Begegnung mit Lothar Heinecke

Lothar Heinecke starb im März 1964 nach einem Autounfall im Krankenhaus an einer Embolie. Er war für mich, der ich wesentlich jünger war, Ende der 1950er Jahre so etwas wie ein Mentor. Er führte mich damals in die angloamerikanische SF ein, war ein kritisch-wohlwollender SF-Fan und -Leser, Übersetzer und verdienstvoller Herausgeber (Galaxy Science Fiction in deutscher Sprache).

Von links: Der Buchagent Wolf Detlef Rohr, Walter Ernsting alias Clark Darlton und Lothar Heinecke 1958 (Mit freundlicher Genehmigung der Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt)

Durch seine coole, selbstbewusste Art wurde er damals zu einem wesentlichen Einfluss in meinem Leben, den ich erst viele Jahre später richtig begriff und schätzen lernte. Er brachte mir den Cool Jazz des „Modern Jazz Quartett“ nahe und liebte Duke Ellingtons „Liberian Suite“, darin besonders Al Hibblers Titelsong „I like the Sunrise“, die zur Filmmusik in dem deutschen Film Jonas von Ottomar Domnick (1907-1989) wurde. Diesen Film schaute ich mir im Royal-Kino (nicht weit von seiner Mansardenwohnung) auf seine Empfehlung hin an. An die Titelfigur des Jonas-Films (gespielt von Robert Graf) hat Lothar mich immer erinnert. Der Einfluss war so stark, dass ich meinen dritten Sohn nach ihm „Jonas“ genannt habe.
Hier der Nachruf, den ich nach seinem plötzlichen Tod verfasste, erschienen in dem semiprofessionellen SF-Magazin Pioneer der Wiener SF-Gruppe um Axel Melhardt.

Seltsamer Gedanke, während ich diesen Beitrag schrieb: Lothar wäre heute, 2021, ungefähr 100 Jahr alt, wenn er noch leben würde.

Die deutsche Ausgabe von Galaxy – 1958/59 in 15 Ausgaben herausgegeben und übersetzt von Lothar Heinecke (11. Aug 1925 bis März 1964) (Moewig Verlag)

“Some will not die” (Algis Budrys)


Als die deutschsprachige Ausgabe von GALAXY eingestellt wurde, weil sie für den Großteil der Leser augenscheinlich zu anspruchsvoll war, da schrieb Lothar Heinecke in MUNICH ROUND UP einen Nachruf. Er überschrieb ihn: Das Ende von Etwas

Diesen Titel wählte er bewusst in Anlehnung an eine der mehr als hundert Geschichten, die er Anfang der 60er Jahre für die deutsche Ausgabe des amerikanischen SF-Magazins GALAXY im Heyne-Verlag auswählte und übersetzte, mustergültig auswählte und übersetzte. Mit diesem Titel wollte ich zuerst auch diesen Nachruf überschreiben.
Warum ich es nicht tat?
Damals, als mit diesem Magazin nach den Weltraumbüchern des Rauch-Verlags ein Jahrzehnt zuvor der zweite Anlauf gescheitert war, seriöse SF in Deutschland einzuführen, da war dieses „Ende von Etwas“ mehr als nur ein Erinnerungsseufzer. Es war gleichzeitig eine Art Bilanz. Bald danach wanderten Lothars Interessen zum Kriminalroman und zu alten Schiffsmodellen ab. Die Arbeit mit Science Fiction war wohl eine seiner großen Hoffnungen gewesen, ein Wunschtraum und zugleich eine Möglichkeit, dem Leben einen neuen Zielpunkt zu gaben. Die Enttäuschung dieser Hoffnung war mehr als nur „Das Ende von Etwas“. Wenn man unter diesen „Etwas“ Science-Fiction versteht.
Es änderte sich noch mehr. Er, der so lange als der ewige Student und Bohemien galt, studierte Werbegrafik und wurde zunächst Angestellter, dann rasch Filial-Chef einer Werbeagentur. Er zeigte, dass er nicht nur sprühende Phantasie und Esprit hatte, sondern dass er auch handfeste Wirklichkeit gestalten konnte. Aus dem gelegentlichen Übersetzer, Titelbildphotographen und SF-Agenten wurde ein pflichtbewusster Geschäftsmann, der Karriere machte. Aus dem unverbesserlichen Junggesellen wurde ein Ehemann. Doch der Sprung ins bürgerliche Lehen machte ihn nicht zum Spießbürger. Solche Metamorphosen waren ihm unmöglich. Und seine Mansardenwohnung, ein erstaunlich großes und gemütliches Zimmer mit Nebennischen und Dunkelkammer und Küche und Bibliothek in einem – sie war weiterhin gemütlich, so wie früher schon das Atelier, in dem ich ihn kennenlernte, und das wir gemeinsam ausgemalt haben – zum Teil mit schwarzen Flächen!

