Murmeltier-Tage

Vielleicht kennen Sie diesen Film ja gar nicht: Und täglich grüßt das Murmeltier (oder im amerikanischen Original: Groundhog Day). Ich würde ihn vermutlich auch nicht kennen, wenn einer meiner Söhne mich vor geraumer Zeit nicht begeistert darauf hingewiesen hätte: „Musst du dir unbedingt anschauen – das interessiert dich als Psychologen bestimmt!“

Leider habe ich den Film im Kino 1993 doch verpasst. Aber es gibt ja DVD und Blu-ray. Ich habe ihn mir also besorgt – und inzwischen bereits zehn Mal angeschaut. Woran man erkennen kann, dass er mir gefällt – sehr sogar. Vielleicht renne ich offene Türen ein, wenn ich jetzt erkläre. dass es sich um eine Geschichte handelt, bei der jemand (ein arroganter, beziehungsgestörter Wettermoderator) in eine Zeitschleife gerät, die ihn immer wieder in denselben Tag aufwachen lässt. Morgens um 06:00 Uhr. Als Phil (sehr überzeugend gespielt von Bill Murray) seine fatale Situation am zweiten Tag erkennt, hadert er zunächst mit seiner neuen Situation, rebelliert dagegen, versucht durch Suizid zu entkommen, stellt allerhand Unsinn an (Bankraub inklusive) – und tut Gutes. Rettet Menschenleben. Lernt Klavierspielen (hinreißend gegen Schluss die Szene, als er bei einer öffentlichen Veranstaltung Boogie Woogie spielt). Erst baggert er seine Mitarbeiterin und Produzentin Rita (Andie MacDowell) sehr egoistisch an. Aber sie bringt ihm – Murmeltiertag für Murmeltiertag – allmählich bei, dass das so nicht funktioniert – dass er sich sehr ändern muss. Und das tut er – lernt es auf die harte Tour.

Langer Vorrede kurzer Sinn: Der Film wurde inzwischen mehrmals von anderen Drehbuchautoren und Regisseuren variiert und hat sich zu einem richtigen Kult-Plot entwickelt (s. Filmographie unten). Es gibt ihn als rasantes Science-Fiction-Kriegs-Abenteuer (mit Tom Cruise und Emily Blunt (Edge of Tomorrow), als deutschen Krimi in der Tatort-Reihe (Murot und das Murmeltier) und ganz neu als Mischung aus Fantasy und SciFi mit der zusätzlichen Variante, dass eine zweite Person, die verzweifelte, gescheiterte Alkoholikerin-Schwester der Braut diesen verrückten Hochzeits-Tag ebenfalls immer neu erlebt (Palm Springs). (Was der Regisseur leider am Schluss vergeigt, als er nur den männlichen Protagonisten der Zeitschleife entkommen lässt – was geschieht mit ihr?)

Diese Filme sind alle sehenswert, weil sie mit ihrem sehr tiefgründigen gemeinsamen Thema (etwa: Sinn in einem als sinnlos erscheinenden Leben entdecken) zusätzlich zur „leichten Hand“ des Unterhaltungsfilm-Drehbuchautors auch eine Portion Interesse an Psychologie und Philosophie verlangen.

Damit ist es in Source Code zunächst nicht weit her (ein Soldat soll das Attentat auf einen Zug in immer neuen Varianten verhindern). Doch als die Geschichte Fahrt aufnimmt und man schließlich begreift, was mit diesem tapferen Helden tatsächlich los ist (was ich hier natürlich nicht verrate), bekommt auch dieser Action-Thriller eine gehörige Portion metaphysischer Tiefe.

Wer aufgibt ist tot inszeniert ein deutschen Familien-Melodram – und macht dies auch recht geschickt.
Gewissermaßen als Urformat des Plots könnte man Lola rennt mit der hinreißenden Franka Potente in ihrer zweiten großen Rolle einordnen – auch wenn hier dieselbe Geschichte eines sehr konfliktreichen Berliner Alltags von Tom Tywker nur dreimal variiert wird.

Der Murmeltier-Tag war jedenfalls 1993 die Initialzündung dieser neuen Filmidee. Die tiefe Wahrheit, die er transportiert – und der sich ja jeder Mensch irgendwann stellen muss – heißt ja:

Jeden Tag mache ich im Grund dasselbe, steh auf, putz mir die Zähne, wasch mich, frühstücke, arbeite (oder geh zur Schule oder was auch immer) und fall am Abend müde ins Bett – um am nächsten Morgen in nahezu denselben Tagesablauf hinein wach zu werden – und wozu das Ganze?

