Beforeigners: MultiChronie im Film

In Oslo und anderswo auf der Welt tauchen, begleitet von rätselhaften Lichteffekten, fremde Menschen auf – die offenbar aus früheren Epochen in die Gegenwart geschleudert wurden und nun gestrandet sind – wie zuvor Flüchtlinge aus aktuellen Krisengebieten. Aber diese „Foreigners“ (engl. „Fremde“) – sind (zumindest in Oslo) in Wahrheit einheimische Norweger. Nur stammen sie – wie das Kofferwortspiel des Titels Beforeigners andeutet ( before – Foreigner → Beforeigner) aus früheren Zeitschichten. Entwickelt wird die Erzählung als utopischer Kriminalfall: Eine dieser Zeitreisenden (wie man zunächst vermutet), wurde ermordet.

Abb. 1:: Meine symbolische Darstellung von MultiChronie. Mehrere (Zeit-) Schichten überlagern und durchdringen sich: Gegenwart, mehrere Vergangenheiten und sogar immer wieder eine Ahnung von Zukunft (Archiv JvS)

Diese Fernsehserie ist ein sehr anschauliches Beispiel für das, was ich als „kulturelle MultiChronie“ bezeichne (und was in der Serie „multitemporal“ genannt wird): Mehre Zeitschichten existieren gleichzeitig neben- und durcheinander:
Menschen aus der Vergangenheit tauchen in der Gegenwart auf, so dass Parallelgesellschaften entstehen. Tausende von Menschen aus der Steinzeit und der Wikingerzeit sowie Bürgerliche aus dem 19. Jahrhundert stellen als Einwanderer die Toleranz der norwegischen Gesellschaft auf eine Belastungsprobe. Als im Hafen von Oslo die Leiche einer Frau mit steinzeitähnlichen Tätowierungen gefunden wird, erscheint das zunächst als gezielter Angriff auf die Zeitmigranten. Kommissar Lars Haaland wird mit dem Fall betraut. Ihm wird als Assistentin Alfhildr Enginnsdottir zugeteilt, die gerade die Polizeischule abgeschlossen hat. Sie gehört zu den Neuankömmlingen, wurde im 11. Jahrhundert geboren, hatte dort ein Leben als Schildmaid geführt und ist nun die erste Polizeimitarbeiterin „mit multitemporalem Hintergrund“. (Wikipedia).

Ähnlich krass stellt sich bei näherem Hinsehen das Universum der Star Wars-Serie dar, mit heftig (und sehr sinnlos) kontrastierenden Zeitschichten: Jedi-Ritter (!), die in einer ferner Zukunft mit überlichtschnellen Raumschiffen und gewaltigen stellaren Vernichtungswaffen (Todesstern) bei ihren Duellen mit Laser-Schwertern (!) kämpfen wie weiland die mittelalterlichen Rittersleut´.
In der Mini-Serie The Mandalorian aus dem selbem utopischen Universum ziehen Kopfgeldjäger (eben die Mandalorians des Titels) in handgeschmiedeten Ritterrüstungen samt Helm aus Metall (!) durch die Gegend – als seien nie ums Jahr 2000 bei uns leichte und viel widerstandsfähigere Schutzanzüge aus Kevlar (Karbonfaser) erfunden worden.

Sternenkönigreich mit Prinzessinnen und dergleichen sind in der amerikanischen Science-Fiction sehr beliebt – s. Isaac Asimovs Foundation-Serie oder The Star Kings (dt. Herrscher im Weltenraum,) von Edmond Hamilton – m.E. das Vorbild für die Star Wars-Filme von George Lucas.
Auch Frank Herberts Dune-Serie spielt vor dem Hintergrund eines galaktischen Kaiserreichs mit rivalisierenden Baronen und Grafen und bezieht religiöse Elemente mit jüdischen bzw. christlichen (Dune Messias) und islamischen (Dschihad) Versatzstücken ein, die eher in eine mittelalterliche Welt passen als in eine ferne Zukunft mit Raumschifflinien zwischen vielen Sternensystemen.

Sehr viel augenzwinkernder spielt mit den verschiedenen Zeitebenen die Trilogie Zurück in die Zukunft – Zeitparadoxa bzw. das Bemühen, solche zu vermeiden, inbegriffen. Der junge Held Marty McFly, der zurück ins Jahr 1955 befördert wird, erfindet dort so nebenbei das allererste Skateboard und flüchtet darauf vor seinem Widersacher Biff Tannen (in Wahrheit wurde das Skateboard erst ein Jahrzehnt später, in den 1960er Jahren, erfunden und populär).

Outland (mit Sean Connery in der Hauptrolle als künftiger Space Marshall) ist eine an High Noon (Mit Gary Cooper als Sheriff) orientierte Science-Fiction-Geschichte mit Pistolenduellen wie im Wilden Westen – nur dass sich dies in einer Bergbaumine auf dem Jupitermond Io abspielt.

Nicht ganz so krass prallen die Zeitebenen aufeinander in den beiden Teilen von Kill Bill: Auch hier wird in einer Gegenwart des Jahres 2003/2004 mit (Samurai-) Schwertern eines mittelalterlichen Japan gekämpft.

Rückblenden und Vorblenden

Bleibt noch zu ergänzen, dass in nahezu jedem Film und jedem Roman dies beliebte Hilfsmittel sind, andere als die jeweils aktuelle Zeitschicht zu erweitern und zu ergänzen: Rückblenden in frühere Zeitabschnitte (meistens der Hauptfigur) und gelegentlich auch Vorblenden in mögliche Folgen von Entscheidungen der Hauptfigur.

Quellen
Asimov, Isaac: Foundation. (Ab 1942). Dt. Der Tausendjahresplan etc.
Filoni, Dave et al (Regie): The Mandalorian. USA 2019 ff (Disney Studios).
Hamilton, Edmond: (The Star Kings). (USA 1949) <Herrscher im Weltenraum _ Berlin 1952 _ Gebr. Weiss>. Die Sternenkönige. München 1980 (Heyne TB).
Herbert, Frank L.: Dune. New York 1965 ff. (Deutsch: Der Wüstenplanet).
Hyams, Peter (Regie): Outland. Great Britain 1981).
Lien, Jens (Regie): Beforeigners – Mörderische Zeiten (norwegische Fernsehserie). Oslo 2019.
Lucas, George (Regie): Star Wars. USA 1977 ff.
Lynch, David (Regie): Dune (nach Teil 1 von Frank Herberts Roman-Serie). USA 1983 (De Laurentiis).
Tarantino, Quentin (Regie): Kill Bill 1 + 2 (USA 2003 und 2004.
Zemeckis, Robert (Regie): Zurück in die Zukunft 1,2,3. USA 1985 / 1989 / 1990.

aut #960 _ 2021-05-09/17:00

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