Bücher Schutzumschläge Klappentexte

In der Urzeit des Buchgewerbes bestand die Standardausgabe eines Werkes aus
° dem eigentlichen Buch (in der Regel als Hardcover mit Ganzleinen auf holzfreiem Papier oder – in der edleren und somit teureren Ausgabe – mit Ledereinband – oder – noch edler – auf handgeschöpftem Bütten gedruckt und handnummeriert)
° und einem farbigen Schutzumschlag.
So war es zumindest in Deutschland. Französische Bücher hatten in der Regel noch keinen festen Umschlag, und mussten erst mühsam „aufgeschnitten“ und gebunden werden; doch das entdeckte ich erst später.
Und „Urzeit“ heißt: Im ersten Jahrzehnt meines eigenen Lebens, also 1940-1950, habe ich das in meiner geliebten Buchhandlung „Marie Kolb“ so erlebt, für die ich als Achtjähriger Knirps Zeitungen auszutragen begann und es nach getaner „Kinderarbeit“ (natürlich nach der Schulzeit) ungemein genoss, in einer Ecke des Ladens in einem der zum Verkauf stehenden Bücher zu schmökern.
Neben diesen „normalen“ Büchern gab es noch die sogenannten Leihbücher. Sie gab es auch in der erwähnten Form als Hardcover mit Schutzumschlag, die man käuflich erwerben konnte (zum Beispiel als Belegexemplare für den Autor oder einige Sammler). Aber weit wichtiger war eine Spezialausgabe ohne beweglichen Schutzumschlag; dieser war vielmehr vorne und hinten fest auf den Buchdeckel gedruckt, der nicht aus mehr oder minder edlem Leinen bestand oder gar aus Schweinsleder, sondern aus schnöder dicker Pappe. Noch wichtiger war ein Schutzüberzug des Umschlags aus Kunststoff, Supronyl genannt – wichtig deshalb, weil diese Bücher gut ein Dutzend mal und mehr den Leser wechselten und am Ende dieser langen Reise möglichst auch noch verkauft werden sollten.
Hier der Schutzumschlag meines ersten Buches:

Bei der Supronyl-Ausgabe entfielen die (ausklappbaren) schmalen Flügeltexte, dementsprechend als Klappentext bezeichnet. Wie oben zu sehen, war rechts eine Inhaltsangabe des Werks abgedruckt und links in der Regel ein Foto des Autors samt Vita.

Der Autor dieses Romans, also ich, war ein siebzehnjähriger (beim Schreiben) bzw. achtzehnjähriger (bei Erscheinen) Schüler, der noch keinen Lebenslauf aufzuweisen hatte – welche Tatsache die Leser des Buches nicht unbedingt kennen sollten. Deshalb fehlt die Vita – sie wurde durch die Werbung für ein anderes Buch ersetzt. Dieses stammte (Zufall oder Absicht?) von meinem damaligen Agenten Wolf Detlef Rohr.
Ob dessen Todesstrahlen besser waren als meine Männer kann ich im Nachhinein nicht beurteilen. Ich bezweifle es, denn Rohr war ein routinierter Dutzendschreiber, der so ziemlich jeden Monat so eine Schwarte in seine Schreibmaschine hämmerte. Ich weiß nur noch, dass meine Lesehunger, speziell in Sachen Science-Fiction, so groß war, dass ich jeden Roman dieses Genres nur zu gern verschlungen habe und dass ich auch noch nicht das kritische Werkzeug zur Beurteilung der „literarischen“ Qualität hatte; das wuchs mir erst später allmählich zu.

Aber solche Überlegungen waren 1957/58 für mich ohnehin unerheblich – mir ging es darum, endlich auch ein eigenes Werk gedruckt im Schrank zu stehen haben. Immerhin gab mir damals Lothar Heinecke, der so etwas wie ein älterer Mentor für mich wurde, so manchen guten Lese-Tipp (qualitativ gute SF-Autoren wie Robert Heinlein und Alfred Bester sowie „normale“ Literatur von angesagten Größen wie Ernest Hemingway und Albert Camus), was sicher meine literarischen Ansprüche steigerte und bestimmt auch meinem zweiten Roman Sternvogel zugute kam.

Der Vollständigkeit halber sei hier noch aus dem „Innenleben“ meiner Männer das Signet der Leihbücherei abgedruckt, das später über Amazon secondhand in meinen Besitz kam. Dokumentiert ist damit zum einen der offizielle Verkaufspreis: 6,80 Deutsche Mark (das war verglichen mit anderen Büchern angemessen). Aber weit wichtiger war die Zahl der Ausleihen: bei Neuerscheinungen 40 Pfennige für eine Leihwoche, dann 30 Pfennige und – für geduldig wartende Leser* am Ende der Schlange – 20 Pfennige.

* Gendern muss man das wohl nicht: Science-Fiction wurde damals ganz sicher nur von Männern und Buben gelesen – Frauen und Mädchen lasen Liebesromane. (Das dürfte, mit wenigen Ausnahmen, heute nicht viel anders sein, zumindest was die technikbetonte SF angeht – oder?)

Solche „Leihbücher“, die man nur in speziellen „Leihbüchereien“ bekam, waren eine typische Erscheinung der Nachkriegszeit mit ihrem Hunger nach erschwinglicher Literatur. Ihr Ende kam Ende der 1940er Jahre, als der Rowohlt-Verlag erst seine billigen „Rotationsromane“ im Zeitungsformat auf den Markt brachte und dann mit dem aus Amerika importierten Taschenbuch-Format Furore machte. Interessanterweise war eine der ersten Ausgabe von „RoRoRo“ ein Zukunftsroman: Die Zeitmaschine von Herbert George Wells. Sie hat heute noch einen Ehrenplatz in meiner Bibliothek – nicht als (deutsche) Erstausgabe von 1951, aber immerhin aus der Folgeauflage (51. bis 63. Tausend) von Oktober 1956.

Gewissermaßen der „kleine Bruder“ des Leihbuchromans waren die Heftromane – gerne auch als „Schundheftchen“ bezeichnet. Es gab sie mit Originalausgaben und als Zweitverwertung von Leihbüchern. Damit war das Ende der „Wertschöpfungskette“ noch keineswegs erreicht. Für meinen zweiten Roman Sternvogel sei dies dokumentiert mit der dritten Ausgabe als Taschenbuch (mit anderem Titel und unter Pseudonym „Thomas Landfinder“). Dazu gesellte sich 2017 eine Neuausgabe als Paperback plus – ganz up to date – als paralleles E-Book:

Wer sich mehr für diese ganz spezielle Schmuddelecke der Leihbücher und Heftromane interessiert, dem empfehle ich die Bücher von Heinz Jürgen Galle und Jörg Weigand:

Quellen
Galle, Heinz J.: Groschenhefte. Frankfurt am Main _ Berlin 1988 (Ullstein TB).
ders.: Wie die Science Fiction Deutschland eroberte. Lüneburg 2008 (Dieter von Reeken).
Weigand, Jörg: Abenteuer Unterhaltung. Lüneburg 2018 (Dieter von Reeken).
ders.: Träume auf dickem Papier: Das Leihbuch nach 1945 – ein Stück Buchgeschichte. Bonn 2018 (Nomos).
ders.: Die Autoren der utopisch-phantastischen Leihbücher. Lüneburg 2020 (Dieter von Reeken).

aut # 1081 _ 2021-07-02/20:55

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