Pfingstwunder: Ausgießung des Heiligen Geistes?

(Ein → WanderPost, der nach einer Weile in der Chronologie dieses Blog weiter nach „unten“ verlagert wird – in die Pfingsttage.)
Es ist lange her, dass ich in Rehau im Kindergottesdienst war und in der Schule Religionsunterricht genossen habe, wo man in all den spannenden „biblischen“ Geschichten“ und den Mythen und Märchen der christlichen Glaubenslehre unterrichtet wurde und – nun ja: nachhaltig indoktriniert. Bis man das alles beinahe glaubte. Es hat für mich lange gedauert, diese Überlieferungen durch eine naturwissenschaftliche Weltsicht zu ersetzen. Und die ist ja – beispielsweise beim Anblick des nächtlichen Sternhimmels -keineswegs weniger „märchenhaft“ und überwältigend schön und in ihrer logischen Ästhetik überzeugend.

Wie dem auch sei: Als das Pfingst-Fest diesmal näher kam, fiel mir prompt, wie jedes Jahr, die Geschichte vom „Pfingstwunder“ und der „Ausgießung des Heiligen Geistes“ wieder ein. Und plötzlich floss die Erinnerung an Kindheitslegenden zusammen mit der psychologischen Realität, die in den Schreib-Seminaren so gegenwärtig ist. Da war das mit dem „Heiligen Geist“ nicht länger nur ein religiöser Glaubensinhalt – sondern kreativitätspsychologische Realität. Nur die Erklärung dahinter ist nun eine andere. Früher musste man die Aussage der Altvorderen akzeptieren, dass das „von Gott gesandt“ ist, wenn einem „etwas einfällt“ oder dem Herrn Pfarrer für seine Sonntagspredigt etwas Kluges in den Sinn kommt.

Inspiration (Einhauch) nannten das die Griechen der Antike. Sie hatten sogar eine eigene Göttin der Weisheit, die gewissermaßen für die Kreativität zuständig war: die Sophia.
Ruach (verwandt dem deutschen Wort „Rauch“) nannten es die Juden auf Hebräisch.
Die psychologische Forschung ist da nüchterner, ist den – oft recht verschlungenen – Wegen der Ein-Fälle und Zu-Fälle intensiv nachgegangen, hat mit der Kreativitätspsychologie eine komplexe eigene Unter-Disziplin der Psychologie geschaffen. Sigmund Freud hat mit den Methoden der Psychoanalyse die „Kellergewölbe“ des Unbewussten geöffnet und auch da so manchen Schleier von den vorher sehr rätselhaften Abläufen der Kreativität entfernt – spannenderweise mit einem eigene Traum (von „Irmas Injektion“), den er selbst analysiert und auf höchst inspirierende und spannend zu lesende Weise autobiographisch erschlossen hat – in seinem ansonsten eher akademisch staubtrockenen Buch Die Traumdeutung von 1900.

Seltsame Erinnerungstäuschung

Als ich diesen Text über das Pfingstwunder zu notieren begann, geschah etwas Seltsames: Ich täuschte mich mit meiner Erinnerung an das, was „damals“ an Pfingsten in der urchristlichen Gemeinde geschah beziehungsweise im Neuen Testament dazu seit zweitausend Jahren überliefert wird:

Plötzlich verstanden sich die Menschen, die damals versammelt waren, durch das Herabströmen des Heiligen Geistes – gewissermaßen die Aufhebung der babylonischen Sprachverwirrung nach der Zerstörung des Turms von Babel und der Zerstreuung der Juden „unter alle Völker“ (was wohl das Ur-Trauma der weltweiten Zerstreuung des jüdischen Volkes nach der Vernichtung ihres Reiches Israel und ihre Gefangenschaft in Babylon nachempfunden hat).

Tatsächlich geschieht beim Pfingstwunder jedoch das genaue Gegenteil: Inspiriert vom Heiligen Geistes, beginnen die Apostel „in fremden Zungen“ zu reden und werden deshalb auch von den Nichtjuden verstanden:

„Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“ (Apostelgeschichte 2, Vers 1-4).

