Lesen und Schreiben im Café

Ich arbeite zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich gut. Am einfachsten geht das gleich morgens nach dem Aufwachen – meistens so gegen 05:00 Uhr und noch im Dunkeln. Ein heißer Tee (Darjeeling First Flush mit einer Prise Earl Greys – von der Tee-Kampagne in Berlin) aus dem Samowar, der mich für drei bis vier Tage versorgt. Meistens fließen nach den ersten Schlucken Early Morning Tea die ersten Einfälle. Da ist der kreative Fluss noch nahe am Traum-Geschehen, oft auch direkt mit der Erinnerung an einen Traum verbunden. Die ersten Gedanken werden notiert (unterstützt von einem kleinen Lämpchen, wenn es noch dunkel ist).
Meistens beziehen sich solche Einfälle auf ein konkretes größeres Projekt. Aktuell ist das der neue Kurs „Kreatives Schreiben und Veröffentlichen“ für Breitenbrunn, zu dem ich erst noch das genaue Curriculum entwickeln muss – was aus der praktischen Umsetzung heraus geschieht. Dann muss ich noch einen seit langem zugesagten Artikel über „utopische Heft-Serien in den 1950er Jahren“ für die Jahresschrift TimeMachine fertigstellen, zu dem eigentlich schon alles notiert ist. Und danach geht es an die Collection meiner SF-Stories, die bereits einmal irgendwo irgendwann erschienen sind. Arbeitstitel: Zurück von den Sternen.
Anschließend Yoga, Duschen und Frühstücken. Es folgt Arbeit am PC: E-Mails und all der andere tägliche Kleinkram (fallweise Buchführung), Diktieren von längeren Textschnipseln mit der Dragon-Software und Abtippen kürzerer Passagen. Arbeit am Blog (wie jetzt eben). Et cetera. Et cetera.

Nachmittage im Lieblingscafé

Eine andere gute Zeit zum Schreiben und vor allem zum Überarbeiten von Texten ist der Nachmittag in einem meiner Lieblingscafés (ja, es gibt davon einige – zum Beispiel das Höflinger in der Schellingstraße bei der Uni, im früheren Antiquariat Hauser).

Der „Caféhaus-Literat“ war und ist ja eine ganz spezielle Variante des schreibenden Menschen. Dem kann ich mich gut zugehörig fühlen – obwohl das heute sicher nicht mehr so gemütlich ist wie in den angesagten Wiener Cafés der Belle Epoque oder im Café Größenwahn in München-Schwabing in den „wilden Zwanzigerjahren“. Heute dudelt meistens eine nervige Musik, deren öde Bass- und Drum-Linien von Computer generiert werden und eher stören. Ausnahme: Die sehr liebevoll zusammengestellten, sehr melodiösen Schlager-Potpourris, die im Rigoletto laufen, wo man so schön im Grünen sitzt und auch essens- und kuchenmäßig bestens versorgt wird und mit einem guten Cappuccino – für mich mit dem Fahrrad in zehn Minuten erreichbar.
Das Höflinger Schellingstraße (ehemals Antiquarat Hauser), in dem ich mich am Vortag mit meinem ältesten Sohn Gregor getroffen habe, befindet sich direkt bei der Uni und ist entsprechend vor allem von Studentinnen und Studenten geprägt, die mit Laptops vor sich hin arbeiten oder sich mit ihresgleichen austauschen – oder von Leuten wie mir, die hier gerne die ausliegende Süddeutsche lesen und gelegentlich eine Idee notieren oder einen Text redigieren (und sich gerne an das eigene Studium erinnern – das multiChronisch unglaublich weit zurückliegt und hier plötzlich wieder sehr gegenwärtig ist).

Abb. 3: Wird das Auto oder das Fahrrad die „Zukunftsfragen“ der ÖDP beantworten? Das Antiquariat Kitzinger verschwindet demnächst jedenfalls in der Vergangenheit – wie so viele Schwabinger Antiquariate (Archiv JvS)

Nachdem Lesen und Schreiben sehr prägnante Merkmale für Hochbegabung sind – gelingt mir auf diese Weise elegant wieder die Kurve zu dem Thema, über das ich jetzt eigentlich schreiben sollte – aber die aktuellen Fotos sind zu verlockend, mit denen ich diesen Beitrag garnieren kann.

