Narzissmus

Die Psychoanalyse lässt sich auf den Punkt bringen durch die Annahme einer Trias von sehr wenigen Triebkräften, welche das Leben der Menschen wie eine lebenslange Aufgabe bestimmen und entsprechend antreiben:

° die Sexualität;
° die Aggression (extrem: und als Konzept sehr umstritten, in Gestalt eines „Todestriebs“, wie Freud das nannte);
° und der Narzissmus (welchen man sich von der Genese her als den ursprünglichen Trieb vorstellen muss).

Für Sigmund Freud, der so viel von der menschlichen Seele verstanden und erforscht hat, war der „Narzissmus“ noch etwas sehr Bedenkliches, ja Gefährliches. Und für das Extrem – den in sich selbst verliebten Narziss im antiken Mythos der Griechen – trifft das ja auch zu. Man kann dies studieren bei Menschen, die an Extremformen des Selbstzweifels und entsprechenden Irrwegen der Selbstvergewisserung leiden. Die sich zum Beispiel masochistisch selbst quälen, um sich besser „zu spüren“ – oder die sadistisch andere Menschen verletzen, gar töten, um im Augenblick des Triumphs über den Anderen sich selbst etwas deutlicher zu wahrzunehmen.

Es war ein Schüler von Sigmund Freud, Heinz Kohut, der entdeckte, dass man den Narzissmus auch anders betrachten kann: als eine Art ursprünglicher Lebenskraft, die bereits vor der Entwicklung der Aggressivität und der Sexualität dafür sorgt, dass man überlebt – also vom Moment der Geburt an, wenn man die symbiotische Beziehung mit der Mutter im Uterus verlässt und ein eigenständiges Lebewesen wird. Insofern war Kohut optimistischer als der doch (wenn auch aus guten Gründen) recht pessimistische Freud.

Vieles beim Narzissmus ist kulturell bestimmt und überformt: Was bei einem Mädchen oder einer Frau als selbstverständlich akzeptiert wird – dass sie sich pflegt und schmückt und dafür viel Zeit und Geld und seelische Energie aufwendet – wird bei einem Jungen oder Mann eher kritisch beäugt, gar als „weibisch“ diskriminiert. Da haben sich die Maßstäbe zwar seit einigen Jahrzehnten ein wenig verschoben – und in anderen Kulturen oder Subkulturen gelten auch andere Regeln und Maßstäbe – etwa was „männliche Düfte“ oder Schmuck angeht. Aber im Großen und Ganzen kommt die weibliche Hälfte der Menschheit damit besser zurecht. Was ein recht deutlicher Beweis dafür ist, dass „Narzissmus“ nicht zuletzt eine kulturell geformte Angelegenheit ist und es „den Narzissmus“ in Reinform gar nicht gibt.

Abb. 1: Auch Männer betrachten gerne ihr Selfie und sind wie Frauen immer wieder auf der (narzisstischen) Suche nach sich selbst (Photo by cottonbro on Pexels.com)

Im Grunde geht es beim Narzissmus, positiv verstanden, um die Selbstvergewisserung – denn wir haben immer wieder einmal Zweifel an uns selbst und fragen: „Wer bin ich?“

Vor allem beim Übergang in einen neuen Lebensabschnitt, etwa von der Kindheit ins Jugendalter und von dieser Jugend in den Zustand (eigentlich: den permanenten Entwicklungsprozess) des Erwachsenenalters – aber auch in tiefgreifenden Lebenskrisen fragen wir uns das zwangsläufig:

„Wer bin ich wirklich?“

Das fragt sich auch Truman Burbank, dem in seinem dreißigsten Lebensjahr zu dämmern beginnt, dass „sein“ Leben in Wahrheit eine einzige Werbeshow ist – mit ihm als Hauptfigur – inszeniert von einem gottgleich über allem schwebenden Regisseur. Der Film ist sehr überzeugend und kann einen Zuschauer sehr zum Grübeln bringen – wie es etwa mir erging, als ich mich beim Verlassen des Kinos plötzlich bei dem Gedanken ertappte: Was wäre – wenn auch ich nur die Figur in einer solchen Inszenierung bin?

Was hinter den Religionen steckt

Das ist natürlich eine Denke, die letztlich hinter jeder Religion steckt, die an einen allmächtigen Gott glaubt, der einen angeblich ständig beobachtet und belauert: Ob man auch ja alle Gebote genau befolgt und vor allem an IHN glaubt. Speziell die orthodoxen Juden sind gefesselt von unzähligen Verboten religiöser Art. Aber das gilt für alle „orthodoxen“ Glaubenssysteme, eben auch für die evangelikalen Christen und die Islamisten. Aber das sind nur die besonders extremen Varianten eines Systems der Selbstkontrolle, die jeder religiösen Gemeinschaft zugrunde liegt – wobei natürlich ganz wichtig die wechselseitige soziale Kontrolle aller Angehörigen dieser jeweiligen Gemeinschaft ist.

