_Conga Joe (Story)

Keiner nahm Notiz von ihm, außer mir natürlich. Das hätte verwundern können, weil er dieses große Ding schleppte, lang, hell und rund. Kaum hatte er es vorne bei der kleinen Bühne abgestellt, holte er noch so eine Art Dreibein, an das er das Ding dranhing. Sah aus wie eine – wie nennt man die bloß? Congo oder Tonga?

Ich habe ihn ja zunächst auch völlig übersehen. Wer in „Tommy’s Kellerloch“geht, hat es außerdem längst verlernt, sich über irgend etwas zu wundern. Das sind irgendwie alles kaputte Typen, das sieht man doch sofort: wie die da an der Theke lehnen oder an den Zweiertischchen hocken. Meistens allein. Und meistens Männer. Geschäftsleute, Vertreter, Taxifahrer, Handwerker, Beamte. Wohl auch der eine oder andere Lehrer darunter, ein Arzt, ein Apotheker. Vielleicht auch der Polizist, der gerade seine Streife beendet hat.

Ähnlich kaputt die Frauen. Grüne Witwen, die ihre Kinder der Obhut eines geldgierigen Teenagers anvertraut haben, junggebliebene Omas, grell geschminkt, auf der Flucht vor Töchtern, die nach einem nicht geldgierigen Babysitter für verwöhnte Enkel suchen. Friseusen. Die Bedienung aus dem Café nebenan, die ihren freien Tag hat. Oder eine Aushilfsbriefträgerin, die keine Lust mehr hat und eben die restliche Post hinter ein Gebüsch warf …

Photo by Luisa Fernanda Bayona on Pexels.com

Nenne sie, und du wirst sie hier in „Tommy’s Kellerloch“finden. Irgendwann. Alle diese Singles, swinging oder nicht, freiwillig oder unfreiwillig, Krypto-Singles die meisten, wie das ein Schlaumeier von Psychologe einmal genannt hat, also Leute, die eigentlich verheiratet sind, Familie haben, aber im Grunde ihres Herzens Single geblieben sind. So wie ich.

Dann dazu noch die echten, natürlich. Die Singles, die Singles geblieben sind und es auch bleiben wollen. Auf der Suche nach dem „tapferen Schneiderlein“ oder der Prinzessin, der sie die verloren gegangene goldene Kugel vor die Füße legen können, um erlöst zu flüstern: „Hier bin ich, nimm mich.“

Habe ich gesagt: kaputte Typen allesamt? Ist doch Quatsch! Alles ganz normale Leute! Stinknormale Bürger wie ich und du! Alle auf der Suche nach der einen Wahrheit. Nach dem lichten Moment, der ihnen endlich zeigt, wo es lang geht im Leben. Na, ist das wirklich so kaputt? Wenn schon jemand kaputt ist hier unten, dann die vier Typen vorne auf dem kleinen Podium, vor der Tanzfläche, am Ende dieses düsteren Kneipenschlauchs.

Hab ich düster gesagt? Emily, die Kellnerin, stellt gerade Kerzen auf die Tischchen. Der nette Junge, ein Student der Ingenieurswissenschaften, würde ich tippen – also, wie der ihr seit Wochen nachläuft, wie er sie verehrt, anbetet, sie fast auffrißt mit seinen schmachtenden Augen, vor allem ihren süßen Hintern, und wie der ihre hochgeschnürten Knackbrüste verschlingt …

Naja, klingt ein bißchen kannibalisch, oder?

Sonst ist der Studiosus viel zu schüchtern und sucht nur ihr hübsches rosiges Gesicht mit dem bonbonfarbenen Schmollmund, während es meine kaputte Phantasie ist, die das andere sucht.

Okay, okay, ich gebe es zu. Ich bin der kaputte Typ hier unten. Ich. Wer sonst.

Rechtsanwalt, Sieger in vier von zehn Fällen. Mein Monatspensum. Manchmal auch in drei von zehn. Oder in zwei. Gerade genug, um mit Familie, also meiner holden Gattin und meiner verfressen-kotzenden Teenagertochter, weiter in der Bungalow-Hölle zu schmoren, in God´s own Grüne-Witwen-Paradise. Zu wenig, um keinen dieser dämlichen Prozesse mehr führen zu müssen. Zu viel, um nur noch einmal nebenbei zu sagen „Ich geh Zigaretten holen“ und auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. In eine andere Stadt. In eine andere Kneipe. Und dort einer anderen Kellnerin gierig auf den Hintern starren und auf die – stop, immer hübsch höflich bleiben, auch als kaputter Typ.

Wen haben wir denn noch hier in „Tommy’s Kellerloch“? Ach ja! Die Musiker! Sagte ich ja, glaube ich, schon. Jeden Abend spielen sie die selben sechs Nummern, mit Klavier, Baß und Gitarre. Heute ist doch tatsächlich noch eine Schießbude dabei –

Du weißt nicht, was ’ne Schießbude is? Das is ’n Schlagzeug, du Nullchecker!