Zentrales Lebensthema

Was das Thema „Hochbegabung“ angeht, so entpuppte sich das bei der Arbeit an diesem Blog zunehmend als mein zentrales Lebensthema – aufs Engste gekoppelt an die beiden anderen großen Themen „Schreiben“ und „Science-Fiction“ resp. „Zukunft“ und vielleicht im Untergrund miteinander verknüpft über das vergleichsweise neue Thema „MultiChronie“ (das etwa zum Jahresanfang 2021 wie ein Schachtelteufelchen plötzlich in mein Leben gepoppt ist und von dem ich immer noch nicht recht weiß, ob das nur ein „neuer Schlauch“ ist für einen „alten Wein“ oder etwas wirklich aufregend Neues.)
Das alles fühlt sich sehr inspirierend und aufregend an und so, als kündige sich da ein neuer Lebensabschnitt an, mein inzwischen fünfter.
(Fortsetzung im nächsten Beitrag: →li Hochbegabung als Lebensthema)

MultiChronalia

1950 startete ich in einem weiß lackierten Schrank im Vorraum der Wohnung in der Bahnhofstraße 15 in Rehau meine erste Bibliothek. Die beiden oben abgebildeten Antiquariate Hauser und Kitzinger habe ich früher oft frequentiert, als ich noch an keiner Buchhandlungen vorbeigehen konnte, ohne die Auslage zu studieren. Bücher kaufen war eine richtige Obsession, vor allem nach dem Umzug der Familie nach München im Jahr 1956 . Bis ich beim letzten Umzug 2011 von der geräumigen Wohnung in der Seestraße in die vergleichsweise kleine Wohnung in der Winzererstraße umzog und im Verlauf dieser Transaktion an die 3.000 Bücher loswerden musste. Einiges hat – wie früher schon – Kitzinger gekauft. Der Rest landete buchstäblich auf der Müllkippe, weil niemand diese Bücher haben wollte (meistens veraltete Sachbücher, Rezensionsexemplare und dergleichen – nicht schade darum).
Zwischen 1958, als mein erster Roman Männer gegen Raum und Zeit erschien, und 2005, als mit meiner Collection Blues für Fagott und zersägte Jungfrau mein bislang letztes Buch auf den Markt kam, habe ich mehr als dreißig Bücher geschrieben und veröffentlicht – eine kleine Bibliothek in sich. Dann nichts mehr. Was allerdings so nicht stimmt: Inzwischen blubbert es unaufhörlich aus dem Untergrund der GeistQuantenFluktuationen und wenn alles gut geht, werden daraus in den kommende Jahren mindestens fünf neue Bücher. Dazu sind allerdings noch viele Besuche im Café mit Lesen und Schreiben und gutem Cappuccino und Croissants und anderen Frühstücks-Leckereien nötig. Und genau zu so einem Event begebe ich mich jetzt, am 18. August 2021 um 13:00 Uhr, und bin gespannt, was die Zeitung außer den neuen Schrecken der Taliban in Afghanistan (Historische MultiChronie: bestenfalls Mittelalter mit Frauenfeindlichkeit und religiösen Wahnvorstellungen aus dem Altertum) und der Corona-Pandemie und dem Erdbeben auf Haiti sonst noch zu bieten hat.

#243 _ aut #1121 _ 2021-08-19/19:56 (2021-08-18/13:49)

Unser nächstes Seminar

Große Sommer-Schreibwerkstatt. 17. bis 22, September – noch drei Plätze frei.
Anmeldung → hier 

Lieferbare Bücher von Jürgen vom Scheidt – alle Paperback, teilweise auch E-Book

Kreatives Schreiben – HyperWriting (Sachbuch – Ratgeber). (Frankfurt am Main 1989_Fischer TB). München 2006-11 (Allitera Paperback). 215 Seiten – € 19,90 / ISBN 978-3-86520-210-9.
Kurzgeschichten schreiben (Sachbuch – Ratgeber). (Frankfurt am Main 1994_Fischer TB) München 2002-07 (Allitera). 91 Seiten. 9,90 €uro / ISBN 3-935877-57-9.
Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität (Sachbuch – Ratgeber). München März 2004 (Allitera) 176 Seiten – 18,00 €uro / ISBN 386520-043-5.
Blues für Fagott und Zersägte Jungfrau (Anthologie mit eigenen Geschichten). München 2005 (Allitera). 140 Seiten – € 12,90 / ISBN 3-86520-121-0.
Männer gegen Raum und Zeit (Roman – Leihbuchausgabe). Wuppertal-Barmen 1958 (Wieba). Überarb. Neuausgabe 2015 (vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 301 Seiten – 14,950 € / ISBN 978-3-9816951-2-0.  / Kindle-Ausgabe als E-Book: 2,99 €.
Sternvogel (Roman – Leihbuchausgabe). Minden 1962 (Bewin). Überarb. Neuausgabe 2017 (vss-verlag Schladt – Paperback und eBook). 190 Seiten – 9,00 € / ISBN 9 781 520 546032.

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