°Nuklearer Winter (Story)

(Es gibt so Tage, an denen mich der Zustand der Welt, genauer: der Menschheit, sehr pessimistisch bis misanthropisch stimmt. Heute war so ein Tag. All die frustrierenden Diskussionen, ob man der Ukraine Leopard-Panzer liefern dürfe – oder ob man dieses ganze Volk besser gleich verrecken lassen solle. Bloß nicht Herrn Putin verärgern…)

Abb.: Rein symbolisch: Muslimischer Friedhof in Istanbul – eine von unzähligen Grabanlagen dieser Erde (JvS: April 1964)

Er hatte nichts mehr zu verlieren. Aber er konnte der Menschheit eine gute Zukunft ermöglichen – mit gewissen Abstrichen.

Von Honolulu auf Hawaii nach Sumbawa in Indonesien sind es schlappe 3.000 Kilometer. Ist auch mit meinem modernen Jet eine ziemliche Entfernung, vor allem wenn man den Ko-Piloten und die ganze andere Besatzung vorher von Bord schickt und alleine am Steuer sitzen wird. Aber meine kostbare Ladung will ich mit niemandem teilen. Auf Hawaii hätte es auch tolle Vulkane gegeben. Oder auf Island. Aber der Tambora soll es sein.

Also die andere Variante. Von Jakarta nach Sumbawa sind es mit dem Flugzeug Luftlinie nur noch 1.275 km. Ich wäre lieber von Honolulu auf Hawaii gestartet, weil da der nächste aktive Vulkan, der Kilauea, quasi um die Ecke liegt. Aber der Tambora ist mir wichtiger wegen seiner früheren Auswirkungen auf das Weltwetter. Er brach im April 1815 aus und verursachte weltweite Missernten und Hungersnöte: Das berüchtigte „Jahr ohne Sommer“. In den Vereinigten Staaten bekam es den Spitznamen „Eighteen hundred and froze to death“, und in Deutschland (von dort sind meine Urgroßeltern in die USA ausgewandert) wurde es als das Elendsjahr „Achtzehnhundertunderfroren“ berüchtigt.

Kann man alles in der Wikipedia nachlesen.

Was mich mehr interessiert, ist eine ganz spezielle Auswirkung, die dazu führte, dass Mary Godwin den Sommer 1816 nicht genießen konnte, den sie mit ihrem späteren Mann Percy Bysshe Shelley sowie Lord Byron und dessen Leibarzt John Polidori und ihrer Stiefschwester Claire Clairmont in der Villa Diodati in der Nähe des Genfer Sees verbrachte. Was alles nicht so wichtig ist, denn weit eindrucksvoller – und bestimmend für mein eigenes Leben – war, dass diese erlauchte Gesellschaft das Haus kaum mehr verließ und stattdessen Schauergeschichten schrieb – eine erste Schreib-Werkstatt, wenn man so will. Ich hab als Student an einigen solchen Writer´s Workshops bei bekannten Autoren teilgenommen, als mich Science-Fiction noch sehr fasziniert hat, bis ich mein Geschäft gründete und ab da war für solche Extravaganzen keine Zeit mehr – sonst wird nichts aus dem Start-Up und Milliardär wird man dann auch nicht mehr.

Doch zur Sache: Mary Shelley, und nun komme ich zum Punkt und zu mir, verfasste damals ihren Roman Frankenstein oder der moderne Prometheus – die Geschichte jenes genialen Arztes, der aus Leichenteilen einen Menschen neu zusammensetzt und mit der Kraft der himmlischen Elektrizität eines Blitzes zum grusligen Monster-Leben erweckt.

Alles Blödsinn, das würde in der Realität nie funktionieren. Aber im Ergebnis sehr es sehr beeindruckend, gewissermaßen als Virtual Reality. Ein Welterfolg bis heute, mit unzähligen Verfilmungen. Und vor allem durch die Lektüre etwa mit acht für mein eigenes Leben bestimmend. Der Roman gilt als Geburtsstunde der Science-Fiction–Literatur. Mein älterer Bruder las dieses Zeug und so kam es mir in die Finger, als ich gerade selbständig zu lesen begann. Keine leicht Kost für einen Achtjährigen (ich hab die Schwarte auch nie zu Ende gelesen) – aber Dr. Viktor Frankenstein, dieser Urvater aller Mad Scientists, hat es mir damals angetan.

Nachdem diese Zeilen meine letzten sein werden und niemand außer mir sie je zu Gesicht bekommen wird, möchte ich hier vermerken, dass ich zwar kein Genie bin, aber auf jeden Fall ein Hochbegabter, der es in seinem Leben zu etwas gebracht hat. Ja. Hektor Gondwan ist einer dieser Startup-Milliardäre, die es in die erste Liga der Weltwirtschaft geschafft haben mit ihrem Einhorn-Unternehmen.

