1990 hatte ich bei der Vorstellung eines Buches über „500 Jahre Thurn und Taxis“ (Behringer) die Gelegenheit, in Schloss Emmeram in Regensburg dem damals noch lebenden Fürsten Johannes eine Frage zu stellen, die mich angesichts der langen Existenz dieser Dynastie (und zugleich Firma) beschäftigte:
„Wie lange müssen Sie bei Ihren wirtschaftlichen Plänen vorausdenken?“
Die Antwort kam prompt: „Fünfzig Jahre“.
Das entspricht ziemlich genau zwei Generationen. Daran erinnerte ich mich, als 1996 das hier zu erwähnende Buch über die Kondratieff-Zyklen in der Süddeutschen Zeitung vorgestellt wurde. Vertraut mit Isaac Asimovs Spekulationen in seinem Science-Fiction-Epos über die Foundation (bei der es allerdings um eine Zukunft von vielen Jahrtausenden geht), besorgte ich mir das Buch von Leo A. Nefiodow. Und dabei blieb es. Ich kam einfach nicht dazu, das Buch zu lesen – „stolperte“ aber immer wieder mal darüber, bildlich gesprochen. Zum Beispiel als Erik Händeler es 2013 im Wirtschaftsteil der SZ erwähnte.

Abb.1: Was wird der nächste (sechste) Kondratieff-Zyklus sein? Ausschnitt aus dem Buch-Cover (s. unten)
Als in diesem Frühjahr 2023 der Hype um das Thema „Künstliche Intelligenz“ begann, war es, als würde das mit diesen „Kondratieff-Zyklen“ da irgendwie dazu passen. Aber wo war das Buch? Es war verschwunden. Schade. Dachte ich.
Bis es irgendwann „klick“ machte und mir einfiel: In meinen Bücherregalen habe ich doch eine Ecke reserviert für Bücher, die mich sehr interessieren – aber für die einfach die Zeit noch nicht reif ist. Genau dort, in der Diele der Wohnung, fand ich dann den Sechsten Kondratieff. Und las ihn endlich, fast ein einem Rutsch und zunehmend fasziniert von seinem Inhalt.
Der Wirtschaftsforscher Nefiodow, Spezialist für diese „Langen Wellen“ der wirtschaftlichen Entwicklung, stellt zunächst die ersten fünf dieser Zyklen vor (s. oben Grafik aus dem Buch), mit der „Informationstechnik“ als Zyklus Nr. 5, in dem wir uns bei Erscheinen des Buches (1996) noch sehr deutlich mittendrin befanden. Aber wie hat sich das weiterentwickelt? Sind wir aktuell tatsachlich mit dem „sechsen Kondratieff“ jetzt in den Auswirkungen der Basisinnovation „Psychosoziale Gesundheit“?
Weit gefehlt!
Leider hat dieses Werk, wie so viele Sachbücher, weder Register noch Zeittafel, was das Recherchieren sehr erschwert. Um den kurzen Abschnitt über das „Internet“ zu finden (S. 25 – Stand 1996, wohlgemerkt), musste ich wirklich alles lesen. Das tat ich zwar gern, weil es sich um ein äußerst spannendes Thema handelt; aber es wäre schon hilfreich gewesen, mal gezielt nach einigen Themen zu fahnden. Jedenfalls hat Nefiodow zum Thema „Internet“ nichts weiter zu bemerken, als dass es wichtig für die Vernetzung in der Informationswelt ist. Aber welche ungeheure Brisanz das World Wide Web durch
° das Aufkommen der Sozialen Medien (Twitter, Facebook etc.) bekommen hat – wie ein Manipulator vom Schlag eines Donald Trump in den USA oder – brandaktuell – Wladimir Putin in Russland auf äußerst negative Weise sichtbar gemacht hat,
° oder wie im Gefolge der Corona-Pandemie der Online-Handel noch viel wichtiger geworden ist,
° oder welche unglaublich intensive Bedeutung durch Apples bahnbrechende Erfindung des I-Phone (vorgestellt 2007) die Smartphone-Geräte als „eierlegende Wollmilchsau“ für große Teile der Menschheit bekommen würde –
– all dies würde ich heute, also 27 Jahre (eine Generation!) nach Nefiodows Buch als „Globale digitale Vernetzung“ bezeichnen und mit dem prognostizierten „Sechsten Kondratieff“ gleichsetzen.
