Monopteros nah – Galaxien fern

Mit dem Fahrrad bin ich jetzt in einer Viertelstunde im Englischen Garten. Als wir noch in der Seestraße wohnten, waren es zu Fuß drei Minuten und da war der Nördliche Teil des Parks unser Auslauf. Heute, nachdem Umzug 2011, wurde, weil leichter erreichbar, der Südliche Teil hinter dem Haus der Kunst allmählich das Ziel. Hat einen großen Nachteil: Man ist fast mitten in der Stadt (was man am Straßenlärm merkt) und man ist eigentlich immer unter Horden anderer Menschen. Im Nordteil ist man fast allein und der Park hat mehr Naturcharakter.
Im Südteil spürt man überall die Künstlichkeit der Anlage – aber trotzdem ist es schön hier. Da ist zum einen das kleine Stauwehr hinter dem HdK – und da ist der Monopteros. Man hat sogar den Hügel künstlich angelegt, durch den er zum großartigen Aussichtsturm mit Rundblick in das Zentrum Münchens mit Hofgarten, Residenz, Theatinerkirche und Frauenkirche und Universität wird.

Abb. 1: Der Monopteros im Englischen Garten – am späten Nachmittag des 26. Dez 2020 (Foto: J vom Sch)

Aber eigentlich möchte ich von etwas ganz anderem berichten – einem großartigen Film, den ich mir immer wieder anschaue und der genau hier am Monopteros, auf der großen Wiese davor, beginnt: Zehn hoch – von und mit Prof. Harald Lesch.
Der Physiker und Naturphilosoph steht mitten im Grünen, vor dieseser passenden griechisch-antiken Kulisse, und erzählt von den heutigen Kenntnissen über die Natur. Sein Kunstgriff ist dabei, den Menschen (von ihm selbst verkörpert) als Ausgangspunkt und Maß zu nehmen – etwa ein bis zwei Meter, also „zehn hoch 0“ misst der Kubus, von dem aus wir die Welt erfahren und gestalten – das „menschliche Urmaß“ gewissermaßen.
Dann geht es in zunächst kleinen, dann immer gewaltigeren Sprüngen hinauf in den Himmel, dann den Weltenraum. „Zehn hoch eins“, das sind gerade mal zehn Meter. Aber dann sind es hundert, tausend … dann Kilometer … dann Lichtjahre … und schließlich, in zig Milliarden Lichtjahren Entfernung („zehn hoch 26“) sind wir am Rand des beobachtbaren Universum – im Nichts, im absoluten Vakuum, wo Raum und Zeit aufhören. Theoretisch jedenfalls – denn dort war noch nie ein Mensch und dort wird auch nie einer sein.
Die Reise geht zurück, führt wieder zu Harald Lesch vor dem Monopteros – zoomt auf seine Hand. Und nun beginnt eine ebenso verblüffende Reise nach innen, wieder in Zehnerschritten: „zehn hoch minus 1“ – bis „zehn hoch minus 35“, wo wir wieder im Nichts landen, wo nur ab und zu eine Quantenfluktuation im totalen Vakuum aufschimmert und wieder vergeht – niemand weiß woher sie kommt und wohin sie geht.

Abb. 2: Die DVD „10 hoch“ (Komplett Media)

Diese Doku ist inzwischen zehn Jahre alt. Heute würde man das weit opulenter mit CGI in der Art ausgestalten und anreichern, die Science-Fiction-Filme wie Valerian und Guardians of the Galaxy und Passenger zu so atemberaubenden Hinguckern macht und wo man eine gewisse Ahnung davon bekommt, was das Universum nicht nur an grauenvoller Leere präsentiert – sondern auch an unglaublicher Schönheit, wie jeder Blick in einen klaren nächtlichen Sternhimmel offenbart.
Aber diese Doku führt einem das Wesentliche vor Augen und das macht sie gut. –
Kleiner Wermutstropfen in dieses Lob: Was leider verschwiegen wird, ist das Vorbild dieses Films: Powers of Ten von Charles und Ray Eames aus dem Jahr 1977 (von IBM gesponsert) dauerte nur 9 ½ Minuten – aber es war bereits alles drin an Ideen und optischer Umsetzung, was in dem Film mit Lesch 85 Minuten dauert: Die Sprünge mit Zehner-Potenzen nach draußen ins Äußere Universum des Makrokosmos und zurück auf die Hand und von dort hinein in den Mikrokosmos. Nur platziert Eames die Geschichte in einen Park in Chicago – und Lesch nimmt den Englischen Garten in München als Kulisse. Doch der Film von Eames wird ebenso wenig erwähnt wie das großartige Sachbuch, das Philip und Phylis Morris aus Eames Filmchen gemacht haben: Zehn hoch: Dimensionen zwischen Quarks und Galaxien.

Abb. 3: Das Buch „Zehn hoch“ von Philip und Phylis Morrison (Spektrum Verlag)

Bibliographie
Eames, Charles und Ray: Powers of Ten. USA 1977.
Morrison, Philip und Phylis: Zehn hoch: Dimensionen zwischen Quarks und Galaxien. (USA 1982).
Heidelberg 1984 (Spektrum der Wissenschaft).
Windorfer, Gerhard und Lenz, Herbert (und Harald Lesch als Sprecher und Moderator): 10 hoch 26 bis
minus 5: Universum und Quanten. München 2010 (Komplett Media).

aut #1148 _ 2020-12-26/18:24

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