Zeugnis unserer Jugendkultur: C. C. Rider

Das Handwerk des Schreibens kann man auf viele Arten lernen. Sieht man mal von den Erfahrungen mit Aufsätzen und anderen Textformen in der Schule ab, beginnt das häufig mit einem Tagebuch. Selten notiert jemand schon als Kind erste Geschichten aus eigenem Antrieb (wie Joanne „Harry Potter Rowling) – was ich übrigens als ein deutliches Merkmal für Hochbegabung deuten würde.
Aber mehr Spaß macht es, wenn man zusammen mit anderen schreibt – nicht in der Schulklasse, weil man muss – sondern weil man das aus eigenem Antrieb möchte. Schülerzeitung sind da inzwischen eine gängige Gelegenheit. Aber bevor ich 1958/59 bei unserer Schülerzeitung Giselaner mitmachte (an der Gisela-Oberrealschule in München), waren das für mich etwas früher bereits drei andere Hobby-Publikationen:
° ANDROmeda (die monatliche Vereinsschrift des Science-Fiction Club Deutschland. SFCD),
° der C. C. Rider (eine Art Party-Zeitung unseres Cool Circle)
° und Munich Round Up (ein Fanzine der Münchner Gruppe des SFCD).

Abb. 1: Die Single „C. C. Rider“ von Chuck Willis ist leider nicht mehr in meinem Archiv – aber ungefähr zur selben Zeit war „School Day“ von Chuck Berry ebenfalls top in den Charts – und passt vom Thema „Schule“ bestens zu der Welt, in der wir uns damals bewegten, als unsere Party-Fanzine erschien (Archiv JvS).

Man kann solche frühen literarischen Geh-Versuche gar nicht hoch genug bewerten, weil sie viererlei bewirken:

  1. motiviert man sich gegenseitig („Wann hast du deine Buchbesprechung fertig – schaffst du das noch bis Samstag ins nächste Heft?“);
  2. regt man sich gegenseitig an, spielt sich Themen-Bälle zu, nennt sich interessante Lektüren oder Musik-Beispiele; und
  3. nicht zuletzt lernt man auf diese Weise, so ganz nebenbei, fremde wie eigene Texte auch kritisch zu betrachten – und vor allem Kritik auszuhalten, ohne gleich beleidigt zu sein.
  4. Doch last but not least hat man beim gemeinsamen Schreiben vor allem immer schon ein Publikum dabei – da schreibt man anders als wenn man nur zuhause etwas ins Tagebuch notiert. (Und wenn man anhand von amerikanischen Songs und SF in der Originalsprache auch noch aktuelles English lernt, ist das ja auch kein Schaden.)

Diese frühen Erfahrungen gemeinsamen Schreibens sind ganz sicher auch die Wurzeln meiner späteren Schreib-Seminare gewesen. Dass so etwas (literarisches Schreiben, journalistisches Schreiben, Schreib-Seminare leiten) ein bzw. zwei Jahrzehnte später meine Brotberufe werden würden, hätte ich mir damals in den späten 1950er Jahren allerdings nicht vorstellen können – da stand mehr so etwas wie Testpilot, Weltraumpilot, Robotpsychologe auf dem Wunschzettel mit den Berufsträumen.

Abb. 2: C.C.Rider Nr. 6 von Okt/Nov 1958 – leider die letzte Ausgabe (Zeichnung: Wolfgang Baum / Archiv JvS)

Bei alledem kommt einer kleine Postille eine ganz besondere Bedeutung zu, die ich zusammen mit meinem Freund Wolfgang Baum mit Texten füllte (wobei andere Mitglieder unseres damaligen Party-Clubs Cool Circle gelegentlich auch etwas beitrugen – wenn man sie nur genügend triezte): der C. C. Rider. Der Name rührt von einem Blues-Song von Chuck Willis her, der damals im amerikanischen Soldatensender AFN gespielt wurde und in der Race-Abteilung des Billboard ziemlich hoch kletterte.

Diskriminierung der Schwarzen in den USA ist nichts Neues

Race-Abteilung? Ja, das gab es damals. Das war eine spezielle Chart für Songs der schwarzen Bevölkerung der USA, die man fein säuberlich aus der offiziellen weißen Schlager-Chart des Musik-Fachmagazins Billboard auslagerte und umgangssprachlich R´n´B (für Rhythm´n´Blues) nannte oder – schön diskriminierend – Race Music (bei uns in Deutschland war das die Negermusik, mit der unsere Eltern alles benannten, was nach Jazz klang, was also laut und sehr rhythmisch war und vor allem „amerikanisch“ – aber eben nicht so nett wie die eingängigen Schmalz-Songs eines Bing Crosby oder Pat Boone oder Frank Sinatra).

Die Diskriminierung der Schwarzen war damals, in den 1950ern, noch viel heftiger als heutzutage, es gab ständig Lynchmorde und Übergriffe der (weißen) Polizisten gegen Schwarze waren an der Tagesordnung – kein Wunder bei einer inoffiziellen Apartheits-Politik, die vor allem in den Südstaaten sehr offiziell Weiße und Schwarze von einander separierte.

