MultiChronie

MultiChronie ist ein von mir (Jürgen vom Scheidt) entwickeltes Konzept, das autobiographisches Schreiben erleichtern soll. Passend zur Thematik mute ich Ihnen jetzt auch einiges an autobiographischem Material zu. Aber genau darum geht es ja bei der MultiChronie: Um die Verbindung von persönlichen Erlebnissen mit der Weltgeschichte (als Evolution der ganzen Menschheit) mit den Geschehnissen in der Familie als Brücke.

MultiChronale Magische Momente

Was MultiChronie als psychologisches Konzept beinhaltet und was dieses zu leisten vermag, lässt sich am Besten mit einer kleinen Übung demonstrieren, die ich als Magische MultiChronale Momente (MMM) bezeichne. Darunter verstehe ich Episoden der eigenen Lebensgeschichte, die sich aufgrund ihrer Intensität und lebensgeschichtlichen Bedeutung gewissermaßen ins Gedächtnis eingebrannt haben. Manchmal ist das sogar wortwörtlich zu verstehen. Ein persönliches Beispiel (das ich zugleich allen, die dies lesen, als Anregung und Übung in MultiChronalem Denken anbiete):
° Sylvester 2025/26 brach in einem Lokal in Crans-Montana im Schweizer Kanton Wallis ein durch Fahrlässigkeit ausgelöster und durch die baulichen Gegebenheiten grausam verstärkter Brand aus, der bisher mindestens 40 Todesopfer und über 100 schwerst Brandverletzte in Lebensgefahr gefordert hat. Ich habe selbst so etwas zum Glück nie erlebt – aber die Berichte darüber lösten in meiner Gegenwart von 2026 ähnliche Erinnerungen aus, die weit in meine Vergangenheit zurückführen:
Vermutlich im April 1945 (also kurz vor Kriegsende) saß bei uns in der Küche in Rehau ein Mann, der vermutlich einer der damals unzähligen desertierenden und Hilfe suchenden deutschen Soldaten war. Ich war fünf Jahre alt. Meine Tante Lis (Schwester meiner Mutter), die damals bei uns in der Familie lebte (Teil-Familie, genau gesagt, denn mein Vater war noch irgendwo im Krieg) gab dem Mann ein Hemd, das ich später wegen der einprägsamen rot-weißen Karomusterung und groben Qualität stets als „Holzfällerhemd“ bezeichnet habe. Ich sehe dieses Hemd heute noch deutlich vor mir, wie die ganze Szene. Außerdem kochte sie ihm einen Kaffee. Dabei riss der Henkel des Kochtopfs plötzlich, als sie das Kaffeepulver in einer Kanne auflösen wollte, genau über meinem Bein ab und das kochendheiße Wasser stürzte auf meinen linken Oberschenkel. Statt sofort kaltes Wasser über die verbrannte Stelle zu gießen (was jeder heute empfehlen würde) rieb sie kostbare Butter darüber – irgendeinem medizinischen Irrglauben folgend – was statt zu kühlen und die Schmerzen zu lindern fatalerweise die Hitze im Gegenteil in der Haut und im Fleisch meines Oberschenkels fixierte.
Dumm gelaufen – aber ich habe es überstanden; die Narbe der Brandwunde kann man allerdings heute noch erkennen. Ich weiß also gut, wie es den armen Brandopfern der Katastrophe von Crans-Montana ergangen sein muss – nur um ein Vielfaches intensiver. Doch dieses Erlebnis, inzwischen 80 Jahre in der Vergangenheit verankert, ist für mich zugleich immer auch etwas ungemein Positives gewesen: das Ende dieses verfluchten Krieges, das dieser desertierende Soldat verkörperte.