Kann man das sprachlich irgendwie besser ausdrücken: „… Weltwirtschaft geschafft“ – das klingt nicht gut. Aber ist ja auch egal, ich bin kein Schriftsteller, sondern Unternehmer – und wie erwähnt: Lesen wird das ohnehin nie jemand außer mir.

Nun sitze ich also hier in der Vip-Lounge des Flughafens von Jakarta und genieße mein Essen: Tandoori  Chicken (wirklich lecker), dazu Walldorf-Salat und zum Nachtisch eine Panna cotta mit Erdbeersauce und ein edler Rotwein (keine Ahnung, wo der herkommt – ist auch egal, ich bin kein Feinschmecker). Meine Crew habe ich mit je tausend Dollar beglückt und auf Sightseeing-and-Shopping-Tour in die Stadt geschickt. Meinen letzten Flug werde ich alleine meistern und damit dass Überleben der Menschheit sichern.

Es gibt nur ein Mittel, den Klimawandel sofort und nachhaltig zu bremsen: Den Krebs Menschheit stoppen, und zwar sofort! Ja, ich weiß, wovon ich rede. Mit Krebs kenne ich mich aus. Bauchspeicheldrüsenkrebs ist mein Schicksal. Die Medikamente bändigen den noch ein wenig. Aber mehr ist beim aktuellen Stand der Dinge auch für einen Selfmade-Milliardär nicht drin, auch nicht für einen hochbegabten. Mir bleiben also nur noch wenige Wochen, vielleicht Tage.

Doch das ist genug Zeit, um die Menschheit zu retten. Es werden unter all den Normalos sicher auch etliche Hochbegabte sein, die den Laden wieder zum Laufen bringen. Rein statistisch gesehen (Gauß´sche Normalverteilung heißt das) haben ja 2,42 Prozent einer Bevölkerung einen IQ über 130 und gelten als hochbegabt. (Mein IQ wurde mal bei mensa mit 129 getestet, weshalb sie mich in ihren edlen Club nicht aufgenommen haben, war ein Punkt zu wenig – aber an dem Tag war ich nicht gut drauf und scheiß auf diesen einen Prozentpunkt! Ich weiß, was ich bin).

Gut, manche werden mich als Herostrat verfluchen – aber ist es nicht besser, drei von den acht Milliarden Menschen überleben den nuklearen Winter, für den ich sorgen werde – als dass demnächst zehn Milliarden langsam zu Tode geröstet werden oder in den Fluten der schmelzenden Polkappen ersaufen?

Niemand weiß, dass Dr. Frankenstein mein Vorbild ist – dass auch ich, wenngleich nur im übertragenen Sinn, aus Leichenteilen einen neuen Menschen schaffen werde: Aus den Überlebenden des kommenden „Sommers ohne Sonne“. Nun ja, mit einem einzigen dieser schrecklichen Sommer wird es nicht getan sein. Ich rechne mit drei davon. Passt doch gut: Drei ist eh meine Lieblinsgzahl. Drei Sommer – drei Milliarden Menschen. Wenn es ganz schrecklich wird, nur drei Millionen. Aber auf jeden Fall genug, um gaaaanz laaaaangsam das „Projekt Menschheit“ wieder neu anzuschieben. Als Startup-Unternehmen gewissermaßen.

„Waiter – the bill please!“

Zeit, das ich mich auf den Weg mache und die Fat Lady im Frachtraum ans Ziel bringe. Hat dort gerade so reingepasst. War nicht einfach, eine dieser neuen Mini-Nukes auf dem internationalen Schwarzmarkt der Waffenhändler zu besorgen. Aber wie erwähnt: Dem Milliardär ist nichts zu schwer…

Kleiner Scherz, über den zum Glück nicht einmal ich lachen kann. Die Fat Lady also rein in den Tambora. Und – rumms!

Sollte ich vielleicht den Zettel mit diesen handschriftlichen Notizen irgendwo liegenlassen? Wäre schon schön, wenn jemand das finden würde und die Welt – Quatsch: die Menschheit VON MIR gerettet wurde (die Welt muss niemand retten).

Aber nein! wenn der Zettel zu früh gefunden und entsprechend reagiert wird, kann ich meine Mission vielleicht gar nicht erfüllen. Pfeif auf Eitelkeit und Narzissmus. Ich weiß, was ich getan habe. Also diese Notizen im Klo runterspülen. Und die Einsamkeit hat dann endlich auch ein

ENDE

289 _ #1426 _ 24. Jan 2023/19:16

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