„Der Fortschritt ist wirklich, wenn auch nicht immer stetig. „

„Das längst überwunden Geglaubte scheint uns nachzukriechen. Demokratien verschwinden. Fundamentalisten finden neue Anhänger, und der Populismus macht sich in der Mitte der Gesellschaft breit. Ich bin nicht sicher, dass die Ursache dafür im durch die Globalisierung beförderten Zusammenprall sehr unterschiedlicher Kulturen zu suchen ist…“

Das schrieb mir eben Christa H. als Kommentar zu meinem letzten Beitrag über MultiChronie als Methode der Erforschung von sich selbst und… .
Ich bedanke mich an dieser Stelle bei ihr herzlich für ihren Denkanstoß, der mich zu folgender Antwort und diesem Beitrag inspiriert hat:

Wenn man die Sanduhr hinlegen und die verfließende Zeit anhalten – oder sie gar rückwärts laufen lassen könnte! (Archiv JvS)

Ich sehe das Erstarken des Rechtspopulismus (der ja durchaus sein Spiegelbild auf der linksradikalen Seite hat – s. Berlin, Hamburg und Leipzig, wenn die Autonomen wüten) als den zu erwartenden Roll-Back der Ewiggestrigen – die man eben irgendwann auch „mitnehmen“ muss.
Als Jahrgang 40 habe ich das Gegenteil erlebt: Wie aus Nazi-Deutschland doch recht schnell die demokratische Bundesrepublik wurde, und zwar durchaus zuverlässig.
Der Preis dafür: Die Nazis haben sich ermattet und besiegt zurückgezogen, haben heimlich gegen die „Besatzer“ gegrollt, die Fäuste in der Tasche geballt und sich als „nie besiegt“ erlebt – und „den Holocaust hat es nie gegeben“). Jetzt tauchen sie mutig überall wieder auf.
Sie werden ebenso wieder in der Versenkung verschwinden wie die Republikaner und die NPD – oder wie Don T mit einen pöbelnden Anhängern in den USA.
Und dann kommen sie wieder.
Und dann verschwinden sie wieder…
– Aber jedes Mal wird ihr Einfluss ein wenig schwächer. Hoffen wir, dass Childe recht hat, der mein Trost ist angesichts des historischen „Auf und ab“, in dem wir ja mittendrin stecken und oft kaum den Kopf über die Wellen heben können, die uns zu verschlingen drohen – geschweige denn, dass wir die Geschehnissen von einer höheren Warte aus gelassen überblicken könnten. Hier dieses trostspendende Zitat des britischen Historikers Gordon Childe, der 1941 (!) schrieb:

„Der Fortschritt ist wirklich, wenn auch nicht immer stetig. Die aufwärts gerichtete Kurve löst sich in eine Reihe von Gipfeln und Tälern auf. Aber in den Gebieten, welche die Archäologie wie auch die geschriebene Geschichte überblicken können, sinkt kein Tal jemals bis auf das niedrigste Niveau des vorhergehenden ab, überragt jeder Gipfel den vorhergehenden.“

50-Jahres-Schritte

Unterteilt man eine gedachte Zeitlinie der Weltgeschichte in das, was ich „50-Jahres-Schritte“ nenne, kann man so etwas wie einen Rhythmus des Kommens und Gehens erkennen:

° Da sind die „guten Zeiten“ die verklärt werden – wie die „Belle Epoque“, die nur für jene „schön“ war, die sich all dies leisten konnten: Gute Ärzte, gutes Essen, gut beheizte Häusern – etwas weiter weg vom stinkenden Pöbel oben auf einem der Hügel über der Stadt… (Aber es nützte den Reichsten der ganze Reichtum nichts, wenn sie Zahnschmerzen hatten und der Arzt noch keinen Turbinenbohrer und keine Schmerzspritze kannte).

° Und da sind die „schlechten Zeiten“ – wenn die Schlägertrupps losmarschieren und die Todeslisten angelegt und die Folterkeller vorbereitet werden.

Die TV-Serie Babylon Berlin zeigt sehr drastisch den Umschlag der einen Phase in die andere.
(Schnitt)

Nach der Barbarei des Dritten Reichs und des Zweiten Weltkriegs kam für uns Deutsche die Befreiung durch die amerikanische Besatzungsmacht. Wir Kinder haben das sehr genossen – und viele Erwachsene waren froh, dem braunen Terror und den Bombennächten entronnen zu sein. Die Ewiggestrigen, die heimlich immer noch zu A H und seinen arischen Horden gebetet haben, duckten sich weg, ballten die Fäuste in der Tasche – und jetzt zeigen sie sich wieder, immer mutiger, immer frecher, immer lauter, immer antisemitischer und – weil´s gerade Mode ist, immer antiislamischer und flüchtlingsfeindlicher (obwohl garantiert gut ein Fünftel von ihnen Nachkommen der Flüchtlingswelle um 1945 aus den einstigen deutschen Ostgebieten sind – jener 13 Millionen, die im freien Westen eine neue Heimat sichten und fanden). Heute, 2021, wählen sie die AfD und giften in den Medien.

Gemach – sie werden genauso wieder verschwinden wie das größenwahnsinnige Tausendjährige Dritte Reich (das gerade mal ein Dutzend Jahre währte) und wie der kleine Donald im Weißen Haus, der gerad mal die paar Zeichen auf Twitter schreiben konnte und das jetzt nicht mehr darf.
Jetzt ist der Joe Biden da und macht all die Jobs, die D T nicht gemeistert hat, weil der nur mit sich selbst beschäftigt war. Der Abgrund, in den er nun verdientermaßen rutscht und den er selbst geschaufelt hat, wird immer größer und ich schaue ihm mit Vergnügen zu. Gute Reise, Donald!
Und wer kommt noch Joe Biden? Vielleicht – sehr wahrscheinlich – Kamala Harris – die erste Frau auf dem „Weißen Männer-Thron“ und eine dunkelhäutige noch dazu, wie Barack Obama (den kurz vor einer Wahl auch niemand auf der Agenda hatte).
Wir werden es erleben.

