Weihnachten – zuende gedacht

Wir Erwachsenen in der Familie schenken uns schon lange nichts mehr. Geschenke sind für Kindern – und auch die sollte man nicht mir einer Überfülle traktieren. Ich selbst kann mich noch gut an die Nachkriegszeit erinnern, als es kaum das Notwendigste zum Überleben gab und man sich über ein Buch und ein paar Plätzchen und den alljährlichen Stollen freute und über einen leckeren Gänsebraten…

Obwohl 1:  Fleisch essen ist ja nicht mehr so angesagt. Und wenn ich auf einer Speisekarte das Wort „Lammbraten“ lese, kann ich mir nicht helfen: Ich sehe die Lämmer auf einer Wiese im Wallis hüpfen und mir dreht es den Magen um, das zu Ende zu denken. Bei einer Gans ist das Mitgefühl nicht gans so groß…

Obwohl 2: Ich bin mir bewusst, dass es müßig ist, den jüngeren Generationen was „vom Krieg“ zu erzählen. Ein Besuch bei syrischen Flüchtlingen in einer Notunterkunft könnte dem allerdings leicht auf die Sprünge helfen – oder eine Doku im Fernsehen über das zerbombte Aleppo oder Mogadischu oder Kabul unserer Tage.  Dort sieht nämlich heute genauso aus wie 1945 in München und Würzburg und Berlin und Dresden und Hamburg…

Abb: Wie illustriere ich Weihnachten – ohne dass es kitschig wirkt? Krippe – Geschenkeberg – stralende Kindergesichter – oder dieses Spielzeugauto mit dem Spielzeug-Christbaum? (Photo by Kristina Paukshtite on Pexels.com)

Es ist auch totaler Blödsinn, die aktuelle Corona-Pandemie mit einem Krieg zu vergleichen oder gar mit dem Zweiten Weltkrieg mit seinen 55 (65?) Millionen Todesopfern. Nicht nur deshalb, weil die Zahl der Opfer damit verglichen sehr gering ist und wir ja eine unglaublich fixe und tüchtige Pharmazie haben, die Impfstoffe schon nach kaum einem Jahr zur Verfügung stellt (bei Ebola dauerte es noch 16 Jahre!) – sondern auch, weil nicht komplette Städte durch Bombenterror in Schutt und Asche gelegt werden und die Infrastrukturen der Versorgung gleich mit.

Sei dem wie dem sei: Corona hat uns mit dem neuerlichen Lockdown eine erstaunliche Besinnlichkeit und Entschleunigung (!) aufgezwungen. Und dafür sollte man der Pandemie wirklich danken.
Worin ich gar nicht einstimmen kann, das ist die Heraufbeschwörung eines weltweiten christlichen Weihnachtsgesummses. Zum einen, weil das den übrigen sechs Milliarden Nicht-Christen ziemlich egal sein dürfte oder ihnen nur übel aufstößt. Zum anderen, weil das Christentum zwei Jahrtausende lang unglaubliches Elend über die Welt gebracht hat – nämlich über viele dieser Nichtchristen – und über die jeweiligen „Ketzer“ und „Reformwilligen“, die man in Folterkellern geschunden hat und bei lebendigem Leib verbrannte.
Das „liebe Jesuskind in der Krippe“, das da heuchlerisch an Weihnachten verehrt wird – geschenkt! Man hat es (wenn die Überlieferung zutrifft) am Kreuz elend zu Tode gequält und die Verheißung, der Gekreuzigte sei von den Toten auferstanden und „gen Himmel gefahren, sitzend zur Rechten Gottes“ – das ist nur eine der vielen Lügen, die sich wunderbar in die Reihe der Missbrauchs-Skandale der Gegenwart einreiht – als „geistiger Missbrauch“. Denn was man da Kindern und Jugendlichen (von denen ich auch mal einer war) von kleinauf an Phantastereien und ja – Lügengeschichten – aufgetischt hat,. das geht wirklich auf keine Kuhhaut und ist kein gutes Vorbild für irgendjemanden in der heutigen Zeit.

Wissenschaft rettet uns vor Corona und dergleichen Misshelligkeiten – nicht Gebete und Aberglauben jeder Couleur.

Die christliche Kirche hat Jesus von Anfang an verraten (und damit sinnbildlich „ans Kreuz geschlagen“), indem sie Abweichler als Ketzer verleumdete und verfolgte und tötete – von den unzähligen „Ungläubigen“ in anderen Ländern und Kulturen ganz zu schweigen, die der christliche Kolonialismus („Machet euch die Erde untertan“) auf dem Konto hat, und gar zu schweigen von den Juden (die nicht missionieren!). Von wegen „Liebe deinen Nächsten…“, wie es das christliche Ur-Gebot fordert.

Drei Jahrzehnte dauerte der „Dreißigjährige Krieg“ – ein Religionskrieg unter anderem. Es war natürlich (genau wie vor nicht allzu langer Zeit der Konflikt in Irland zwischen Katholiken und Protestanten) vor allem eine machtpolitische Auseinandersetzung – aber befeuert wurde sie von den Priestern auf beiden Seiten, die noch im Ersten Weltkrieg „die Waffnen segneten“. Oder die vom „Willen Gottes“ faselten und schon zur Zeit der Kreuzzüge die abendländischen Mörderbanden auf die Juden und die Moslems hetzten (obwohl diese „Opfer“ ihrerseits nicht zimperlich waren – Altes Testament und Koran legen davon beredtes Zeugnis ab).

