Tagebuch – was bringt das?

Anlass für diesen Beitrag war der „Internationale „Tag des Tagebuchs“ am 12. Juni, der nicht zuletzt an das Tagebuch der Anne Frank erinnern soll: Am 12. Juni 1942 bekam Anne von ihrem Vater ein Notizbuch geschenkt, das sie zu führen begann und das seitdem ihr tragisches Schicksal dokumentiert, das sie als Jüdin in die Vernichtung durch die deutschen Besatzer Hollands führte.
Aber das Notieren in einem Tagebuch ist ja eine grundsätzliche, nicht zuletzt seelenhygienische Tätigkeit. Hier will ich dem ein wenig nachspüren – auch angesichts der Tatsache, dass ein Blog, wie dieser hier, ja nichts anderes ist als ein „Öffentliches Tagebuch im Internet“.

Abb.: Handschriftlich ist wohl noch immer die häufigste Form, ein Tagebuch zu führen (Photo by Pixabay on Pexels.com)

Eine Anfrage der BILD am Sonntag an mich mit eben diesem Thema begann mit einem ausführlichen Frage-und-Antwort-Spiel per E-Mail, geführt mit dem Redakteur Ferdinand Heimbach. Das Ergebnis war eine kleine Meldung am 10. Juli 2022 in der BamS. Mit Herrn Heimbachs Erlaubnis verwende ich seinen kleinen Fragenkatalog bei der ausführlicheren Beantwortung (für die in einer Zeitung naturgemäß nicht genug Raum zur Verfügung steht):

1. Was bringt es, ein Tagebuch zu führen?“ Ist das hilfreich bei psychischen Erkrankungen? Wenn ja, gilt das für alle psychischen Erkrankungen, welche Einschränkungen gibt es?
Es ist auf jeden Fall eine Erleichterung – sich „etwas von der Seele schreiben“ heißt es nicht umsonst. Das dürfte für alle psychischen Erkrankungen gelten. Wobei sich jemand leichter tut, der/die schon von Jugend an (wo man ja oft mit dem TBS beginnt) schon ein solches Notizbuch hat. Diese Routine hilft dann, etwa bei einer Depression (die bei schwereren Graden sehr passiv macht und damit auch „schreibfaul“), sich doch hinzusetzen und die aktuelle Krise zu be-schreiben – was der erste und wichtigste Schritt aus einer solchen Blockade heraus ist: Wie sieht die Blockade aus? ZB: „Ich habe null Lust, zu arbeiten usw.“ – nach dem Motto: „Was kommt, kommt“.
Danach fließen dann die Einfälle auch für anderes, vielleicht Wichtigeres leichter.

2. Was genau sollen Patienten aufschreiben – eigene Emotionen oder Erinnerungen oder den Alltag?
Prinzipiell sollte man das hinschreiben, was einem gerade einfällt („Frei Assoziieren“)., Man kann sich jedoch auch Aufgaben stellen: ein PROJEKT. Das Tagebuch wird dann zu einer Art „Begleitendem Logbuch“ – etwa wenn man sich vorgenommen hat, „für die Oma zum Neunzigsten ein launiges Gedicht zu schreiben“ – oder für die Arbeit den Bericht für den Besuch einer Tagung, oder, einige Ansprüche höher, „einen Roman zu schreiben“.
Man schreibt dann zwar auch das ins TaBu, was einem spontan einfällt – „schielt“ aber gewissermaßen dabei stets auf das PROJEKT mit dem Hintergedanken: Kann ich das für mein Projekt brauchen?

3. Werden die psychischen Erkrankungen durchs Tagebuchschreiben gelindert – oder können sie so sogar komplett geheilt werden?
Eine Linderung findet auf jedem Fall statt. Man kann sich dieses „Von der Seele schreiben“ so vorstellen, dass der Tagebuchschreiber sich gewissermaßen in zwei Personen aufteilt:
° Eine Person, die in ihrer „Störung“, ihrer Problematik gefangen ist
° und eine, zweite Person die (nach einer gewissen Routine des Tagebuchschreibens) diese Störung gewissermaßen „distanziert, kühl, von außen“ betrachtet und notiert.
Wird das Tagebuch im Rahmen einer üblichen Therapie geschrieben (es gibt sogar richtiggehende Schreibtherapie-Formen) – dann wird aus dieser inneren Zweier-Situation ein Dreieck: Patient – Tagebuchschreiber (auch der Patient) plus Therapeutin als richtig außerhalb stehende Person.
Ob nur mit TB schreiben eine echte Heilung zu erzielen ist, wage ich zu bezweifeln – eben weil die hilfreiche Außenperspektive des Therapeuten mit entsprechenden Interventionen fehlt.

4. Wie genau laufen Therapieformen ab? Wie wird die Therapie auf den Patienten abgestimmt?
Das hängt sehr von der Therapieart ab. Bei einer klassischen Freud´schen Psychoanalyse ist ein Tagebuch immer nur Hilfsmittel, das – wie Träume und Tageserlebnisse oder Kindheitserinnerungen – als „Material“ mitbenützt wird. Ein Jungianer wird damit anders umgehen als ein Gestalttherapeut oder ein Bibliotherapeut (der das „Lesen“ von Texten sehr betont – was in diesem Fall auch eigene Texte sein können).
Es gibt inzwischen ja viele Therapieformen – das eigene Tagebuch wird immer ein gutes zusätzliches Medium neben den Therapiegesprächen oder Übungen (wie bei der Gestalttherapie) sein.
Und dann gibt verschiedene Formen von Schreib-Therapie, wobei das kontinuierliche Tagebuchschreiben (ggf. kommentiert vom Therapeuten) die einfachste Variante ist.

