Brille zum Zeitunglesen?

Das ist neu. Bis vor einem Vierteljahr konnte ich mühelos noch sehr kleine Schrift der Größe „3.0“ lesen. Jetzt habe ich Mühe, zwei Spalten der Süddeutschen auseinander zu halten – sie fließen leicht ineinander.
Meine beiden Augen waren schon immer sehr verschieden – das linke sehr schwach und leicht schielend. Jetzt im Alter fällt es dem rechten Augen wohl schwerer, die Dominanz zu halten.

Gut, eine Brille wird das ausgleichen. Aber die neue Situation hat eine alte Erinnerung wieder hochgespült, die mit meiner Mutter zu tun hat. Ich war zwölf, als sie in Hof mit mir beim Augenarzt war (Warum? Hatte ein Lehrer etwas bemerkt?)

Als der Herr Doktor sagte, ich bräuchte eine Brille, sagte meine Mutter nur sinngemäß: „Nein, der braucht keine Brille“. Und das war´s.

Hatte ich vorher immer in der hintersten Bank gesessen (schon, weil man dort so gut schwätzen und heimlich Schundheftchen lesen und irgend welchen Blödsinn machen konnte – was ADHS-Kinder halt so treiben) – setzte ich mich bei der nächsten Möglichkeit (wahrscheinlich im Herbst 1954 beim Übertritt in die vierte Klasse der Oberrealschule) ganz nach vorne in die erste Bank – weil ich nur dort deutlich sehen konnte, was der Lehrer an die Tafel schrieb. Ohne Brille. Die Mutter hatte das ja blockiert.

Nach dem Umzug nach München war eine meiner ersten Aktionen der Gang zum Augenarzt und dann zum Optiker – um endlich eine Brille zu bekommen und klar sehen zu können. Ich hab´s zweimal mit Kontaktlinsen versucht – aber das war nichts für meine empfindlichen Augen. Es war so etwas wie ein erster Akt der Rebellion gegen Mutters magische Macht.

Dass ich offenbar zusätzlich eine Allergie hatte, die sich bei Pollenflug als unerträgliches Jucken in den Augen auswirkte, begriff ich erst viele Jahre später – zufällig. Heuschnupfen in den Augen – wer denkt denn an sowas! Das hätte mich jedenfalls 1964 fast am Bestehen des Vordiploms in Psychologie gehindert – weil dieses Jucken in den Augen mich mehr als irritierte und vor allem massiv beim Lesen und Lernen behinderte- vor allem, weil kein Arzt und auch nicht die Spezialisten in der Zenker´schen Augenklinik herausfand, was es war, was mich da plagte. „Neurasthenie“ – war eine der hilflosen Diagnose. Danke. Das half – nämlich keinen Arzt mehr diesbezüglich zu konsultieren.
Die richtige Diagnose fand ich tatsächlich rein zufällig gut zwanzig Jahre später selbst, als ich mit meiner Frau Ruth im Frühling bei einer Wanderung im Allgäu eine blühende Wiese überquerte – und „wush“ begannen meine Augen zu jucken, als hätte man mir eine ätzende Flüssigkeit hineingeträufelt. Als ich auf der anderen Seite die Wiese verließ – war das Jucken wie weggeblasen. Ich überprüfte das – betrat die Wiese – „wush!“ Verließ das wunderschöne Blütenmeer wieder – „weg“.

Das war´s. Selten habe ich eine so klare Demonstration einer medizinischen Realität erlebt.

Doch zurück nach 1956 und den Anpassung der ersten Brille. Es war wie ein optisches Wunder: Nach vier Jahren endlich klar zu sehen. Im Kino alles mitzubekommen – für mich Kino-Freak schon Wunder genug.

Es war allerdings ein Preis zu zahlen: Mit Brille bist du plötzlich sehr verletzlich. Das erlebte ich auf drastische Weise, als ich auf dem Oktoberfest in eine Schlägerei geriet, bei der man mir als erste die Brille vom Kopf schlug – die wahrscheinlich der Auslöser für die Aggression war. Ich hab´s überlebt – indem ich wegrannte.