Kühner Sprung in die Gegenwart

Was damals wirklich geschah, wie sich das reale historische Geschehen (wenn es das jemals gegeben haben sollte) im Verlauf der mündlichen Überlieferung allmählich veränderte, was Wunschdenken war und märchenhafter Kinderglaube und durch das Aufschreiben der „Zeugenberichte“ allmählich feste Form fand, die auf uns in der „biblischen Geschichte“ gekommen ist – all dies kann hier nicht vertieft werden. Wichtig erscheint mir, dass hier in Gestalt der „feurige Zungen“ ein tief verwurzelter Wunsch sein bildmächtiges Narrativ findet – nämlich die Sehnsucht der Menschen, bei aller Sprachvielfalt (mehr als 3.000 Sprechen und Dialekte sollen es trotz fortschreitender Verluste immer noch sein) einander doch zu verstehen.

Eine „Lingua franca“ (wie heute das Englische als doch sehr dominierende Weltsprache) soll so ein globales Verstehen ermöglichen. Weitergeführt und weitergedacht wird dies in der aktuellen technischen Entwicklung mit dem alle Welt vernetzenden Internet und den Milliarden Smartphones. Man war eine Weile überzeugt, dass höchstens „sechs“ Schritte nötig seien, um jeden Menschen mit jedem anderen auf der Welt in Kontakt zu bringen (die berühmte Forschung um die „Six Degrees of Separation“). Laut einer Untersuchung von Facebook sind es inzwischen nur noch durchschnittlich „3,57“ Kontakte*, welche die Menschen voneinander trennen – dank Smartphones und Social Media. (Koch 2021).

Steckt hinter dem heutigen Glauben an die (zukünftigen) Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz etwas ähnliches wie die Hoffnung, welche die christliche Religion mit dem Konzept des Heiligen Geistes verbindet – eine übergeordnete (virtuelle) Macht jenseits menschlicher Möglichkeiten, also mit gottähnlicher Natur, welche die heute überall herrschende weltweite Sprachverwirrung demnächst aufhebt – mit einer übergeordneten (Computer-) Sprache?

Abb. 1: Dieses Bild habe ich unter etwa tausend zum Thema „smoke“ ausgewählt. Es kommt für mich dem am nächsten, was ich mit „Heiliger Geist“ assoziieren kann. Ein ordentlich qualmender „brennende Dornbusch“ wäre noch besser gewesen. (Photo by sl wong on Pexels.com)

In der Science-Fiction findet man viele solcher Phantasien – etwa in dem Roman Wing 4 von Jack Williamson oder in James Camerons Terminator-Filmen.

Abb. 2: Dieses Bild trifft es vielleicht noch besser: Inspiration – Einhauch – Ruach (hebräisch für Inspiration) (Photo by Rafael Guajardo on Pexels.com)

Ich betrachte religiöse Witze (eigentlich „Witze über religiöse Inhalte“) als eine ganz eigene Variante von Kreativität – also Wirkungen des „Heiligen Geistes“ ganz spezieller Art, wenn man so will. In einer Fortsetzung dieses Beitrags mache ich mich über das Thema auch lustig: → Religiöse Witze über Smokey und wie sich Nonnen und Mönche…

In einem weiteren Artikel untersuche ich die spezielle Beziehung zwischen → Kreativität und Science-Fiction (work in progress).

In meinem Buch → Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität. umreiße ich nicht nur die Geschichte der Kreativität und ihrer Erforschung, sondern stelle mit der Zeittafel-Methode außerdem ein sehr effektives Werkzeug vor, mit dem sich komplexe Themen und sogar ein ganzes Studium leichter organisieren lassen – s. den Text → Zeittafeln als Werkzeug und Methode (work in progress).

Quellen
Cameron, James (Regie): Terminator. USA
Koch, Christoph und Thomas Ramge: „Ein bisschen früh dran“. In: brand eins von April 2021, S. 74.
Scheidt, Jürgen vom: Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität. München 2004 (Allitera).
Williamson, Jack: The Humanoids. (USA 1949). Deutsche Übersetzung: Wing 4. Düsseldorf 1952 (Rauchs Weltraumbücher).

aut #996 _ 2021-06-10/20:30 [Wander-Ziel: 2021-05-23 = Pfingstsonntag]

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