Zeittafeln erschließen Wissensgebiete

2004 habe ich als Ergänzung zu meinem Sachbuch Das Drama der Hochbegabten eine separate → Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität verfasst, weil sich herausstellte, dass die Zeittafel im Anhang des Drama… viel zu umfangreich wurde und den Rahmen eines solches Überblicks total gesprengt hätte.
Es zeigte sich dann, dass eine solche Zeittafel nicht nur ein höchst effektives Werkzeug ist, um die Entwicklung eines Themas („Hochbegabung“) aufzuzeigen – sondern zugleich eine wunderbar einfache Methode ist, sich ein ganzes Lehrfach anhand seiner Entwicklungsgeschichte zu erarbeiten, zum Beispiel bei einem Studium.

Schreib-Tipp (speziell für Studenten):
Das Beste ist, sich eine Word-Datei anzulegen, in der man alle wichtigen Details (Ereignisse) erfasst. Ich nenne diese Details „Zeitanker“. Noch wesentlich effektiver wird das, wenn man eine Datenbank verwendet. Das ist aber auch entsprechend zeitaufwändiger. Für ein Studium über mehrere Jahre hinweg lohnt sich das allemal. Wesentlich ist dabei, die Eintragungen selbst vorzunehmen – weil das den Lerneffekt erhöht.

Wenn ich beispielsweise Chemie studiere, ist es nicht nur interessant, zu begreifen, dass die Anfänge der Chemie in primitiven Zufalls-Experimenten mit Feuer, Metallen, Glas und dergleichen oder in einer viele Jahrhunderte lang höchst ernsthaft betriebenen Alchiemie wurzeln, sondern auch interessante Schicksale und Lebensläufe von Menschen beinhalten, die sich speziellen Aspekten der Chemie gewidmet haben: der Gaslehre, den Giften, den Rauschdrogen, der Zerlegung (Analyse) und Synthese solcher Verbindungen, der Entwicklung eines „Perdiodensystems der Elemente“ (Mendelejew), der Querverbindungen zur Physik (Atomlehre) und zur Biologie (Stoffwechsel) –
Zu sehen, wie historisch das eine zum anderen führte, lässt Zusammenhänge viel besser verstehen und vor allem merken (also im Lerngedächtnis für Prüfungen zuverlässig verankern) als nur logische Strukturen und mathematische Gleichungen zu büffeln, wie sie in Lehrbüchern zelebriert werden.
Aus diesem Grund sind auch Sachbücher viel interessanter – weil sie Geschichten erzählen. Eine Zeittafel erzählt gewissermaßen die „ganz große Geschichte“ eines Themas. Das wurde mir erstmals bewusst, als ich mich 1965 auf die Diplomhauptprüfung in Psychologie vorbereitete (entspricht heute dem Master) und dabei auf die Geschichte der Psychologie von Hehlmann stieß. Das war wie eine Offenbarung: Zu sehen, wie ein Gedanke und ein Thema aus dem anderen hervorgeht, weitere Ideen initiiert und befruchtet, wie bekannte Namen Querverbindungen herstellen, wie „Schulen“ ganze Epochen einer Wissenschaft bestimmen, sie stimulieren – aber irgendwann auch hemmen, vor allem in den Geisteswissenschaften (zu denen ja die Psychologie zu einem Gutteil zählt).

Bei der Arbeit im Drama der Hochbegabten entdeckte ich, dass es erstaunlich wenige Zeittafeln gibt, mit denen man sich beispielsweise ein Studium organisieren kann. Umso mehr Freude macht es mir, das Thema „Hochbegabung“ auf diese Weise selbst zu erforschen und chronologisch zu erschließen (wobei sich „Intelligenz“ und Kreativität“ als naheliegende Neben-Fächer aufdrängten).

Zum ersten Mal habe ich eine ausführliche Zeittafel in dem mit Wolfgang Schmidbauer publizierten Handbuch der Rauschdrogen eingefügt – welches diesen am Schluss 800 Seiten dicken Wälzer zusätzlich zur alphabetischen Folge der Drogen und vernetzenden Übersichts-Artikeln auch chronologisch erschloss.
Das Große Buch der Träume bekam dann ebenfalls eine entsprechende Zeittafel (die bei den kürzeren Neuausgaben mit dem Titel Geheimnis der Träume leider wegfallen musste).
Auf ähnliche Weise ging ich bei meiner Buch Kreatives Schreiben – Hyperwriting vor – das ja auch eine „Zeittafel zur Geschichte des Schreibens“ enthält.
Dass man sogar einen Roman auf diese Weise höchst effektiv organisieren und strukturieren kann, entdeckte ich dann bei der Arbeit an meinem glü-Roman. (Zeittafel und Making-Of dazu werde ich parallel publizieren, sobald der Roman fertig und vor allem erschienen ist.)