Auch meine Interessen wandelten sich. Er selbst hat mir oft ernsthaft und verständnisvoll zugeredet — nicht von der hohen Warte des bald zwanzig Jahre Älteren herab. Er hat mir gute Tipps aus seiner eigenen Studienzeit gegeben. Er half mir, meinen Stil zu verbessern — nicht nur den literarischen Stil — und er nannte mir die lesenswerten Autoren, egal, ob sie Ernest Hemingway oder Alfred Bester hießen.
Hatten uns früher SF-Themen sehr oft zusammengeführt, so sahen wir uns jetzt nur noch selten. Etwa, wenn ich ihm mit Waldemar Kumming vom SF-Club Zeitschriften vom amerikanischen Newsstand mitbrachte. Oder bei einer Gartenparty, die Herbert W. Franke am Ammersee gab. Oder bei einer Tasse Ness-Kaffee, die wie eh und je aus einer Tasse getrunken wurde, die man sich vorher selbst abspülen musste.
Die SF, durch die wir uns 1956 kennengelernt hatten, war weit in den Hintergrund getreten. Nur ein Stapel verstaubter ASTOUNDING, einige zerlesene Pocket Books mit den surrealistischen Umschlägen von Richard Powers, 15 von ihm herausgegebene und übersetzte GALAXIS, einige von ihm übersetzte utopische Leihbuchromane — sie bleiben, als Erinnerungen an „Etwas“. Währenddessen leimte er nach vergilbten Vorlagen aus winzigen, widerspenstigen Holzstückchen einen alten Windjammer modellgetreu nach. Währenddessen übertraf die Reihe der Krimis in seinem Bücherschrank die der SF-Romane immer mehr — nur in der bleibend hohen Qualität zeigte sich, dass er eigentlich derselbe geblieben war.
Noch immer schlich eine der Katzen herum, von denen er ständig eine besaß, wenn sie nicht gerade vom Balkon gefallen war. Die verrückten Graphiken mit Zufallsfiguren aus farbigen Lacken und die futuristischen Tusche-Landschaften vermehrten sich in der Holztruhe, desgleichen die experimentellen Großphotographien.
Im Herbst eines letzten Jahres (1963) nahm er ein Portrait von mir auf für die Moewig-Ausgabe meines Romans Sternvogel, über den wir uns noch stritten und lustig machten.
Im Winter ging ich mit ihm und seiner Frau in die Nachtvorstellung im Isabella-Kino. Man zeigte Das Schloss im Schatten, einen englischen Farbfilm mit Stewart Granger.
Im April 1964 telefonierte ich von Stuttgart aus mit München. Da erfuhr ich, dass er verunglückt war. Auf der Autobahn bremste plötzlich vor ihm ein Wagen. Er prallte dagegen, wurde ins Freie geschleudert. Mit einem Oberschenkelbruch lieferte man ihn ins Krankenhaus ein. Er arbeitete abends im Klinikbett noch an einer großen Werbe-Kampagne. Nachts starb er an einer Herzembolie.

Wie viele Menschen sieht man tagtäglich, ohne dass man sie vermissen würde, wenn sie eines Morgens verschwunden wären. Und dann merkt man während eines Ferngesprächs, dass man einen Freund verloren hat.
Ich weiß nicht genau, wann er geboren wurde, wo er geboren wurde (irgendwo in Sachsen oder Thüringen – er verlor nie ganz seinen leichten sächselnden Akzent).
Er liebte den Klang des Vibraphons und die kühle Intellektualität des Modern Jazz Quartett. Er liebte den Song „I Like the Sunrise“, den Al Hibbler in Duke Ellingtons Liberian Suite singt, Diese Suite liefert die Filmmusik zu Jonas von Ottomar Domnick. Lothar Heinecke erinnert mich immer, seltsame Assoziation, an diesen Jonas.
Er brachte mich darauf, dass die Science-Fiction eine große Verwandtschaft mit dem Surrealismus aufweist (was er mit den Buchumschlägen der amerikanischen Ballantine Pocketbooks belegte); und er hatte viele solcher origineller Ideen.

Das Ende von Etwas?

Ein Portrait, das er von mir aufgenommen hat…
15 Ausgaben von GALAXIS, einige Übersetzungen…
Eine Handvoll Erinnerungen, die jetzt nur noch ich erinnere…
Irgendein winziges Etwas ist nie völlig zu Ende.

Das erwähnte Portrait, das Lothar am 04. März 1958 von mir aufgenommen hat (Archiv JvS)

Quellen
Heinecke, Lothar: „Das Ende von etwas“. In: Munich Round Up 1959.
Scheidt, Jürgen vom: „In Memoriam Lothar Heinecke“. In: Pioneer Nr. 19, Wien Sommer 1964.
Wikipedia: „Lothar Heinecke“.

144 _ aut #586 _ 2021-03-24/17:50

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