Wer ist das? Analyse eines uralten Familienfotos

Das ist Ihnen vermutlich auch schon mal passiert: Dass Sie beim Stöbern in alten Unterlagen oder im Familienarchiv auf ein Foto gestoßen sind, bei dem Sie zu rätseln begannen: Wer ist das eigentlich?

Abb. 1: Urgroßvater Naumann (Dritter von links), daneben seine Frau Anna – aber die anderen? (Archiv JvS)

Wie kann man herausfinden, wer sich auf so einem Foto präsentiert? Selten hat jemand hinten drauf notiert, wann und wo das Bild aufgenommen wurde und wer zu sehen ist.

Zunächst das „wann“: Der Inhalt des Bildes und der Vergleich mit anderen (datierten) Fotos legt nahe, dass diese Aufnahme um das Jahr 1910 entstanden ist.

Was das „wo“ betrifft, so vermute ich aufgrund des familiären Settings, dass es sich um das Wohnzimmer der Familie Nauman im „Hotel Gotha“ auf dem Inselsberg bei Jena handelt. Aber warum nicht das Wohnzimmer der anderen Familie, die sich in derselben zweiten Reihe präsentiert? Nur so ein „Bauchgefühl – aber zu untermauern mit der Überlegung, dass dieses Foto wohl nur deshalb in meinen Besitz gekommen ist, weil es in der väterlichen Linie weitergegeben wurde:
° Vom Urgroßelternpaar „Ferdinand und Anna Naumann“
° über dessen Tochter Nanny (möglicherweise die junge Frau rechts hinter dem Patriarchen Ferdinand) und deren Mann Hugo vom Scheidt (eines meiner beiden Großelternpaare)
° an meinen Vater Helmut vom Scheidt und schließlich an mich, den ältesten Sohn.

Wer hat das Bild beschriftet?

Wer hat die handschriftlichen Hinweise auf dem Bildrand angebracht? Das dürfte mein Vater gewesen sein, schon wegen der Diktion „Opa Ferdinand Naumann“ bzw. „Oma Anna Naumann“. Ich spekuliere mal, dass er der etwa dreijährige Junge ist, der sich vor dem (seinem) Großvater Ferdinand an diesen schmiegt. Der Familienüberlieferung nach wurde mein Vater als Siebenjähriger (also 1914) wegen der zunehmend schlechten Versorgung der Bevölkerung von Hagen (wo die Familie lebte) zu den Großeltern auf dem Inselberg geschickt, die mit ihrem Gastronomiebetrieb eher an Nahrung kamen als andere Leute. Wenn diese Vermutung zutrifft, dürfte das Bild 1910 aufgenommen worden sein – als mein Vater etwa drei Jahre alt war.

Von den 13 Personen sind vier handschriftlich identifiziert. Leo Spelsberg (oben links) war ein älterer Cousin meines Vaters. Er interessierte sich später für Astrologie und prophezeite meinem Vater zu dessen Konfirmation 1921, dass er später mal eine Weltreise machen würde. Das war zum Zeitpunkt dieser „Prophezeiung“ reiner Humbug, weil die finanziellen Verhältnisse der Familie „Hugo und Nanny vom Scheidt“ 1921 alles andere als rosig waren, schon wegen der schwierigen Zeit nach dem Ersten -Weltkrieg (1914-1918). Doch seltsamerweise hat sich diese Vorhersage voll und ganz als richtig herausgestellt: 1929 fuhr mein Vater als Steward auf dem Passagierdampfer Columbus tatsächlich um die Welt – nach Ägypten, Indien, China…
Auch mit einer anderen Prophezeiung sollte Leo Recht behalten: Er stellte Adolf Hitler das Horoskop und forderte ihn zum Rücktritt auf wegen dem, was er dem Horoskop entnahm. Infolge dieses Briefes steckten ihn die Nazis erst wegen „Schizophrenie“ in eine Heilanstalt und dann ermordete ihn die Gestapo im Gefängnis.

Else Spelsberg ist eine der beiden Töchter (neben vier Brüdern) von Ferdinand Naumann und sie war die Mutter von Leo.

Wer sind die übrigen Personen? Das dürften weitere Mitglieder der Familie Spelsberg gewesen sein: In der mittleren Reihe (also meine Urgroßeltern-Generation) wohl die Urgroßmutter Spelsberg und daneben ihr Mann. Aber über diese Linie (und die übrigen Personen auf dem Bild) weiß ich nichts außer dem über Leo berichteten (Quelle: Mein Vater, der Leo wohl sehr schätzte – kein Wunder nach diesem „Volltreffer“ mit dem Horoskop).

Mein Schreib-Tipp

Nehmen Sie sich doch auch mal so ein rätselhaftes Fotos vor und beginnen Sie schreibend sein Geheimnis zu lüften!
Zusätzlicher Tipp: Was Sie nicht sicher wissen – können Sie immer durch Phantasie ergänzen! Dann wird es eben eine Erzählung. Aber Ihre Intuition führt Sie vielleicht sogar auf eine überraschend richtige Fährte – die sich durch einen Zufall irgendwann später als zutreffend erweist. Bei Familienfeiern (Hochzeiten, Beerdigungen, Taufen, Konfirmationen und Firmungen) wird so mancherlei erzählt, vor allem wenn der Alkohol die Erinnerungssperren und die Zungen löst.

aut #1008 / 2021-05-25/21:45

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