Zugleich ist dieses Erlebnis vom Frühjahr 1945 eine starke emotionale Brücke in die Gegenwart der Ukraine von 2026, wo unzähligen Menschen bei den ständigen russischen Attacken solche und ähnliche Erfahrungen machen – Tag für Tag.
Zwei Jahre später, im August oder September 1947, war ich nicht Opfer, sondern Zeuge eines ähnlichen Unfalls. Ich verbrachte damals mit meiner Familie drei Monate auf Sylt, lange über die Schulferien hinaus – mit Genehmigung meiner Volksschule in Rehau – und weil ich ab Schulbeginn sechs dieser Wochen mit den „Friesenkindern“ von Kampen den Unterricht teilte. An einem dieser Schultage entstand plötzlich große Aufregung, weil Sanitäter einen etwas älteren Buben in die Krankenstation gleich nebenan transportierten. Der Junge hatte – was streng verbotenen war – draußen in den Dünen am Meer die Eier von geschützten Vogelnestern geplündert, war dabei auch auf eine Hochspannungsmast geklettert und durch einen Stromschlag entsetzlich verbrannt worden. Ich glaube nicht, dass er den Sturz und die Brandwunden überlebt hat – seine Schmerzensschreie waren schrecklich und hallen heute noch in meiner Erinnerung nach.
Ich bezeichne solche starken Erlebnisse, von denen ich Hunderte nennen kann und dokumentiert habe, als Magische MultiChronale Momente (kurz MMM), weil sie nicht nur mit einer persönlichen Erinnerung verbunden sind, sondern eigentlich immer auch etwas mit der Familie zu tun haben: Mein Vater hatte damals einen Job als Steward im britischen Offizierskasino, dem einstigen und heute längst wieder Kurhaus von Kampen, damals militärischer Stützpunkt der halb von den Briten und halb von den Dänen besetzten Insel. Dadurch waren wir nach den Jahren der Kriegszeit endlich wieder eine komplette Familie – für mich bis heute einige der schönsten Monate meines Lebens. Gleichzeitig ist dies die direkte Verbindung mit der Weltgeschichte jener Tage: Von fremden Mächten besetztes Deutschland, dessen britische Besatzer – wie die Amerikaner in Rehau – allerdings für mich und die anderen Kinder sehr positiv besetzt waren (die vom Dritten Reich geprägten Erwachsenen sahen das als „Kriegsverlierer“ und somit als „Opfer“ oft anders).
Damals brachte mein sprachbegabter Vater mir mit einem Satz Vokabelkärtchen die Grundlagen der englischen Sprache bei, die ich sicher auch wegen der äußeren Umstände sehr zu lieben begann: Intakte Familie, Vater hatte viel Zeit für mich und meine jüngere Schwester, die Eltern hatten es nach den sechs Jahren Krieg endlich wieder gut miteinander, dazu ein phantastischer Sommer, die wunderbare Insel Sylt, das Meer und vieles mehr.
Seit ich solche Ereignisse nicht nur mit wenigen Stichworten und dem rein persönlichen Anteil dokumentiere, hat mein autobiographisches Schreiben eine völlig neue vielschichtige Qualität bekommen, die weit über ein Tagebuch hinausreicht und als ständige Selbstvergewisserung sehr viel Sinn stiftet und vor allem im Alter zu einer positive Lebensbilanz beiträgt – auch wenn manche oder viele dieser Erlebnisse negativ besetzt sein mögen.
Ich kann also nur empfehlen, sich eine solche Sammlung Magischer MultiChronaler Momente anzulegen – als Word-Datei (in der man nach Stichwörtern die chronologische Reihenfolge durchstöbern kann) – oder noch besser als kleine autobiographische Datenbank.

