerhalb der SF sehr exotisches Werk eines ihnen noch völlig unbekannten Autors vorzustellen, das auch von einem Alien hätte stammen können.
Die erste Ausgabe erschien 1966 bei Heyne – eben ist sie wieder vom rührigen SF-Spezialverlag Dieter von Reeken neu aufgelegt worden (s. unten den Auszug aus dem Rückentext).

Begegnungen

Was meine Begegnungen mit Thomas angehen, so waren sie – wie man heute sagen würde – überwiegend virtueller Natur. Persönlich trafen wir uns wohl gelegentlich bei SF-Meetings (bei den SF-Oldies in Unterwössen ?), nach meiner Erinnerung nur einmal länger persönlich, als ich ihn irgendwann in den 1970ern in Garbsen bei Hannover besuchte, vermutlich bei einer Reise nach Vlotho an der Weser, wo ich im Jugendhof Seminare abhielt und Hannover sowieso der Umsteigebahnhof war.
(Die Agentur hat Thomas vor einigen Jahren an seinen Sohn übergeben.)

Star Maker (1937)

Nun noch einige Hinweise zu Stapledons Buch (Auszug aus dem Rückentext 2022):

Olaf Stapledon wurde 1886 in der Nähe von Liverpool geboren. Nachdem er das Balliol-College in Oxford besucht hatte, begann er im Schifffahrtsbüro der Familie in Port Said (Ägypten) zu arbeiten. Diese Erfahrungen und seine Mitarbeit in einer Ambulanzeinheit während des Ersten Weltkriegs beeinflussten seine Vorstellungen von „wahrer Gemeinschaft“ und Pazifismus. 1925 promovierte er in Philosophie an der Universität Liverpool, 1929 erschien sein erstes Sachbuch, A Modern Theory of Ethics. 1930 folgte sein erster Roman, Last and First Men, der von Zeitgenossen wie Arnold Bennett und J. B. Priestley gelobt wurde. Es folgten weitere Sachbücher und einige Erzählungen, die der Science Fiction zugeordnet werden können: Last Men in London (1932), Odd John (1935) und vor allem Star Maker (1937). Stapledon schrieb und lehrte an der Universität Liverpool bis zu seinem Tod im Jahr 1950.
Star Maker ist kein Roman, sondern im Wortsinn eine Erzählung: Das Werk enthält so gut wie keine Dialoge, sondern eben den erzählten Bericht eines Menschen über eine imaginäre Reise durch das gesamte Universum bis hin zum „Sternenschöpfer“, der kein väterlicher Gott der Liebe ist, sondern eine Kraft, die immer neue Sterne und Universen schafft, ohne mit dem Werk „zufrieden“ zu sein.

Hochbegabung und Genialität
Last and First Men spannt den Erzählbogen über 18 (!) Menschheiten und ähnelt von der Schreibweise und Perspektive dem Starmaker, ist aber nicht so radikal „long view“ und „distant view“ . Last Men in London variiert dies noch einmal.
Als „technischer Prophet“ in der Art eines Jules Verne oder Hans Dominik taugt Stapledon nicht: Er hat weder die Entwicklung der Atomenergie und Atombombe noch die Computer und das Internet geahnt samt dem, was heute als Digitalisierung und Globalisierung gehandelt wird. Aber geradezu gruslig ist in Last and First Men seine Vision eines „100 jährigen Kriegs“ zwischen den USA und China.
Stapledon hat übrigens auch zwei sehr interessante konventionelle SF-Romane geschrieben, die sich mit Genialität und Hochbegabung befassen: Odd John (über eine Mutation innerhalb der Menschheit, die jedoch erkennt, dass die „normalen Menschen“ sie nie akzeptieren werden und sich deshalb selbst auslöscht – ein Motiv, das zum Beispiel in den Superhelden-Filmen der Serie über die X-Men variiert wird) und einen superklugen Hund namens Sirius.

Quellen
Frey, Hans: Optimismus und Overkill. Berlin 2022 (Memoranda). Klappenbroschur 538 Seiten – 26,90 €.
Scheidt, Jürgen vom (Hrsg.): Das Monster im Park. München 1970 (Nymphenburger).
ders. (Hrsg.): Liebe 2002. Frankfurt a.M. (Bärmeyer & Nikel).
ders.: „Achtzehn Supermenschheiten: Olaf Stapledons Visionen über die Entwicklung der Menschheit“. In: Planet Nr. 6 / April 1970 (München).
Schlück, Thomas: Übersetzung 1966 / 2022 von: → Stapledon 1937.
Stapledon, Olaf: Last and First Men. London 1930.
ders.: Star Maker. London 1937. – Ü: Th. Schlück München 1966 (Heyne). Neuausgabe Lüneburg 2022 (Dieter von Reeken), Paperback, 243 Seiten _ 17,50 € _  ISBN 978-3-945807-67-5.
ders.: Odd John. London 1935.
ders.: Sirius. London 1944.

aut #1275 _ 2022-04-15/16:23

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