Wie man bei genauerem Hinschauen – und Vergleichen – allmählich merken kann, ist das alles doch sehr relativ. Ich hatte das Glück, als Angehöriger einer evangelisch-lutherischen Gemeinschaft im oberfränkischen Rehau zumindest von den Fegefeuer- und Höllenphantasien verschont zu werden, von denen Martin Luther seine Gefolgschaft durch seine Rebellion gegen den Katholizismus befreit hat. Aber seine eigene lebenslange Suche nach einem „Gnädigen Gott“ hat bei Luther noch genug Züge selbstquälerischer Zweifel, die e(nicht nur ihn) vor die Aufgabe stellten, sich auch davon frei zu machen. Luthers Lösung dieses Dilemmas – sein „Glaube an und seine Hoffnung auf einen „Gnädigen Gott“ – hat das Dilemma letztlich nur in eine andere Dimension verlagert. Die Zweifel hat ihm das nicht genommen, möglicherweise manches – vieles – gar alles „falsch“ zu machen. Denn was „DER dort oben in den Wolken“ wirklich denkt, wird man in so einem Glaubenssystem ja nie erfahren. Erst beim „Jüngsten Gericht“ wird einem beim Donnern der himmlischen Posaunen die Rechnung präsentiert. Nach meiner Erkenntnis eine höchst perfide Angelegenheit, an er sich unzählige Theologen abgearbeitet haben.

Mir hat bei alledem irgendwann während des Studiums der Psychologie (und vor allem im Verlauf einer langen Psychoanalyse*) die Erkenntnis geholfen, dass so ein Gott ja eine Menge Zeit damit verbringen müsste, ständig seine Schäfchen zu überwachen und zu kontrollieren und dass ER (SIE? ES?) vielleicht Besseres zu tun haben könnte, als mich und meine Gedanken wie eine allwissende himmlische Kamera zu beobachten ()wie im Film Die Truman Show). Da mich bis heute kein „strafender Blitz“ getroffen hat, bin ich mir immer sicherer, dass ER (SIE? ES?) wohl wirklich Anderes und Wichtigeres zu tun haben könnte – wenn es IHN SIE ES überhaupt geben sollte.

* Bei der Beerdigung meins Psychoanalytikers habe ich erfahren, dass er offenbar ein gläubiger Katholik war. Aber ich fühlte mich diesbezüglich nie von ihm irgendwie beeinflusst – wie man an meinen hier im Beitrag geäußerten Gedanken ja deutlich sehen kann.

Wahrscheinlich sitzt ER SIE ES irgendwo über den Wolken –
Quatsch, wozu habe ich denn so viele Jahre Science-Fiction gelesen und geschrieben: Wenn schon, dann befindet sich und handelt ER SIE ES irgendwo draußen im Universum in einer fernen Milchstraße – oder genießt das rasende Sich-Drehen eines Schwarzen Loches, auf dessen anderer Seite gerader ein Weißes Loch von ihm kreiert wird, aus dem ERSIEES ein neues Universum schafft, samt Urknall, den ERSIEES unglaublich genießt –

Aber dieses Phantom wird ganz bestimmt eines nicht tun: Mich wie ein Entomologe einen eben gefundenen Käfer unter dem Mikroskop beobachten.

Egal, was wie wann wo – Ich komme ganz gut „ohne“ zurecht. Und mit meinen gelegentlichen Selbstzweifeln musste ich während meines ganzen Lebens ohnehin immer selbst fertig werden. Da kam nie „Hilfe von oben“ – da war nie ein „Regisseur“ wie in Truman Burbanks endloser Werbe-Show. Was mir während dieses lebenslangen kreativen Prozesses der Selbstvergewisserung beim Abbauen und Aufarbeiten immer wieder auftretender massiver Zweifel stets geholfen hat, um auch aus den tiefsten existenziellen „schwarzen Löchern“ wieder herauszukriechen, war das Schreiben – war dieser schöpferische Akt, bei dem man selbst wie ein Gott die Welt immer wieder neu betrachtet und gestaltet.

Auch dieser Blog ist letztlich nichts anderes als so ein umfassender Prozess der Selbstvergewisserung, wie er spätestens gegen Ende des Lebens jedem Menschen gut tun würde. Aber auch hierbei gilt die dreifache Devise:

° „Früh übt sich, was ein Meister werden will“,
° „Üben üben üben“ und
° man kann es nicht „falsch machen“ – nur „es nicht zu tun“ wird sich rächen.

Und dann ist da außer dem persönlichen Ego-Tripp…

… noch das Wechselspiel des Zusammenlebens mit anderen Menschen und das empathische Aufeinander-Eingehen und Aufeinander–Zugehen. Doch das ist eine andere Geschichte, die wird in diesem Blog immer wieder behandelt und beschrieben – vor allem bei den unzähligen Begegnungen wie mit meinem Mentor Lothar Heinecke oder mit meiner Urgroßmutter Anna Naumann, um nur zwei Beispiele von Tausenden zu nennen.

Abb. 2: Dieser Film ist so ziemlich das genaue Gegenteil von „Narzissmus“: Der Held des Films entdeckt erst als Dreißigjähriger, dass sein Bild von sich selbst eine von einem Regisseur ersonnene und gesteuerte Illusion ist und macht sich auf die Suche nach seinem „Wahren Ich“. (Paramount Pictures)

Quellen
Freud, Sigmund: „Zur Einführung des Narzissmus“ (1914).
Kohut, Heinz: Narzißmus: Eine Theorie der psychoanalytischen Behandlung narzißtischer Persönlichkeitsstörungen. (USA 1971) Frankfurt am Main (Suhrkamp).
ders.: Die Heilung des Selbst. (USA 1977) Frankfurt am Main 1979 (Suhrkamp).
Weir, Peter (Regie): Die Truman Show. . USA 1998 (Paramount).

aut #1001 _ 2021-05-23/21:19

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