Beispiel Krieg

Brandaktuell ist da seit Februar 2022 Putins bzw. Russlands Krieg gegen die Ukraine – historisch als Vorläufer 1941-45 durch Hitlers „Unternehmen Barbarossa“:
° Was das Kleinkind nur diffus als Stimmungen der Erwachsenen mitbekommt (und später vielleicht aufschreibend erinnert),
° entfaltet seine Wirkung in der Familie (Vater, Onkel, Großvater sind abwesend irgendwo „an der Front“, die Frauen „halten die Stellung“ zuhause)
° und basiert auf den Ereignissen der Weltgeschichte.

Bild 1: ZeitFäden verbinden die in der Tiefe versunkene Vergangenheit mit Gegenwart und Zukunft (Archiv JvS: Mai 2025 Chat GPT)

In den verschiedenen (aktuell 300) Beiträgen zu meinem Blog verwende ich am Schluss gelegentlich den Begriff MultiChronalia. Darunter verstehe ich verschiedene → ZeitSchichten bzw. Erlebnisse, die sich um einen bestimmten Text anordnen – etwa wie weiter unten hier im Text die Tabelle zum Thema „MultiChronie“.
Das soll dann jeweils ähnlich einem Abstrakt das Gesagte noch einmal schlaglichtartig zusammenfassen und sichtbar machen, wie sich Themen über die Jahre hin wiederholen und entwickeln.
Ein praktisches Beispiel finden Sie am Schluss des Beitrags Don´t look forward.
Ein alphabetisches Register zu den vielen neuen Begriffen dieses Konzepts finden Sie unter MultiChronie: Glossar .

Bild 2: Symbolische (vertikale) Darstellung der verschiedenen ZeitFäden (Themen) eines Lebens – horizontale Darstellung s. oben Bild 1 (Archiv JvS)

VielZeitigkeit

Den Neologismus MultiChronie könnte man als „Vielzeitigkeit“ übersetzen. Ich ziehe jedoch das neue Kunstwort „MultiChronie“ vor, weil sich schon in diesem Begriff zwei historisch unterschiedliche ZeitSchichten zeigen und das Wort sich damit gewissermaßen selbst erklärt:
° Der erste Wortteil „Multi“ (viel) stammt aus dem Lateinischen und der entsprechenden römischen Zivilisation,
° der zweite Wortteil „Chronie“ kommt aus dem Griechischen (chronos = Zeit) und somit aus der vorangehenden Mittelmeer-Epoche.
(Die Binnenversalie – also das groß geschriebene „C“ in der Mitte des Wortes oder das „S“ bei ZeitSchichten – soll darauf aufmerksam machen, das es sich hier um etwas Neues handelt.)
Dieses Konzept nahm zwar seine aktuelle Gestalt ab 2022 während der Arbeit an meiner eigenen Autobiographie an, hat jedoch eine lange Vorgeschichte und zwei „Ideen-Eltern“:
° 1816 Mary Wollstonecraft-Shelley als „Ideen-Mutter“ (mit ihrem Frankenstein-Roman),
° 1895 Sigmund Freud als „Ideen-Vater“ (mit der autobiographischen Deutung seines „Irma-Traums“) sowie im selben Jahr Herbert George Wells mit einem utopischen Roman Die Zeitmaschine – gewissermaßen als „Ideen-Onkel“.
° 1961 begann ich als Student der Psychologie, einer Anregung von Harald Schultz-Henke folgend (in der Pflichtlektüre Der gehemmte Mensch), meine Träume aufzuschreiben, und zwar in zwei Spalten, wie in einem Vokabelheft:
° links den erinnerten Traum,
° rechts meine Einfälle dazu („Freie Assoziationen“ nannte dies Freud, von dem das Verfahren stammt).

Wer sich mit der eigenen Lebensgeschichte befasst, ist gut beraten, ab und zu den „Sokratischen Dialog“ zu verwenden (Details dazu in der Wikipedia). Für mich besteht dieser vor allem aus drei Fragen, die ich mir immer wieder stelle und die auch den Kern des Konzepts der MultiChronie darstellen:
° Wer bin ich? (Gegenwart)
° Woher komme ich? (Vergangenheit)
° Wohin gehe ich? (Zukunft).

Diese drei ZeitSchichten sind nach meiner Erfahrung bei jedem Erlebnis beteiligt, das als Gedächtnisinhalt abgespeichert wird. Ich will das gleich anhand der Entwicklung meiner Überlegungen zum Konzept der MultiChronie deutlich machen. Dazu gehört zunächst eine Vorgeschichte, die ich im Jahr 1815 beginnen lasse, also weit vor meiner eigenen Existenz, aber wichtig für den Hintergrund des Konzepts:

Jahr                        Persönliche Ereignisse Historische Ereignisse
 Vergangenheit: „Woher komme ich?“ 
1815– – –Ausbruch des Vulkans Tambora führt 1816 zum „Jahr ohne Sommer“ mit weltweiten Hungerkatastrophen aufgrund furchtbar kalten und nassen Wetters.  –
Mary Shelley ist schwanger, verliert aber das Kind (was als eine der autobiographischen Quellen für ihren Frankenstein-Roman gilt).
1816– – –                Aufgrund des schlechten Wetters verbringt Mary Shelley mit ihren Begleitern die Ferien am Genfer See vor allem schreibend in der „Villa Diodati“, wo ihr Roman Frankenstein entsteht, ausgelöst von einem Albtraum. –
Dieses Treffen mit gemeinsamem Schreiben kann man als erste „Schreib-Werkstatt“ verstehen.
1818– – –Der Frankenstein-Roman wird veröffentlicht und als Theaterstück aufgeführt – beides mit großem Erfolg bis heute 2023.
1884-1886– – –Sigmund Freud, damals noch Physiologe und Medizinstudent in Paris bei Charcot, untersucht (auch in Selbstexperimenten) die Wirkung der neuen Droge Kokain. Er empfiehlt sie in einigen Artikeln geradezu enthusiastisch und behandelt u.a. einen morphiumsüchtigen Freund damit – was fatalerweise dessen Untergang beschleunigt. Er entdeckt jedoch die Möglichkeiten, das Kokain für die Lokalanästhesie (am Auge) einzusetzen – was ihn zum Begründer der Schmerzbehandlung macht, die wir heute noch segensreich beim Zahnarzt erleben. Aber Freud hat auch große Schuldgefühle, weil er die negativen Wirkungen der Droge ignoriert hat.
1895– – –Sigmund Freud arbeitet an seinem Buch Die Traumdeutung. Ab Kap. 3 („Der Traum von Irmas Injektion“) beschäftigt er sich darin autobiographisch mit eigenen Träumen. Er führt dabei das Konzept der „Freien Assoziation“ ein, mit dem er verschiedene zeitliche Schichten des Traums freilegt und zu einander in Beziehung setzt – für mich so etwas wie eine erste Form „multiChronalen Denkens“. –
Herbert George Wells schickt in seinem utopischen Roman Die Zeitmaschine den Protagonisten in immer fernere Zukünfte. Solche Zeitreisen wird es wohl nie geben – außer in Form einer Psychoanalyse, die zufällig in der selben Zeit von Sigmund Freud entwickelt wird, bei der die Analysanden in die Zeit ihrer eigenen Vergangenheit (vor allem Kindheit und Jugend) zurückgeführt werden – damit sie fortan ihre Zukunft besser gestalten können.
1948Der sechs Jahre ältere Flüchtlingsjunge Hans Kotatschka, der mit seinen Eltern bei uns im Haus in Rehau untergekommen ist, gibt mir einen Band mit den Abenteuern von Sun Koh – der Erbe von Atlantis. Ich bin so fasziniert von diesen Geschichten und ihrem gewaltigen zeitlichen Horizont, dass ich die komplette Serie mit 150 Heften zweimal hintereinander lese. Ohne es zu wissen, habe ich damals durch diese spannende und zugleich sehr informative Serie nicht nur mein Weltwissen und damit meinen geistigen Horizont gewaltig erweitert – sondern auch erstmals so etwas wie MultiChronie erlebt, denn diese äußerst vielschichtige Abenteuerserie führt sowohl →→ ° weit in fernste Vergangenheit zurück (angeblich ging Atlantis etwa 10.000 v.Chr. unter),
° wurde 1933-1936 von Lok Myler geschrieben und in Leipzig erstmals veröffentlicht,
° handelte einige Jahre in der Zukunft von damals,
° prophezeite das mystische Wiederauftauchen von Atlantis, zu dessen Herrscher Sun Koh als Nachfahre der atlantischen Könige ausersehen war, an Suns 25. Geburtstag (etwa 1950),
° kam 1948 dies alles mir zu Kenntnis
° und beschäftigt mich noch heute im Jahr 2024 – auch wenn ich den Untergang und Aufstieg von Atlantis inzwischen entwicklungspsychologisch als Metapher für den Untergang der Kindheit und deren Wiederauftauchen im Erinnern verstehe.
