„I bombed Munich“

Das Paar, das ich im „Hotel Victoria“ am Bahnhofsplatz in Brig etwa 1992 beobachtete, hatte sichtlich ein Problem: Die Frau war irgendwie nicht gut zu Fuß. Mir fiel ein, dass man gleich gegenüber in der Gepäckaufbewahrung des Bahnhofs Rollstühle ausleihen konnte. Das hatte ich zufällig einmal mitbekommen, denn in diesem Bahnhof bin ich viele Jahre mehrmals im Jahr bei meinen Wallis-Reisen gewesen.

Ich bot meine Hilfe an und so kamen wir ins Gespräch, das bald eine ungeahnte Wendung nehmen sollte. Das Paar stammte aus Amerika und wollte Urlaub hierin der Gegend machen. Die Frau war gestützt und so wollten die beiden mit dem Zug nach Genf zu einer Klinik – aber wie die Reise dorthin bewältigen? Das technische Problem war rasch geklrt und ein Rollstuhl beschafft. Die Zeit zur Abfahrt ihres Zuges nach Genf nützten wir für ein langes Gespräch auf Englisch – sie dankbar für meine Hilfe und ich dankbar, „to polish up my English“.

Man fragte natürlich auch nach dem „woher“. Den amerikanischen Heimatort der beiden weiß ich nicht mehr. Aber ich weiß noch, was geschah, als ich im Gegenzug „Munich“ als meinen Ort nannte. Plötzlich wurde der Mann (er muss damals so um die 70 gewesen sein) sehr still und sagte schließlich sichtlich beklommen:

„During the war, I was pilot with the Air Force. And I bombed Munich.“

Er war sichtlich erleichtert, als ich ihm erklärte, dass ich zwar heute in München leben würde – aber dorthin erst 1956, also lange nach dem Krieg umgezogen sei.

Seltsam, dass mir das gerade jetzt wieder einfällt, wo in den USA dank Donald Trump alles drunter und drüber geht und Gewalttaten ganz anderer Art die Medien dominieren. Wo die Barbaren in das Capital eindringen und es verwüsten. Für mich war es damals, im „Hotel Victoria“, Anlass gewesen, zu erzählen, wie dankbar ich als Kind war, dass die Amerikaner im Mai 1945 in Rehau auftauchten und der Krieg endlich zu Ende war. Dass wir mit den jungen GI´s, die unseren Ort an den Ausfallstraßen „bewachten“, spielen durften. Dass ein junger GI, der mit meinem Vater im Militär-LKW ins benachbarte tschechische Pilsen fuhr, um dort Bier zu organisieren, und dessen Namen ich nicht kannte, mein großer Freund wurde, den ich „Herr Mister“ nannte, nicht wissend, dass das doppelt gemoppelt war (heute würde ich sagen: ein Oxymoron).
Dass ich der von den Amerikanern bald eingerichteten zweisprachigen Bibliothek viele spannende Bücher verdankte…

Dass ich den amerikanischen Piloten, die in diesen unheimlichen Bomberschwärmen während des über unseren Köpfen Richtung München oder Berlin oder Leipzig oder Dresden mit ihrer zerstörerischen Last flogen, auch so manchen Albtraum und den Schrecken der Sirenen verdanke (die mir noch heute reflexartiges Erstarren auslösen) – das erzählte ich nicht. Vielleicht ist es mir da auch gar nicht eingefallen. Rehau wurde ja nie bombardiert. Und Brig 1992- das war eine völlig andere Zeit und ein völlig anderer Ort – und auch die Menschen waren völlig anders. Eine dieser seltsamen Zufallsbegegnungen, die scheinbar Unvereinbares plötzlich in einen Zusammenhang bringen.

047 _ aut #917 _ 2021-01-11/16:55

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