MultiChronalia
Im Grunde ist so eine Zeittafel auch das perfekte Hilfsmittel für die Erarbeitung der MultiChronie – sei es innerhalb des eigenen Lebens – sei es in einem Forschungsgebiet. Auf diesen Beitrag hier und das Thema „Zeittafeln“ angewendet:
Ich weiß nicht mehr, wann ich das erste Mal einer Zeittafel begegnet bin- das könnte gut in dem fünfbändigen Werk Weltall und Menschheit gewesen sein, das ich Anfang der 1950er Jahre in der Bibliothek meines Großvaters entdeckt habe und fasziniert zu studieren begann. Gut möglich – und sehr wahrscheinlich – dass ich so etwas in einem meiner Schulbücher entdeckt habe. Auf jeden Fall weiß ich, dass mich so ab zwölf das Lehrfach Geschichte zu fesseln begann (das ja im Grunde die „Chronologie der Menschheit“ darstellt). Jede Menge Zeittafeln (zur Geschichte Mesopotamiens und der Maja etc.) finden sich im Anhang von Cerams Götter Gräber und Gelehrte, das ich um 1952 zu lesen begann und das heute noch einen Ehrenplatz in meiner Bibliothek hat.
Keine Zeittafel findet sich in Bürgels Aus fernen Welten, das ich etwa zur selben Zeit zu lesen begann. Das ganze Buch ist zwar so etwas wie ein geschichtlicher Abriss der Astronomie – aber eine eigene Zeittafel, in der die wesentlichen Details noch ein mal komprimiert zusammengefasst werden, hätte dem Buch sicher nicht geschadet.
Heute würde ich sogar so weit gehen zu sagen, dass ein Sachbuch oder Lehrbuch ohne Zeittafel einen gravierenden Mangel aufweist, und ich würde dies in einer Rezension kritisch vermerken.
Meine erste eigene Zeittafel fertigte ich dann, wie oben schon vermerkt, 1971 für das Handbuch der Rauschdrogen an.

2004 habe ich parallel zum Sachbuch Das Drama der Hochbegabten die Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz… entwickelt. Letzteres ist aber weit mehr als die bloße Chronologie – denn ich habe mir darin, gewissermaßen auf einer Meta-Ebene, Gedanken über die mögliche Rolle von Zeittafeln für das Lernen in der Schule und im Studium etc. gemacht, wie das bei einem Stammbaum und in der Ahnenforschung aussieht und anderes mehr. Heute würde ich so weit gehen zu sagen, dass „zeittafeln“ sogar als als eigenes Verb eingeführt werden sollte, um die Tätigkeiten zu bezeichnen, die mit dem Anlegen einer Zeittafel und ihren vielfältigen Funktionen verbunden sind. Vielleicht findet das ja irgendwann sogar seinen Weg in den Duden und in die Wikipedia – so wie es mit der → Entschleunigung war.

2012 habe ich, als die ersten Einfälle zu tröpfeln begannen, eine eigene Datenbank für das Material zu meinem glü-Roman-Projekt angelegt. Darin sind zwei Zeittafeln integriert, die eigentlich nichts mit einander zu tun haben (obwohl es Überschneidungen gibt):
° die Entstehungsgeschichte des Projekts und seine Entwicklung (im Grunde das „Making of“ so eines Vorhabens)
° und die Chronologie der Geschehnisse, die ich erzähle.

Aktuell (2021) bin ich ja sehr mit diesem Blog beschäftigt. Der ist ja eine chronologische Abfolge von Beiträgen. Aber da meine Einfälle und somit die Texte in der Zeit ziemlich willkürlich hin- und herspringen, den Freien Assoziationen, Erinnerungen und Anregungen von außen (wie etwa in Zeitungsartikeln) folgend – ist das ja im Ergebnis alles andere als eine echte Zeittafel. In der Autobiographie, die demnächst (2022?) aus diesem Blog resultieren soll, wird es natürlich im Anhang eine Zeittafel. Die ergibt sich ganz leicht anhand der Datenbank, in der ich diesen Blog verwalte, denn dort ist jeder Eintrag nach mehreren Kriterien verbucht:
° Mit dem aktuellen Datum des Eintrags.
° Mit dem historischen Datum – also dem realen Datum des Ereignisses (das ja selten identisch ist mit dem Datum des Eintrags im Blog).
°Alphabetisch (nach Schlagworten) – ähnlich wie bei der Kategorien-Wolke, die diesen Blog vernetzt, aber in der Datenbank sehr viel gezielter zu durchsuchen – zum Beispiel nach allen Beiträgen, die von „Musik“ handeln“.
° Zusätzlich kann ich in der Datenbank noch nach Personen und Schauplätzen und anderen Details suchen – die in ihrer Fülle die Kategorien-Wolke des Blogs total überfrachten würden.

Quellen
Bürgel, Bruno H.: Aus fernen Welten. Berlin 1952 (Deutscher Verlag_Ullstein).
Ceram, C.W.: Götter Gräber und Gelehrte – Roman der Archäologie. (1949) . Hamburg 1951 (Rowohlt).
Hehlmann, Wilhelm: Geschichte der Psychologie. Stuttgart 1965/4. Aufl. (Kröner).
Scheidt, Jürgen vom: Das Große Buch der Träume. München 1985 (Heyne TB).
ders.: Kreatives Schreiben – HyperWriting. (Frankfurt am Main 1989_Fischer TB). München 2006-11 (Allitera Paperback). 215 Seiten – € 19,90 / ISBN 978-3-86520-210-9.
ders.: Das Drama der Hochbegabten. München. Feb 2004 (Kösel) ISBN 3-466-30635-3/ 360 Seiten.
ders.: Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Hochbegabung und Kreativität. München März 2004 (Allitera) 176 Seiten – 18,00 €uro / ISBN 386520-043-5.
Schmidbauer, Wolfgang und Jürgen vom Scheidt: Handbuch der Rauschdrogen. (München 1971 _ Nymphenburger). 11. Aufl. München 2004.

aut #1034 _ 2021-06-11 / 12:26

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: