Anführer sein

Als Seminarleiter bin ich naturgemäß das, was man als „Anführer“ einer Gruppe bezeichnet. Was einen guten Anführer auszeichnet, habe ich im Sommersemester 1962 als Student bei Frau Dr. Neuwirth in der Vorlesung „Methoden der empirischen Sozialforschung“ gelernt. (Ja, ich habe mein Archiv gut in Schuss.) Es stand in dem Buch The Human Group von George C. Homans.
Der Beitrag, der mich darin, vor allem beeindruckte, handelte von einer Jugendgang und wie deren Anführer seinen Status bekam und erhielt: Wenn die Gruppe zum Kegelspielen ging, war er nicht etwa der beste Kegler, und schon gar nicht immer, sondern er spielte im Mittelfeld – nicht besonders gut, aber auch nicht besonders schlecht. Es war diese Kontinuität, bei der er den besten Keglern der Gruppe den Vorrang ließ – aber doch seine Kompetenz zeigte und das über einen längeren Zeitraum. Solche Leute sind in Kleingruppen beliebt, weil sie zwar selbstbewusst sind und sich etwas trauen („gute Kegler“) – aber sich nicht ständig egomanisch vordrängeln (wie ein gewisser amerikanischer Präsident, der endlich abgewählt wurde und dessen Namen ich nicht mehr nennen will).

Als ich diese empirische Studie in diesem Buch las, wurde mir etwas bewusst, was ich selbst als Kind falsch gemacht habe. Wenn es raus in den Wald zum Spielen ging, wollte ich immer der Anführer sein. Die Wünsche der anderen in der Gruppe waren mir egal – war ich doch „der Enkel vom Architekt Hertel“ mit entsprechendem Selbst- und Elitenbewusstsein. Das kam bei den anderen Kindern nicht immer gut an. Darüber gab es sogar echten Streit und teils heftige körperliche Auseinandersetzungen. Im Verlauf einer dieser Rangeleien haute ich etwa 1950 (also zehnjährig) wutentbrannt meinem aktuellen Rivalen (Dieter Wiltscheck, ein Flüchtlingskind) meine martialische Anführer-Keule über den Schädel – und rannte davon. Dieter musste einige Tage das Bett hüten, mit einer mords Beule am Kopf und entsprechenden Schmerzen. Und ich musste bei der Flüchtlingshalbfamilie antreten (Mutter und zwei Halbwaisen, der Vater im Krieg gefallen) und mit einem großen geräucherten Schinken und verlegen gemurmelten Entschuldigungen Abbitte leisten. Die Entschuldigung wurde mir gewährt – was sonst sollte eine Flüchtlingsfamilie in einem Ein-Zimmer-Notquartier über dem Rehauer Lichtspieltheater sonst tun.

Als Trommler voranmarschieren und den Ton angeben – das ist es (Privat 1943 – J v Sch dreijährig)

Ein andermal ging es ähnlich brutal zur Sache, etwa zwei Jahre später. Ein Nachbarjunge (Wolfgang Sack, ein Jahr älter als ich) machte mir wieder den „Anführer“ bei irgendeinem der vielen Spiele unter Nachbarkindern streitig. Wutentbrannt (den Jähzorn habe ich astrein von meinem Vater geerbt oder abgeguckt) packte ich ihn und rieb seinen Kopf an einer einem rauhverputzten Mäuerchen neben der Städtischen Sparkasse rauf und runter, bis seine Schwarte blutete. Dann rannte ich davon. Die anderen brüllend hinter mir her. Ich mit einem großen Schwung aufs Schuppendach vom Bauhof meines Großvaters Hertel (ja, eben der) und von oben auf meine Verfolger heruntergeifernd und spottend. Als mir Klaus Schenk bedrohlich nachkommen wollte, warf ich ihm in meiner Not von oben (aus gut zwei Metern Höhe) einen Ziegelstein auf den Schädel, der da zur Beschwerung der Dachpappe lag. Was für ein Massel hatten wir beide, dass ich ihn dabei nicht totschlug – da hätte nur die Kante des Ziegels seine Fontanelle treffen müssen!
So kam er mit heulender Blessur davon – und ich zog ab. Da hat nie ein Erwachsener eingegriffen; sein Vater war immerhin Rechtsanwalt. Heute stünde so etwas (und noch so mancher andere Bubenstreich, von dem ich vielleicht ein andermal berichte) auf der Titelseite der Bildzeitung. (Wie der Vorfall, als wir den Lehrer des Schuldirektors Lange an den Marterpfahl banden und mit unseren feststehenden Messer nach ihm warfen – hat er auch überlebt, mit einer blutenden Fleischwunde an der Wade – der Vorfall wurde nie zur Sprache gebracht. Doch darüber vielleicht ein andermal mehr – weil das auch so ein Lehrstück in Sachen „Coming of Age“ war.)

Mit Klaus Schenk hat sich nach diesem Vorfall übrigens eine lang anhaltende Freundschaft entwickelt. Wir machten ausgedehnte Spaziergänge in der Umgebung von Rehau, philosophierten über Gott und die Welt und trösteten uns gegenseitig über unsere Migräneattacken. Klaus, ein Jahr älter, hat mir 1954 die Tür zum Jazz aufgemacht – mit der Füllschriftplatte „Woody´ín with Woody“ von Woody Herman and his Herd. Was für eine großartige musikalische Welt hat sich mir da geöffnet und ist mir bis heute, 66 Jahre später, erhalten geblieben.

Solche Erlebnis haben mir nachhaltige Lektionen erteilt. Die wurde allerdings erst sehr viele Jahre später wirksam, als ich während der TZI-Ausbildung begriff und mühsam lernte, wie man sich in Gruppen „anständig“ und vor allem erfolgreich verhalten muss, wenn man ein echter Anführer sein will: Nämlich sich vor allem um die Belange der anderen zu kümmern und die eigenen Belange (ein wenig) zurückzustellen. Als Leiter der Gruppe immer auch Teilnehmer zu sein – und den Teilnehmern immer wieder Leiterfunktionen zu überlassen. Meine Frau Ruth war diesbezüglich ein Naturtalent – ich musste mir erst den „Enkel vom Architekt Hertel“ abschminken. Aber in mehr als tausend Seminaren habe ich das Üben können.

Bibliographie
Hermann, Woody (Woodrow Charles Herman ): Woody´in with Woody (das muss eine Auskoppelung auf Füllschriftplatte aus der Longplay „Men from Mars“ von 1954 oder „Swinging with the Woodchoppers“ von 1950 gewesen sein).
Homans, George C.: The Human Group. (1950).

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