Also, der an den Trommeln, das muß Knut sein, der sich als Norweger ausgibt. Knut, ’n toller Name für’n Schlagzeuger …

Die Musiker spielen schmalztriefende Barmusik, bei der ihnen selber die Füße einschlafen. Am Abend, nach dem dritten Whisky, den der verzweifelte Tommy spendiert, wachen sie allmählich auf, legen einen Zacken zu. „Schu-bi-du-bi-du“, singt der Gitarrist, muß er auch, um nicht sanft zu entschlummern beim eigenen Schrummschrumm. Klingt gar nicht schlecht, mir wird so richtig weh ums Herz.

Der Pianist läßt bei ein paar Boogie-Phrasen ahnen, wozu er etliche Jahre zuvor noch fähig gewesen ist. Die tanzenden Paare fallen auseinander und kleben sich wieder zusammen, da ändert selbst der epileptische Anfall nichts, in dem der hagere Bassist gelegentlich sein Gerät malträtiert, sodaß man Angst um die brummenden Saiten kriegen muß. Also eigentlich auch keine kaputten Typen. Nur vom Leben und ihrem Job verbrauchte, ganz stinknormale Jungs.

Sackbahnhof. Hier enden die Geleise. Alles aussteigen. Kein Anschluß unter dieser Nummer. Wenn Tommy um eins das Licht ausdreht und droht, mich doch noch in den Hintern zu treten, wenn ich mich nicht endlich auf den Weg mache …

Aber was geht Sie das an?!

Hey, da kommt aber wirklich mal ein kaputter Typ rein! Oder isses derselbe wie vorhin?

Keiner nimmt Notiz von ihm, obwohl er dieses große Ding anschleppt – hab ich das nich schon mal gesagt? Für den und seinesgleichen hat also Tommy seine Kneipe „Kellerloch“genannt. Das ist wirklich einer, der sich verstecken muß vor der Welt und vermutlich sogar vor sich selber. Kann ja gar nicht anders sein. Schleppt der unterm Arm seine Einkäufe mit in die Kneipe. Sowas läßt man doch ein Stockwerk höher im Wagen liegen. Sowas schleppt man doch nicht die Treppe in diesen Keller runter.

Hey, Moment mal, was is’n das für’n komisches Ding? Schimmert wie helles Holz, vorne was dran wie bei ’ner Trommel. Ah ja, die Tonga oder Congo …

Jetzt wanzt der sich bei den Musikern ran, hängt auch das zweite Ding in dieses Dreibein. Der Pianist runzelt die Stirn, Freddy, der Bassist rückt, wie’s scheint sehr widerwillig, noch einen halben Meter auf die Seite. Nur Dan, der seine elektrische Gitarre nicht länger malträtiert, sondern sie versunken, fast liebevoll streichelt, was über die Verstärkeranlage hallt und richtig gruslig klingt, der nickt dem Fremden freundlich zu. Sein Lächeln gilt wohl nur der Tatsache, daß hier endlich mal ein neues Gesicht auftaucht.

Habe ich Gesicht gesagt? Der Mann muß mindestens siebzig sein oder älter, so tief haben sich die Spuren des Lebens in seine Haut eingegraben. Nicht einmal meine Großmutter, Gott hab sie selig, war so runzlig, als sie mit sechsundneunzig starb.

Ich kann das Gesicht des Fremden gut sehen, weil mein Tisch mit der Rotweinflasche nahe bei der Tanzfläche steht. Ich habe eine Vorliebe für verschwitzt riechende Mädchenkörper, die beim Tanzen ihr Parfüm verwehen. Macht mich fast rasend, dieser Geruch nach frischem Girlie-Schweiß.

Der neue kaputte Typ stellt jetzt also die beiden Dinger hin, Trommeln offenbar, so hoch wie mein Tisch. Nennt man die nicht Bongos? Oder Congas? Er klopft mit langen dürren Fingern drauf rum, wie um Maß zu nehmen. Lauscht dem Pianisten, der gerade einen himmeltraurigen Blues in die Tasten rührt, aber irgendwie aufmerksamer als bisher. Sogar Freddy mit dem dicken Bauch zupft ein wenig anders an seinem verkratzten Baß ’rum, und Knut huscht ein wenig hektischer als sonst mit seinem Jazzbesen über die Trommeln und die Hihat, das kriegt jetzt ja so richtig Pep, bilde ich mir ein. Die Gitarre vom Dan schweigt immer noch. Der kaputte Typ, der Neuzugang, leckt sich versonnen über die Lippen, peilt den Ultraviolett-Strahler an der Decke an, der einige seiner Zähne in der oberen Reihe als Jacketkronen entlarvt – und einer blitzt doch glatt wie Gold!