1957Bei der Arbeit an meinem ersten Roman Männer gegen Raum und Zeit  bewege ich mich – in der Gegenwart schreibend – in fernster Zukunft des Jahres 7812 und in ebenso ferner Vergangenheit des Untergangs von Atlantis vor 12.000 Jahren. Gegen Schluss kommt es zu einer richtigen Zeitreise durch Jahrtausende. An so etwas wie MultiChronie habe ich dabei nicht gedacht.In der Science-Fiction-Literatur wird man als Leser ständig mit zukünftigen Entwicklungen konfrontiert, die (wenn die Geschichten gut erzählt sind) Wurzeln in vergangenen Geschehnissen haben – und in der jeweiligen Gegenwart geschrieben und gelesen werden.
1961Während meines Studiums der Psychologie beginne ich ein Traum-Tagebuch, in dem ich verschiedene Assoziationen zu den Träumen notiere, die in verschiedene Zeitabschnitte meines Lebens führen →→ was wie von selbst multiChronale Zusammenhänge herstellt. 
1973Ich zeige in meiner Studie Freud und das Kokain, dass die von Freud vorgestellten und analysierten eigenen Träume in dem Buch Traumdeutung eine Aufarbeitung seiner Kokain-Experimente von 1884-86 sind und damit ein wichtiger Anstoß zur Entwicklung der Psychoanalyse.In Gestalt des Novocain und seiner chemischen Abkömmlinge ist heute noch Freuds lokalanästhetische Anwendung des Kokains segensreich in Gebrauch. Dass dies nicht ihm zugeschrieben wird, hat damit zu tun, dass er diese Experimente aufgab und sie seinen Kollege Karl Koller fortsetzen ließ, der den Ruhm einheimste.
1980Ich kaufe den Roman Frankenstein – lese ihn aber erst 2003.Eine der vielen Verfilmungen ist Mary Shelleys Frankenstein von 1994 (Regie: Kenneth Brannagh).                 
1991Als Reaktion auf einen TV-Bericht über  H.M. Enzensberger (→) verwende ich in einer Notiz erstmals diesen Begriff:
„Die MultiChronie ist eine der typischen Friktionen innerhalb der multikulturellen Gesellschaft und zwischen den vielen Staaten der Erde. Sie ist, auf der Selbst-Ebene auch Bedingung für Kreativität: schnelles und langsames, ja fast zeitloses Denken müssen synchronisiert werden und wirken aufeinander ein. Halluzinogene können dies fördern. Im Traum ist wahrscheinlich – schon durch die Multifunktionalität der Symbole – immer MultiChronie vorhanden.“
„Der Begriff der Ungleichzeitigkeit“ (Portrait H.M. Enzensberger im TV – Süd. Zeitung vom 09. Feb 1991)
1996Ich beginne Meldungen und Artikel über das Phänomen der MultiChronie zu sammeln →„Hochmut mit Bart: Für glatt rasierte Männer will die streng islamische Taliban-Miliz in Afghanistan allenfalls eine Arbeit als Straßenkehrer erlauben. Die Gesichtsrasur, so die Begründung, verstoße gegen den Islam, Bartlose könnten keine ehrenhafte Tätigkeit ausüben.“  [Das zielt wohl in erster Linie gegen die Frauen und die Jugendlichen.] (Abendzeitung München vom 08. Jan1996).
„Diese Pilger … An der Schwelle zum 21. Jahrhundert steht der Mensch mit einem Fuß im Mittelalter.“ (Südd. Zeitung Magazin vom 26. Jan 1996)
 Gegenwart: „Wer bin ich jetzt?“ 
2023Ich arbeite an einer Studie über MultiChronie in Zusammenhang mit meiner Autobiographie.Wenn man genau hinsieht, kann man überall MultiChronie entdecken: In Zeitungsartikeln, Fernsehberichten – und im eigenen Wahrnehmen und Denken.
 Zukunft: „Wohin gehe ich?“ 
(2030)Ich habe mich in meinen Science-Fiction-Erzählungen viel mit der Beziehung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beschäftigt (s. 1957). Die  →→ aktuellen technischen, politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen (Künstliche Intelligenz, Robotik, Digitalisierung, Raumfahrt, Energiewende) realisieren vieles davon in atemberaubender Geschwindigkeit – mit der drohenden Klimakatastrophe als Menetekel („Schrift an der Wand“) für die, welche es sehen wollen. MultiChronie pur: Denn in der jeweiligen Gegenwart werden die Tendenzen aus der Vergangenheit zu Weichen für die Zukunft.
Bild 3: Grund-Matrix multiChronaler Ereignisse mit persönlichem (Spalte 2) und historischen Anteil (Spalte 3): „Woher?“ – „Wo jetzt?“ – „Wohin?“ (Archiv JvS)