Als mein Psychoanalytiker so um 1970 mal unbedacht sagte, er möge keine Leute mir Brille – dachte ich: Schau mal an. Der Herr Doktor – von wegen Abstinenzregel! Vielleicht lag es daran, dass ich die Brille stets schon beim Betreten der Praxis abnahm und im Futteral verstaute – und er mich vielleicht nie mit Brille gesehen hat. Oder es war ein saftiges Stück spontaner Gegenübertragung, was ihm da entfuhr (denn ich muss ein sehr nerviger Patient gewesen sein, der seine gerade göttliche Geduld sicher mehr als strapaziert hat). Schwamm drüber. Heute, im Rückblick, kommt mir das fast so vor, als sei das eine seltsame Wiederholung jener Macht gewesen, die meine Mutter auf mich als Zwölfjährigen ausübte: „Der braucht keine Brille.“ Punktum. (Vielleicht kann ein Psychoanalytiker etwas mit dieser Erklärung anfangen – mir macht sie Sinn. Man wird immer wieder mit seinen Schwachen und Obsessionen konfrontiert – weil man sein inneres Leben um sie herum aufbaut – um sie auszugleichen, oder zu bändigen – los wird man sie nie.)

Meine Augen haben mich immer beschäftigt. Wenn möglich, nehme ich meine Brille sofort ab. Im Fitness-Studio oder wo auch immer – runter mit der Brille. Beim Lesen – runter mit der Brille –

Halt, das hat sich ja jetzt geändert. Ich brauche eine Lesebrille. Na ja. Was soll´s. In meinem Alter.

Lange hat mich dir heimliche Furcht beschäftigt, ich könnte einst blind werden – wie John Milton, dem das in der Mitte seines Lebens geschah. Als ich sein Sonnet „On his Blindness“ als Achtzehnjähriger im Englischunterricht übersetzte, war der Studienrat Feldhütter aus Tutzing nicht sehr zufrieden damit – aber für mich war es eine sehr gelungene Übertragung (das ist jetzt wörtlich gemeint – und nicht psychoanalytisch).

When I consider how my light is spent – ere half my days /
In that dark world and wide…“


Ich kann es noch immer auswendig – in beiden Sprachen. Dieses Schicksal ist mir bisher erspart geblieben (anders als meinem frühesten Kindheitsfreund Dietmar). Stattdessen hat es mich zu meiner Kurzgeschichte „Blindheit“ inspiriert – die bisher am meisten nachgedruckt wurde, in fünf Sprachen übersetzt ist und mir für diese zehn Druckseiten ein beachtliches Honorar eingebracht hat – mehr als 4.000 Mark, schätze ich.

Als Jugendlicher und noch als Student habe ich die Brille beziehungsweise die Kurzsichtigkeit gerne versteckt – etwa in Gestalt einer schicken Sonnenbrille (mit korrigierten Gläsern). Das so zum Beispiel so aus:

Es gibt auch Vorteile

Als ich dann 1956 in München die erste Brille bekam, war dies auch das Ende meines Bubentraums, Testpilot und „Weltraumfahrer“ zu werden. Mit Brille undenkbar. Die Konsequenz: Weltraumfahrten „auf dem Papier“ (in Gestalt eigener SF-Romane) und später auch die „Weltraumflüge nach innen“, zu denen Rauschdrogen der nötige Treibstoff sind. Aber das ist ein anderes Kapitel, das zum Beispiel hier aufgeblättert wird.

MultiChronalia

Die Brille – gleich welche – und die damit verbundene Kurzsichtigkeit ist so etwas wie ein Leitfossil in meiner persönlichen Archäologie und verbindet viele Zeitschichten:
1952 die Machtdemonstration von Mutter („Der braucht keine Brille“). 1953 folgende die zunehmende Wendung „nach innen“ wegen zunehmender Kurzsichtigkeit. 1956 das Aufbegehren gegen das mütterliche Verdikt durch die Anschaffung einer Brille – was zugleich die „Wendung nach innen“ verstärkt und letztlich das Schreiben als Ausdrucksform begünstigt – aber andrerseits das Ende des „Astronauten-Traums“ bedeutet.
Ab 1959 wird die Sonnenbrille zum schicken Accessoire, das die Chancen beim anderen Geschlecht vergrößert (dachte Mann sich jedenfalls).
Zeitsprung in die Gegenwart des Juli 2021: Die Lesebrille als neue Variante, die Fernbrille und Computer-Arbeitslesebrille ergänzt. Nun sind es deren drei.

aut #1096 _ 2021-07-14/21:20

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