Zeitung lesen – Thesauros füttern

Sie denken wahrscheinlich, dazu muss man doch nicht extra was bloggen: Zeitung lesen. Das macht man doch einfach so. Aber ich kann nur sagen, dass das viele Menschen zwar gewohnt sind – aber manche eben nicht. Als Student habe ich mal bei einer Messe gejobbt. Bei einer der Pausen kam ich an einem Würstchenstand mit dem Würstlbrater und seiner Frau ins Gespräch – „einfach Leute“, wie man so sagt. Auf ihre Frage nach meinem Beruf („Student der Psychologie“) kam von dem Mann die Antwort: „Da müssen sie aber viele Bücher lesen – das wär nix für mich – ich krieg schon Kopfschmerzen, wenn ich die Bildzeitung lese.“

Aber ich will auf was anderes raus. Normalerweise lesen Sie Ihre Zeitung – und werfen diese dann in den Papiermüll. Ich lese ganz anders.
Zum einen: Für mich ist Zeitunglesen Teil meiner täglichen Arbeit. Das ist meine Form des „Lebenslangen Lernens“ und der Fortbildung (sollte man auch mit 80 noch ernsthaft betreiben – man weiß ja nie – wie alt man noch wird).
Zum anderen: Ich lese die Süddeutsche von hinten nach vorne und zwar sehr rasch. Ich scanne gewissermaßen erst den Bayern-Teil, dann den Lokalteil, die Beiträge zu den Stadtteilen, dann den München-Teil.
Das heißt: Zuallererst durchfliege ich rasch den Sport – nicht, weil mich Fußball oder dergleichen besonders interessiert (über Judo lese ich gerne was, weil ich selber mal trainiert habe). Aber im Sport-Teil suche ich nach Schlagzeilen, in denen der Begriff „Entschleunigung“ vorkommt – ist so eine Marotte von mir. Habe ich tatsächlich schon zweimal entdeckt, obwohl es beim Sport doch eigentlich immer ums Gegenteil geht: möglichst schneller zu rennen, oder höher, weiter zu springen – Rekorde zu brechen – also zu beschleunigen.

Wenn ich so etwas entdecke (kommt eher im Wirtschaftsteil oder im Feuilleton vor oder in der Politik), schneide ich den Artikel erst einmal aus. Richtig gelesen wird das alles in Ruhe später; das sind meistens an die zehn Artikel oder so.

Der dritte Schritt ist schon aufwändiger: Ich füge Clippings, die mich wirklich interessieren, meinem Archiv ein.

Ich habe meinem Vater früher irritiert zugeschaut, wenn er etwas aus der Zeitung „schnippelte“ (wie der Rest der Familie das abschätzig nannte). Irgendwann warf er die Schnipsel weg. Und begann anderntags bei einer neuen Zeitung von vorne. Das erschien mir irgendwie so sinnlos. In seinen Kopf konnte ich ja nicht reingucken. Ich hätte als Schülern nicht im Traum gedacht, dass ich das später ähnlich machen würde. Nur hatte ich da schon ein Archiv, in dem ich diese Zeitungsausschnitte nach Themen geordnet in Hängemappen einsortierte, zur allfälligen Verwendung bei einem der Text-Projekte, die ich bearbeitete. Das war gewissermaßen außer meinen eigenen Gedanken und Recherche-Ergebnisse wie Zitaten aus Büchern anderer Autoren, so etwas wie mein Rohmaterial – Bausteine für die papierenen Gebäude, die allmählich Gestalt als Buchmanuskripte annahmen. Wenn es gut ausging. Vieles war natürlich irgendwann veraltet oder sonstwie überholt, wahrscheinlich sogar das meiste. Aber das weiß man ja vorher nicht. Jedenfalls häuft sich da doch aus der Zeitungslektüre allmählich einer richtiger Schatz an Informationen an – weshalb man so ein Hängemappen-Archiv zu Recht als „Thesauros“ bezeichnet, was, aus dem Griechischen stammend , wörtlich heißt: „Schatz aus Gold“. Das erste Mal sah ich so einen „Goldschatz“ (in Form von an die tausend Hängemappen in einem großen Registerschrank) im Forschungsinstitut des Biokybernetikers Frederik Vester. Tief beeindruckt wusste ich bald: Sowas will ich auch mal haben. Habe ich auch inzwischen. Mit tun nur meine Nachkommen leid, die das alles nach meinem Tod entsorgen müssen. Aber das ist deren Problem – ich schnipple weiter und sammle und archiviere – und verstehe meinen Vater ein wenig besser.)

Wie so eine Clipping-Manie in Extremform aussehen könnte, das habe ich in einer Kurzgeschichte dramatisiert. Sie ist enthalten in meiner Anthologie Blues für Fagott und zersägte Jungfrau und hat den Titel: Der Archivar der Zukunft„.

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