Die MultiChronie ist eine der typischen Friktionen innerhalb der multikulturellen Gesellschaft und zwischen den vielen Staaten der Erde. Auf der Selbst-Ebene des Individuums ist sie Grundlage für Kreativität:
° Schnelles Denken, wie es typisch für hochbegabte Kreative ist,
° und langsames, ja fast zeitloses Denken (s. Entschleunigung)
° müssen synchronisiert werden und wirken aufeinander ein.

Halluzinogene können dies fördern. Im Traum ist vermutlich – schon aufgrund der Multifunktionalität der Symbole – immer MultiChronie im Spiel. Dies ist wohl sogar eine der wesentlichen Funktionen des Traumlebens. Im (absichtslosen) Schreiben kommt man ebenfalls mit diesen Phänomenen in Kontakt.

MultiChronie ist DAS Charakteristikum der Science-Fiction weil diese Geschichten
° auf vergangenem Wissen basieren,
° in der Gegenwart als Buch oder Film realisiert werden
° und in der Zukunft spielen.

Ein sehr anschauliches Beispiel für eine besonders vielschichtige MultiChronie ist die Entdeckung des Similaun-Manns vulgo „Ötzi“:
° Um 3.300 v.Chr. lebend und zu Tode gekommen (also etwa 5.300 Jahre alt)
° wurde er 1991 im September von zwei Bergwanderern zufällig am Hauslabjoch an der österreichisch-italienischen Grenze entdeckt.
° Ab da wurde diese sehr gut erhaltenen (weil vom Gletschereis bedeckte) Mumie in an die 70 Institutionen erforscht – mit neuesten Erkenntnissen
° im Sommer 2023, als man bei einer neuen GEN-Analyse entdeckte, dass dieser Mann wohl so dunkelhäutig war wie seine Mumie heute aussieht (also keine nachträgliche Verfärbung eines hellhäutigen Menschen durch die Mumifizierung) und aus dem Osten stammt (Anatolien?)
Als weitere ZeitSchichten könnte man die Realisierung der beiden Filme betrachten:
° 1999 Der Ötztalmann und seine Welt (Doku-Fiction- Deutschland/Österreich).
° 2017 Der Mann aus dem Eis (Spielfilm mit Jürgen Vogel in der Titelrolle – Deutschland)

Als weitere Veranschaulichung von MultiChronie ein fiktiver Dialog aus der…

Begegnung mit einem Alien

„Die MultiChronie auf eurer Welt ist atemberaubend“, sagte Xytrblk und runzelte die Stirn.
„Was meinst du damit?“ fragte ich zurück.
„Steinigung, Auspeitschen und Handabhacken als Strafen für vergleichsweise lächerliche Vergehen wie Ehebruch, Beleidigung und Diebstahl, Verbot des Autofahrens für Frauen in den arabischen Ländern – und andrerseits das Internet, die erdnahe Raumfahrt und Atombomben in den westlichen hochtechnisierten Ländern. Dazu die Realisierung von Künstlicher Intelligenz einerseits – und andrerseits archaische lokale Subkulturen wie in Afghanistan oder Arabien, die stets gerne die technischen Errungenschaften der westlichen Industriestaaten übernehmen, vor allem in Gestalt von Waffen oder des Smartphone für die Kommunikation. Das ist das, was wir im übertragenen Sinne als Äußerer MultiChronie bezeichnen: Das gleichzeitig nebeneinander Existieren von historisch sehr weit auseinanderliegenden Phänomenen der Kultur und Gesellschaft.“
„Gibt es denn dann auch so etwas wie eine Innere MultiChronie?“
„Ja. Das ist die Existenz verschiedener ZeitSchichten innerhalb derselben Persönlichkeit. Ein Erwachsener kann völlig normal entsprechend den Vorstellungen und Regeln seiner Umgebung existieren. Aber ein Teil von ihm richtet sich nach völlig anderen Regeln, meistens denen aus dem Magischen Alter der Kindheit. So kann beispielsweise ein Naturwissenschaftler die Gesetze und Konstanten der Kernphysik und der Quantenmechanik akzeptieren – und in einer Notsituation rasch ein Stoßgebet um Hilfe zu einem Gott schicken, an den er, der Atheist, längst nicht mehr glaubt – sehr wohl aber das Kind, das er einmal war und das als Inneres Kind psychisch und geistig noch immer in den Tiefen seines Unbewussten existiert.“