Eine Reise zurück in die 50er

Das ist jetzt wie eine Zeitreise – sich an diese Epoche zu erinnern. Die Musik, die manche von uns Jugendlichen gerne hörten, transportierte viel Aufmüpfiges, womit wir uns den Eltern gegenüber erstmals in der Geschichte der Menschheit eine eigene „Jugendkultur“ schufen – ohne zu wissen, was das war und später von Soziologen so benannt werden würde: Mit Crew Cut, Blue Jeans und Bluesuede Shoes (aber bitte mit richtig laut klappernden „Hufeisen“ an den Absätzen) – mit eigenen Filmen (James Dean war einer unserer Rebellen) – mit eigenem Tanzstil (Boogie Woogie, Jitterbug – nicht das langweilige Walzer-Zeug und der Cha-cha-cha aus der Tanzstunde).

Für manche von uns spielte da auch die Science-Fiction-Literatur eine „abgrenzende“ Rolle – wie alle unsere Hobbies und Gewohnheiten und Vorlieben, die vor allem eine Funktion hatten: Sie war „unser eigenes“ – schon deshalb, weil die Erwachsenen nichts davon verstanden und es im Idealfall sogar heftig bekämpften: bei den Mädchen die Petticoats und bei uns Buben die „Röhrenhosen“. Das alles half, eine eigene soziokulturelle Position zu finden – und dabei nicht zuletzt allmählich auch zu entdecken, wie belastet die Vergangenheit unserer Eltern aussah, die in der Nazi-Diktatur aufgewachsenen waren und diese meistens tatkräftig gefördert hatten.

All das spiegelt sich in den gerade mal sieben Ausgabe des C. C. Rider sehr deutlich wider. Als ich ihn nach vielen Jahren mal wieder durchblätterte, wurde mir bewusst, wie wichtig es war, das damals aktiv mitzugestalten – lange bevor dann ein Jahrzehnt später die 68er sich in Bewegung setzten, lauthals gegen den Vietnam-Krieg demonstrierten, sich in den Universitäten gegen den „Muff von tausend Jahren unter den Talaren“ (mit noch verdammt viel „brauner Vergangenheit“) zu wehren begannen.

Dabei haben wir eigentlich nichts anderes gemacht, als uns gerne tanzend am Wochenende bei den Parties zu dieser tollen „anderen“ Musik zu bewegen, zu flirten, zu schmusen, uns zu verlieben (und enttäuscht zu werden) – und was man halt mit 18 so alles macht und denkt und träumt.

Jetzt ist eines der drei „überlebenden“ Originale dieser damals mühsam mit der Schreibmaschine vervielfältigten Zeitschrift beim „Archiv der Jugendkulturen“ gesichert, die Inhalte sind digitalisiert und vielleicht kann sogar das Deutsche Jugend Institut (DJI) etwas damit anfangen – ist es doch ein sehr direkter offener Blick, den wir Jugendlichen damals auf die uns umgebende Welt der Erwachsenen schriftlich dokumentiert haben. Wir haben ja nicht nur im Saturday Night Fever getanzt und am Blue Monday unsere Enttäuschung über ein missglücktes Liebesabenteuer bejammert – wir sind auch zusammen in Kino-Vorstellungen wie Flucht in Ketten gegangen, haben die amerikanischen Jugendlichen der High School im Perlacher Forst getroffen (wo sich das gut abgeschirmte „Ghetto“ der amerikanischen Besatzungsmacht befand) zum Basketballspielen und zum gemeinsamen Besuch eines Fußball-Spiels im Stadion der 1860er an der Tegernseer Landstraße. Wir sind auch in Ausstellungen gegangen und haben uns dabei unsere (oft sehr kritischen) Gedanken über die Welt gemacht, in die wir da hineingewachsen sind.

Im C. C. Rider haben wir eigene Gedichte veröffentlicht und ich schrieb darin sogar den Anfang meines späteren zweiten Romans -li-Sternvogel.

In der oben erwähnten Club-Zeitung ANDROmeda des SFCD konnte ich nicht nur meine allererste Kurzgeschichte publizieren, sondern erfahren, was es bedeutet, von Älteren gefördert zu werden (s. hierzu auch meine Begegnung mit Lothar Heinecke hier im Blog).
Und Munich Round Up (kurz MRU) wurde dann so etwas wie eine „erwachsenere“ Variante des C. C. Rider – wenngleich sehr unter dem Einfluss der aufmüpfigen, kulturkritischen und sehr amerikanisch-popkulturellen Jugendzeitschrift Mad.
In MRU schrieb ich mit fünf anderen SF-Freunden die wilde Space Opera -li- Das Unlöschbare Feuer und die Anfänge meines bereits dritten Romans -li- Der geworfene Stein.

Jedenfalls haben wir, die daran Beteiligten, sowohl im C. C. Rider wie in MRU wie besessen von einem geheimnisvollen Virus geschrieben, geschrieben, geschrieben und auf diese Weise unsere Schreibtalente entwickelt.

Was will man mehr von Jugendsünden!

Abb. 3: Wer dieser geheimnisvolle „jay jay jay“ wohl war? Versuch in konkreter Poesie in Ausgabe Nr. 6 des C.C.Rider (Archiv JvS)

Nachgedanke

Von der Intention und den Inhalten her war dieser C. C. Rider eigentlich so etwas wie ein Vorläufer dessen, was man heute als Blog bezeichnet – nur eben nicht digital im Internet mit Auflage unbegrenzt, sondern analog als handgetipptes Manuskript mit Auflage 30.

aut #935 _ 2021-05-06/09:37

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