Was jedoch die von ihm favorisierte Bedeutung der „Psychosozialen Gesundheit“ als nächster Basisinnovation angeht, so sind wir davon ganz offensichtlich noch sehr weit entfernt, auch wenn die Anzeichen dafür an allen Ecken und Enden sichtbar werden – wenn man die Augen und Ohren und den Verstand entsprechend offen hat dafür. Aber die zunehmende Polarisierung und Brutalisierung in den Medien sieht eher nach etwas anderem aus.
Und was ist mit dem aktuellen Hype um „Künstliche Intelligenz“ und vor allem um „Künstliche Kreativität“, wie sie Algorythmen vom Schlage der Chat GPT versprechen?
Im Jahr 2035 werde es keinen Job mehr geben, der nichts mit KI zu tun habe, sagt Arbeitsminister Hubertus Heil Anfang Juni (Preuß 2023).
Das alles müsste in einer neuen Fortzählung ja eigentlich der „K7“ sein!
Ich fasse Nefiodows Aussagen und Prognosen in der folgenden Tabelle zusammen und ergänze sie mit meinen Überlegungen:
| Kondratieff | Epoche | Basis-Innovation | Führendes Produkt |
| 1 | 1800-1850 | Dampfmaschine | Baumwolle |
| 2 | 1850-1900 | Stahlherstellung | Eisenbahn |
| 3 | 1900-1950 | Elektrotechnik | Chemie |
| 4 | 1950-1990 | Petrochemie | Automobil |
| 5 | 1990-2005 | Informationstechnik | Computer in Institutionen und Firmen (Mainframes), vereinzelt bei Individuen (Personal Computer) |
| 6 | 2005-2021 | Globale digitale Vernetzung (Internet für jeden, I-Phone, spezialisierte KI) | Personal Computer als Standard in Beruf und Privatleben / Rasante Verbreitung der Social Media / 1,8 Milliarden Websites und Blogs / Online-Handel und Home-Office werden immer wichtiger (nicht zuletzt infolge der Corona-Pandemie) |
| 7 | 2022- | KI wird zugänglich für jedermann | KI wie Chat GPT erzeugen Exposees, Drehbücher und vieles mehr – rasche Adaption der neuen Technologie in allen Bereichen |
| 8 | 2025- | Psychosoziale Gesundheit (bei Nefiodow: K6) | Die für jedermann zugänglichen KI stärken die Position der Individuen und fördern deren Kreativität und die Möglichkeiten, sich in kleinen Teams dynamisch zu vernetzen |
Beschleunigt sich die Abfolge der Zyklen?
Wenn man sich die zeitliche Dynamik der Kondratieff-Zyklen anschaut, fällt auf, dass sie zur Gegenwart hin an Tempo zunehmen. Waren es zwischen 1800 und 2000 jeweils ungefähr 50 Jahre, also zwei Generationen (interessanterweise ähnlich dem eingangs erwähnten Zeithorizont der Planung von Fürst Johannes von Thurn und Taxis), so spielen sich die tiefgreifenden Veränderungen inzwischen etwa in 25 Jahren ab, also innerhalb einer (!) Generation.
Auch wenn die Kondratieff-Zyklen in der Wirtschaftstheorie nicht unumstritten sind, bieten sie doch ein erstaunlich überzeugendes Abbild der Dynamik.
Ist also „Psychosoziale Gesundheit“ der sehnsüchtig erwartete „K 8“?
Im aktuellen Juni-Heft von brand eins fragt Anabelle Körbel:
„Ist der hohe Wert, den wir der Erwerbsarbeit zusprechen, noch angemessen?“
Sie zitiert in diesem Zusammenhang ein Modell der Soziologin Frigga Haug:
° vier Stunden Erwerbsarbeit pro Tag,
° vier Stunden Sorgearbeit (für Kinder und Pflegebedürftige),
° vier Stunden kulturelle Arbeit,
° vier Stunden politische Arbeit.
In diesem Modell fehlt mir noch etwas ganz wesentliches, was immer noch total unterschätzt wird. Ich würde das so benennen: Arbeit am Selbst, also an der eigenen Person. Was ist darunter zu verstehen?
° Das Aufarbeiten von Defiziten im Rahmen einer Psychotherapie,
° Fortbildung mit hohem Selbsterfahrungsanteil (TZI*-Gruppen – meine eigenen Schreib-Seminare bis 2020).
° Alles, was die eigene psychische (und damit auch die somatische) Gesundheit fördert und zugleich immer auch die Kreativität.
Was die eigene Verfassung verbessert, wirkt sich immer auch positiv auf die nähere Umgebung (Familie, Freundschaften, Nachbarschaft) aus und damit letztlich auch auf die Arbeit und den Beruf, also im weitesten Sinne auf die Wirtschaft.