Bild 4: Film Die Zeitmaschine (1960) nach H.G. Wells´ Roman von 1895 – wieder mal angeschaut 2023 – Bild.5: Film Zurück in die Zukunft (1985) mittels Zeitreise zurück ins Jahr 1955.

MultiChronale Brücken

Darunter verstehe ich gedankliche Verbindungen zwischen mindesten zwei ZeitSchichten und / oder zwischen einem persönlichen Ereignis und einem weltgeschichtlichen Situation.
Eine „kleine multiChronale Brücke“ ist es beispielsweise, wenn ich im Jahr 2023 beim morgendlichen Workout mit dem Expander daran denke, dass ich meinen ersten Expander 1954 als Vierzehnjähriger aufgrund einer Kleinanzeige in meiner damaligen Lieblingslektüre Jim Parkers Abenteuer im Weltraum bestellte und regelmäßig mit dem Gerät zu üben begann.
Eine „große multiChronale Brücke“ sieht etwas komplizierter aus. Sie verbindet mindestens drei ZeitSchichten und Persönliches mit Weltgeschichtlichem. Sie lässt sich nur in Form einer Tabelle darstellen – ein Beispiel finden Sie weiter oben in diesem Text in der Abb. 2.

ZeitSchichten + ZeitFäden = Innenwelt-Vernetzung

Mit ZeitSchichten bezeichne ich die verschiedenen Lebensabschnitte der eigenen Existenz. Sie prägen die horizontale Schichtung dessen, was zusammen mit den (vertikal verlaufenden) → ZeitFäden zur Innenwelt-Vernetzung wird (s. Abb. 7). In der folgenden Grafik (Abb. 5) ist im unteren Bereich gewissermaßen ab 1816 die Vorgeschichte angedeutet, die lange vor meiner Geburt beginnt, aber damals schon gewissermaßen Vorarbeit leistete bei Themen, die (in der nächsten Graphik) zu den ZeitFäden im eigenen Leben werden, zum Beispiel das Schreiben und die Science-Fiction oder der Tod.

Hervorgehoben sind die vier Orte, von denen drei (Rehau, München, das Oberwallis) zu richtigen Heimaten wurde – der Geburtsort Leipzig hat eine andere, nicht minder prägende Wirkung gehabt, mit ersten starken Erinnerungen.
Könnte man in die Abbildung hineinzoomen, würden die einzelnen Phasen sichtbar: „Früheste Kindheit“ (Leipzig), spätere Kindheit und erste Phase der Jugend (Rehau), die zweite Jugendphase (München ab März 1956), das Studium, die verschiedenen Phasen des Erwachsenseins (bei mir unterscheide ich deren acht – bis in hohe Alter mit Vorbereitung auf den Tod).