5. Wie groß sind die Erfolgsaussichten aus statistischer Sicht? Ab wann gilt eine Therapie als erfolgreich?
Darüber lässt sich nichts Genaueres sagen. Generell ist eine Therapie dann erfolgreich, wenn der Patient / Klient in seinem Privat- und Arbeitsleben wieder besser zurechtkommt als vor der Störung und sich entschließt, die Therapie zu beenden. Sigmund Freud hat allerdings wohl zu Recht von einer „Endlichen und Unendlichen Psychoanalyse“ gesprochen. Aus eigener Erfahrung (mit einer langen Psychoanalyse über mehrere Jahre und einer dreijährigen Gestalttherapie zur Ausbildung), die ich in der Mitte meines Lebens machte (etwa 35 bis 45) kann ich im Rückblick als heute 82jähriger feststellen, dass danach das ständige (auch Tagebuch) Schreiben mir in späteren Krisen nach den eigentlichen Therapie-Phasen sehr geholfen hat, neue Anforderungen zu bewältigen. Es wird immer Krisen geben – kleine private wie große.
Ich nenne aktuell nur die Corona-Pandemie und den Krieg gegen die Ukraine – letzterer hat mich als Kriegskind wieder sehr „ins Schleudern“ gebracht, vor allem auch, weil mir klar wurde, dass mein eigener (von mir immer noch trotzdem sehr geliebter) Großvater 1941 als Kommandeur (Major) eines Regiments der Deutschen Wehrmacht in die Ukraine eingefallen ist wie dieser Tage Putin mit seinen Mördern. Das war mir vorher nie so bewusst gewesen (bei meinem Vater schon) – das hat mich sehr durcheinandergewirbelt. Da kamen wieder depressive Gefühle auf, die ich schreibend jedoch ganz gut bewältigen konnte – wie gesagt: gegen Ende meines Lebens, im neunten Lebensjahrzehnt.

6. In welchem Umfang sollte man Tagebuch schreiben? Reichen schon zwei bis drei Sätze täglich? Oder sollte es lieber eine ganze Seite sein?
Ich selbst schreibe jeden Morgen, gleich nach dem Aufwachen, meist eine Stunde. Wichtig ist dabei, dass ich zwar eine Stunde dafür „freigeschaufelt habe“ – aber ob mir in der Zeit etwas Schreibwürdiges einfällt oder nicht, lasse ich offen. Manchmal steht dann nur ein Satz, eine Idee, auf dem Papier – manchmal sind es drei Seiten, mit denen ich an einem Projekt weiterarbeiten kann. Man kommt sicher auch zurecht, wenn man dafür erst einmal nur eine Viertelstunde freihält. Je kürzer der Zeitraum, der „frei zur Verfügung steht“ – umso dominierender (und blockierender) ist die Erwartungshaltung an diese Viertelstunde. Eine halbe oder gar eine ganze Stunde ist schon viel entspannender und entsprechend ergiebiger.

7. Ist das Tagebuchschreiben auch für psychisch gesunde Patienten im Alltag zu empfehlen? Wenn ja, warum?
Unbedingt. Im Laufe eines Tages strömen so viele Eindrücke auf uns ein, noch ergänzt durch Gespräche oder spontane Erinnerungen – im Schlaf kommen dann manchmal noch intensive Träume hinzu – diese Fülle muss man irgendwie bändigen. Da hilft schon stichwortartiges Notieren. Solche Tagebücher muss man dann ja nicht gezielt weiterverarbeiten. Wichtig ist, dass man seine Einfälle notiert hat. Ich tippe das jedes Jahr kontinuierlich (täglich) in eine große WORD-Datei, wobei ich meistens nur eine Art kurzer Inhaltsangabe (des oft viel längeren handschriftlichen Tagebucheintrags) notiere – mit der Such-Funktion kann man dann notfalls einen lohnenswerten oder sonstwie wichtigen Einfall leicht wiederfinden.
Ganz wichtig dabei: Immer ein Datum angeben – das erleichtert das Auffinden ebenfalls. Das Abtippen ist zugleich noch einmal ein erstes Durcharbeiten des Materials – was für einen intensiven Schreiber wie mich sehr hilfreich ist – da ich ständig an einem Buch-Projekt oder an Beiträgen für meinen Blog arbeite.
Und noch etwas: Der Vorgangs des Schreibens führt zu einer Verlangsamung des Denkens und Fühlens. Diese Entschleunigung hat etwas Heilsames.

8. Werden bestimmte Hormone im Körper freigesetzt, während man schreibt?
Das geschieht manchmal sehr intensiv: Da strömen beim Notieren eines beglückenden Erlebnisses vom Vortag richtig die Glückshormone wieder durchs Gehirn und den ganzen Körper (vielleicht hat man sich frisch verliebt?) – und das gilt umgekehrt natürlich auch für negative Ereignisse – wobei ich nicht sagen könnte, ob es so etwas wie ein „Unglücks-Hormon“ gibt. Aber das Aufschreiben mildert diese negative Erfahrung allemal. Wut über irgendeine Ungerechtigkeit kann schon mal zu einem Adrenalin-Schub führen.

aut #1402_2022-07-11/18:53

Ein Kommentar zu “Tagebuch – was bringt das?

  1. Kommentar zum Tagebuchschreiben
    Als einigermaßen unregelmäßige Tagebuchschreiberin finde ich den Beitrag sehr gelungen. Er ermuntert dazu keine zu langen Pausen entstehen zu lassen. Sich der Träume zu erinnern und die Erinnerungsspuren wertzuschätzen und aufzuzeichnen.
    Doro M.

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