Kenn ich von meiner Frau, wenn die sich mal mit mir hierher zum Tanzen verirrt. Hey! Hab ich gerade meine Frau erwähnt, Wendy? Da kommt sie doch glatt zur Tür herein, mit ihrer Freundin Milly. Die beiden haben einen gezwitschert, das sehe ich doch sogar aus dieser Entfernung, an ihrem Gang. Ich seh’s an den wiegenden Hüften, so locker vom Hocker. Da kommen noch mehr Leute: zwei Pärchen, sie können gar nicht schnell genug auf die Tanzfläche stürzen.

Was macht dieser Typ mit den Congas? Ich muß was verpaßt haben. Wie lange klopft der schon auf seinen Dingern rum? Gar nicht übel. Der Blues ist längst zu Ende, der Pianist spielt was Schnelles. Einfach so, einen Boogie-Woogie. Als hätte er nie was anderes gespielt. Und sein Gesicht strömt so was Kohlrabenschwarzes aus, wie das von Meade Lux Lewis oder Pete Johnson, die in meiner Jugend die Tanzsäle verrückt gemacht haben. Es juckt richtig in den Füßen! Was die können, kann ich schon lange. Ich winke meiner Frau, und die kommt tatsächlich rüber, dieses verrückte, verschwitzte, nein, dieses verschmitzte Lächeln im Gesicht, mit dem sie mich damals eingefangen hat. Sie meint zwar immer, ich hätte damals ihr den Kopf verdreht beim Tanzen. Aber das stimmt nicht. Es war dieses Lächeln, ihr süßes Lächeln. Und dann natürlich ihr feiner animalischer Geruch, so nach dem dritten Tanz, vermengt mit dem Duft, den sie sich ganz dezent hinter die Ohrläppchen tupfte, nur für mich – hoffe ich.

Tatsächlich, sie kommt Schritt um Schritt näher, genau im Takt der Congas, halbes Tempo, damit sie nicht über die eigenen Füße stolpert. Sie will doch nicht mit mir … doch, sie will! Wir tanzen! Um mich herum dreht sich die Welt.

Immer mehr Leute stehen auf, die Singles finden sich zu Paaren, jeder Deckel findet seinen Topf, so sagt man doch. Sogar der bulldoggige Tommy hat seinen Wirte-Grimm irgendwo hinter der Theke abgelegt und wiegt den massigen Oberkörper im Rhythmus der Musik.

Der Boogie ist aus, wir haben ihn nur mit halbem Tempo getanzt, aber immer noch schnell genug – was in der alten Maschine alles noch drin steckt, die man so lieblos Körper nennt! Wendy schmiegt sich an mich, verträumt wie ein Teenager, der heute zum ersten Mal ausgeführt wird. Das kann ja heiter werden. Drüben der verkniffene Zahnarzt, den ich hier immer nur alleine saufen sehe, der hat doch weiß Gott mit sich selbst getanzt. Und jetzt macht er sich an Milly ran. Unglaublich!

Er sieht völlig gelöst aus, als hätte er eine schwierige Kiefersanierung beendet. Naja, ich bin bösartig, ich weiß.

Die Tanzfläche füllt sich mehr und mehr. Aber all diese kaputten Typen hier unten? Denen ist nicht über den Weg zu trauen.

Nur weil Conga-Joe – ich nenn ihn jetzt mal einfach so – seine Trommeln schlägt  … jetzt geht’s schon wieder los, irgendwas Afrikanisches, hört sich jedenfalls so an. Mir soll’s recht sein, die alte Maschine hat noch ungeahnte Reserven, da läßt sich noch manches Tänzchen auf’s Parkett legen …

Oh, schade, jetzt ist’s wohl aus. Der Fremde packt die Dinger unter den Arm und schleppt sie die Treppe hoch, eins nach dem andern. Tonga Conga. Bißchen müde ist er wohl auch, wie wir alle hier unten.

Hey – komm bald wieder, Conga-Joe!

Quelle
Scheidt, Jürgen vom: „Conga Joe“. In:  In: JvS: Blues für Fagott und zersägte Jungfrau. München 2005 (Allitera).
PS: Ich habe immer mit der Einführung der „Neuen Deutschen Rechtschreibung“ gehadert, weil ich (und nicht nur ich) sie so überflüssig fand wie einen Kropf am Hals. Und weil man alle älteren Texte wie diesen hier auf Vordermann bringen muss – also diese „daß“ zum Beispiel, welche die Korrektur-Software als falsch moniert.
Diesmal hab ich es nicht geändert – weil es ein „Klassiker“ ist; für mich jedenfalls. Da fummelt man nicht im Nachhinein an der Rechtschreibung herum.

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