Bild 6: Die verschiedenen ZeitSchichten meines Lebens (Archiv JvS)

Die ZeitFäden ergeben eine ganz andere Schichtung: die vertikale. Ihre ZeitAnker (da, wo sie beginnen) befinden sich in unterschiedlichen „Tiefen“: Wäre dies der Stammbaum der Familie „vom Scheidt“ (der urkundlich angeblich bis ins Jahr 800 zurückreicht) sähe die Grafik ganz anders aus. Einige wichtige Fäden:

° Das Schreiben (schon der Urgroßvater Ferdinand Naumann schrieb 1886 Tagebuch, 1816 verfasste Mary Shelley ihren Frankenstein-Roman, der gewissermaßen der makabre Startschuss für die moderne Science-Fiction wurde und in der ersten dokumentierten Schreib-Werkstatt entstand). Mein eigenes Schreiben begann 1954 mit Tagebuch und 1956 mit eigenen SF-Geschichten.
° Die Science-Fiction-Literatur (1948 erste Begegnungen damit: Superman-Comic, Heftreihe Sun Koh – der Erbe von Atlantis, der Abenteuerroman Auf unbekanntem Stern von Anton M. Kolnberger).
° Die Begegnung mit dem Gevatter Tod (der hätte mich um ein Haar schon bei der Geburt abgeholt, auch später gab es noch einige Gelegenheiten „knapp vorbei“).
° Finanzen ist ein sehr interessanter Faden – da ist vom Millionär bis zur gescheiterten Existenz (die man nach Amerika verbannte) und zum Suizid aus finanzieller Verzweiflung und vielen gutbürgerlichen Existenzen in meiner Familie resp. bei den Vorfahren alles dabei.

Bild. 7: Die verschiedenen ZeitFäden meines Lebens (Archiv JvS)

Packt man die horizontalen ZeitSchichten und die vertikalen ZeitFäden in eine gemeinsame Darstellung, so sieht die darin sichtbar werdende Innenwelt-Vernetzung bei mir ungefähr so aus:

Bild 8: ZeitFäden und ZeitSchichten verknüpft zur Innenwelt-Vernetzung meines Lebens (Archiv JvS)

Um das obige ein wenig abzurunden, zu vertiefen und zu erweitern, stelle ich im folgenden Glossar alle Termine zusammen, die für das Thema „MultiChronie“ relevant sind. Wäre doch eine schöne Grundlage für (Achtung, jetzt wird´s zur Science-Fiction) ein „Institut zur Erforschung der MultiChronie und ihrer praktischen Anwendung in Privatleben und Beruf“ an einer renommierten Universität.

MultiChronie-Terminologie
– ein kleines Alphabet zum besseren Verständnis

Hier nur drei Beispiele, gewissermaßen als „Appetithappen“ – das komplette Glossar finden Sie hier im Blog unter MultiChronie: Glossar.

A-MultiChron = Augenblick : Aktueller Bewusstseins-Moment und –Inhalt → Enge des Bewusstseins.
Anker → ZeitAnker (Beginn eines → ZeitFadens)
Enge des Bewusstsein: Die Zeiteinheit (etwa 300 Millisekunden), die wir als „jetzt“ erleben. Man könnte sie als → MultiChron bezeichnen – denn schon in diesem winzigen (buchstäblichen) Augenblick wird nicht nur Gegenwärtiges realisiert, sondern auch mit vergangenen Eindrücken (Erinnerungen) verglichen und werden Entscheidung über „Wie weiter?“ getroffen: [. . . ]

Quellen
Brannagh, Kenneth (Regie): Mary Shelleys Frankenstein. USA 1994.
Freud, Sigmund: Die Traumdeutung. (Wien 1900). (Das 3. Kapitel „Der Traum von Irmas Injektion“ entstand 1895).
Myler, Lok (Pseudonym von Paul Afred Müller-Murnau): Sun Koh – der Erbe von Atlantis. Leipzig 1933-1936 (Bergmann-Verlag). Verschiedene Neuausgaben ab 1949.
Pal, George (Regie): Die Zeitmaschine. USA 1960 (Metro Goldwyn Mayer).
Scheidt, Jürgen vom: Freud und das Kokain. München 1973 (Kindler – Geist und Psyche).
Shelley, Mary Wollstonecraft: Frankenstein, oder: Der neue Prometheus. (London 1818). München 1980 (dtv Phantastica).
Wells, Herbert George: Die Zeitmaschine (London 1895). Hamburg 1956 (Rowohlt TB).
Zemeckis, Robert (Regie): Zurück in die Zukunft (Back to the Future). USA 1985 (Universal).

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