Wurmlöcher im Alltag angekommen

Hätte in den 1950er Jahren jemand in der Tageszeitung einen Artikel mit der Überschrift „Im Wurmloch“ versehen, hätte auch ich nur „Bahnhof“* verstanden, obwohl ich mich schon als Schüler ganz gut mit Begriffen der Astronomie und Kosmologie auskannte und mit denen der Science-Fiction sowieso. Auch noch vor zehn Jahren hätte ein Redakteur so einen Neologismus kaum in einem Artikel verwendet (und schon gar nicht in der Überschrift), ohne ihn zu erklären.

* Das wäre allerdings gar nicht so falsch gewesen, den Wurmlöcher dienen bekanntlich dem überlichtschnellen Transport zwischen weit voneinander entfernten Gegenden des Weltraums – in der Science-Fiction ist das jedenfalls so.

Aber inzwischen ist wohl eine Generation nachgewachsen, die mit utopischen Abenteuer-Serien wie Star Trek (Raumschiff Enterprise), Krieg der Sterne, Babylon-5 und vielen Kino-Blockbustern wie Avatar und Guardians of the Galaxy aufgewachsen ist und diese Technologie zur ultraschnellen Überbrückung von Raum und Zeit bestens kennt. Eine Generation, die sogar aus Computer-Spielen weiß, das ein Wurmloch eine Art Tunnel zwischen den Dimensionen ist, der Abkürzungen im Hyperraum ermöglicht – so etwas wie ein Schwarzes Loch auf der einen Seite und ein Weißes Loch auf der anderen – nur nicht so gefährlich, irgendwie sanfter. Science-Fiction halt.
Alles klar?
Ob diese neue Generation allerdings den Wirtschaftsteil der SZ liest? Ob sie überhaupt noch liest – außer dem, was in der Schule verlangt wird?

Helmut Martin-Jung verwendet „Wurmloch“ so selbstverständlich, als wüsste jedermann (und jede Frau) Bescheid. Und das finde ich so spannend, weil es ein Hinweis darauf ist, dass SF inzwischen mitten im Alltag angekommen ist. In derselben Glosse im Wirtschaftsteil kommt gleich noch ein zweiter Ausdruck vor, den man vor nicht allzu langer Zeit nur in einem utopischen ‚Roman (oder einem sehr speziellen Sachbuch mit futurologischen Themen) verwendet hätte: „Fortbestand der Menschheit„. Es ging in dieser Glosse übrigens, was nicht unwichtig ist, um den Stress vor dem Weihnachtsfest und diese Formulierung sollte das satirisch überhöhen:
„Aufgaben, die schon vor Ewigkeiten hätten erledigt werden können, müssen unbedingt vor diesem Termin getan werden, auch wenn das für besagten Fortbestand der Menschheit wirklich keine Rolle spielt.“

Einen Begriff habe ich allerdings in diesem Text vermisst, denn in der Unterzeile nach dem Titel „Im Wurmloch“ geht es so weiter:
„Warum zum Weihnachtsfest Gelassenheit die beste Devise ist.“
Da hätte doch auch das Wort Entschleunigung bestens gepasst, und ich hätte auf meiner privaten Hitliste dieses Begriffs wieder mal ein Strichlein machen können. Aber „Gelassenheit“ ist auch okay, als Synonym von Entschleunigung (oder umgekehrt?).

Quelle
Martin-Jung, Helmut: „Im Wurmloch“. In: Südd. Zeitung vom 24. Dez 2020, S. 24 (Wirtschaftsteil).

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