Und dann rotten sich wieder die Wutbürger zusammen…

Von der Sehnsucht nach der „Guten alten Zeit getrieben, flaniert ein amerikanischer Drehbuchautor durch Paris (Concorde Film)

Midnight in Paris

Klar, wir sehnen uns immer nach einer „guten alten Zeit“, in der alles besser war. Aber diese Zeit hat es nie gegeben. Sie beruht auf einem psychologischen Missverständnis: Dieser paradiesische Zustand waren nur jene Tage und Jahre, wo wir, wenn wir das Glück hatten, wohlbehütet im Elternhaus aufwuchsen. Eine bessere Zeit werden die meisten von uns später kaum erleben – auch nicht mit viel Geld. Ansonsten liegt das „Paradies“ immer irgendwo vor uns. Als Hoffnung, als Entwurf. Ohne dass uns der Tatsache bewusst ist, dass wir längst mitten im Paradies leben – aus der Sicht von jemandem, der etwa in den Roaring Twenties im vierten Hinterhof in Berlin-Wedding kaum atmen konnte. Oder jemand, der im Mittelalter lebte. Oder in einer zugigen Schilfhütte in der Steinzeit (in Höhlen haben die nie gelebt – nur die Wände bemalt und Feste gefeiert und Schutz vor dem Säbelzahntiger gesucht).

Es gibt einen wunderbaren Film von Woody Allen (für mich sein bester), der dieses Thema der „guten alten Zeit“ mit viel Witz paraphrasiert und zugleich ad absurdum führt: Midnight in Paris. Das ist MultiChronie pur, weil da der Protagonist von einer Zeitschicht in die andere rutscht.
° Erst aus der Gegenwart (in der er mit seinen Erfolgen als gut verdienender Drehbuchautor für Hollywood und seiner hübschen, aber sehr kapriziösen Verlobten sehr unzufrieden ist) in die Goldenen Zwanziger mit den von ihm beneideten Autoren Hemingway und Scottfitzgerald;
° von dort in die Belle Epoque mit Toulouse Lautrec und anderen Malern jener Zeit;
° von dort…
Aber schauen Sie sich diesen Film doch selbst an! Es lohnt sich, bei dieser amüsanten – und zugleich sehr tiefsinnigen – Zeitreise einzusteigen –
– vor allem dann, wenn Sie sich klar machen, dass es solche bequemen Streamingdienste für solche Filme (oder top Bluray-Qualität samt gigantischem Plasmaflachbildfernseher) dank prompter Online-Bestellung und Lieferung von Amazon oder wem-auch-immer erst sein ein paar Jahren gibt
° und Sie in naher Zukunft zuhause ihre Holobrille aufsetzen und so intensiv in virtuelle Realitäten eintauchen können – dass Sie froh sein können, wenn Sie diesen Notfallknopf aktiviert haben, der sie nach einigen Stunden rechtzeitig aus dieser Virtuellen Realität herauslöst. Sonst verhungern Sie vielleicht irgendwo auf dem Mars – und aufs Klo zu gehen haben Sie ohnehin vergessen – also immer auch an die Pampers denken!
Schöne neue „bessere“ Welten warten nicht hinter uns, in der Vergangenheit – sondern vor uns!
Und wer noch eine sehr gut wirkende „Pille“ zum Abgewöhnen dieser Retro-Sehnsucht brauchen sollte: Im Spiegel-Magazin erschien vor nicht allzu langer Zeit eine Kolumne mit dem Titel „Früher war alles besser“. Die gibt es inzwischen als dreibändiges Druckwerk – mit tollen Grafiken. Da werden Ihnen zuverlässig alle „nostalgisch rückwärts verklärenden Zähne“ gezogen. (Ich bin mir bewusst, dass dies eine sehr kühne Metapher ist – das mit den „verklärenden Zähnen“ – aber sehr anschaulich.)

Und immer daran denken: Die besten Pläne für die Zukunft werden rasch durchkreuzt – von unvorhersehbaren Zufällen. Günter Schabowsky verliest am 9. November 1989 bei einer Pressekonferenz in Ostberlin in der Mohrenstraße 36-37 von einem Zettel eine neue Regelung für Reisen ins westliche Ausland für DDR-Bürger ab. Diese Regelung trete, so antwortete er auf eine Reporterfrage, nach seinem Wissen „sofort, unverzüglich“ in Kraft. Diese Aussage löste noch am selben Abend einen Massenansturm von DDR-Bürgern auf die Grenze zu West-Berlin aus, sodass die überforderten DDR-Grenzer nach wenigen Stunden die Mauer ungeplant öffneten.
Das hatte auch nur eine Minute zuvor niemand auf dem Schirm – das Ende der DDR. Zufall, das Schabowski das so formulierte.

Quellen
Allen, Woody (Regie): Midnight in Paris. USA 2010.
Childe, Gordon: Stufen der Kultur. (1941) Stuttgart 1952 (Kohlhammer).
Mingels, Guido: Früher war alles schlechter. München 2017 (DVA & Spiegel-Buchverlag).

Nr 138 aut #431recy _ 2021-03-20 / 21:44

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