Die Antwort des Original-Films von Rami wie seiner Adaptionen ist ganz klar: „Mach das Beste daraus – mit immer neuen kleinen Variationen, die ein wenig deine Welt und die Welt um dich herum verändern und, wenn es gut geht, sogar ein wenig verbessern.“
Im Grunde das altrömische „Carpe diem – genieße den Tag“ – wenngleich etwas moderner und praxistauglicher.

Deswegen liebe ich vor allem diesen Ur-Film Groundhog Day: Weil er mir diese Antwort immer wieder gibt – wenn ich sie mal vergesse. Ein gutes Mittel gegen Depressionen – durch Besinnlichkeit und Entschleunigung.

Beispiele aus dem Alltag von Jedermann und Jederfrau

° Die immer (fast) gleichen Sitzungen einer Psychoanalyse.
° Die sehr ähnlichen Sitzungen vor den Bildschirmen beim Schreiben dieses Blog.
° Das öde Lernen für die Schule – jeden Tag (fast) das selbe.
° Jeden Tag muss Mutter für die Familie einkaufen und kochen.
° Jeden Tag muss Vater in die Firma gehen und für die Familie malochen.
° Jeden Tag muss (ein anderer) Vater für die Familie einkaufen und kochen.
° Jeden Tag muss (eine andere) Mutter in die Firma gehen und für die Familie malochen.

° Jeden Tag müssen Sie – ja was denn?

(Im nächsten Beitrag können Sie eine Kurzgeschichte von mir zum selben Murmeltier-Plot lesen: Was murmelt hier?
Vielleicht gefällt Sie ihnen. Aber schauen Sie sich den einen oder anderen dieser Filme trotzdem an.)

Begleitmusik
Ich könnte die im Ur-Murmeltiertag gespielte Musik nennen, vor allem den Boogie Woogie, den Bill Murray alias Phil zum Besten gibt – ganz wunderbar mitreißend. Aber aktuell ist es ein Konzert von Alicia Keys, das sie in der Sylvesternacht 20020-/21 in Los Angeles gab. Ich sah es zufällig dieser Tage auf ARTE-TV um Mitternacht. War erst begeistert von dieser Musikerin, ließ mich von ihrer guten Laune mitziehen, die sie versprüht – bis ich nach fünf Songs enttäuscht abschaltete. Corona-Zeiten hin und Maskenpflicht samt Abstandhalten her – so oberflächlich muss gute Unterhaltungsmusik nicht daherkommen. Das war weichgespülte Langeweile für ein Weltpublikum.
Dabei kommt diese Frau doch aus der R´n´B-Ecke! Wenn ich das vergleiche mit den Rockröhren der 1950er und 1960er Jahre, fällt sie gegen diese doch gewaltig ab: Ruth Brown, LaVern Baker, Aretha Franklin – oder die Jazz-Sängerin Dakota Staton, die bei dem legendären Newport Jazz-Festival 1958 so sophisticated „Sweet Georgia Brown“ und „All of me“ gesungen hat (enthalten in der Film-Doku Jazz an einem Sommerabend).
Alicia Keys ist zwar fraglos ein toller „Hingucker“, sehr sexy und eine wunderbare Entertainerin und klasse Sängerin – aber ihre Musik kannst du vergessen. Sagen mir meine Ohren jedenfalls.


Quellen
Murmeltier-Varianten
Barbakow, Max (Regie): Palm Springs. USA 2020.
Jones, Duncan (Regie): Source Code. USA 2010.
Liman, Doug (Regie): Edge of Tomorrow: Live Die Repeat. USA 2014.
Ramis, Harold (Regie): Und täglich grüßt das Murmeltier (Groundhog Day). USA 1993 (Columbia).
Tykwer, Tom (Regie): Lola rennt. Deutschland 1998 (Creative Pool).
Wagner, Stephan (Regie): Wer aufgibt ist tot. Deutschland 2016.
Zeitungsartikel
Hildebrand, Kathleen: „Die Faszination der Zeitschleife“. In: SZ #127 vom 07. Jun 2021, S. 11 (Feuilleton).
Musik
Keys, Alicia: Live in LA Sylvester 2020/2021. (BBC) – ARTE TV am 16. Juli 2021 um Mitternacht.
Stern, Bert (Regie): Jazz on a Summer´s Day. USA 1959. (Deutsche Fassung: Jazz an einem Sommerabend).

aut # 1090 _ 2021-07-16/18:39

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