Das Titelbild des Dezember-Hefts 2021 vom Wirtschafts-Magazin brand eins (s. unten) betont mit den verfremdenden und übertreibenden Mitteln der Karikatur, wie wichtig das Persönliche (und die Aufarbeitung seiner/ihrer Defizite) auch für die Wirtschaft sind: Sigmund Freud als Ikone einer Erweiterung des Menschenbilds auch für die scheinbar so menschenferne Welt de Arbeit und der Berufe (die ja, genau genommen, ohne produzierende und konsumierende Individuen gar nicht existieren würde).
* „ThemenZentrierte Interaktion (TZI)“ nach Ruth C. Cohn.
Die „leise Stimme der Vernunft“
Sind die in der Tat ja sehr beeindruckenden – Möglichkeiten der KI vielleicht so etwas wie das dringend nötige „Unterfutter“ für die Stärkung der persönlichen Intelligenz und Kreativität, das Super-Tool, das die Individuen in einer Weise stärkt, dass sogar auch eine humanere Zukunft – vielleicht sogar ohne Kriege – denkbarer wird?
Die Science-Fiction macht uns da erstaunlicherweise kaum Hoffnung. Asimovs Foundation verspricht uns viel mehr tyrannische, ja sadistische Kaiser und unglaubliche Weltraum-Kriege (ähnlich wie die Star Wars-Märchen von George Lucas und manchem anderen SF-Visionär). Oder hat Sigmund Freud am Ende doch recht mit seiner hoffnungsvollen Beschwörung der „Leisen Stimme der Vernunft“, von der er 1927 trotz allem Pessimismus schrieb:
„Die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, bis sie sich Gehör geschafft hat.“
Bald danach kam der schreckliche Zweite Weltkrieg, der Freud scheinbar Lügen strafte. Doch ab Mai 1945 war tatsächlich Frieden in Mitteleuropa, fast drei Generationen – vorher unvorstellbar. Bis, wie wir leider alle wissen, Putin Ende Februar vergangenen Jahres die „Pforten der Hölle“ mutwillig und seinen ganz persönlichen psychopathischen Dämonen folgend wieder aufgerissen hat.
Aber vielleicht bringt ja eine KI demnächst die globale Wende (denn es gibt viele Kriege und bürgerkriegsähnliche Unruhe, nicht nur den gegen die Ukraine) – vielleicht hat Bertha von Suttners Mahnung von 1889 endlich Erfolg: „Die Waffen nieder!“
(Zum Thema „KI“ → auch meinen Beitrag hier im Blog: KI kocht Buch: Das ferne Donnergrollen sowie Chat GPT schreibt (m) Buch. )


Abb. 3/4: Cover Leo A. Nefiodow: Der sechste Kondratieff (1996). Das Cover von brand eins (Dez 2021) betont mit den Mitteln der Karikatur, wie wichtig das Persönliche und die Aufarbeitung seiner Defizite auch für die Wirtschaft sind.
Quellen
anon: Wikipedia: Kondratiew-Zyklus .
Asimov, Isaac: Foundation. In: Astounding Science Fiction., May 1942.
Ders.: Foundation. New York 1950. Deutsch: Terminus, der letzte Planet (übersetzt von Lothar Heinecke), München 1959
(Moewig Terra). Der Tausend-Jahre-Plan (übersetzt von Wulf Bergner). München 1966 (Heyne TB).
Behringer, Wolfgang: Thurn und Taxis. Die Geschichte ihrer Post und ihrer Unternehmen. München 1990 (Piper).
Freud, Sigmund: „Die Zukunft einer Illusion“. (Wien 1927). Gesammelte Werke XIV, S. 377.
Händeler, Erik: „Wenn der Zyklus die Krise erklärt“. In: Südd. Zeitung Nr. 215 vom 17. Sep 2013, S. 21 (Wirtschaft).
Heil, Hubertus →Bericht von Preuß, Roland.
Körbel, Anabelle: „Ich arbeite, also bin ich?“. Brand eins Nr. 6 Juni-Heft 2023, S. 86-92.
Nefiodow, Leo A.: Der Sechste Kondratieff. St. Augustin 1996 (Rhein-Sieg-Verlag).
Preuß, Roland: „Wenn die KI vor sich selber warnt“. In: Südd. Zeitung Nr.127 vom 05. Juni 2013, S.5 (Politik).
310 _ aut #1554 _ aktualisiert 08. Juni 2023 (06. Juni 2023/21:46)