Und dann ist da noch das ungeheure Elend, das nicht nur christliche Männer den Frauen überall auf der Welt bereitet haben – auch das „im Namen Gottes“. Eines „persönlichen Gottes“ – der nichts weiter ist als eine Erfindung menschlicher Kreativität und Phantasie.

Ja, dieses Weihnachten erfüllt mich großem Zorn ob der Heuchelei allüberall. Aber ich freue mich natürlich auch, dass das Christentum (und die anderen Religionen) viel Gutes über die Menschen gebracht und sie gezähmt haben mit Geboten und Verboten. Was wäre mein Schreiben ohne die selbstausbeuterische Tätigkeit der fleißigen Mönche in den Klöstern, die nicht nur Kräuterpharmazie und medizinisches Wissen weitergaben – sondern auch die alten Manuskripte von Hand sorgfältig im Schein von Ölfunzeln abschrieben und abschrieben und abschrieben – bis ein gewisser Gutenberg und seinesgleichen ihnen die Arbeit abnahmen…

Und ja, Weihnachten erfreut mich auch, weil überall viel Hoffnung aufschimmert – trotz Christentum und seinem Aberglauben und dem der anderen Religionen. Denn die Naturwissenschaften und die von ihnen befeuerten Techniken erleichtern unser Leben, das dem „Paradies“ schon sehr ähnlich ist, welches früheren Generationen nur für den Nimmerleinstag verheißenen wurde wie dem Esel die vors Maul gehaltene Karotte.

Und ebenfalls ja: Es gibt noch immer diese Idioten, die den Klimawandel leugnen – und wir sind für ihn verantwortlich – wir alle. Wir müssen etwas dagegen tun. Greta Thunberg hat nicht die Bibel in die Hand genommen, wie dieser dämonische Zundlfrieder im Weißen Haus, sondern sich selbst hin gestellt und gesagt: „Ich fürchte mich – das Haus brennt und ihr löscht nicht, sondern gießt Benzin ins Feuer“ – oder so ähnlich hat sie sich ausgedrückt. Das ist „wahre christliche Nächstenliebe“ (nennt sich nur zum Glück nicht so) – nicht wie das von weihnachtlichen Kirchenkanzeln herab (!) beschworene abergläubische Gerede, das sinnlos weiterverbreitet wird und mich schon als Kind angeödet und gelangweilt und rebellisch gemacht hat.

Naturwissenschaften und Technik retten uns in der Corona-Pandemie. Auch eine Folge wissenschaftlichen Denkens und Aufklärung: In Mitteleuropa herrscht seit 75 Jahren Frieden – unvorstellbar für frühere Generationen, von denen JEDE ihren Krieg hatte. Dass es andernorts kleinere Kriege und Gemetzel gibt, das werden künftige Generationen auch noch lösen. Da bin ich sehr hoffnungsvoll. Weil es das Vorbild „75 Jahren Frieden in Europa“ gibt. So wie es seit Ende 1989 das Vorbild „Wiedervereinigung ohne Blutvergießen“ gibt.

Dass überall die nationalistischen Scharfmachern wieder mit ihren Säbel rasseln –  das gehört zum Rollback nach jeder positiven Entwicklung. Da lecken dann die Ewiggestrigen ihre Wunden, die Nazis kriechen wieder aus den Kellern, in denen sie sich versteckt hielten – Es ist ein ständiges hin und her. Aber 1941 stellte, mitten im Zweiten Weltkrieg, der englische Historiker Gordon Childe am Ende seiner Stufen der Kultur erleichtert fest:

„Der Fortschritt ist wirklich, wenn auch nicht immer stetig. Die aufwärts gerichtete Kurve löst sich in eine Reihe von Gipfeln und Tälern auf. Aber in den Gebieten, welche die Archäologie wie auch die geschriebene Geschichte überblicken können, sinkt kein Tal jemals bis auf das niedrigste Niveau des vorhergehenden ab, überragt jeder Gipfel den vorhergehenden.

Es gibt kein „Entweder – oder“ („Deine Rede sei Ja Ja…“). Das ist unmenschlich. Menschlich ist nur das „Sowohl … als auch“. Die Entscheidungen eine Weile in der Schwebe halten. Das ist gelebte Demokratie. Das wäre für mich gelebtes Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus, Shintoismus, Animismus – ohne die Feindbilder von „Ungläubigen“.
Insofern hat das „Kind in der Krippe“ doch auch etwas Tröstliches. Den aus ihm kann alles Mögliche werden. Es muss ja nicht unbedingt zum Gekreuzigten werden, der „sein Leben für uns gegeben hat“. Hat er nicht. Er wurde brutal getötet, Und das war´s. Und wir sind für unser Leben selbst verantwortlich – und in Grenzen auch für das unserer Mitmenschen. Diese Einstellung wird gerne als „Selbsterlösung“ diffamiert. Aber es ist die einzig mögliche Variante.

Ende meiner Weihnachts-Predigt.

Bibliographie
Childe, Gordon: Stufen der Kultur. (1941) Stuttgart 1952 (Kohlhammer), S. 348.

aut #990 _ 2020-12-27/16:04

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